City of Girls - Elizabeth Gilbert - E-Book

City of Girls E-Book

Elizabeth Gilbert

0,0
14,99 €

oder
Beschreibung

Elizabeth Gilbert, Autorin des Weltbestsellers »Eat Pray Love«, schenkt uns mit ihrem Roman »City of Girls« eine »Hymne auf die Freuden des Lebens.« (Evening Standard) Das Leben ist wild und gefährlich. Wer sich ihm kopfüber anvertraut, gerät in einen Wirbel von Leidenschaft und Liebe. So geschieht es Vivian, die aus der Provinz in die große Stadt geschickt wird. Über Nacht findet sie sich im Glamour New Yorks wieder – in den turbulenten Vierzigern mit Musicals, Bars, Jazz und Gangstern. Als ihr im Privaten ein Fehler unterläuft, kommt es zu einem öffentlichen Skandal, der ihre Welt auf den Kopf stellt. Sie wird Jahre brauchen, um ihn zu verstehen. Vivian findet schließlich einen Anker in ihrer besten Freundin Marjorie. Gemeinsam eröffnen sie das exklusivste Schneideratelier der Stadt. Tagsüber näht Vivian mit Hingabe und Phantasie die schönsten Brautkleider Manhattans, abends feiern sie gemeinsam Partys auf dem Dach. Und sie findet einen Weg, alles wieder gut zu machen, ohne sich untreu zu werden. Der Roman, von den Medien als betörender Mix aus Charme und Witz gefeiert, stand nach Erscheinen monatelang auf der »New York Times«-Bestsellerliste. »Atemberaubend« Lisa Taddeo, Autorin von »Three Women - Drei Frauen« Ein Roman wie »Diamanten in Champagner.« Washington Post »Eine Sensation« Cosmopolitan »Das Buch des Sommers« Elle

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB



Leseprobe zu:

Elizabeth Gilbert

City of Girls

Roman

Roman

Aus dem amerikanischen Englisch von Britt Somann-Jung

FISCHER E-Books

Inhalt

[Widmung][Motto]New York City, April 2010123456789101112131415161718192021222324252627282930313233Danksagung

1

Im Sommer 1940, als ich neunzehn Jahre alt und ein Dummkopf war, schickten meine Eltern mich zu Tante Peg, der eine Theaterkompanie in New York City gehörte.

Ich war unlängst vom Vassar College freigestellt worden, da ich nie am Unterricht teilgenommen hatte und folglich durch sämtliche Prüfungen des ersten Studienjahrs gefallen war. Ich war nicht ganz so dumm, wie meine Zensuren vermuten ließen, aber es ist anscheinend nicht hilfreich, wenn man nicht lernt. Wenn ich jetzt daran zurückdenke, weiß ich nicht mehr genau, was ich mit all der Zeit angefangen habe, als ich eigentlich im Unterricht hätte sitzen sollen, aber so wie ich mich kenne, war ich wohl schrecklich beschäftigt mit meinem Aussehen. (Ich erinnere mich noch, dass ich in jenem Jahr versuchte, eine »reverse roll« hinzubekommen – eine Frisur, die für mich ungeheuer wichtig und auch recht schwierig war, aber so gar nicht typisch Vassar.)

Ich hatte meinen Platz am Vassar nie gefunden, obwohl es dort durchaus Plätze zu finden gab. An der Schule existierten alle möglichen Arten von Mädchen und Cliquen, aber keine weckte meine Neugier, in keiner erkannte ich mich wieder. In jenem Jahr waren da die Revolutionärinnen, die in seriösen schwarzen Hosen über internationale Unruhen diskutierten, aber internationale Politik interessierte mich nicht. (Tut es heute noch nicht. Aber die schwarzen Hosen bemerkte ich durchaus, denn sie waren ausnehmend schick – allerdings nur, wenn die Taschen nicht beulten.) Dann gab es die kühnen akademischen Vorkämpferinnen, die dazu bestimmt waren, Ärztinnen oder Anwältinnen zu werden, lange bevor es üblich wurde. Sie hätten mich interessieren sollen, aber das taten sie nicht. (Schon allein deshalb, weil ich sie nicht auseinanderhalten konnte. Sie trugen alle die gleichen ungestalten Wollröcke, die aussahen, als hätte man sie aus alten Pullovern zusammengenäht, und das schlug mir aufs Gemüt.)

