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ZOEYS Vater ist Tanzchoreograph. Ausgerechnet für JIN, einem der angesagtesten Sänger in der japanischen Popszene. Nein, sie will kein Fangirl werden, aber verdammt, seinem Charisma ist so schwer zu widerstehen. Wie soll da ein vernünftiges Mädchen nicht dahinschmelzen? Inmitten der Popsternchen in der Musikszene und kreischenden Fangirls ist die Tochter seines Tanzchoreographen ZOEY eine Neuheit. JIN dachte, er hat als Popsänger alles erreicht, was geht. Aber Musik kann noch ein ganz anderes Niveau erreichen, wenn sie von LIEBE und VERLANGEN inspiriert wird ... Inspiriert von der heutigen Musikindustrie, der Popkultur, der schillernden Weltstadt Tokio, die unterschiedlichsten Menschen interkulturelle Begegnungen ermöglicht, erzählt euch diese Geschichte von einer Liebe im modernen Japan. Dies ist die Geschichte von Zoey und Jin.
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Veröffentlichungsjahr: 2023
Inhaltsverzeichnis
Impressum
Dance with me
Bea Jaksarn
Impressum
Bea Jaksarn, Am Rangen 2, 95356 Grafengehaig
Vorwort
Skip Beat – dieser Manga erregte erstmals meine Aufmerksamkeit für die jap. Unterhaltungsindustrie und ich begann, darüber zu recherchieren. Meine größte Inspirationsquelle für Dance with me war zum einen meine Begeisterung für Tänzer und zum anderen die Idole der Boygroup KAT-TUN. Mehr noch als die hübschen Jungs interessierte mich der Blick hinter die Bühne und ich begann, mir Fragen zu stellen: Was sind das für Menschen? Wie leben sie? Wie verläuft ihr Tag als Idol? Wie finden sie einen Lebenspartner, wenn sie nur als Single vermarktet werden? Ich wollte mehr über die Realität des Geschäfts und Japans Popkultur erfahren.
Da entwickelte sich das Storykonzept mit den beiden Charakteren Zoey und Jin, die ich im Laufe des Schreibens erst selbst kennen und verstehen lernen musste, um sie voll und ganz zu erfassen.
Für die Entstehung dieses Buches habe ich ausführlich Recherche betrieben und mit Japanern kommuniziert, um den kulturellen Aspekt getreu wiederzugeben. Dennoch ist es meine eigene Auslegung und Interpretation von Japan und seiner Gesellschaft, daher sollst du, lieber Leser, nichts davon als allgemeingültig betrachten. Wenn du Schwierigkeiten mit gewissen japanischen Begriffen oder Ausdrucksweisen hast, findest du dazu genauere Erläuterungen im Glossar.
Mein größter Dank geht an:
Maxim – der mich zur Veröffentlichung angeregt hat.
Frauke, Pia & Sandra – meine drei ersten Fans, die mich beim Schreiben mit Feedback und Motivation unterstützt haben; insbesondere Frauke, die mit mir die Leidenschaft für japanische Musik teilt, mir bei vielen Fragen ausgeholfen hat und mir mit ihren langen Briefen sehr ans Herz gewachsen ist. Danke an Pia, die mir die Schreibwerkstatt ermöglicht, mich immer mit Feedback zum Strahlen gebracht hat und an mich glaubt.
Meine Oma – für ihre stetige Hilfsbereitschaft und ihre Liebe.
Ganz besonderen Dank auch an die Leser meiner Fanfiction, die mich mit ihren Kommentaren motiviert haben.
Eure Bea, 2009
Dance with me
Thousand questions are lying ahead
And I will be your answer
Thousand obstacles are in front of you
And I will help you overcome them
So come and share this dance with me
I will hold your balance
If you can't look down
I will catch you in my arms
If you are about to fall
Because at the final end
I will be your answer
(Jade: Dance with me)
1. Kapitel
„Papa, Suzuka macht mir Sorgen“, murmelte Akais Tochter und lehnte sich in die weiche Rückenlehne des Beifahrersitzes zurück. „Ist dir aufgefallen, was für eine Hochnäsigkeit sie an den Tag legt? Manchmal habe ich einfach nur Lust, sie zu packen und ihre ach so tolle Frisur zu zerfleddern.“
Zoey verzog das Gesicht, teils unzufrieden, teils verärgert.
Ihre große Schwester verwandelte sich immer mehr in ein künstliches Wesen mit gebleichten Haaren, weißer Haut und Pradatasche, welches in Tokio als Schönheitsideal vermarktet wurde.
Bisher hatte Zoey ihren Vater nur unauffällig auf Suzukas konsumsüchtiges Verhalten aufmerksam gemacht. Aber an diesem Tag hatte ihre angestaute Frustration wieder einmal ihren Höhepunkt erreicht und sie musste mit Akai darüber sprechen.
Verstimmt blickte sie ihn von der Seite an und hoffte, dass es ihm nicht entging. Ihr unterdrückter Ärger drohte herauszukommen, gefolgt von Wut. Das war nicht gut. Zornige Gefühle mochte sie nicht. Dabei könnte sie Verletzendes sagen und es nicht mehr zurücknehmen.
Akai starrte stur auf die Fahrbahn und reagierte nicht auf ihre Worte. Stattdessen fragte er:
„Passt es eigentlich in deinen Stundenplan, wenn du mich heute begleitest?“
Als hätte er gar nicht zugehört. Zoeys Laune sackte noch eine Etage tiefer in den Keller. Das war so typisch.
Immer weicht er aus, wenn es um Suzuka geht.
„Ja“, beantwortete sie knapp seine Frage, wollte aber keineswegs das Thema fallen lassen.
„Pa, siehst du nicht, wie sie sich für ihre Karriere prostituiert? Sie sieht mit ihrer Schminke, den teuren Kleidern und den nutzlosen Handtaschen wie ein Plastikpüppchen aus. Hast du bemerkt, wie ihr Kleiderschrank aus allen Nähten platzt?“
Die Antwort war ihr eigentlich klar. Akai betrat niemals ohne Erlaubnis die Räume seiner Mädchen. Wenn, dann suchte er Zoey auf, aber Suzukas Domäne wollte er auch gar nicht so genau sehen. Es war vollgestopft, unordentlich und auch etwas zu viel von Rosa dominiert, kurz gesagt, einfach sehr weiblich eingerichtet. So war es höchst unwahrscheinlich, dass er von ihrer überfüllten Garderobe wusste.
Zoey holte tief Luft und fragte schließlich frei heraus: „Wie kannst du das zulassen?“
Warum lässt du dich jedes Mal erweichen und steckst ihr etwas zu, wenn sie Geld braucht?, setzte sie in Gedanken hinzu. Du weißt genau, dass wir sparsam sein müssen, um das Haus unterhalten zu können!
Er reagierte wieder nicht, sondern dirigierte schweigend das silberne Auto durch den Verkehrsfluss auf der breiten Hauptstraße. Sie kamen aus der westlichen Richtung von Tokio, wo sie am Stadtrand in einem Vorort wohnten. Auf den Weg zur Arbeit fuhren sie stets durch das dicht befahrene Stadtviertel Shinjuku. Ihr Ziel, die Künstleragentur Jonathan's Talent Factory, befand sich in einem anderen namens Shibuya.
Beide blendeten bereits automatisch jegliche blinkende Werbung auf Reklameschildern oder überdimensionalen Flachbildschirmen aus, die an den modernen Hochhäusern angebracht waren. Gerade Shinjuku und Shibuya, die beiden Paradiese für jeden Einkaufsliebhaber, waren randvoll davon.
Sie überquerten eine Kreuzung und eine Ampel nach der anderen. In Tokio könnte die Ampelanzahl nahezu der Bevölkerungsanzahl Konkurrenz machen.
Zoey rutschte auf ihrem Sitz unruhig hin und her und fragte zögerlich: „Macht es dir eigentlich gar nichts aus, dass sie... naja, so viele Affären hat? Findest du das wirklich in Ordnung? Ich mache mir einfach nur Gedanken, weißt du.“
Akai warf ihr einen langen Blick zu und schien über die Frage nachzudenken. Sie war kurz davor, erbost zu fragen, ob er überhaupt zugehört hatte, als er endlich zu sprechen anhob:
„Zoey, Suzuka ist eine erwachsene junge Frau. Ich habe nicht das Recht, ihr einen Lebensstil vorzuschreiben.“
Seine Stimme war ein sanfter Bariton, die tiefste Saite eines Kontrabass. Beruhigend, gemächlich und doch voller Autorität. Allerdings konnte seine Ruhe sie manchmal richtig aufregen. Um einen sachlichen Tonfall bemüht, entgegnete Zoey: „Aber du könntest aufhören, sie bei manchem Unsinn zu unterstützen. Zum Beispiel brauchst du nicht unbedingt nachgeben, wenn sie dich um Geld bittet. Ihr Gehaltsscheck ist doch ausreichend genug.“
„Zoey, ich gebe ihr die gleiche Aufmerksamkeit wie dir. Ihr seid mir beide wichtig. Du weißt, dass ich dich genauso unterstützen würde, wenn du mich nur fragst.“ Eine verhohlene Warnung schwankte in Akais Stimme mit.
Es war ein Zeichen dafür, dass sie aufpassen musste, um seinen Geduldsfaden nicht über zu strapazieren. Nicht, dass sie etwas zu befürchten hätte, wenn er wütend wurde, aber sein hartnäckiges Schweigen konnte oftmals unerträglicher sein, als wenn er sie angeschrien hätte.
„Wenn du dir Sorgen machst, dass uns das Geld ausgeht, dann brauchst du keine Angst haben. Wir haben noch genügend Polster. Irgendwo hat dein Großvater schon noch ein paar Säcke Gold vergraben.“ Ein kleines scherzhaftes Lächeln zeigte sich auf seinem jugendlichen, bartlosem Gesicht und er sah sie spöttisch an.
