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Klara ist überzeugt gerade alles richtig zu machen, auch wenn es sich nicht richtig anfühlt, aber es ist vernünftig. Sachlich entscheidet sie sich für ein gutes, sicheres Leben mit allen Annehmlichkeiten, bis eines Tages er vor ihr steht. Er, der nichts von dem was sie anspricht hat und ihr doch alles geben kann. Die echte Liebe ist nicht vernünftig. Und schon gar nicht sachlich. Ganz und gar nicht. Und so saugt das Gefühl der wahren Verbundenheit Klara tief in einen Strudel, der sie nicht mehr klar denken lässt. Nichts ist ihr mehr wichtig. Nur noch er. Selbst ihr Leben hängt an einem seidenen Faden. Doch irgendetwas stimmt nicht mit diesem Mann. Nur was es ist muss sie erst noch herausfinden. Sie begibt sich in große Gefahr und stolpert immer tiefer in dunkle Machenschaften.
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Seitenzahl: 515
Veröffentlichungsjahr: 2022
Kerstin Teschnigg
Mein Leben oder Du
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Klara Engel
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Leonhard Beck
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Klara
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Impressum neobooks
Mein Leben oder Du
Ich stelle meine Tasche ab und drehe mich noch einmal um. Der Schmerz in meiner Brust, der sowieso schon unerträglich ist, nimmt weiter zu. Er steht mit Abstand zu mir, ich kann sein Durchatmen spüren, aber er ist zu weit weg um es zu fühlen. Diese paar Schritte die uns im Moment trennen sind schon unrealistisch, wie soll ich gleich seine Wohnung verlassen und ihn vermutlich nie wiedersehen? Er ist nicht der Typ Mann den ich mir jemals erträumt habe. Er ist blond und blass, für meine Vorstellung zu klein, auch wenn er größer als ich ist, außerdem zu wenig muskulös, er ist nicht autoritär und schon gar kein Mann der einem sagt wo es lang geht. Nein. Er ist ganz anders. Ruhig. Liebevoll. Zärtlich. Er hört mir zu und versteht mich. Ich presse meine Lippen aufeinander, langsam raubt mir das Gefühl das in mir aufsteigt die Luft zum Atmen. Nein, er hat nichts von dem was ich mir von einem perfektem Männerbild vorstelle, aber alles was in mir dieses außergewöhnlich Warme und bisher Unbekannte erwachen lässt.
„Bist du ganz sicher?“, sagt er leise, senkt dabei seinen Blick, sodass ich nicht mehr in seinen glasklaren blauen Augen mit dem bisschen Silberblick versinken kann.
„Ich muss gehen“, flüsternd bringe ich diese drei Worten mit Schmerz hervor, denn auch wenn ich muss, wollen tue ich etwas ganz anderes. Aber ich habe mir dieses „ich muss gehen“ die letzten Tage immer wieder leise vorgesagt, damit es nicht so unwirklich klingt wie es sich jetzt anfühlt.
Er sieht wieder auf und lächelt, ein Lächeln das anders ist als bisher. Da ist es. Das Unsichtbare, das Magische, das Besondere. Er ist nicht der Mann den ich mir erträumt habe, er ist der Mann den ich liebe.
„Wenn du ganz sicher bist“, meint er als könne er meine Entscheidung verstehen, dreht sich um und verschwindet ohne einen letzten Blick ins Badezimmer.
Ich schließe kurz meine Augen, ignoriere das Zittern meiner Hände und den Druck in meinem Magen, greife nach meiner Tasche und verlasse die Wohnung. Schnell ziehe ich die Türe hinter mir zu bevor ich es mir anders überlege. „Ich bin nicht sicher. Das bin ich ganz und gar nicht…“, murmle ich erstickt, laufe die Treppe hinunter und kann die Tränen, die eigentlich schon zu Ende sein müssten, weil ich Tausende davon geweint habe, nicht mehr zurückhalten. Sie rinnen unaufhaltsam meine Wangen hinunter und tropfen auf meinen ganzen Körper, während ich zur nächsten Bushaltestelle laufe. Völlig außer Atem hetze ich über die Straße, übersehe dabei fast einen Fahrradfahrer und entgehe darum nur knapp einer Kollision. Der Radler brüllt und deutet mir wütend hinterher, aber ich drehe mich weder um, noch reagiere ich sonst darauf. Ich schaffe es gerade noch in den Bus zu springen, der die hintere Türe zwar noch geöffnet hat, aber schon losrollt. Aufgrund des eingeschränkten Sichtfeldes meiner verweinten Augen, meinen zitternden Händen und dem Schrecken des vorausgegangenem vereitelten Zusammenstoßes mit dem Fahrradfahrer, übersehe ich eine Stufe und lande direkt auf meinen Knien, was ein schmerzliches Brennen durch meinen Körper strömen lässt. Jetzt kann ich nicht mehr. Die Kraft verlässt mich, ich sinke in mir zusammen und würde mich gerne in Luft auflösen. Nein. Ich will sterben. Ja das will ich.