Es war nicht so, dass Vassar gänzlich frei von Glamour war. Ein paar sentimentale, rehäugige Mediävistinnen waren ziemlich hübsch, genau wie einige künstlerische Mädchen mit langem, wichtigtuerischem Haar und ein paar vornehme Salonlöwinnen mit Profilen wie italienische Windspiele – doch ich freundete mich mit keiner von ihnen an. Vielleicht weil ich spürte, dass an dieser Schule alle klüger waren als ich. (Das war nicht allein jugendliche Paranoia; bis heute bin ich davon überzeugt, dass sie es tatsächlich waren.)

Um ehrlich zu sein, verstand ich nicht, was ich am College sollte, außer einer Bestimmung zu folgen, deren Sinn zu erklären sich niemand bemüht hatte. Von frühester Kindheit an war mir erzählt worden, dass ich einmal ans Vassar College gehen würde, aber niemand hatte mir gesagt, warum. Wozu das alles? Was genau sollte es mir bringen? Und warum war ich in diesem mickrigen kleinen Wohnheimzimmer mit einer todernsten künftigen Sozialreformerin untergebracht?

Ich hatte vom Lernen doch damals schon genug. Jahrelang hatte ich in Troy, New York, an der Emma Willard School for Girls gepaukt, mit ihrem brillanten, rein weiblichen Kollegium aus Seven-Sisters-Absolventinnen – genügte das denn nicht? Seit ich zwölf Jahre alt war, besuchte ich ein Internat; vielleicht hatte ich einfach das Gefühl, mein Soll erfüllt zu haben. Wie viele Bücher muss man lesen, um zu beweisen, dass man Bücher lesen kann? Ich wusste bereits, wer Karl der Große war, also sollte man mich gefälligst in Ruhe lassen – so sah ich das.

Außerdem hatte ich schon recht früh in meinem zum Scheitern verurteilten ersten Jahr am Vassar eine Bar in Poughkeepsie entdeckt, in der man bis spät nachts billiges Bier und Live-Jazz bekam. Ich fand einen Weg, mich vom Campus zu schleichen und die Bar zu frequentieren (mein ausgefeilter Fluchtplan beinhaltete ein unverschlossenes Waschraumfenster und ein verstecktes Fahrrad – glaub mir, ich war der Fluch der Hausaufsicht), was es mir erschwerte, am nächsten Morgen lateinische Konjugationsformen aufzunehmen, da ich meistens verkatert war.

Und es gab weitere Hindernisse.

Zum Beispiel hatte ich jede Menge Zigaretten zu rauchen.

Ich war also beschäftigt.

Und so kam es, dass ich in einem Jahrgang mit 362 aufgeweckten jungen Vassar-Frauen den 361. Rang belegte – eine Tatsache, die meinen Vater zu der entsetzten Frage veranlasste: »Mein Gott, was hat denn nur das andere Mädchen getrieben?« (Sich Kinderlähmung zugezogen, wie sich herausstellte, das arme Ding.) Also schickte Vassar mich nach Hause – verständlicherweise – und bat freundlich darum, dass ich nicht zurückkehren möge.

Meine Mutter hatte keine Ahnung, was sie mit mir anstellen sollte. Schon zu guten Zeiten hatten wir uns nicht besonders nahegestanden. Sie war eine begeisterte Reiterin, aber da ich weder ein Pferd noch von Pferden fasziniert war, hatten wir uns nie viel zu sagen gehabt. Mit meinem Scheitern hatte ich sie so über die Maßen blamiert, dass sie meinen Anblick kaum ertrug. Anders als ich hatte meine Mutter sich am Vassar College ziemlich gut geschlagen, herzlichen Dank auch. (Abschlussklasse 1915. Geschichte und Französisch.) Ihr Status als Alumna – wie auch ihre großzügige jährliche Spende – hatte mir den Zugang zu jener heiligen Institution ermöglicht, und nun das. Wann immer sie mir in den Fluren unseres Hauses begegnete, nickte sie mir zu wie eine professionelle Diplomatin. Höflich, aber unterkühlt.