Trotzdem müssen wir es nicht zum Fenster hinauswerfen!, rief sie gedanklich aus und biss sich auf die Lippen. Wenn ich es wie Suzuka machen würde, dann hätte ich schon längst meine neue digitale Spiegelreflexkamera! Aber weil es meine Sache ist, will ich sie mir selbst verdienen.
Das war einer der Gründe, weshalb sie seine Assistentin im Tanzunterricht der jungen Idole war. Dafür bekam sie ein faires Honorar. Es war besser bezahlt, als wenn sie in einem Café jobben würde.
Zoey beschloss das unangenehme Thema ruhen zu lassen. Bald würden sie in der Agentur ankommen, daher sollte sie sich lieber auf ihre bevorstehende Aufgabe konzentrieren. Akai konnte im gleichen Maße dickköpfig wie großzügig sein. Dieser Charakterzug brachte sie bloß auf die Palme, wenn sie zu viel darüber nachdachte. Es blieb wohl nur abzuwarten, bis Suzuka sie alle in den finanziellen Ruin trieb.
Sie erreichten Shibuya und fuhren über eine Hauptkreuzung mit breiten Zebrastreifen. Dabei passierten sie ein großes gläsernes Einkaufzentrum.
Auf dem Bürgersteig strömte eine Masse von Japanern an ihnen vorbei. Männer waren mit schicken Mänteln und dunklen Anzügen bekleidet, Frauen mit hellen Kostümen.
Unweit von Shibuyas beliebter Einkaufsmeile befand sich die Jonathan's Talent Factory auf einem abgezäunten, geschlossenen Platz. Die Agentur bestand aus drei hohen modernen Glasbauten.
In Tokio war jeder Quadratmeter eines Grundstückes Unsummen wert, daher konnte sich selbst die schwer reiche Agentur keinen mit Blumen und Zierbäumen schön bepflanzten Vorplatz leisten. Eine breite zweispurige Straße umsäumte das Gelände und erweckte den Eindruck, als wäre es eine einsame Insel in einem Meer aus Hochhäusern. Direkt gegenüber, auf der anderen Straßenseite, wechselten sich Restaurants mit Imbissbuden, Kioske, kleinen feinen Boutiquen oder Billigläden und Supermärkten ab.
Neugierige Besucher und Touristen spazierten gerne am Zaun entlang, an welchem große farbige Werbeplakate der JTF-Künstler aufgehängt waren. Es war aber ihnen verboten, das Gelände zu betreten. Jedes Fahrzeug passierte eine Schranke mit zwei Wachmännern, ehe es anschließend in einem hauseigenen breiten Parkhaus fuhr. Das war das erste Gebäude, welches rechts neben dem Hauptgebäude mit Verwaltungsbüros und den Räumen der Agenturleitung stand. Am breiten Eingang des Hauptgebäudes, welcher automatische Schiebetüren aus Glas besaß, standen zwei weitere grün uniformierte Sicherheitsmänner mit Schlagstock und Waffe. Sie hatten die Befugnis, Verdächtige zu durchsuchen. Schließlich wurde an der Empfangsrezeption verlangt, dass man sich als Mitarbeiter auswies, ehe man endlich ins Gebäude durfte. Die meisten Besucher waren Prominente von anderen Agenturen mit ihren Managern. Für die Zeit ihres Aufenthaltes bekamen sie einen Besucherausweis ausgestellt.
Der Agenturname war einfach die wörtliche englische Übersetzung von „Jonathans Talentschmiede“, welches sich für das Publikum als sehr einprägsam erwies und auf den Vornamen des halbjapanischen Präsidenten Jonathan Hitoro Kitazawa zurückging.
Häufig wurde die Agentur ebenso mit „JTF“ oder von den kritischen Medien mit einem ironischen Beiklang „Jonathan's Factory“ abgekürzt, weil die sie systematisch Kinder im jungen Alter von zwölf bis vierzehn Jahren castete und aus ihnen Unterhaltungskünstler machte.
Jonathan's Talent Factory brachte nur männliche Künstler heraus. Beim Casting, welches zweimal im Jahr veranstaltet wurde, durften junge Teilnehmer ihr Talent in Gesang, Tanz und Schauspiel unter Beweis stellen. Ein wichtiges Kriterium war allerdings ein gutes natürliches Aussehen, der höchste Vermarktungswert von JTFs Künstlern. Die besten der Casting-Kandidaten wurden unter Vertrag genommen und mit Tanztraining, Schauspiel- und Gesangsunterricht auf ihr Debüt in einer Boyband vorbereitet, welches sie meistens mit Anfang zwanzig machen durften.
Da Fans ihre Lieblingskünstler nicht nur idealisieren, sondern auch noch regelrecht vergöttern, pflegt man diese in Japan mit einem Begriff zu bezeichnen, dem sie eine neue eigenständige Bedeutung zugewiesen haben: „Idol“.
Obwohl es für Fans gleichbedeutend mit „Vorbild und Ideal“ ist, behaupten kritische Zungen, dass der englische Begriff „idol“ eigentlich wörtlich übersetzt „Gott“ bedeutet. Doch den Fans war das einerlei.
Akai Ishida war einer von neun Tanzchoreographen, die in der Jonathan-Agentur beschäftigt wurden. Er studierte mit den Sängern und Hintergrundtänzern ihre Tanzeinlagen für Musikvideos, TV-Shows und Konzerte ein. Sein Wochenplan war von früh um acht bis abends um zehn ausgefüllt. Dabei waren die Extratrainingseinheiten, wenn ein großes Konzert oder Show bevorstand, nicht einberechnet. Obwohl für die große Anzahl von hundertfünfzig bis zweihundert Künstler es viel zu wenige Tanzlehrer gab, wurden in der Agentur niemals mehr als zehn angestellt. Man wusste nicht warum.
Um sich auf den heutigen Tag vorzubereiten, wo sie gemeinsam mit ihrer neuen Traningsgruppe anfangen würden, hatte Akai seit circa zweieinhalb Wochen mit seiner Tochter den Tanz für die Gruppe ausgearbeitet und einstudiert. Jeden Abend hatte in ihrer eigenen Tanzhalle konsequent Training für mehrere Stunden stattgefunden.
Die ganze Zeit hatte Akai ihr nicht erzählt, wen sie gemeinsam unterrichten würden und Zoey konnte ihre Neugierde mittlerweile kaum noch in Zaum halten. Die Choreographie enthielt dermaßen viele umständliche Elemente mit variierenden Soloeinlagen, dass sie nur von geübten Tänzern umgesetzt werden konnte. Ohne die unbarmherzige Disziplin ihres Vaters hätte sie diese niemals in den Griff bekommen.
Auf den Weg zu den Trainingsräumen, die sich im Gebäude links neben dem Hauptgebäude befanden, schritten Akai und Zoey lange, sterile Flure entlang. In regelmäßigen Abständen standen gepflegte, große Topfpflanzen - wie Gummibäume oder Stechpalmen - um der grauen Umgebung etwas biologische Farbe zu verleihen. Tageslicht schien durch die von außen verspiegelte Glasfassade und flutete durch die Gänge.
Sie liefen nebeneinander her und strahlte Akai seine Tochter von der Seite an. „Heute habe ich die neue Gruppe.“
Seine braunen Augen leuchteten regelrecht, ein winziger Hinweis auf seine innere Erregung, in seiner sonst gefassten Haltung.
„Aha?“, machte Zoey. Das bevorstehende Training verdrängte sofort ihren Frust über die häuslichen Angelegenheiten. „Die neue Trainingsgruppe, soso. Verrätst du es mir endlich, nachdem du so es lange verschwiegen hast?“
Den spitzen Unterton konnte sie nicht ganz aus ihren Worten verbannen, aber er grinste nur umso breiter und lüftete das Geheimnis: „Es ist die Band ATTECK.“
Er ließ seine Offenbarung erst einmal setzen, wobei er sie erwartungsvoll ansah. Dann fuhr er fort: „Die Jungen sind die absoluten Stars momentan. Sie haben mit ihren Singles mehrere Nummer-Eins-Hits gelandet. Läuft in den Charts hoch und runter.“
Mit dieser Information konnte er sie wenig reizen, denn sie hörte selten die Musik in den aktuellen Chartlisten.
Gesprächig erzählte weiter: „Eigentlich stand schon eine Choreographie von meinem Kollegen Ito fest, aber plötzlich kam der Musikdirektor Kurosaki zu mir und bat mich, eine andere für ihren geplanten Konzertauftritt zu entwerfen, obwohl ich schon ein Projekt laufen hatte. Der Song dazu ist etwas spanisch angehaucht und mit dem ursprünglichen Konzept war er wohl nicht richtig zufrieden. Spanische Takte mit der japanischen Sprache zu vermischen und das Ganze auch noch gut tänzerisch umzusetzen, ist ziemlich schwierig.“
„Und deine Choreographie hat ihm besser gefallen?“, gab sie endlich etwas von sich.
„Ja, wir es zu dritt ausgewertet und Ito und ich haben praktisch getauscht.“
„War Ito-san darüber - naja, nicht sauer, oder so? Dass du ihm sein Projekt wegnimmst“, wunderte sie sich.
Akai stieß ein leises, heiseres Lachen aus. „Überhaupt nicht. Du kennst Ito doch, er steht mehr auf oder hip-hop-mäßiges und das Lateinische ist nicht so sein Geschmack. Er war mir sogar dankbar.“ Er warf sich enthusiastisch in die Brust. „Jedenfalls, ich freue mich darauf die neuen Jungs kennen zu lernen. Weißt du, sie haben wohl jeder so ihren eigenen Stil und die Mitglieder sind ziemlich unterschiedlich. Es wird eine Herausforderung. Aber wir können mit ihnen sicherlich gut zusammenarbeiten, sie sind nicht ohne Talent. Ich habe mir schon ihre Bewegungen in Videos angesehen. Vor allem die Frontjungen tanzen gut.“
Sie lächelte über sein glückliches Gesicht, denn er schien seine Arbeit einmal mehr zu lieben.