„Fräulein…Um Himmels Willen…Kommen Sie…“
Ich blicke auf und sehe verschwommen einen älteren Herren der mir seine Hand reicht. Er schaut über den Rand seiner Brille hinaus und nachdem ich meine Hand nach kurzem Überlegen in seine lege lächelt er. Er zieht mich vom Boden hoch und weist mich an, auf dem Sitz auf dem er wohl bis gerade eben noch saß, Platz zu nehmen.
„Es geht schon…Nichts passiert…Danke…“, sage ich leise, mehr geschluchzt als gesprochen, doch er schüttelt den Kopf.
„Sie bluten, das sieht gar nicht gut aus…“, mustert er meine Knie die unter dem Kleid hervorschauen. Eine Blutrinnsal sucht sich seinen Weg über meine Schienbeine hinunter.
„Ich habe ein Taschentuch“, höre ich eine Frauenstimme und eine andere sagt sie hätte Desinfektionstücher dabei, weil ihr Sohn sich ständig am Spielplatz verletzt. Sie kramt in ihrer Tasche, kommt näher und zieht das Tuch aus einer kleinen weißen Packung. „Darf ich?“, fragt sie vorsichtig und beugt sich über meine Knie. Ich nicke nur, auch wenn sich gerade alle um mich kümmern, es ist wohl an Peinlichkeit nicht zu übertreffen. Sie wischt zuerst über das rechte, dann über das linke Knie. Es brennt schrecklich, aber es ist mir egal, den Schmerz in meinem Herzen kann es nicht übertreffen, darum verstärkt sich auch mein Schluchzen wieder.
„Ich habe Pflaster. Moment.“ Ein junger Mann beugt sich von hinten über mich und mustert meine Knie. Die Frau die gerade noch über meine Knie gewischt hat, reicht mir ein Taschentuch. „Das ist gerade erst richtig verheilt, oder? Die waren erst kürzlich aufgeschlagen, ich erkenne sowas gleich.“
Wieder kann ich nicht mehr als nicken. Ich komme mir vor wie eine Idiotin. Nachdem auch noch die Pflaster aufgeklebt sind, versuche ich mich für einen Augenblick zu sammeln. Ich putze mir die Nase und wische die Tränen weg, dann lächle ich so gut es mir gelingt. „Danke.“ Ich sehe mich um. „Sie sind alle sehr nett zu mir, es geht schon wieder. Ich muss da vorne raus.“
„Sind Sie sicher es geht Ihnen gut?“, meint der ältere Herr.
„Natürlich. Danke.“ Ich stehe auf und sehe noch einmal dankbar in die mitleidigen Gesichter. Auch wenn ich wirklich dankbar bin, ich bin auch froh als ich aussteige und der Bus weiterfährt. Es ist nicht meine Station, aber ich wollte einfach nur raus. Ich gehe los und atme dabei flach. „Nicht mehr weinen Klara. Beruhige dich. Es geht nicht anders“, rede ich mir leise vor. Ein paar Meter vor dem Haus bleibe ich stehen, zippe das kleine Seitenfach meiner Tasche auf und hole den Ring hervor. Ich stecke ihn an meinen Ringfinger, wieder steigt alles in mir hoch. Es ist mitunter der schönste Ring den man sich wünschen kann. Er ist wirklich atemberaubend. Meine Finger zittern. Ich balle meine Hände zu Fäusten und gehe durch das offene Gartentor unter dem Rosenbogen, der gerade in voller Pracht blüht, auf die Haustüre zu. Diese Rosen hat eine andere Frau vor vielen Jahren gepflanzt. Jetzt bin ich die Frau in diesem Haus und ich hasse Blumen und Gartenarbeit. Bevor ich den Schlüssel ins Schloss stecken kann, öffnet sich diese. Frau Heinrich, die Haushälterin, die ich schon seit ich ein Mädchen bin kenne und gefühlt ewig ihre Arbeit in diesem Haus macht schlägt die Hände zusammen. „Um Gottes Willen! Frau Engel! Was ist denn passiert? Schon wieder die Knie?“
„Nichts…Gar nichts…“, stammle ich und drängle mich an ihr vorbei.