Auch mein Vater wusste nicht, was er mit mir anfangen sollte, aber er war so mit der Leitung seiner Hämatit-Mine beschäftigt, dass er sich mit seiner problematischen Tochter nicht allzu sehr befasste. Ich hatte ihn enttäuscht, ja, aber er hatte größere Sorgen. Er war Industrieller und Isolationist, und der eskalierende Krieg in Europa ließ ihn um die Zukunft seines Unternehmens fürchten. Ich nehme an, das lenkte ihn ab.

Mein älterer Bruder Walter wiederum war in Princeton, wo er Großes vollbrachte und keinen Gedanken an mich verschwendete, außer, mein verantwortungsloses Verhalten zu missbilligen. Walter hatte noch nie etwas Verantwortungsloses getan. Von seinen Mitschülern im Internat war er derart respektiert worden, dass er den Spitznamen – und das denke ich mir nicht aus – der Botschafter erhielt. Jetzt studierte er Ingenieurwesen, weil er eine Infrastruktur schaffen wollte, die den Menschen überall auf der Welt eine Hilfe war. (Der Liste meiner Vergehen hingegen war hinzuzufügen, dass ich mir nicht einmal sicher war, was das Wort »Infrastruktur« bedeutete.) Obwohl Walter und ich dem Alter nach nah beieinander waren – nur zwei Jahre Abstand –, waren wir seit unserer Kindheit keine Spielkameraden mehr. Mein Bruder hatte sich von allem Kindischen verabschiedet, als er etwa neun Jahre alt war, und zu diesem Kindischen gehörte auch ich. Ich war nicht Teil seines Lebens, und dessen war ich mir bewusst.

Und auch für meine Freunde ging das Leben weiter. Sie strebten ans College, in Berufe, Ehen und Erwachsensein – alles Themen, die ich weder interessant fand noch verstand. Es war also niemand da, der sich um mich kümmerte oder mich unterhielt. Ich war gelangweilt und antriebslos. Meine Langeweile fühlte sich an wie ein quälender Hunger. Die ersten beiden Juniwochen verbrachte ich damit, wieder und wieder einen Tennisball gegen unsere Garagenwand zu pfeffern und dabei »Little Brown Jug« zu pfeifen, so lange, bis meine Eltern es schließlich leid waren und mich zu meiner Tante in die Stadt verfrachteten. Und ganz ehrlich, wer konnte es ihnen verdenken?

Natürlich hätten sie sich sorgen können, dass New York mich in eine Kommunistin oder Drogensüchtige verwandeln würde, aber das war wohl immer noch besser, als bis in alle Ewigkeit zuzuhören, wie die Tochter einen Tennisball gegen eine Wand warf.

So kam ich damals in die Stadt, Angela. Damit fing alles an.

 

Sie schickten mich mit dem Zug nach New York – und was war das für ein phantastischer Zug. Der Empire State Express, direkt von Utica. Ein chromglänzendes Transportgeschoss für törichte Töchter. Ich sagte Mutter und Dad höflich Lebwohl, übergab mein Gepäck einem Träger und kam mir ziemlich wichtig vor. Die Fahrt verbrachte ich im Speisewagen, wo ich Malzmilch süffelte, Birnen in Sirup aß, Zigaretten rauchte und in Zeitschriften blätterte. Ich wusste, dass ich verbannt wurde, aber immerhin … mit Stil!

Die Züge waren damals so viel besser, Angela.

