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Am hellichten Tag wird im belebten Frankfurter Hauptbahnhof ein junger Mann hinterrücks erschossen. Unter den Anwesenden bricht Panik aus. Nach einem Handgemenge verhaftet die Bundespolizei den kaltblütigen Attentäter. In welcher Beziehung stehen Täter und Opfer zueinander? Kannten sie sich? Handelte der Schütze aus religiösen Gründen, oder verfolgte er ein politisches Motiv? Das versierte Frankfurter Ermittlerduo Steffen Anbach und Linda Sachse übernimmt die Untersuchung des heiklen Falls. Bald hegen die beiden den Verdacht, dass der junge Mann Opfer eines alten, blutigen Rituals geworden ist und sein Tod bloß die Spitze eines Eisbergs darstellt. Seit Menschengedenken halten Greise die Hebel der Macht in ihren Händen. Damit ihr System am Leben bleibt, kennen sie keine Skrupel. Nicht einmal vor dem Tod unschuldiger Menschen schrecken sie zurück.
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Seitenzahl: 386
Veröffentlichungsjahr: 2026
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Pino Rauch / Merle von Reith
Clans
Der neunte Fall für Steffen Anbach und Linda Sachse
Kriminalroman
Impressum
Texte: © 2026 Copyright by Pino Rauch
Umschlaggestaltung: © 2026 Copyright by Mai Ky Plück
Verlag:
Pino Rauch
Danziger Str. 64
65191 Wiesbaden
Herstellung: epubli – ein Service der Neopubli GmbH Köpenicker Straße 154a, 10997 Berlin
Kontaktadresse nach EU-Produktsicherheitsverordnung: [email protected]
Inhalt
Prolog. 8
Frankfurt am Main, Hauptbahnhof8
EINS. 11
Hauptbahnhof Frankfurt am Main. 11
ZWEI12
Frankfurt Hauptbahnhof – Andrea Ponino, Staatsanwaltschaft Frankfurt am Main12
DREI16
Frankfurt am Main, Hauptbahnhof – Staatsanwältin Andrea Ponino16
VIER. 22
Staatsanwaltschaft, Frankfurt-Niederrad – Anklägerin Andrea Ponino22
FÜNF. 24
Am Abend zuvor - Steffen und Linda. 24
SECHS. 29
Frankfurt Hauptbahnhof – Steffen und Linda. 29
SIEBEN.. 35
Hauptbahnhof Frankfurt - Steffen. 35
ACHT. 37
Am Tag nach der Tat, Polizeipräsidium Frankfurt am Main - Steffen und Linda37
NEUN.. 42
Frankfurt, Polizeipräsidium – Andrea und Robert42
ZEHN.. 44
Vernehmungsraum, Polizeipräsidium Frankfurt – Steffen und Linda44
ELF. 47
Polizeipräsidium Frankfurt am Main – Steffen und Linda. 47
ZWÖLF. 49
Polizeipräsidium Frankfurt – Steffen. 49
DREIZEHN.. 53
Vernehmungsraum, Polizeipräsidium Frankfurt – Steffen und Linda53
VIERZEHN.. 62
Polizeipräsidium Frankfurt - Steffen. 62
FÜNFZEHN.. 64
Polizeipräsidium Frankfurt64
SECHZEHN.. 65
Polizeipräsidium Frankfurt – Steffen und Linda. 65
SIEBZEHN.. 75
Polizeipräsidium Frankfurt – Steffen und Linda. 75
ACHTZEHN.. 80
Offenbach am Main - Steffen und Linda. 80
NEUNZEHN.. 88
Offenbach am Main – Steffen und Linda. 88
ZWANZIG.. 99
Offenbach, Alis Grillstation – Steffen und Linda. 99
EINUNDZWANZIG.. 102
Polizeipräsidium Frankfurt – Steffen und Linda. 102
ZWEIUNDZWANZIG.. 106
Wiesbaden KrimZ, Luisenstraße – Steffen und Linda. 106
DREIUNDZWANZIG.. 118
Polizeipräsidium Frankfurt – Steffen und Linda. 118
VIERUNDZWANZIG.. 122
Wiesbaden, Innenstadt - Steffen und Linda. 122
FÜNFUNDZWANZIG.. 124
Polizeipräsidium Frankfurt – Steffen. 124
SECHSUNDZWANZIG.. 127
Polizeipräsidium Frankfurt – Steffen und Robert127
SIEBENUNDZWANZIG.. 130
Frankfurt-Sachsenhausen, Schweizer Straße – Linda. 130
ACHTUNDZWANZIG.. 134
Frankfurt-Bahnhofsviertel - Steffen. 134
NEUNUNDZWANZIG.. 137
Wenige Tage vor dem Attentat auf dem Frankfurter Hauptbahnhof – im tiefen Osten der Türkei137
DREISSIG.. 144
Im Osten der Türkei144
EINUNDDREISSIG.. 149
Ein paar Tage später – Frankfurter Berg. 149
ZWEIUNDDREISSIG.. 152
Frankfurt- Rödelheim – Steffen und Martin. 152
DREIUNDDREISSIG.. 154
Frankfurt-Rödelheim – Steffen und Linda. 154
VIERUNDDREISSIG.. 156
Frankfurt-Rödelheim – Steffen und Linda. 156
FÜNFUNDDREISSIG.. 160
Frankfurt-Bockenheim – zwei Stunden zuvor160
SECHSUNDDREISSIG.. 166
Frankfurt-Rödelheim - Steffen und Linda. 166
SIEBENUNDDREISSIG.. 168
Wiesbaden – Ritchie von den Hells Angels168
ACHTUNDDREISSIG.. 171
Frankfurt-Rödelheim- Steffen und Linda. 171
NEUNUNDDREISSIG.. 172
Polizeipräsidium Frankfurt – Steffen und Linda. 172
VIERZIG.. 174
Tage zuvor, Osten der Türkei – Chef des Diri-Clans174
EINUNDVIERZIG.. 178
Ostanatolien – Adem.. 178
ZWEIUNDVIERZIG.. 180
Offenbach am Main – Murat180
DREIUNDVIERZIG.. 183
Polizeipräsidium Frankfurt – Steffen und Linda. 183
VIERUNDVIERZIG.. 187
Polizeipräsidium Frankfurt187
FÜNFUNDVIERZIG.. 194
Diplomatenviertel in Frankfurt – Steffen. 194
SECHSUNDVIERZIG.. 197
Frankfurt-Sachsenhausen – Steffen und Linda. 197
SIEBENUNDVIERZIG.. 200
Polizeipräsidium Frankfurt - Steffen und Linda. 200
ACHTUNDVIERZIG.. 205
Untersuchungshaftanstalt, Frankfurt-Preungesheim – Steffen und Linda205
NEUNUNDVIERZIG.. 212
Polizeipräsidium Frankfurt am Main - Steffen und Linda. 212
FÜNFZIG.. 216
Café Klatsch, Frankfurt-Bornheim - Steffen und Linda. 216
EINUNDFÜNFZIG.. 221
Frankfurt-Sachsenhausen – Linda. 221
ZWEIUNDFÜNFZIG.. 225
Frankfurt-Sachsenhausen – Linda. 225
DREIUNDFÜNFZIG.. 228
Moschee, Frankfurt -Rödelheim - Defne. 228
VIERUNDFÜNFZIG.. 229
Polizeipräsidium Frankfurt – Linda. 229
FÜNFUNDFÜNFZIG.. 233
Offenbach-Nordend – Steffen und Linda. 233
SECHSUNDFÜNFZIG.. 238
Frankfurt am Main, Polizeipräsidium – Steffen und Linda238
SIEBENUNDFÜNFZIG.. 245
Am Abend zuvor - Autowerkstatt, Offenbach-Nordend – Steffen und Linda245
ACHTUNDFÜNFZIG.. 248
Offenbach-Nordend, Autowerkstatt – Steffen und Linda. 248
NEUNUNDFÜNFZIG.. 250
Offenbach-Nordend, Autowerkstatt – Steffen und Linda. 250
SECHZIG.. 253
Offenbach-Nordend – Steffen und Linda. 253
EINUNDSECHZIG.. 256
Polizeikantine Frankfurt – Steffen und Linda. 256
ZWEIUNDSECHZIG.. 260
Abteilung Organisierte Kriminalität, Frankfurter Polizeipräsidium – Steffen und Linda260
DREIUNDSECHZIG.. 264
Frankfurter Innenstadt – Steffen und Linda. 264
VIERUNDSECHZIG.. 270
Innenstadt Frankfurt – Steffen und Linda. 270
FÜNFUNDSECHZIG.. 275
Frankfurt-Sachsenhausen – Steffen und Linda. 275
SECHSUNDSECHZIG.. 278
Polizeipräsidium Frankfurt – Steffen. 278
SIEBENUNDSECHZIG.. 282
Polizeipräsidium Frankfurt, am späten Abend -Steffen. 282
ACHTUNDSECHZIG.. 285
Frankfurt Hoechst – Errol285
NEUNUNDSECHZIG.. 290
Polizeipräsidium Frankfurt – Steffen, Linda und Errol290
SIEBZIG.. 294
