Novemberrosen - Kerstin Teschnigg - E-Book

Novemberrosen E-Book

Kerstin Teschnigg

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Beschreibung

Luisa Miller, gerade 30 Jahre alt geworden, vielleicht nicht glücklicher, aber zufriedener Single in New York lebend, hat den Glauben an die große Liebe längst aufgegeben. Doch an einem Tag im November ändert sich mit einem bezaubernden Strauß rosa Rosen ihr Leben grundlegend. Was so einfach sein könnte, ist eine Berg- und Talfahrt der Gefühle, Vergangenheit und Zukunft scheinen sich nur schwer in Einklang bringen zu lassen, und vor allem die Vergangenheit kommt ihr immer wieder in die Quere. Luisa hat schon in jungen Jahren viel erlebt und das meiste davon würde sie am liebsten aus ihrer Vita streichen. Das gespaltene Verhältnis zu Ihrem Vater macht die Sache nicht gerade einfacher. Auf ihr Herz hören? Nicht so viel nachdenken? Das wäre zu einfach, und genau damit tut sich Luisa schwer, auch wenn an einem Punkt ihres Lebens plötzlich alles perfekt zu sein scheint. Doch dann ändert sich auf einem Schlag wieder alles, und das große Glück rückt in weite Ferne. Immer wieder begleiten sie die bösen Geister der Vergangenheit und lassen sie nicht los. Wird Luisa am Ende endlich glücklich werden?

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Seitenzahl: 955

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Kerstin Teschnigg

Novemberrosen

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

PROLOG

Kapitel 1 15 Jahre später – 17. November

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9 Ein neues Jahr

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13 Es endet wie es begann

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20 Und wieder kommt alles anders…

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23 25. Juli – JA!

Kapitel 24 2 Jahre später – 12. Oktober

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33 – 10. November

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42 – 10 Wochen später

EPILOG

Impressum neobooks

PROLOG

Leise schließe ich das Gartentor hinter mir, es ist schon spät, sehr spät. Um ganz genau zu sein, ich bin zu spät, wie immer. Im Haus ist alles dunkel, es brennt kein Licht. Das ist gut. Ich überlege kurz, ob ich nicht besser den Hintereingang nehmen soll. Nein, keine gute Idee, Dad könnte noch in seinem Arbeitszimmer sein, und dann bin ich fällig. Ich schleiche weiter zur Tür und krame in meiner Jeansjacke um meinen Hausschlüssel heraus zu holen. Mist. Diese Scheißstufen. Ich stolpere über die erste Stufe vor dem Hauseingang hinauf, dabei fällt mir auch noch der Schlüssel, gefolgt von einem Scheppern in der nächtlichen Stille, aus der Hand. Schnell hebe ich ihn wieder auf und versuche ihn möglichst leise ins Schloss zu stecken. Bevor mir das gelingt geht die Tür auch schon mit Schwung auf. Ich stolpere erschrocken die Stufen welche ich gerade so mühsam erklommen habe wieder hinunter. Upps. Dad sieht gar nicht erfreut aus, ich muss grinsen, seine Miene sieht zu lustig aus. Ich warte auf meine Standpauke, je schneller er anfängt, desto schneller ist es vorbei. Erfahrungssache.

„Kannst du mir sagen was es zu lachen gibt? Es ist nach Mitternacht, morgen musst du zur Schule.“

Er zeigt wütend auf seine Armbanduhr. Ja, ich weiß wie spät es ist. Ich beiße mir auf die Unterlippe und verdrehe die Augen. Ich nehme die Stufen wieder in Angriff und versuche ihn zu ignorieren. Eins, zwei, drei, hopp ich bin oben, geht doch. Ich stehe dicht vor ihm, er lässt mich nicht durch und baut sich einschüchternd vor mir auf. Ich versuche nicht zu wackeln, es ist ein komisches Schauspiel.

„Du bist betrunken.“

Er schüttelt den Kopf, seine Worte klingen abwertend, was mich aber absolut kalt lässt. Seine Augen verengen sich zusehends. Ich nehme eine Haarsträhne, die sich aus meinem Zopf gelöst hat zwischen meine Zähne und kaue darauf herum, ich muss noch immer grinsen, ich kann einfach nicht aufhören, ich bemühe mich ja, aber wenn ich ihn ansehe, muss ich noch mehr lachen. Er packt mich am Ärmel meiner Jacke, zieht mich in den Flur und wirft die Tür hinter mir zu. Ich zucke kurz zusammen.

„Du glaubst du kannst machen was du willst? Du glaubst ich lasse mir das von dir gefallen? Da täuscht du dich! Für dein Verhalten wird es Konsequenzen geben, das habe ich dir schon vor ein paar Tagen gesagt, aber scheinbar interessiert dich das nicht! Mir reicht es jetzt!“ Seine Stimme erhebt sich, es ist mir egal, ich lehne mich lässig an den Türstock und lasse ihn reden. Bla, bla, bla, immer dasselbe Geplänkel, jedes Mal.

„Ehrlich, ich weiß nicht mehr was ich mit dir machen soll Luisa. Du bist fünfzehn. Ich kann dein Verhalten nicht verantworten.“ Er schüttelt verzweifelt den Kopf.

Ja ich weiß, ich bin fünfzehn, fast. Ich liebe es ihn zur Verzweiflung zu bringen, es ist wie ein Spiel. Wie lange dauert es heute bis er ausrastet? Ich bevorzuge es keine Antwort zu geben, er weiß sowieso alles besser und mein Schweigen bringt ihn noch mehr in Rage.

„Warst du wieder mit diesem Ben zusammen?“, fährt er indes fort.

Ich finde er hat genug gefragt, über Ben spreche ich sowieso nicht mit ihm, daher setze ich zum Rückzug an und versuche mich an ihm vorbei zu drängen. Ich will auf mein Zimmer gehen, er hält mich unsanft am Arm fest und schüttelt mich ein wenig, als wolle er mich zur Vernunft zwingen.

„Du bleibst hier. Wir sind noch nicht fertig.“

„Doch sind wir, lange schon. DAD.“

Ich versuche erneut an ihm vorbei zu kommen, was wieder nicht glückt.

„Ich verbiete dir jeglichen Kontakt mit diesem Jungen, er ist kein Umgang für dich. Ich werde diesen Typen anzeigen! Du bist minderjährig und er achtzehn! Sieh nur was aus dir geworden ist. “

Er mustert mich mit einem abfälligen Blick, als würde ich ihn anekeln. Ich stemme meine Hände in meine Hüften.

„Ja, was ist aus mir geworden? Ich bin nicht mehr dein süßes Mädchen und ich will es auch nicht sein. Ich scheiße auf diese falsche Familienidylle! Zeig ihn doch an, wenn dich das glücklich macht, aber dann bin ich weg. Für immer!“

Trotz allem was ich intus habe, meine ich das ganz ernst, ich lasse mir von ihm nichts mehr gefallen.

„Luisa! Deine Mutter würde…“

Seine Stimme wird immer lauter, das beeindruckt mich immer noch nicht, aber mit Mum lasse ich mir nicht drohen.

„Lass Mum da raus, sie hat damit nichts zu tun!“

Jedes Wort über meine Mutter klingt wie eine Lüge aus seinem Mund. Wenn sie nur hier wäre, sie würde mich verstehen. Er sieht mich weiterhin mit böser Mine an, sagt aber kein Wort mehr. Am liebsten würde ich ihm vor die Füße spucken, aber das ist wohl keine so gute Idee. Mein Tonfall ist scharf, auch wenn ich mich in Anbetracht meines momentanen Zustandes schwer tue einen ordentlichen Satz zu sprechen, fauche ich ihn an.

„Geh doch zu deiner geliebten Alice.“

Er schüttelt verzweifelt den Kopf, ich boxe mich endgültig an ihm vorbei und laufe die Treppe hoch in mein Zimmer, wo ich die Tür hinter mir zuwerfe, sie versperre und mich aufs Bett schmeiße. Ich hasse ihn, er ist so ein Ignorant. Es dauert nicht lange und es klopft an meiner Tür, ich reagiere nicht.

„Es ist spät. Heute lasse ich dich in Ruhe, aber es geht so nicht weiter, wir sprechen uns morgen.“

Er kann mich mal, ich will kein Wort mehr von ihm hören, nicht heute und nicht sonst irgendwann. Ich stecke meinen Kopf unters Kissen und warte. Nach einiger Zeit lausche ich, ob ich ihn noch hören kann. Alles ist ganz leise, er scheint zu Bett gegangen zu sein. Ich stehe auf und öffne vorsichtig die Tür. Alles mucksmäuschenstill. Ich schließe die Tür wieder, gehe zum Fenster und mache es mit so wenig Geräusch wie nur möglich auf. Ich setze mich auf die Fensterbank und schwenke meine Beine galant nach draußen. Geht doch, so betrunken bin ich also wirklich nicht. Dad hat wie immer übertrieben, aber er übertreibt ständig. Mit ein wenig Schwung springe auf das Vordach der Veranda und klettere das Rosengitter hinunter. Au, Scheiße, die Rosen sind ganz schön stachelig, ich springe lieber ab, bevor ich mich noch weiter piekse und lande unsanft auf meinem Allerwertesten im Gras. Na bitte, geht doch, man könnte zwar eleganter landen, aber was soll´s. Ich steige auf mein Fahrrad das in der Auffahrt steht und fahre die dunkle Straße entlang, die nur durch den Mond in ein sanftes grau getaucht schimmert. Gut, dass ich ein paar Seitenstraßen kenne, die eine Abkürzung zu Bens Haus sind. Mein Fahrrad lehne ich an den weißen Gartenzaun und öffne das Gartentürchen. Es quietscht ein bisschen. Im Haus ist alles finster, aber in Bens Zimmer leuchtet ein schwaches Licht. Rufen kann ich um diese Zeit schlecht, wenn ich nicht die ganze Straße wecken will. Ich überlege, dann hebe ich ein paar kleine Kieselsteine aus dem Rosenbeet auf und werfe den ersten an Bens Fensterscheibe und warte kurz. Keine Reaktion. Ich versuche es noch einmal und gleich noch einmal. Ah, da ist er ja, er öffnet das Fenster und schaut suchend in die Dunkelheit. Ich gehe einen Schritt näher und winke ihm.