Ich gelobe, mich auf diesen Seiten nicht darin zu ergehen, dass zu meiner Zeit alles besser war. In meiner Jugend habe ich es gehasst, wenn alte Leute so rumjammerten. (Keinen interessiert’s! Keinen interessiert dein goldenes Zeitalter, du geschwätzige Ziege!) Und lass mich dir auch versichern: Ich weiß sehr wohl, dass vieles in den 1940er Jahren nicht besser war. Deodorant und Klimaanlagen zum Beispiel waren beklagenswert unzulänglich, weshalb die Leute stanken wie verrückt, vor allem im Sommer, und außerdem hatten wir Hitler. Aber die Züge waren damals zweifellos besser. Wann bist du auf einer Zugfahrt zum letzten Mal in den Genuss einer Malzmilch und einer Zigarette gekommen?

Ich bestieg den Zug in einem fröhlichen kleinen blauen Kunstseidekleid mit Lerchendruck, gelber Stickerei am Halsausschnitt, einem relativ schmalen Rock und tiefen Taschen auf Hüfthöhe. Ich kann mich an dieses Kleid noch so lebhaft erinnern, weil ich, erstens, niemals vergesse, was jemand getragen hat, nie, und weil ich es, zweitens, selbst genäht hatte. Es war mir wirklich gut gelungen. Der Rock – der bis zur Wadenmitte reichte – bestach mit seinem koketten und effektvollen Schwung. Ich weiß noch, dass ich extra Schulterpolster eingenäht hatte, in dem verzweifelten Bemühen, wie Joan Crawford auszusehen – wobei ich mir nicht sicher bin, ob das funktionierte. Mit meinem einfachen Glockenhut und der von Mutter geborgten schlichten blauen Handtasche (voll mit Kosmetik und Zigaretten), sah ich wohl kaum wie eine Leinwandgöttin aus, sondern vielmehr wie das, was ich war: eine neunzehnjährige Jungfrau auf dem Weg zu Verwandten.

Nach New York begleitet wurde diese neunzehnjährige Jungfrau von zwei riesigen Koffern – der eine gefüllt mit meinen Kleidern, die ordentlich in Seidenpapier eingeschlagen waren, und der andere vollgestopft mit Stoffen, Besatz und Nähzeug, damit ich noch mehr Kleider anfertigen konnte. Mit dabei war außerdem eine stabile Kiste mit meiner Nähmaschine – ein schweres, unhandliches Biest, das schlecht zu transportieren war. Aber sie war meine verrückte, schöne Seelenverwandte, ohne die ich nicht leben konnte.

Also kam sie mit.

 

Diese Nähmaschine – und alles, worum sie mein Leben in der Folge bereicherte – verdankte ich Großmutter Morris, also lass uns einen Moment bei ihr verweilen.

Wenn du das Wort »Großmutter« liest, ersteht vor deinem geistigen Auge möglicherweise das Bild einer süßen kleinen alten Dame mit schlohweißem Haar. Das ist nicht meine Großmutter. Meine Großmutter war eine große, leidenschaftliche, alternde Kokette mit mahagonibraun gefärbtem Haar, die sich in einer Wolke aus Parfüm und Klatsch durchs Leben bewegte und sich kleidete wie eine Zirkusvorstellung.

Sie war die schillerndste Frau der Welt – schillernd in jeder Hinsicht. Großmutter trug Knautschsamtkleider in erlesenen Farben – Farben, die sie nicht rosa, weinrot oder blau nannte, wie der Rest der phantasielosen Menschheit, sondern »Rosenasche«, »Korduan« oder »della Robbia«. Sie hatte Ohrlöcher, was für ehrenwerte Damen damals unüblich war, und besaß mehrere üppig bestückte Schmuckkästchen, die mit einem endlosen Wirrwarr aus billigen und teuren Ketten, Ohrringen und Armbändern gefüllt waren. Sie hatte ein Kostüm für ihre nachmittäglichen Autofahrten aufs Land, und ihre Hüte waren so groß, dass sie im Theater einen eigenen Sitzplatz beanspruchten. Sie mochte Kätzchen und Versandhauskosmetik, ergötzte sich schaudernd an Schmierblattberichten über spektakuläre Mordfälle und war bekannt dafür, romantische Gedichte zu verfassen. Doch vor allem verehrte meine Großmutter das Schauspiel. Sie besuchte jedes Stück und jede Aufführung, die in der Stadt gastierte, und schwärmte überdies für Filme. Ich begleitete sie oft, da wir genau den gleichen Geschmack hatten. (Großmutter Morris und ich wurden vor allem von Geschichten angezogen, in denen unschuldige Mädchen in luftigen Kleidern von gefährlichen Männern in düsteren Hüten entführt und dann von anderen Männern mit stolzem Kinn gerettet wurden.)