„Natürlich darfst du sie nicht mit amerikanischen Tänzern vergleichen, aber unsere Idole arbeiten genauso hart“, lenkte er ein.
Unterwegs hob er hin und wieder grüßend die Hand, wenn ein Kollege ihm einen guten Morgen wünschte oder auf sich aufmerksam machte. Größtenteils waren es Damen, doch Akai schenkte ihnen das gleiche neutrale Lächeln wie jedem anderen Arbeitskollegen.
Sie beschleunigten ihre Schritte und er zupfte seine olivfarbene Jacke zurecht, deren Schnitt seine schlanke Gestalt betonte. Ihr Vater zog sich für die Arbeit immer schick an, denn er war auf einen seriösen Eindruck bedacht. Zoey und Suzuka halfen ihm dabei öfters aus, die richtige Kleidung auszuwählen. Um ihn als Tochter nicht zu
blamieren, passte sich Zoey ihm ordnungsgemäß an. Gewöhnlich brauchte es nicht einmal viel Aufwand, um für die Agentur ansehnlich gekleidet zu sein. Ein paar Accessoires, hohe Schuhe, tadellose Hose, Bluse und schicke Jacke. Das reichte schon aus, um in die Umgebung zu passen. Obwohl es in der Agentur noch mehr von herausgeputzten Mitarbeiterinnen wimmelte. Neben diesen fand sich Zoey bescheiden. Aber sie war sowieso nicht daran interessiert, mit anderen Frauen in der Agentur um den ersten Platz der Schönsten zu wetteifern.
Zoey sah ihrem Vater an, dass er neugierig darauf war, ob sie ATTECK kannte.
Natürlich, wie soll ich nicht, wenn ihr Zahnpastagrinsen ständig vergrößert zu sehen ist?, dachte sie.
Das ganze Programm wurde durchgezogen, um die Band zu vermarkten: Man sah Plakate von ihren sechs Gesichtern an den Wänden der U-Bahntunnel und in den Einkaufspassagen. Es gab mit der Band Werbespots für ihre Musik, für Toilettenartikel oder Getränke, die auf Bildschirmen in den Hochhäusern abgespielt wurden. In regelmäßigen Abständen wurden sie auf Titelbildern von Zeitschriften abgebildet und ihre Musik lief in den meisten Boutiquen im Hintergrund. Selbst wenn man gewollt hätte, vor ATTECK konnte man sich nicht schützen. Sie verfolgten einen in Tokio überall hin.
Allerdings hatte Zoey sich nie viele Gedanken um diese Band gemacht. Idole kamen und gingen in der japanischen Unterhaltungsindustrie, je nachdem wie viele Fans sie gewannen oder verloren. Sie beschäftigte sich wenig mit ihnen, weil deren Musik meistens nicht von Dauer war. Sie selbst mochte lieber westliche Musik oder japanische Rockbands. Aber um Akai die Freude nicht zu verderben, verbiss sie sich eine entsprechende Bemerkung. Sie hatte großen Respekt vor seiner Arbeit und eine Karriere als Tanzchoreographin war auch ihre Alternative, falls sie es mit der Fotografie nicht weit brachte.
Insgeheim hoffte sie nur, dass die neuen Jungen nicht zu arrogant waren. Erfolg ging oftmals mit derlei Nebenerscheinungen einher. Gerade unter solchen Menschen fühlte sie sich alles andere als wohl, aber sie würde es ihrem Vater niemals gestehen. Es machte ihr Spaß mit ihm zu unterrichten und das war das Wichtigste. Die Freude am Tanzen durfte sie sich nicht nehmen lassen.
Im Umgang mit anderen Menschen fiel es ihr selten leicht, geduldig zu bleiben, wenn sie mit gekünsteltem Auftreten konfrontiert wurde.
Aber sie wusste, dass es nur Komplikationen gab, wenn sie sich mit den kostbaren Sternchen der Agentur anlegte. Als kleine Beschäftigte in der Agentur war Zoey zwar relativ unbedeutend, aber immer noch Akai Ishidas Tochter, den die meisten namentlich kannten. In seinem Beruf gehörte er zu den besten und sogar bekanntesten Choreographen. Sein Name war für andere Agenturen durchaus ein Begriff.
Sie wollte keinesfalls seinem Ruf schaden, deswegen war es klüger, ihr Missfallen für das überhebliche Verhalten der Idole unter sicherem Verschluss und unter dem Deckmantel der höflichen Distanz zu wahren.
Im Grunde genommen gehörten die Idole doch nicht mehr sich selbst, wie sie manchmal dachte. Hatten sie in dem Geschäft überhaupt die Chance erwachsen zu werden? Wer wusste, ob manche nicht ganz annehmbare Charaktere besaßen, wenn Zoey sie in einem anderen Umfeld kennen lernen würde. Hier ging es nur darum, der oder die Beste zu sein und es erschien in ihren Augen traurig. Aber was wusste sie schon als Außenseiter? Besser sie hielt sich zurück mit ihren Urteilen, die sie manchmal zu schnell fällte. Ein Fehler, um den sie sehr wohl wusste, aber sie konnte sich einfach nicht zurückhalten...
Der Tanzraum befand sich ganz am anderen Ende des Gebäudes, welches ausschließlich in Trainingsräume, Musikaufnahmestudios, Übungsräume für Schauspiel und Gesang sowie Studios für kleinere Talkshows gegliedert war.
Sie hatten noch genügend Zeit, weil sie gewöhnlich zwei Stunden früher von zu Hause los fuhren, um ausreichend Spielraum zu haben, wenn die Straßen verstopft waren. Demzufolge waren es noch zwanzig Minuten bis zum Beginn des Trainings hin.
Zoey ging zum Kleidungswechsel direkt in den angrenzenden Umkleideraum, während Akai den Tanzraum betrat, die Lichter einschaltete und die Stereoanlage überprüfte. Alles war renoviert, mit frisch eingelegtem Holzparkett und neuen Spiegeln, die aufs Höchste poliert glänzten.
In der geräumigen Umkleide zog sie hastig ihr schwarzes Sportoberteil an. Sie hatte Angst, dass jemand sie überraschte, höchstwahrscheinlich eine männliche Person, denn die Umkleiden waren nicht nach Geschlechtern getrennt. Es gab ja ausschließlich männliche Künstler in der Agentur.
Im Tanzraum ging die Musik an, irgendein amerikanisches Hiphoplied. Akai hatte sein Notebook angeschlossen. Ihr Vater sah zwar nicht so aus, aber er mochte es, zu Hiphopbeats zu tanzen. Er konnte sich überhaupt zu jeder Art von Musikrichtung bewegen, denn er hatte ein abgeschlossenes Tanz- und Choreographiestudium.
„Papa! Zu laut!“, rief Zoey durch die Tür, weil die Musik sogar durch den Umkleideraum dröhnte. Vielleicht fand er den Volumenregler nicht. Zoey streifte ihre lockere schwarze Trainingshose über die nackten Beine und richtete anschließend ihr Oberteil, obwohl es gar nicht nötig war. Bei ihrem geringen Brustumfang konnte wenig verrutschen und etwas Unerwünschtes hervorlugen, um sie in Verlegenheit zu bringen.
Hühnerbrust, pflegte Suzuka sie gerne aufzuziehen und verglich dabei angeberisch ihre eigene Oberweite, auf die sie stolz war. Suzuka konnte es auch selten lassen, ein tiefes Dekolleté zu tragen, was Zoey peinlich war, wenn sie zu dritt in ein Restaurant gingen. Dafür hatte Zoey Muskeln, einen straffen Bauch und lange durchtrainierte Beine, die mit denen der westlichen Models gut mithalten konnten. Sie sah nicht im Mindesten knochig aus, obwohl kein Gramm Fett an ihr war. Auf den ersten Blick wirkte sie fälschlicherweise mager, weil ihre Schlüsselbeine sichtbar waren, aber man erkannte bei genauerem Hinsehen die festen Muskelstränge unter ihrer weichen, hellen Haut.
Sie war ungefähr 1, 73 Meter groß und überragte Suzuka um anderthalb Köpfe, was diese insgeheim ein wenig ärgerte, denn immerhin war Zoey die „kleine“ Schwester. Ebenso wenig hatte Zoey ein Problem mit ihrem Gewicht. Im Gegensatz zu ihrer Schwester, die sich mit Diäten schlank hielt und noch dazu mit ihrer Naschsucht zu kämpfen hatte. Suzuka mochte Schokolade nur allzu gerne. Zoey hingegen vertrug keine.
Sie betrachtete sich im Ganzkörperspiegel, der im Umkleideraum an der Wand hing, während sie grob ihre Haare zusammenraffte und fest zusammen band. Diese waren kräftig und voll, deswegen waren sie kurz und in raffinierten Stufen geschnitten. Wie Akai hatte sie ein wenig natürliche Wellen und die Spitzen lockten sich. Er trug seine jedoch ganz kurz, weil es beim Tanzen angenehmer war.
Zoey machte sich nicht viel aus Haaren, deswegen hatte sie nicht den Drang verspürt, sie nach dem neuesten Trend zu bleichen. Braunschwarz ist okay, dachte sie und sah sich im Spiegel genauer an. Anstatt Geld für einen teuren Friseurtermin auszugeben, sparte sie lieber auf eine Kamera, die sie sich demnächst kaufen wollte.
Als sie den Tanzraum betrat, war ihr Vater mittlerweile auch umgezogen und wärmte sich mit Dehnübungen auf.
„Na, Schätzchen, aufgeregt?“, fragte er scherzhaft, dabei die Knochen knacken lassend.
„Geht so“, gab sie halb lächelnd zu.
„Das wird schon“, meinte er beruhigend. „Du hast ja den Tanz im Kopf, nicht wahr?“
„Ich hoffe es.“ Sie holte tief Luft und begann ebenfalls mit Stretching.