„Sie bluten, und warum weinen Sie denn?“, schüttelt sie ungläubig den Kopf.
Ich atme durch und senke meinen Blick. Ich kann nicht mehr. Ich kann einfach nicht mehr. „Ich bin gestürzt. Nicht so schlimm…“, presse ich mit letzter Kraft hervor und breche wieder in Tränen aus. Sie schiebt mich die Treppe hoch, direkt in das große Badezimmer, dreht den Wasserhahn der Badewanne auf, streicht über meine Wange und lächelt. Sie lächelt wie es eine Mutter tun würde. Glaube ich zumindest, denn meine Mutter hat mich nie so angelächelt. Sie hat überhaupt selten gelächelt und nie gelacht. Aber ich habe oft Frauen gesehen, die genau so ihre Kinder angeschaut haben. Und die Frau heute im Bus hat mich auch mütterlich angesehen obwohl sie nur ein paar Jahre älter als ich war. Ich kann das Zittern meiner Gliedmaßen nicht kontrollieren. Frau Heinrich greift nach meinen Händen und drückt sie ein wenig. „Gleich ist es besser. Gleich. Das ist die Aufregung.“ Sie schüttet das duftende Badeöl ins Wasser und hilft mir aus meinen Sachen. „Das hat auch schon bei den Töchtern Ihres Verlobten geholfen. Immer. Jetzt sind sie erwachsen.“ Sie verdreht die Augen. „Und schrecklich eingebildet und verwöhnt“, flüstert sie. „Aber Sie sind anders.“
Ich zucke mit den Schultern und steige ins warme Wasser in dem sich weiche Schaumwölkchen auftun. Meine Knie brennen höllisch, aber ich beiße die Zähne zusammen. „Ich mache jetzt eine Tasse Lavendeltee. Wenn das Pflaster aufgeweicht ist, nehmen Sie es herunter, nach dem Bad werde ich es ordentlich verarzten.“ Wieder streicht sie über meine Wange, ich schluchze immer noch. „Danke Frau Heinrich.“
„Ist schon gut Frau Engel“, nickt sie.
„Klara. Sagen Sie bitte Klara zu mir. Ab morgen heiße ich sowieso nicht mehr Engel.“
Sie schüttelt den Kopf. „Herr Besini würde das niemals erlauben. Auch wenn Sie ab morgen nicht mehr Frau Engel sind, Sie sind dann die Frau von Herrn Besini.“
„Ja…“, murmle ich und halte kurz die Luft an weil mir plötzlich schlecht wird. „Ich nehme gerne den Tee“, sage ich noch mit letzter Kraft.
„Natürlich Frau Engel“, entgegnet sie noch und verlässt das Badezimmer. Frau Besini. Ich. Morgen. Es würgt mich kurz und ich muss mich beherrschen mich nicht zu übergeben. Frau Heinrich kommt mit dem Tee zurück, ich habe die Pflaster schon abgenommen und blicke auf die wunden Stellen.
„Die Haare sollten wir auch gleich waschen, dann sind sie morgen leichter zu frisieren“, schlägt sie vor.
„Ja…Hat die Frisörin auch gemeint.“
Sie setzt sich auf den Rand der Badewanne und sieht mich mit dem Kopf zur Seite geneigt an. „Sie werden wunderschön sein morgen. Einfach wunderschön. Ein bisschen Aufregung ist normal.“
„Ja.“ Ich senke meinen Blick, mehr bringe ich nicht heraus.
