Der schottische Lord - Kerstin Teschnigg - E-Book

Der schottische Lord E-Book

Kerstin Teschnigg

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Beschreibung

Der Lord. Sein Wort steht über allen und allem. Ein Lord zeigt keine Emotionen und trifft sachliche Entscheidungen. Ein Lord weint nicht. Ein Lord bettelt nicht. Ein Lord nimmt sich was er will. Ein Lord ist unnahbar und kontrolliert. Tavis Stewart ist genau dieser Lord. Er wurde nach generationenbewährtem Vorbild erzogen und lebt die Werte seiner Familie. Eigentlich. Denn in der Realität ist alles anders. Hinter der spröden Fassade des kühlen Lords steckt viel mehr als er preisgibt. Niemand weiß was in diesem Mann wirklich vorgeht, bis sich in einem regnerischen Sommer alles ändert. Sein unterkühltes Herz beginnt aufzutauen, doch wird er es öffnen und die Wärme nach der er sich sehnt zulassen? Wer "Kein Himmel ohne dich" mochte, wird diese Story lieben! Und wer das Buch bislang noch nicht gelesen hat, wird es jetzt bestimmt tun um auch Hollys Gedanken kennen zu lernen! Eine Geschichte voller Emotionen, Romantik, Erotik und bisher unbekannten Gedanken erzählt von Tavis Stewart.

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Seitenzahl: 630

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Kerstin Teschnigg

Der schottische Lord

Kein Himmel ohne dich - Erzählt von Lord Tavis Stewart

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3 – 20 Jahre später

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Epilog – 5 Jahre später

Danke…

Impressum neobooks

Prolog

Ich stehe nur da und sehe sie an. Mir fehlt die Fähigkeit zu sprechen oder auch nur irgendetwas zu tun. Sie wird gehen und nicht mehr zurückkommen. Peter hängt weinend an ihrem Bein. Ich fühle nichts. Da ist nur Leere in meinem Kopf. Vater steht abseits. Sein Blick ist gesenkt, auch er sagt nichts. Nichts mehr. Es wurde alles gesagt. Oft und laut. Lords gehören hierher. Nicht nach Amerika. Sie wachsen dort auf wo sie geboren wurden und werden nach Jahrhunderte alt bewehrtem schottischem Vorbild erzogen. Das sagt mein Vater. Er ist der Lord. Sein Wort steht über allen und allem. Mum streicht über meine Wange. Ich weiche zurück. Weil ich wütend bin. Weil ich es nicht akzeptieren will. Weil ich sie nicht verstehe.

„Ihr kommt mich ganz bald besuchen und ich rufe jeden Tag an“, lächelt sie mild, was mit ihren tränengefüllten Augen lächerlich und unglaubwürdig ist und trotzdem wirkt ihre Stimme warm und weich wie immer.

Ich bin alt genug um zu verstehen, dass ihre Versprechen nichts als hohle Worte sind. Warum geht sie überhaupt? Was fehlt ihr denn hier? Hier bei uns? Ich verstehe es nicht. Wir sind hier – Ihre Familie. Was hat dieser andere Mann was wir nicht haben? Darum wende ich mehr wütend als enttäuscht meinen Blick von ihr ab und sehe zu Vater. Er kommt auf mich zu und legt schützend seine Hände auf meine Schultern. Ich richte meine für einen Moment zusammengefallene Haltung auf. Lords. Wir sind Lords. Ich darf nicht einknicken. Peter weint immer noch. Sie umarmt ihn noch einmal und küsst mehrfach seine Wange. Dann verlässt sie das Haus mit unserem Verwalter James der sie zum Flughafen bringt. Vater verstärkt den Druck seiner Hände. Peter läuft davon, Eliza unsere Haushälterin stoppt ihn im letzten Moment bevor er aus dem Haus kann ab und hält ihn fest. Er lässt sich schmerzerfüllt in ihre Arme sinken, sie streicht liebevoll über seinen Rücken und flüstert etwas in sein Ohr. Das Weinen wirs leiser.

„Wir sind Stewarts.“ Vater nickt eindringlich mit ernster Stimme. „Du bist ein Stewart. Wenn sie gehen will, dann muss sie gehen“, sagt er ruhig.

Ich erwidere sein Nicken und senke meinen Blick. Wenn sie gehen will, dann muss sie gehen.

Kapitel 1

„Hat Kendra angerufen?“, frage ich Eliza und schnappe mir gleichzeitig meine Tasche mit der Sportausrüstung.

Sie reicht mir meine Jacke und schüttelt den Kopf. „Nein, heute nicht. Soll ich etwas ausrichten falls sie sich noch meldet?“

„Nein…Also ja…Ich rufe sie zurück, das kannst du ihr sagen.“

Sie nickt und lächelt mild. „Los jetzt, sonst kommst du noch zu spät. Bist du auch sicher, dass du fit bist? Deine Nase ist immer noch ganz rot von der Erkältung.“ Sie streicht über meine Wange. Wenn das keiner sieht, so wie jetzt gerade, finde ich es gut. Sie kümmert sich immer, aber ich bin erwachsen, sie muss mich nicht bemuttern, nur weil ich keine Mutter habe. Ich schließe kurz meine Augen. Keine Mutter. Ja…Natürlich habe ich eine Mutter, aber sie ist für mich nur noch eine Erinnerung. Sie ging mit einem anderen Mann weg und ließ alles hinter sich. Es macht mich wütend an sie zu denken, darum verdränge ich es schnell wieder und laufe durch den strömenden Regen nach draußen. Scheißwetter. Es regnet seit Tagen, dazu die Erkältung die mich nicht loslässt und Kendra die auch nichts von sich hören lässt. Scheißwetter – Scheißtag. James fährt mich zum Fechttraining. Ich fühle mich wirklich noch immer nicht richtig gut, aber ich muss heute hin um mich für den Kampf in zwei Wochen vorzubereiten. Im Moment bin ich wettkampfmäßig echt gut drauf und will unbedingt vorne dabei sein, das Training heute auszulassen ist also keine Option.

„Dein Vater holt dich ab, er hat etwas Geschäftliches in der Nähe zu tun“, meint James noch bevor ich aussteige was ich nickend zur Kenntnis nehme. Auch wenn es nur ein paar Meter bis zur Fechthalle sind, bin ich ziemlich durchnässt als ich durch die schwere Drehtür trete. Ich komme gerade noch rechtzeitig zur Auslosung meines Partners, heute bin ich echt spät dran.

„Tavis Stewart und Elliot Dunn“, höre ich unseren Trainer ausrufen. Toll. Ich mag ihn nicht. So ganz und gar nicht. Er ist ein kleiner wichtiger Schleimer. Oberflächlich, versessen auf Markenklamotten, schnelle Autos und Barbiepuppen Tussen. Ihn zu schlagen dürfte kein Problem werden, das nehme ich mir fest vor, Erkältung hin oder her. Er ist ein Gegner zum fertig machen. Vor dem Kampf haben wir wie immer Technik Training. Nach einer guten Stunde wird mir klar, dass dieser Kampf nicht so einfach wird wie ich es mir vorhin noch gedacht habe. Ich in jetzt schon erschöpft und meine Nase rinnt ständig, was unter der Maske die Hölle ist. Der Schweiß rinnt unbarmherzig meinen Rücken hinunter, ich kann mich nicht erinnern mich schon einmal so mies vor einem Kampf gefühlt zu haben. Meine Konzentration lässt auch zu wünschen übrig. Außerdem denke ich die ganze Zeit nach, warum sich Kendra seit dem Wochenende nicht gemeldet hat. Vielleicht habe ich etwas Falsches gesagt oder getan? Es ist nicht ihre Art sich nicht zu melden. Normalerweise ruft sie mindestens einmal täglich an. Freitag war noch alles wie immer. Sie hat bei mir übernachtet, die Erinnerung daran bringt mich zum Lächeln, alles war wie immer. Zumindest fällt mir kein Grund ein warum ich seither nichts mehr von ihr gehört habe.

„Stewart, worauf wartest du?“ Mein Trainer schüttelt genervt den Kopf. Ja…Ich bin unkonzentriert. Fuck. Vater hat mich gewarnt. „Bist du sicher, dass eine fixe Freundin dich nicht zu sehr von deinen Plänen ablenkt? Versteh mich nicht falsch, sie ist ein sehr hübsches und höfliches Mädchen, aber du hast doch noch Zeit und viel vor die nächsten Jahre.“ Irgendwie hat er ja auch recht, aber ich mag Kendra wirklich. Ja…Sogar mehr als ich anfangs erwartet hätte. Trotzdem: Ich muss mich konzentrieren. Genau jetzt. Darum reiße ich mich zusammen und stelle mich auf meinen Platz. Ich werde Dunn schlagen, ich werde einfach alles geben, dann ist es schnell vorbei und ich kann mich wieder hinlegen. Ich atme durch. Genau, aber zuvor muss ich Kendra erreichen, irgendwie baut sich ein ungutes Gefühl in mir auf. Wir sind jetzt seit ziemlich genau zwei Monaten zusammen. Sie ist toll. Hübsch und gebildet, tadellos erzogen und aus gutem Haus. Perfekt also. Wir lernten uns über einen gemeinsamen Freund kennen. Der gab am Samstag eine Party. Ich wollte so gerne mit ihr gemeinsam hingehen, aber dann lag ich mit Fieber flach. Womöglich ist sie deswegen beleidigt? Aber sie meinte es mache ihr nichts aus allein hinzugehen.