„Oh nein, so eine unsichere Antwort will ich nicht hören.“ Er zog tadelnd die Augenbrauen hoch. „War das ganze Training umsonst gewesen?“
Sie biss sich beschämt auf die Lippen und schüttelt heftig den Kopf. „Nein, ich kann noch alles. Ich gebe mein Bestes.“
„Ich erwarte auch nichts anderes.“ Zufrieden nickte er.
Zoey wandte sich ab, während sie ihre Arme lockerte. Sie wusste, dass er es nicht böse meinte, aber er setzte sie wieder unwillkürlich unter Druck. Fieberhaft rief sie sich die Tanzschritte, Bewegungen und den Ablauf der Choreographie wieder in Erinnerung. Sie war schwierig und sie durfte sich keinen Fehler erlauben.
„Sie kommen.“ Akais Gesicht hellte sich regelrecht auf und er strahlte Zoey mit leuchtenden Augen an. Jetzt wurde er zum Tanzlehrer, enthusiastisch und voller Energie. Nicht dass er etwa hibbelig wurde, aber sein gewohnter Gleichmut machte einer charismatischen und motivierenden Persönlichkeit Platz.
Es war kaum vorzustellen, dass dieser Mann zu Hause gerne in Yukata und Getas herumlief und sich zwei Stunden meditativ seinem selbst geschäumten und aufgegossenen Grüntee widmete. Akais Person vereinte auf belustigende Weise Tradition und Moderne.
Über die Fernbedienung schaltete er die Musik ab und stellte sich mit Zoey in der Mitte des Tanzraumes, rücklings zum Spiegel, der die ganze östliche Wand einnahm.
Die neue Gruppe tauchte in der Tür auf und stellte sich vor Akai und Zoey rasch in einer Reihe auf. Wie auf Kommando verbeugten sie sich gleichzeitig und sagten in vollendeter Höflichkeit: „Sensei.“
2. Kapitel
„Akechi Jin
Takano Kôji
Takahashi Yuuto
Eda Takuya
Chitagu Jiro
and
Kamisaka Keisuke.
We are ATTECK.“
Nachdem die sechs Jungen sich jeder einzeln mit vollem Namen vorgestellt hatten, erhob Akai die Stimme: „Ich grüße euch ebenfalls herzlich, ATTECK. Mein Name ist Ishida Akai und ich bin seit ungefähr vier Jahren Choreograph bei Jonathan's Talent Factory. Aber zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich noch nie die Gelegenheit hatte, euch persönlich kennen zu lernen.“ Er lachte ein wenig in unverfälschter Verlegenheit und nahm damit Jin und den anderen unwillkürlich ihre Anspannung. Sein kehliges Lachen klang rau, aber nicht unangenehm, wie das rhythmische Läuten einer Tempelglocke zur Gebetsstunde.
Keisuke trat selbstbewusst vor und sagte im respektvollen, aber nicht unterwürfigen Tonfall: „Unser Debüt ist auch erst ungefähr zwei Jahre her. Wir waren wahrscheinlich zu neu, um von Ihnen unterrichtet zu werden, Ishida-Sensei. Ich habe aber schon von unseren Senpais von Ihnen gehört.“
Akai nickte lächelnd. „Stimmt. Zuletzt waren wir mit dem Programm der Winterkonzerte beschäftigt. Aber jetzt, wo sie es hinter sich haben, seid ihr mir zugeteilt worden.“
Jin bemerkte augenblicklich seine Ausstrahlung, die seltsamerweise beruhigend auf alle wirkte. Sollte ihr Wunsch von einem fähigen Tanzlehrer doch erfüllt worden sein?
Kôji grinste breit und mischte sich ein: „Ich habe die Aufnahmen von einem Konzert gesehen. Ihre Choreographien waren ziemlich beeindruckend.“
„Mister Kitazawa hat mir über die Schulter geschaut“, erwiderte Akai bescheiden, was eine typisch japanische Art war, Lob entgegen zu nehmen, indem man den Verdienst jemand anderem zuschob.
Während Ishida-Sensei von den anderen abgelenkt war, flüsterte Jin an Keisuke gewandt:
„Hey, woher kennst du ihn schon und wir nicht?“
„Ich habe mich nur mit den Senpais unterhalten. Er soll ziemlich anspruchsvoll sein, aber sehr sympathisch.“ Die Augen seines Freundes glänzten vor Vorfreude über die eventuelle Herausforderung.
„Wieso musst du die Leute immer vorher abchecken?“ Jin schüttelte grinsend den Kopf.
„Was?“, verteidigte sich Keisuke. „Ich war nur neugierig und wollte wissen, mit wem wir es zu tun bekommen. Im Gegensatz zu dir.“
„Was soll denn das heißen?“ Ehe Jin darauf etwas Schlagfertiges antworten konnte, wurde er von Akai angesprochen: „Akechi-kun, mein Kollege Ito hat mit dir den Auftritt für dein Solo Juice in eurem letzten Konzert gemacht. Das war beeindruckend.“
„Danke, Sensei“, beeilte er sich zu erwidern und straffte die Schultern.
Der Tanzlehrer wandte sich ab und machte eine Handbewegung zur Seite. „Das ist Zoey, meine Tochter und Co-Trainerin eurer Trainingseinheiten. Täuscht euch bitte nicht in ihrem jungen Aussehen, sie tanzt, seit sie auf eigenen Füßen stehen kann und hat sich als Trainerin sehr kompetent erwiesen.“
Mit ihrer Vorstellung durften die Jungen sich ihr endlich offen zuwenden und sie betrachteten das hoch gewachsene Mädchen mit gnadenloser, geballter Aufmerksamkeit. Schon als sie den Raum betreten und sie neben dem neuen Tanzlehrer erblickt hatten, waren ihre Augen wie automatisch von ihr abgelenkt gewesen, denn eine weibliche Trainerin hatten sie bisher noch niemals gehabt.
Jin wusste nur allzu gut, wie unangenehm es war, offen angegafft zu werden, aber es fiel ihm selbst schwer, sich abzuwenden, was ihn im ersten Moment zutiefst wunderte. Er wollte es aus Rücksicht tun, weil ihr anzusehen war, wie unwohl sie sich unter aller Augen fühlte. Aber er kam sich plötzlich so seltsam vor, als hätte er noch nie ein Mädchen gesehen. Davon war in dem Business wirklich keine Rede. Dennoch gab es etwas an ihr, was ihn neugierig anzog. Bei ihrem Anblick erfasste ihn eine ungewohnte Bewunderung.
Auffallender als eine hervorspringende Schönheit war ihr sehr agiler Körperbau, der Stärke, Gelenkigkeit und Eleganz ausstrahlte. Eine Tänzerin durch und durch, wie er fand und er verglich sie mit den Tänzern in amerikanischen Videoclips, die er gerne ansah. Sie war nicht nur einfach schlank und schmal, wie normale Japanerinnen meistens waren, sondern trainiert und hatte daher feste, muskulöse Kurven. Das gefiel ihm auf Anhieb. Allerdings war sie so überdurchschnittlich groß, was wohl an den Genen liegen musste. Jin verglich daneben ihren Vater, der sie noch um mindestens zehn Zentimeter überragte. Der Mann war sicherlich über 1, 80 Meter groß. Darauf konnte er glatt neidisch werden, den diese Größe war für japanische Männer ungewöhnlich, wenn sie nicht gerade gemischtes Blut hatten.
Zoeys oval geformtes, ebenmäßiges Gesicht mit den hohen Wangenknochen war ebenfalls nicht zu verachten. Es schien mit jeder Sekunde interessanter zu werden, je länger man es betrachtete. Das spitze Kinn war weich abgerundet und die Nase schmal. Ihre Augenbrauen waren nicht zu dünn und in einer passenden schönen Linie geschwungenen. Dazu machte ihr wirr zusammen gebundenes Haar, welches unregelmäßig ihre Stirn bedeckte, einen frechen Eindruck.
Obwohl sie scheinbar kühl und abweisend wirkte, waren ihre braunen Augen wachsam. Sie sah jedem mehr oder weniger offen an, ohne einem von ihnen den Vorzug zu geben. Plötzlich bemerkte Jin, dass sie ihn mit unsicheren Blicken bedachte. Sie trat ein wenig unruhig von einem Fuß auf den anderen und hatte ihre Arme hinter dem Rücken verschränkt.
Er deutete ein nichtssagendes, höfliches Lächeln an. Jetzt wusste er, wem der rote Schal gehörte, den er vorhin zufällig im Umkleideraum unter der Sitzbank gefunden hatte.
Slender, tender, tempting, dachte er in Ermangelung daran, einen passenden japanischen Begriff zu finden. Sein Lächeln vertiefte sich.
Nach seinem längeren Aufenthalt in Amerika war ihm die englische Sprache vertraut und ging ihm so leicht von der Zunge, dass es oft einfacher für ihn war, manche Dinge in Englisch auszudrücken. Im Japanischen konnte manches einfach nicht beim Namen genannt werden. Sofort fielen ihm neue Verse für einen Song ein. Mist, er konnte sich nicht auf der Stelle hinsetzen und diese festhalten. Das musste warten.
„Wie wollt ihr eigentlich angesprochen werden?“ Akais autoritäre Stimme zwang wieder seine Aufmerksamkeit auf sich. „Zoey und ich sind es gewohnt, dass man sich im Unterricht duzt, aber wir richten uns gerne nach euch.“
ATTECK verneinte sofort und erklärte sich einstimmig mit der persönlicheren Anrede einverstanden. So kam ihnen die Atmosphäre weniger förmlich vor.