Ich trockene die letzten Strähnen meiner hellbraunen Haare, die ich mir am liebsten abrasieren möchte, weil ich mich selbst nicht ansehen und schon gar nicht leiden kann. Sie sind viel zu lang und gefallen mir nicht, doch eine Braut muss lange Haare haben. „Wenn Sie nichts mehr brauchen, dann gehe ich jetzt. Ich komme morgen früher und helfe Ihnen mit dem Kleid“, schaut Frau Heinrich noch einmal zur Zimmertüre herein.
„Ich brauche nichts mehr. Danke. Und auch danke fürs Verarzten.“
„Was wurde verarztet?“, höre ich die autoritäre Stimme meines Verlobten im Treppenhaus vor meinem Zimmer. Mein Magen zieht sich wieder zusammen, ich springe auf und laufe zur Tür in der ich stehen bleibe. Er erscheint hinter Frau Heinrich die noch einmal lächelt, dann aber geht. Ich ziehe meinen Bademantel fester zusammen und erquäle mir ein Lächeln. „Du darfst nicht reinkommen.“
Ohne eine Miene zu verziehen kommt er noch näher, bleibt dann aber vor mir stehen und zieht die Augenbrauen hoch. „Was ist passiert?“
„Ich bin nur gestolpert.“
„Schon wieder? In letzter Zeit passiert ziemlich oft etwas. Lass mich sehen.“ Er macht eine auffordernde Geste ins Zimmer zu gehen, doch ich schüttle den Kopf.
„Nein. Da hängt mein Kleid. Ich bin einfach nur gestolpert. Sonst nichts. Wirklich nicht.“
„Na gut. Wie du willst. Mach dich fertig, ich möchte essen.“ Er dreht sich um und geht wieder hinunter, ich schließe die Tür hinter mir. Arthur Besini. Er ist der Mann den ich mir immer erträumt habe. Schon als Mädchen habe ich mir so einen Mann gewünscht. Gebildet. Groß. Gut gebaut. Dunkelhaarig. Einflussreich. Charmant, aber auch trocken und kühl. Er hat alles was ein Mann haben muss. Ich blicke zuerst auf den Ring auf meinen zittrigen Fingern, dann auf mein Kleid das auf der Kleiderstange vor dem Fenster hängt. Und morgen werde ich ihn heiraten. Ich sollte glücklich sein. Ich könnte mich freuen. Ja das könnte ich, wenn ich mich in Arthur verliebt hätte und er sich in mich. Wenn wir uns aus Liebe und nicht aus den gegebenen Gründen für eine gemeinsame Zukunft entschieden hätten, dann wäre alles anders. Wobei er sich noch bewusst für mich entscheiden konnte, mir blieb nichts anderes übrig als zuzustimmen. Mein Verlobter ist Anfang fünfzig und damit doppelt so alt wie ich. Seine Töchter sind in meinem Alter und hassen mich, weil ich den Platz ihrer Mutter einnehme. Dabei will ich gar keinen Platz einnehmen, diese Fußstapfen könnte ich niemals ausfüllen. Ich war einfach da als es eine Entscheidung zu treffen gab. Ich stand in der Tür, klitschnass weil mich der Regen erwischte und er sah mich. Wäre ich an diesem Tag woanders gewesen, wäre ich jetzt nicht verlobt. Nein, das wäre ich nicht. Aber wäre ich nicht verlobt, hätte ich die wahre Liebe zu dem Mann, den ich vor ein paar Stunden für immer zurückließ, nicht gefunden. Er kam unerwartet in mein Leben, ich habe ihn weder gesucht, noch jemals daran geglaubt mich in einen Mann der absolut nichts hat das mich anspricht zu verlieben. Vor ein paar Wochen glaubte ich fest daran die Verlobung mit Arthur ist das einzig richtige. Er würde für mich sorgen und ich müsste nicht mehr auf meine Vergangenheit zurückblicken. Er war mir sympathisch, er sieht gut aus, ist vermögend und steht wie es aussieht auf mich. Man könne es schlechter treffen, wenn man nicht an große Emotionen glaubt und die Liebe käme schon noch. Irgendwann. Und sie kam wirklich, nur nicht für den Mann den ich heiraten werde. Ganz plötzlich stand diese Liebe vor mir und veränderte mein Leben von einer Minute auf die andere.