„Luisa?“, flüstert er und sieht mich überrascht an.

Ich fuchtle wortlos mit meinen Händen, ob er nicht vielleicht herunter kommen kann. Er signalisiert mir, dass ich leise sein soll und er gleicht komme. Ein paar Augenblicke später öffnet er auch schon die Tür und steht vor mir. Er ist ganz zerzaust und trägt nur Boxershorts und ein weißes Shirt.

„Mensch Luisa…Was machst du hier? Warum bist du nicht nach Hause gegangen? Du weckst noch Mum.“

Ich dachte er freut sich, wenn ich noch zu ihm komme, sieht aber nicht so aus, meine Mundwinkel verziehen sich gekränkt.

„Ich kann auch wieder gehen…“, schmolle ich.

„Nein…sei nicht albern.“

Er kommt heraus und schließt ganz leise die Tür hinter sich, dann nimmt er meine Hand und wir gehen durch den Garten, wo zwischen Blumenbeeten idyllisch eine Hollywoodschaukel steht.

„Setzt dich. Was ist los? Ist etwas passiert?“ Er sieht mich fragend an.

„Ich dachte du freust dich, wenn ich komme.“

„Es ist ein Uhr morgens, dein Vater wird mich umbringen, wenn er merkt, dass du hier bist.

„Merkt er doch nicht. Ich war vorhin zu Hause, er hat eine Megaszene gemacht, ich bleibe keinen Tag mehr in diesem Haus. Ich habe mich rausgeschlichen.“

Ben lehnt sich seufzend auf der Schaukel zurück. Er nimmt meine Hand und zieht mich zu sich zurück und legt seinen Arm um mich.

„Du kannst nicht hierbleiben.“

Ich sehe ihn ungläubig an, das ist jetzt nicht sein ernst.

„Soll ich mitten in der Nacht wieder mit dem Fahrrad zurück?“

Er zuckt mit den Schultern.

„So bist du ja auch hergekommen, oder?“

„Gut, verstehe, wenn ich dich wirklich brauche, dann kneifst du.“

Ich springe von der Schaukel wie eine aufgescheuchte Tarantel.

Er packt mich am Zipfel meines T-Shirts und zieht mich zurück, ich stolpere dabei fast und plumpse wieder hin.

„Psssssst, wenn meine Mum wach wird, haben wir beide ein Problem.“

Ich schmolle noch immer.

„Es war ein Fehler herzukommen, ich bin eben nur irgendein Mädchen für dich, hätte ich mir denken können.“

Aus mir spricht eine leicht betrunkene fast fünfzehnjährige, ich bereue den Satz, nachdem ich ihn ausgesprochen habe, so werde ich ihm wohl kaum imponieren.

„Blödsinn, du weißt genau dass das nicht stimmt und natürlich kneife ich nicht, aber bitte benimm dich nicht wie ein launischer Teenager.“

Er sieht mich mit hochgezogenen Augenbrauen an, dann greift er in die Tasche seiner Boxershorts und holt einen Joint heraus, und kratzt sich hinterm Ohr, das macht er immer wenn er nachdenkt. Unter dem Sitzpolster der Schaukel zieht er eine Schachtel Streichhölzer hervor.

„Wie gut dass ich die letztens hier versteckt habe.“

Er grinst zufrieden, dann zündet er den Joint an und nimmt einen langen Zug den er genussvoll durchzieht. Er lehnt sich wieder zurück und zieht ein weiteres Mal daran, bevor er ihn mir reicht. Es ist nicht das erste Mal, dass ich etwas rauche, und trotzdem nimmt er mir den Joint nach zwei tiefen Zügen aus der Hand.

„Übertreib es nicht...“

Seine dunklen Augen funkeln im Mondlicht, ich lehne mich an ihn und lege meinen Kopf auf seine Brust. Ich fühle mich leicht wie eine Feder im Wind, da ist nur mehr er und alles andere drängt sich weit in den Hintergrund meiner Gedanken. Das gefällt mir, ich schließe meine Augen und lächle. Er streicht mir die Haarsträhne die sich aus meinem Zopf gelöst hat aus dem Gesicht und schiebt sie hinter mein Ohr. Dann beugt er sich zu mir und küsst mich. „Gehen wir rein, es ist ganz schön frisch.“

„Ich dachte ich kann nicht hier bleiben?“

Er steht auf, nimmt meine Hand, drückt den Rest des Joints in der Wiese aus und wirft ihn in den Kanaldeckel neben der Tür als wir daran vorbei gehen.

„Dein Dad bringt mich sowieso um, also was soll es, aber sei bloß leise dass meine Mutter nicht wach wird.“

Er legt mahnend den Zeigefinger auf seine Lippen. Ich ziehe meine Schuhe aus und schleiche fast geräuschlos hinter ihm die Stiege hoch. Wir verschwinden in seinem Zimmer. Die kleine Nachttischlampe brennt und hüllt das Zimmer in ein schummrig warmes Licht. Der Joint hat seine Wirkung nicht verfehlt, ich fühle mich ganz leicht und locker. Ich ziehe meine Jacke aus und lege sie auf den Stuhl vor dem Schreibtisch. Ben lehnt an der Tür und verfolgt mich mit seinen Blicken.

„Was soll ich nur mit dir machen?“

Er flüstert und seine Stimme klingt anders als sonst, ich zucke nur mit den Schultern. Dann kommt er auf mich zu und küsst mich.

„Es ist spät und du solltest längst schlafen.“

Ich nicke, sollte ich, aber jetzt bin ich hier. Er löst meinen Haargummi vom Zopf und wuschelt meine Haare ein bisschen durch, bevor er auf das Bett deutet, so als wolle er mir zeigen ich soll hingehen, was ich tue und mich darauf setze. Währenddessen zieht er sein Shirt aus und steht nur noch mit seiner Boxershorts bekleidet vor mir, danach legt er sich aufs Bett und zieht mich zu sich. Ich schnappe kurz nach Luft, mein Hals fühlt sich wie zugeschnürt an. Was soll das werden? Was hat er vor? Er streicht sanft über meine Haare und sieht mir tief in die Augen, bevor er mir mein Shirt über den Kopf zieht. Ich wehre mich nicht, aber ich habe ein bisschen Angst, ich merke wie meine Knie von selbst zu zittern beginnen und mir ein Schauer über den Rücken läuft. Er drückt seine Nase an meine Wange und streicht sanft damit darüber.

„Du brauchst keine Angst haben…“

Er flüstert mir die Worte ganz ruhig in mein Ohr, während er meinen Hals küsst und mit seiner Hand meinen BH Träger hinunter fährt. Ich stoppe ihn und er lässt sofort von mir ab. Ich setzte mich ein wenig auf. Ich weiß nicht ob ich das gerade wirklich will.

„Stimmt etwas nicht?“

Seine Stimme klingt jetzt ernster, ich schäme mich ein wenig, aber ich habe wirklich Angst.

„Ja…Nein…“ Ich stottere vor mich her. „Ich… Ich … Habe noch nie…Ich habe keine Ahnung was ich machen soll…“

Betreten sehe ich auf meine Hände, die sich zittrig und feucht anfühlen. Ich merke wie ich rot werde, jetzt lacht er mich bestimmt aus, ich blicke vor Scham weg.

„Vielleicht sollte ich doch besser gehen“, murmle ich beschämt, ohne ihn anzusehen.

Er fasst mein Kinn und hebt mein Gesicht, sodass ich ihm direkt in die Augen schauen muss und gibt mir einen langen Kuss.

„Bleib hier…“ Er streicht über meine Wange. „Ich mache nichts was du nicht auch willst.“

Will ich? Keine Ahnung, aber es fühlt sich nicht falsch an, wenn dann mit ihm. Plötzlich sind meine Gedanken wieder ganz klar, trotz Alkohol und Joint. Ich lege mich wieder aufs Bett und ziehe ihn zu mir. Während ich tief in seine Augen schaue, nicke ich ihm unmissverständlich zu. Ich lege meine Arme um seinen Hals, und er presst sich fest an mich. Seine Haut auf meiner fühlt sich unglaublich gut an, auch wenn ich vor Angst, oder ist es Aufregung, keine Ahnung, kaum noch atmen kann. Ich schließe meine Augen und schmiege meine Nase an seinen Hals. Kann es sein, dass er einfach nur wundervoll ist? Kann es sein, dass er der Eine ist? Kann es sein, dass ich nie wieder auch nur eine Sekunde ohne ihn sein will? Kann es sein, dass ich ihn liebe? Ich versinke ihn ihm, er in mir, wir ineinander. Niemals werde ich ihn mehr loslassen, niemals. Ich bin wie in Trance und vergesse meine ganze Angst und alles um mich herum. Irgendwann liege ich nur noch in seinen Armen und bereue nichts.

