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Kann ein Ereignis das ganze Leben verändern? Kann eine einzige Nacht alles zerstören? Kann eine Tat eine Liebe auseinander reißen? Auch wenn es noch so unglaublich ist, die Antwort ist Ja. Alexandra führt ein glückliches Leben. Behütete Kindheit, schöne Jugendjahre, perfekte Ausbildung und eine große Liebe. Doch all das ist nichts mehr wert, wenn ein Mensch es in wenigen Minuten zerstört. Mit einer einzigen abscheulichen Tat. Ohne Rücksicht. Ohne Skrupel. Ohne Reue. Grausam und menschenunwürdig. Alexandra fällt in ein tiefes Loch und kann sich nicht mehr aus der für sie fatalen physischen und psychischen Lage retten. Nichts und niemand scheint ihr helfen zu können. Nicht einmal ihre große Liebe. Ihr Leben scheint sinnlos geworden zu sein. Alles was ihr so wichtig war, hat keinen Wert mehr, ein Mensch hat ihr alles genommen. Am Ende des Jahres trifft sie eine Entscheidung. Ein Anfang – Ein Ende. Happy End – ausgeschlossen. Oder vielleicht doch nicht?
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Seitenzahl: 359
Veröffentlichungsjahr: 2020
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Kerstin Teschnigg
Teufelsjahr
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
EPILOG
DANKE…
Impressum neobooks
Prolog
Ich schließe meine Augen. Die Dunkelheit ist kaum erträglich. Der Teufel lacht mir aus der Versenkung zu. Laut. Höhnisch. Es scheint, als würden seine roten Hörner brennen. Mein Plus wird schneller. Ich versuche ruhig zu atmen, so wie ich es in der Therapie gelernt habe. An etwas Schönes denken. Die schlimmen Erinnerungen nicht mehr an mich heran lassen. Es hilft nichts. Es gibt nichts Schönes woran ich denken kann. Nicht im Moment. Mein Herz rast. Der Teufel beginnt meinen Körper zu berühren. Überall. Ich kann mich nicht bewegen, mich nicht wehren. Er lacht noch lauter und keucht in mein Ohr. Ich halte meine Ohren zu und reiße panisch meine Augen auf. Schnell mache ich das Nachtischlicht wieder an. Das sanfte Licht holt mich langsam zurück. Meine Hände zittern. Es ist nicht möglich ruhig zu atmen. Meine Haut beginnt zu jucken. Ganz besonders schlimm ist es an meinen Innenschenkeln. Ich kratze mich unaufhörlich, aber es wird nicht besser. Es ekelt mich. Es ekelt mich vor mir selbst und allem was meinen Körper berührt. Ich will nicht mehr. Ich kann nicht mehr.
Weihnachten 2009 – 24. Dezember
LEXI
Ich sitze am großen, weihnachtlich dekadent gedeckten Esstisch und starre auf den geschätzt drei Meter hohen Christbaum, der in ausladendem Gold geschmückt ist. Mama hat sich wieder einmal wie gewohnt ins Zeug gelegt. Wochenlang war sie mit den Vorbereitungen für das heurige Weihnachtsfest beschäftigt. Putzen, backen, einkaufen, sie rotierte förmlich. Heute sieht sie zufrieden aus. Mein Vater hält wie jedes Jahr die Rede zur Weihnacht. Es ist so langweilig, dass ich immer wieder versuche mir mein Gähnen nicht anmerken zu lassen. Ich lehne mich zurück und lasse meinen Blick um die Tafel herum schwenken. Papa trägt seine beste Krawatte, wie immer zu Weihnachten. Er erzählt etwas von Familie und Liebe und irgendwelchen Werten. Immer wieder das gleiche Blabla. Von wegen Werte. Er ist sowieso das ganze Jahr geschäftlich unterwegs. Wenn er Mama nicht hätte, die zu Hause alles am Laufen hält, wäre er ganz schön aufgeschmissen. Mama sagt immer, wenn er nicht so viel arbeiten, und das ganze Geld nach Hause bringen würde, täten Bettina und ich ganz schön blöd aus der Wäsche schauen. Dann könnten wir uns unseren kostspieligen Lebensstil nicht leisten. Ich sehe zu meiner großen Schwester Bettina. Sie ist um zwei Jahre älter als ich. Ich seufze nicht hörbar durch. Den kostspieligen Lebensstil hat wohl eher sie als ich. Schon allein das ganze Geld, das sie für ihre Erscheinung ausgibt, ist zum Kopfschütteln. Klamotten, Kosmetik, Frisör. Ja, sie ist eine Erscheinung, das muss ich neidlos eingestehen. Obwohl, neidlos ist gelogen. Sie ist eine schneewittchengleiche Schönheit, mit langen, seidigen - schwarzen Haaren bis zur Hüfte und strahlend grünen Augen. Dazu noch ein porzellanheller Teint, ohne jeglichen Makel. Ich dagegen…Ich schüttle für mich selbst den Kopf. Kastanienbraue Wuschellocken, die irgendwie nie länger als bis zur Schulter werden und unzählige Sommersprossen rund um meine Nase, die mir viel zu stupsig erscheint. Außerdem bin ich um mindestens zehn Zentimeter kleiner als sie und im Vergleich zu ihr komplett flachbrüstig. Ich sehe an mir hinunter. Ja…flachbrüstig. Mein Aussehen ist im Gegensatz zu ihr ein Desaster. Um es weihnachtlich auszudrücken: Sie ist die Elfe, ich der Gnom. Kein Wunder, dass ihr die Jungs reihenweise nachlaufen. Sie braucht nur mit dem Finger zu schnippen und schon tanzen sie alle nach ihrer Pfeife. Zum Glück ist sie die meiste Zeit in Wien wo sie Modedesign studiert. Mama lächelt mich mit hochgezogenen Augenbrauen an und signalisiert mir meine Schultern nicht so hängen zu lassen, und mich gerade hinzusetzten. Ich richte mich genervt durchatmend auf.
„…und ich freue mich ganz besonders, dass meine Tochter Bettina ihren Freund Tobias mitgebracht hat. Wie schön, dass du heute mit uns dieses Fest der Familie feierst.“
Bettina reckt ihr Kinn selbstbewusst in die Höhe und grinst zufrieden. Tobias Leitner, der neue Freund von Bettina sitzt dagegen etwas wortkarg neben ihr und scheint ein wenig verlegen über Papas ausschweifende Worte zu sein. Ich würde sogar sagen, er ist ein bisschen rot geworden. Etwas genervt verdrehe ich die Augen. Auch wenn ich vor ein paar Wochen achtzehn geworden bin, Papa würde es nie erlauben, er würde durchdrehen wenn ich zu den Feiertagen einen Freund anschleppe. Wobei, ich wüsste gar nicht wen ich mitbringen sollte. Meine Schultern sacken wieder ein bisschen ein.