Polizeipräsidium Frankfurt – Linda. 294
EINUNDSIEBZIG.. 298
Polizeipräsidium Frankfurt – Steffen und Linda. 298
ZWEIUNDSIEBZIG.. 301
Universitätsklinikum Frankfurt – Steffen und Linda. 301
DREIUNDSIEBZIG.. 307
Auf der Fahrt ins Präsidium – Steffen und Linda. 307
VIERUNDSIEBZIG.. 310
Polizeipräsidium Frankfurt – Steffen und Linda. 310
FÜNFUNDSIEBZIG.. 314
Polizeipräsidium Frankfurt - Steffen und Linda. 314
SECHSUNDSIEBZIG.. 317
Polizeipräsidium Frankfurt - Steffen und Robert317
SIEBENUNDSIEBZIG.. 320
Universitätsklinikum Frankfurt – Steffen und Linda. 320
ACHTUNDSIEBZIG.. 324
Polizeipräsidium Frankfurt, im Büro des Vize – Steffen und Linda324
NEUNUNDSIEBZIG.. 331
Labor des Computerexperten im Präsidium Frankfurt - Errol331
ACHTZIG.. 333
Polizeipräsidium Adickesallee – Steffen. 333
EINUNDACHTZIG.. 335
Frankfurt Sachsenhausen – Linda. 335
ZWEIUNDACHTZIG.. 337
Logistikzentrum Wiesbaden-Delkenheim.. 337
DREIUNDACHTZIG.. 343
Frankfurt-Sachsenhausen – Linda. 343
VIERUNDACHTZIG.. 348
Frankfurt am Main - Linda. 348
FÜNFUNDACHTZIG.. 352
Polizeipräsidium Frankfurt – Steffen und Linda. 352
SECHSUNDACHTZIG.. 354
Pressekonferenz im Frankfurter Polizeipräsidium – Linda und Steffen354
SIEBENUNDACHTZIG.. 358
Pressekonferenz im Präsidium.. 358
ACHTUNDACHTZIG.. 361
Steffen und Linda in den Vororten Frankfurts361
NEUNUNDACHTZIG.. 363
Steffen und Linda im Abbruchaus363
NEUNZIG.. 366
Frankfurt am Main – Steffen und Linda. 366
EINUNDNEUNZIG.. 370
Abbruchhaus – Steffen und Linda. 370
ZWEIUNDNEUNZIG.. 373
Frankfurt, Innenstadt – Steffen und Linda. 373
Der moderne ICE der jüngsten Baureihe war rund vier Stunden zuvor in der bayrischen Landeshauptstadt München gestartet. Fünf Minuten nach zwanzig Uhr erreichte der Zug Gleis neun des Frankfurter Kopfbahnhofs. Nachdem er zum Stand gekommen war, öffneten sich die Türen geräuschlos. Die Passagiere, die dicht gedrängt bei den Ausgängen warteten, hasteten ins Freie. Unter den Fahrgästen befand sich ein schlanker Mann, Mitte zwanzig, mit cappuccinofarbigem Teint. Er trug lockiges, schwarzes Haar. Bei den hochsommerlichen Temperaturen, Anfang August, war er lässig mit einer leichten Stoffjacke und einer grauen Jogginghose bekleidet. Ein leuchtend gelber Rucksack mit einem grinsenden Smiley baumelte an seiner Schulter.
Aus den blechernen Lautsprechern tönte die krächzende, weibliche Stimme der Bahnhofsdurchsage. „Der ICE aus Stuttgart, Zugnummer 5974, planmäßige Ankunft zwanzig Uhr dreiundzwanzig auf Gleis sieben, verspätet sich voraussichtlich um mindestens dreißig Minuten.“ Eine kurze Unterbrechung folgte. „Der Grund – umfangreiche Baumaßnahmen auf der Fahrtstrecke.“ Ein statisches Rauschen erklang. „Wir bitten um Ihr Verständnis.“
Als Letzter verließ der junge Mann den Zug. Mit federnden Schritten nahm er Kurs in Richtung der belebten Kaiserstraße in der Frankfurter City. Plötzlich hielt er inne, checkte eine Nachricht auf dem Smartphone. Mit einem Lächeln wischte er sie beiseite. Unbekümmert setzte er den eingeschlagenen Weg fort.
Ein Mann, um die sechzig, der beim Prellbock auf die Einfahrt des Zugs gewartet hatte, stach aus der Menge hervor. Er hatte volles, aber zerzaustes, graues Haar und einen dazu passenden Schnurrbart. Zielsicher setzte er dem jungen Mann hinterher. Sein Gesichtsausdruck war der eines Getriebenen. Die Augen geweitet und die Pupillen starr. Auf seiner faltigen Stirn glänzten fiebrige Schweißperlen. Seine rechte Hand war in der tiefen Tasche seiner abgetragenen, schwarzen Lederjacke verborgen.
Der Alte hatte den Jüngeren fast eingeholt. Abrupt blieb er dicht hinter ihm stehen. Unvermittelt riss er einen Gegenstand aus seiner Jacke. Kurz hielt er die Waffe in die Höhe und senkte dann langsam die Hand. Fahrig visierte er sein Ziel. In kurzer Folge lösten sich zwei krachende Schüsse. Das Opfer wurde in den Hinterkopf getroffen, Blut spritzte. Tödlich verletzt stürzte der junge Mann auf den verdreckten Bahnsteig.
Verschwitzt und atemlos beugte sich der Schütze über die Leiche. Mit einem Handgriff beförderte er sie auf die Seite. In einer fremdländischen Sprache murmelte der Täter Worte, die wie ein Stoßgebet klangen.
Unter den vielen Menschen im Hauptbahnhof brach die schiere Panik aus. Grelle, spitze Schreie waren zu hören. Ziellos stürmten Hunderte wie wild durcheinander. Leute stießen andere um, manche fielen hin. Gekreische und Hysterie machten sich breit. Für jeden ging es um nichts weniger als das nackte Überleben. Im Tumult war ein kleines, blondes Mädchen von der Hand seiner Mutter gerissen worden. Wie von einem Tsunami wurde die Vierjährige von der achtlosen Menge fortgerissen. Ihre schrillen, flehenden Schreie ließen der Mutter den Atem stocken.
„Lydia, Lydia“, rief sie verzweifelt. „Wo bist du?“, brüllte die pummelige, brünette Frau von Anfang dreißig im kurzen, bunten Sommerkleid voller Entsetzen.
Keiner der Flüchtenden kam der jungen Mutter zu Hilfe. Wie eine Löwin setzte sie ihrer Tochter im heillosen Durcheinander nach. Hätte sie sich nicht selbstlos auf das schreiende Kind geworfen, die rasende Meute hätte es zu Tode getrampelt. Mit Lydia im Arm verbarg sich die Mutter zitternd hinter einer kräftigen Säule. Niemand nahm sie zur Kenntnis.
Am Ende ihrer Kräfte hauchte sie: „Du hast einen Schutzengel, der über dich wacht!“ Sie drückte dem Kind einen feuchten Kuss auf die Stirn.
Das verwirrte Mädchen riss den kleinen Mund weit auf und rang erschöpft nach Atemluft. Tonlos weinte es herzzerreißend.
Nur wenige Meter entfernt stopfte der Alte die Schusswaffe mit Engelsgeduld zurück in seine Lederjacke. Schwerfällig wankte er durch die Halle, die im Chaos zu versinken drohte. Seine krummen Beine vermochten ihn kaum zu tragen. Ohne sich umzusehen, kämpfte er sich Meter um Meter zum Ausgang. Dass ihn niemand zu stoppen versuchte, grenzte an ein Wunder.
Vom höllischen Krach der Menge in Alarmbereitschaft versetzt, stürmten zwei uniformierte Bundespolizisten auf dem benachbarten Bahnsteig los, den Attentäter zu ergreifen. Eigentlich patrouillierten sie über die Bahnsteige, um Taschendiebe, Dealer und organisierte Bettlerbanden aufzuspüren.
„Da, da ist er, da läuft der Typ!“, rief der ältere der beiden Polizisten lauthals. Mit dem Walkie Talkie deutete er auf den Flüchtenden.