„Bist du soweit Stewart, oder willst du Tee trinken und plaudern?“, macht mich Dunn von der Seite an.

„Ich war schon bereit, da hast du noch in die Windeln geschissen“, fahre ich zurück. Er grinst und zieht sich seine Maske übers Gesicht. Normalerweise bin ich ihm weit überlegen, heute kostet mich jeder Schlag so viel Kraft, dass ich am liebsten alles hinschmeißen würde. Er erweist sich als ungewöhnlich zäh, ich konzentriere mich, der Schweiß rinnt in meinen Nacken und sucht sich seinen Weg den Rücken hinunter. Meine verstopfte Nase lässt mich kaum Luft bekommen, ich kämpfe im wahrsten Sinne des Wortes um mein Leben was meinem Gegner nicht zu entgehen scheint und ihn förmlich zu Höchstform auflaufen lässt. Ich atme durch und gebe noch einmal alles und gewinne um Haaresbreite. Diese Maske muss runter, sonst ersticke ich. Ich nehme sie ab und ziehe die Fechtjacke aus, weil mir so heiß ist. Erschöpft schnappe ich nach Luft. Dunn gibt mir nur widerwillig die Hand, aber es ist mir egal, Hauptsache es ist vorbei. Selbst wenn ich gewonnen habe, es war eine schwache Darstellung meiner selbst, darum bin ich nicht besonders stolz auf mich. Ich will einfach nur unter die Dusche und nach Hause. Ich gehe in den Mannschaftsraum, als er plötzlich hinter mir steht.

„Was willst du denn? Hast du noch nicht genug?“, frage ich patzig, auch wenn ich selbst schon mehr als genug habe.

„Bildest du dir jetzt etwas auf diesen Kampf ein? Du warst mies Stewart“, schüttelt er den Kopf.

„Trotzdem besser als du“, sage ich mit gemeinem Unterton. Mieser Schisser.

Er grinst und fährt sich durch seine blonde Haarpracht, auf die er wie es aussieht sehr viel Wert legt.

„Ja…Den Kampf habe ich vielleicht verloren, aber andere Trophäen sind mir sowieso lieber, vor allem wenn es ganz leicht ist sie zu erobern.“

„Was willst du Dunn? Ich habe keine Lust mit dir zu reden“, entgegne ich genervt.

„Kendra. Meine Trophäe ist Kendra.“ Seine Worte sind trocken, aber er grinst immer noch.

Ich sehe ihn vermutlich entsetzt an. Das ungute Gefühl ist wieder da. Es brennt seltsam in meinem Hals. „Was ist mit Kendra?“

Er lehnt sich an den Spinnt und nickt triumphierend. „Letzten Samstag. Auf der Party. Sie ist wirklich besonders. Ja…Und sie ist wesentlich einfacher zu haben als ich dachte. War gut…Aber keine Sorge…Ich will sie nicht nochmal. Einmal reicht mir.“ Er zuckt mit seiner rechten Augenbraue. „Du kannst sie gerne behalten.“

Mir reißt es den Boden unter den Füßen weg. Er lügt. Dieses Arschloch lügt! In meiner Stirn pocht es plötzlich. „Verschwinde und hör auf so über sie zu reden! So ist sie nicht! Was ist nur los mit dir? Kannst du nicht verlieren oder was und musst darum so einen Mist erzählen?“

„Verlieren? Doch das kann ich schon…Aber du nicht wie es scheint…“ Er beugt sich ein Stück zu mir. „Ich sage nur: Muttermal – rechts unter dem Nabel. Sehr weit unter dem Nabel.“ Dann dreht er sich um und will gehen, doch dazu kommt es nicht. Ich schnappe wutentbrannt nach Luft. Warum? Was?! Ohne nachzudenken und völlig außer mir schnappe ich mir meinen Degen. Ich kann nicht denken, alles dreht sich. Dieses Muttermal kann er nur kennen, wenn er sie nackt gesehen hat. Es ist an einer Stelle, die man nicht einfach mal so sieht. Ich bin außer mir und fühle mich plötzlich stark wie seit Tagen nicht mehr.

„Los! Zeig mir wie gut du kämpfst du Arschloch!“, brülle ich ihn an.

Er grinst wieder, fast als wolle er mich noch lächerlicher machen, doch dann schnappt er sich ebenfalls seinen Degen.

„Ach du willst ein Duell um die edle Lady Kendra?! Sehr gerne…Wirklich sehr gerne“, lacht er auf. Ein Kampf der schnell völlig außer Rand und Band gerät beginnt. Ohne einen Gedanken daran zu verschwenden was ohne Schutzbekleidung passieren kann setze ich wutentbrannt und voller Eifersucht einen Schlag nach dem anderen. Ein paar Kollegen wollen uns abhalten, aber ich bin so in Rage, dass ich nichts und niemanden mehr richtig wahrnehme. Ich werde nur noch aggressiver. Jeder Blick in seine Scheißfresse stachelt mich weiter an. Alles geht so schnell, ich fühle mich als wäre ich nicht mehr in meinem Körper. Ich spüre nur Wut und Hass, was mit jedem Schlag weiter aus mir brodelt. Ein brennender Schmerz auf meiner Brust lässt mich kurz innehalten. Er hat mich erwischt. Ich greife hin und sehe auf meine blutige Hand. Mein Blick verengt sich, ich hebe meinen Degen an. Er grinst immer noch. Dieses dreckige Schwein, ich werde ihm zeigen was er davon hat. Jeder weitere Schlag sitzt, auch wenn ich nicht nachdenke. Ich sehe nur noch Kendra. Wie sie lächelt. Wie sie mich küsst. Wie schön sie ist. Warum? Scheiße Warum? Sie gehört doch mir…Ich liebe sie…Alles dreht sich. Ich gehe zu Boden. Dunn sinkt ebenfalls nieder. Alles ist voller Blut. Mir ist schlecht. Jemand reißt mir den Degen aus der Hand. Es ist laut. Mein Trainer schreit. Alles klingt dumpf. Ich höre nur noch Notarzt…Rettungswagen…Hilfe…Dann verliere ich die Besinnung.

Bericht in einer schottischen Lokalzeitung:

Gestern Nachmittag ereignete sich ein schwerer Fechtunfall in der städtischen Sporthalle. Zwei junge Männer lieferten sich aus noch ungeklärter Ursache ein folgenschweres Duell ohne ausreichende Schutzausrüstung. Einer der beiden Männer erlag noch am Unfallort seinen schweren Verletzungen, der andere wurde mit lebensbedrohlichen Läsionen ins örtliche Krankenhaus gebracht. Nähere Details zum tragischen Unglück sind bislang nicht bekannt.

Kapitel 2

Der Prozess ist vorbei. Ich sollte erleichtert sein, doch ich weiß, dass die richtigen Probleme jetzt erst anfangen. Ich folge Vater ins Haus. Er hat seit Tagen nicht mit mir gesprochen, doch ich fürchte, heute wird er es tun. Der Kragen von meinem Hemd reibt fürchterlich an der noch immer nicht ordentlichen verheilten Narbe am Hals. Sie nässt und tut weh, auch wenn ich mich nur selten im Spiegel betrachte weiß ich, dass ich nun auch von außen für jedermann sichtbar das Monster bin das in mir schlummert. Ich löse die Krawatte, im Salon bleibt Vater vor mir stehen und sieht mich enttäuscht an. So ist das jetzt seit Wochen. Diese vorwurfsvollen Blicke seit dem Mittwochnachmittag der alles veränderte. Der Nachmittag der eine Seite in mir entfachte, die ich bislang nicht kannte. Der Nachmittag der einen Mörder aus mir machte. Unwiderruflich.

„Setz dich“, sagt er streng.

Ich befolge wortlos seine Anweisung, er stellt sich einschüchternd vor mich.

„Danke, dass du…“, fange ich an zu stottern, doch er schüttelt mahnend den Kopf und hebt die Hand.

„Wofür willst du dich bedanken? Wofür?“, seine Stimme ist laut, ich senke meinen Blick. „Schau mich an!“, fährt er mich dicht an meinem Gesicht an.

Ich halte die Luft an und sehe wieder auf. Auch wenn ich bisher niemals Angst vor meinem Vater hatte, es war in all den Jahren nicht nötig, jetzt spüre ich seine respekteinflößende Art in jeder Faser meines Körpers.