„Ben…“

Ich bin müde und aufgedreht zugleich, aber überglücklich nicht gegangen zu sein.

„Ja?“

Er gibt mir einen Kuss auf die Stirn, ich kuschle mich noch fester an seine Brust.

„Ich muss gehen, es wird bald hell, wenn Dad….“

Er lässt mich nicht ausreden und legt seinen Zeigefinger auf meine Lippen.

„Jetzt noch nicht, komm her, ich lasse mein Mädchen nicht mitten in der Nacht allein draußen herumspazieren, da kann dein Dad machen und sagen was er will.“

Er zieht mich noch ein wenig fester an sich. Er zeichnet meine Lippen mit dem Finger nach und gibt mir anschließend einen langen Kuss.

Ich verlasse ihm Morgengrauen das Haus, Ben begleitet mich ein Stück, bevor ich auf mein Fahrrad steige und nach Hause fahre. Meine Haare wehen im frischen Morgenwind, vor Glück schließe ich kurz meine Augen. Ja, ich bin glücklich, mir geht es richtig gut, ich kann alles tun was ich will. Nein, ab jetzt mache ich nur mehr WAS ICH WILL. Mit ihm. Wir beide gemeinsam.

Kapitel 1 15 Jahre später – 17. November

„Ja, ja Lizzy, mach ich kein Problem, ich bin schon auf dem Weg…“

Es ist einer dieser Novembertage, keiner von den schönen an denen die Sonne den Nebel durchbricht und die letzten bunten Blätter auf den Bäumen leuchten lässt. Nein, es einer von den ungemütlichen, feucht kalten Tagen am Ende des Jahres. Der Wind bläst mir eisig ins Gesicht, ich grabe meine Nase tief in meinen warmen Schal. Meine Finger sind schon ganz starr und dunkelrot von der feuchtkalten Nebelluft. Außerdem kann ich meine Handschuhe nicht anziehen, weil ich mein Handy fest an mein Ohr drücke. Das ist bei dem ungemütlichen Wetter sogar angenehm, so kommt zumindest der Wind nicht daran. Lizzy, meine beste Freundin, quatscht mich schon zwei Straßen lang voll, wie öde ihr letzter Nachtdienst war, und dass momentan scheinbar gar nichts Spektakuläres im Krankenhaus passiert. Nicht, dass mich das nicht interessieren würde, aber ich bin einfach nicht zum Quatschen aufgelegt. Lizzy ist Ärztin im gleichen Krankenhaus in dem ich als Hebamme arbeite, und jetzt gleich habe ich Nachdienst. Ich habe ihr gerade versprochen davor noch etwas im Kaufhaus an der Ecke zu besorgen, für Andy, ihren Verlobten. Mache ich gern, liegt auf dem Weg ins Krankenhaus. Es fühlt sich so gut an als ich durch die Drehtür gehe und mir der warme Wind von drinnen entgegen weht. Es ist ein mehrstöckiges Kaufhaus in dem man alles bekommt was man braucht, oder auch nicht. Von Accessoires, Kleidung Schuhen, Taschen und natürlich auch Kosmetik. Für die meisten Menschen beginnt um diese Zeit schon der Feierabend und so tummeln sich viele geschäftig herum um scheinbar wichtige Erledigungen zu tätigen. Langsam scheint sich die vorweihnachtliche Hektik unter den Geschenkejägern auszubreiten. In der Pafumerieabteilung herrscht heute auch reger Betrieb, alle Verkäuferinnen wuseln sehr beschäftigt herum und so bleibt mir nichts anderes übrig als zu warten. Herrenbeauty, das ist eigentlich gar nicht so mein Thema. Als Single bin ich diesbezüglich nicht so auf dem Laufenden. Während mich die Kaufhausmusik berieselt schaue ich mich um. Mittig im Regal bestaune ich einen außergewöhnlichen Flacon. Wenn etwas so schön eingepackt ist, kann es eigentlich nur gut riechen denke ich mir, und lasse mich dazu hinreißen das Wässerchen auf einen Duftstreifen zu sprühen und daran zu schnuppern. Riecht ganz gut, und ja das würde mir gefallen, aber wie gesagt, kein Anlass zum Kaufen. Als ich so nebenbei in die Spiegelwand neben dem Regal schaue, fällt mir auf wie zerrsaust ich vom Wind aussehe. Meine Wangen sind ganz rot von der Kälte, meine Nase gleicht der einer Schnapsdrossel. Na toll, so bleib ich ewig Single. Mit wenig Mühe versuche ich zu retten was nicht zu retten ist, und streiche die abstehenden Strähnen die sich aus meinem Zopf gelöst haben zurecht, als mir plötzlich ein Zuschauer meines irreparablen Frisurschadens auffällt. Ein gutaussehender Mann beobachtet mich aus der Ferne. Im Spiegel sehe ich in seine Richtung. Ja wirklich gutaussehend, sehr sogar, vermutlich habe ich mich getäuscht dass er gerade zu mir sieht, aber sein Blick schweift wieder in meine Richtung. Ich drehe mich schnell weg vom Spiegel, das Parfumfläschchen immer noch fest in meiner Hand. Unauffällig, zumindest versuche ich unauffällig zu sein, mustere ich ihn aus dem Augenwinkel im Regalspiegel. Anzug, Krawatte, schwarzer Mantel, dunkles perfekt gestyltes Haar, sehr elegant und gepflegt sieht er aus. Wie ein Banker, oder Anwalt. Er steht am Tresen der Accessoire Abteilung gleich gegenüber und bespricht etwas mit der Verkäuferin die einige Schächtelchen auf das Glaspult gelegt hat, deren Inhalt ich von hier aus nicht bestimmen kann, während er immer wieder einen Blick zu mir herüber wirft. Als ich mich zum Regal zurück bewege, um das Parfum abzustellen, merke ich, dass er in meine Richtung kommt. Ich versuche ganz beiläufig zu ihm zu schauen, aber ich glaube das gelingt mir nicht so dezent, wie ich es mir erhofft habe. Shit, meint er wirklich mich? Ich sehe mich suchend um, ob da noch jemand ist, aber da steht er schon neben mir und lächelt mich an.

„Entschuldigung, Sie haben Ihren Handschuh fallen gelassen, den werden Sie noch brauchen, draußen ist es eisig.“

Ich stehe total überfordert da. Hat er mich tatsächlich angesprochen? Er ist groß und stattlich, seine tiefblauen Augen strahlen mich an. Er schaut mich immer noch erwartungsvoll ob meiner Antwort an, meinen schwarzen Handschuh in seiner rechten Hand haltend. Ich bin perplex und lächle etwas verlegen.

„Ähm… Danke, das ist mir gar nicht aufgefallen, sehr aufmerksam von Ihnen.“, stoße ich etwas unbeholfen hervor.

Meinen Handschuh immer noch in seiner Hand, zeigt er auf den Flacon, den ich noch in Händen halte.

„Und? Wie ist es?“

Ich starre auf den Flacon. Meinem Blick ist anscheinend meine Verwirrung zu entnehmen, er strahlt mich immer noch an, es kommt mir fast so vor als wäre er von meiner Überforderung belustigt.

„Eigentlich habe ich keine Ahnung von Männerkosmetik…“, stammle ich.

„Guten Tag, wie kann ich den Herrschaften behilflich sein?“, säuselt plötzlich eine blonde Verkäuferin, die als Barbie Double durchgehen könnte neben mir und platzt in unsere Unterhaltung. Jetzt habe ich endgültig den Faden verloren. Mein Handschuhretter nimmt mir den Flacon aus der Hand und gibt ihn der Verkäuferin.

„Das nehme ich bitte“, sagt er zu ihr und zwinkert mir zu.

Dann drückt er mir meinen Handschuh in die Hand und berührt dabei ganz leicht meine Finger. Kurz bin ich mir nicht sicher, ob mir heiß oder kalt ist, auf jeden Fall stehe ich komplett neben mir, unfähig ein Wort zu sagen. Der Mann muss denken ich bin nicht ganz richtig.

„Darf ich sonst noch etwas für Sie tun?“

Die Barbie schaut mich fragend an, glücklicher Weise fällt mir wieder ein, warum ich eigentlich hier bin.

„Ja, von Khiels den After Shave Balsam bitte.“

„Gerne Miss.“

Stumm folge ich der Verkäuferin, die vor uns her wieselt, er immer noch an meiner Seite.

„Sie kennen sich ja doch mit Männerkosmetik aus?“

Er schaut mich fragend an, während wir zum Regal mit der Männerpflege gehen. Mehr als ein Schulterzucken fällt mir momentan nicht ein. Er fährt unbeirrt fort.