„Heidi, ich glaube wir können jetzt essen“, lächelt Papa meine Mama an, die ihm warmherzig zunickt und aufsteht.
„Alexandra, hilfst du deiner Mutter bitte, du scheinst ja ohnehin mächtig gelangweilt zu sein.“ Er wirft mir einen ernsten Blick zu.
„Ja Alexandra, hilf doch Mama…“, lästert Bettina und legt ihre Hand auf die ihres geliebten Schnuckelchens. Ich hasse es, Alexandra genannt zu werden und das weiß sie ganz genau. Sie grinst mich schadenfroh an, was ich nur allzu gerne zurückgebe. Ich reiße mich aber zusammen und unterlasse es der weihnachtlichen Ruhe zuliebe, ihr die Zunge heraus zu strecken. Tobias kämpft mit einem Grinsen und sieht weg, als ich zu ihm sehe. Er ist so ein blöder Trottel. Ein ziemlich einfältiger Typ. Zwar gutaussehend, aber erfahrungsgemäß sind alle hübschen Jungs Deppen. Außerdem ist er wie Bettina von Sport und Fitness besessen. Man muss ihn dafür nicht besonders gut kennen, das erkennt man auf den ersten Blick. Groß. Durchtrainiert. Lässig. Cool. Eingekleidet mit den topaktuellen Sportmarken. Er ist einer der Typen die ständig nach der perfekten Braut suchen, und sich dabei auf Äußerlichkeiten beschränkt. Eben solche Mädchen wie meine Schwester. Für mich leicht durchschaubar. Mal sehen, wie lange es dauert, bis er sie satt hat. Obwohl sie viel mehr verdient hätte. Zusätzlich scheint er ziemlich verwöhnt zu sein. Sein Vater ist ein bekannter Zahnarzt in Wien, Geld dürfte also keine Rolle spielen. Er selbst studiert auch Zahnmedizin, auch wenn er meiner Meinung nach mehr Zeit mit irgendwelchen Reisen und bei Sportveranstaltungen verbringt. Für seine fast zweiundzwanzig Jahre wirkt er nicht besonders reif. Ich ignoriere die beiden Turteltäubchen und helfe Mama die Vorspeise zu servieren. Nach dem Essen gibt es Bescherung. Ich komme mir heute mächtig unnötig vor. Mama, Papa, Bettina und Tobias sind die Traumpaare des Abends. Ich sitze allein in einer Ecke und freue mich zwar über den neuen iMac den ich bekommen habe, bin aber trotzdem weiterhin genervt. Darum entschließe ich mich ganz unaufgefordert das Geschirr in die Spülmaschine zu räumen. Nachdem ich damit fertig bin, sehe ich noch einmal ins Wohnzimmer.
„Ich geh schlafen, ich bin müde.“
Mama sieht auf die Uhr. „Jetzt schon? Es ist doch noch nicht einmal zehn. Setz dich doch noch ein bisschen zu uns…“
„Nein…Gute Nacht.“ Ich setzte ein gespieltes Lächeln auf.
In meinem Zimmer kuschle ich mich in meinen warmen Pyjama und drehe den Fernseher auf. Wie jedes Jahr zu Weihnachten läuft der gleiche Blödsinn. Kurz vor Mitternacht reicht es mir dann, ich bin wirklich müde. Auf dem Weg ins Badezimmer denke ich darüber nach, wie ich die nächsten Tage voll geschwollener Familienidylle überstehen soll. Gedankenversunken öffne ich die Badezimmertür und bleibe stocksteif stehen. Tobias knabbert lediglich mit Boxershorts bekleidet an Bettinas Hals, die kichernd ihren Kopf in den Nacken legt.
„Gott…habt ihr kein Zimmer, oder könnt ihr nicht zumindest abschließen?“, beschwere ich mich und drehe mich genervt um.
„Du brauchst dich gar nicht so aufzuregen, du bist doch nur neidisch!“, ruft mir meine Schwester hinterher.
„Ich wüsste nicht worauf“, blöcke ich zurück.
„Dann brauchst du auch gar nicht rot zu werden“, fügt sie noch hinzu.
Ich werfe meine Zimmertür hinter mir zu und schüttle den Kopf. „Warum sollte ich denn rot werden…“, murmle ich in mich hinein.
Ein paar Minuten später höre ich die beiden an meinem Zimmer vorbeikichern. Ja…sehr witzig. Alles sehr witzig. Ich mache mich erneut auf den Weg ins Badezimmer um mir meine Zähne zu putzen. Als ich fertig bin, begegnet mir Tobias schon wieder am Gang. Zumindest hat er sich jetzt ein T-Shirt angezogen. Ich sehe ihn nicht an.
„Gute Nacht Lexi“, sagt er im Vorbeigehen.
„Gute Nacht…“, murmle ich.
Er bleibt ein paar Schritte weiter stehen. „Ach Lexi…“
Ich sehe auf.
„Entschuldige wegen vorhin.“
„Schon gut.“ Ich sehe wieder weg und gehe in mein Zimmer.
31. Dezember 2009
Irgendwie habe ich die letzten Tage überstanden. Ich bin froh, dass Bettina und Tobias heute zurück nach Wien fahren. Dieses ewige Geschmuse geht mir bereits mächtig auf die Nerven. Sie sind irgendwo zu einer Silvesterparty eingeladen. Ich weiß nicht warum, aber die letzte Zeit komme ich mit meiner Schwester nicht besonders gut aus. Von meiner einst besten Freundin ist nicht viel übrig geblieben, sie ist schrecklich egoistisch und oberflächlich geworden. Aber so ist es wohl. Wir haben uns in den letzten Jahren einfach in unterschiedliche Richtungen entwickelt. Sie in Wien. Ich in Graz. Früher war ich mir sicher, auch in Wien studieren zu wollen, aber jetzt will ich das absolut nicht mehr. Ich werde im nächsten Herbst mit Rechtswissenschaften in Graz anfangen. Papa meint immer es könnte eine äußerst gefürchtete Richterin aus mir werden. Man wird sehen. Ein Schritt nach dem anderen. Ich muss erst einmal anfangen. Keine Ahnung warum, aber ich kann heute schon seit kurz nach fünf Uhr morgens nicht mehr schlafen, obwohl ich hundemüde bin. Ich krabble aus meinem Bett und schlüpfe in meinen Morgenmantel. Im ganzen Haus ist es noch leise. Darum gehe ich ebenso leise nach unten und setze Teewasser auf. Weil es gar so still ist, mache ich das Radio an und sehe aus dem Fenster. Auch heuer gab es wieder keine weißen Weihnachten. Heute soll es sogar ziemlich föhnig werden. Ich werde mich später mit meiner Freundin Klara auf einen Kaffee treffen, darauf freue ich mich schon, ich habe sie die ganzen Feiertage nicht gesehen. Was ich am heutigen Silvesterabend machen werde, weiß ich immer noch nicht. Vielleicht gehe ich mit Klara ein bisschen in die Stadt, mal sehen. Ich gieße den Tee auf, als ich über das Zufallen der Haustüre erschrocken zusammen zucke, und deshalb etwas Wasser verschütte.
