Das andere Leben - Kerstin Teschnigg - E-Book

Das andere Leben E-Book

Kerstin Teschnigg

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Beschreibung

Julie Brenegan verliert ihre Eltern mit 17 Jahren bei einem Autounfall. Durch dieses Unglück ändert sich ihr Leben grundlegend. Allein zurück geblieben muss sie ihr Zuhause, dass sie so liebt, welches ihr ohne ihre Eltern aber nur noch als Last erscheint, verlassen. Alles was ihr wichtig ist, lässt sie zurück und zieht in das Hotel, das sie von ihren Eltern geerbt hat. Die einzige Person die ihr jetzt noch etwas bedeutet, und ihr in dieser schweren Zeit zur Seite steht ist Alexander Krylow, der junge Hotelmanager in den sie heillos verliebt ist. Er nimmt ihr nicht nur das Management des Hotels ab, sondern erwidert auch ihre Gefühle. Das Glück scheint perfekt, als er ihr an ihrem 18. Geburtstag einen Heiratsantrag macht, den sie überwältigt annimmt. Doch die Ehe entwickelt sich anders. Ganz anders. Julie ist ständig mit der Eifersucht und Herrschsucht ihres Ehemannes konfrontiert. Die große Liebe die sie für Alexander verspürte, scheint ihr nur noch eine Lüge zu sein. Oft sucht sie die Schuld bei sich selbst, bis sie eines Tags nicht mehr kann und den Entschluss fasst, alles hinter sich zu lassen, und flüchtet. Sie bricht aus und spürt in ihrer neu gewonnenen Freiheit, was es wirklich bedeutet zu Leben. Ein anderes Leben. Aber so einfach ist es nicht. Ein Leben lässt sich nicht so einfach auslöschen, abschließen und vergessen. Julies Vergangenheit drängt sich unaufhaltsam in ihre Zukunft. Konfrontiert mit Entscheidungen die so schwierig erscheinen, dass Julie sie kaum bewältigen kann, versucht sie dennoch alles richtig zu machen. Wird Julie das gelingen, und wird sie doch noch die große Liebe finden?

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Seitenzahl: 686

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Kerstin Teschnigg

Das andere Leben

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Liebes Tagebuch!

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13 Alexander

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21 Finley

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

Kapitel 49

Kapitel 50 Dana

Kapitel 51 1 Jahr später

Impressum neobooks

Liebes Tagebuch!

Es ist lange her, dass ich meine Gedanken hier zum letzten Mal niederschrieb. Ich konnte nicht. Zu viele Dinge sind passiert. Ich fühlte mich so leer und traurig, es gab keinen Grund auch nur eine Zeile zu schreiben. Inzwischen sind 8 Monate und 23 Tage vergangen. Heute ist mein 18. Geburtstag. Der Schmerz in meinem Herzen ist immer noch durch kein Wort zu beschreiben. Mum, Dad, ich vermisse euch. Ihr habt mich zurück gelassen. Allein. Ganz allein. Ich kann immer noch nicht fassen, was geschehen ist. Immer und immer wieder spiele ich diesen Tag in meinem Kopf ab. Es war ein traumhafter Sommertag, wenn ich meine Augen schließe, kann ich mich an den Duft des frischen Heus in den Stallungen der Pferde erinnern. Ich wollte noch ausreiten, aber das war nicht der Grund warum ich sie nicht begleitete. Ich war schon so aufgeregt, weil der neue Flügel am Nachmittag kam, da wollte ich unbedingt dabei sein. Ich habe seither nur einmal darauf gespielt. Wäre ich mit ihnen gefahren, würde ich heute vermutlich nicht mehr diese Zeilen schreiben. Das Tunnelunglück forderte 44 Todesopfer. Vincent und Danielle Brenegan waren zwei davon. Meine Eltern. Das Schicksal hat mich verschont. Warum auch immer. Alexander meint immer, das Leben hat Besonderes mit mir vor. Er sagt das sehr schön, seine stahlgrauen Augen glitzern dabei ein bisschen wie ein kalter Gebirgssee. Seit dem Unglück habe ich Charleston nicht mehr verlassen. In unserem Haus in Summerville war es einfach unerträglich, ich habe es dort nicht mehr ausgehalten, auch wenn mir die Pferde fehlen. Unser Verwalter kümmert sich um alles im Landhaus. Ich bewohne jetzt eine Suite in unserem Stadthotel. Dem Jugendamt, das bis zum heutigen Tag meiner Volljährigkeit die Vormundschaft für mich übernahm, war es auch Recht, dass ich in die Stadt übersiedelt bin und nicht allein am Land bleiben wollte. Mir würde aber auch eine kleine Besenkammer reichen, aber Alexander wäre damit ziemlich sicher nicht einverstanden. Alexander. Ich habe gerade ein paar Seiten vorgeblättert, da schrieb ich vor etwa zwei Jahren:

…Alexander Krylow ist unserer neuer Hotelmanager, er ist Russe, auch wenn man das nur ganz selten an seinem Akzent hören kann, sein Englisch ist perfekt. Er kam schon als Kind mit seinen Eltern in die USA. Er hat seine Ausbildung an einer ausgewählten Universität in Europa gemacht, ich habe vergessen wo. Er hat es mir erzählt, aber ich musste immerzu in seine Augen schauen. Diese schönen undefinierbar grauen Augen. Ich könnte darin versinken. Als er mir eine Frage stellte, konnte ich sie nicht beantworten, weil ich ihm gar nicht richtig zugehört habe. Gott, war das peinlich. Seither werde ich immer ein bisschen rot wenn ich ihn sehe, und er mich verschmitzt anblinzelt. Ich habe noch nie einen Mann mit so makellos porzellanener Haut gesehen. Seine hohen Wangenknochen geben seinem wunderschönen Gesicht Tiefe. Er ist eine Erscheinung. Spätestens wenn ihm eine Strähne seiner dunkelblonden Haare in die Stirn fällt, und er lächelt, kann ich keinem seiner Worte mehr folgen…

Ich muss schmunzeln, wenn ich diese Zeilen lese. Die Schwärmereien einer sechzehnjährigen. Im Grunde hat sich aber in den vergangen zwei Jahren nichts geändert. Auch wenn er um sieben Jahre älter als ich ist, oder vielleicht gerade deshalb, er ist ein aufregender Mann. Ich würde sogar sagen, ein wenig verwegen. Er kann in einem Moment autoritär und unnahbar sein, dann wieder charmant und vor allem ziemlich sexy. Ohne ihn hätte ich die letzten Monate nicht überstanden. Hätte er nicht alle Geschäfte im Hotel übernommen, ich wüsste nicht was passiert wäre. Er kümmert sich einfach um alles. Jetzt wo ich volljährig bin, könnte ich das Management zwar übernehmen, aber ich kenne mich damit absolut nicht aus und ich will mich damit auch nicht auseinandersetzten. Mein Entschluss Lehrerin zu werden steht fest. In wenigen Wochen beginne ich mein Studium. Ich weiß zwar, dass Dad mich gerne als seine Nachfolgerin gesehen hätte, aber ich glaube als Alexander damals kam, war seine Enttäuschung über meine Entscheidung nicht mehr ganz so groß. Er hat ihn behandelt wie einen eigenen Sohn, unsere Familien wurden eng befreundet. Jetzt hat mich seine Familie wie eine Tochter aufgenommen. Irina, Alexanders Mutter hat für mich eine wundervolle Gartenparty zum Geburtstag organisiert. Es war ein traumhafter Tag. So viele Geschenke und Gäste. Dieser Tag wird ewig in meiner Erinnerung bleiben. Doch alle Geschenke sind nichts im Vergleich dazu, was heute noch passiert ist. Ich kann kaum den Stift halten vor Aufregung. Alexander hat mir einen Heiratsantrag gemacht. Ich kann es nicht fassen, er wird mich wirklich heiraten. Mich! Ich werde Mrs. Julie Krylow. Bei dem Gedanken daran klopft mein Herz wie wild. Ich bin mir sicher, jetzt wird wieder alles gut. Es kann nur gut werden.

P.S. Ach ja, ich musste zum ersten Mal Vodka trinken. Andrej, mein Zukünftiger Schwiegervater bestand darauf, ich glaube jedoch, das ist kein Getränk für mich und ich werde in Zukunft darauf verzichten, aber das muss er ja nicht wissen…

Kapitel 1

„Ach hier bist du, ich dachte du bist schon zu Bett gegangen.“ Alexander legt seinen Kopf fragend zur Seite und lächelt mich an. „Was schreibst du?“ Er kommt ein paar Schritte auf mich zu. Ich sitze im großen Salon an einem alten, aus wunderschönem antikem Holz gefertigten Sekretär. Schnell schlage ich mein Tagebuch zu, und lege meine Hände fast schützend auf den fliederfarbenen Umschlag.