„Mit Damenparfum kennen Sie sich aber aus, oder?“

Ob ich mich mit Damenparfum auskenne? Häh? Es wird immer skurriler.

„Wieso?“, frage ich mit bestimmt ziemlich verwundertem Blick.

„Ich brauche noch ein Geschenk, Parfum kommt doch bei Damen immer gut an, was meinen Sie womit könnte ich da richtig liegen?“

Ich habe zwar keine Ahnung, warum gerade ich ihm jetzt eine Duftberatung geben soll und ich habe wirklich keine Lust ein Geschenk für seine Frau, oder Freundin auszusuchen. Die Verkäuferin schaut auch ziemlich verdutzt aus der Wäsche, sagt aber kein Wort.

„Ich glaube, ich bin da nicht die Richtige, dafür gibt es hier wunderbares Fachpersonal.“

Die Verkäuferin lächelt gekünstelt, aber er lässt nicht locker.

„Was würden Sie denn nehmen, zum Beispiel fürs Büro, oder für die Arbeit?“

„Gar kein Parfum“, entgegne ich bestimmt nach kurzem Überlegen, was ihm wiederum einen überraschten Blick entlockt.

„In meinem Job kommt Parfum nicht so gut an“, füge ich hinzu, jetzt scheint er neugierig zu werden.

„Ich bin Hebamme“, ergänze ich, bevor er etwas sagen kann, obwohl ihn das eigentlich gar nichts angeht, aber ich versuche die Fragerei abzukürzen. „Wie alt ist denn die Dame?“

„Welche Dame?“

Jetzt sieht er mich fragend an.

„Für die Sie das Geschenk brauchen.“

„Ja natürlich…fünfundzwanzig bis dreißig“, antwortet er etwas verdutzt darüber, dass ich nun doch behilflich sein will. Also für seine Frau wird es zumindest nicht sein, von der würde er ja das Alter hoffentlich genau wissen. Ich überlege kurz.

„Nehmen Sie Miss Dior Blooming Bouquet, das passt immer.“

„Sehr gute Wahl. Darf ich Ihnen das zum Probieren aufsprühen?“, bringt sich die Verkäuferin wieder ein.

„Nein Danke, ich verlasse mich da auf den Geschmack von Mrs…“ er unterbricht sich kurz und sieht mich an. „Bitte entschuldigen Sie, ich habe mich nicht vorgestellt. Max Deveraux.“ Er streckt mir freundlich seine rechte Hand entgegen.

„Luisa Miller“, erwidere ich etwas verlegen sein Händeschütteln.

Sein Händedruck ist fest und seine Hände sind angenehm warm.

„Ich verlasse mich da auf Mrs. Miller. Ich brauche bitte drei Stück davon“, fährt er fort, nachdem er meine Hand wieder losgelassen hat.

„Wie Sie wünschen“, entgegnet die Verkäuferin.

Drei Stück?! Ich bin so blöd, was mache ich hier eigentlich? kein Zweifel, er ist charmant und sieht gut aus, aber welcher normale Mann kauft denn drei gleiche Parfums?

„Drei?“, rutscht mir ungewollt mit entgeistertem Unterton heraus.

„Ja, für alle dasselbe, dann gibt es keinen Anlass, das sich eine der Damen benachteiligt fühlt.“

Er sagt das ganz selbstverständlich, er scheint sich jedenfalls dabei nichts zu denken. Was? Hat er einen Harem? Ich glaube, ich höre nicht richtig, ich habe Mühe mich zurück zu halten, aber schließlich geht mich das nichts an. Ich kenne diesen Mann nicht und ich muss jetzt auch los, also erspare ich mir einen weiteren Kommentar. Ich lehne eine Geschenkverpackung für den After Shave Balsam dankend ab und bezahle. Er bittet die Verkäuferin seine Sachen einzupacken und mit den anderen Einkäufen aus der Accessoires Abteilung in seine Firma zu schicken.

„Natürlich sehr gerne Sir“, säuselt die Barbie.

„Also dann, ich muss jetzt auch los, auf Wiedersehen.“

Ich verabschiede mich und gehe los Richtung Ausgang, aber er folgt mir erneut.

„Mrs. Miller…“

Ich bleibe noch einmal stehen, er berührt fast freundschaftlich meinen Oberarm.

„Danke für Ihre Hilfe.“

Ich bin von so viel unerwarteter Körpernähe total verblüfft und stehe reglos da, mehr als ein „Gerne“ bekomme ich nicht heraus und das Schlimmste, seine Berührung fühlt sich gut an, richtig gut.

„Ich würde mich gerne für Ihre Hilfe revanchieren, aber mein Fahrer ist schon da und Sie scheinen es auch eilig zu haben.“

Er zeigt nach draußen wo am Fahrbahnrand eine schwarze Limousine parkt.

„Das ist nicht nötig, keine Ursache“, erwidere ich. „Ich muss zur Arbeit.“

„Darf ich Sie vielleicht ein Stück mitnehmen?“

„Nein Danke, das ist sehr nett. Ich steige gleich da vorn in die U-Bahn.“ Ich blicke auf meine Uhr. „Ich bin wirklich schon spät dran.“

Ich bilde mir ein seinem Blick ein wenig Enttäuschung zu bemerken. Ich bin ein weiteres Mal mehr als überrascht. Ich steige doch zu keinem Mann ins Auto den ich gerade mal eine Viertelstunde kenne und wenn er noch so gut aussieht. Als wir am Ausgang angekommen sind, treffen sich unsere Blicke noch einmal.

„Schön Sie kennen gelernt zu haben und passen Sie auf Ihren Handschuh auf.“

Er lächelt mich ein letztes Mal an.

Ich nicke etwas verlegen. „Ja, das finde ich auch und Danke noch einmal, ich hätte ihn bestimmt schon bald vermisst, also den Handschuh…“

„Auf Wiedersehen Luisa Miller.“

Er legt seine Hand kurz auf meine, bevor er die Drehtür durchschreitet. Ich ertappe mich dabei ihm ungewollt lange nachzuschauen.

„Auf Wiedersehen…“, sage ich noch vor mich hin, bevor ich mich besinne, ist er schon ins Auto gestiegen und fährt weg. Ich gehe nach draußen und atme die frische nebelfeuchte Luft tief ein. Was war das bitte? Noch nie hat es sich so gut angefühlt meine Handschuhe anzuziehen. Auf dem Weg in die Klinik muss ich immer wieder über diese Begegnung nachdenken. Komisch, eigentlich mache ich mir über solche Dinge gar keine Gedanken, aber ich erwische mich dabei wie ich lächeln muss.

Der Nachtdienst gestaltet sich heute ruhig. Ich habe mich auf die Betreuung von Frühgeburten spezialisiert, betreue aber auch ganz normale Entbindungen. Meine Gedanken sind heute Nacht nicht ganz bei der Sache, das war wirklich eine eigenartige Begegnung vorhin. Am liebsten bin ich im Babyzimmer und schaue in die unschuldigen Gesichter der Kleinen. Hier gibt es immer etwas zu tun und trotzdem gelingt es mir heute nicht mich abzulenken. Immer wieder muss ich an die blauen Augen und das Lächeln denken. Vergiss es, sage ich mir vor, er hat dich schon längst vergessen und verschwendet vermutlich keinen Gedanken mehr an dich, du siehst ihn sowieso nie wieder. Außerdem möchte ich nicht die Vierte sein, die ein Parfum bekommt. Ich lasse mich auf den Sessel im Babyzimmer fallen und versuche auf andere Gedanken zu kommen.

„GUTEN MORGEN!“

Meine Kollegin reißt mich voller morgendlicher Energie aus dem Schlaf. Ich bin wohl eingenickt.

„Guten Morgen, sorry ich bin kurz eingedöst, es war eine ruhige Nacht.“

„Schön, dann schau mal ins Schwesternzimmer, da ist schon ordentlich was los…von Ruhe keine Spur“, entgegnet sie mir mit schelmischem Unterton.

Ich habe keine Lust zu fragen was sie meint und freue mich auf einen Kaffee. Im Schwesternzimmer angekommen grinsen mich meine Kolleginnen an. Auf dem Tisch steht ein riesiger Strauß mit unzähligen rosa Rosen.

„Der ist für dich, sieht nach Verehrer aus!“ Da ist auch eine Karte dabei“, zwinkert mir die Stationsschwester zu.

Die Mädels platzen fast vor Neugier. Ich stehe regungslos vor dem Strauß.

„Ist bestimmt ein Geschenk von dankbaren Eltern.“, antworte ich recht sachlich, während ich mir einen Kaffee einschenke und weder dem Strauß, noch der Karte Beachtung schenke, zumindest so lange bis sich die Meute verzogen hat. Außerdem traue ich mich gar nicht nachzusehen was auf der Karte steht. Ich glaub so nervös war ich das letzte Mal in Schule als Lizzy und ich heimlich Liebesbriefe geschrieben haben. Dieser Mann wird mir wohl keine Blumen geschickt haben? Er weiß doch nicht mehr als meinen Namen.