„Super…“, murmle ich, und bin froh mich nicht verbrannt zu haben.
„Guten Morgen!“ Tobias steckt äußerst fröhlich und vor allem munter seinen Kopf zur Küchentüre herein, während ich die Wasserpfütze auf der Küchenfläche wegwische. Er ist im Laufdress und zieht seine Mütze vom Kopf und grinst mich an. Seine dunklen Haare sind vermutlich seiner Kopfbedeckung zuschulden ziemlich zerzaust, was ungewohnt ist, denn eigentlich ist er immer top gestylt. Darum versucht er diese auch gleich mit seinen Händen wieder irgendwie in Form zu bringen, was ich mit vermutlich verständnislosem Blick verfolge. Er sollte froh sein, nicht meine Haarstruktur zu besitzen, denn die macht es mir unmöglich jemals gut frisiert auszusehen.
„Guten Morgen“, erwidere ich dann doch als er in die Küche kommt. „Möchtest du auch Tee?“
„Ja gerne.“
Er öffnet seine Laufjacke und setzt sich auf den Hocker bei der Anrichte, während ich noch eine Tasse aus dem Schrank über mir nehme.
„Bist du immer so früh wach?“, fragt er mich, und mustert mich dabei augenscheinlich in meinem Aufzug. Ich ziehe meinen Morgenmantel etwas fester zu.
„Nein, eigentlich nicht. Ich konnte nicht mehr schlafen.“
Er nickt. „Ich auch nicht. Du hättest eine Runde mit mir laufen können, allein ist es nicht so toll, auch wenn ihr es hier wirklich sehr schön habt.“
Ich verdrehe die Augen. „Sehe ich so aus, als würde ich laufen gehen? Ich laufe nur wenn es die Situation erfordert, und momentan sehe ich dazu keine Veranlassung.“
Er zuckt mit den Schultern. „Du siehst doch sportlich aus, also warum nicht?“
Ich schüttle den Kopf und stelle ihm den Tee vor die Nase. „Nein, ich bin nicht sportlich. Was ist denn mit Bettina? Warum nimmst du sie nicht mit?“
Er atmet hörbar aus. „Sie ist nicht so gut gelaunt. Frauenbeschwerden.“
„Gott…“, murmle ich.
Ich bin mir nicht sicher, ob mich das interessiert. Etwas verlegen rühre ich in meiner Tasse.
„Dann solltest du ihr vielleicht eine Tasse Tee mit nach oben nehmen.“
Er zuckt erneut mit den Schultern. „Ja, warum eigentlich nicht. Nett von dir.“
„Ja…nett von mir…“, sage ich etwas höhnisch.
Irgendwie weiß ich nicht, was ich mit ihm reden soll, darum mache ich wirklich eine Tasse Tee für meine Schwester. Es scheint ihm auch nicht zu entgehen, dass ich nicht so gesprächig bin, denn er sagt auch nichts mehr. Irgendwo hat Mama doch noch einen Frauenmanteltee. Kramend suche ich in der Schublade danach. Ah, da ist er ja, als ich mich wieder umdrehe, laufe ich direkt in Tobias hinein. Gerade saß er doch noch auf seinem Hocker, ich merke wie ich rot anlaufe. Ein paar Augenblicke ist es, als wäre die Zeit stehen geblieben. Ich glaube, ich halte sogar die Luft an. Erst dann weiche ich einen Schritt zurück.
„Ich wollte nur meine Tasse in die Spülmaschine stellen“, sagt er dann leise, immer noch maximal eine Handbreite von mir entfernt.
Sehr peinlich berührt nehme ich sie ihm aus der Hand.
„Ich mach das schon.“
Schnell drehe ich mich weg, ich hasse es, wenn man mich so anstarrt, noch dazu im Pyjama, unfrisiert und mit nicht geputzten Zähnen. Dann hänge ich schnell den Teebeutel in die Tasse und drücke sie ihm in die Hand.
„Bitte sehr. Für meine geliebte Schwester.“
Er schüttelt den Kopf. „Was ist nur mit dir und deiner Schwester?“
„Warum? Was soll schon sein?“
„Ihr seid eifersüchtig aufeinander. Sie auf dich und du auf sie“, schmunzelt er.
„Das stimmt doch gar nicht.“ Ich verschränke meine Arme vor der Brust. „Worauf sollte ich denn eifersüchtig sein?“
„Weiß ich nicht, aber du bist das Liebkind deines Vaters und das stinkt ihr mächtig.“
„Ich bin nicht das Liebkind meines Vaters“, verteidige ich mich.
Doch bist du.“
„Du kennst mich doch gar nicht. Los bring den Tee hinauf, sonst wird er kalt wird.“
Ich drehe mich erneut weg von ihm, und stelle die leeren Tassen in die Spülmaschine. Er steht noch einen Moment hinter mir, bevor er sich ebenfalls umdreht um die Küche zu verlassen.
„Obwohl ja, du hast doch recht. Ich bin eifersüchtig. Darauf, dass sie immer alles bekommt was sie will, und darauf dass sie aussieht wie ein Model. Sie ist eine Diva, ganz egal wie sie die Menschen herumkommandiert, alle liegen ihr zu Füßen. Darauf bin ich neidisch.“
Er dreht sich noch einmal um.
„Ehrlich? Darauf bist du neidisch? Du bist doch ebenso hübsch wie sie und der Kommandozwang ist keine nachahmenswerte Eigenschaft.“
Ich werde schon wieder rot. „Ich glaube du leidest an Sauerstoffmangel. Der Tee wird kalt.“
Komischerweise wird er nun ein bisschen rot, oder es immer noch vom Laufen, oder vom heißen Tee. Keine Ahnung. Zumindest verlässt er jetzt die Küche. Ich atme kopfschüttelnd tief durch. Ich bin überhaupt nicht das Liebkind meines Vaters. Im Gegenteil, er ist immer besonders streng zu mir. Ich darf nie so richtig tun was ich will, Bettina durfte immer alles. Sie hatte schon mit knapp sechzehn ihren ersten Freund, den sie auch mit nach Hause bringen durfte. Ich wollte vor zwei Jahren einmal mit einem Jungen abends allein ins Kino gehen, da hat er sich so aufgeregt, dass ich es lieber gleich gelassen habe. Dass der Bursche sich nachträglich als Depp herausgestellt hat, habe ich dann mehr als oft von ihm gehört. Ich habe es jetzt noch in den Ohren.