„Tagebuch. Ich schreibe in mein Tagebuch.“

Er nickt. „Mädchen schreiben also immer noch Tagebuch.“

„Ja, tun sie.“ Ich erwidere sein Nicken und richte meinen Blick auf den Flügel neben mir. Alexander hat ihn aus unserem Haus aus Summerville, nein, meinem Haus, das Unser ist mit meinen Eltern gestorben, herbringen lassen. Das war ein Teil meiner Geburtstagsüberraschungen. Jetzt kann ich immer spielen, wenn ich das möchte. Außerdem habe ich seit ein paar Tagen auch ein eigenes Zimmer hier im Haus von seinen Eltern, ich muss also nicht weiter im Hotel wohnen. Das Haus ist ohnedies riesig. Alle Zimmer sind groß und lichtdurchflutet, die Ausstattung und Einrichtung ist aus luxuriösen Materialien gefertigt. Ein bisschen wie ein kleines Schloss. Ich liebe vor allem den großen, weitläufigen Garten mit vielen Rückzugsmöglichkeiten zum Lesen, oder Tagebuch schreiben. Irina und Andrej sind der Meinung, dass ich jetzt hier bin, war eine sehr notwendige und längst überfällige Entscheidung. Ein Hotel ist keine Umgebung für eine junge Frau, und ich wäre sonst zu viel allein. Ich müsse mich sowieso daran gewöhnen, mit Alexander unter einem Dach zu wohnen. Das war wohl die größte Überraschung des Tages. Nein, des Jahres, oder sogar meines Lebens. Nicht, dass ich hier wohnen werde, sondern der Antrag. Ich bekomme augenblicklich eine Gänsehaut, wenn ich daran denke. Wie er vor mir auf die Knie ging, und mir dann den traumhaften Ring, ein Erbstück seiner Großmutter aus der Nachkriegszeit, besetzt mit atemberaubenden Saphiren und Brillanten, ansteckte. Mir blieb fast das Herz stehen. Insgeheim habe ich mir das zwar gewünscht, aber das waren nur Träume. Träume die jetzt wahr werden.

„Warum spielst du mir nicht etwas vor?“ Er kommt noch ein Stück näher, nimmt meine Hand und zieht mich vom Stuhl.

„Es ist schon spät…“, sage ich leise, es ist aber nur eine Ausrede, weil ich in seiner Nähe immer ein bisschen nervös bin. Er bringt mein Herz zum Flattern.

„Ein Stück. Bitte.“

„Na gut.“ Ich setze mich auf den Hocker vor dem Flügel und klappe ihn auf. Vorsichtig lege ich meine Finger auf die kühlen Tasten. Ich habe wirklich lange nicht mehr gespielt. Er setzt sich neben mich und streift dabei ganz sanft meinen Arm. Tief durchatmend schließe ich kurz meine Augen und schlage versehentlich eine Taste am Klavier an. Er legt unschuldig seine Hände in den Schoss. Verstohlen sehe ich ihn aus dem Augenwinkel an. Seine langen schlanken Finger ruhen auf seinen Oberschenkeln, an seinem Hemd sind einige Knopfe geöffnet, was mir einen wagen Blick auf seine Brust verschafft. Er ist ein Traum von einem Mann. Ich spüre wie ich leicht erröte, vor allem weil er mich inzwischen erwartungsvoll ob meiner Darbietung ansieht. Auch wenn wir uns heute verlobt haben, bislang war er sehr zurückhaltend in unserer Beziehung. Das liegt einerseits vor allem daran, dass ich minderjährig war und andererseits an seiner durchaus konservativen Erziehung und Einstellung. Da auch ich so erzogen bin, war ich darüber auch ganz froh. Vor ihm habe ich bislang nur einen Jungen geküsst, und das war so etwas wie eine Mutprobe und nicht besonders schön. Ich musste also nicht viele Frösche küssen, bevor ich meinen Prinzen fand. Auch wenn er sehr zurückhaltend ist, genieße ich dennoch seine körperliche Nähe sehr. Diese war aber bisher auf Umarmungen und Küsse beschränkt, auch wenn die manchmal ganz schön heiß waren, und ich mir insgeheim wünschte er würde vielleicht weiter gehen. Zumindest ein klitzekleines bisschen.

„Soll ich mich lieber wo anders hinsetzen?“, fragt er mich sichtlich erfreut, dass mich seine Nähe ein wenig nervös macht. Ich schüttle vermutlich noch etwas mehr rot den Kopf, und fange an zu spielen. Eigentlich spiele ich sehr gerne klassische Stücke, aber heute entscheide ich mich für „Groovy Kind of Love“ von Phil Collins. Es war das Lieblingslied meiner Mutter, und sie hat mir beigebracht das Stück am Klavier zu spielen. Ich beherrschte es bereits mit sechs Jahren perfekt. Es fühlt sich an, als ob ich nie aufgehört hätte zu spielen, der Klang der Töne beruhigt mich auf eine seltsame Weise, ich fühle mich leicht und friedlich. Meine Augen sich geschlossen und als ich die letzten Töne spiele, spüre ich wie mir ein paar Tränen über die Wange rollen. Ich vermisse Mum. Jeden Tag. Jede Stunde und heute ganz besonders. Alexander legt seinen Arm um meine Hüfte und streicht mit der anderen Hand die Tränen aus meinem Gesicht, dann zieht er mich zu sich und gibt mir unerwartet einen Kuss. Ich schnappe kurz nach Luft. Er lächelt mich bestätigend an. Ich lege meinen Kopf vorsichtig auf seine Schulter. Er zieht mich etwas fester an sich. Ich atme seinen Duft tief ein. Rosmarin, Sandelholz, oder Ambra, keine Ahnung, er riecht jedenfalls unwiderstehlich.

„A Groovy Kind of Love…eine besondere Liebe“, murmelt er in mein Haar.

Ich drehe mich zu ihm und lege meine Hand nach kurzem Überlegen auf seine Wange, was er mit einem breiten Lächeln belohnt.

„Ja, eine besondere Liebe“, hauche ich und streiche die Haarsträhne die in seine Stirn gefallen ist zurück.

„Es ist schon spät, ich bring dich auf dein Zimmer.“ Er steht auf, immer noch meine Hand haltend und ich folge ihm. Der Tag war wirklich anstrengend, es ist so viel passiert.

„Vergiss dein Tagebuch nicht.“ Er bleibt neben dem kleinen Schreibtisch stehen und drückt es mir in die Hand. „Steht auch etwas von mir drinnen?“

„Vielleicht…“ grinse ich, ich bin mir sicher, es passt ihm so gar nicht, dass er nicht weiß was darin steht.

„Was heißt vielleicht? Ich hoffe das steht nur etwas von mir, und nichts von anderen Typen?“ Er verzieht ungläubig sein Gesicht. Ich zucke mit den Schultern, etwas belustig über seine Bedenken. Dann hopse ich los Richtung Treppe, und schenke seinem Einwand keine Aufmerksamkeit mehr, was ihn scheinbar ganz leicht aus der Fassung zu bringen scheint.

„Julie…“, er läuft mir hinterher. „Das ist nicht komisch.“

Ich springe ihm über die kühle, mit hellem Marmor belegte Stiege hinauf davon, was mir aber nur mühsam gelingt, da er mir mit seinen langen Beinen ganz leicht folgen kann, vor allem weil er gleich zwei Stufen auf einmal nimmt. Kichernd versuche ich weiterhin zu fliehen, was mir bis zur Tür meines Zimmers auch gelingt. Als ich die goldene Türschnalle bereits erfasse, und mein Sieg zum Greifen nahe ist, erwischt er mich im letzten Moment, packt mich am Arm und drückt mich an den Türrahmen. Er presst seine Brust an meine und seine Nasenspitze berührt meine. Atemlos beißt er sich auf die Unterlippe. Mein Brustkorb senkt aufgeregt auf und ab.

„Das ist ein gefährliches Spiel meine Schöne.“ Er drückt sich noch etwas stärker an mich, der Klang seiner Stimme hat sich etwas verändert. Ich nehme allen Mut zusammen und vergrabe meine Hände in seinen Haaren und ziehe seine Lippen an meine. Er küsst mich stürmisch, schiebt mich gleichzeitig in mein Zimmer, und drückt die Tür hinter uns zu. Seine Augen weiten sich auf eine mir bislang unbekannte Weise. Ich werfe das Tagebuch auf den Schreibtisch neben mir.

„Es gibt doch nur dich“, hauche ich. „Immer nur dich…“

Seine Gesichtszüge entspannen sich wieder, er streicht meine langen schwarzen Haare zur Seite, die ich sonst sehr selten offen trage, und legt so meinen Hals frei, den er dann sanft bis zum Schlüsselbein küsst. Kurz halte ich die Luft an, an dieser Stelle waren seine Lippen noch nie.

„Das ist gut…“, murmelt er. „Alles andere würde ich nicht akzeptieren. Du gehörst mir. Nur mir. Für immer.“ Seine Stimme klingt rau, belegt und unglaublich sexy. „Das weißt du doch, ja?“

Ich nicke schnell, ich glaube immer noch die Luft anhaltend. Seine Hände wandern an den Reißverschluss meines Kleides, denn er langsam hinunter zieht. Er schiebt es vorsichtig über meine Schultern, es gleitet über meinen Körper und fällt zu Boden. Es ist ein atemberaubendes Gefühl, auch wenn mich das Ganze plötzlich mit ein wenig Angst erfüllt, ich bin nicht ganz sicher wohin das führen soll. Außerdem fühle ich mich ohne Kleid vor ihm ein bisschen unwohl, ich stand noch nie nur mit Unterwäsche bekleidet vor einem Mann. Unsicher lege ich meine Arme vor meinen Oberkörper. Er streicht über meine Schulter, schiebt meine schützenden Hände zur Seite, weiter über meinen BH Träger bis zu meiner Brust. Ich schnappe aufgeregt nach Luft, alle Haare auf meinem Körper richten sich zustimmend auf, genau wie meine Brustwarzen. Oh Gott, ich würde am liebsten tot umfallen. Ich merke wie ich vor Scham rot werde, schnell sehe ich zu Boden. Zum Glück ist es im Zimmer fast dunkel, der Raum wird nur durch die Lichter der Laternen die den Garten säumen in ein sanftes Licht getaucht.