„Es hat mich ein Vermögen gekostet dich da rauszubekommen und damit meine ich nicht nur den Prozess. Aber darum geht es nicht, das Geld ist mir egal. Weißt du eigentlich was du der Familie von dem Burschen angetan hast? Sie haben einen Sohn verloren! Verdammt du hast den unschuldigen Sohn einer noch unschuldigeren Familie abgestochen! Du hast einen Menschen umgebracht! Aus Eifersucht, einfach so! Wegen einem Mädchen, dass du nicht einmal richtig kennst. Weißt du was du für ein Glück hast freigesprochen worden zu sein? Sonst würdest du jetzt im Gefängnis sitzen! Willst du das? Eingebuchtet, Tür an Tür mit Verbrechern?“

Ich zucke mit den Schultern. „Vielleicht wäre das besser…Ich…“

Wieder lässt er mich nicht weitersprechen. „Besser? BESSER!? Tavis! Willst du wegen einer Frau dein Leben wegschmeißen? Habe ich dir denn gar nichts beigebracht?“ Er schlägt unerwartet fest auf den Tisch, ich zucke zusammen. „Du hast doch alles! Oder nicht? Was fehlt dir?! Auf dieser Insel gibt es reihenweise Mädchen die den Boden auf dem du gehst küssen würden. Ach was rede ich, du kannst jede haben, egal woher, aber du hast nichts Besseres zu tun als ein Duell herausfordern! Wir leben doch nicht mehr im Mittelalter!“

„Nichts. Mir fehlt nichts“, stammle ich kleinlaut. „Aber ich liebe sie…“

„Liebe?! Bist du übergeschnappt? Ein Mensch ist tot! Muss ich mir jetzt Sorgen machen, dass du gleich den nächsten niederstichst der dir in die Quere kommt? Du weißt doch gar nicht was Liebe ist.“ Er schüttelt ungläubig den Kopf.

„Ich wollte das nicht…Alles was ich bei Gericht gesagt habe stimmt. Es ist einfach passiert und ich weiß nicht einmal wie.“

Vater lässt sich nach Luft schnappend auf einen Stuhl sinken. „Du musst hier weg. Weit weg. Du brauchst Abstand. Ich will, dass du dich um deine Ausbildung kümmerst. London kannst du vergessen, dein Studienplatz dort ist kein Thema mehr, das ist dir hoffentlich klar. Du wirst in ganz Schottland und England keinen vernünftigen Ausbildungsplatz mehr bekommen.“

„Dann suche ich mir eben eine Arbeit…“, murmle ich.

Er beugt sich zu mir und schüttelt den Kopf. Seine Stimme ist wieder ruhig, auch wenn seine Körperhaltung signalisiert wie aufgebracht er immer noch ist. „Mein Gott Tavis…Du wirst hier der nächste Lord, ist dir das denn immer noch nicht bewusst? Was willst du machen? Als Stallbursche anheuern, oder in irgendeinem Büro Steuererklärungen machen?“

Seine Stimme ist leise und bedrohlich. Der nächste Lord. Ich bin kein Lord. Ich bin ein Mörder.

„Peter ist der nächste Lord. Nicht ich“, flüstere ich.

Er lehnt sich zurück und sieht mich lange wortlos an. Dann reibt er sich die Stirn. „Du bist der Erstgeborene. DU. Dafür wurdest du erzogen und ich werde alles tun damit es so ist. Mit ein bisschen Abstand und Zeit werden sich die Wogen wieder glätten.“

„Ich enttäusche dich doch nur“, entgegne ich und habe Angst vor seiner Reaktion, doch er bleibt weiterhin ruhig.

„Du wirst nach Amerika gehen, zu deiner Mutter. Dort interessiert deine Vorgeschichte niemanden. Ich habe schon mit ihr gesprochen. Du wirst studieren und alles tun um mich zufrieden zu stellen. Jeden einzelnen Tag wirst du kämpfen und mir zeigen, dass du es wert bist Lord zu sein. Keine Enttäuschungen mehr. Du hast es in der Hand.“

Ich sehe ihn entsetzt an. Amerika? Ich will da nicht hin und schon gar nicht zu meiner Mutter, aber sein Blick sagt mir, dass ich erst gar nicht versuchen brauche dagegen zu reden. Eigentlich ist es mir auch egal. Mein Leben ist nichts mehr wert. Dieses Gefühl jemanden auf dem Gewissen zu haben frisst mich täglich ein Stück weiter auf. Zeit und Abstand werden mir nicht helfen, so viel ist sicher.

„Geh jetzt auf dein Zimmer“, sagt er bestimmt und steht auf. „Und bis zu deiner Abreise hältst du dich auf dem Gut auf. Allein.“

Ich richte mich auf, als er mich am Arm packt. „Bis auf dieses eine Mal hast du mich nie enttäuscht. Nie. Du bist ein starker junger Mann, das warst du immer. Ich weiß, dass nicht immer alles einfach war. Für keinen von uns. Darum bin ich mir sicher, du wirst mich nicht noch einmal enttäuschen. Du hast von Emotionen getrieben gehandelt. Lerne diese Gefühle zu unterdrücken. Emotionen sind nichts für Männer und schon gar nichts für einen Lord.“ Er sieht mir tief in die Augen. „Du bist der Lord.“

Ich nicke wortlos. Keine Emotionen. Das Wort dreht sich seltsam in meinen Gehirnwindungen. Es brennt sich förmlich ein.

„Du bist der Lord Tavis!“, sagt er noch einmal lauter.

„Ja Vater. Ich weiß. Ich enttäusche dich nicht“, nicke ich mit gesenktem Blick.

In meinem Zimmer reiße ich mir das Hemd vom Oberkörper. Ich stelle mich vor den Spiegel und sehe mich an. Mit meinen dunklen Haaren und den blauen Augen sah ich bis vor kurzem noch ganz passabel aus. Jetzt bin ich ein Freak. Entstellt und wie es scheint zu allem fähig. Langsam fahre ich die Narbe von meiner Wange den Hals hinunter nach, dann die andere auf meiner Brust. Die rot entzündeten Striemen sehen aus wie aufgeplatzte Würste. Diese Narben werden mich immer daran erinnern was passiert ist. Jeden Tag für den Rest meines Lebens. Die Ärzte meinten es war pures Glück zu überleben, wäre der Hieb nur ein paar Zentimeter tiefer gesessen, wäre ich jetzt gleich wie Dunn tot. Ich schließe meine Augen und versuche ruhig zu atmen. Wäre vermutlich besser so. Vater hätte sich eine Menge Ärger erspart und Peter könnte das Gut übernehmen. Mit geschlossenen Augen atme ich tief durch. Ich weine nicht. Ich bin der Lord. Ein Lord ist stark. Ich bin stark. Ein leises Klopfen an meiner Tür lässt mich zusammenzucken.

„Tavis…Kendra ist am Telefon…Sie würde wirklich gerne mit dir sprechen glaube ich…“, sagt Eliza durch die geschlossene Tür. „Sie klingt schon ganz verzweifelt.“

Ich schüttle den Kopf. „Nein…Ich kann nicht mit ihr reden. Sag ihr irgendetwas…mir egal…“

„Ach Tavis…“, seufzt sie.

„Lass mich jetzt in Ruhe“, fahre ich etwas zu laut zurück, was mir gleich leidtut. Eliza ist die einzige in diesem Haus die mich nicht wie einen Mörder ansieht. Sie sieht mich aber auch nicht wie einen Lord an. Peter schaut sie ganz anders an. Wenn er in ihre Küche kommt, wird ihr Blick ganz warm und weich. Mich sieht hier keiner so an. Vermutlich hält sie mich für einen lächerlichen kleinen Wichser. Sie geht. Ich lasse mich auf mein Bett fallen. Auch wenn ich immer noch wütend auf Kendra bin, ich würde gerne mit ihr reden. Ich möchte verstehen warum alles so gekommen ist. Sie versucht mich seit Wochen zu sprechen. Doch ich bin der Meinung, sie ist ohne mich besser dran. Ich bin nicht zurechnungsfähig. Ich würde sie nicht glücklich machen. Und ich sehe aus wie ein Monster. Wer kann schon einen Typen der so entstellt ist lieben? Ich drehe mich zur Seite und atme durch. Amerika. Weg von hier. Selbst wenn es das Schlimmste ist, was ich mir vorstelle, so wird es doch das Beste sein. Lieber wäre ich ins Gefängnis gegangen als zu meiner Mutter und doch muss ich Vater beweisen, dass ich ihn nicht weiter enttäusche. Ich muss es einfach tun.

Kapitel 3 – 20 Jahre später

Ich richte mich auf, fahre mit den Händen durch meine Haare und greife nach meinem Hemd.

„Musst du schon gehen?“ Sie streicht über meinen Rücken.

„Ja. Muss ich“, sage ich ohne sie anzusehen. Es ist der Punkt erreicht an dem ich sie einfach nicht mehr ansehen kann. Ich schließe kurz meine Augen, dann drehe ich mich zu ihr. „Ich kann das nicht mehr…“

„Was?“ Sie richtet sich auf und verschränkt dabei ihr Arme vor der nackten Brust. „Was kannst du nicht?“

„Das hier“, entgegne ich schulterzuckend, mein Ton ist fast etwas zu lässig für diese Worte.

Sie zieht ihre Augenbrauen hoch und schüttelt den Kopf. „Du kannst mich nicht mehr vögeln? Aha. Das fällt dir also danach ein. Das ist dir in den letzten Wochen aber nicht schwergefallen, oder bilde ich mir das ein? Ein Fick im Auto, einer auf der Toilette vom Restaurant, einer zwischen den Mülltonnen der Brauerei und nicht zu vergessen fast jeden Freitag hier im Hotel. Und jetzt kannst du nicht mehr? Toll. Ganz toll. Lord Tavis.“

Das Lord Tavis betont sie außerordentlich. Ihre Ausdrucksweise ist in manchen Situationen zwar reizvoll, besonders wenn ich auf ihr liege, doch gerade widert es mich an. Ich atme durch. „Jess. Bitte. Mach kein Drama. Du wusstest, dass es nicht ewig so gehen wird. Wir vögeln nur, weiter nichts.“

Sie springt aus dem Bett und schnappt sich den Bademantel vom Sofa gegenüber. „Drama? Vor einer Stunde konnte es dir nicht schnell genug gehen mich flach zu legen und jetzt servierst du mich ab? Und nenn mich nicht Jess! Schon gar nicht, wenn du gerade Schluss machst“, keift sie.