„Hey Luisa, guten Morgen. Alles klar bei dir? Du siehst aus, als ob du ein Gespenst gesehen hast?“

Lizzy klopft mir auf die Schulter. Wenn morgens Zeit ist, kommt Sie mich gerne vor Ihrem Dienst auf meiner Station besuchen. Der Auflauf im Schwesternzimmer hat sich blitzartig aufgelöst, als der Stationsarzt grimmig die Ansammlung mit einem „Heute nichts zu tun?“ zerschlagen hat. Mein Dienst ist für heute vorbei und ich bin froh, dass ich allein mit Lizzy endlich den ersten Schluck von meinen Kaffee nehme. Stumm blicke ich zuerst Lizzy und dann die Blumen am Tisch an.

„Blumen für dich, cool, von wem?“ Ihre Stimme erhebt sich vor Aufregung.

„Keine Ahnung, also ich weiß nicht, bin mir nicht sicher, ähhm, hab die Karte noch nicht gelesen.“

Sie schaut mich verwirrt an, fragt mich ob ich neuerdings die Sprache verloren habe, und warum ich die Karte nicht lese. Da ich selbst vor Neugier fast platze, nehme ich die Karte aus dem Strauß. Sie ist weiß in sich gemustert mit einem rosa Rand, passend zur Farbe der Blumen. In gefühlter Zeitlupe öffne ich den Umschlag:

Liebe Luisa,

Danke noch einmal für Ihre Hilfe. Ich würde mich wirklich nur allzu gerne bei Ihnen bedanken. Vielleicht treffen wir uns auf einen Kaffee?

Ich freue mich auf Ihren Anruf. Max.

Darunter noch eine Telefonnummer, alles in schöner Handschrift.

Oh mein Gott, das ist ja unglaublich, woher weiß er wo ich arbeite? Womöglich ist er ein Agent, ein Spion? Nein Blödsinn, zu viel James Bond…So schwer war das bestimmt nicht heraus zu finden, trotzdem, ich fasse es nicht. Ich starre immer noch ungläubig auf die Karte.

„Wer ist bitte MAX?“

Ich zucke erschrocken zusammen. Lizzy schielt mir über die Schulter und platzt vor Neugier. Ich mache die Karte schnell zu.

„Das erzähle ich dir heute Abend, du musst zu deinem Dienst, und ich gehe jetzt nach Hause.“

Mir klopft mein Herz, und meine Hände zittern ein wenig, ich muss mich erst wieder fangen, bevor ich ihr alles erzähle.

„Na gut, ich bin sowieso schon spät dran, aber heute Abend musst du mir alles erzählen!“ Sie zappelt aufgeregt neben mir und ich fühle mich innerlich mindestens ebenso zappelig, versuche es aber lässig zu überspielen. Ich stehe noch ein paar Minuten vor dem Strauß, fast hätte ich auf meine Dienstübergabe vergessen. In der Umkleide schaue ich in den Spiegel und ich finde, trotz Nachtdienst sehe ich heute ganz gut aus. Ich streiche meine dunklen Haare im Nacken zusammen und lächle mich selbst im Spiegel an. Heute wird ein guter Tag. Wird auch wirklich einmal Zeit für gute Tage. Zuhause stelle ich die Rosen ans Fenster neben dem Esstisch. Die Karte liegt am Tisch und ich sitze daneben. Zum Schlafen bin ich viel zu aufgedreht und gar nicht müde. Ich sehe abwechselnd auf die Rosen, dann auf die Karte, und auf mein Handy. Soll ich anrufen? Jetzt schon? Sieht aus, als ob ich es nötig hätte. Besser noch warten? Ich will nicht den Eindruck erwecken ihm nachzulaufen, er soll ruhig zappeln. Was soll ich überhaupt sagen? Ich warte auf Lizzy, sie weiß immer was zu tun ist. Oder soll ich doch nicht anrufen, bringt vermutlich sowieso nichts? Keine Ahnung. Eigentlich habe ich keine Lust für solche Spielchen die sich am Ende immer als Flop herausstellen. Wer schickt denn heutzutage noch Rosen an eine Unbekannte? Das gibt es doch nur im Film. Ich habe mir abgewöhnt mich euphorisch in irgendwelche amourösen Abenteuer zu stürzen. Zu Lizzys Leidwesen die mich immer gern verkuppeln will. Lizzy und ich führen sozusagen eine Mädels WG und teilen uns eine Wohnung. Zumindest noch zurzeit. Sie ist verlobt und wird im nächsten Jahr heiraten. Die beiden haben auch schon fast den Kauf eines wunderschönen Hauses etwas außerhalb der Stadt abgeschlossen, sofern alle Formalitäten klar gehen, werde ich bald allein in der Wohnung sein. Ich kann mir das zwar noch nicht vorstellen, aber ich werde mich daran gewöhnen müssen. Lizzy und ich sind seit Kindertagen beste Freundinnen. Unsere Familien sind seit jeher eng verbunden, und es fühlt sich an, als ob wir Schwestern wären, vor allem weil ich ein Einzelkind bin. Wir haben so viel gemeinsam erlebt, sie ist der wichtigste Mensch in meinem Leben. Genau wie ihr Bruder Matthew, der seit ich denken kann von allen Matt genannt wird. Er ist aber die meiste Zeit rund um die Welt unterwegs, wir sehen uns zu meinem Leidwesen leider viel zu selten. Normalerweise bin ich nach dem Nachdienst immer k.o., aber heute wusle ich schon den ganzen Vormittag durch die Wohnung. Es ist jetzt 14.45 Uhr. Lizzy kommt gegen 19.00 Uhr. Ich beschließe mich sportlich abzulenken und fahre zum Schwimmen ins Sportbad. Ich gehe schon seitdem ich fünf bin zum Schwimmtraining. Als Kind habe ich richtig professionell im Verein trainiert und war auch gut vorn dabei, aber mit den Jahren verschieben sich die Prioritäten im Leben, wenn auch nicht immer freiwillig. Jetzt mache ich es aus Spaß und speziell heute um den Kopf frei zu bekommen.

Es ist Abend geworden. Ich rühre in der Spaghetti Soße. Kochen ist immer eine gute Ablenkung, denn das Schwimmen hat mich auch nicht weiter gebracht. Ich wundere mich über mich selbst warum mir die Sache nicht aus dem Kopf geht, es waren doch nur wenige Augenblicke, in denen ich mit ihm zu tun hatte. Aus dem Augenwinkel schiele ich wieder auf den Rosenstrauß, der sich im Fenster spiegelt. Ist es nun besonders romantisch einen solchen Strauß zu bekommen, oder eher aufdringlich und altmodisch? Auf jeden Fall sind es die schönsten Rosen, die ich je bekommen habe. Jetzt denke ich schon den ganzen Tag über etwas nach, was ich schon längst hätte erledigen können. Ich könnte die Karte auch einfach wegwerfen und alles vergessen. Ich könnte aber auch… da höre ich die Tür zufallen. Gut das sie endlich da ist, sie weiß immer Rat.

„Hey Luisa, ich habe einen riesen Hunger!“ Lizzy plumpst sichtlich erschöpft auf den Küchenstuhl und grinst mich an, nachdem sie die Blumen auf der Fensterbank bewundert hat.

„Ich will jetzt genau wissen von wem die Blumen sind!“ Sie mustert die Karte. „Schöne Handschrift für einen Mann, also Arzt ist er sicher nicht!“, analysiert sie jeden Satz. „Hast du angerufen?“

„Nein. Ich weiß nicht…ich hab auf dich gewartet.“

„Erzählst du mir jetzt bitte einmal wie du zu Max und seinen Rosen kommst? Ich platze fast vor Neugier!“

Ich seufze. „Natürlich, vorher gibst du ja doch keine Ruhe.“

Spaghetti schlürfend lauscht Lizzy meinem Erlebnis und ist sichtlich amüsiert über meine Begegnung.

„Na bitte, das hast du alles mir zu verdanken, sonst wärst du gestern nie in das Geschäft gegangen.“ Sie schiebt mir das Telefon vor die Nase. „Du rufst jetzt an.“

„Lizzy, ich weiß nicht, ob das wirklich einen Sinn macht…der Mann kauft drei gleiche Parfums, was würdest du dir denn dabei denken? Am Ende ist alles eine Enttäuschung…und wer bitteschön spricht Frauen in einem Kaufhaus an?“

„Ach Luisa…er wird schon kein Frauenmörder sein…“ Sie stößt einen kurzen amüsierten Lacher aus, wird dann aber gleich wieder ernst. „Er hat dir die Rosen geschickt, folglich musst du einen bleibenden Eindruck hinterlassen haben, und wenn er ein Arsch ist, dann weißt du es zumindest nachher.“

Direkte Worte von Lizzy, wie immer. Genau das sind die Weisheiten einer Freundin, solche Ratschläge kann einem sonst keiner geben, aber Scherz beiseite, es stimmt, wenn ich nicht anrufe, werde ich ewig darüber nachdenken.

„Er ist bestimmt Mitte vierzig und sicher verheiratet, alles was er will ist ein bisschen Spaß, und dafür bin ich nicht die Richtige.“

„Warum denn nicht? Meinst du ein bisschen Spaß würde dir schaden? Woher willst du denn das alles wissen und außerdem, du musst ihn ja nicht gleich heiraten“, belehrt sie mich.

Meine Argumente gegen ein Treffen interessieren sie absolut nicht, und so gebe ich irgendwann doch nach.