Sein Partner nickte. Er hatte die Situation voll im Blick. „Der Schütze rennt zum Ausgang Richtung Kaiserstraße“, keuchte Rolf Krumsieg in sein Funkgerät. „Wir nehmen sofort die Verfolgung auf. Benötigen aber dringend Verstärkung.“
Entschlossen wie eine Kampfmaschine setzte sich sein junger Kollege Lothar Pohl in Bewegung. Mit enormer Geschwindigkeit nahm er die Verfolgung des Schützen auf. Auf dem Weg schob er die Menschenmenge zur Seite, als teilte er wie Moses das Meer. Im schnellen Lauf sah Lothar, wie der Alte die Schusswaffe mit Radau in eine Mülltonne donnerte.
„Hast du das gesehen?“, rief Rolf ihm hinterher. Der Beamte, Mitte fünfzig, presste die Hand gegen die rechte Körperhälfte. Offenbar machten ihm schmerzhafte Seitenstiche zu schaffen.
Lothar nickte kurz, ließ sich aber nicht stoppen. Trotz seiner Trägheit schlug der Alte Haken wie ein junger Hase. Der junge Polizist legte einen Zacken zu. Ihm fehlten nur wenige Zentimeter und er hätte den Killer mit den Händen greifen können. Adrenalin pur peitschte Lothars Nerven, und er ging zum Angriff über. Im weiten Bogen holte er mit der bloßen Faust aus. Mit voller Wucht traf er den Alten am Hinterkopf. Wie ein Sack voller Steine stürzte er auf den nackten Asphalt. Handschellen klickten.
Keine zehn Minuten später erfüllten laute Sirenen die Hallen des Hauptbahnhofs. Der Lärm war ohrenbetäubend. Die Einsatzkräfte der Bundespolizei hatten die Bahnsteige fast vollständig geräumt. Das herbeigerufene Antiterrorkommando sorgte dafür, dass Unbeteiligte über Nebenausgänge ins Freie gelangten. Polizeipsychologen hatten alle Hände voll zu tun, Traumatisierte zu versorgen. Ärzte und Sanitäter kümmerten sich um Verletzte, die zu Boden gestürzt und niedergetrampelt worden waren.
Bis um halb vier am nächsten Morgen war der Bahnhof für die Öffentlichkeit gesperrt. Erst mit dem beginnenden Berufsverkehr setzten sich die Züge mit reichlich Verspätung wieder in Bewegung.
Die Frankfurter Anklagebehörde unter Federführung von Staatsanwältin Andrea Ponino benötigte weniger als eine Stunde – und Opfer und Täter des Attentats waren identifiziert. Der junge Mann, der den Tod gefunden hatte, war 27 Jahre alt geworden. Sein Name lautete Emir Türker. Den Alten, Cem Can, schätzte man auf über sechzig. Beide stammten aus dem Osten der Türkei, aus einem kleinen Ort an der syrischen Grenze. Mehr war bis zur Stunde nicht bekannt.
Die Staatsanwältin vermutete, dass schnöder Mammon nicht das Motiv für den brutalen Mord gewesen war. Die Gemengelage war schwierig, unübersichtlich, der Fall versprach Komplikationen, da war sie sich intuitiv sicher. Sie hatte sich insgeheim schon damit abgefunden, die kommenden Nächte mit weniger Schlaf auszukommen. Gedankenversunken zupfte sie eine Strähne ihrer schwarzen, lockigen Haare hinters Ohr.
„Frau Ponino“, hörte sie ihren Namen laut rufen. In einer fließenden Bewegung drehte sie sich um. „Ach nee, dass ich das auch noch erleben darf“, sagte sie mürrisch. Deutlich verspätet schlenderte ihr Referendar Albi Müller, den sie per Whatsapp zum Tatort geordert hatte, auf sie zu.
„Was um alles in der Welt geht hier vor sich? Die halbe Stadt steht Kopf“, sagte Albi verwundert. Mit dem Zeigefinger schob er seine silberne Brille über den Nasenrücken in Richtung Stirn.
„Ein absoluter Alptraum hat sich ereignet. Was hier geschehen ist, ist mit Worten kaum zu fassen“, stöhnte Andrea. „Schau dich doch mal um!“ Mit den Händen deutete sie grob in Richtung des Toten.
„War das ein Anschlag fanatischer Islamisten? Steckt die Hamas dahinter, die Hisbollah oder wer?“, fragte der Referendar aufgebracht. Albi Müller, sechsundzwanzig, mit einer weiten Jeans und einem zu engen Jackett bekleidet, drehte sich wie ein Brummkreisel um die eigene Achse. Er sah den Mannschaften bei der Arbeit zu. In der Hand hielt er einen angeknabberten Cheeseburger von McDonalds.
„Nein, nein, halte bitte den Ball flach, Albi! So weit sind wir noch lange nicht, mein Junge“, sagte Andrea mit Verve. Sie musterte den Referendar von oben bis unten. Wiederholt schüttelte sie den Kopf.
„Gibt es schon ein Bekennerschreiben von den Fanatikern?“, ließ Albi nicht locker. Er nahm einen großen Bissen vom Burger und kaute ungeniert schmatzend darauf herum. Neugierig starrte er seine Ausbilderin an.
„Nein“, erwiderte Andrea entschieden. „Es existiert kein Bekennerschreiben. Ich denke, dass wir auch keines finden werden. Glaub mir, der Fall ist anders gelagert als die Geschichten, mit denen wir uns ansonsten herumplagen.“ Sie hob bedächtig die Hände. „Ich habe Sorge, dass das erst der Anfang ist und noch einiger Ärger auf uns zukommen wird“, sagte sie.
„Was soll ich jetzt genau tun, Frau Staatsanwältin Ponino?“, fragte Albi gelangweilt.
„Das ist doch wohl sonnenklar.“ Andrea tippte sich an die Stirn. „Du bleibst hier, bis die Aufräumarbeiten komplett erledigt sind. Du unterstützt die Kollegen, die die Namen der Zeugen erfassen.“
Die Staatsanwältin deutete auf zwei Dreiergruppen uniformierter Polizisten, die sich an den Ausgängen postiert hatten und die Reisenden interviewten. „Dann schreibst du mir einen lückenlosen Bericht für die Ermittlungsakte. Einen, der Hand und Fuß hat und mit dem ich vernünftig arbeiten kann! Hast du das verstanden?“
Albi starrte dumpf aus der Wäsche.
„Das kann doch nicht so schwer sein. Oder?“ Andrea hatte die Fäuste in ihre schmalen Hüften gestemmt. Unentschlossen blickte sie auf den kleineren Referendar hinab. Seit knapp zwei Wochen war er ihr zu Ausbildungszwecken zugewiesen worden. Bis heute wusste sie nicht, ob Albi ein Fluch oder ein Segen war. „Hör mir gut zu. Du hast noch viel zu lernen, was Verbrechensaufklärung angeht.“ Andrea holte tief Luft und atmete langsam wieder aus. „Was dein Zweites Staatsexamen angeht, sehe ich, unter uns gesagt, schwarz für dich. Du musst dir etwas mehr Mühe geben. Anwesenheit allein genügt bei mir nicht, ich erwarte deinen vollen Einsatz, sonst kannst du deine Note so was von knicken.“
Albi stutzte. Ansonsten tat er, als wäre nichts gewesen. „Klar, was war daran nicht zu verstehen?“ Er nahm das Smartphone in die Hand. Munter knipste er zahlreiche Bilder vom Tatort. Schriftliche Notizen fertigte er sich keine an.
„Wir sehen uns später!“, sagte Andrea. Kurzum wendete sie dem Referendar den Rücken zu. „Du wirst das Kind schon schaukeln“, sagte sie im Aufbruch begriffen. Staatsanwältin Andrea Ponino stakste entschlossen los.
Aus einiger Entfernung warf Kriminalhauptkommissar Steffen Anbach von der Frankfurter Mordkommission, der sich am Tatort aufhielt, einen Blick auf die Staatsanwältin. Er hatte den Eindruck, dass Andrea abgenommen hatte. Auf gewisse Art war er von ihrem Wesen angetan. Sie hatte etwas Zupackendes. Außerdem war sie eine ehrliche Haut. Ein Mensch, der zu seinem Wort steht, selbst wenn es nicht immer einfach mit ihr war. Der Kommissar nahm sich vor, zusammen mit seiner Partnerin Linda Sachse die nächsten Tage ein waches Auge auf die Staatsanwältin zu werfen.
Andrea Ponino, deren Vorfahren aus dem Süden Italiens stammten, parlierte fließend in vier Sprachen. Auch sonst war die junge, erfolgsverwöhnte Frau alles andere als auf den Kopf gefallen.