„Bitte, dann eben Jessica. Reg dich nicht auf. Du bist doch sonst nicht so zimperlich. Zumindest war es ein ordentlicher Abschluss, war es doch, oder?“

Sie stemmt ihre Hände in die Hüften und stellt sich vor mich. „Du bist so ein mieses kleines Arschloch Stewart. Du machst gerade einen großen Fehler.“

„Fehler? Ich bin nicht sicher wo der Fehler liegt? Dass wir uns seit ein paar Monaten zum Vögeln treffen, oder daran, dass wir beide verheiratet sind und zwar nicht miteinander. Also ist es meiner Meinung nach gerade richtig unsere Aktivitäten zu beenden.“

Ihr Gesicht wird hochrot. „Ja…Weil Carter dir zu einem riesigen geschäftlichen Coup verholfen hat. Dank meiner Interventionen. Und jetzt wo du alles hast lässt du mich fallen.“

„Tja. So läuft das Geschäftsleben Baby. Dafür hatten wir doch ein paar tolle Stunden zusammen und ich müsste mich schon sehr täuschen, wenn es dir nicht auch gefallen hat.“ Ich schlüpfe in meine Hose, als sie wutentbrannt mit meinen Sachen nach mir zu werfen beginnt.

„Raus! RAUS! Das wirst du noch bereuen! Verschwinde!“, schreit sie so laut, dass sich ihre Stimme fast überschlägt. Keine Ahnung warum sie so durchdreht, es war vorhersehbar.

„Jess…Komm schon…Du wusstest, dass es nicht ewig so geht, ich habe dir keine Hoffnungen gemacht“, versuche ich sie etwas zu beruhigen. „Vögeln. Es ging nur ums vögeln.“

Sie hält inne, aber ihr Blick ist verengt und ihre Atmung geht stoßweise. „Glaubst du ich wollte mehr von dir?“ Sie schüttelt langsam den Kopf. „Du träumst wohl. Geh doch zu deiner Kendra so lange du sie noch hast. Du wirst sehen, eines Tages ist sie weg. Sieh dich doch an. Ja…Im Bett bist du vielleicht gut, aber sonst…Welche Frau außer sie will schon bei dir bleiben? Und sie bleibt auch nur aus einem Grund.“

Ich sehe sie angewidert an. „Halt die Klappe Jessica. Halt einfach deine Klappe.“

Ihr Mund verzieht sich zu einem gemeinen Grinser. „Mitleid. Sie hat Mitleid.“ Sie stößt einen höhnischen Lacher aus, dann verschwindet sie im Badezimmer und schlägt die Tür hinter sich zu. Ich ziehe mich an und verlasse das Hotelzimmer. Meine Stirn reibend warte ich auf den Aufzug. Ich bin froh, dass es vorbei ist. Die Affäre mit Jessica Slater hat sich eine Richtung entwickelt, die mir nicht mehr gefiel. Ja. Sex. Gelegentlich. Wenn es passte. Als Gegenleistung für ein gutes Geschäft. Ok. Mehr interessiert mich nicht. Ich bin verheiratet. Meine Frau ist mir wichtig. Alles andere ist nebensächlich. Ich steige in den Lift und sehe mich im Spiegel an. „Sieh dich doch an“, murmle ich und streiche meine Narbe halsabwärts. „Sieh dich doch an du blödes Arschloch...“

Es ist schon fast Mitternacht als ich zurück zum Castle komme. Ich will einfach nur unter die Dusche und dieses Miststück Slater hinter mir lassen. Im Salon ist wie nicht anders zu erwarten bereits alles dunkel. Ich gehe nach oben als plötzlich mein Bruder vor mir steht.

„Wo kommst du denn her?“, fragt er und sieht mich dabei musternd an.

„Lass mich zufrieden Peter“, murmle ich genervt.

Er schüttelt schmunzelnd den Kopf. „Zieh das Hemd aus, da ist Lippenstift am Kragen, sieht nicht nach Kendras Farbton aus. Sieht mehr nach schlampenrot aus.“

„Halts Maul“, fahre ich ihn an und gehe an ihm vorbei.

„Ich will dir nur Ärger ersparen“, sagt er noch, geht aber auch zu seinem Zimmer. Ich mache die Tür hinter mir zu. Ich drehe schon einmal die Dusche auf, während ich mich aus meinen Klamotten schäle. Auf den Lippenstiftfleck blickend zucke ich zusammen.

„Hi…Ich habe dich beim Abendessen vermisst…Ich dachte du kommst heute früher?“ Kendra steht in der halb geöffneten Tür und lächelt mich an. Dabei legt sie ihren Kopf fragend zu Seite, so als erwarte sie eine Erklärung von mir. Ich werfe das Hemd schnell zur Seite.

„Hi…Ja…Es ist etwas dazwischengekommen. Ein Termin.“ Etwas dazwischengekommen. Es ist eher so, dass ich zwischen die Beine einer anderen gekommen bin. Genau genommen eine Blondine mit fake Brüsten, die eigentlich so gar nicht mein Typ ist.

„Ach so…Sicher…Also dann…Gute Nacht.“ Sie lächelt immer noch. Es ist echt schäbig wie plausibel ich sie belügen kann und das mache ich heute nicht zum ersten Mal. Nein, ich mache es seit Jahren. Immer wieder. Jedes einzelne Mal, wenn ich eine andere gevögelt habe. Ich werde dabei weder rot, noch stockt meine Stimme. Meine Lügen sind Standard geworden. Sie gehen mir ganz einfach von den Lippen und doch fühle ich mich tief in meinem Innersten mies. Ich lächle sie an und diese Geste meine ich ganz und gar ehrlich, auch wenn sie sich schon umdreht um mein Zimmer zu verlassen.

„Gute Nacht. Aber wir frühstücken morgen gemeinsam, ich muss erst gegen zehn weg“, rufe ich ihr noch nach, was sie nickend zur Kenntnis nimmt. Ich steige unter die Dusche und lasse das heiße Wasser über meinen Kopf hinunterlaufen. Bis vor ein paar Stunden war Jess noch reizvoll. Ziemlich reizvoll sogar. Sie ist offensiv im Bett und dabei auch noch ganz schön einfallsreich. Keine Ahnung, aber heute war plötzlich alles anders. Kurz vor dem Höhepunkt fühlte es sich nicht mehr richtig an. Meine Hände auf ihrem unechten Busen und der Blick in ihre von der üppigen Schminke verschmierten Augen. Nein. Es fühlte sich scheiße an. Falsch. Ich stemme meine Hände an die kalte Fliesenwand und atme mit geschlossenen Augen durch. Nachdem ich mir endlos lange die Zähne geputzt habe, lasse ich mich ins Bett fallen. Wieder einmal bin ich froh, dass Kendra ihr eigenes Zimmer hat. Auch wenn es mir anfänglich falsch vorkam, jetzt macht es Sinn. Als sie vor ein paar Jahren aus dem Schlafzimmer auszog war ich gekränkt, aber sie meinte es hat nichts mit mir zu tun. Sie braucht einfach Ruhe, besondere Laken und es darf nicht zu kalt oder gar zu hell im Raum sein. Mir ist es fast immer zu warm, die Laken sind mir egal, Hauptsache nicht zu dick und ich lasse Vorhänge und Fenster lieber offen. Inzwischen bin ich froh darüber. Ich kann einfach nicht neben ihr liegen und ihr etwas vorheucheln. Es ist gut so wie es ist. Ich bin für sie da, wenn sie mich braucht. Ich werde immer für sie da sein. Erschöpft schließe ich meine Augen.

Kapitel 4

„Du siehst müde aus Tavis. Ich glaube du solltest dir einmal ein paar freie Tage gönnen. Wir könnten nach Edinburgh fahren und meine Tante besuchen, was meinst du?“ Kendra hält mir das Körbchen mit den Toasts vor die Nase. Selbst stochert sie in ihrem veganen Breizeugs, keine Ahnung was das genau ist. Jedenfalls sieht es ungenießbar aus und riecht auch so. Ich sehe nicht nur müde aus, sondern fühle mich auch total Scheiße. Urlaub…Ein paar freie Tage…Sie hat absolut keine Ahnung was ich den ganzen Tag mache. Naja…Zum Glück nicht. Alles will und soll sie gar nicht wissen und ich bin froh, dass es so ist. Auch wenn ich außerehelichen Sex habe, es ändert nichts zwischen uns. Sie ist meine Ehefrau und das wird immer so bleiben. Alles andere ist unwichtig und bedeutet nichts. Ich nehme meine Verpflichtungen sehr ernst. Es ist nicht nötig, dass sie sich um irgendetwas Gedanken macht, oder sogar Sorgen. Ich greife nach ihrer Hand und lächle sie an. „Im Moment kann ich nicht verreisen. Du weißt doch, es ist Hochsaison. Ich habe die nächsten Wochen so viele Termine. Und ich muss auch noch für ein paar Tage nach New York, das habe ich dir doch schon erzählt.“

Sie nickt und lächelt wieder. „Natürlich. Das Frühjahr ist immer so anstrengend.“ Ihre Worte klingen verständnisvoll, ich bin aber nicht sicher, ob sie es wirklich so meint.