„Siehst du, wie gut, dass du dich nicht mit ihm getroffen hast. Der wollte dich bestimmt nur um deine Jungfräulichkeit bringen“, hat er mir dann peinlicherweise monatelang gepredigt.
Mit dem Ergebnis, dass ich auch heute immer noch Jungfrau bin. Ob das jetzt gut, oder schlecht ist, weiß ich nicht so genau. Langsam würde ich das Thema auch einmal gerne hinter mich bringen, aber wie es aussieht gestaltet sich das mangels passender Anwärter ziemlich schwierig.
Beim Frühstück ist Bettina immer noch schlecht gelaunt. Der Tee hat also nicht die gewünschte Wirkung erzielt. Ich muss schmunzeln. Irgendwie vergönne ich es Tobias, dass sie jetzt bestimmt keinen Sex mit ihm haben will. Er hat sich sicher darauf gefreut, es die ganzen Feiertage über mit ihr zu tun. Inzwischen sitzt seine Frisur wieder. Ein paar Stunden noch, dann sind sie auf dem Weg nach Wien und nachdem ich mich jetzt mit Klara treffe, sehe ich sie vielleicht gar nicht mehr. Ich bin richtig froh, als ich aus dem Haus gehe.
Klara war die vergangen Tage im Schiurlaub in Salzburg. Wie jedes Jahr hat sie sich auch heuer wieder in den Schilehrer verliebt. Ich höre ihr geduldig zu. Nachdem wir beschlossen haben, heute Abend noch ein bisschen in die Stadt zu gehen, fahre ich nach Hause. Ich habe Hunger und will mich noch ein bisschen silvestertauglich herrichten. Die letzten Meter steige ich von meinem Fahrrad ab. Tobias lädt gerade die Koffer in sein Auto. Sie sind also noch nicht weg. Ich seufze. Aber bald. Bettina drückt ihm ihren Kosmetikkoffer in die Hand und stolziert zurück ins Haus. Irgendetwas geht ihr mächtig gegen den Strich, das erkenne ich daran wie sie ihre Haare zur Seite wirft. Ich lehne mein Fahrrad an den Zaun. Tobias flucht über den Umstand, dass scheinbar nicht alles so in den Wagen zu passen scheint, wie er es sich vorstellt. Darum räumt er gerade wieder alles aus. Heute ist die Stimmung beim Traumpärchen also nicht auf Wolke sieben.
„Du brauchst keine Hilfe, oder?“, sage ich schadenfroh, als ich an ihm vorbei gehe.
Er greift nach dem Kosmetikkoffer, der sich unglücklicherweise genau in dem Moment öffnet, als Bettina wieder herauskommt. Der ganze Kosmetikram fällt heraus und kugelt vor seinen Füßen herum. Ich kann mir ein Lachen nicht verhalten. Bettina stemmt ihre Hände in die Hüften.
„Du bist so ein Trottel. Ich halte das nicht mehr aus. Wie kann man nur so ungeschickt sein?“ Sie beugt sich hinunter und hält dabei ihre Hand an die Stirn. „Kein Wunder, dass ich unerträgliche Kopfschmerzen habe.“
Tobias sagt nichts, aber er wirkt reichlich genervt, nicht so cool und lässig wie die vergangen Tage. Das kann ich ausnahmsweise sogar verstehen, bei den vielen Vorwürfen die ihm meine Schwester an den Kopf wirft. Ich gehe wieder zurück zu den beiden.
„Geh hinein wenn du Kopfschmerzen hast, ich mach das schon“, sage ich und schiebe sie zur Seite.
Wie nicht anders zu erwarten geht sie schnaufend davon und lässt nur zu gerne ihr „Personal“ für sich arbeiten. Ich gehe in die Hocke und helfe Tobias die Utensilien wieder einzuräumen. Er sammelt gerade die zwischen seinen Beinen gerollten Tampons auf. Ich muss anfangen zu lachen.
„Das ist nicht lustig…“, murmelt er kaum hörbar.
„Doch schon…“, ich lache weiter. „Die verfolgen dich, die Tampons…“
Er schüttelt den Kopf. „Hast du schon vorgeglüht? Du scheinst mir nicht ganz nüchtern zu sein.“
„Nein…hab ich nicht. Die Tampons haben dir doch bestimmt die ganzen Feiertage versaut.“
„Warum?“, er sieht mich fragend an.
„Periode – kein Sex?“, entgegne ich immer noch schmunzelnd.
Er schaut mich mit hochgezogenen Augenbrauen an. „Sagt wer?“
Jetzt steht mir bestimmt der Mund offen, ich schließe kurz meine Augen, meine Wangen werden heiß. Warum fange ich denn auch mit so einem Thema an. Es geht mich nichts an, und obendrein interessiert es mich auch nicht.
„Überrascht?“, fragt er mich mit schadenfrohem Blick.
Ich schüttle schnell den Kopf, senke meinen Blick wieder auf die Kosmetiksachen meiner Schwester und räume sie weiter in den Koffer zurück. Er sieht mich immer noch an. Jetzt ist es wirklich peinlich. Ich hatte noch nicht einmal Sex und rede hier großartig davon. Mein Gesicht ist mit Sicherheit dunkelrot. Plötzlich nähert er sich und drückt mir einen Kuss auf die Lippen, so schnell wie ich möchte, kann ich leider nicht aufspringen. Zusätzlich hält er seine Hand an meinen Hinterkopf und drückt mich fester an seinen Mund. Gerade als er ich merke wie er mir seine Zunge hinein schieben will, stoße ich ihn aber dann ziemlich unsanft weg.
„Sag mal spinnst du, oder was?“, schreie ich ihn an, und verpasse ihm zeitgleich eine saftige Ohrfeige.
Ich erhebe mich, er sieht mich mit großen Augen an, schmunzelt zu meiner Verwunderung aber.
„Du bist doch nicht ganz dicht!“, füge ich noch hinzu, inzwischen hat sich seine Wange etwas rötlich eingefärbt.
Wütend stapfe ich durch den Hof zurück ins Haus, vorbei an meinen Eltern und meiner Schwester. Ich koche fast über vor Zorn. Ist denn dieser Typ noch zu retten?
„Lexi?“, ruft mir meine Mutter hinterher.
„Ach lass sie doch Mama, das legt sich wenn sie erst einmal einen Freund hat“, sagt Bettina mit sarkastischem Unterton zu ihr.
Wenn sie wüsste, was ihr Freund gerade gemacht hat, würde sie durchdrehen. Kurz denke ich daran es ihr brühwarm auf die Nase zu binden, da ich aber keine Lust auf eine Szene habe, lasse ich es.
Ich drehe mich wutentbrannt um. „Weißt du was, nimm endlich deinen Vollspast von Freund und hau schon ab!“, keife ich sie an.