Am frühen Morgen räumte sie ihren provisorischen Arbeitsplatz am Frankfurter Hauptbahnhof. Ihre Papiere ließ sie unsortiert in der ledernen Aktentasche, die unter ihrem Arm klemmte, verschwinden. Die schlanke Mittdreißigerin war mit einem eleganten, dunklen Kostüm bekleidet. Als sie ein heftiges Gähnen ohne Vorwarnung übermannte, schlug sie sachte mit der Hand vor die Lippen. Mit müden Augen wendete sie sich ihrem Kollegen Thomas Habbel von der Staatsanwaltschaft Frankfurt am Main zu. Ohne die ersten Erkenntnisse vom Tatort mit dem wenige Jahre älteren Mitstreiter zu diskutieren, griff sie ihren Alpakaponcho und warf ihn wie ein Racheengel über die Schultern. Beseelt von dem Gedanken, ein paar Stunden Schlaf zu finden, klackerte sie auf hohen Absätzen die wenigen Meter auf ihn zu, bis er in Rufweite war.
„Thomas, ich melde mich später bei dir, dann tauschen wir uns in aller Ruhe aus, sortieren das Material und erstellen eine Liste der potenziellen Zeugen. Ich hoffe, du bist damit einverstanden.“
Ihr Kollege sah sie schweigend an.
„Wichtig wird die Presseerklärung sein, die Bürger unserer Stadt müssen erfahren, was sich zugetragen hat. Wir dürfen sie mit ihrer Angst nicht allein lassen“, sagte sie entschieden.
Thomas Habbel nickte und blinzelte, als er versuchte, ihren Blick zu fokussieren. „Gute Idee, so wird es gemacht, Frau Kollegin.“ Der Oberstaatsanwalt, der in Eigenregie Eindrücke vom Tatort dokumentierte, blickte gelassen. Mit der freien Hand richtete er seinen aus der Mode geratenen, braunen Feincordanzug, der in Kniehöhe Beulen schlug.
Zum Start in den neuen Tag verschwand Andrea mit klackernden Schritten. Auf dem Weg ins Freie sprangen ihr die Kommissare Steffen Anbach und Linda Sachse von der Frankfurter Mordkommission ins Auge. Im Vorbeigehen winkte sie dem äußerlich ungleichen Ermittlerduo zu.
Linda, die einen undefinierbaren Gegenstand in den Händen hielt, grüßte von Weitem. „Hallo, Andrea!“, rief sie. Die Ermittlerin hielt ihren ausgestreckten Zeigefinger ans Ohr und den Daumen an die Lippen. Um die nächsten Ermittlungsschritte abzuklären, forderte sie ein Telefonat von der Staatsanwältin ein.
Andrea reckte spontan ihren Daumen in die Höhe. „Ruf mich später an. Ich bin jederzeit für euch erreichbar. Wir benötigen einen schnellen Ermittlungserfolg, du weißt ja, was Sache ist.“
So wie es für Andrea aussah, wirkte die Kommissarin trotz der späten Stunde wach und ausgeschlafen. Dafür dröhnte der Anklägerin nach dem kräftezehrenden Einsatz der Schädel. Sie befürchtete, im Stehen einzuschlafen – hungrig war sie auch.
Bei Steffen und Linda, dem erfahrenen Ermittlerduo, war der Mordfall bestens aufgehoben, waberte es Andrea durch den Kopf. Ein lautes Gähnen konnte sie sich nur mühsam verkneifen.
Vor dem historischen Bahnhofsgebäude angekommen, winkte sie ein Taxi heran. „Sind Sie frei?“, sprach sie den Fahrer durch das geöffnete Fenster an.
Aus dem Innern des alten Nissan drang ihr der Geruch von selbstgedrehten Zigaretten und Chicken-Nuggets mit Pommes in die Nase. Eine Happy-Meal-Tüte lag zerknüllt auf dem Beifahrersitz.
Der Fahrer mit Wikingerbart und langer, blonder Mähne, ein Heavy-Metal-Fan mit dem Slogan KILLED BY DEATH auf der Brust, nickte entspannt. Kraftvoll sprang er von seinem Sitz auf. Mit einem Lächeln öffnete er die Tür zum Fond des Taxis. „Immer gerne, steigen Sie doch ein, schöne Frau“, sagte der leicht nach Schweiß riechende Mann.
Trotz allem zauberte sein Spruch Andrea ein Schmunzeln auf die Lippen.
„Ist leider nur eine Kurzstrecke“, sagte sie zu ihrer Entschuldigung und nannte ihre Adresse.
„Nicht weiter schlimm“, brummte er.
Der Fahrer kutschierte den Wagen ins Frankfurter-Westend-Süd. Während der Fahrt blinzelte Andrea müde aus dem Fenster. Die nächsten Stunden war sie für nichts mehr zu gebrauchen.
Im Schritttempo passierten sie den Frankfurter Palmengarten. Der 1871 im Westend eröffnete Garten war einer der größten seiner Art in Deutschland. Zusammen mit seinen direkten Nachbarn, dem Botanischen Garten Frankfurt und dem Grüneburgpark bildete er die größte Grünanlage der Bankenstadt.
Ein paar Wochen zuvor hatte sich vor den Toren des Palmengartens ein verheerender Unfall ereignet. Ein kleiner Junge, gerade einmal zehn Jahre alt, war unter mysteriösen Umständen zu Tode gekommen. Das Kind war aus einem fahrenden Auto geschleudert worden und an Ort und Stelle verstorben. Die konkreten Umstände lagen im Dunklen. Andrea, die die Fallakte auf dem Schreibtisch hatte, fröstelte es bei dem Gedanken an das Geschehen. Warum musste ein Mensch in so jungen Jahren sterben?
Mitunter packte sie das Gefühl, von den brutalen und blutigen Fällen aufgefressen zu werden. Insgeheim sehnte sie sich nach einer starken Schulter, an die sie sich lehnen konnte, aber in ihrem stylischen Zuhause wartete niemand auf sie. Das grüne, gehobene Stadtviertel Frankfurt-Westend-Süd, in dem sie knapp fünf Jahre zuvor ein neues Zuhause gefunden hatte, war bekannt für die eleganten, alten Stadthäuser mit Gründerzeitfassaden, den exklusiven Restaurants sowie den freien Blick auf die Frankfurter Skyline. Das Westend galt als die Single-Hochburg der Stadt. Nirgendwo lebten weniger Kinder als hier.
In ihrem früheren Leben hatte Andrea Ponino als Jugendrichterin in Offenbach am Main gewirkt. Ihre Aufgabe war es gewesen, Delinquenten zwischen vierzehn und einundzwanzig Jahren Maßregeln statt Strafen aufzuerlegen. Obwohl die Arbeit sie erfüllte, sehnte sie sich nach neuen Herausforderungen. Zur gleichen Zeit hatte sie sich von ihrem damaligen Freund Leo, einem Start-Up-Unternehmer und Frauenheld, der halb und halb in Frankfurt und Berlin lebte, getrennt.
Kurz entschlossen war sie zur Staatsanwaltschaft Frankfurt am Main gewechselt. Die Kollegen der Anklagebehörde nahmen Andrea mit Kusshand auf. In ihrem neuen Betätigungsfeld war sie in kürzester Zeit aufgeblüht. Wer mit ihr zu tun hatte, wusste, dass sie streng, aber fair war. Sie gehörte zu der Sorte Frauen, mit der man Pferde stehlen konnte.
Mit der weltoffenen, engagierten Kommissarin Linda Sachse, die im gleichen Alter wie sie war, verband sie vom ersten Tag an eine enge Freundschaft. Aber seit Linda Mutter geworden war, sahen sie sich in der Freizeit nur noch selten. Für Andrea wäre heute der passende Tag gewesen, mit Linda um die Häuser zu ziehen. Aber wegen des Babys war da nichts zu machen.
Die Bremsen des Taxis quietschten. „Wir haben unser Ziel erreicht“, sagte der Wikingermann. Mit den Fingern deutete er auf die Hausnummer. „Zahlen Sie bar oder mit Karte?“ Die Geldbörse hatte er griffbereit in der Hand.
Erschlagen, aber dankbar schaute Andrea auf die schmale Straße, die von beiden Seiten von Bäumen gesäumt war. „Ja, ich zahle mit Karte.“ Dem Taxifahrer hielt sie die Kreditkarte hin. „Hier, bitte. Bedienen Sie sich und schlagen Sie zehn Prozent Trinkgeld drauf.“ Sie drückte dem Taxifahrer das Plastik in die Hand. „Mein Verflossener hat übrigens die Band Motörhead und den Sänger und Bassisten Lemmy Kilmister auch über alles geliebt“, sagte sie und deutete zaghaft auf das T-Shirt des Fahrers.
„Ihr Ex ist sicher ein cooler Typ“, sagte der Wikinger anerkennend. Er strich das faltige Shirt glatt und griff Andreas Karte, um abzurechnen.
„Das kann man so oder so sehen“, erwiderte sie nüchtern. Dass sie seit der Trennung kein Wort mehr von Leo gehört hatte, gab ihr zu denken.