Natürlich liebte ich sie.

Der Rest der Familie allerdings nicht. Meine Großmutter war allen peinlich außer mir. Vor allem war sie ihrer Schwiegertochter (meiner Mutter) peinlich, die keine frivole Person war und beständig zusammenzuckte über Großmutter Morris, die sie einmal »diesen schwärmerischen ewigen Backfisch« nannte.

Überflüssig zu erwähnen, dass Mutter keine romantischen Gedichte schrieb.

 

Aber es war Großmutter Morris, die mir das Nähen beibrachte.

Meine Großmutter war eine meisterliche Schneiderin. (Sie hatte es wiederum von ihrer Großmutter gelernt, die es nicht zuletzt dank ihres Geschicks mit der Nadel geschafft hatte, in nur einer Generation vom eingewanderten walisischen Dienstmädchen zur vermögenden amerikanischen Dame aufzusteigen.) Meine Großmutter wollte auch aus mir eine Meisterschneiderin machen. Wenn wir nicht gerade zusammen in Filmtheatern Toffee aßen oder uns Zeitschriftenartikel über den weißen Sklavenhandel vorlasen, nähten wir also. Und das war eine ernste Angelegenheit. Großmutter Morris hatte keine Scheu, Spitzenleistungen von mir zu fordern. Sie machte zum Beispiel zehn Stiche in ein Kleidungsstück und ließ mich dann die nächsten zehn machen – und wenn meine nicht so perfekt waren wie ihre, löste sie meine wieder auf und ließ sie mich wiederholen. Sie lotste mich durch die Handhabung solch unmöglicher Materialien wie Netzgewebe und Spitze, bis mir kein Stoff mehr Angst einjagen konnte, egal, wie widerspenstig. Und dann der Aufbau! Die Wattierung! Der Schnitt! Im Alter von zwölf Jahren konnte ich mühelos ein Korsett nähen (mit Fischbein und allem) – auch wenn außer Großmutter Morris seit circa 1910 niemand mehr ein Fischbeinkorsett benötigt hatte.

So streng sie an der Nähmaschine auch sein konnte, machte ihr Regiment mich nicht mürbe. Ihre Kritik traf mich zwar, aber sie schmerzte nicht. Ich war fasziniert genug von Kleidern, um lernen zu wollen, und ich wusste, dass sie meine Begabung nur fördern wollte.

Ihr sparsames Lob spornte mich an. Ich wurde geschickt.

Als ich dreizehn war, kaufte Großmutter Morris mir die Nähmaschine, die mich eines Tages im Zug nach New York City begleiten sollte. Es war eine schlanke, schwarze Singer 201 von mörderischer Kraft (man konnte damit sogar Leder nähen; ich hätte einen Bugatti aufpolstern können!). Bis heute hat mir niemand je ein besseres Geschenk gemacht. Ich nahm die Singer mit ins Internat, wo sie mir in einer Gemeinschaft privilegierter Mädchen, die sich alle gut anziehen wollten, aber nicht unbedingt die nötigen Fähigkeiten besaßen, eine enorme Macht verlieh. Sobald sich herumgesprochen hatte, dass ich alles nähen konnte – und das konnte ich wirklich –, klopften die Mädchen der Emma Willard ständig an meine Tür und flehten mich an, ihre Taillen zu weiten, einen Saum auszubessern oder das Abendkleid der älteren Schwester aus dem letzten Jahr so zu ändern, dass es ihnen genau jetzt passte. Ich verbrachte diese Jahre über meine Singer gebeugt wie ein Maschinengewehrschütze, und es war die Sache wert. Ich wurde beliebt – und das ist streng genommen das Einzige, was an einem Internat zählt. Oder irgendwo sonst.