„Alexander…“, flüstere ich. „Ich weiß nicht was ich tun soll.“

Er lächelt mich an, und legt seine Arme liebevoll um mich. „Zum Glück weißt du es nicht, alles andere hätte mich auch enttäuscht. Soll ich das Licht anmachen?“

„Nein…ich glaube es ist gut so…“, stammle ich. Bloß kein Licht, ich bin schon so nervös genug.

„Möchtest du mein Hemd aufknöpfen?“

Ich nicke nervös, öffne mit zittrigen Fingern einen Knopf nach dem anderen und streife das Hemd über seine Schultern. Er greift meine Hände und führt sie vorsichtig über seine Brust. Sie ist glatt und fest, ich würde sogar sagen, seine Haut fühlt sich ein wenig heiß an, es ist berauschend. Mein Puls rast. Als meine Fingerkuppen an seinen Bauchmuskeln ankommen, habe ich kaum noch Luft zum Atmen, und das Gefühl gleich umzukippen. Zuerst monatelang nur ein bisschen Schmusen und dann das. Das scheint ihm nicht zu entgehen, er nimmt meine Hand und führt mich zum Bett, ich bin froh mich setzten zu können, doch bevor ich das tun kann, öffnet er den Verschluss meines BHs und streift ihn mir ab. Er stöhnt etwas russisches, dass ich nicht verstehe, dann drückt er mich sanft auf Bett und legt sich seitlich zu mir. Er streicht mit seiner Fingerspitze über meine Nase, Kinn, Hals bis zu meinem Dekolletee, dann über meine Brustwarzen hinunter über meinen Bauch. Sanft umkreist er meinen Bauchnabel, bevor seine Hand an den Saum meines Höschens entlang wandert. Ein zustimmendes „Ah“ entkommt mir, als sich ihm mein Becken ungewollt, fast wie von selbst, entgegenschiebt. Mein Körper scheint auf einmal nicht mehr meinen Geist gehorchen zu wollen. Er drückt sich etwas fester an mich, während er wieder meinen Hals küsst, und ich spüre an meiner Hüfte auch seine Zustimmung. Seine Hand schiebt sich unter meinen Slip und ein Finger wandert in die intimste Region meines Körpers, was mich erneut erröten, aber auch kurz aufstöhnen lässt.

„Alex….“ Mehr kann ich nicht sagen, er drückt seine Lippen auf meine und schiebt seine Zunge in meinen Mund. Einen zweiten Anlauf etwas gegen seine Liebkosungen zu unternehmen unterlasse ich, weil es mit jeder Bewegung seiner Finger aufregender wird, ich beschließe es einfach zuzulassen. Erst als er seinen Gürtel öffnet, und ich es kaum noch erwarten kann, weil mich seine Berührungen wie ein Feuer entflammt haben, ich will unbedingt mehr, frage ich ihn leise:

„Wird es sehr wehtun?“

Er umfasst mein Gesicht mit seinen Händen und drückt seine Nase an meine.

„Ein bisschen wahrscheinlich, aber ich bin vorsichtig.“ Seine Finger wandern wieder nach unten. „Aber du scheinst ziemlich bereit zu sein.“ Er grinst, allem Anschein nach zufrieden über das, was er mit mir anstellt. „Du bist doch bereit?“

„Ja…“, hauche ich, obwohl es wohl mehr ein gestöhntes Ja ist. Inzwischen habe ich keine Angst mehr davor, und ja es tut weh, ziemlich sogar, aber nur kurz. Ich kralle mich verspannt in mein Bettlaken.

„Alles in Ordnung?“, er hört auf und sieht mich besorgt an.

Ich nicke und lächle leicht verkrampft.

„Soll ich weitermachen?“

Ich nicke erneut.

„Leg deine Arme um mich. So.“ Er führt meine Hände an seine Hüften und ich streiche sanft seinen Rücken entlang, während er langsam und zärtlich weiter macht. Seine Haut zu spüren, zu hören wie er leise und schwerfällig atmet, jede Faser von ihm aufzusaugen, reißt mich in einen Strudel der mich mitzieht. Es ist atemberaubend, er macht weiter und weiter. Seine Atmung wird lauter, und ich muss mich wieder festkrallen, aber jetzt in seiner Haut, ich habe das Gefühl gleich zu explodieren. Gott, was ist los mit mir? Ein Kribbeln durchfährt meine Beine und würde er nicht auf mir liegen, würde ich jetzt vermutlich abheben.

„Julie…“, stöhnt er und sinkt auf mir nieder. Dann murmelt er etwas russisches, dass ich wieder nicht verstehe.

„Was?“, frage ich ihn atemlos. Er stützt sich ein wenig ab, und streicht mir ein paar Haarsträhnen aus dem Gesicht, dann lächelt er. „Alles gut?“

Ich erwidere sein Lächeln. „Sehr gut sogar, würde ich sagen.“

Er drückt zufrieden einen sanften Kuss auf meine Lippen.

„Was hast du gesagt?“, frage ich noch einmal.

„Tja, du wirst wohl russisch lernen müssen“, schmunzelt er. „Aber es war sowieso unanständig, und das musst du nicht verstehen.“

Ich schüttle etwas verlegen den Kopf, er rutscht vorsichtig von mir herunter.

„Ich glaube du blutest ein bisschen“, stellt er mit leicht besorgtem Unterton fest.

„Ist nicht so schlimm…aber wenn das Laken…“ Er lässt mich nicht zu Ende sprechen.

„Mach dir darüber keine Gedanken, du wirst meine Frau und jetzt gehörst du ganz mir, alle werden darüber sehr glücklich sein. Nicht nur ich.“ Er zieht die Bettdecke über mich und kuschelt sich an mich.

„Alexander…“, murmle ich müde.

„Ja?“

„Ich liebe dich. Ich liebe dich schon ziemlich lange.“

„Ich weiß.“ Er lächelt zufrieden.

„Warum willst du mich heiraten?“, frage ich.

Er beugt sich verwundert über mich, das warme Licht der Außenbeleuchtung fällt sanft über sein Gesicht.

„Weil ich dich mindestens eben solange liebe.“

Dann zieht er mich fest in seine Arme und irgendwann schlafen wir zufrieden ein.

Kapitel 2

Liebes Tagebuch!

Ich arbeite seit ein paar Monaten an einer Privatschule in einem kleinen Vorort von Charleston. Ich unterrichte die Grundschulkinder, momentan die erste Klasse. Ja ich weiß, ich wollte weiter Musik studieren und auf einer Musikhochschule unterrichten, aber nachdem Alexander mir ständig nachgefahren ist und mich kontrolliert hat, er ist unglaublich eifersüchtig, habe ich das Studium abgebrochen. Es hatte so einfach keinen Sinn, ich wollte mich ihm nicht ständig erklären müssen. Irgendwann hat es mir dann auch keinen Spaß mehr gemacht. Die Kinder dürften ihm wohl kaum Anlass zur Eifersucht geben und mir bedeuten sie viel. Ich würde sogar sagen, ich gehe in meinem Beruf auf.

Nächste Woche ist unser vierter Hochzeitstag. Ich liebe ihn, aber das letzte Jahr war nicht einfach. Er ist oft gereizt und vertraut mir nicht, auch wenn ich ihm dazu wirklich keinen Anlass gebe. Vielleicht ist es auch nur die Trauer um seine Mutter. Irina ist an den Folgen eines Schlaganfalles gestorben. Ich weiß, er vermisst sie unendlich, aber auch mir geht es nicht anders, sie war auch wie eine Mutter für mich. Außerdem war sie die einzige weibliche Bezugsperson in meinem Leben, und sie hat Alexander nicht nur einmal eingebremst, wenn er wieder eine Eifersuchtsszene machte. Jetzt versuche ich ihm eben keinen Anlass zu Eifersucht zu geben.

Ich habe mich mit Christina, der Mutter einer meiner Schülerinnen, angefreundet. Sie ist Neurologin im Stadthospital und wirklich unglaublich nett und lustig. Bislang hat auch mein Ehemann nichts gegen unsere Freundschaft einzuwenden. Sie hat mich auf die Idee gebracht, private Klavierstunden zu geben. Ich finde das ist ein genialer Einfall den ich bei nächster Gelegenheit mit Alexander besprechen werde.

Kapitel 3

Ich schließe gerade den Haupteingang vom Schulgebäude ab. Heute war unser Elternsprechtag. Es ist ziemlich spät geworden und inzwischen auch fast dunkel. Ich ziehe mein Handy aus der Tasche. Mist, Alexander hat mich inzwischen mehrfach angerufen und mir auch schon eine Nachricht geschickt. Gerade als ich ihn zurückrufen will, höre ich meinen Namen aus der Ferne.