Andrea steckte die Quittung ein. Erschöpft sah sie auf die schmucke Sandsteinfassade des über 150 Jahre alten Gebäudes. Der rote, chinesische Sonnenschirm mit dem goldenen Drachen, den sie zum Schutz gegen die gleißende Sonne auf dem Balkon aufgespannt hatte, glänzte im Licht der aufgehenden Sonne. Andrea öffnete die Beifahrertür und huschte über die Straße. Vor Müdigkeit brannten ihr die Augen. Sie drückte ihren Nasenrücken und kniff ihn ein paar Mal zu und wieder auf.
„Machen Sie es gut. Vielleicht kreuzen sich irgendwann wieder unsere Wege“, rief sie dem Wikinger hinterher.
Mit Mühe gelangte Andrea über die blank polierte Treppe in ihre Wohnung in der Beletage. Ohne die Riemen zu öffnen, befreite sie sich von den schmerzbringenden Stöckelschuhen. Mit einem Glas frischgepresstem Orangensaft legte sie sich auf dem weißen Ledersofa im lichtdurchfluteten Wohnzimmer zur Ruhe. In wenigen Minuten war sie weggedämmert.
Im Traum hatte sie vor Augen, wie der Alte den jungen Mann wie einen räudigen Hund niederschoss. Blut spritzte, Gehirnmasse verteilte sich. Mit seltsam verrenkten Gliedmaßen lag der junge Mann tot auf dem Asphalt.
Frisch geschminkt, die Haare zu einem imposanten Behive frisiert, erschien Andrea Ponino Punkt zwölf im Büro der Frankfurter Staatsanwaltschaft auf der Hahnstraße in Frankfurt-Niederrad. Die paar Stunden Entspannung nach der durchgearbeiteten Nacht hatten ihr gutgetan. Als Erstes tauschte sie ihre hochhackigen Pumps gegen bequeme Salomon-Sneaker.
„Was für eine Wohltat“, stöhnte sie leise.
Mit einem Fuß ließ sie die extravaganten Stöckelschuhe, die ein Vermögen gekostet hatten, unter dem aufgeräumten Schreibtisch verschwinden. Entspannt lehnte sie sich in ihrem schweren Ledersessel zurück. Ihr Diensthandy hatte sie ans Ohr gepresst. Die meisten Nachrichten, die sie erreicht hatten, stammten von der Pressemeute, die wie eine Klette an ihr hing. Sie brannte darauf, Details vom Attentat zu erfahren. Der brutale Anschlag sorgte für reichlich Spekulationen im ganzen Land.
Im Moment war ihr nicht danach, zurückzurufen. Konzentriert dachte sie über die Hintergründe der Tat nach. Seit Stunden wusste sie, wer die Tatbeteiligten waren. Doch sie hatte nicht den Hauch einer Ahnung, in welcher Beziehung die ungleichen Männer zueinander standen. Mit einem Handgriff löste Andrea ihre kunstvolle Frisur. Die langen, dunklen Haare fielen wie Wasser über ihre Schultern. Die Klärung der Beziehung zwischen Täter und Opfer hatte für sie absolute Priorität. Ohne eine Antwort auf diese Frage, würde es keine Aufklärung des Verbrechens geben.
War der Täter ein bedauernswerter Irrer, dem sämtliche Sicherungen durchgebrannt waren, weil er auf einen alten Bekannten getroffen war? Oder steckte mehr dahinter? Wie häufig zu Beginn von Ermittlungen schossen ihr zahlreiche Fragen durch den Kopf. Nachdenklich erhob sie sich vom Sessel. Langsam schlurfte sie durchs Büro. Ziel war der Minikühlschrank neben dem Fenster des funktional eingerichteten Büros. Andrea glitt in die Hocke. Sie nahm einen Energydrink zur Hand. Im Stehen riss sie den Metallclip auf. Ohne abzusetzen, leerte sie die silberne Dose.
„Mann, hat das gutgetan“, raunte sie. Mit der Hand strich sie sich über den flachen Bauch. Der Geruch von Gummibärchen erfüllte den Raum. Mit einem lässigen Wurf bugsierte sie die leere Dose in den Papierkorb. „Volltreffer.“ Beflügelt nahm sie an ihrem Schreibtisch Platz.
Ihr war bewusst, dass sie ohne die tatkräftige Unterstützung des erfahrenen Mordermittlerduos Steffen Anbach und Linda Sachse aufgeschmissen war. Über den kurzen Dienstweg wollte sie Kontakt zu ihnen aufnehmen.
Sie schaltete das Whiteboard an und schrieb ein paar Notizen auf die Tafel. Im Zentrum stand der Name des Opfers. Daneben notierte sie den Namen des Täters, den Tatort und die genaue Uhrzeit des Verbrechens.
Um kurz nach halb neun abends, keine zwanzig Minuten nach dem gewalttätigen Übergriff im Frankfurter Hauptbahnhof, klingelte Steffen Anbachs Smartphone. Der Kriminalhauptkommissar war nach Ende seiner Dienstzeit mit dem Wagen nach Hause gefahren. Mit Glück hatte er einen Parkplatz direkt vor dem Haus im Diplomatenviertel Frankfurt-Bockenheim gefunden. Bockenheim gehörte zu den erstklassigen Wohnlagen in der Rhein-Main-Metropole. Der Stadtteil war bekannt für ein vielschichtiges kulturelles Angebot mit kleinen Theatern und Musikwerkstätten. Wer hier wohnte, gehörte zu den Gewinnern. Der altgediente Mordermittler vermochte sich die schmucke Altbauwohnung nur deshalb zu leisten, weil die Miete seit Jahr und Tag nicht erhöht worden war. Die Hauseigentümer, eine zerstrittene Erbengemeinschaft aus den USA, hatte ihn nicht auf dem Schirm.
Zu seinem verdienten Feierabend freute er sich auf seine Frau Nora und die beiden Adoptivkinder Sunnita und Sanjay, die aus Indien stammten.
Steffen war der dienstälteste Kommissar der Frankfurter Mordkommission. Zu seinen Erkennungszeichen zählten seine schulterlangen, grauen Locken und die schwere, dunkle Lederjacke, die er sommers wie winters am Leib trug. Er war der festen Überzeugung, mit Mitte fünfzig in der Blüte seines Lebens zu stehen, selbst wenn ihm gelegentlich das Knie schmerzte – Folge eines Motorradunfalls, den er als blutjunger Polizist erlitten hatte.
Beim Aussteigen blickte er auf das Display seines Handys. Die Zentrale des Präsidiums war in der Leitung. An den Wagen gelehnt, nahm er das Gespräch an. „Hallo.“ Steffen räusperte sich.
„Entschuldigen Sie die Störung, spreche ich mit Kriminalhauptkommissar Steffen Anbach?“
„Ja, hier sind Sie goldrichtig. Was liegt denn an? Ich bin im Begriff Feierabend zu machen.“, sagte Steffen gedehnt.
„Gut, dass ich Sie trotzdem noch erreiche“, sagte die Stimme am anderen Ende der Leitung. „Es hat einen Mord im Frankfurter Hauptbahnhof gegeben“, sagte die monoton klingende Stimme einer jungen Frau aus dem Präsidium, die er vermutlich noch nie zu Gesicht bekommen hatte.
Steffen horchte auf. „Ja, sag schon, was geht ab?“ Während er dem Anruf lauschte, kreisten seine Finger in der Luft, in der Absicht, die Anruferin anzutreiben, damit sie auf den entscheidenden Punkt kam.
„Ein junger Mann ist tot, der mutmaßliche Täter ist gefasst“, sagte die Stimme aus der Zentrale. „Sie und Ihre Partnerin, Linda Sachse, müssen auf der Stelle vor Ort erscheinen. Die Sache ist von größter Dringlichkeit. Der Befehl kommt von ganz oben.“
„Gibt es in unserem mörderischen Job denn nie eine Verschnaufpause? Wie soll man denn da zur Ruhe kommen?“, presste er grimmig durch die geschlossenen Lippen und beendete das Gespräch.
Er tippte die Nummer seiner Partnerin Linda Sachse. Es klingelte in der Leitung. Unruhig schaute er sich um. Seine Wohnstraße war so gut wie menschenleer. Nur ein junger Mann mit einer schmutzigen Jeans beugte sich über den Motor eines alten Golfs der ersten Generation. Er hatte einen öligen Lappen in der Hand und schraubte am Fahrzeug herum.
Steffens über zwanzig Jahre jüngere Kollegin Linda Sachse, ihres Zeichens Kriminaloberkommissarin, hatte ihr Mobiltelefon offenbar nicht griffbereit. „Komm, Linda, geh schon ran, mach schon!“, brummte er.