„Kendra…Habe ich nicht gleich einen wichtigen Termin?“, unterbricht Vater unser Gespräch. Ich atme genervt durch. Keine Ahnung wie sie das aushält. Immer und immer wieder die gleichen wirren Fragen. Ständig zu versuchen, seine kranke Welt zu verstehen, ich kann das nicht. Und trotzdem knie ich vor dem was sie leistet nieder. Mein Vater erträgt niemanden und hat in den letzten Jahren jegliches Pflegepersonal erfolgreich in die Flucht geschlagen. Kendra ist die einzige die er an sich heranlässt und auch akzeptiert. Seine Alzheimer Erkrankung hat sich im vergangenen Jahr rapid verschlechtert, doch sie kümmert sich mit einer liebevollen Leichtigkeit um ihn, dass ich oft ein schlechtes Gewissen habe. Ich bin eben ein Arsch. Er hat vergessen, dass sie damals der Auslöser für meinen Ausraster in der Fechthalle war. Er hat auch vergessen, dass ich ein Mörder bin. Niemand hier spricht mehr darüber, seit Jahren nicht, aber es ändert nichts. Ich werde es nie vergessen können und jeder Blick in den Spiegel erinnert mich daran. Da hilft auch der Bart den ich mir vor zwanzig Jahren wachsen lassen habe nichts, auch wenn er mittlerweile zum mir gehört. Kendra lächelt mild.

„Ja natürlich. Der Termin.“ Sie greift nach seiner Hand und streicht fürsorglich darüber. „Wie gut, dass du mich erinnerst. Zuerst machen wir aber unseren Spaziergang.“

Ich lege seufzend meine Serviette zur Seite und stehe auf. „Ich muss dann auch los. Es wird heute spät, also bitte warte nicht auf mich.“ Heute habe ich wirklich Termine, also richtig wichtige Termine, darum fällt es mir auch nicht schwer ihr einen zarten Kuss auf die Wange zu geben.

„Ja gut. Dann pass auf dich auch“, nickt sie und sieht mich dabei mit dem Kendra Blick an.

„Natürlich, ich ruf dich später an.“ Ich erwische mich wieder einmal dabei froh zu sein, aus diesem Haus rauszukommen. Allem Pflichtprogramm zu entkommen. Ich bin für sie da, aber ich bin kein richtiger Ehemann. Das liegt mir einfach nicht. Familie. Heile Welt. Kendra bedeutet mir alles und doch kann ich ihr nicht geben was sie braucht. Vor ein paar Monaten habe ich sie gefragt, ob sie glücklich ist. „Natürlich bin ich glücklich. Du bist doch alles für mich. Der wichtigste Mensch in meinem Leben“, hat sie gesagt. Danach hatten wir Sex. Das ist Monate her… Scheiße…

„Tavis!“ Peter reißt mich knapp vor meinem Wagen aus den Gedanken. „Alter…Wo warst du denn gestern? Bei Jessi Jess der Superblondine?“ Er gibt mir einen Schubs und verdreht amüsiert die Augen.

„Sag mal spinnst du jetzt total? Kümmere dich doch um deine knapp volljährigen Flittchen und lass mich zufrieden“, keife ich ihn an.

„Komm schon, sei nicht so launisch, oder hat sie dich abblitzen lassen?“, schmunzelt er.

Ich schüttle genervt den Kopf. „Ich habe sie abblitzen lassen. Es reicht langsam mit den Gegenleistungen“ Ich sehe über den großen Platz. „Kann es sein, dass der Tierarzt auf dich wartet?“

„Klar. Der Lord wird nicht abserviert“, lacht er und gibt mir noch einen Schubs. Ich bin heute so gar nicht zum Scherzen aufgelegt. Natürlich weiß er, was läuft, er ist mein Bruder und mein bester Freund, aber immer ist mir nicht danach ihm alles zu erzählen. Er übertreibt gerne und macht aus allem ein riesen Ding, das liegt mir nicht. Die Sache ist vorbei und damit auch kein Gespräch mehr wert.

„Kümmere dich um deine Angelegenheiten“, murmle ich und steige ins Auto. Ich werde jetzt einfach nur noch an meine Geschäfte denken. Von allem anderen habe ich wirklich genug im Moment.

Kapitel 5

„Hallo James“, sage ich zu unserem Verwalter und bin froh bald zu Hause zu sein. Es war eine unglaublich lange Woche in New York. Ich bin hundemüde und die Zeitverschiebung setzt mir wie immer zu. Die Amerikaner sind zwar gute Kunden, aber es kostet mich jedes Mal unglaubliche Anstrengung. Elendslange Meetings mit anschließenden Abendessen und nächtelangen Barbesuchen. Ich hasse es. Doch wenn es für einen guten Geschäftsabschluss nötig ist, beiße ich die Zähne zusammen. „Danke fürs Abholen“, füge ich noch hinzu.

„Kein Problem. Mach ich doch gerne. Alles gut verlaufen?“, meint er meine Tasche in den Kofferraum stellend. Er ist die Seele des Castles, ohne ihn würde nichts funktionieren. Er weiß einfach alles und kennt jeden Winkel und unlösbare Probleme gibt es für ihn nicht. Ich schätze ihn und seine Arbeit, er ist einfach immer da. Genau wie seine Frau Eliza. Auch wenn ich das nicht immer so zeigen kann, sie sind wie eine Art Familie für mich.

„Ja…Ich bin nur scheißmüde“, schnaufe ich und ziehe mein Handy aus der Sakkotasche. Ich lese die eingegangenen Mails und Nachrichten durch und checke die Anrufe. James erzählt mir währenddessen im Schnelldurchlauf was die vergangene Woche so los war. Von einer Stute die eine Kolik hatte, von den Feldern die heuer viel zu feucht sind, von einer Nichte die zu Besuch ist und dem irren Pferdemörder, der wieder eine Stute erwischt hat, diesmal zwar nicht bei uns, aber ich könnte beim Gedanken an dieses Schwein explodieren.

„Wenn ich dieses Arschloch erwische, dann bring ich ihn eigenhändig um, das kannst du mir glauben. Weißt du was, der kann nur hoffen mir nicht über den Weg zu laufen“, schüttle ich wütend den Kopf. Die Worte verlassen ganz selbstverständlich meinen Mund und nachdem ich sie ausgesprochen habe, fühlt es sich seltsam an. Keiner zweifelt daran wozu ich im Stande bin, ich habe es schließlich schon einmal getan.

„Eliza kommt noch rüber ins Castle und macht dir etwas zu essen warm.“ James geht nicht auf meine Worte ein, aber er nickt und ich weiß, dass er dasselbe wie ich tun würde, auch wenn er kein Mörder wie ich es bin ist.

„Nein, das ist nicht nötig, es ist schon nach neun. Ich hatte vorhin ein Sandwich.“

Er hält den Wagen an und lächelt. „Du weißt doch, sie macht das gerne für dich.“

Ich nicke dankbar. „Ja, aber ich bin einfach nur müde. Sag ihr, ich freue mich aufs Frühstück.“

„Ok. Dann gute Nacht.“ Er schlägt mir fast freundschaftlich auf die Schulter.

„Gute Nacht.“ Ich nehme meine Tasche und schüttle den Kopf. „Wenn es nicht bald aufhört zu regnen, weiß ich nicht wie sich die Felder erholen sollen.“

James nickt nachdenklich. „Es wird bald besser. Dein Vater hat heute gemeint es wird nicht mehr lange regnen.“

Das kostet mich nur einen Lacher. Ich laufe zum Hintereingang der Küche, wo mich die Hunde freudig begrüßen. In der Küche ist schon alles dunkel, ich mache Licht an und lege mein Sakko und die Krawatte ab. Ich atme durch und schenke mir einen großen Schluck Whisky ein. Mein Nacken tut weh. Eigentlich tut mir alles weh. Keine Ahnung ob Kendra schon schläft. Vermutlich noch nicht. Sie wartet bestimmt auf mich, ich war ja die ganze Woche nicht da, darum leere ich mein Glas und lösche das Licht. Gerade als ich nach oben gehen will, fällt mein Blick Richtung Stallungen. Das automatische Licht ist angegangen. Ich gehe zum Fenster und sehe hinaus. Jetzt geht es wieder aus. Ich bin mir nicht sicher weil es so dunkel ist, aber ich glaube die Stalltür ist offen. Scheiße…Ich trete aus der Küche und mahne die Hunde leise zu sein und auf ihren Plätzen zu bleiben. Ich nehme mir mein Jagdgewehr aus dem Schrank in der angrenzenden Waffenkammer. Langsam gehe ich über Weg der zum Stall führt. Alles ist leise. Es regnet leicht. Die Stalltür ist tatsächlich offen. Leise trete ich hinein. Ganz hinten bei den Fohlen steht er. Dieses Arschloch. Ich werde ihm eine Kugel in seinen Scheißschädel jagen. Der Puls in meiner Halsschlagader pumpt, doch meine Hände sind ganz ruhig. Ich gehe so leise wie möglich nach hinten und hoffe die Stuten bleiben ruhig. Jetzt ist er dran. Ein für alle Mal. Ich bleibe ein paar Schritte hinter ihm stehen und richte den Lauf meiner Waffe auf seinen Rücken. Ich schubse ihn sogar ein wenig damit an, damit er weiß worum es geht. „Du nimmst jetzt mal schön langsam deine dreckigen Hände hoch!“, sage ich leise aber so das klar ist, dass ich ihm gleich die Rippen durchpusten werde, wenn er nicht tut was ich sage. Seine Hände gehen schön brav und langsam hoch. Ich drücke den Lauf fester in seinen Rücken. „So und jetzt drehst du dich genauso langsam um, bevor ich dir eine Kugel durch die Rippen jage du Mistkerl!“

Das Arschloch dreht sich zögerlich um, ich hebe meine Waffe an und halte sie vor sein Gesicht.