Der Tanzlehrer akzeptierte die Antwort lächelnd und klatschte anschließend in die Hände. „Wir werden euch jetzt die neue Choreographie zu eurem Song One Night in Andalucía vortanzen, damit ihr sehen könnt, was euch erwartet. Und dass ihr selbst eure Meinung dazu abgebt, wie es euch gefällt oder ob es für euch machbar ist.“ Er sah seine Tochter fragend an. „Zoey?“
Sie neigte den Kopf als Zeichen, dass sie bereit war und zog ihr schwarzes Sweatshirt aus. Keisuke streckte ihr freundlich die Hand entgegen, um ihr das Teil abzunehmen. Sie blinzelte kurz überrascht, dann lehnte sie mit einem verlegenen, schwachen Lächeln ab und legte es selbst über einen der Stühle ab, die am Rand des Tanzraumes für Zuschauer aufgestellt waren. Jin musste über Keisukes leichten, angesäuerten Ausdruck schmunzeln. Seine Augen streiften Zoeys schmale, aber grazile Schultern. Noch auffälliger erschien aber ihr eleganter Gang, als sie den Weg zum Stuhl zurücklegte. Es war eine Mischung aus Tanz und festen Modelschritt.
Aus ihrer Tasche holte sie zwei schwarze Männerhüte heraus, die im Stil denen der Gangster und Ganoven auf der Leinwand der Achtziger ähnelten, sowie zwei künstliche rote Rosen. Das war offensichtlich die geplante Dekoration für die Choreographie.
Unterdessen suchte Akai an seinem Notebook das Lied heraus, stellte die Lautstärke ein und reichte die Fernbedienung Keisuke, der ihm am Nächsten stand.
Die Jungen postierten sich so, dass Akai und Zoey freie Sicht auf den Spiegel hatten, aber von allen frontal betrachtet werden konnten. Gespannt verfolgten sie, wie beide sich mit aufgesetzten Hüten aufstellten. Gerade Haltung, die Schultern gestrafft, den Kopf gesenkt, die Augen unter der schrägen Hutkrempe versteckt.
Jin bemerkte, wie sich ihre Ausstrahlung zu verändern schien.
Keisuke ließ die Musik starten und Akai machte den Anfang. Der Hut war ihm tief ins Gesicht gezogen. In einer tröstenden Geste legte er sich die rechte Hand auf die linke Schulter.
Das Lied begann mit einigen schweren Klavierakkorden, dann folgte das rhythmische Aufeinanderschlagen von hölzernen Kastagnetten. Die erste Strophe war eine Einleitung.
Akai schlenderte in Schlangenlinien nach vorn, vollführte eine grazile Drehung, richtete in einer fließenden Bewegung die Ränder seines imaginären Jacketts. Jin hörte seine eigene kraftvolle Stimme auf japanisch singen, welche den gesamten Raum mit einer melancholischen Sehnsucht tränkte:
Die Nacht ist warm, in unserem Andalucía /
Ich machte mich bereit mit Carmen auszugehen /
Setze meinen stylischen Hut auf /
Tanze mit einer Rose im Mund die Straße entlang /
Auf dem Weg zu meiner Lady.
Der Choreograph setzte den Hut auf den erhobenen Kopf, küsste die Rose in der Hand und warf sie über die Schulter, die Zoey hinter ihm auffing. Das war ihr Einsatz und ihr Körper begann die Geschichte weiter zu erzählen.
Die Verse wurden wiederholt, aber die Bewegungen dazu waren diesmal pure Impulsivität. Der Rhythmus beschleunigte sich und mit ihm Zoeys Schritte in einer schnellen Abfolge. Die temperamentvolle Musik nahm ihre schlanke Gestalt in Besitz und schien sich dadurch zu personifizieren. Drückte etwas zwischen Verlangen, Herausforderung und Verlockung aus. Bei den Bewegungsvariationen des Tanzes verschlug es ATTECK die Sprache. Wie konnte jemand seine Glieder nur so unabhängig voneinander bewegen?
Ein Viertel ihres Gesichts blieb unter dem Hutrand verborgen, doch Jin sah eindeutig, wie sich ihre vollen Lippen bei den gesungenen Worten zu einer verführerischen Rundung formten. Für einen Moment drückte ihr Körper mit lasziven Hüftkreisen unverhohlene Erotik aus, die sich aber ebenso rasch verflüchtigte, wie sie gekommen war und stattdessen einer schweren Melancholie wich. Mit einer eleganten Handbewegung prüfte sie die imaginäre Krawatte am Hals und strich sich anschließend über den Hutrand. Das Lied sang weiter von der wartenden Liebsten. Würde sich das Paar darin wiederfinden?
Mit Staunen beobachtete Jin, wie der betörende Rhythmus der Kastagnetten Ausdruck in den fließenden Bewegungen ihrer Glieder fand. Er wollte sich nichts davon entgehen lassen, um das Prinzip des Tanzes zu erfassen.
Es war atemberaubend, aber nicht weniger war es die Tänzerin selbst. Jin wusste, wie viele Jahre hartes Training nötig war, um ein derartig hohes Niveau zu erreichen. Sein Ehrgeiz, genauso gut zu werden, begann sich in ihm zu regen.
Plötzlich packte Zoey den Hut, warf ihn von sich. Dabei fielen ihre zusammengebunden Haare auseinander. Sie schien sich nicht darum zu kümmern und blickte stattdessen die beiden Sänger direkt an. Herausfordernd und überlegend. Ihr Kinn reckte sich und ihre Hingebung zur Musik verdoppelte sich.
Das nächste Solo folgte, wieder von Akai vorgetanzt, als Keisukes Stimme von Kôji abgelöst wurde. Der Tanzlehrer tauchte im Hintergrund auf und lenkte mit einer schnellen doppelten Schraubendrehung die Aufmerksamkeit auf sich. Zoey ging vor ihm auf die Knie und reichte ihm die Rose. Er erweckte den Eindruck eines Draufgängers, der die Blume locker zwischen Daumen und Zeigefinger der rechten Hand hielt. In einer fließenden Bewegung wurde der Hut zum Gruß abgenommen und es folgten schnelle Tanzschritte mit vielen Drehungen, wobei sich unendlich kleine Muskeln bewegten.
Als Yuutos klare Stimme die nächsten Verse sangen, kam Zoey wieder zum Einsatz.
Diesmal war der Oberkörper viel im Einsatz, er verbog sich in alle Richtungen, während die Hände lässig provozierend gestikulierten. Dieser Part besaß einige Elemente des Rap, denn Yuuto setzte sein Beatbox-Können ein. Darauf folgte Takuyas Gesang und Akai tauchte wieder im Vordergrund auf.
So tanzten Vater und Tochter abwechselnd die Solos vor, die sich ab jeder dritten Strophe ablösten, während das Lied aus den Boxen tönte.
Als die letzten Takte verklangen, herrschte nichts als Stille im Raum. Sie wurde lediglich durch Zoeys und Akais Keuchen unterbrochen, was aber rasch verebbte. Das ließ vermuten, dass ihre Ausdauer noch längst nicht überfordert war, aber die schnellen Bewegungen forderten freilich den Körper heraus.
Dann gab Kôji als erster Applaus und drückte seine ehrliche Begeisterung aus: „Wahnsinn! Einfach nur Wahnsinn! Ishida-Sensei, wenn Sie uns den Tanz beibringen, dann...“
Die anderen stimmten nickend mit ein.
„Trauen sie uns die Choreographie wirklich zu?“, fragte Takuya als einziger skeptisch und legte seine hohe Stirn in Falten.
„Auf jeden Fall. Mit Übung kriegt ihr alles hin. Außerdem sieht es komplizierter aus, als es ist“, sagte Akai beruhigend und kontrollierte seine Atemung. Er suchte in seiner Sporttasche nach einer frischen Flasche Wasser, schraubte sie auf und trank daraus in tiefen Schlücken. Dann reichte er Zoey eine zweite ungeöffnete Flasche, die sie mit einem Danke entgegen nahm.
ATTECK setzte sich auf die freien Stühle und begannen miteinander über die Choreographie zu diskutieren.
Jin nutzte den Moment ihrer Ablenkung und sagte an Zoey gewandt: „Das war wirklich genial. Ich bin von deinem Können richtig...“ … stunned.
Dammit, ihm fehlte das richtige japanische Wort und er flüchtete sich in ein verlegenes Lächeln. Mit einer einladenden Handbewegung bot er ihr an, auf dem Stuhl neben ihm Platz zu nehmen. Ihre Augen weiteten sich merklich, dann deuteten ihre Lippen nur ein halbes Lächeln an. Kurz hauchte sie: „Danke.“
Anstatt sich aber zu setzen, trat sie einen großen Schritt von ihm weg, um den anderen stehend zuzuhören. Jin hatte keine Zeit mehr, sich zu wundern, denn Akai verschaffte sich bei den diskutierenden Bandmitgliedern Gehör.
„Die Solos lassen sich beliebig in der Choreographie austauschen“, erklärte er. „Wir haben gedacht, ihr tanzt jede durch und stellt selber fest, welchen Part ihr am besten könnt.“
„Aber wir müssen nebenbei auch noch singen“, wandte Takuya zweifelnd ein, der es als sehr anstrengend empfand, gleichzeitig zu tanzen und zu singen. „Dafür finde ich den Tanz wirklich zu kompliziert. Allein die Abfolge im Kopf zu behalten, wird schwierig.“
„Taku, hör auf schwarzzumalen“, sagte Keisuke daraufhin und legte ihm die Hand auf die Schulter. „Du hast bisher jeden Auftritt hinbekommen. Ich war der einzige, der je seinen Text vergessen hat.“
„Wir können die Solos zwischen dem Gesang platzieren“, schlug Akai vor. „Es könnte gut klappen.“
„Es gibt aber zwei Solos, bei denen es sich nicht vermeiden lässt, zu tanzen und zu singen“, meldete sich Zoey auch zu Wort und erklärte: „Wenn alle Solos im gesanglosen Teil getanzt werden, dann geht die Choreographie mit dem Song nicht auf.
„Ach ja, du hast recht“, gab er mit einem verstehenden Nicken zu.