Sie sieht mich abfällig an, was ich aber ignoriere und auf mein Zimmer laufe. Zum Glück sind sie eine halbe Stunde später weg und ich hoffe auf kein baldiges Wiedersehen.
12. Juli 2010
Ich stehe vor der Auslage eines Unterwäsche Ausstatters in der Herrengasse. Obwohl es heute so richtig schwül ist, habe ich mich von Klara zu einem Einkaufsbummel überreden lassen. Ich genieße noch den letzten Sommer, bevor es mit dem Studium losgeht. Das ist heuer besonders leicht, denn Bettina ist bis Ende August in Italien und macht dort ein Praktikum. Sonst ist sie im Sommer meistens auch ein paar Wochen in Graz. Diesmal eben nicht. Ich bin ganz allein mit meinen Eltern, herrlich. Etwas damit überfordert mein Eis bei der Hitze so zu essen, dass es nicht überall hinuntertropft, bewundere ich eine türkise BH – Slip Kombination aus zarter Spitze an der Schaufensterpuppe. An der Puppe sieht es wahnsinnig gut aus. Irgendwie spiele ich mit dem Gedanken einfach hinein zu gehen und es anzuprobieren, verwerfe den Einfall aber gleich wieder.
„Ist schön, warum probierst du es nicht?“, fragt mich Klara als könne sie meine Gedanken lesen.
Ich schüttle den Kopf. „Nein…ich hab keine Lust, es ist so heiß.“
„Alexandra Hofbauer?“, höre ich plötzlich eine Stimme hinter mir. Die Stimme kenne ich. Ich drehe mich langsam um und schaue vermutlich ziemlich blöd aus der Wäsche.
„Tatsächlich. Alexandra Hofbauer. Unglaublich. Das gibt es ja nicht!“
Ich mustere den jungen Mann der mich bedacht lässig angrinst. Vor mir steht doch tatsächlich Tobias Leitner. Der Ex Freund meiner Schwester. Der Typ, der mir am Silvestertag einfach so einen Kuss aufgedrückt hat, als ob es das Normalste auf der Welt wäre. Ich hatte es schon vergessen, bis jetzt. Mir steigt es komisch heißt auf. Bettina hat Mitte Jänner mit ihm Schluss gemacht. Nachdem er ihr offenbart hat, dass er für ein paar Monate in die USA reist, sah sie keinen Sinn und Zweck mehr eine gemeinsame Zukunft anzustreben. Nach dem Motto, wer nicht macht was sie will, den will sie nicht. Es hat sie nicht besonders mitgenommen. Wie ich schon damals vermutete, war es keine ernstzunehmende Beziehung. Schätzungsweise lag ihr auch nicht besonders viel an ihm und ich war auch froh, dass ich ihn nach dem was da zu Silvester passierte nicht mehr gegenübertreten musste. Natürlich habe ich niemandem davon erzählt. Ich sehe ihn heute zum ersten Mal seit dem besagten Vorfall wieder. Er hat sich ein bisschen verändert, zum ersten ist er relativ sonnengebräunt, was im Sommer aber keine Kunst ist, doch er sieht auch etwas weniger versnobt aus. Seine Haare sind länger und ungewohnt unfrisiert. Irgendwie hat seine Aufmachung etwas von Surferlook. Die Haare, das enge Shirt und die kurzen Shorts, sieht zwar willkürlich gewählt aus, aber ich schätze es ist durchaus so gewollt. Er strahlt mich mit seinem Zahnpastalächeln, das er bestimmt seinem Papa zu verdanken hat, an.
„Hallo, das ist ja ein Zufall, dass ich dich hier treffe“, sagt er immer noch grinsend.
„Hi, ja, so ein Zufall“, entgegne ich etwas überfordert.
Neben ihm steht eine Blondine, die locker bei GNTM mitmachen könnte, ich komme mir in ihrer Gegenwart irgendwie winzig vor.
„Was machst du denn in Graz?“, frage ich ihn darum schnell und weil mir nichts Besseres einfällt.
„Ich besuche eine Freundin“, er sieht zur Blondine die verhalten lächelt.
„Ah. EINE Freundin?“
Er nickt. „Ja. EINE Freundin. Und du? Eis essen?“
„Ja. Eis essen.“
Ich spüre wie mir geschmolzenes Zitroneneis über den Zeigefinger läuft. Schnell versuche ich eine Sauerei zu verhindern, was er schmunzelnd verfolgt. Er zieht seine Augenbrauen hoch und mir fällt wieder ein, wie er mir seine Zunge in den Mund schieben wollte. Mit Sicherheit bin ich jetzt rot angelaufen.
„Ah…also war schön dich zu treffen, aber wir müssen jetzt auch weiter“, sage ich darum schnell um weitere Peinlichkeiten zu vermeiden.
„Das finde ich auch, wirklich schön dich getroffen zu haben.“ Er lächelt immer noch.
Ich sehe schnell zu Klara und verdrehe mit der Aufforderung weiter zu gehen meine Augen, sie sieht mich an, als würde sie nicht kapieren, was ich von ihr will.
„Ach so ja…wir wollten doch noch die Unterwäsche probieren“, stammelt sie dann auf einmal.
Ich atme tief durch…Gott, etwas Blöderes ist ihr wohl nicht mehr eingefallen. Tobias mustert die Schaufensterpuppe und grinst mich an.
„Aha… na dann, viel Spaß.“
„Tschau Tobias“, verabschiede ich mich noch schnell, bevor ich mich peinlich berührt, warum auch immer, umdrehe.
„Tschau…“, murmelt er mir hinterher, während wir schon losgehen.
Klara sieht mich mit großen Augen an. „Das war jetzt aber nicht der Ex von deiner Schwester, oder?“
„Doch. Genau der.“
Ich hab mich noch nicht von dem Schock ihn getroffen zu haben erholt, als ich eine Hand an meiner Schulter spüre.
„Ach Lexi…“
Ich drehe mich um. Was will er denn noch?! Ich befürchte mein Gesichtsausdruck vermittelt ziemlich genau meine Stimmung darüber.
„Ja?“
„Hast du Lust einen Kaffee mit mir zu trinken?“
Ich sehe ihn entgeistert an. Warum sollte ich das tun?
„Ähmmm, ich weiß nicht, ich hab jetzt keine Zeit…“, stottere ich.
„Später, am Nachmittag vielleicht? Jetzt kann ich auch nicht“, antwortet er ungewohnt schnell.
Ich sehe ihn an, bevor ich etwas sage und überlege kurz.
„Wenn du wissen willst wie es Bettina geht, fragst du sie besser selbst“, sage ich dann überraschender Weise.
Er verdreht die Augen. „Wir können auch ein Eis essen, wenn dir das lieber ist.“ Belustigt sieht auf meine Tüte, erneut tropft das Eis über meine Hand.
„Ich weiß nicht…“, murmle ich, als Klara mich ein wenig schubst.