„Mrs. Krylow!“

Ich drehe mich um und sehe Mr. Baker, der Vater von Liam aus meiner Klasse. Atemlos hastet er auf mich zu. „Mrs. Krylow…gut, dass ich sie noch erwische.“

„Guten Abend Mr. Baker, ich habe sie beim Elternsprechtag vermisst.“

Er streckt mir freundlich die Hand entgegen. Von Christina weiß ich, dass er alleinerziehend ist. Seine Frau hat ihn vor einem Jahr verlassen, er kümmert sich aufopfernd um sein Kind, was sich mit seiner Arbeit oft nur schwierig unter einen Hut bringen lässt. Ich kann gar nicht verstehen warum seine Frau in stehen gelassen hat, er ist wirklich nett und sieht gut aus.

„Ja, tut mir leid, ich hatte ein Meeting und dann bin ich im Stau gesteckt“, sagt er immer noch ziemlich atemlos.

„Kommen Sie, setzten wir uns dahin, sie sind ja völlig außer Puste.“ Ich setzte mich auf dem Mauervorsprung der Treppe, er lässt sich neben mich fallen. Nachdem er wieder halbwegs Luft zum Sprechen hat, lächelt er mich an.

„Liam vergöttert sie, er kann es morgens kaum erwarten in die Schule zu kommen.“

Ich erwidere stolz sein Lächeln. „Er ist auch ein wirklich begabtes Kind, er macht mir sehr viel Freude. Er würde gerne Klavierstunden bei mir nehmen.“

„Ich weiß, wir haben darüber gesprochen, darum wollte ich sie auch unbedingt noch erwischen. Hätten Sie denn noch Kapazitäten frei?“

„Eigentlich gebe ich nur älteren Kindern Stunden, aber ich würde ihn sehr gerne unterrichten, ich glaube die Musik wird ihm guttun.“

Er merkt sofort, dass ich damit den Verlust der Mutter ansprechen will. Wir unterhalten uns noch einige Zeit, er erzählt mir Dinge die weit über das schulische hinausgehen, aber ich denke es tut ihm gut, dass er seinen Ballast loswird.

„Ach entschuldigen Sie Mrs. Krylow, ich habe sie so lange aufgehalten“, sagt er während er mich in der Dunkelheit zu meinem Wagen begleitet.

„Aber es tut gut mit jemanden über das alles sprechen zu können.“

„Das verstehe ich, aber Sie machen das ganz wunderbar.“ Ich verabschiede mich von ihm und steige ins Auto. Über die Freisprechanlage rufe ich nun endlich Alexander zurück. Er wird mit Sicherheit ziemlich sauer sein. Es ist inzwischen fast 23.00 Uhr geworden. Ich versuche es zweimal, aber er geht nicht ran. Komisch. Vielleicht steht er unter der Dusche, ich bin ohnehin in ein paar Minuten zu Hause. Ich stelle das Auto in der Garage ab, ich bin ziemlich erschöpft, es war ein harter Tag, aber ich liebe meine Arbeit. Zum Glück ist morgen Samstag und ich kann ausschlafen, außerdem bin ich am späten Vormittag zum Brunch mit Christina verabredet. Darauf freue ich mich schon die ganze Woche. Ich gehe durch den Gargeneingang ins Haus, alles ist ruhig. Womöglich schläft er schon, aber da sehe ich während ich aus meinen Schuhe schlüpfe, dass in der Küche noch Licht brennt. Ich tapse barfuß durch den Salon Richtung Küche.

„Hey…ich dachte du bist schon zu Bett gegangen?“

Er sitzt zurückgelehnt auf dem Küchenstuhl, die Arme verschränkt, auf dem Tisch neben ihm eine halbvolle Flasche Vodka, auch sein Handy liegt dort. Er löst die Verschränkung seiner Arme, atmet hörbar tief durch und reibt sich die Stirn, sagt aber kein Wort. Nicht gut. Gar nicht gut.

„Ich habe dich angerufen“, sage ich und deute auf das Handy das neben ihm liegt. Er nickt, öffnet die Flasche und schenkt sich ein Glas ein, das er mit einem Schluck leert. Ich stehe weiterhin in der Tür, ich bin mir nicht sicher, ob ich noch etwas sagen soll, oder besser gleich nach oben gehe, aber in dem Moment endet sein Schweigen.

„Ja…nachdem ich dich mehrfach versucht habe anzurufen. Ich habe seit Stunden versucht dich zu erreichen.“

Seine Stimme klingt ruhig und monoton und wenn ich ihn so ansehe, merke ich genau, dass er zu viel getrunken hat, seine Augen sind leicht gerötet. Ich weiß nicht recht was ich darauf sagen soll, aus Angst er wird gleich ausflippen, denn ich traue der Ruhe nicht. Verkrampft suche ich nach den richtigen Worten, aber er kommt mir zuvor.

„Ein kürzeres Kleid hast du nicht mehr gefunden?“ Er mustert mich fast abfällig, ich sehe an mir hinunter. Es ist ein ganz normales Sommerkleid, auf keinen Fall zu kurz und nicht anders als meine anderen Kleider. Er kippt einen weiteren Vodka hinunter. Ich lasse mich zu einer Aussage hinreißen.

„Bitte trink nicht so viel, ich glaube du hast schon genug.“

Das war ein Fehler, ich wusste es während ich es ausgesprochen habe. Er steht auf und schiebt den Stuhl mit Schwung unter den Tisch.

„Genug? Du wirst mir nicht sagen wann ich genug getrunken habe, aber ich kann dir sagen dass ICH genug habe. Ich habe genug gesehen.“

Er kommt ein paar Schritte auf mich zu. Ich habe keine Ahnung worauf er hinaus will.

„Ich weiß nicht was du meinst?“, frage ich leise. Er stößt einen höhnisch - lauten Lacher aus, der mich kurz zusammen zucken lässt.

„Ich habe dich gesehen, vor der Schule, mit den Typen, auf der Stiege. So sehen also Elternsprechtage aus. Sehr interessant.“

„Bist du mir hinterhergefahren?“

„Was glaubst du denn? Natürlich bin ich dir hinterhergefahren, wenn ich stundenlang nichts von dir höre. Ich habe mir Sorgen gemacht.“ Seine Stimme erhebt sich merklich.

„Keine Ahnung was du dir da zusammenreimst, Mr. Baker ist der Vater einer meiner Schüler“, versuche ich mich zu verteidigen und ihn gleichzeitig zu beruhigen.

„Man kann es nennen wie man will, aber ich habe Augen im Kopf, schämst du dich denn gar nicht?“

„Nein, warum auch? Wenn du dort warst, hast du ja alles gesehen, und da war absolut nichts wofür ich mich vor dir rechtfertigen muss, ich glaube damit ist das Thema beendet.“

Ich drehe mich am Absatz um, ich werde jetzt einfach nach oben gehen, bevor das Ganze noch eskaliert.

„Du gehst wenn ich es dir sage“, er packt mich sehr unsanft an meinen Haaren und zieht mich zurück.

„Alexander!“, kreische ich. Ich sehe ihn entgeistert an.

Er dreht den Haarschopf in seiner Hand fester zusammen und zieht so meinen Kopf in meinen Nacken.

„Willst du mich verarschen? Ich lasse mir von dir doch keine Hörner aufsetzen. Du benimmst dich wie eine Hure!“ Er schreit in mein Ohr, ich versuche mich mühevoll loszureißen.

„Lass mich los du tust mir weh“, schreie ich gekränkt über seine Worte zurück und stoße mich von ihm ab. „Du bist doch paranoid.“

Ich kann die Wut in ihm spüren und in seinen Augen sehen, ich muss hier raus. Schnell. Doch bevor ich das tun kann, fliegt sein Vodkaglas mit Schwung durch die Küche, was es am kalten Marmorboden in tausend Scherben zerschellen lässt. Ich zucke vor Schreck zusammen. Dann sehe ich wie in Zeitlupe, dass er seine Faust zuerst zusammenballt, dann wieder öffnet und er seine Hand erhebt. Er wird doch nicht…nein, das wagt er nicht…den Gedanken noch nicht zu Ende gebracht, kann ich nur noch meine Augen zusammenkneifen und spüre einen kräftigen Schlag, der mich mit seiner flachen Hand auf meiner linken Wange trifft. Vorsichtig und völlig fassungslos, öffne ich meine Augen wieder, atme kurz ein und öffne meinen Mund um ihn zu fragen, ob er jetzt komplett übergeschnappt ist. Doch so weit kommt es nicht, denn seine Hand, jetzt mit dem Handrücken, trifft mich mit voller Wucht auf der anderen Gesichtsseite, knapp unter dem Unterkieferknochen. Die Wucht des Schlages lässt mich ein paar Schritte zurückstolpern. Ich brauche ein paar Sekunden, bis ich mich wieder gefangen habe. Mir stockt der Atem. Er sieht mich voller Wut und Aggression an. Ich kann nichts sagen, schüttle nur mit Tränen in den Augen den Kopf, drehe mich um und laufe aus der Küche nach oben.