„Bitte…Ich…Bitte nicht schießen“, stammelt sie. SIE? Scheiße eine Frau?! Ich senke den Lauf der Waffe und ziehe ihr die Kapuze hinunter.

„Sie sind eine Frau?“, schreie ich sie an und packe sie fest am Arm.

Sie nickt und hat eine Scheißangst, das kann ich sehen. Gut so.

„Haben Sie eine Waffe? Wollten Sie diesmal die Fohlen aufschlitzen? Was ist denn los mit Ihnen?“ Das darf doch nicht wahr sein! Ich zerre sie den Gang hinunter als sie jämmerlich zu stammeln beginnt.

„Nein…Ich habe keine Waffe…Moment…Ich glaube das ist ein Missverständnis!“

Ich gehe darauf nicht ein und meine nur, dass sie das gleich der Polizei erzählen kann. Sie versucht sich von mir loszureißen und schüttelt hysterisch den Kopf.

„Nein…Stopp…Ich wollte doch nur sehen ob im Stall alles ok ist, das Tor war offen und mein Onkel hat mir doch erzählt…“

Onkel? Ich halte inne und sehe sie nachdenklich an. „Was? Wer ist ihr Onkel?“

„James. James Skelton.“ Ihre Stimme ist zittrig. „Ich bin seine Nichte und hier auf Besuch. Ich wollte den Pferden nichts antun. Wirklich nicht.“ Sie sieht mich flehend an und ist den Tränen nahe. Ich lasse sie langsam los. Fuck. Ja…er hat sowas erwähnt heute…Seine Nichte…Genau…

„Holly?“, frage ich leise.

Sie nickt aufgelöst, ich glaube sie zittert. Hoffentlich habe ich sie nicht zu fest angepackt.

„Sind Sie Tavis?“ Ihr Blick ist angsterfüllt. Ich reibe mir nickend die Stirn, das ist mir jetzt unangenehm. Der Puls in meiner Halsschlagader beruhigt sich zwar langsam, aber ich muss trotzdem einen Knopf vom Hemd öffnen. Sie sieht so verängstig aus, ich bin total überfordert.

„Ich habe das offene Gatter gesehen, ich dachte Sie sind der Pferdemörder. Tut mir leid, wenn ich Sie erschreckt habe“, versuche ich mich irgendwie zu entschuldigen. „Was machen Sie denn mitten in der Nacht hier?“

„Ich war spazieren. Wie gesagt die Tür war offen. Ich habe mir Sorgen gemacht. Sonst nichts.“

Ich atme durch. Das hat mir heute noch gefehlt. „Kommen Sie, ich bringe Sie zum Haus zurück“, sage ich und suche ihren Blick, der mir ausweicht.

„Danke. Es geht schon. Gute Nacht.“ Sie läuft hastig aus dem Stall. Toll. Ganz toll. James wird sich was von mir denken.

„Gute Nacht. Und nochmal, es tut mir leid“, rufe ich ihr hinterher. Kopfschüttelnd drehe ich noch eine Runde im Stall und schließe dann alles ab. Holly. Ich kann mich gar nicht mehr richtig an sie erinnern. Früher, als Mädchen war sie öfter hier.

„Weiber…“, seufze ich und gehe zurück ins Haus. „Mitten in der Nacht spazieren gehen…Typisch.“

Kapitel 6

„Ich gehe mit Vater in den Park, heute scheint das Wetter einmal zu halten“, meint Kendra und lächelt wie immer. Sie sieht heute fürchterlich blass aus.

„Ja. Ich muss dann auch los. Du bist so durchsichtig heute, fühlst du dich nicht wohl?“, frage ich sie während ich meine Unterlagen zusammensuche.

„Nein…Es geht mir gut, alles bestens. Ich war nur die letzten Tage wenig an der frischen Luft, das wird es sein.“

Ich nicke nicht ganz zustimmend. Sie sollte einmal etwas ordentliches Essen. Immer dieser vegane Kram. Salat, Sprossen und irgendwelche Ersatzprodukte, das kann doch nicht gesund sein und vom Geschmack will ich gar nicht reden. Doch ich behalte das besser für mich, meine Meinung zu dem Thema hat schon mehrfach für Streit gesorgt, darum lasse ich es. Ich halte nichts von diesem neumodernen Ernährungskram, zumal es nichts zu bringen scheint. Sie ist viel zu mager und meistens blass. Sie geht mit Vater nach draußen, ich suche noch meine Autoschlüssel und folge den beiden ein paar Augenblicke später. Gedankenversunken sehe ich auf, als ich Holly über den Platz schlendern sehe. Heute sieht sie nicht aus wie ein Pferdemörder. Den dunklen Regenmantel hat sie gegen eine lange Strickjacke getauscht. Die dunklen langen Haare trägt sie offen. Irgendwie erinnere ich mich so gar nicht an sie. Es kann doch nicht sein, dass ich kein Bild mehr zu ihr habe, wo sie doch früher meist einmal im Jahr hier war. Ich sollte mich noch einmal ordentlich entschuldigen. Im Castle gehen mir bis auf Eliza sowieso schon alle Damen aus dem Weg, ich möchte James nicht verärgern. Ich bin auf ihn angewiesen, darum soll nicht gerade der Anschlag auf seine Nichte zwischen uns stehen.

„Holly!“, rufe ich ihr nach, weil sie ohne einen Blick auf ihre Umgebung schnurstracks Richtung Koppeln läuft. Sie hält an und dreht sich zu mir um. Ich gehe ihr entgegen, auch sie ist blass, obwohl, das kann ich noch verstehen nach meiner Attacke von gestern.

„Guten Morgen“, sagt sie leise und lächelt dabei verhalten.

„Guten Morgen. Entschuldigung, ich möchte nicht unhöflich sein und Sie beim Vornamen ansprechen, Mrs.?

Sie sieht mich verlegen an. „Ach das passt schon. Einfach Holly.“

Ich nicke und überlege, ob sie jetzt einen blauen Fleck am Oberarm hat, weil ich sie so angepackt habe. Hoffentlich nicht.

„Bitte verzeihen Sie mir, ich wollte sie nicht erschrecken.“

„Nein, nein, kein Problem“, stammelt sie und sieht durch mich hindurch, als Vater und Kendra plötzlich hinter mir stehen.

„Tavis, wer ist die junge Dame?“, fragt er mit hochgezogenen Augenbrauen.

„Vater. Das ist Holly. Holly Skelton. Du weißt doch noch, die Nichte von James Skelton.“

„Barnes“, sagt sie und blickt dabei schüchtern zu meinem Vater.

Natürlich. Sie wird verheiratet sein. Sie ist in Peters Alter, oder etwas jünger, Anfang dreißig schätze ich. Ich ziehe die Augenbrauen hoch. Das nächste Fettnäpfchen. Ich entschuldige mich höflich, doch sie ignoriert mich und begrüßt stattdessen Vater. Keine Ahnung, aber ich habe das Gefühl sie hat immer noch Angst vor mir, sie weicht schüchtern zurück und sieht mich nicht richtig an. Kein Wunder. Ich habe ihr ein Gewehr vor die Nase gehalten und so wie ich aussehe, wird sie denken ich bin ein komplett Irrer. Ich bin ein Irrer. Sie blickt zu Kendra, darum stelle ich sie vor.

„Sie sind so blass Mrs. Barnes, geht es Ihnen nicht gut?“, meint Kendra musternd.

Ja, sie ist entsetzlich blass. Vermutlich auch eine Veganerin, obwohl sie auf den ersten Blick nicht so aussieht.

„Nein…Alles in Ordnung“, stammelt sie.

Mir wird das jetzt zu viel Smalltalk, darum verabschiede ich mich. Ich bin auch schon spät dran. Weil ich die letzten Tage nicht in der Brennerei war, ist dort einiges liegen geblieben, ich befürchte es wird ein langer Tag.