Es ist kurz vor fünf Uhr morgens. Ich bin müde, aber schlaflos. Meine aufgeschlagenen Knie spannen und mein Herz schmerzt. Abhauen. Ich könnte immer noch abhauen. Leise stoße ich einen abfälligen Lacher aus. Nichts. Ich habe nichts, man würde mich überall finden und das könnte mich mein Leben kosten. Mühsam unterdrücke ich den Druck in meiner Brust und die damit aufsteigenden Tränen. Ich will nicht mehr weinen. Wenn ich schon heirate, dann möchte ich wie eine Braut aussehen. Strahlend. Schön. Glücklich. Glücklich – Wie soll ich das hinbekommen? Ich drehe mich zur Seite und schließe meine Augen. Ein Lächeln huscht über meine Lippen. Glücklich war ich mit ihm.
4 Wochen zuvor….
Ich versuche meine Oberschenkel nicht anzuspannen und meinen Kopf fordernd in den Nacken zu legen. Arthurs Oberkörper hebt und senkt sich immer wieder über mir. Ich sollte nicht denken. Hör auf zu denken, lass dich fallen. Er ist toll. Sex geht auch ohne Gefühle. Ich habe mir Videos angeschaut um mehr Erfahrung zu bekommen. Sex geht ohne Liebe, sogar besser als mit glaube ich. In diesen Videos liebt sich mit Sicherheit niemand und die haben tollen Sex. Er ist beachtlich ausgestattet, zweifelsfrei. Ich muss etwas tun. Mich beteiligen an diesem Sexspiel. Ich greife um seine Oberarme und schiebe ihm mein Becken entgegen. Sein Blick lodert auf, es gefällt ihm. Ich versuche mich an die Szenen der Filmchen zu erinnern und mache ein paar Dinge nach. Er dreht mich auf den Bauch, zieht mich an seine Oberkörper und legt seine Hände um meine Brüste. Er stößt fest und regelmäßig in mich hinein, ich schließe meine Augen und stöhne begehrlich, auch wenn es nicht echt gestöhnt ist. Bitte komm. Bitte werde fertig. Ich beginne das Stoßen zu erwidern, weil ich möchte, dass er endlich kommt und ich bin froh, dass meine Anstrengung sich lohnt. Er kommt lautstark zum Orgasmus und ich tue so, als ob es bei mir gleich wäre. Ich lasse mich aufs Bett sinken und greife schnell nach dem Laken in das in mich schützend hülle, er lässt sich nach Luft ringend neben mich fallen.
„Darum nur noch Frauen unter dreißig…“, flüstert er atemlos und streicht mir eine Haarsträhne aus der Stirn.
Ich sehe ihn ungewollt entsetzt an. Ich weiß schon, dass er mich nicht wegen meiner Art und dem was ich bin mag, trotzdem tut es seltsam weh. „Ich werde auch älter werden…Und dann?“
Er schmunzelt und küsst meine Schulter. „Jetzt bist du jung und heiß.“ Dann springt er aus dem Bett und verschwindet im Badezimmer. Ich drehe mich zur Seite und mustere meinen Verlobungsring. Vier Wochen bis zur Hochzeit. Es wird mir schon anfangen zu gefallen. Er ist mit Sicherheit ein guter Liebhaber und er sieht gut aus. Das wird schon. Arthur kommt mit einem Handtuch um die Hüften gewickelt aus dem Badezimmer. „Du trödelst. Steh auf, ich möchte mit dir gemeinsam frühstücken. Kannst du dir bitte abgewöhnen für alles eine Sondereinladung zu benötigen?“
„Ich brauche keine Sondereinladung. Ich wäre längst aufgestanden, hättest du mich nicht ins Bett zurückgeholt. Schon vergessen?“, werfe ich ihm vor.
Er beugt sich über mich und küsst mich sanft auf den Mund. „Ich kann machen was mir gefällt, schon vergessen? Steh jetzt auf Klara.“
Ich bin nicht sicher ob ich mich jemals an solche Worte gewöhnen werde. Irgendwie finde ich es gut, andererseits weiß ich den Ernst des Gesagten einzuordnen, darum stehe ich schnell auf und gehe unter die Dusche.