„Na gut, na gut, sonst hörst du wohl nie auf, ich ruf jetzt an.“

Ich nehme allen Mut zusammen und räuspere mich, bevor ich nervös die Nummer wähle und warte bis es auf der anderen Seite läutet. Zweimal, Dreimal, Viermal. Super, er geht gar nicht ran. Ich wusste es. Zeitverschwendung. Was mache ich eigentlich? Die Sache ist doch zu aufgelegt, alles ein Flop. Wahrscheinlich doch verheiratet und sitzt um diese Zeit beim Abendessen mit der Familie und mustert die Schularbeiten der Kinder, oder doch Arsch, oder beides. Es läutet immer noch, in meinem Kopf spielen sich wirre Geschichten ab und ich fange an mich über mich selbst zu ärgern. Was denke ich mir eigentlich, das ist doch lächerlich. Kurz bevor ich auflegen will höre ich: „Max Deveraux.“

Ich zucke kurz zusammen, ich habe nicht mehr damit gerechnet, dass er noch abnimmt. Seine Stimme klingt ganz ernst. Mein Herz klopft, mit einem Mal fühle ich mich unglaublich angespannt.

„Hallo…Hier spricht Luisa. Luisa Miller“, stammle ich.

Mist, ich weiß immer noch nicht, was ich sagen soll, aber viel Zeit darüber nachzudenken habe ich jetzt nicht.

„Hallo Luisa, ich habe gar nicht mehr damit gerechnet das Sie mich noch anrufen. Ich bin gerade in einem Meeting.“

Jetzt klingt er wieder ganz freundlich, ich würde fast meinen er freut sich wirklich meine Stimme zu hören.

„Ich wollte Sie auch gar nicht stören…“, entschuldige ich mich immer noch stammelnd und nicht wissend was ich sagen soll.

„Nein, nein, das macht nichts. Ich freue mich sehr, dass Sie anrufen. Ich kann nur momentan schlecht sprechen. Wenn Sie Zeit haben würde ich Sie gerne morgen auf einen Kaffee treffen?“

Innerlich springe ich vor Aufregung, obwohl ich der Meinung bin, die Sache nimmt ein unerwartetes Tempo an. Ich kenne den Mann doch gar nicht, mehr als seinen Namen und dass er einen Chauffeur hat, weiß ich nicht von ihm, und dass er Parfum für seine Freundinnen kauft.

„Luisa? Sind Sie noch dran?“

„Ja… Ja natürlich, ich bin dran.“

Auch wenn ich es noch so sehr wollte, ich würde es nicht übers Herz bringen ihm einen Korb zu geben, daher nehme ich die Einladung an, er wird also hoffentlich kein Frauenmörder sein. Wir vereinbaren ein Treffen in einem kleinen französischen Café das er zwar nicht kennt, ich aber war schon öfter dort, und es ist gleich neben der U-Bahn Station, ich kann also im Notfall schnell flüchten.

„Ich freue mich auf morgen“, sage ich noch und bin von meinen Worten selbst überrascht. Ich höre ein „Ich mich auch“, bevor ich auflege.

Meine Wangen glühen und mein Herz klopft wie verrückt, und das alles wegen eines Telefonates und einer Verabredung.

„Da hat wohl jemand ein Date…“, neckt mich Lizzy grinsend, die meine Aufregung natürlich gleich bemerkt.

„Kein Date, nur Kaffee trinken.“

Ich bessere sie mit hochgezogenen Augenbrauen aus.

„Ja, Ja…nenn es wie du willst.“ Sie verdreht belustigt die Augen.

Ich sage dazu gar nichts mehr, ich werde morgen mit ihm einen Kaffee trinken, das wird es dann vermutlich auch gewesen sein. Ich lehne mich auf meinem Stuhl zurück und lächle den Rosenstrauß betrachtend. Was für ein Tag…Ich atme tief durch. Ich nehme mir trotz allem vor die Angelegenheit sachlich anzugehen. Keine voreiligen Entschlüsse, ich habe keine Lust auf Enttäuschungen.

Kapitel 2

„Guten Morgen Süße, gut geschlafen?“

Lizzy hopst mir mit bester Laune entgegen. Ich schleppe mich unmotiviert und verschlafen in die Küche. Der Frühstückstisch ist schon gedeckt und Andy, Lizzys Verlobter, packt gerade frische Croissants aus einer Papiertüte. Der Duft des frischen Gebäcks umschmeichelt meine Nase. Durch das Küchenfenster strahlt angenehm die Sonne, die sich heute durch den New Yorker Nebel gekämpft hat auf meine Rosen.

„Guten Morgen, Andy, ich dachte, du kommst erst morgen von deiner Geschäftsreise zurück?“

Er arbeitet für eine große Telekommunikationsfirma, die gerade eine riesige Fusion anstrebt und ist deshalb viel unterwegs. Er sieht mich müde an und schnauft kurz durch.

„Ja die Verhandlungen gestalten sich doch schwieriger als gedacht, wir mussten den Termin leider erfolglos abrechen, aber dafür bin ich schon einen Tag früher wieder zurück.“

Heute ist Freitag, ich habe meinen letzten Nachdienst für diese Woche, am Wochenende hab ich zum Glück frei. Ich muss an meine Verabredung denken, mein leerer Magen zieht sich zusammen, die Angelegenheit macht mich weiterhin unglaublich nervös.

„Dein Tee ist fertig, und es gibt deine Lieblingscroissants!“

Lizzy schiebt mich zu meinem Stuhl.

„Wir haben heute noch viel vor bis zum Nachmittag, schließlich hat Luisa heute ein Date!“ Lizzy grinst Andy an, der verwundert seine Lippen kräuselt. Richtig zu interessieren scheint ihn das aber nicht, er liest weiter in seiner Zeitung.

Ich verdrehe meine Augen und seufze. „Ich gehe auf keinen Ball Lizzy, ich gehe nur Kaffee trinken.“

„Trotzdem. Ich hab heute gegoogelt.“

„Was hast du gegoogelt?“, frage ich an meinem Tee nippend nach.

„Max Deveraux. Na da hast du ja einen dicken Fisch an Land gezogen!“

Sie steht auf und holt ihr Tablet an den Frühstückstisch.

„Ich habe gar nichts an Land gezogen.“

Ich bin mir nicht sicher, ob ich wissen will was sie gefunden hat. Sie hat einen Artikel in einem Wirtschaftsblatt herausgesucht. Unter dem Titel „Die TOP 100 Aufsteiger des Jahres“ ist ein Portrait von Max, daneben noch ein anderer Mann, beide sehr bussinesslike.

Lizzy liest mit sichtlicher Bewunderung vor:

„Max Deveraux, 45 Jahre und Richard Menson, 46 Jahre, führen ihr Unternehmen seit zehn Jahren sehr erfolgreich und konnten auch in diesem Jahr wieder eine Spitzenplatzierung im Ranking der besten Unternehmen in New York einnehmen. Deveraux und Menson haben sich auf die Verwertung insolventer Großbetriebe spezialisiert und erwirtschaften damit jährlich Millionengewinne.“

Sogar Andy hat sich von seiner Zeitung abgewandt und lauscht aufmerksam. Na toll! Jetzt ist er auch noch Spitzenunternehmer und ich trinke Tee aus meiner Kindertasse mit kleinen Blumen und Herzen drauf.

„Sonst steht nichts da? Familienstand? Kinder? Allergien? Haustiere?“, frage ich spitz.

Jetzt verdreht sie die Augen. „Jetzt hör doch bitte endlich auf so skeptisch zu sein, du erstickst ja jede Romantik im Keim. Wirst du schon noch herausfinden.“

Ich lasse ihre Worte unkommentiert, denn ich finde es nicht besonders toll, wenn ich während ich mich schon verliebt habe herausfinde, dass ich es mit einem verheirateten Mann zu tun habe. Wäre nicht das erste Mal dass mir das passiert. Soviel zur Romantik. Lizzy erklärt mir beim Abräumen des Frühstücksgeschirrs, dass Manager bestimmt sehr aufs Äußere einer Frau wertlegen. Sie schlägt mir etwas schadenfroh ein totales Umstyling vor. Genervt höre ich mir ihre Vorschläge an. Ich soll doch ihr dunkelblaues Kostüm, das sie zu ihrer Approbation getragen hat ausborgen und meine weiße Spitzenbluse dazu anziehen. Am besten noch die schwarzen High Heels dazu, das wäre bestimmt unglaublich chic.

„Lizzy, ich gehe einen Kaffee trinken. Ich ziehe ganz bestimmt dazu kein Kostüm mit High Heels an, ganz egal, ob das gut ankommt oder nicht. Ich werde mich mit Sicherheit für niemanden verkleiden und wenn er der Präsident ist. Wenn ihm nicht gefällt wie ich aussehe, soll er sich eine Rechtsantwaltstussi aufreißen.“

„Ja, ja, da hast du wohl recht. Du bist wie du bist. Außerdem hast du ihn bestimmt schon längst mit deinem süßen Lächeln und deinen strahlend grünen Augen verzaubert.“

So wie ich gestern aussah, kann ich mir das zwar nicht vorstellen, aber zumindest hab ich heute die Chance ihm eine halbwegs passable Frisur zu präsentieren. Ich bin ganz froh darüber, dass Lizzy und Andy den Tag bei Lizzys Eltern verbringen wollen und ich ein paar Stunden für mich allein habe.