Keisuke machte einen weiteren Vorschlag: „Chita und Jin gelingen Gesang und Tanz gleichzeitig sehr gut. Die beiden sollten die jeweiligen Parts übernehmen. Wenn nicht, dann könnten wir vielleicht ein paar Tanzschritte kürzen.“
Besagte sahen ihn verdattert an, widersprachen aber nicht, weil er leider recht hatte. Allerdings war Jin nicht darauf erpicht, das Schwierigste tanzen zu müssen. Umso höher war die Wahrscheinlichkeit, dass er wieder patzte und die anderen hatten einen neuen Grund, ihn aufzuziehen.
„Gut.“ Akai nickte zufrieden. „Dann lasst uns einfach anfangen. In sechs Wochen müssen wir die die Schritte drauf haben. Natürlich hätte der Musikdirektor gerne, dass wir es früher schaffen, er verhandelt schon wegen der Auftritte.“
Irritiert warf Kôji ein: „Wie sollen wir den Tanz nicht hinkriegen? Wir üben doch täglich!“
„Ich bin sicher, dass ihr den Tanz selbst schon in zwei bis drei Wochen könnt, aber um dabei ausdrucksstark und nicht nur technisch gut zu sein, brauchen wir vielleicht länger“, sagte Akai lächelnd.
Die Art, wie er es betonte, ließ die Sache schwieriger klingen, als ATTECK gedacht hatte.
„Ausdruck? Woher wollen Sie wissen, dass wir das nicht haben, Sensei?“, entgegnete Jiro, offensichtlich ein wenig angegriffen. Sein Blick durchbohrte herausfordernd Akai und er richtete sich zu seiner vollen Größe von 1, 80 Metern auf, verschränkte er die Arme vor der Brust verschränkte.
Akai maß ihn mit einem langen Blick, ging aber nicht auf die Bemerkung ein und meinte nur lässig: „Das werde ich gleich feststellen.“
Damit begab er sich auf die Tanzfläche.
3. Kapitel
Like an amazing Butterfly, you're dancing gently
I can catch a glimpse of your beautiful back
But I'm afraid of reaching out my hand
If I touch your colored wings, I might break you
Sweet, confusing Butterfly
(Jade: Butterfly)
Akai hatte Zoey nicht zu viel versprochen. Die sechs Idole waren technisch gesehen wirklich fit. Innerhalb der ersten drei Stunden Training hatten sie bereits die Einführung einstudiert und mehrmals geübt. Bei dem Tempo würden sie die Choreographie sehr schnell beherrschen.
Nach dem Training setzten sich Vater und Tochter auf jeweils einen Stuhl am Rande der Halle und tranken schweigend aus ihren Wasserflaschen. ATTECK war in Richtung Umkleideraum verschwunden.
Sie waren alle ganz schön ins Schwitzen gekommen. Keiner machte eine Ausnahme, auch Zoey nicht. Aber sie mochte es, nach dem Tanzen geschafft zu sein, denn das war für sie ein befriedigendes Gefühl.
Eine Weile saßen sie einfach schweigend da und hingen ihren eigenen Gedanken nach. Eine große Uhr an der Wand zeigte, dass es schon nach dreizehn Uhr war. Die Kantine der Agentur hatte noch anderthalb Stunden offen. Wenn sie sich beeilten, würden sie noch eine warme Mahlzeit zu sich nehmen können. Aber Zoey musste warten, bis ATTECK den Umkleideraum verlassen hatte, damit sie ebenfalls in ihre normale Kleidung wechseln konnte.
In diesem Aufzug zum Essen zu erscheinen, würde einen sehr schlechten Eindruck hinterlassen. Außerdem wollte sie noch duschen. Es war ein Luxus, dass es neben den Tanzräumen Duschkabinen gab, sonst könnte man die Tänzer schon auf eine Meile riechen. Als Trainer hatten sie auch noch zweimal extra frische Sportkleidung dabei, weil sie ihren verschiedenen Tanzgruppen nicht verschwitzt und abgekämpft entgegentreten konnten.
Nach ATTECKs Training kamen jetzt die Background-Tänzer mit einer abgewandelten Choreographie an die Reihe, die genauso viel Aufmerksamkeit und Energie abverlangte.
Deswegen wollte Zoey auf jeden Fall etwas Richtiges essen, sonst würde sie Schwierigkeiten haben, die nächsten vier Stunden durchzuhalten. Das Frühstück lag schon Stunden zurück und sie hatten noch einen langen Tag vor sich.
Ungeduldig lauschte sie, ob die Jungen schon gegangen waren. Zu ihrer Enttäuschung hörte sie es hinter der Wand immer noch rumoren.
„Denkst du, ich verlange zu viel von den Jungen?“ Akais Frage überraschte Zoey.
„Meinst du, weil es uns angestrengt hat?“, entgegnete sie verwundert. „Ich denke, das ist normal. Ein Tanztraining wäre nicht gut, wenn es dich nicht fordern würde, oder? Denke ich zumindest.“ Sie erinnerte sich an ihre abendlichen Trainingsstunden, die er zur Vorbereitung mit ihr durchgeführt hatte und empfand demzufolge die erste Stunde mit ATTECK sogar noch als seicht.
Ihr Vater schüttelte den Kopf. „Nein, ich meine, hab ich zu viele Erwartungen? Ist die Choreographie nicht doch zu kompliziert?“
Sie runzelte die Stirn. „Direktor Kurosaki-san war doch damit einverstanden, oder? Außerdem, wenn du geduldig wie immer bleibst, dann wird das sicher funktionieren. Geduld ist am wichtigsten.“
„Tja, ich weiß nicht, ob wir diesmal überhaupt Zeit für Geduld haben. Kurosaki plant schon eifrig, weißt du.“ Er lächelte belustigt bei dem Gedanken an seinen Vorgesetzten.
Sie versuchte seine Zweifel nachzuvollziehen, wusste aber nicht, welche Worte er hören wollte. Wenn Akai sie um ihre Meinung fragte, dann empfand sie es als komisch, ohne zu wissen, warum. Vielleicht, weil er ihr Vater war und auch damit irgendwie ihr Vorbild gewesen ist - es noch war. Sie traute ihm nicht wirklich so etwas wie Unsicherheit zu, denn bisher hatte er immer sie belehrt.
Ihm schien es aber nichts auszumachen, sie um Rat zu fragen, daher sollte sie sich langsam von der Vorstellung lösen, dass er alles konnte. Akai hatte sie nicht auf die konventionelle japanische Art erzogen, wo Kinder niemals an ihren Eltern zweifeln durften.
Nachdenklich kratzte er sich am Kinn und sagte eindeutiger: „Drücke ich ihnen meinen Ehrgeiz auf?“
Sie lächelte flüchtig und hätte nur allzu gerne bejaht, wie Recht er hatte. Aber lieber nahm sie einen tiefen Schluck und meinte anschließend ausweichend: „Ist das nicht normal? Du bist immerhin der Lehrer. Ich denke, die Gruppe packt das sicher. Sie sind sehr talentiert und vor allem motiviert. Und ich denke, in Sachen Ehrgeiz sind sie dir ähnlich. Sie wollen schließlich Erfolg haben.“
„Nicht wahr? Habe ich dir doch prophezeit!“, stimmte Akai enthusiastisch zu.
„Nein, hast du mir eigentlich nicht“, widersprach sie.
Er ließ ein belustigtes lachen vernehmen. „Bist du etwa noch verstimmt, weil ich ein Geheimnis aus der neuen Gruppe gemacht habe?“
Als Antwort verzog sie nur den Mund und er grinste noch breiter. „Sorry, Schätzchen, ich fand es besser, wenn du sie unvoreingenommen kennen lernst.“
„Ich hätte mich zumindest auf sie einstellen können“, beharrte sie. „So weiß ich überhaupt nicht, wie ich mit ihnen umgehen soll.“
„Wie sollst du denn schon mit ihnen umgehen?“ Er klang eine Spur tadelnd. „Normal natürlich. Sie scheinen doch ganz umgänglich zu sein. Ich wollte dich einfach überraschen.“
„Aha.“ Sie sah ihn vielsagend an und enthielt sich einer weiteren Bemerkung. Im Stillen gab sie zu, dass er leider Recht hatte.
„Aber wie findest du die Jungen denn jetzt im Einzelnen?“, wollte er neugierig wissen.
„Ich denke, Kamisaka Keisuke sollte das schwierigste Solo übernehmen, es passt irgendwie zu ihm und er lernt ziemlich schnell“, sagte sie ehrlich, aber ohne seine Frage zu beantworten.
„Das dachte ich auch“, stimmte er zu.
Zoey horchte plötzlich auf, als sie das Schlagen einer Türe vernahm. Geschwind packte sie ihre dunkelblaue Sporttasche und erhob sich erleichtert. „Sieht so aus, als wären sie endlich fertig. Dann kann ich mich endlich frisch machen. Gehen wir anschließend essen?“
Er verneinte Kopf schüttelnd. „Sorry, ich habe eine Besprechung.“
„Was?“ Enttäuschung spiegelte sich auf ihrem Gesicht.
„Es ist wichtig.“ Er lächelte entschuldigend.
„Aber du brauchst auch was zu essen“, sagte sie missmutig und seufzte. „Na gut, wenn es nicht anders geht, dann bringe ich dir dann ein Bento mit, okay? Dafür hast du doch vor der nächsten Trainingseinheit noch Zeit, oder?“
Er zeigte ein gerührtes Lächeln. „Okay, das ist eine gute Lösung. Tut mir Leid, dass du alleine gehen musst.“
„Kein Problem“, sagte sie leichthin und wandte sich zum Gehen. „Dann bis später, Paps!“
Entgegen ihrer vorherigen Worte ging Zoey ungern in der Agenturkantine essen, weil sie das Gefühl hatte, dass über sie geredet wurde.
In der Tat hatte ihr Erscheinen unter den Mitarbeitern, die es erfahren hatten, für Aufsehen gesorgt. Sie war seit etlichen Jahren der erste weibliche Trainer bei JTF, jung und noch dazu Ishida Akais Tochter, welches kein Geheimnis geblieben war. Daher vermutete jeder insgeheim, dass sie logischerweise nur durch ihn in die Agentur aufgenommen wurde.