Die Kommissare Anbach und Sachse waren das mit Abstand erfolgreichste Mordermittlerduo des Frankfurter Polizeipräsidiums. Was gelegentlich zu Neid unter den Kollegen führte. Dafür hatten sie die schützende Hand des jungen Vizepräsidenten des Präsidiums, Robert König, in der Hinterhand.
Aus der Erfahrung der letzten Jahre waren sie sich im Klaren, dass der Vize sie niemals im Regen stehen lassen würde. Steffen horchte ins Handy. Endlich hatte er seine Partnerin in der Leitung.
„Hier ist Linda, Steffen, was geht ab?“, sagte sie gehetzt.
„Gut, dass du rangegangen bist, Linda, ich brauche deine Hilfe. Ein dringender Einsatz ist gerade reingekommen. So wie es aussieht, hat es einen brandaktuellen Mordfall gegeben“, sagte der Kommissar ungeschminkt.
„Oh je“, seufzte seine Partnerin erschöpft. „Das hat mir gerade noch gefehlt. Aber was sollen wir groß machen? Befehl ist Befehl.“
„So, wie es sich auf den ersten Blick darstellt, herrscht im Gallusviertel beim Frankfurter Hauptbahnhof das reine Chaos. Wir müssen so schnell wie möglich vor Ort sein.“
„Wie? Was ist denn genau passiert? Weißt du schon mehr?“, fragte Linda getriggert.
„Nein, viel mehr weiß ich leider auch nicht. Aber eins ist klar, die Kollegen vor Ort sind dringend auf unsere Unterstützung angewiesen. Bitte mach dich …“, weiter kam er nicht.
Seine Partnerin fiel ihm ins Wort.
„In Ordnung, wenn das so ist, bin ich sofort zur Stelle. Verlass dich auf mich, bis gleich.“ Im Hintergrund war das Lärmen eines Kleinkindes zu hören. Das Telefon wurde kurz zur Seite gelegt. Steffen hörte, wie das Baby beruhigt wurde. Als Linda das Telefon wieder aufnahm, horchte er auf.
„Ich bin so dankbar, dass Simon von seiner Vorlesungsreihe in London vorzeitig nach Hause zurückgekehrt ist“, sagte sie entspannt. „Sonst wüsste ich nicht, was ich mit dem Kleinen anstellen sollte.“
„Das hört sich gut an. Man muss auch mal Glück haben“, sagte Steffen erleichtert. Er war heilfroh, dass die Betreuung von Kleinkindern für ihn Geschichte war. Entspannt atmete er durch und beendete das Gespräch. Er nahm die obligatorische Lederjacke und prüfte, ob die Heckler & Koch P30 mit Munition ausgestattet war. Den Autoschlüssel hielt er in der Hand. Gemächlich ließ er den Wagen starten. Auf den Einsatz des Blaulichts verzichtete er.
Der 1889 als „Centralbahnhof“ eröffnete Kopfbahnhof lag im Frankfurter Stadtteil Gallus, am Südwestende des Alleenrings. Er war im Stil der Neorenaissance und des Neoklassizismus gestaltet worden. In den letzten mehr als hundert Jahren hatte man ihn ständig umgestaltet und erweitert, damit er der wachsenden Mobilität gerecht wurde. Mit 493.000 Reisenden pro Tag war der Frankfurter Hauptbahnhof nach dem Hamburger Bahnhof der am zweitstärksten frequentierte Fernbahnhof in Deutschland.
Nach einer Fahrtzeit von knapp zwanzig Minuten durch die vollgestopfte Frankfurter Innenstadt hatte Steffen sein Ziel erreicht. Der Polizeikontrolle vor dem Bahnhofsgebäude hielt er seinen Dienstausweis entgegen. „Kriminalhauptkommissar Steffen Anbach, von der Frankfurter Mordkommission“, sagte er vertrauensbildend.
Von einem jungen Beamten Mitte zwanzig, der in einer martialischen Kampfuniform steckte, wurde er ohne viel Aufhebens durchgewunken. „Parken Sie Ihr kleines Schätzchen bitte auf dem Bahnhofsvorplatz neben den Mannschaftswagen“, sagte der junge Polizist. Mit der flachen Hand streichelte er neidlos über das frisch polierte Dach des Jaguars. „Und, was ganz wichtig ist, Kollege, lassen Sie den Schlüssel stecken, falls wir die Karre bewegen müssen. Sonst kann ich keine Garantie übernehmen.“
Steffen nickte und tat wie verlangt. Prompt kletterte er aus dem Fahrzeug. Den Schlüssel ließ er im Zündschloss stecken.
Von dem Moment an, als er die riesige Bahnhofshalle betrat, war er voll im Einsatz. Automatisch schaltete er in den Ermittlermodus und registrierte jede Einzelheit, die am Tatort relevant war. Wenn er allein war, waren seine Sinne schärfer, fokussierter und weniger abgelenkt. Bis auf die Polizei, die Stellung bezogen hatte, war der Bahnhof nahezu menschenleer. Sie Szenerie fühlte sich unwirklich an.
Für den Bruchteil einer Sekunde hatte Steffen seine Partnerin in der großen Bahnhofshalle aus dem Blick verloren. Er stellte sich auf die Zehenspitzen und hielt Ausschau nach ihr. Lindas leuchtender, platinblonder Pagenkopf war ihm ins Auge gefallen. Motiviert winkte er ihr zu.
„Linda, komm zu mir, hier hat sich das Drama abgespielt.“ Mit ausgestrecktem Arm deutete er auf den Tatort. Geduldig wartete er, bis sie ihn erreicht hatte.
Ein halbes Dutzend Kriminaltechniker, die in ihren Schutzanzügen wie Aliens wirkten, kamen ihnen entgegen. Ihre Hände steckten in dunklen Latexhandschuhen. Die Köpfe verbargen sich unter bienenkorbgroßen Hüten. Die Straßenschuhe waren mit weißen Überziehern versehen. Ein paar von ihnen zogen schwere, silberne Alukoffer hinter sich her. Die kleinen Rollen der Koffer produzierten ein ratterndes Geräusch auf dem Boden. Der Längste aus dem Team der SpuSi war mit einer Lichtanlage ausgerüstet. Sein Nebenmann schob einen Generator vor sich her.
„So wie es aussieht, sind Martin Henze und seine SpuSi bereits am Ort des Geschehens“, sagte Linda. „Seine Leute werden hier allerhand zu tun haben. Ein riesiger Bahnhof ist kein gewöhnlicher Tatort. Allerorten wimmelt es von DNA. Da muss der Martin einen klaren Kopf bewahren.“
„Ja, das denke ich auch. Martins bessere Hälfte Beatrix ist ebenfalls im Einsatz. Ich habe sie gerade gesehen. Eigentlich kann jetzt nichts mehr schiefgehen“, frohlockte der Kommissar. Im Vorbeigehen grüßten die Ermittler die Kriminaltechniker mit Kopfnicken. Den Spurenspezialisten war anzumerken, dass nervenaufreibende Stunden vor ihnen lagen.
Linda atmete tief durch. Nur die Ruhe bewahren, bloß keine Panik, beschwor sie sich. Die Kommissarin besaß ein feines Gespür für die Angst und die Panik, die den Bahnhof bis vor Kurzem fest im Griff hatte. Da war niemand, der die Flüchtenden orchestrierte und alles zum Guten wendete.
Zielsicher näherten sich die Ermittler dem Ort der brutalen Tat. Im Rücken der uniformierten Einsatzkräfte hatte sich eine Traube Neugieriger versammelt, die sich der Räumung widersetzt hatten und versuchten, einen Blick auf das Opfer zu erhaschen. Einer schoss dreist ein Bild vom Toten. Unverzüglich schritten zwei Beamte ein. Unter Protest konfiszierten sie das Smartphone des Gaffers.
„Linda, mach dich, was die Leiche betrifft, bitte auf alles gefasst“, sagte Steffen mit besorgter Miene. „Was wir zu sehen bekommen, ist keine leichte Kost. Wie ich aufgeschnappt habe, hat der Schütze aus kurzer Distanz zwei Mal auf den Hinterkopf des Opfers geschossen.“
„Ach, mach dir keine Sorgen um mich. Ich bin keine Anfängerin“, sagte Linda kämpferisch. Wie es in ihrem Inneren aussah, wusste niemand.
Steffen schüttelte den Kopf. „Am besten ist, wenn du dicht hinter mir bleibst. Noch besser, wenn du die verdammten Gaffer ins Visier nimmst. Knips ein paar Bilder von denen. Mit etwas Glück ist ein Handlanger des Schützen unter ihnen. Das kommt häufiger vor, wie du weißt“, sagte Steffen mit Beschützerinstinkt. „Viele Täter fühlen sich vom Ort ihrer Tat magisch angezogen. Das ist statistisch erwiesen.“
Linda machte eine abwehrende Handbewegung. „Ja, ich weiß, das wird bei den Lehrgängen immer wieder rauf und runter geleiert.“
Sie war aus dem Schritt geraten und kurz stehen geblieben. „Seit dem 1. Juni gilt hier am Hauptbahnhof zwischen 20 Uhr und 5 Uhr ein nächtliches Waffenverbot“, sagte sie und zeigte auf ein Blechschild, das von oben bis unten mit Spucke besudelt war.