„Julie, bleib sofort stehen“, schreit er mir hinterher, doch ich reagiere nicht mehr, und hetzte ins Badezimmer, wo ich die Tür hinter mir zuschlage und versperre. Keine Ahnung was ihm als nächstes einfällt. Atemlos lehne ich mich an die kalte Fliesenwand, Tränen laufen mir unaufhaltsam über die schmerzenden Stellen im Gesicht. Noch nie hat mich jemand geschlagen. Noch nie. Ich schließe kurz meine Augen, bevor mich sein Poltern an der Badezimmertür erneut zusammenzucken lässt.

„Mach die Tür auf! Sofort!“, schreit er, ich spüre mit jedem Schlag auf die Tür ein kleines Beben unter mir.

„Wenn du nicht augenblicklich aufmachst, trete ich die Tür ein.“

Ich versuche ruhig zu atmen, was mir nur schwer gelingt. Nein…ich mache sicher nicht auf.

„Geh weg“, sage ich so laut es mir mit tränenerstickter Stimme gelingt. „Du bist doch verrückt!“

Er tritt erneut gegen die Tür, als ich meinen Schwiegervater Alexanders Namen rufen höre. Augenblicklich stoppt er. Es ist auf einmal leise. Kurz warte ich, dann lausche ich vorsichtig was draußen passiert. Andrej kommt scheinbar die Treppe hoch. Freitags trifft er sich immer im Club mit seinen Freunden, er dürfte gerade nach Hause gekommen sein. Ich höre ihn auf Russisch mit Alexander sprechen. Erfreut scheint er nicht zu sein.

„Was ist hier los?“, fragt er mit mahnender Stimme.

Alexander antwortet, dass wir eine kleine Auseinandersetzung hätten.

„Kleine Auseinandersetzung…“, murmle ich für mich selbst den Kopf schüttelnd. Ich höre sie noch ein paar Worte wechseln, mein russisch ist immer noch nicht richtig gut, daher verstehe ich nicht alles, außer, dass Andrej sagt, er soll mich in Ruhe lassen und ob er betrunken sei. Ein paar Minuten später ist im Flur alles ruhig. Von unten kann ich aber hören, dass Andrej ziemlich erzürnt mit seinem Sohn diskutiert. Keine Ahnung wie viel er mitbekommen hat, aber ich bin froh, dass er genau jetzt gekommen ist. Keine Ahnung was sonst noch alles passiert wäre. Ich mache das Licht im Bad an, und tapse vorsichtig zum Spiegel. Mein Kopf fühlt sich an, als hätte mich ein Bulldozer gerammt. Ich wasche mir zuerst die Tränen ab, und sehe mich dann im Spiegel an. Meine rechte Wange ist ziemlich rot, aber schlimmer sieht meine linke Seite aus, die Stelle zwischen Kieferknochen und Hals verfärbt sich zusehends bläulich. Kurz muss ich mich am Waschbecken abstützen als ich mich ansehe, Tränen laufen mir wieder übers Gesicht. Mir stockt der Atem. Was hat er getan? Warum? Ich habe doch wirklich nichts gemacht, was diese Gewalt auch nur ansatzweise rechtfertigen könnte. Niemals hätte ich gedacht, dass er zu etwas überhaupt fähig ist. Mit einem Handtuch, das ich mit kaltem Wasser getränkt habe, versuche ich die schmerzenden Stellen zu beruhigen, gelingt mir aber nicht wirklich. Ein Eisbeutel wäre wohl besser, aber ich gehe ganz bestimmt nicht mehr nach unten. Ich warte noch ein Weilchen ab, bevor ich so leise als möglich aus dem Badezimmer schleiche. Ins Schlafzimmer gehe ich auf keinen Fall, ich weiß gar nicht wie ich ihm jemals wieder in die Augen sehen kann. Dass er eifersüchtig ist, und hin und wieder diesbezüglich überreagiert, konnte ich bis heute noch akzeptieren, aber das er mich schlägt, das ist einfach zu viel. So leise als möglich schleiche ich am Schlafzimmer vorbei. Ich weiß gar nicht, ob er sich schon hingelegt hat, von unten höre ich jedenfalls nichts mehr. Geräuschlos gehe ich ins Gästezimmer und schließe die Türe hinter mir. Absperren kann ich nicht, es steckt kein Schlüssel im Schloss. Ich hoffe, Andrejs Anwesenheit wird Grund genug für ihn sein, nicht noch einmal auf mich loszugehen. Zumindest könnte ich ihn um Hilfe rufen, das beruhigt mich ein wenig. Mir ist kalt, und ich fühle mich unglaublich gedemütigt, die Schmerzen sind nicht so schlimm, aber in mir bricht eine Welt zusammen. Ich schlüpfe unter die Decke und ziehe sie mir bis unter die Nasenspitze hoch. Es fällt mir schwer mich zu beruhigen, mein Körper zittert, doch irgendwann bin ich zu müde und meine Augen fallen langsam zu. Ich wache noch einmal auf, als ich Schritte am Gang höre. Geh vorbei, bitte, denke ich mir, aber die Tür öffnet sich langsam. Schnell schließe ich meine Augen wieder und stelle mich schlafend, ich strenge mich an, keinen Mucks zu tun. Es ist Alexander, das spüre ich, ich rühre mich nicht. Zuerst stellt er etwas auf dem Nachttisch ab, dann streicht er mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Keine Ahnung, ob er in der Dunkelheit sieht, was er angerichtet hat. Ich halte die Luft an, als seine Finger über meine Wange streichen, stelle mich aber weiter schlafend. Ein paar Sekunden steht er neben mir, bevor er aus dem Zimmer geht, die Tür aber offen lässt. Ich atme vorsichtig aus und warte wieder, dann drehe ich mich zum Nachtkästchen. Darauf liegt eine Schmerztablette samt einem Glas Wasser und ein Kühlpad. Die Tablette lasse ich liegen, das Pad lege ich schnell auf meinen Unterkiefer. Autsch…sage ich für mich selbst, dann drehe ich mich wieder in meine Decke und schlafe ein.

Ich spüre eine Hand auf meiner Schulter, dann in meinem Gesicht, ich blinzle schlaftrunken vorsichtig, draußen wir es schon hell. Nicht ganz sicher, ob ich alles was heute Nacht passiert ist geträumt habe, versuche ich munter zu werden. Alexander steht neben mir, schnell ziehe ich mir die Decke schützend bis unter die Nase. Nein, leider habe ich nicht geträumt. Mein Herz zieht sich schmerzlich zusammen.

„Geh weg…“, murmle ich.

Natürlich geht er nicht weg, er setzt sich auf den Bettrand neben mich.

„Geh weg Alexander“, wiederhole ich eindringlicher. Er zieht mir die Decke aus dem Gesicht, ich will ihn nicht ansehen, er hat mir so wehgetan, nicht nur körperlich. Unwillkürlich bauen sich Tränen in mir auf. Ganz sanft streicht er mit dem Zeigefinger über die inzwischen vermutlich blaue Stelle in meinem Gesicht, was mich zusammenzucken lässt. Er atmet schwerfällig durch und sagt etwas auf Russisch.

„Ja, du bist ein Arschloch“, wiederhole ich seine Worte, aber in meiner Sprache, eine Träne rollt über meine Wange. Ich will nicht weinen, auch wenn ich am liebsten vor Kummer schreien würde. Immer noch sieht er mich an, dann streicht er über meine Wange und wischt die Tränen weg. Seufzend geht er dann auf die andere Seite vom Bett und schlüpft unter die Decke. Warum kann er nicht einfach gehen und mich in Ruhe lassen? Er rutscht sehr nah an mich heran, sofort versuche ich zu flüchten, aber er zieht mich zurück zu sich und schlingt seine Arme um meinen Bauch. Ich versuche mich loszureißen, es gelingt mir aber nicht.

„Lass mich, lass mich sofort los!“ Meine Stimme klingt hysterisch.

„Julie…schhhhhh….beruhige dich, bleib hier bitte….“, murmelt er in mein Haar das wirr in mein Gesicht fällt. Er streicht die Haare weg und zwingt mich damit ihn anzusehen. Inne haltend blicke ich in seine Augen und unwillkürlich steigen mir wieder Tränen auf. Sein Blick ist traurig, fast mitleidig, er wischt mir erneut die Tränen aus dem Gesicht, mit der anderen hält er mich scheinbar vorsichtshalber immer noch fest. Mich kaum berührend, fährt er die Stellen auf die er gestern Abend eingeschlagen hat nach, und schließt dabei kopfschüttelnd kurz seine Augen.

„Arschloch…“, flüstere ich noch einmal.

Er nickt. Ohne ein weiteres Wort zieht er mich fest in seine Arme und drückt sich an mich, sein Gesicht an meinen Hals gepresst. Kurz weiß ich nicht, ob ich mich erneut wehren soll, als ich bemerke wie sein Brustkorb bebt. Ich bleibe wie erstarrt liegen. Gott, er weint. Ich habe ihn noch nie weinen gesehen, noch nicht einmal als seine Mutter starb. Ich höre sein Schluchzen und spüre die Tränen auf meiner Haut. Vorsichtig drehe ich mich ein wenig zur Seite und umfasse sein Gesicht mit meinen Händen. Seine tränennassen Augen weichen beschämt meinem Blick aus.