Kapitel 7

Ich sehe Holly aus dem Augenwinkel an, mit meinem rechten Zeigefinger tippe ich monoton auf das Lenkrad. Gerade habe ich sie am Straßenrand aufgelesen. Sie war auf dem Heimweg, ganz schön weit weg vom Castle. Es ist zwar ein schöner Tag, aber es hängen bereits dicke dunkle Wolken am Himmel die bald auslassen dürften. Wie gewohnt weicht sie mir aus, ich glaube sie ist nur sehr widerwillig in mein Auto gestiegen, auch wenn ich ihr damit einen Gefallen tun will, weil es noch ein ziemlicher Fußmarsch gewesen wäre. Warum gehen mir eigentlich alle Frauen aus dem Weg? Zumindest die, die keine Flittchen sind und das ist sie mit Sicherheit nicht, denn damit kenne ich mich zur Abwechslung einmal wirklich aus. Sie ist eher zurückhaltend, heute fast schon wieder zu verschämt. Das kann ich nur sehr schwer verstehen und schon gar nicht einschätzen. Dabei habe ich sie sehr freundlich angelächelt und versucht besonders höflich zu sein. Sie sieht mich noch nicht einmal an, wenn sie mit mir spricht. Bin ich echt so ein Monster? Wahrscheinlich hat sie immer noch Angst vor mir. Da sie nun schon länger hier Urlaub macht, sollte sie mir unseren Zusammenstoß im Stall aber nicht mehr nachtragen. Ich versuche nicht mehr darüber nachzudenken, zumal sie gerade auch ziemlich stur aus dem Fenster blickt. Sie hat erzählt, dass sie nicht mehr so lange hierbleiben will. Ich habe vor ein paar Tagen aufgeschnappt, dass sie wohl Probleme mit ihrem Ehemann hat. Scheint überall ähnliche Schwierigkeiten zu geben, was das Zwischenmenschliche betrifft. Wie nicht anders zu erwarten springt sie gleich aus dem Auto nachdem ich im Hof angehalten habe.

„Danke…“, sagt sie noch mit gesenktem Blick und läuft Richtung Hintereingang.

„Sicher…Kein Problem. Gerne“, entgegne ich, aber sie dreht sich nicht mehr um. Sie ist wirklich seltsam. Vielleicht auch schüchtern. Keine Ahnung. Auf dem Weg zur Tür blicke ich in den Himmel. Bald wird es wieder regnen, die Wolken bauen sich immer bedrohlicher auf. Heuer ist dieser Regen besonders hartnäckig. Ich komme gerade rechtzeitig zum Tee, ich bin heute bewusst früher nach Hause gegangen. Kendra spricht kaum, sie ist in ein Schachspiel mit meinem Vater vertieft. Seit Tagen sieht sie ganz fürchterlich blass aus. Ihre sonst meist kunstvoll in Szene gesetzten roten Haare hängen auch unmotiviert über die Schultern. Sonst legt sie so viel Wert darauf das alles stimmig ist, aber im Moment scheint sie sich ganz und gar nicht wohl zu fühlen. Sie meint es ist nur eine kleine Magenverstimmung, was ich ihr nicht abnehme.

„Soll ich nicht doch besser Dr. Scott rufen? Du siehst jetzt noch schlechter aus als heute Morgen“, frage ich sie vorsichtig und gieße ihr Tee nach.

Sie nippt an ihrer Tasse und schüttelt den Kopf, bevor sie einen Zug am Schachbrett macht. „Nein. Er war doch gestern hier. Es ist alles in Ordnung Tavis. Frauenbeschwerden.“

Ich ziehe die Augenbrauen hoch. Frauenbeschwerden. Verstehe. Ich bin aufgrund unseres nicht vorhandenen Sexlebens nicht so im Bilde wann genau diese Frauenbeschwerden auf der Matte stehen. Darum nicke ich nur und streiche über ihre Schulter, als Peter zur Tür herein poltert.

„Wir müssen reden“, sagt er und blickt mich eindringlich an.

„Reden? Worüber denn?“, entgegne ich mit hochgezogenen Augenbrauen. Er sieht wütend aus, keine Ahnung welche Laus ihm über die Leber gelaufen ist, aber er neigt auch bei einer Kleinigkeit dazu über zu reagieren. Die meiste Zeit ist er viel zu impulsiv, mit einer der Gründe, warum ich das Hauptgeschäft am Gut führe.

„Unter vier Augen.“ Er geht voraus ins ehemalige Raucherzimmer, das inzwischen meist als Büro fungiert. Ich schließe die Tür hinter uns und sehe ihn abwartend an.

„Ja? Was denn?“

„Ganz toll Tavis. Ganz toll“, schüttelt er den Kopf.

„Komm schon Peter, raus damit, nicht so theatralisch bitte“, fordere ich ihn auf und lasse mich in den alten, wuchtigen Ledersessel fallen.

„Slater. Jessica Slater“, sagt er leise. „Klingelt es da bei dir?“

Ich verdrehe die Augen. „Wird das ein Ratespiel?“

„Ihr lieber Gatte verkauft die an unsere Felder angrenzenden Flächen nicht wie ursprünglich vereinbart. Kann es sein, dass es etwas mit dir zu tun hat?“

Ich stehe auf und atme genervt durch. „Was?“ Kopfschüttelnd beuge ich mich zu ihm. „Ich habe wirklich mehr als nötig gewesen wäre getan. Monatelang. Ich hatte diese Tussi einfach satt mit ihrem Plastikbusen. Leg du dich doch auf sie. Scheiße…“ Ich spreche bedacht leise, auch wenn ich lieber schreien würde, doch Kendra soll natürlich keinesfalls hören worum es geht.

„Mich will sie aber nicht…Zur Hölle! Und jetzt?! Fuck!“ Peter schlägt mit der flachen Hand auf den Tisch. „Hättest du nicht warten können bis die Verträge unter Dach und Fach sind? Oder etwas mehr Feingefühl ihr gegenüber, das wäre angebracht gewesen!“

Ich springe vom Sessel auf. „Feingefühl?! Sag mal spinnst du jetzt total? Ich bin doch hier nicht die männliche Hure! Ich scheiße auf die Felder! Soll er sie sich sonst wohin stecken! Glaub mir, er wird schon noch angekrochen kommen, oder glaubst du eine dumme Blondine lenkt die Millionengeschäfte von Slater?“, stoße ich schon nicht mehr ganz so leise aus.

„Du checkst echt gar nichts Tavis! Gar nichts! Wir hatten doch schon den Plan für die Produktion im nächsten Jahr, wie stellst du dir das denn vor?“ Er schreit jetzt definitiv und das lasse ich mir nicht gefallen.

„Ich war sowieso dagegen! Wir produzieren ausreichend und ich finde wir sollten das auch so belassen! Ich bin nicht für Quantität, sondern für Qualität!“

Er kommt näher zu mir und bleibt nur ein paar Zentimeter vor mir stehen. Bedrohlich baut er sich vor mir auf, was mich allerdings total kalt lässt. „Du hast keinen Plan, du bist grundsätzlich immer gegen alles. Mach doch mit dem alten Krempel und deinen Scheißtraditionen was du willst!“ Er atmet aggressionsgeladen aus und stürmt aus dem Zimmer. Das macht er immer. Abhauen, wenn er nichts mehr zu sagen weiß.

„Wir sind noch nicht fertig Peter!“, laufe ich ihm hinterher. Wir stürmen vorbei an Kendra und meinem Vater, hinunter in die Küche. „Warum läufst du eigentlich immer davon, wenn dir die Argumente ausgehen?“, rufe ich ihm nach. „Das ist sowas von lächerlich!“ Jetzt schreie ich.

Peter dreht sich kopfschüttelnd um. „Es ist doch egal was ich sage, du hast sowieso immer Recht! Das wird sich nie ändern! DU wirst dich nie ändern Tavis! Mach doch was du willst es ist mir scheißegal! Alles hier ist mir mittlerweile scheißegal!“ Er stürzt durch den Hinterausgang hinaus. Mein Herz klopft. Immer wieder die gleiche Laier. Ständig diese unnötigen Streitereien. Erst jetzt fällt mir auf, dass Eliza und ihre Nichte am Tisch sitzen. Gott…was ist denn jetzt schon wieder los? Holly wischt sich die Tränen aus ihrem verweinten Gesicht. Immer dieser Frauenkram.

„Geht es Ihnen nicht gut?“, frage ich vermutlich mit dem falschen Ton, weil ich immer noch geladen von dem Streit bin.

„Was…Nein…Es geht schon…“, stammelt sie schluchzend als der Gärtner mit einem Haufen Blumen Zeugs hereinkommt. Genervt drehe ich mich um und gehe wieder nach oben. Kendra steht am Treppenabsatz und schüttelt den Kopf. Sie sieht mich verständnislos an.

„Warum könnt ihr euch nie ruhig unterhalten und eine gemeinsame Lösung finden?“ Ihre Stimme ist leise und klingt gekränkt. Manchmal glaube ich, sie hält mehr von den Worten meines Bruders als von mir. Dabei hat sie sie gar keine Ahnung.

„Lass mich bitte Kendra, du verstehst das nicht“, antworte ich und gehe an ihr vorbei.