Schon wieder blamiert sich mich. Ich habe das Gefühl, er lässt nicht locker, bevor ich nicht zustimme.
„Ja, ok, wenn du unbedingt willst. Wann? Wo?“, seufze ich in etwas genervter Tonlage.
„Um 17.00 Uhr? Weikhard Uhr?“, er grinst mich zufrieden an.
Die Blondine neben ihm zappelt ein bisschen.
„Ja gut, von mir aus.“
„Sehr schön, bis später.“
Er zwinkert mir zu, was sich etwas befremdlich anfühlt. Darum drehe ich mich schnell wieder um und gehe weiter.
„Meine Güte, der ist ja der Hammer!“, schwärmt Klara augenblicklich neben mir.
„Dann geh du doch mit ihm Kaffee trinken, wenn er dir so gut gefällt.“ Ich verdrehe genervt die Augen. „Gibst du mir jetzt bitte einmal ein Taschentuch? Ich bin schon ganz eingesaut von dem Eis…“, meckere ich.
Sie kramt in ihrer Tasche und reicht mir eines, ich versuche mich irgendwie von dem klebrigen Zeug zu entledigen, die Tüte werfe ich in den nächsten Mistkübel. Ich hab auch ihr nie davon erzählt, dass er mir einen Kuss aufgedrückt hat, sonst würde sie jetzt vermutlich überschnappen. Ich allerdings weiß nicht wozu ein Treffen gut sein soll. Er ist der Ex meiner Schwester und absolut nicht mein Typ. Und zu alt ist er außerdem noch. Wobei ich mir sicher bin, dass er mich nur über Bettina ausfragen will. Was sollte er denn schon von mir wollen? Sein Frauengeschmack ist erlesen würde ich sagen, und da ordne ich mich nicht ein. Ich bin eben ein einfaches, normales Mädchen. Schluss.
Kurz nach 17.00 Uhr steige ich aus der Straßenbahn, auch wenn ich den ganzen Nachmittag darüber nachgedacht habe, ob ich das wirklich tun soll. Es ist total unpassend mit dem Ex meiner Schwester Kaffee trinken zu gehen, aber nachdem ich keine Handynummer von ihm habe, konnte ich auch nicht absagen. Ihn zu versetzen fand ich dann auch irgendwie unfair. Es ist ja nur ein Kaffee. Auch wenn die Herrengasse wie gewohnt um diese Zeit gut gefüllt ist, sehe ich ihn gleich. Er steht lässig mit Sonnenbrille da und grinst mir schon wieder mit Zahnpastalächeln entgegen. Das Shirt und die Shorts hat er gegen ein hellgraues Polo und eine dunkelblaue Chino getauscht, dazu lässige Sneakers. Wieder ein bisschen snobig, denke ich mir.
„Hallo“, sagt er, ich bleibe mit Sicherheitsabstand vor ihm stehen. „Ich hab schon gedacht du versetzt mich.“
„Hallo, ja…also ganz ehrlich, ich hab darüber nachgedacht. Um das Ganze abzukürzen, wenn du etwas über Bettina wissen willst…“
Er lässt mich nicht ausreden. „Ich will nichts über Bettina wissen. Hübsches Kleid übrigens.“
„Was willst du denn dann?“, frage ich, ohne auf sein Kompliment einzugehen, auch wenn ich mir, keine Ahnung warum, heute wirklich Mühe mit meinem Outfit gegeben habe. Sogar meine Haare, die ich locker aufgesteckt habe, sehen ziemlich passabel aus.
„Ist es wirklich so schwer verständlich, dass ich einfach nur einen Kaffee mit dir trinken möchte?“
Ich zucke mit den Schultern. „Schon irgendwie.“
Er seufzt. „Jetzt komm schon, wie lange willst du denn noch hier herumstehen.“
Er geht los und ich gehe hinter ihm her, bis er kurz stehen bleibt, damit ich neben ihn aufschließe. Wir gehen in eine Seitengasse der Herrengasse und setzen uns vor einem netten kleinen Lokal an einen Bistrotisch.
„Hier ok?“, fragt er mich, während ich mich schon setze.
„Ja sicher.“
Eine kleine, südländisch anmutende, junge Kellnerin kommt zur Tür heraus und sieht uns abwartend ob unserer Bestellung an.
„Cappuccino?“, Tobias sieht mich fragend an.
Ich nicke und lächle die Kellnerin dabei an. Er bestellt zwei Cappuccino, während sie zurück hinein geht, lehnt er sich lässig auf seinem Stuhl zurück. Die Sonnenbrille stört mich ein bisschen, sie macht es mir schwer, ihn einzuschätzen. Ich kann Menschen nur einschätzen, wenn ich in ihre Augen sehen kann und im Moment passt es mir gar nicht, dass dies nicht möglich ist.
„Wie war es in den USA?“, frage ich schnell, damit es nicht so leise ist.
Diese Frage, zaubert ihm ein Lächeln auf die Lippen. „Ganz toll. Ich bin erst seit ein paar Wochen wieder zurück.“
„Und jetzt ist dir eingefallen, dass du meine Schwester wieder zurück haben willst, nachdem sie deshalb mit dir Schluss gemacht hat, oder wie?“
Er schmunzelt. „Ich will sie zurück haben, weil sie mit mir Schluss gemacht hat?“
Ich nicke. „Ja, vielleicht?“
Er schüttelt den Kopf. „Nein, hatte ich nicht vor.“ Das sagt er recht trocken.
Die Kellnerin unterbricht unsere Konversation und stellt die zwei Kaffee hin. Gut, ich gebe es auf. Etwas unmotiviert klopfe ich auf meine Sessellehne, bevor ich einen Schluck von meinem Kaffee nehme.
„Wo genau warst du in Amerika unterwegs?“
Endlich nimmt er die Sonnenbrille ab, er beugt sich ein Stück nach vor, stützt sein Kinn an der Hand ab und grinst mich an. Seine blauen Augen, mir ist bis jetzt noch nicht aufgefallen dass sie blau sind, funkeln ein bisschen. Es ist ein ungewöhnliches blau, irgendwie speziell. Dann zeigt er mit seinem Zeigefinger an seine Oberlippe.
„Milchschaum“, schmunzelt er.
„Oh…“ Etwas verlegen wische ich über meine Oberlippe, was er immer noch schmunzelnd verfolgt.
„Ich bin viel herumgekommen. Florida, dort wohnt meine Tante, Miami, Los Angeles, Las Vegas“, beantwortet er meine Frage, während ich immer noch damit beschäftigt bin den Milchschaum möglichst galant wegzuwischen.