Akais engere männliche Kollegen kannten Zoey bereits und verhielten sich ihr gegenüber respektvoll, denn die Tanzlehrer waren privat miteinander befreundet.
Was aber die außenstehenden Mitarbeiter von JTF betraf, so hatten diese natürlich keine Ahnung davon. Aus diesem Grund gab es umso mehr böse Reden über Zoey. Aber auf der anderen Seite fragte sie sich, wer eigentlich nicht ohne Kontakte in die Agentur gekommen war.
Jonathan's Talent Factory beschäftigte bevorzugt Profis, auf jeden Fall Leute, die viel Erfahrung in der Unterhaltungsindustrie hatten und mit denen man produktiv und vor allem erfolgreich arbeiten konnte. Ein kleiner Nachteil ergab sich leider dadurch, dass die Erfahrenen eben etwas älter waren. Unter achtundzwanzig waren nur ganz wenige.
Aus irgendeinem Grund wurde Zoey von den meisten Frauen in der Agentur vollkommen ignoriert. Diese hatten aber keine Angst, hinter ihrem Rücken, über sie zu reden, viele nicht immer im freundlichen Tonfall.
„Da ist sie wieder...“
„Meine Güte, was für ein Show-off...“
„Diese langen Beine...“
„Bestimmt hat sie sich die verlängern lassen. So lange Beine sind doch bei uns nicht normal.“
„Koyuki ist auch circa 1, 72 Meter groß. Die Models sind alle so groß.“
„Aber sie ist doch keins! Sondern nur so eine läppische Assistentin im Tanztraining.“
„Und schaut mal auf ihre Figur! Wie ein Stecken, total abgemagert. Garantiert Essstörungen.“
„Auf jeden Fall.“
Zoey ignorierte das Getuschel und Gemurmel der drei Damen, als sie deren Tisch passierte. Warum hatte sie immer so ein Glück die Hühnerclique anzutreffen? Sie wusste nicht einmal ihre Namen. Nur, dass sie sich in der Agentur durch ihr stets tadelloses Aussehen ziemlich bekannt gemacht hatten. Aber solange es nur Worte waren, konnte sie es ignorieren.
Da sie nach den Tanzstunden zur Redaktion von der Modezeitschrift TL-Youth Style gehen musste, wo sie ein Praktikum machte, war ihre Kleidung heute eleganter, als es eigentlich ihre Gewohnheit war. Sie trug halbhohe Schuhe und passende schwarze Businesshose mit geradem Schnitt und Kniefalten. Dazu ein blaues Oberteil aus dünnen Stoff, welches dezent indisch gemustert war. Um ihren schlanken Hals hatte sie eine enge Kette aus roten Strassperlen angelegt und ein dazu passendes Armband ausgesucht. Das dunkle Rot des Schmuckes hob sich hübsch von ihrer hellen Haut ab. Sie hatte eine Schwäche für Accessoires aus Naturmaterialien wie Perlen, Mineralsteinen oder Muscheln.
Mit scheinbarer Unberührtheit nahm sie ein Holztablett in die Hand, um sich in der Schlange für die Essensausgabe anzustellen. Einige bekannte Kollegen Akais standen vor ihr. Als sie sie bemerkten, nickten sie ihr freundlich zu und sie verbeugte sich leicht vor ihnen. Akai hatte sie angewiesen, in der Agentur höflich, aber selbstbewusst aufzutreten, weil sie kein Schulmädchen mehr war. Auch wenn eine Unsicherheit sie befiele, so dürfe sie es sich nicht anmerken lassen. Im Ameisenhügel der Unterhaltungsbranche würde sie nur zu einem leichteren Opfer werden.
„Hi, wusste gar nicht, dass du auch in die Kantine wolltest. Du hättest dich uns gerne anschließen können.“
WAH!
Akechi Jin.
Nur eine Handbreit hinter ihr.
Sie hatte seinen Atem im Nacken gespürt. Wie war das noch mal mit Worten ignorieren?
Blut schoss ihr in die Wangen und heizte sie langsam auf. Sachte drehte sie sich zu ihm herum und sah sich ihm direkt Auge in Auge gegenüber.
Jin überragte Zoey vielleicht nur um fünf Zentimeter, trotzdem war sein ganzer Körper so nah, dass er um einiges imposanter wirkte. Sie konnte sogar sein Duschgel riechen. War es Zitrone oder Limone? Aber wie kam sie überhaupt auf den absurden unwichtigen Gedanken?
Zoey räusperte sich, um ihm irgendetwas zu antworten. Möglichst geistreich wäre auch noch schön. Aber sein plötzliches Auftauchen hatte sie so kalt erwischt, sodass ihr die Worte fehlten. Sie versuchte sich zusammenzureißen. Warum machte sein Anblick sie nur plötzlich so nervös? Es war fast erschreckend, was ein gut aussehender Mann auslösen konnte. Dabei war sie doch gar nicht so oberflächlich. Ihre Verstand war völlig nüchtern, was ihren Puls aber nicht daran hinderte, schneller zu schlagen. Sie schob die Aufregung auf ihre Überraschung.
„Ich wollte euch keine Umstände machen“, brachte sie nun mit Verspätung heraus.
„Das wäre kein Problem gewesen“, erwiderte er mit einem nichtssagenden Lächeln. Seine musternden Augen stürzten sie in Verlegenheit, vor allem, da er es so offensichtlich machte. Sie fragte sich verunsichert, was er wohl gerade dachte.
„Wo sind die anderen?“, fragte sie, um ihn abzulenken, und sah sich nach den restlichen ATTECK-Mitgliedern um.
„Dort drüben.“ Jin deutete mit seiner Hand zu einem Fensterplatz.
Die Gesichter der Jungen hatte sie sich bereits fest eingeprägt. Sie erkannte den kurzgeschorenen Kopf von Kôji, der bereits heißhungrig Essen in sich schaufelte und Takuya, der neben ihm saß. Yuuto und Keisuke befanden sich ihnen gegenüber und unterhielten sich während des Essens.
An der Salatbar griffen Jin und Zoey nach einer Salatschüssel. Es war die gleiche!
Seine Fingerspitzen streiften ihren Handrücken und brachten sie unerwartet ins Stocken. Dabei war sie weder kontaktscheu noch prüde, weil er ein Mann war. Sie wusste selbst nicht, weshalb diese kleine Berührung sich dermaßen intensiv anfühlte. Nur die Überraschung, erklärte sie sich abermals selbst.
„Sorry. Bitte“, entschuldigte er sich mit einem souveränen Lächeln und überließ ihr bereitwillig die Schüssel, um sich eine andere zu nehmen.
Bei den weiteren Gerichten fiel die Wahl ihrer Speisen ziemlich ähnlich aus. Als Vorspeise dunkle anstatt helle Misosuppe, Hauptgericht - gebratene Nudeln mit Hähnchen, Beilage - saurer Gurkensalat, Nachtisch - gebackene Bananen mit Honig. Nur beim Getränk nahm Zoey sich einen Mangosaft und er eine Cola.
An der Kasse angekommen, bestellte sie noch ein Bento. Während die Kassendame kurz in die Küche lief, flüsterte Jin leise in ihr Ohr: „Ist das alles für dich?“
Sie hatte Mühe, sich nicht anmerken zu lassen, wie überdeutlich ihr seine Nähe bewusst war. „Das Bento ist für meinen Vater“, beantwortete sie seine Frage falsch und brachte ihn zum schmunzeln.
Nach der Bezahlung wollte Zoey auf einen leeren Tisch in einer Ecke zusteuern, doch Jin hielt sie zurück. „Hey, willst du nicht mit zu uns kommen?“
Sie blinzelte ihn an und konnte dabei ihre Überraschung nicht verbergen.
„Kein Problem. “ Sie lächelte halbherzig. Es war für sie tatsächlich nicht schlimm, alleine zu essen, aber er missverstand ihre Antwort wohl als übertriebene Höflichkeit, denn er forderte sie daraufhin direkt auf: „Setzt dich doch einfach zu uns.“
Darauf konnte sie nicht ebenso direkt Nein sagen und lächelte zögerlich.
„Alleine schmeckt das Essen nicht halb so gut“, fügte er mit einem freundlichen Lächeln hinzu und sie nickte schließlich notgedrungen.
Die anderen ATTECK-Mitglieder schienen sich nicht daran zu stören, dass Zoey in ihre Gemeinschaft platzte. Sie blickten nur zuerst überrascht auf, als sie sie hinter Jin erkannten und begrüßten sie anschließend strahlend. Keisuke bot ihr sofort den freien Stuhl neben sich an und sie quittierte die Geste mit einem Lächeln. Jin nahm neben Kôji Platz, sodass er ihr direkt gegenüber saß.
Während die Jungen ihre Gespräche über den geplanten Tagesablauf wieder aufnahmen, fiel Zoey auf, wie Takuya gedankenverloren an seinen Sushistücken knabberte. Seine linke Hand bewegte sich dabei, als drückte er imaginäre Klaviertasten.
Es war interessant zu erfahren, wie der Zeitplan von ATTECK aussah. Sie hatten nach der Mittagspause wieder eines von den endlosen Gruppen-Shootings, wo das Styling länger dauerte als das Fotografieren selbst, wie Kôji scherzend bemerkte. Die Outfits der Jungen musste ja stimmig sein und trotzdem nicht langweilig. Es war immer schwierig, Individualität und Einheit miteinander zu verbinden, und das Ganze auch noch unter Zeitdruck.
Nach dem Shooting war ein Interview geplant. Die Sechs vermuteten, dass man ihnen wahrscheinlich zum hundertsten Mal bekannte Fragen stellen würde. Erst am Abend ab achtzehn Uhr durften sie endlich das Singen üben. Und gerade wenn sie bei dem waren, was ihnen am meisten Spaß machte, verging die Zeit viel zu schnell und sie konnten nach Hause gehen.