Ich sollte erwähnen, dass meine Großmutter mich das Nähen auch deshalb lehrte, weil ich eine eigentümliche Figur hatte. Von frühester Kindheit an war ich immer zu groß, zu schlaksig gewesen. Die Pubertät kam und ging, und ich wurde lediglich größer. Meine Brust schien nicht wachsen zu wollen, dafür schien sich mein Rumpf endlos in die Länge zu ziehen. Meine Arme und Beine waren wie junge Bäume. Nichts, was man im Laden kaufen konnte, würde mir jemals richtig passen, deshalb wäre ich immer besser dran, wenn ich mir meine eigenen Kleider nähte. Und Großmutter Morris – Gott hab sie selig – brachte mir bei, mich so zu kleiden, dass es meiner Größe schmeichelte, statt mich wie eine Stelzenläuferin aussehen zu lassen.

Falls es sich so anhört, als würde ich meinem Äußeren mit Selbstironie begegnen, so führt das in die Irre. Ich schildere lediglich die Tatsachen: Ich war groß, das ist alles. Und falls es sich so anhört, als wollte ich die Geschichte vom hässlichen Entlein erzählen, das in die Stadt kommt und schließlich herausfindet, dass es doch hübsch ist – keine Sorge, diese Geschichte wird es nicht.

Ich war immer hübsch, Angela.

Und ich war mir dessen immer bewusst.

 

Zweifellos lag es an meinem hübschen Äußeren, dass ein attraktiver Mann im Speisewagen des Empire State Express zu mir herüberstarrte, während ich an meiner Malzmilch nippte und meine Birnen in Sirup vertilgte.

Schließlich kam er zu mir und fragte, ob er mir Feuer geben dürfe. Ich bejahte, er nahm Platz und begann zu flirten. Ich war begeistert von der Aufmerksamkeit, wusste aber nicht, wie ich den Flirt erwidern sollte. Also reagierte ich auf seine Annäherungsversuche, indem ich aus dem Fenster starrte und vorgab, in Gedanken versunken zu sein. Ich runzelte leicht die Stirn, in der Hoffnung, dass es mich seriös und dramatisch wirken ließ, obwohl ich vermutlich nur kurzsichtig und verwirrt aussah.

Diese Szene wäre noch peinlicher gewesen, als sie klingt, wäre ich nicht irgendwann von meinem eigenen Spiegelbild im Zugfenster abgelenkt worden, was mich eine ganze Weile beschäftigte. (Verzeih mir, Angela, aber von seinem eigenen Aussehen bezaubert zu sein ist das Privileg junger, hübscher Mädchen.) Wie sich herausstellte, war selbst dieser attraktive Fremde nicht annähernd so interessant wie der Schwung meiner Augenbrauen. Dabei interessierte mich nicht nur, wie gut ich sie in Form gebracht hatte – obwohl ich vollkommen fasziniert von dem Thema war –, sondern es war zufällig auch so, dass ich in jenem Sommer zu lernen versuchte, eine Augenbraue hochzuziehen wie Vivien Leigh in Vom Winde verweht. Das zu üben erforderte Konzentration, wie du dir sicher vorstellen kannst. Also verstehst du bestimmt, wie die Zeit verflog, während ich mich in meinem Spiegelbild verlor.

Als ich das nächste Mal aufblickte, fuhren wir schon in die Grand Central Station ein, mein neues Leben würde gleich anbrechen, und der attraktive Mann war lange fort.

Aber keine Sorge, Angela – es würde noch viele attraktive Männer geben.

 

Oh! Ich sollte dir auch erzählen – falls du dich gefragt hast, was aus ihr geworden ist –, dass meine Großmutter Morris etwa ein Jahr, bevor der Zug mich in New York City absetzte, gestorben war. Sie verschied im August 1939, nur wenige Wochen, bevor ich am Vassar anfangen sollte. Ihr Tod kam nicht überraschend – sie hatte seit Jahren abgebaut –, aber der Verlust (meiner besten Freundin, meiner Mentorin, meiner Vertrauten) erschütterte mich bis ins Mark.