„Warum hast du das gemacht?“, frage ich ihn mit fast tonloser Stimme. Es dauert ein paar Augenblicke bis er antwortet.

„Weil ich dich liebe…weil ich dich unendlich liebe, ich will dich mit keinem anderen Mann teilen“, flüstert er.

„Deshalb tust du mir das an? Aus Liebe?“, ich schüttle den Kopf. „Ich habe noch nie etwas getan, dass etwas in dieser Art mir gegenüber rechtfertigen könnte, außerdem man schlägt doch nicht zu, oder macht man das bei euch in Russland so?“

Er schüttelt erneut den Kopf. „Ich habe gesehen wie er dich angeschaut hat und ihr habt gelacht, du warst so unbeschwert, dann hat er auch noch deinen Arm berührt.“

Ich kann nicht fassen was er sich zusammenreimt.

„Menschen reden so miteinander, deshalb betrüge ich dich nicht. Er ist einfach nur nett und hat sich nur bei mir bedankt, sonst nichts. In deiner Gegenwart fällt es mir oft schwer unbeschwert zu sein, du siehst Dinge, die so nicht ablaufen wie du sie dir einbildest.“

„Aber wenn du dich in so einen netten Mann verliebst, was dann?“

„Ich liebe aber dich Alexander, das ist ganz einfach, doch das was du gestern Abend gesagt und getan hast, lässt mich an unserer Liebe zweifeln.“

„Nein, nein, das darfst du nicht sagen, du musst mir verzeihen, du bist mein Leben.“ Er zieht mich wieder fest in seine Arme und ich lasse ihn gewähren, denn auch nach allem was passiert ist, ich liebe ihn, ich liebe ihn von ganzem Herzen und irgendetwas sagt mir, er wird es nicht mehr tun. Er bereut sein Handeln. Meine Mutter hat mir einmal gesagt, es ist viel leichter zu verzeihen, als jemanden böse zu sein. Man müsse immer daran denken wie böse man ist, und das macht einen verbittert. Verbitterte Menschen sind hässliche Menschen. Ich drücke meine Nase an seinen Hals und erwidere dann doch seine Umarmung.

„Tu mir nie wieder weh“, sage ich mit mahnendem Unterton.

„Nie wieder“, wiederholt er scheinbar etwas erleichtert. „Mach deine Augen noch ein bisschen zu, es ist noch sehr früh.“ Auch wenn es eine Zeit lang dauert, schlafe ich doch noch einmal ein.

Als ich wieder wach werde, weil mir die Sonne genau ins Gesicht scheint, streckt er sich neben mir durch und lächelt mich mit seinen schönen Augen an. Selbst wenn ich es wollte, ich kann ihm nur schwer böse sein, ich habe ihm längst verziehen. Er dreht sich zu mir und küsst mich lange. Mir fällt mein Brunch mit Christina ein.

„Wie spät ist es?“, frage ich ihn aufgeregt. „Ich bin um 11.00 Uhr mit Christina verabredet.“ Ich ziehe seinen linken Arm zu mir um auf seine Armbanduhr sehen zu können. Es ist kurz nach neun, also noch genug Zeit. Trotzdem springe ich aus dem Bett, ich stecke immer noch in meinem Kleid von gestern und freue mich auf eine heiße Dusche. Auf dem Weg ins Badezimmer entledige ich mich meiner Klamotten, drehe schon einmal das Wasser auf und bleibe dann wie erstarrt vor dem Spiegel stehen. Vorsichtig schiebe ich meine Haare zur Seite und betrachte mein Gesicht. Wie befürchtet, habe ich einen ordentlichen Bluterguss der schlimmer als erwartet aussieht. Langsam steigen Dampfwölkchen aus der Dusche, aber ich stehe immer noch wie versteinert vor dem Spiegel, als Alexander hinter mir auftaucht.

„Christina wird mich fragen was ich gemacht habe“, sage ich monoton in den Spiegel starrend.

Er kommt ein paar Schritte näher. „Kannst du es mit Make-up abdecken?

Ich schüttle den Kopf. „Ich wüsste nicht mit welchem Make-up das funktionieren sollte.“

Er legt seine Arme um meinen nackten Oberkörper. „Bleib hier, sag du fühlst dich nicht wohl.“

„Ich lüge meine Freundin nicht an.“

„Willst du ihr lieber sagen dein Ehemann hat dich ins Gesicht geschlagen?“

Ich zucke mit den Schultern. „Ich glaube nicht.“

Er dreht mich zu sich und hebt mein Kinn mit seinem Zeigefinger an.

„Bleib hier weil ich wieder gut machen möchte was ich getan habe.“

„Wie denn?“, frage ich mit hochgezogenen Augenbrauen.

Er hebt mich hoch und setzt mich auf der Ablage neben dem Waschbecken ab, streicht mit seiner Hand meine Wirbelsäule entlang, dann küsst er zärtlich meinen Hals, mein Dekolletee und meinen Brustansatz.

„Und du meinst so kannst du alles wieder gut machen?“, hauche ich. „Ist das nicht zu einfach?

„Ich strenge mich an…“, flüstert er leicht atemlos.

„Du wirst dich sehr anstrengen müssen“, entgegne ich.

Er zieht den weichen Badeteppich mit seinem Fuß geschickt unter sich, dann schiebt er mein Becken ein Stück nach vor, bevor er seine Küsse an meiner Brust fortsetzt und sich nach unten vorarbeitet. Langsam geht er in die Knie, ich vergrabe meine Hände in seinen Haaren und schließe meine Augen.

„Siehst du, ich knie sogar vor dir nieder“, murmelt er meine Innenschenkel küssend. Je weiter seine Zunge vordringt, desto unruhiger rutsche ich hin und her. Grinsend sieht er auf und da ist es wieder, das Glitzern, wie das eines Geltschersees in seinen Augen. Ich werde nie aufhören können ihn zu lieben. Dieser Anblick lässt mich nach Luft schnappen.

„Ruhig meine Schöne, ganz ruhig. Er legt seinen Kopf wieder in meinen Schoß und führt sein Vorhaben zielstrebig fort. Komplett aus der Fassung lege ich meinen Kopf stöhnend in den Nacken. Wenn er nicht augenblicklich aufhört, explodiere ich. Und er hört nicht auf. Ich kralle die Finger meiner rechten Hand in seine Haare, die andere Hand halte ich vor meinen Mund und beiße auf meine Finger. Mein Körper versteift sich und ich kann den Höhepunkt nicht weiter hinauszögern, ich lasse das berauschende Kribbeln in meinem Körper zu, und vergesse damit alles was zuvor geschehen ist. Er richtet sich langsam auf, fasst meinen Kopf mit seinen Händen und küsst mich so intensiv, dass ich kaum Luft bekomme. Seine Zunge schiebt er dabei tief in meinen Mund. Ich denke, um mir zu demonstrieren, was er da gerade mit mir angestellt hat. Er lässt mir ein paar Augenblicke, dann hebt er mich hoch, ich schlinge meine Beine um seine Hüften, was mich spüren lässt, dass es noch nicht zu Ende ist. Ich klammere mich fest um ihn, wir steigen unter die Dusche, wo er mich an die Fliesen presst. Das Wasser prasselt warm auf uns herab. Ich lege einen Arm fest um seinen Hals, mit der anderen stütze ich mich an der Wand ab. Als er in mich eindringt, kann ich ein Stöhnen nicht unterdrücken, er hält seine Hände fest unter meinen Hintern und bewegt sich zuerst langsam, dann immer schneller, ich presse meine Stirn an seine, wir atmen im Gleichklang.

„Ich kann nicht mehr…“, stöhne ich, bevor ich erneut komme, und er mir laut und stoßweise ausatmend folgt. Vorsichtig lässt er mich hinunter, hält mich aber mit festem Griff um die Hüften weiter fest.

„Du bleibst also zu Hause?“, fragt er immer noch atemlos.

„Bist du noch nicht fertig mit der Wiedergutmachung?“, ich beiße mir lüstern auf die Unterlippe.

„Nein…, aber jetzt wollen wir dich erst einmal sauber machen.“ Er reibt seine Nase an meiner, bevor er einen Kleks Shampoo in seinen Händen verreibt. Zärtlich dreht er mich, sodass er mir den Rücken einseifen kann. Er massiert damit meine Schultern und meinen Rücken und schäumt meine Haare ein. Ich drehe mich wieder zu ihm und wasche mit kreisenden Bewegungen seine Brust und Oberarme. Er neigt seinen Kopf wie ein kleiner Junge zur Seite und lächelt mich an.

„Was?“, frage ich mit hochgezogenen Augenbrauen.

„Ich liebe dich Julie.“

Ich ziehe sein Gesicht an meine Lippen und küsse ihn, während ich mit der anderen Hand nach unten gleite.

„Ja…das spüre ich…“, murmle ich.

Er nimmt meine Hand und legt sie auf sein Herz. „Nicht nur so, sondern mit jeder Faser meines Herzens, verzeih mir.“

Ich nehme seine Hand und lege sie auf mein Herz. „Ich habe dir schon verziehen, denn mir geht es nicht anders.“ Ich streiche durch seine Haare. „Ich muss Christina anrufen, außerdem habe ich Hunger und ich befürchte du musst heute den ganzen Tag mit mir im Bett verbringen.“

„Was meinst du, Frühstück im Bett?“, fragt er mit einem Schmunzeln auf den Lippen.