Zoey bewunderte ihre offensichtlich lockere Einstellung. Sie bekam erstmals ansatzweise ein Bild davon, wie stressig der Tagesablauf eines Idols wirklich war. Es war ihr insgeheim ein wenig peinlich, dass sie sich niemals Gedanken darum gemacht hatte.
Während sie zuhörte, wurde ihr Blick immer unwillkürlich von Jin angezogen, der seine Nudeln in Ruhe verspeiste und nicht mehr als nur ein paar sarkastische Bemerkungen fallen ließ.
Aus ihrer Gruppe stach er wegen seinem gut aussehenden Gesicht am meisten heraus. Die anderen waren ebenfalls nicht zu verachten, aber Jin hatte eine Ausstrahlung an sich, die sich schwer übersehen ließ.
Zoey ertappte sich dabei, wie sie ihn erneut erstaunt betrachtet, was sie während dem Training bereits unauffällig getan hatte. Diesmal beschleunigte sich ihr Puls aber unerklärlicherweise und eine kleine Verlegenheit bemächtigte sich ihrer.
Seine symmetrischen Gesichtszüge waren nicht im mindesten feminin, wie sie öfters bei Idolen festgestellt hatte. Im Gegenteil, er wirkte nicht nur maskulin, sondern war auch so gebaut, mit breiten Schultern und muskulösen Oberarmen, die sich unter seinem T-Shirt abzeichneten. Aber seine weich geschliffenen Wangenknochen verliehen ihm eine sanften Ausdruck, obwohl seine dichten Augenbrauen eine gewisse Dominanz auszudrücken schienen. Er hatte auffallend volle Lippen, eine längliche Nase und gebräunte Haut, die aber nicht künstlich aussah, als hätte er ein Sonnenstudio besucht. Obwohl sie ihn auf Werbeplakaten bereits gesehen hatte, erkannte sie ihn nicht wieder. Was ihr aber am meisten Sorge bereitete war die Tatsache, dass er sie dermaßen unruhig machte.
„Ishida-san.“ Zoeys Betrachtungen wurden durch Yuuto unterbrochen, der sie direkt ansprach. Stumm dankte sie ihm dafür.
„Wie alt bist du eigentlich?“ Neugierig sah er sie an.
„Zwanzig, aber bitte nennt mich einfach beim Vornamen. So gibt es keine Verwechslung mit Akai“, sagte sie sogleich.
„Zoey-chan, also“, nickte Yuuto. „Machst du das Tanztraining beruflich?“
Sie lächelte daraufhin verneinend. „Nein, ich bin auch nur unregelmäßig hier und nicht fest angestellt. Eigentlich studiere ich.“
„Was studierst du denn?“, mischte sich Kôji mit vollem Mund ein.
„Fotografie.“ Sie staunte, dass er sich trotz seines schnellen Esstempos weder verschluckte noch bekleckerte. Seine große sehnige Rechte ging mit den Stäbchen sehr geschwind um, während er das Gemüse im Essen aussortierte und an den Rand schob. Von dem Fleisch hingegen ließ er nichts liegen. Seine Vorliebe beim Essen war nur allzu offensichtlich.
Sie fing einen wissenden Blick von Keisuke auf, der ruhig neben ihr saß und um einiges gemächlicher aß. Als hätte er ihre Gedanken über Kôji erraten, lächelte er sie an.
„Wie lange tanzt du schon, Zoey-chan?“ Jin überraschte sie mit der richtigen, weich und lang gezogenen Aussprache ihres Namens. Normalerweise tendierten die Japaner dazu, Tzoi zu sagen, anstatt Zzzoey, da sie nicht sofort erkannten, dass der Name ausländisch war.
Sie sah auf, um seinen seinen warmen braunen Augen zu begegnen. „Schon viele Jahre. Akai hat mich sehr früh dazu gebracht.“ Ihre Stimme klang völlig normal, stellte sie erleichtert fest, was sie ungemein beruhigte.
„Deswegen sind deine Bewegungen so fließend“, stellte er bedächtig fest.
Sie glaubte nicht, dass er es wirklich als Kompliment meinte, aber seine Bemerkung erfüllte sie mit Verlegenheit und einem gewissen Stolz.
„Und seit wann machst du das Tanztraining in der Agentur?“, fragte Keisuke daraufhin. Ähnlich wie Jin besaß der Schlaksige eine tiefere, angenehme Stimme.
„Erst seit ungefähr zwei Monaten. Akai hat so viele neue Schüler bekommen, weil ja letzten Januar wieder ein Casting stattfand. Daher hat er mit Direktor Kurosaki-sama gesprochen, ob ich als Tanzassistentin im Training aushelfen könnte, nachdem sein bisheriger Co-Trainer aufgehört hat. Direktor Kurosaki-sama hat mich zum Vortanzen eingeladen, geprüft und dann zugestimmt“, schilderte sie kurz.
Plötzlich vibrierte ihr Handy in der Jackentasche und schreckte alle auf. Peinlich berührt über die Störung entschuldigte sie sich und wollte den Anruf erst gar nicht annehmen, als sie den Namen auf dem Display las.
Es war Minoru Ogami. Er war der Fotograf der Redaktion ihres Praktikums und zugleich ihr Senpai. Wenn er sie extra anrief, dann musste es vermutlich wichtig sein, daher hob sie dennoch ab.
Noch bevor sie ein Wort sagen konnte, ertönte seine gehetzte Stimme: „Zoey-san? Wir brauchen dich am Nachmittag für das Shooting! Kannst du zwei Stunden früher kommen?“
„Minoru-Senpai, ich habe leider bis um sechzehn Uhr einen Termin.“
„Bitte! Wir haben zwei ausländische Models, die wahrscheinlich kein Wort japanisch können! Du musst übersetzen, sonst klappt das Shooting niemals.“
Seine Englischkenntnisse waren selbst nicht ausreichend genug, um Konversation zu halten. Hastig erklärte er: „Unsere Chefin hat sie spontan überreden können, für uns zu modeln! Sie hat schon ewig versucht, die beiden zu bekommen. Wenn dir dein Job lieb ist, dann komm!“
Angesichts der eindeutigen Drohung verzog Zoey das Gesicht knirschte verhalten „Verstanden, ich sehe zu, dass ich kommen kann.“
„Braves Mädchen. Dafür hast du was bei mir gut.“
Das glaubte sie ihm ganz sicher nicht und legte nach einem knappen Abschied verstimmt auf.
„Von deinem Job?“, erkundigte sich Keisuke anschließend neugierig und war mittlerweile bei seinem Dessert angelangt. Weich gekochte Süßkartoffeln mit viel geschmolzenem Zucker, die sie sich ebenfalls genommen hatte. Aus der Nähe hatte er das Telefonat problemlos mitverfolgen können.
Zoey lächelte schief und nickte nur. „Ja. Ich arbeite nebenbei bei einer Modezeitschrift, TL-Youth Style. Die Planung hat sich geändert und ich werde gebraucht.“
„Siehst du deshalb so modisch aus? Es steht dir sehr gut.“
Sein direktes Kompliment überraschte nicht nur Zoey, sondern auch seine Bandmitglieder.
„Danke“, murmelte sie und kämpfte die Verlegenheit nieder. Sie durfte seine Worte nicht überinterpretieren. Er hatte es bestimmt nicht mehr als höflich gemeint.
Mit der Lunchbox für Akai in der Hand eilte Zoey auf der Etage ihres Trainingsraumes so schnell durch den lichten Gang, wie es gerade noch angebracht war. Am liebsten wäre sie gerannt, um keine Zeit zu verlieren, aber sie wollte mit ihren klappernden Absätzen nicht negativ auffallen. Deswegen bevorzugte sie lieber flache Schuhe, die waren lautlos.
„Hey, Zoey-chan!“
Sie blieb abrupt stehen, als sie die halblaute Stimme hörte. Noch bevor sie sich umwandte, ahnte sie, wer sie gerufen hatte.
Akechi Jin.
Er holte sie rasch ein und sie sah ihm mit einer seltsamen Anspannung im Nacken entgegen. Als er sie erreichte zeigte sie ein möglichst neutrales, aber höfliches Lächeln und fragte verwundert: „Akechi-kun, was kann ich für dich tun?“
4. Kapitel
If you feel tired of being restless
Never forget, where you belong
If you're burdened by words, which weren't said
And pain, which won't fade
Still, there's one thing,which can't be taken away
your faith
(ATTECK: Keep your faith)
Jin schnappte ein paar Mal nach Luft und räusperte sich umständlich. Dann holte er aus seiner Hosentasche ein zerknülltes, rotes Etwas hervor, welches Zoey entfernt bekannt vorkam.
„Gehört das dir?“, wollte er wissen und faltete es auseinander.
Ihre Augen wurden groß, als sie ihren Schal erkannte, den sie am Morgen getragen hatte.
„Ja. Ich habe gar nicht gemerkt, dass ich es verloren hatte!“ Rasch nahm sie ihn aus seiner Hand.
„Ich habe es ihm Umkleideraum gefunden“, erklärte er.
„Danke!“ Vor Erleichterung vergaß sie ihre Neutralität und strahlte ihn offenherzig an. Ihre Finger strichen über die weiße Stickerei, die das eine Ende des Schals zierte. Es war eine Lilie und daneben das Schriftzeichen ihres Nachnamens: Ishida.
„Das ist das erste Mal, dass ich sehe, dass jemand seinen Namen auf seine Sachen stickt“, bemerkte er und klang etwas spöttisch. „Was bedeutet denn die Lilie?“
„Das ist unser Familienwappen“, antwortete sie.
Erstaunen huschte über sein Gesicht. „Ihr habt ein Familienwappen? Interessant.“
Sie nickte lächelnd, machte aber keine Anstalten, ihm noch mehr Informationen über ihre Familie zu geben.
Unsicher strich er sich mit den Fingern durch die braun gebleichten, halblangen Haare und sagte: „Das Training war heute wirklich klasse mit euch. Dein Vater hat mich überrascht. Er ist wirklich sehr gut im Tanzen. Und du natürlich auch.“