„Macht es dir wirklich nichts aus wenn wir jetzt fahren?“, fragt sie mich, während sie Ihren Mantel anzieht.

„Nein, alles ok.“

Ich drücke sie zum Abschied noch kurz und sie flüstert mir noch viel Glück ins Ohr. Sie ist ganz aus dem Häuschen wegen der Sache, obwohl ich mir nicht allzu viele Hoffnungen mache. Trotzdem stehe ich jetzt vor meinem Schrank und überlege was ich anziehen soll. Ich entscheide mich doch für die weiße Spitzenbluse, aber in Kombination mit einer Strickjacke, Jeans und Stiefelletten. Das passt meiner Meinung nach perfekt zum französischen Café. Meine frisch gewaschenen Haare haben sich wieder einmal erfolgreich gegen meine Rundbürste gewehrt, und für das Glätteisen ist jetzt keine Zeit mehr, ich bin sowieso schon spät dran. Nun fallen sie in leichten, weichen Wellen über meine Schultern. Ich stehe vor dem Spiegel meiner Garderobe und begutachte mich noch einmal kritisch, bevor ich meinen schwarzen Mantel überziehe.

„Sei immer du selbst!“, hat meine Mutter immer zu mir gesagt. Ich habe ihre Stimme ganz klar in meinem Ohr, als ich die Tür hinter mir zuziehe. Sie war so eine schöne, kluge Frau, in diesem Moment wäre ich gerne ein kleinwenig mehr wie sie. Das kleine Café liegt ganz unscheinbar in einer Seitengasse an der Ecke eines nostalgisch anmutenden Hauses. Draußen ist es leicht dämmrig geworden und das sanfte Licht aus dem Café scheint einladend auf die Straße hinaus. Ich bleibe kurz stehen. Warum mache ich das eigentlich? Das ist doch alles Irrsinn. Alles ist in wunderbarer Ordnung und gut so wie es ist. Soll ich wegen einem Mann alles durcheinander bringen? Er ist sowieso nichts für mich, und ich nichts für ihn. Jetzt kann ich noch gehen. Ja ich gehe wieder, er wird es schon verkraften, und ich sowieso. Ich drehe mich um und setze zum Rückzug an. Nach drei Schritten bleibe ich aber wieder stehen und blicke auf meine Handschuhe. Ich atme tief durch. Es ist nur ein Kaffee. Nur ein Kaffee Luisa, dreh jetzt nicht gleich durch. Er hat sich Zeit für mich genommen, es wäre unfair ihn jetzt sitzen zu lassen. Er ist ein netter höflicher Mann. Ich gehe wieder zur Tür und steige die drei Stufen hinauf, bevor ich die große Glastür öffne, über der ein Messingschild hängt auf dem in geschwungen Lettern „Café la douceur“ steht. Ich war schon öfters hier. Es ist klein und gemütlich, an den runden dunklen Holztischen stehen Stühle in französischem Bistro Stil mit grün weiß gestreifter Polsterung. Der dunkle Holzboden ist glänzend poliert, wenn man das Café betritt, fällt einem sofort die große Glasvitrine mit einer bestechenden Auswahl an verführerischer Patisseriekunst ins Auge. Es duftet herrlich nach frischem Kaffee, an den Wänden hängt zeitgenössische Kunst, die sich perfekt in das Flair der Umgebung einfügt. Es ist ein bisschen altmodisch, die Möbel sind leicht abgenutzt, aber es hat Stil. Die Kellnerinnen tragen weiße Spitzensschürzen, auf denen „La douceur“ aufgestickt ist. Man kann sich leicht einen Überblick über die Gäste verschaffen, und so sehe ich auch gleich Max der ganz rechts hinten an einem Ecktisch Platz genommen hat und gerade telefoniert. Als er mich erblickt bricht er sein Telefonat ab, steht auf und kommt mir ein paar Schritte entgegen. Irgendwie passt er gar nicht in das Ambiente des Cafés. So straight und beschäftigt zwischen den Schülern und Studenten die in ihre Bücher schauen, oder sich auf einen abendlichen Plausch getroffen haben. Ich muss mich zusammenreißen, um ihn nicht offensichtlich zu mustern. Anzug, weißes Hemd, grau-weiße Krawatte, die schwarzen Schuhe glänzen frisch poliert, er ist wirklich eine Erscheinung. Ich kenne keinen Mann der so ein perfektes Äußeres hat, außer vielleicht Matt, Lizzys Bruder. Er ist Rechtsanwalt, und im Anzug macht er auch eine sehr gute Figur, trotzdem kein Vergleich. Mr. Deveraux ist wirklich ein schöner Mann, und das stelle ich nicht oft fest.

„Schön, dass Sie gekommen sind Luisa“, begrüßt er mich mit einem strahlenden Lächeln und nimmt mir meinen Mantel ab.

Ich habe kaum Luft zum Atmen, als ich ihn auch begrüße und wir an dem kleinen runden Tisch Platz nehmen.

Es dauert nicht lange, und schon kommt eine rothaarige Kellnerin zu unserem Tisch. Sie erinnert mich irgendwie an Pippi Langstrumpf, nur ohne Zöpfe.

„Was darf ich Ihnen bringen?“, fragt sie mit französischem Accent und knabbert ungeduldig an ihrem Stift. Max schaut mich in Erwartung meiner Bestellung an.

„Café au lait bitte.“

„Für mich bitte einen Espresso. Kuchen?“

Ich blicke zur Kuchenvitrine, obwohl ich immer den Zitronenkuchen nehme. Ob es schicklich ist Kuchen zu essen?

„Der Zitronenkuchen soll hier besonders gut sein“, meint er, als ob er meine Gedanken lesen könnte.

„Es ist der beste der Stadt“, erwidere ich mit einem Lächeln.

„Dann nehmen wir bitte zwei Stück.“

„Natürlich gerne Monsieur.“

Die Kellnerin wieselt davon. Da ich nicht weiß, was ich sagen soll, bedanke ich mich erst einmal für die Blumen.

„Danke für die schönen Rosen, sie sind traumhaft. Ich war sehr überrascht, habe ich Ihnen überhaupt erzählt wo ich arbeite?“

„Nein, aber es war nicht so schwer das ausfindig zu machen, ich konnte Sie ganz leicht mit Ihrem Namen auf der Homepage des Krankenhauses finden.“

Als die Kellnerin mit dem Tablett ankommt, lehnt Max sich ganz entspannt am Sessel zurück.

„Ich habe Sie gestern einfach so stehen lassen, das ist eigentlich nicht meine Art.“

Er blitzt mich an, ich muss auf seine schönen Hände schauen. Ich hoffe keinen Ehering zu entdecken und nein, da ist keiner. Er ist unglaublich höflich und zuvorkommend.

„Sie sind also Hebamme, ein sehr schöner Beruf.“

„Ja, ich liebe meine Arbeit. Es ist vor allem ein wunderschönes Gefühl einem so zerbrechlichen Geschöpf den Weg ins Leben zu bereiten. Babys sind so unglaublich stark und trotzdem zerbrechlich. Eine werdende Mutter und auch der Vater sind bei einer Geburt in einem Ausnahmezustand, den sie im normalen Leben nie wieder so erleben werden. Das ist die Herausforderung in meinem Beruf, und ich liebe es. Haben Sie Kinder?“

Die Frage sprudelt ungewollt aus mir heraus, ich glaube ich bin ein bisschen rot geworden und habe ein wenig Angst vor der Antwort. Er schlägt ein Bein über das andere, es scheint als hätte ihn meine Frage etwas überrascht.

„Nein, ich habe keine Kinder, aber so wie sie das beschreiben, wäre es vermutlich schön welche zu haben.“

Irgendwie klingt das fast ein bisschen traurig, aber trotzdem bin ich erleichtert über die Antwort. Kein Ehering, keine Kinder, wobei den Ring kann man ja abnehmen. Wir unterhalten uns noch lange über alles Mögliche, die Zeit vergeht so schnell, ich vergesse fast, dass ich noch zur Arbeit muss.

„Es tut mir leid Max, ich würde gerne noch mit Ihnen plaudern, aber ich habe auch heute wieder Nachtdienst, und wenn ich nicht zu spät kommen will muss ich jetzt los.“

„Ja natürlich, die Zeit ist ja wie im Flug vergangen.“

Er winkt die Kellnerin her und bezahlt, während ich meinen Mantel vom Kleiderständer nehme. Als ich hinein schlüpfen will, nimmt er ihn mir ab und hilft mir hinein.

„Haben Sie Kinder?“, fragt er mich fast beiläufig, während ich in meinen Mantel schlüpfe.

„Nein ich habe keine Kinder, das liegt vermutlich auch daran, dass mir der Mann dazu fehlt.“

Ich drehe mich zu ihm um und kann in seinem Blick erkennen, dass ihm meine Reaktion etwas überrascht. Ich befürchte mein Ton war unangemessen schroff.

„Bitte verzeihen Sie, ich wollte Ihnen nicht zu nahe treten, aber zumindest weiß ich jetzt, dass die Männerkosmetik nicht für Ihren Freund ist, was mich ehrlich gesagt doch freut.“

Ich erwidere seinen Blick und lächle ihn an, während ich mir denke wie unnötig das jetzt war.