„Ja, ich habe davon gehört“, pflichtete Steffen ihr bei. Mit seinen Gedanken war er aber ganz woanders.
„Das mit dem Waffenverbot hat ja prima funktioniert“, kommentierte Linda herablassend. „Schöne Grüße an die verehrte Frau Innenministerin. Damit ist ihr offenbar der ganz große Wurf gelungen“, bemerkte sie sarkastisch.
Steffen reagierte mit keiner Silbe. Wie angewurzelt war er stehen geblieben. Ihm stockte der Atem. Der Getötete lag in Fötusstellung in einer rotbraunen Pfütze aus Blut und Gehirnmasse, die sich auf dem Pflaster ausgebreitet hatte.
Von der Polizei war der Tatort mit Flatterbändern großflächig abgeriegelt worden. Eine Handvoll Uniformierter sicherte die Umgebung zusätzlich ab. Das Motiv der brutalen Tat lag im Dunkeln.
„Das war ein eiskalter Mord. Der Täter hat das Opfer rücksichtslos abgeknallt. Ohne jede Gnade“, sagte er geschockt. Fragend schüttelte er den Kopf. „Warum hat der Täter in aller Öffentlichkeit gehandelt?“, schnaufte er. „Besonders raffiniert scheint mir der Kerl nach Lage der Dinge nicht zu sein.“
Linda hatte einen Wimpernschlag lang zum Leichnam geschielt, sich dann aber demonstrativ abgewendet. Vermutlich war ihr von dem verheerenden Anblick schlecht geworden.
Einer von den Tatortreinigern war dicht an ihr vorbeigelaufen und mit ihr zusammengestoßen. „Sorry, das tut mir echt leid“, sagte er im Weitergehen. Seine Hände, die in Plastikhandschuhen steckten, hatte er in die Höhe gestreckt. Der Mann war Ende zwanzig, hatte kurzes Haar und ein rundes Gesicht, das sein leichtes Doppelkinn kaschierte.
„Ist ja nichts passiert“, sagte Linda entgegenkommend. Ungebremst lief er weiter.
„Wie weit seid ihr?“, fragte Steffen einen anderen aus dem Team, der einen Koffer in der Hand hatte.
„Noch ein paar Minuten Geduld, dann sind wir hier fertig“, wiegelte er ab.
Steffen trat einen Schritt zur Seite. In den Taschen seiner ausgewaschenen Jeans kramte der Ermittler schweigend nach ein wenig Kleingeld. Nachdem er fündig geworden war, gönnte er sich aus dem Getränkeautomaten einen Becher dampfenden, schwarzen Kaffee. Auffordernd hielt er das dunkle Getränk seiner Kollegin entgegen.
„Magst du einen Schluck abhaben? Der Kaffee macht dich vielleicht wieder fit.“
Linda rümpfte die Nase. „Nein, ich mag das Zeug nicht trinken“, sagte sie abwehrend.
„Dann eben nicht.“ Er führte den Plastikbecher an die Lippen und nahm vorsichtig einen winzigen Schluck.
Wie in Trance griff Linda Steffens Gedanken auf. „Du hast völlig recht. Warum hat der Kerl die blutige Tat vor hunderten Zeugen durchgezogen?“ Ihre strahlend blauen Augen huschten ohne einen Fixpunkt hin und her. Sie nahm sich einen Augenblick Zeit und hauchte: „Für mich hat sein Vorgehen etwas Demonstratives, fast schon Inszeniertes, irgendwie etwas … Theatralisches.“
Steffen nickte zustimmend. „Wer, wie dieser Killer in aller Öffentlichkeit mordet, nimmt ein enormes Risiko auf sich, entdeckt zu werden“, erwiderte er trocken. „Und so war es ja auch: Keine zwei Minuten nach den tödlichen Schüssen hatten die Kollegen von der Bundespolizei den Kerl am Haken. Gut so.“
„Wer so was macht, muss ein starkes Motiv haben“, sagte Linda düster. Verwirrung spiegelte sich in ihrem Gesicht wider. Dabei wurden ihre Augen groß.
„Oder der Täter stand mächtig unter Druck. Eventuell hatte er keine andere Wahl“, steuerte der Kommissar gelassen bei.
Lindas Handy vibrierte. Sie fummelte das Telefon aus der grünen Bomberjacke. Gespannt warf sie einen Blick darauf. Binnen einer Zehntelsekunde verfinsterte sich ihre Miene. „Das kann doch unmöglich wahr sein“, murmelte sie. Irritiert hielt sie Steffen das Handy unter die Nase. Ein unzensiertes Video der brutalen Tat vom Frankfurter Hauptbahnhof war zu sehen. Seit wenigen Minuten kursierte es im Internet und sorgte für enormes Aufsehen. „Wie funktioniert das? Wie ist das technisch möglich?“, fragte Linda entsetzt. „Wer hat den Film so rasend schnell öffentlich gemacht?“ Linda drehte sich zu ihrem Partner um. Sie wirkte fahrig.
„Ich sage dir eins, Linda, der Fall hat es in sich. Was hier passiert ist, lässt sich nicht mit den üblichen Mustern erklären. Um den mysteriösen Mord zu hinterfragen, müssen wir uns auf die Hinterbeine stellen“, prophezeite er seiner Partnerin. „Manchmal sehe ich Leute und frage mich … hat das Irrenhaus heute Wandertag?“, sagte er entsetzt.
Steffen huschte in das kleine Zelt am Ende des Gleises, nachdem er seine Kollegin Linda, die dringend eine Mütze Schlaf brauchte, nach Hause gefahren hatte. Das Zelt war dicht bei der Leiche aufgebaut worden. Der Gerichtsmediziner von Gattendorf, Ende vierzig, hockte darin und ging verbissen seiner Arbeit nach. Er hatte eine geölte Glatze, auf der Nase trug er eine Hornbrille. Mit seiner hünenhaften Gestalt sorgte er dafür, dass der Raum beengt wirkte. Allem Anschein nach hantierte er mit einer Blutprobe an einem Gerät herum, das sich in atemberaubender Geschwindigkeit um die eigene Achse drehte.
Als der Kommissar das Zelt betrat, wischte sich der Gerichtsmediziner die Hände mit einem Papiertuch von der Rolle ab. „Kommen Sie doch rein. Sind Sie einer der Kommissare, die in dem Mordfall ermitteln?“, sagte er. Er hatte sich vor Steffen aufgerichtet und stellte sich als wahrer Hüne heraus.
„Ja, der bin ich. Mein Name ist Steffen Anbach. Ich bin von der Mordkommission Frankfurt. Ich freue mich, Sie einmal persönlich kennenzulernen. Sonst habe ich immer nur Ihre schriftlichen Berichte aus der Gerichtsmedizin in den Händen.“
„Aha.“ Ihm huschte ein Lächeln über das Gesicht. „Ich bin Hubertus von Gattendorf, man hat mich herbeordert, um die Beweise ohne Verzögerung klarzumachen.“
„Haben Sie was zur Hand, was die Aufklärung des Verbrechens für uns erleichtern könnte? Wir stehen ganz am Anfang und sind auf jeden Strohhalm angewiesen, sagte Steffen unumwunden.
Der Mediziner nickte vielsagend. Er verschränkte die Arme vor der Brust und meinte: „Ich weiß nicht, ob es Ihnen bei der Aufklärung der Tat weiterhilft. Aber ich will Ihnen gerne etwas verraten. Wir haben es hier mit einem sogenannten Double Tap zu tun.“
„Womit?“, sagte Steffen irritiert. „Sie sprechen in Rätseln.“
„Mit einem Double Tap“, wiederholte der Mediziner trocken. „Dabei handelt es sich um zwei Schüsse, die aus nächster Nähe abgegeben werden.“ Mit einer imaginären Waffe in der Hand imitierte der Gerichtmediziner zwei schnelle Schüsse.
„Und was hat das zu bedeuten? Wofür soll das gut sein?“, sagte Steffen verwundert.
„Ein Double Tap ist eine Schießtechnik bei Handfeuerwaffen, bei der zwei Mal kurz hintereinander geschossen wird und das Ziel an derselben Stelle getroffen wird“, sagte der Gerichtsmediziner mit Kennerblick.
„Ich verstehe“, sagte Steffen. Er sah seinen Gesprächspartner verständnislos an. Mit zirkulierenden Händen forderte er ihn auf, fortzufahren.