„Ja…sehr gute Idee.“ Ich streiche lächelnd über seine Wange.

Kapitel 4

Liebes Tagebuch!

Nach dem Vorfall vor einigen Monaten bemüht sich Alexander wirklich sehr um unsere Beziehung. Ich bin ihm auch gar nicht mehr böse, ich bin sicher, es war ein einmaliger Ausrutscher. Kann man jemanden wirklich so lieben, dass so etwas passiert? Ich könnte ihm nie wehtun. Natürlich ist er immer noch eifersüchtig, aber er reißt sich zusammen und ich bemühe mich wirklich ihm keinen Anlass dazu zu geben. Nächste Woche werde ich 24 Jahre alt. Weil ich nicht groß feiern will, habe ich mir eine Reise gewünscht. Wir werden für drei Wochen durch Europa reisen. Darauf freue ich mich sehr, und wir werden die gemeinsame Zeit für unser neues Projekt nutzen. Wir wollen unsere Familie vergrößern und ein Baby bekommen. Ein Baby. Ein WIR. Zu DRITT.

Kapitel 5

„Wir versuchen es einfach wieder.“ Alexander streicht sanft durch meine Haare. Ich liege mit dem Rücken zu ihm gewendet im Bett. Ich fühle mich leer, so als hätte man mir den Lebensmut ausgesaugt. Ich kann ihn nicht einmal ansehen; ich fühle mich schuldig. Seit ich vor zwei Tagen aus der Klinik entlassen wurde, behandeln mich alle, als wäre ich in Watte gepackt, aber das will ich gar nicht. Ich möchte einfach nur das Baby in meinem Bauch zurück. Ich drücke mein Gesicht ins Kissen.

„Soll ich dir etwas bringen? Tee?“

Ich schüttle den Kopf. „Lass mich ein bisschen schlafen“, murmle ich.

„Du solltest vielleicht ein bisschen an die frische Luft gehen, du kannst nicht den ganzen Tag im Bett bleiben.“

Ich atme schwerfällig durch. „Nein ich will nicht aufstehen…lass mir noch ein bisschen Zeit.“

„Gut, ich muss ein paar Anrufe tätigen, ich sehe später wieder nach dir, in Ordnung?“

Ich nicke und schließe meine Augen. Er gibt einen Kuss auf die Wange und verlässt das Zimmer. Vor fünf Tagen habe ich unser Baby verloren. In der fünfzehnten Woche, fast sechzehnte. Es war alles so gut, mir ging es so gut. Wir haben uns unbeschreiblich gefreut, Alexander war so stolz und fürsorglich, ich habe ihn so noch nie erlebt. Als er davon erfuhr, dass er Vater wird, hat er sich plötzlich komplett verändert. Es war schön ihn so zu erleben. Bis vor fünf Tagen. Abends, nach dem duschen bekam ich plötzlich schlimme Krämpfe und fing an zu bluten. Das Herz des Babys hörte auf zu schlagen, haben mir die Ärzte gesagt. So etwas kommt vor. Warum gerade unser Baby? Es wäre ein Junge geworden. Ein Junge. Alexander hatte schon so viele Pläne. Ein Sohn...Kraftlos rolle ich mich zusammen und schließe meine Augen. Wir versuchen es wieder, ich weiß nicht ob er das nur sagt um mich zu beruhigen, oder sich selbst damit einredet, dass alles gut wird. Keine Ahnung, wie lange es dauert bis ich diesen Verlust verarbeitet habe.

Die letzten Wochen war ich zu Hause, nach der Fehlgeburt brauche ich einfach noch Zeit für mich. Ich habe aber wieder mit den Klavierstunden angefangen, das lenkt mich zumindest ein wenig ab. In ein paar Monaten wollen wir es noch einmal versuchen. Die Ärzte sagen ich bin gesund und es gibt keinen Grund sich Sorgen zu machen. Ich will aber nichts überstürzen, ich muss meinem Körper ein bisschen Zeit geben und meinem Herz auch. Christina und ich unternehmen wieder mehr miteinander, die Zeit mit ihr ist so kurzweilig und sie schafft es immer wieder mich zum Lachen zu bringen. Selbst jetzt. Im Hotel wird gerade umstrukturiert, Alexander strebt ein neues Konzept an, das fordert ihn ziemlich, und er ist wenig zu Hause. Wenn er doch einmal da ist, sitzt er erst wieder über seinem Notebook und studiert Zahlen.

Gerade bin ich vom Klavierunterricht nach Hause gekommen. Andrej sitzt im Salon und liest die Zeitung. „Hallo Julie“, begrüßt er mich kurz von seiner Zeitung aufschauend.

„Wo ist Alexander?“

„Er sitzt in seinem Büro“, murmelt er.

Ich gehe durch den Salon, und bleibe im Türrahmen des Zimmers stehen. Er telefoniert. Ich winke ihm zu, was er mit einem Lächeln erwidert. Da ich ihn nicht weiter stören will, gehe ich zurück zu Andrej in den Salon. Ich stelle mich an den Flügel und tripple mit meinen Finger auf das glänzende dunkle Holz.

„Spiel etwas“, sagt Andrej und legt seine Zeitung weg. „Du spielst kaum noch in den letzten Wochen.“

Ich gehe um den Flügel herum und setzte mich auf den Hocker.

„Was möchtest du hören?“

Er steht auf und stellt sich neben den Flügel.

Kannst du dich noch an das Lieblingsstück von Irina erinnern?“

„Natürlich, die Mondschein Sonate von Beethoven. Soll ich es spielen? Ist es nicht zu traurig?“

„Wir sind doch alle irgendwie traurig“, sagt er, lächelt mich aber an.

Ich klappe den Deckel auf und beginne zu spielen. Das Stück habe ich ewig nicht mehr gespielt, aber meine Finger gleiten trotzdem mühelos über die Tasten. Andrej setzt sich wieder auf seinen Stuhl, stützt sein Kinn auf seine Hand und folgt bewundert meinen Fingern am Klavier. Nach ein paar Minuten setzt sich auch Alexander zu mir. Er legt seine Hand auf meinen Oberschenkel. Es ist lange her, dass er sich zu mir ans Klavier gesetzt hat. Als ich das Stück zu Ende gespielt habe, ist es einen Moment lang ganz leise im Raum. Er legt seinen Arm um meine Hüfte und reibt seine Nase an meiner Wange.

„Wunderschön“, schwärmt er.

Ich schließe meine Arme um ihn und übersähe ihn mit unzähligen Küssen.

„Ich bin so froh, dass ich dich habe.“

„Du wirst sehen, in ein paar Monaten wirst du wieder schwanger sein, alles wird gut meine Schöne…“

Andrej sieht uns zufrieden an. „Du hast großes Glück mit deiner Frau mein Sohn, und ich mit meiner Schwiegertochter.“

Er steht auf und klopft Alexander auf die Schulter. „Darum lade ich euch jetzt zum Abendessen ein. Es ist Zeit, dass hier wieder Normalität einkehrt. Schluss mit den Sentimentalitäten!“

Kapitel 6

Die Normalität kehrte wieder ein, aber auf eine weitere Schwangerschaft warte ich seit einem Jahr vergeblich.

„Lassen Sie sich ein bisschen Zeit“, beruhigt mich meine Frauenärztin immer wieder. Zeit, was ist Zeit? Die Kinder in meiner Klasse machen mich jedenfalls glücklich, jede Stunde ist für mich ein Geschenk. Trotzdem bin ich heute wehmütig, als ich das Schulgebäude verlasse. Andrej fliegt für längere Zeit nach Russland. Seiner Schwester geht es gesundheitlich nicht gut, darum möchte er bei ihr sein. Wie lange er bleibt, steht noch nicht fest. Ich glaube aber, er vermisst auch seine Heimat, seit dem Tod von Irina, habe ich das immer wieder gespürt. Sein Flug geht heute Abend und ich fürchte mich schon die vergangen Tage vor dem Abschied. Er ist wie ein Vater für mich geworden, er war immer für mich da, ich werde ihn schrecklich vermissen. Als ich zu Hause ankomme, stehen die Koffer bereits in der Halle. Das traurige Gefühl, dass mir im Magen liegt, verstärkt sich beim Anblick der Gepäckstücke. Andrej sortiert noch Unterlagen im Salon. Ich gehe zu ihm und sehe ihn wortlos traurig an.

„Komm her mein Mädchen.“ Er schließt mich in seine Arme und küsst mich auf die Stirn. „Ich komme doch wieder.“

„Musst du wirklich weg? Es wird schrecklich langweilig ohne dich werden“, beschwere ich mich.

„Du hast Alexander“, tröstet er mich. „Jetzt könnt ihr in jedem Zimmer des Hauses Sex haben und du wirst sehen, du bist bald wieder schwanger.“ Er lacht laut auf. „Keiner mehr da, der euch stört.“

„Andrej…“, murmle ich, und spüre wie ich rot werde.