Weißt du was, Angela? Diese Erschütterung könnte etwas damit zu tun haben, dass ich in meinem ersten Jahr am College so schlecht war. Vielleicht war ich gar keine so schreckliche Studentin gewesen. Vielleicht war ich einfach nur traurig.

Erst jetzt, da ich dir schreibe, wird mir diese Möglichkeit bewusst.

Oje.

Manchmal dauert es wirklich sehr lang, bis wir etwas begreifen.

[...]

Über Elizabeth Gilbert

Elizabeth Gilbert (1969) ist die Autorin des Bestsellers »Eat Pray Love«, der sich über 15 Millionen Mal verkauft hat und in 46 Sprachen übersetzt wurde. Sie wuchs auf einer Weihnachtsbaumfarm in Connecticut auf. Nach dem Studium in New York arbeitete sie u. a. als Journalistin für die »New York Times« und begann, Bücher zu schreiben, neben zahlreichen Romanen auch Sachbücher wie »Big Magic«, die Millionen von Leserinnen und treuen Fans begeistern. Das »Time Magazine« wählte sie unter die hundert einflussreichsten Menschen der Welt. Elizabeth Gilbert lebt in New Jersey.

 

Britt Somann-Jung ist Lektorin und Übersetzerin und lebt mit ihrer Familie in Hamburg. Für S. Fischer übersetzte sie bislang »Frauen und Kleider« von Sheila Heti, Heidi Julavits und Leanne Shapton (zusammen mit Sophie Zeitz), »Wunde Punkte« von Matt Sumell sowie »Big Magic« von Elizabeth Gilbert.

 

Weitere Informationen finden Sie auf www.fischerverlage.de

Über dieses Buch

Der Roman funkelt wie »Diamanten im Champagner«.

Washington Post

 

Das Leben ist zu flüchtig, zu gefährlich und zu kostbar, um es nicht voll und ganz zu genießen. Nach einer Jugend in der Provinz und dem Rausschmiss aus dem College, stürzt sich die 19-jährige Vivian kopfüber in das wilde Leben Manhattans der Vierziger: Musicals, Bars, Jazz und Gangster. Um jede Ecke biegt eine neue Liebe, erst recht im Lily Playhouse, dem sympathisch heruntergekommenen Theater, für das sie Kostüme näht. Ein Schatten scheint sich über sie zu legen, doch sie lernt und bleibt sich selber treu.

 

Mit betörender Leichtigkeit, Witz, Charme und einer Heldin zum Verlieben gelingt Elizabeth Gilbert eine »Hymne auf die Freuden des Lebens« (Evening Standard).

Impressum

Deutsche Erstausgabe

Erschienen bei FISCHER E-Books

 

Copyright © 2019 by Elizabeth Gilbert

All rights reserved.

 

Die Originalausgabe erschien 2019 unter dem Titel »City of Girls« bei Riverhead Books, an imprint of Penguin Random House LLC, New York.

 

Für die deutschsprachige Ausgabe:

© 2019 S. Fischer Verlag GmbH, Hedderichstr. 114, D-60596 Frankfurt am Main

Covergestaltung: Hauptmann und Kompanie Werbeagentur, Zürich, unter Verwendung von Fotos von © ullstein bild - mirrorpix und © ullstein bild - Roger-Viollet/Laure Albin Guillot

 

Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

Dieses E-Book ist urheberrechtlich geschützt.

ISBN 978-3-10-403652-6

Wie hat Ihnen das Buch ›City of Girls‹ gefallen?

Schreiben Sie hier Ihre Meinung zum Buch

Stöbern Sie in Beiträgen von anderen Lesern

© aboutbooks GmbHDie im Social Reading Stream dargestellten Inhalte stammen von Nutzern der Social Reading Funktion (User Generated Content).Für die Nutzung des Social Reading Streams ist ein onlinefähiges Lesegerät mit Webbrowser und eine bestehende Internetverbindung notwendig.