„Ja…Ich verstehe nie etwas“, murmelt sie noch, doch ich verlasse das Haus und werfe die Tür schwungvoll hinter mir zu. Es reicht mir einfach. Ich habe sowas von genug. Was glaubt er wer er ist? Den Rest vom Nachmittag verschanze ich mich in der Brennerei. Natürlich ist es blöd das Slater die Felder jetzt nicht verkauft. Sie liegen wunderbar und hätten unsere Anbaugebiete hervorragend ergänzt. Ich starre auf die Pläne und denke nach. Peter hat schon irgendwie recht, aber es ist schwer, das zuzugeben. Auch Kendra hat recht, wenn wir einmal normal reden könnten, wäre es einfacher. Dieser ewige Streit macht mich krank. Ich lehne mich in meinem ledernen Schreibtischsessel zurück und denke nach. Niemals wieder werde ich mich für ein Geschäft selbst verkaufen. Ich will es einfach nicht mehr. Diese ewigen Frauengeschichten die sich im Nachhinein nie als besonders Vorteilhaft für mich erwiesen haben machen keinen Sinn. Ich bin wirklich nicht mehr als eine männliche Nutte. Die Geschäftsnutte. Ich schließe meine Augen. Genaugenommen haben mich diese Frauen ausgenutzt, nicht ich sie. Das ist ab heute ein für alle Mal vorbei. Mit dieser Erkenntnis fahre ich zurück zum Castle. Es schüttet wie aus Kübeln, ich habe Mühe die Straße zu sehen, die Scheibenwischer schaffen die Wassermengen kaum. Scheißwetter. Vielleicht sollte ich mich entschuldigen. Nein…Ich entschuldige mich grundsätzlich nie. Es würde meine Autorität untergraben. Mir fallen die Worte meines Vaters als er noch nicht krank war ein. „Du bist ein Lord. Es gilt, was du sagst. Unwiderruflich.“

Ich bin der Lord. Es ist einfach so. Emotionale Ausbrüche sind nicht mein Ding. Es ist nun einmal so wie es ist. Ich gehe ihn den Salon, Vater sitzt mit Holly am Schachbrett. Sie hat in den letzten Wochen öfter mit ihm gespielt, er scheint sie verwunderlicher Weise zu mögen. Eigentlich akzeptiert er niemanden außer Kendra. Wenn sie hier ist, geht es Kendra vielleicht schlechter.

„Ist Kendra nicht hier?“, frage ich ziemlich direkt.

„Nein, sie wollte an die frische Luft“, antwortet sie ohne aufzusehen.

„An die frische Luft? Es schüttet doch wie aus Kübeln“, entgegne ich kopfschüttelnd. Will sie sich auch noch eine Lungenentzündung holen? Ich merke wie sich die bereits abgeflaute Wut wieder in mir aufbaut. Machen denn hier alle was sie wollen? Holly ignoriert mich. Das bringt mich noch mehr in Rage. Was hat sie eigentlich hier verloren? Ich gehe auf sie zu und amte genervt durch.

„Sie können gehen. Ich bin jetzt da.“

Jetzt sieht sie auf. Ihr Blick ist undefinierbar. Nein. Sie verabscheut mich. Genauso schaut sie mich an.

„Natürlich“, sagt sie leise und steht auf. Meinen Vater jedoch lächelt sie an. „Ich bin jederzeit für eine Revanche bereit.“

Er erwidert ihr Lächeln. Ich habe das Gefühl mir fliegt gleich das Hirn weg. „Ich bin bereit, wenn Sie es sind“, meint er und greift nach ihrer Hand. Ich verfolge dieses unnötige Geplänkel und verstehe nicht wann mein Vater so gefühlsduselig geworden ist.

„Schönen Abend noch“, verabschiedet Holly sich von Vater und geht ohne ein Wort Richtung Küchenabgang. Ich hasse es ignoriert zu werden. Was bildet sie sich eigentlich ein? Ich gehe ihr hinterher.

„Mrs. Skelton“, rufe ich ihr nach.

Sie bleibt stehen, ich glaube sie hat gerade die Augen verdreht. „Barnes“, sagt sie und sieht mich dabei einschüchternd an. Aha. Jetzt also so.

„Was?“, frage ich irritiert von ihrem Blick nach. Niemand sieht mich einschüchternd an. Schon gar nicht eine Frau.

„Holly Barnes“, sagt sie mit einem genervten Durchamten.

„Ach so, ja. Genau. Entschuldigen Sie bitte meine unangemessene Art aber…“

Sie unterbricht mich, was mich schon wieder irritiert.

„Schon gut. Es ist bestimmt unangemessen das sich ein Mann aus ihrem Stand rechtfertigen muss.“ Sie wendet mir ihren Rücken zu und geht erhobenen Hauptes hinunter. Wäre ich nicht immer noch irritiert, würde ich das ziemlich frech finden. Ja, sogar außerordentlich inadäquat. Ein Mann meines Standes? Sie weiß gar nicht wovon sie redet, denn sonst würde sie in einem angemessenen Ton mit mir sprechen. Ich gehe zurück in den Salon und kann nur den Kopf schütteln.

Kendras ist wie vom Erdboden verschluckt, keine Ahnung wo sie steckt, das ist so gar nicht ihre Art. Vermutlich ist es wegen dem Streit am Nachmittag. Sie erscheint auch nicht zum Abendessen, langsam mache ich mir doch Sorgen. Ich sitze mit Vater allein am Tisch, Peter ist auch nicht hier. Er erzählt mir irgendwelche alten Geschichten, mein Kopf tut weh, ich kann und will seinen Anekdoten nicht folgen. Nach dem Dinner besteht er darauf, dass ich ihm noch etwas am Klavier vorspiele. Dabei komme ich mir immer vor wie ein kleiner Junge. Zumindest verbessert er mich inzwischen nicht mehr, so wie er es tat als ich noch ein Kind war. Mein Spiel war ihm selten gut genug. Danach bringe ich ihn zu Bett, ich mache das so gut wie nie, doch heute bleibt mir nichts anders übrig. Danach falle ich völlig fertig in den alten Ohrensessel. Ich trinke ein Glas Whisky und denke nach. Lange. Ein wirrer Traum reißt mich aus dem Sessel, ich bin eingenickt. Ich sehe zum Fenster, ein Einsatzfahrzeug mit Blaulicht fährt heran. Scheiße! Kendra! Hoffentlich ist ihr nicht passiert. Völlig durcheinander laufe ich hinaus. Ein junger Polizist kommt mir entgegnen.

„Lord Stewart?“

„Ja…Um Gottes Willen, was ist denn passiert?!“

„Guten Abend. Es gab einen Unfall. Unten an der Küstenstraße“, atmet er durch.

„Was?! Zur Hölle! Sprechen Sie schon weiter!“, fahre ich ihn an.

Ich hänge geschockt an seinen Lippen. Kendra und Peter sind mit dem Auto von der Straße abgekommen und haben sich mehrfach überschlagen. Sie wurden ins Krankenhaus gebracht. Über ihren Zustand kann er nichts sagen. Eliza und James steuern auf mich zu. Sie legt fast schützend ihren Arm um mich, doch ich will das gerade gar nicht.

„Ich muss sofort ins Krankenhaus“, murmle ich verwirrt.

„Ich fahre dich“, meint James und folgt mir.

„Nein…Ist nicht nötig…“ Ich gehe ins Haus und nehme meine Jacke und die Autoschlüssel, als auf einmal Holly hinter mir steht.

„Ich kann inzwischen hierbleiben, damit ihr Vater nicht allein ist“, sagt sie leise. Schon wieder sieht sie mich nicht an. Diese Ignoranz mir gegenüber bringt mich auf die Palme, ich habe allerdings keine Zeit mich darüber weiter aufzuregen.

„Ja…Wie sie glauben“, blaffe ich sie an und verlasse das Haus. Ich habe keine Kraft über ihr Verhalten mir gegenüber nachzudenken. Was ist passiert? Was zur Hölle ist passiert? Es hat wieder angefangen zu regnen. Die Fahrt zum Krankenhaus erscheint mir endlos und ich bin nicht auf die Straße konzentriert. Tausend Dinge schwirren mir durch den Kopf. Hoffentlich ist alles nicht so schlimm. Bestimmt ist es nicht so schlimm.

Doch dieser Wunsch scheint sich nicht zu erfüllen. Im Krankenhaus muss ich zuerst einmal ewig warten bis sich ein Arzt zu mir bemüht. Alles erscheint mir so dilettantisch. Ich bin mir nicht sicher, ob meiner Frau und meinem Bruder hier kompetent geholfen werden kann. Weil mich das so aufregt, habe ich mich mit einer Krankenschwester angelegt. Es kann doch nicht sein, dass mir hier keiner etwas sagen kann? Leider sah die das ganze nicht so entspannt, darum muss ich jetzt schon eine gefühlte Ewigkeit am Gang warten. Es wird langsam hell. Ich stehe am Fenster und verstehe die Welt nicht mehr, als endlich ein Arzt auf mich zukommt.

„Mr. Stewart?“, meint er und lächelt freundlich.

Scheiße, ich kann nicht lächeln.

„Wie geht es ihnen?“, frage ich ungeduldig. „Kann ich rein?“

Er erklärt mir die schwerwiegenden Verletzungen, die sowohl Kendra als auch Peter haben. Ich glaube nicht alles zu verstehen, mir wird kurz flau. Sie liegen im Koma und die nächsten Stunden werden zeigen wie es weiter geht. In meinem Kopf dreht sich alles.

„Kann ich rein?“, wiederhole ich.