Mit einem Mal wird er ernster. „Julie, lass dir von Alexander nichts gefallen. Du musst ihn in die Schranken weisen. Er war schon als Kind so, wenn man ihm seine Grenzen nicht zeigt, wird er diese überschreiten, aber er ist ein guter Sohn.“

„Und ein guter Ehemann“, füge ich hinzu. „Ich liebe ihn.“

Er nickt. „Ja. Du wirst sehen, es gibt einen Enkel für mich wenn ich zurückkomme.“

„Ich werde mich bemühen…“

„Das brauchst du nicht, das klappt auch so. Denk nicht so viel nach.“ Er tätschelt mir die Schulter.

„Was klappt auch so?“ Alexander steckt seinen Kopf durch die Salontüre, er ist gerade nach Hause gekommen. Ich schenke ihm mein süßestes Lächeln. Er kommt zu mir und belohnt mich mit einem dicken Schmatzer.

„Du sollst deiner Frau viele glückliche Momente bescheren wenn ich nicht hier bin, du hast in den nächsten Monaten ausreichend Raum und Gelegenheit dazu, wenn du verstehst was ich meine…“ Er blinzelt seinem Sohn zu.

„Andrej!“ Ich gebe ihm einen liebevollen Schubs, Alexander schließt mich in seine Arme.

„Ja Papi, wir fangen gleich heute damit an. Versprochen.“ Die beiden Männer lachen laut, aber ich bin weiter wehmütig.

„Ich werde dich so vermissen…“, murmle ich mit Tränen in den Augen.

Kapitel 7

Andrej ist inzwischen fast ein halbes Jahr in Russland. Seiner Schwester geht es zwar wieder besser, aber wie ich schon vor seiner Abreise vermutet habe, genießt er die Zeit in seiner Heimat und das Zusammensein mit der Familie. Ich sitze im Garten unter der großen schattigen Linde und blättere ein paar Notenblätter, die ich in meinen Unterricht einbauen will, durch. Ich lehne mich zurück und atme die warme Luft ein. Ich bin fast froh, dass Alexander für ein paar Tage geschäftlich unterwegs ist. Die letzten Wochen waren ziemlich anstrengend. Scheinbar läuft im Hotel nicht alles so wie es soll, viel erzählt er mir aber nicht, er meint immer, dass er mich damit nicht belasten will. Seine Laune ist dementsprechend schlecht, und leider bekomme ich diese miese Stimmung auch häufig ab. Ich denke dann immer an Andrejs Worte, ihm Paroli zu bieten, aber so bin ich einfach nicht, es fällt mir sehr schwer mich ihm entgegen zu stellen. Vor ein paar Tagen hatten wir sogar einen so heftigen Streit, dass ich im Gästezimmer übernachtet habe. Ganz schlimm ist es, wenn er etwas getrunken hat. Ich habe wirklich Angst, dass sich die Szenen von vor zwei Jahren wiederholen könnten wenn er so ausrastet. Das macht mir Sorgen. Die kommenden zwei Tage bin ich noch allein, das nutze ich aus um mich heute mit Christina zu treffen. Wir sehen uns später zu einem gemütlichen Abendessen. Das Summen meines Handys holt mich aus meinem Tagtraum zurück. Es ist Alexander, das zaubert mir ein Lächeln auf die Lippen. Auch wenn es oft schwierig ist, er ist alles für mich, ich hebe sofort ab.

„Hey…ich vermisse dich schon…“, begrüße ich ihn.

„Hallo meine Schöne. Wirklich? Oder sagst du das nur um mich zu beruhigen?“

„Ich vermisse dich“, wiederhole ich. „Läuft alles gut?“

Er atmet tief durch. „Ja. Einigermaßen. Was machst du?“

„Ich sitze im Garten, es ist ein herrlicher Tag. Später treffe ich mich mit Christina zum Abendessen.“

„Ah ja, genau…Sehr schön.“ Das sehr schön klingt ein wenig überspitzt. „Wo geht ihr hin?“

„Zu Jerry. Ich war ewig nicht mehr dort.“

„Zu Jerry…Na dann, ich wünsche dir viel Spaß.“ In seinen Worten liegt wieder ein seltsamer Unterton, ich weiß genau, es passt ihm nicht, dass ich abends allein ausgehe, vor allem wenn er nicht da ist, aber ich werde das einfach ignorieren.

„Danke, den haben wir bestimmt, du kennst doch Christina, mit ihr ist es immer lustig, wir sehen und dann morgen?“

„Ja, ich kenne Christina, ich muss jetzt auflegen, rufst du mich an, wenn du wieder zu Hause bist?“

„Natürlich. Ich liebe nur dich, vergiss das nicht.“ Ich musste das noch anbringen, ich habe das Gefühl, dass er sonst ständig darüber nachdenken wird, was ich heute Abend mache.

„Vergiss du es nicht. Bis dann mein Herz.“

Er legt auf und ich muss den Kopf schütteln, ich lasse mir aber ganz sicher nicht den Abend verderben. Darum beschließe ich, gleich damit anzufangen gut drauf zu sein. Ich gehe zurück ins Haus, Mira unser Hausmädchen poliert gerade die Möbel.

„Mira, ich treffe mich nachher mit meiner Freundin zum Abendessen. Könnten Sie mir helfen ein paar Lockenwickler in meine Haare zu drehen?“

„Natürlich, sehr gerne Miss.“ Sie nickt freundlich lächelnd. Meine Haare sind einfach zu lang, als das ich das selbst schaffen könnte. Darum binde ich sie auch meist zu einem Zopf zusammen, oder mache einen Dutt. Bevor ich in die Badewanne steige, suche ich noch ein hübsches Kleid aus. Ich entscheide mich für ein kurzes, schwarzes, mit ausgestelltem Rock und Spitzenapplikationen an Ärmeln und Saum. Es ist elegant, aber nicht zu elegant und sieht sehr schön aus. Nachdem ich gebadet habe, dreht mir Mira wie versprochen die Haare ein. Es wird ein bisschen dauern bis sie ganz getrocknet sind, aber ich habe noch ausreichend Zeit. Da ich mich eigentlich so gut wie nie schminke, nutze ich die Zeit und Gelegenheit aus, heute einmal ein bisschen Farbe in mein Gesicht zu zaubern. Es kostet ziemlich viel Zeit und ist ein ganz schöner Aufwand, sich rundum zu stylen. Alexander meint immer, ich brauche das alles nicht, weil ich ohne den ganzen Kleister viel schöner wäre, aber wenn ich mich so im Spiegel betrachte, gefällt mir was ich sehe. Meine Haare fallen in sanften Wellen über meinen Rücken und mein Gesicht strahlt. Ich bin plötzlich eine ganz andere Frau. Es fühlt sich erwachsenen und selbstbewusst an. Vielleicht sogar ein bisschen sexy.

„Brauchen Sie noch etwas Miss?“, fragt mich Mira, als ich die Treppe hinunter komme.

„Nein, mein Taxi müsste jeden Moment hier sein.“

Sie sieht mich mit bewundernden Augen an. „Oh! Sie sehen sehr schön aus.“

„Danke fürs Haare eindrehen.“ Ich zwinkere ihr zu, was sie mit einem Grinsen erwidert. Als ich in meine Heels schlüpfe, klingelt es auch schon am Tor, das Taxi ist da.

„Schönen Abend!“, ruft mir Mira hinterher.

Christina wartet schon vor dem Restaurant auf mich. Als ich aussteige, reißt sie ihre Augen auf. „Wow…was ist denn mit dir passiert?“

Ich drehe mich einmal im Kreis. „Ein wenig Optimierung für unseren Abend, dachte ich mir.“

„Toll…“, entgegnet sie, während sie mir zur Begrüßung links und rechts einen Kuss gibt. „Was sagt denn Alexander dazu?“

„Der kommt doch erst morgen wieder.“ Wir gehen ins Lokal. Christina weiß zwar, dass Alexander eifersüchtig ist, sie ist meine Freundin und ich erzähle ihr alles, bis auf den Vorfall mit den Ohrfeigen damals.

„Dann ist ja gut“, murmelt sie.

Wir haben einen schönen Tisch neben der großen Glasfront, draußen glitzern in der Dunkelheit die Lichter der Häuser. Das Lokal ist gut gefüllt, hier trifft sich wirklich alles. Das Essen ist gewohnt hervorragend und Christina wie erwartet in Hochform. Ein paar Tische weiter, sitzt eine Runde junger Männer mit denen sie schon eine Zeit lang flirtet. Nachdem sie immer noch auf der Suche nach dem Richtigen ist, lässt sie keine Gelegenheit aus, den Männern eindeutige Blicke zuzuwerfen. Mich kostet das lediglich ein Schmunzeln, ich halte mich aus dem was da abläuft heraus und gönne ihr den Spaß. Auch die Herren scheinen Gefallen an uns zu haben, kurz bevor wir bezahlen, bekommen wir noch zwei Drinks spendiert. Christina erhebt ihr Glas und schenkt den Spendern ein Lächeln samt Augenzwinkern, was zur Folge hat, dass ein gutaussehender, ich schätze Mitte dreißigjähriger Typ zu unserem Tisch kommt.

„Hallo Ladies…“, schmettert er. „So allein?“

Christina fängt ein Gespräch mit ihm an, ich zupfe verlegen an meinem Fingernagel und versuche den Annäherungsversuch zu ignorieren. Das Ganze ist mir ziemlich unangenehm.