„Und das geht mit deinem Studium?“
„Irgendwie schon. Im Herbst geht es weiter.“
Ich nicke. „Ich fange im Herbst auch an zu studieren. Rechtswissenschaften.“
Er lächelt. „Das passt irgendwie richtig gut zu dir. Du kannst ganz schön viele Fragen stellen. In Graz?“
Ich nicke erneut. Auch wenn ich bis vor ein paar Minuten noch dachte gleich wieder zu verschwinden, läuft unsere Unterhaltung unerwartet locker. Verwunderlicher Weise ist es ganz lustig mit ihm zu reden, er stellt wirklich keine Fragen über Bettina. Seine Figur ist sportlicher als ich es in Erinnerung hatte, oder ich habe es unter den Winterklamotten nicht bemerkt, oder der am ehesten wahre Grund, es hat mich vermutlich gar nicht interessiert. Seine Oberarme sind ziemlich trainiert, aber so, dass es nicht übertrieben aussieht. Herrje…warum sehe ich ihn überhaupt so genau an? Ich versuche es zu lassen. Die Zeit vergeht schnell und wir sind vom Kaffee zum Sommerspritzer übergegangen. Ich trinke eigentlich kaum Alkohol und hoffe darum nicht zu übermütig zu werden, denn er bestellt bereits die dritte Runde. Er hat wirklich schöne Augen, meine Güte und ich mag seine Haare, wenn sie nicht so glattgeschleckt sind. Er hat ein bisschen etwas von Ashton Kutcher finde ich. Ja genau. Ashton Kutcher. Den mag ich... Also Ashton. Er schlägt seine Beine übereinander und sieht mich an. Wow…auch seine Oberschenkel sind ordentlich, ich nehme an vom Laufen. Halt. Stopp. Nein. Er gefällt mir nicht. Er ist der Ex meiner Schwester. Es wird besser sein, wenn ich jetzt gehe. Ich lehne mich zurück um ihn mit mehr Abstand ansehen zu können. Aber er sieht wirklich süß aus. Ich schließe kurze meine Augen. Nach diesem Getränk werde ich gehen. Definitiv.
„Stimmt etwas nicht?“, fragt er mich an mein Glas anstoßend, als könne er meine Gedanken lesen.
Ich nippe an meinem Sommerspritzer und gehe nicht auf seine Frage ein.
„Du besuchst also eine Freundin in Graz? Ist sie deine Freundin?“
„Nein. Sie ist eine Freundin.“
„Ok. Also eine von mehreren.“
„Nein. Nicht so eine Freundin. Einfach nur eine Bekannte.“
Ich ziehe die Augenbrauen hoch. „Das geht?“
Er nickt. „Das geht.“
„Hast du eine Freundin, also eine die nicht nur eine Freundin ist?“ Gott…was ist das für eine Satzstellung, ich glaube ich bin beschwipst.
„Nein.“
Ich lehne mich wieder zurück und nehme einen großen Schluck von meinem Spritzer. „Warum hast du mich geküsst?“
Jetzt zieht er die Augenbrauen hoch, mit dieser Frage hat er scheinbar nicht gerechnet, ich aber auch nicht, ich dachte zwar darüber nach, aussprechen wollte ich es aber nicht. Scheiß Alkohol.
„Du stellst wirklich viele Fragen Lexi.“
Ich schnaufe durch. Jetzt wo ich schon gefragt habe, will ich auch eine Antwort darauf. „Warum?“
„Ich dachte du brauchst es.“ Das sagt er mit leiser, lasziver Stimme.
Nein mein Lieber, so nicht, ich merke wie ich innerlich zu kochen anfange. Alkohol hin oder her, das ist zu viel. Solche beschissenen Ansangen finde ich echt richtig blöd.
„Du bist so ein…“, ich stehe auf und krame in meiner Tasche nach meinem Geldbeutel. Ich lege einen Zehner auf den Tisch und drehe mich um. Gerade als ich losstapfen will, hält er mich zurück.
„Nimmst du bitte dein Geld wieder, ich lade dich ein.“
„Nein Danke“, pfauche ich.
Sein Gesicht kommt meinem etwas näher, er sieht mich ernst an, aber ich schaue bestimmt noch ein bisschen grimmiger.
„Ich habe das gerade nicht so gemeint, aber…“ Er macht eine kurze Pause „…Ich würde dich sofort wieder küssen.“ Das sagt er leise, seine Augen glänzen wieder.
Ich atme vorsichtig ein, mein Herz klopft auf einmal schneller. Hat er das wirklich gerade gesagt?
„Ich küsse aber keine abgelegten Freunde meiner Schwester“, entgegne ich recht sachlich.
„Ach so?“ Er beißt sich auf die Unterlippe. Sein Gesicht kommt meinem noch etwas näher, irgendetwas sagt mir, ich soll jetzt einen Schritt zurück weichen, was mir aber nicht gelingt. Ich bin wie festgefroren und das, obwohl mir ziemlich heiß ist.
„Setz dich bitte wieder, nimm dein Geld und trink aus“, sagt er, lässt meinen Arm los und nimmt wieder Platz. Verwunderlicher Weise tue ich es ihm gleich.
„Schade eigentlich“, murmelt er und schiebt mir meinen Zehner vor die Nase.
„Was?“ entgegne ich, während ich das Geld wieder einstecke.
„Gehst du mit mir auf den Schlossberg?“, fragt er mich, dann kippt er den Rest von seinem Spritzer hinunter.
Ich sehe auf meine Uhr, ich bin mir nicht sicher, ob das so eine gute Idee ist, auch wenn es mir blöderweise schwer fällt abzulehnen.
„Es wird gleich dunkel und…“
Ich sehe ihn erneut an. Keine Ahnung, ob es am Alkohol liegt, oder was plötzlich mit mir los ist, aber ich habe das Gefühl, er wird immer attraktiver. Seine Hände, die Oberarme und erst der Hals und da schon wieder dieser Blick…Scheiße…
„Ja von mir aus“, antworte ich dann prompt. „Aber bilde dir ja nichts darauf ein.“
„Wie könnte ich das tun, als abgelegter Lover deiner Schwester“, sagt er gespielt ernst.