„Also, die Sache ist die: In der Forensik haben wir es selten mit Double Taps zu tun. Die Eintrittswunden in Fällen dieser Art sind in der Regel bloß zweieinhalb bis fünf Zentimeter voneinander entfernt. Aber ich sage Ihnen eins, die Austrittswunden können massiv davon abweichen. Mitunter wird bei dieser Technik das Gesicht oder der komplette Schädel weggerissen.“
„Das hört sich abscheulich an. Wofür ist das gut?“ Steffen sah sich in dem provisorischen Zelt um.
„Die Technik wird teils beim Militär gelehrt“, sagte von Gattendorf.
„Sorry, jetzt stehe ich wirklich auf dem Schlauch. Was kann ich konkret mit Ihrer Information bei den laufenden Ermittlungen anfangen?“
„Eventuell war der Schütze früher Teil des Militärs, unter Umständen handelt es sich aber auch um einen puren Zufall. Im Eifer des Gefechts kann so was durchaus vorkommen.“
„Das hört sich auf jeden Fall interessant an.“ Steffen legte seine Visitenkarte auf dem provisorischen Tisch ab. „Wenn Sie mehr wissen, rufen Sie mich bitte an. Sie werden verstehen, dass ich an allen Details interessiert bin.“
Mit roten Flecken im Gesicht hatte Linda Steffens Büro in aller Eile erreicht. Die Beamtin war aus der Puste gekommen. Die letzten Meter war sie über den grau gestrichenen Flur des Frankfurter Polizeipräsidiums auf der Adickesallee gerannt. Ungebremst klopfte sie an Steffens Tür und wartete, bis sie hereingerufen wurde.
„Herein, wenn‘s kein Schneider ist“, schallte es aus Steffens Büro.
Linda öffnete die Tür und trat ein.
Der Kriminalhauptkommissar hockte hinter seinem unaufgeräumten Schreibtisch. Das Smartphone hatte er auf laut gestellt und lauschte der Pressekonferenz der Frankfurter Staatsanwaltschaft, die live von HR-INFO übertragen wurde.
„Komm, Linda, setz dich her und führe dir zu Gemüte, was die Kollegen zum Anschlag am Hauptbahnhof zu bieten haben.“ Er deutete auf das Smartphone. „Andrea ist zu hören. Unter uns, die macht ihren Job richtig gut. Sie kommt wie ein waschechter Medienprofi rüber.“
Linda horchte. „Aha“, bemerkte sie mit erhobenem Zeigefinger. „Ich wusste immer, dass sie eine Art Geheimwaffe ist.“
„Wenn du mich fragst, wickelt sie die Pressevertreter gekonnt um ihre Finger“, sagte Steffen. In seinem letzten Satz hatte Stolz mitgeschwungen. „Bisher hat sie alles unter Kontrolle.“
„Wie Sie wissen, dauern die Ermittlungen aktuell an. Unser Team arbeitet am Limit“, sagte Andrea Ponino. „Bei den beiden Männern handelt es sich nach unseren vorläufigen Ermittlungsergebnissen um türkische Staatsangehörige.“ Andrea schien sich der Bedeutung ihrer Worte bewusst zu sein.
Im Publikum war ein Raunen zu hören.
Spontane „Ausländer-raus“-Rufe erklangen.
Die Staatsanwältin hob beschwichtigend die Hände. Sie versuchte, abgebrüht zu wirken, doch ihre Körpersprache verriet Unruhe.
„Lassen Sie bitte diese unnötigen Zwischenrufe sein! Das ist vollkommen fehl am Platz.“ Sie verdrehte die Augen. Einen Moment starrte sie zur Decke des zur Pressekonferenz umfunktionierten Foyers des Frankfurter Polizeipräsidiums.
Als sie das Mikrofon zu richten versuchte, gab es eine schrille Rückkopplung. Unbeirrt sprach sie weiter. „In welcher konkreten Beziehung die beiden Männer zueinander standen, ist bis zur Stunde noch unklar“, sagte Andrea ans Publikum gerichtet. „Für mich ist er der Schlüssel, das Geschehene zu begreifen.“
Wieder ging ein Raunen durch die Menge. Pressevertreter meldeten sich per Handzeichen zu Wort, um Fragen zu stellen. In ihrer lockeren Art winkte Andrea ab. Bisher war sie nicht auf den entscheidenden Punkt ihrer Erklärung gekommen.
Ohne Pause fuhr sie fort.
„Zurzeit werden alle relevanten Spuren ausgewertet. Der Täter ist in Gewahrsam und wird derzeit verhört. Zahlreiche Zeugen werden vernommen und Ermittlungen jeder Art angestellt.“ Andrea holte tief Luft. „Ich verspreche Ihnen, dass jeder Stein umgedreht wird, dass wir in jede Richtung schauen. Wir werden nicht ruhen, bis die Tat restlos aufgeklärt ist.“
„Ach, ihr verzapft doch immer denselben Scheiß“, hörte man eine laute, männliche Stimme aus den Reihen rufen. „Ihr von der Staatsmacht habt längst jede Kontrolle über die Verbrechen, die in der Stadt passieren, an der Garderobe abgegeben. Ihr wollt uns doch nur hinhalten, bis es das nächste Opfer gibt“, rief ein fettleibiger, schwitzender Typ mit Häkelkappe, der sich Beifall heischend unter den Zuschauern umsah.
Entschieden schüttelte Andrea den Kopf. „Weit gefehlt, soweit uns konkrete Erkenntnisse vorliegen, werden wir die Öffentlichkeit unverzüglich informieren. Das sind wir den Menschen dieser Stadt schuldig“, erklärte sie mit erhobener Stimme.
Eine Weile blieben alle um sie herum stumm.
„Ich bedanke mich herzlich für Ihre Aufmerksamkeit.“ Andrea schaltete das Mikro aus und erhob sich vom Stuhl. In aller Eile packte sie ihre Siebensachen zusammen.
Sie war im Begriff, die wenigen Meter zwischen der Bühne und dem Ausgang zurückzulegen. Völlig unerwartet traf sie mit großer Wucht eine reife Tomate mitten auf die Stirn. Es gab einen Knall und das rote Fruchtfleisch explodierte. Es floss über ihre Wangen und besudelte ihre blütenweiße Bluse. Mit ihren blanken Händen wischte sie den Samen, der von einer wässrigen Matrix umgeben war, beiseite. Völlig unbeeindruckt setzte sie ihren Weg fort. Innerlich schäumte Andrea vor Wut. Ganz der Profi, der sie war, ließ sie sich nichts anmerken.
Im Foyer kam es zu tumultartigen Auseinandersetzungen. Lauthals wurde geschimpft und Parolen gegen gewalttätige Ausländer und Islamisten wurden skandiert. Die Zuschauer schaukelten sich auf, bald waren sie nicht mehr zu stoppen. Andrea hatte keine passende Erklärung, was das Fass zum Überlaufen gebracht hatte. Aus dem Augenwinkel sah sie, dass unter Jubelgeschrei weitere Tomaten durch die Luft geschleudert wurden und auf dem Podium einschlugen.
Robert König, der Vizepräsident des Frankfurter Polizeipräsidiums, ergriff geistesgegenwärtig das Mikro. Harsch platzierte er die passende Ansage an das aufgepeitschte Publikum, damit es wieder zur Ruhe kam.
„Leute, verdammt, lasst diesen Mist besser bleiben, sonst werde ich das Präsidium sofort räumen lassen“, rief er bestimmt. „Das ist nicht die passende Reaktion, um auf die Gewalt in unserer Stadt zu reagieren. Wann kapiert ihr das endlich?“ Mit der Faust schlug er kräftig auf das Rednerpult.
„Ihr habt schon lange die Kontrolle über diese Leute verloren“, grölte einer aus der Menge.
„Ihr werdet schon noch die Quittung dafür bekommen. Ihr braucht euch kein bisschen zu wundern.“ Der Beitrag einer verhärmt wirkenden Frau Mitte fünfzig wurde mit lautem Klatschen und Fußgetrampel honoriert. Es folgten Buh-Rufe. Lauthals wurde aus der Menge gefordert, gegen kriminelle Ausländer eine härtere Gangart an den Tag zu legen, und jeden von ihnen unter Gewaltanwendung abzuschieben.
Die Stimmung im Raum drohte aus dem Ruder zu laufen. Wie ein Berserker kämpfte Robert gegen eine Wand aus Gewalt und Widerstand an. Die große Zahl an Wachmännern, die er in weiser Voraussicht zum Schutz der Pressekonferenz geordert hatte, schritt angemessen ein. Die Ordnung im Saal konnte gerade wiederhergestellt werden. Verletzte gab es keine. Der Unmut einer großen Zahl der Beteiligten blieb.
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