„Nein zumindest nicht für so einen „Freund“, außerdem würde ich mich dann nicht mit Ihnen hier treffen. Ich wollte nicht so forsch sein, Entschuldigung.“

Er lächelt zurück, ich versuche die Situation möglichst galant zu überspielen.

„Sie sind kein Amerikaner, oder? Dafür sind Sie viel zu höflich“, frage ich ihn.

Er schaut mich verwundert an und erklärt mir, dass er Ire ist, aber seit über zehn Jahren in New York lebt. Wir verlassen das Café, irgendwie hab ich kein gutes Gefühl, vielleicht bin ich doch zu viel ich selbst. Draußen ist es kühl geworden, Er zieht seine schwarzen Lederhandschuhe über.

„Soll ich Sie noch zum Krankenhaus bringen? Mein Fahrer steht eine Straße weiter.“

„Danke, das ist wirklich nett, aber ich nehme die U-Bahn.“

Ich schlage die Gelegenheit zum Mitfahren ein weiteres Mal aus.

Er streicht fast beiläufig über meinen Arm.

„Es wäre schön Sie wieder zu treffen, Luisa.“

Auch wenn mein Verstand versucht es abzuwehren, mein Herz hüpft mit den Schmetterlingen in meinem Bauch um die Wette. Ich gebe mir Mühe mir meine Begeisterung nicht anmerken zu lassen. Ich nicke wortlos und ich glaube ein verlegenes Lächeln huscht mir über die Lippen. Bevor ich antworten kann, klingelt sein Telefon und ruiniert die Situation. Er nimmt meine Hand zum Abschied und verspricht mir mich anzurufen. Ich drehe mich um und gehe los Richtung U-Bahn. Als ich mich umdrehe, treffen sich unsere Blicke, während er mir noch einmal zuwinkt verschwindet er auch schon hinter dem nächsten Haus.

Kurz vor sieben Uhr schaffe ich es gerade noch pünktlich ins Krankenhaus. Auf dem Weg zum Aufzug kommt mir ein bekanntes Gesicht aus der Ferne entgegen. Mein Vater. Dr. Frank Miller. Er ist Chefarzt der Chirurgie im Krankenhaus, und scheinbar auf dem Weg nach Hause.

„Hi Dad, ich bin spät dran.“

„Ja das sehe ich, wo kommst du den her, du bist heute so chic?“

„Nicht anders als sonst, Dad.“

Ihm entgeht auch nichts, aber er fragt nicht weiter nach. Er küsst mich auf die Wange und erinnert mich an unser wöchentliches Mittagessen am Sonntag. Wie könnte ich es vergessen. Ich winke ihm noch flüchtig hinterher und steige in den Lift. Mein Vater, der einflussreiche Herr Doktor. Er hat wirklich schon vieles bewegt in diesem Krankenhaus, er ist ein toller Arzt und macht seinen Job außerordentlich. Ich konnte seine Erwartungen in mich leider nicht erfüllen. Er hätte mich immer gerne als Spitzenchirurgin und seine Nachfolgerin gesehen, aber mein Traum war das nie, ich habe ihm diese Illusion schon sehr lange genommen. Ich wollte schon als kleines Mädchen in die Fußstapfen meiner Mutter als Hebamme treten. Ich fand es immer spannend ein neues Leben auf die Reise ins Leben zu begleiten. Ärzte waren mir immer zu selbstverliebt in ihren Beruf, Götter in Weiß eben. Ich steige aus dem Lift, nein heute schwebe ich aus dem Lift, ich muss für mich selbst grinsen. Zeit, um alles für die heutige Nacht zu checken habe ich nicht, denn mir läuft bereits Dr. Cooper entgegen.

„Notsectio Luisa, wir brauchen Sie dringend, wo bleiben Sie denn?“

Der Alltag ruft mich zurück in meinen Beruf und ich habe gerade noch Zeit mich umzuziehen und mich OP fertig zu machen. Alles geht ganz schnell. Eine junge Mutter mit einem Notkaiserschnitt, 30. Schwangerschaftswoche. Dr. Cooper führt den Kaiserschnitt wie immer routiniert durch, ich kann schon das Köpfen des Winzlings sehen. Es ist ein kleines Mädchen. Er legt sie mir vorsichtig auf das vorbereitete Tuch.

Ich schaue das Baby durch die Scheibe des Inkubators an. Es sieht so winzig aus, aber ganz friedlich, als es an der Tür klopft. Ich winke den frisch gebackenen Vater herein.

„Hallo Mr. Mayr, kommen Sie, ihrer Tochter geht es gut.“

Er traut sich erst gar nicht richtig sein Baby anzuschauen. Ich erkläre ihm alles, schlussendlich kann ich ihn doch noch dazu bewegen seine Tochter zu bestaunen. Es ist mittlerweile Mitternacht geworden, als ich das erste Mal auf die Uhr schaue. Inzwischen ist auch noch eine andere Geburt auf die Station gekommen. Die werdende Mutter hatte einen Blasensprung und klagt bereits über Wehen in kurzen Abständen. Heute hab ich keine Zeit um durchzuschnaufen. Um 05.21 Uhr halte ich den kleinen, kerngesunden Lewis in Händen.

Die junge Frühchen Mutter von vorhin hat sich vom Notkaiserschnitt bereits gut erholt, als ich sie kurz vor meinem Dienstende noch auf der Station besuche. Als ich im Schwesternzimmer einen Schluck Kaffee nehme schaue ich das erste Mal seit gestern Abend auf mein Handy. Ich habe ein paar neue Nachrichten erhalten.

18.47 Uhr Lizzy: Und wie war es? Kannst du dich vielleicht bitte mal melden? Ich sterbe vor Neugier?

19.21 Uhr Matt: Hi Luisa, bin am Wochenende in NY. Morgen Mittag Pizza und Cocktails mit Lizzy und Andy? Freue mich. Kuss Matt

20.21 Uhr Max: Danke für den Abend im Café. Ich hoffe Sie bald wieder zu treffen. Max.

Klingt ziemlich verhalten, aber es gibt noch eine weitere Nachricht.

23.54 Uhr Max: Liebe Luisa, ich weiß nicht wie es Ihnen geht, aber ich denke den ganzen Abend an Sie, ich muss Sie unbedingt wieder treffen. Es ist eigentlich nicht meine Art SMS zu schreiben, aber ich kann nicht schlafen, ohne dass Sie wissen wie sehr ich an Sie denke. Gute Nacht, Max.

Er denkt an mich, er denkt an mich…es juckt mich in den Fingern, ich will sofort zurück schreiben, aber ich tue es nicht, er soll sich nur ein bisschen anstrengen um meine Gunst zu gewinnen. Ich bin froh als der Nachdienst zu Ende ist und verlasse das Krankenhaus. Zwei Tage frei. Endlich. Während ich zur U-Bahn spaziere überlege ich, ob ich nicht doch auf die SMS antworten soll, aber ich bleibe hart zu mir. Zu Hause angekommen falle ich erschöpft in mein Bett, ein paar Stunden schlafen, ich bin todmüde. Heiteres Gelächter aus der Küche weckt mich. Ich öffne noch etwas schlaftrunken meine Augen, es ist früher Nachmittag. In der Küche sitzen Lizzy, Andy und Matt. In dem Trubel habe ich ganz vergessen, dass er heute kommt. Er springt freudig auf als er mich sieht und drückt mich zur Begrüßung, was ich abgeschlagen erwidere.

„Hey Luisa, ich dachte schon, du stehst heute gar nicht mehr auf! Freust du dich denn gar nicht mich zu sehen?“

Er schüttelt mich ein bisschen, fast als wolle er den restlichen Schlaf aus mir herausrütteln. Dann knuddelt er mich abermals, ich komme mir vor wie eine Gummipuppe.

„Doch natürlich freue ich mich, aber ich bin noch total k.o.“ Ich gebe ihm einen kleinen Schubs. „Du lässt dich doch nie hier blicken.“

Bevor wir unser Geplänkel fortführen können, schiebt mich Lizzy aus der Küche.

„WIE IST ER? WIE WAR ES?“

Ich strecke mich erst einmal durch, es ist lustig wie sie vor mir her zappelt vor Neugier.

„Bekomme ich nicht vorher wenigstens einen Kaffee?“, spanne ich sie weiter auf die Folter.

„Du bekommst schon noch deinen Kaffee, außerdem warum willst du jetzt Kaffee? Du trinkst doch nie Kaffee um diese Zeit? Also komm schon, raus mit der Sprache.“

Sie gibt mir einen kleinen Rempler, um endlich etwas aus mir heraus zu bekommen.

„Tja wie soll ich sagen, ich möchte jetzt einfach gerne einen Kaffee.“

„Willst du mich verarschen?“ Sie verdreht vorwurfsvoll die Augen und macht einen Schmollmund.

Ich gebe ihr einen kleinen Schubs.

„Er ist sehr nett und unglaublich höflich, ich möchte nur keine voreiligen Schlüsse ziehen.“

„Ach Luisa…Und wie geht es jetzt weiter? Triffst du ihn wieder?“

Ich zucke mit den Schultern.

„Ich weiß es noch nicht, aber ich denke, es wäre schön.“