Ich verdrehe die Augen. Klingt aus seinem Mund eigenartig, ist aber nun einmal die Wahrheit. Während er bezahlt, gehe ich noch schnell zur Toilette. Was mache ich hier eigentlich? Das geht doch nicht? Ich sollte jetzt wirklich besser nach Hause fahren. Womöglich ist das nur seine Revanche dafür, dass Bettina ihn sitzen gelassen hat. Er macht sich doch bestimmt nur lustig über mich. Ich wasche meine Hände und sehe mich im Spiegel an. Aber er gefällt mir. Er gefällt mir sogar richtig gut. So ein Trottel ist er gar nicht, er ist eigentlich ziemlich süß. Ich tupfe ein bisschen Labello auf meine Lippen. Sicherheitshalber. Man weiß ja nie. Als ich wieder hinaus komme, wartet er schon auf mich. Schlossberg also. Na gut. Wir spazieren neben einander her, ich weiß nicht was ich sagen soll, darum schweige ich lieber. Er wie es aussieht auch. Wir schlendern an den pompös geschmückten Kastner und Öhler Auslagen vorbei, als ich auf einmal seine Hand an meiner vorbei streichen spüre. Ganz sanft. Fast ungewollt. Ich tue so, als hätte ich es nicht gemerkt. Er tut es wieder. Mich kaum berührend streicht er mit seinem kleinen Finger an meinem entlang. Kurz schnürt es mir die Luft ab. Wie selbstverständlich nimmt er dann meine Hand und hält sie fest. Mein Herz beginnt schneller zu schlagen. Ich sehe ihn etwas verlegen kurz an. Er lächelt, was ich erwidere. Ok…er hält also meine Hand, und das ändert sich auch nicht bis wir mit dem Lift oben am Schlossberg sind. Es ist ein schöner, lauer Abend, darum tummeln sich auch noch viele Menschen in der Stadt. Wir gehen ein Stück abseits und setzten uns auf einen Steinvorsprung. Graz ist in ein herrliches Abendrot getaucht und versinkt langsam in ein romantisches Lichtermeer.
„Es ist wirklich schön hier“, stellt er fest.
„Ja, ist es.“
Ich muss damit aufhören ihn anzusehen, aber ich kann nicht. Wie er seine Beine überkreuzt…ich würde gerne wissen wie sich seine Haut anfühlt…
„Woran denkst du?“ Er lächelt mich an und reißt mich aus meinen Gedanken. Ja, wenn du wüsstest woran ich denke…Das kann jetzt nicht mehr vom Alkohol sein, ich versuche mir nichts anmerken zu lassen. Er muss ja nichts sofort merken, dass er mir gefällt.
„Ach nichts…“
Ohne Vorwarnung legt er seinen Arm um meine Schulter und streicht über meinen Oberarm. Sofort überzieht mich eine Gänsehaut. Gut. So fühlen sich also seine Hände auf meiner Haut an.
„Ist dir kalt?“ Er schmunzelt ein bisschen und ich bin mir sicher, er weiß genau, dass mir nicht kalt ist.
„Geht schon…“, murmle ich.
Er zieht mich etwas näher an seine Brust. Es ist ganz komisch. So hab ich mich noch nie gefühlt. Vor ein paar Stunden noch hatte ich mich unter Kontrolle, jetzt weiß ich nicht mehr so genau, was ich hier eigentlich mache. Jetzt sollte ich wirklich gehen.
„Gehen wir zu Fuß hinunter?“, fragt er dann auf einmal.
Woher weiß er, dass ich jetzt gehen will? Obwohl…es fühlt sich gut an, so dicht neben ihm. Ich nicke und will schon aufstehen, als er mich zurück hält. Er zieht mich direkt in seine Arme, schon wieder ist sein Gesicht ganz nahe an meinem, unsere Nasenspitzen trennen maximal Millimeter. Ich halte die Luft an. Ohne sein Gesicht von mir abzuwenden streicht er sanft über meine Schultern hinunter bis zu meinen Händen und hält sie fest. Gänsehaut 2.0. Ich schließe meine Augen, aber es passiert nichts. Zögerlich öffne ich sie wieder.
„Hast du es dir anders überlegt?“, haucht er fast tonlos.
Er will jetzt aber keine Antwort darauf? Ich finde nicht, dass es der passende Moment ist über so unwichtige Aussagen meinerseits zu diskutieren. Darum schließe ich einfach meine Augen wieder und nähere mich ihm noch ein winzig kleines bisschen. Jaaaa….endlich….Ich spüre seine Lippen an meinen. Gott…Sanft und weich, ganz zart, vielleicht sogar vorsichtig, anders als zu Silvester. Wie in Zeitlupe lege ich meinen Kopf ein bisschen zur Seite. Jetzt bekomme ich erst richtig Herzklopfen und meine Hände fangen an zu schwitzen. Er legt seine Hände um meine Hüften und zieht mich dichter an sich. Ich öffne meinen Mund ein wenig, er verstärkt den Druck seiner Lippen und endlich spüre ich wie seine Zunge den Weg nach meiner sucht. Ehrlich gesagt, bin ich keine so außergewöhnliche Küsserin, vermutlich mangels Übung. Trotzdem ist es unglaublich und wird von Sekunde zu Sekunde intensiver. Kurz löst er sich von mir um mich sofort noch einmal zu küssen. Dann sieht er mich an und streicht über meine Wange. Keine Ahnung, ob ich jetzt etwas sagen sollte, aber nachdem er es nicht tut, lasse ich es auch. Ich lächle ihn einfach an und das erwidert er.
„Sollten wir vielleicht noch irgendwo hin gehen und etwas trinken, oder hast du Hunger?“, fragt er mich dann auf einmal und durchbricht die Stille zwischen uns.
Auch wenn ich lieber mit ihm zusammen sein würde, ich glaube es ist jetzt besser nach Hause zu fahren, für den Moment ist meiner Meinung nach ausreichend viel passiert. Außerdem bin ich ziemlich durcheinander.
„Nein…Ich werde besser nach Hause fahren“, sage ich leise, aber eines muss ich noch tun. Sanft streiche ich mit meinem Zeigefinger über seinen Oberarm bis zu seiner Hand. Er sieht meinem Finger nach, der über seine Haut streicht. Sie fühlt sich glatt und fest an. Bevor ich meine Hand wieder wegnehme greift er schnell danach. Er sieht mich mit glänzenden Augen an und gibt mir noch einen Kuss.
„Gut, wenn du willst, dann gehen wir“, flüstert er nahe an meinem Ohr.
Keine Ahnung wie ich mit den wackeligen Knien hinunter kommen soll. Wieder nimmt er meine Hand, als wir die Treppen hinunter gehen. Wieder ist es still. Ich fühle mich komisch. Komisch gut. Ich würde gerne wissen, was er fühlt. Mein Herz klopft wieder. Hoffentlich habe ich keinen Fehler gemacht. Na ja, er ist er der Ex meiner Schwester, also ganz richtig ist die gegenständliche Situation also bestimmt nicht. Ich bleibe stehen.
„Du verarscht mich aber nicht, oder?“, frage ich frei heraus.
Er sieht mich überrascht an, dann zieht er mich ohne Vorwarnung in seine Arme und küsst mich erneut, ich würde es so beschreiben: Voller Hingabe. Dabei streicht er sanft mit seinen Händen meinen Rücken hinab.
„Fühlt sich das an, als ob ich dich verarsche?“, fragt er und reibt seine Nase an meinem Hals.
Ich kann nichts sagen, ich habe keine Worte, keine Ahnung wo meine Sprache stecken geblieben ist, darum schüttle ich den Kopf.
„Gut. Ich verarsche dich nicht.“