Beim Frühstück lächelt mich Arthur dann wieder an, ich weiß, dass in diesem autoritären Mann auch ein Mensch steckt, zumindest hoffe ich das für meine bevorstehende Zukunft mit ihm.
„Ich fahre nachher in die Stadt wegen dem Vorstellungsgespräch“, meine ich nebenbei und rühre in meiner Tasse.
„Nein.“
Ich höre auf zu rühren und sehe ihn abwartend an, doch er schaut weiterhin in seine Zeitung als ob nichts wäre.
„Nein?“, frage ich vorsichtig nach.
Er lehnt sich zurück, sein Blick verengt sich. „Ich möchte zuerst noch selbst mit der Museumsleitung sprechen.“
„Wozu? Du weißt wie viel mir an dieser Stelle liegt, es ist genau was ich machen möchte.“
„Und du weißt genau, dass ich damit nicht einverstanden bin. Du brauchst nicht zu arbeiten.“ Sein Blick schweift durch den Raum. „Das hier ist deine Arbeit in Zukunft.“
„Ich habe so hart gelernt und studiert, bitte mach das nicht“, sage ich leise aber eindringlich.
„Du sollst einfach nur hübsch aussehen, dich um mich kümmern und möglichst schnell schwanger werden, ich möchte eine Familie mit dir.“ Seine Worte klingen genervt, sein Blick schweift wieder auf die Zeitung.
„Wir haben darüber gesprochen, ich fühle mich noch nicht reif für ein Kind.“
„In vier Wochen heiraten wir. Im besten Fall bist du schnell schwanger und hast dann noch neun Monate Zeit dir diese Reife anzueignen.“ Er schiebt die Zeitung inzwischen merklich aufgebracht zur Seite und schüttelt den Kopf. „Du hast Recht, wir haben über alles gesprochen und ich war der Meinung, du hast es verstanden.“
Ich halte kurz die Luft an. „Ja…Ja, das habe ich. Aber bis es soweit ist…“
Er unterbricht mich harsch. „Ich rede mit der Museumsleitung, aber erst nach meiner Geschäftsreise. Ich will wissen was du dort machst, danach sehen wir weiter.“
„Ich kann dir doch erklären was ich im Museum machen werde“, werfe ich verzweifelt ein.
„Klara. Bitte benimm dich nicht wie meine Töchter.“ Seine Stimme ist wieder leise, aber mit einem Unterton der mir Angst macht, darum senke ich schnell meinen Blick. Ich möchte nicht mit seinen Zwillingen verglichen werden, ich werde seine Frau und auch wenn ich mich scheinbar daran gewöhnen muss beherrscht zu werden, gefällt mir diese Art von Gesprächskultur nicht.
„Und komm ja nicht auf die Idee es heimlich zu machen, wenn ich die nächsten zwei Wochen weg bin.“
Ich nicke wortlos ohne ihn anzusehen, obwohl ich ihn gerne anschreien würde.
„Klara!“
Ich zucke über die Lautstärke meines Namens aus seinem Mund kurz zusammen, sehe dann aber mit ernstem Blick auf. „Ich werde nichts Heimliches tun.“
„Gut“, entgegnet er zufrieden.
Der Rest des Frühstücks verläuft ohne vieler Worte. Ich frage mich, ob er bei seiner ersten Frau auch so war. Ich frage mich auch, ob er zu seinen Töchtern so ist, wenn ich nicht dabei bin, denn bislang kenne ich ihn nur als liebevollen Vater, der alles für seine Mädchen tut. Ariane und Adele bedeuten ihm alles und stehen weit über mir, aber das war mir von Anfang an klar. Das wusste ich schon lange bevor ich vor ein paar Monaten in dieses Haus kam.
„Wann geht dein Flug?“
Er leert seine Espressotasse und steht auf. „Zu Mittag.“
„Lea hat mich zum Essen eingeladen, wir gehen am Abend in die Stadt“, sage ich noch schnell während er in sein Sakko schlüpft um ja nichts Heimliches zu tun. Für mein Dafürhalten reagiert er zu lange nicht darauf, darum sage ich noch etwas. „Außer du musst zuvor noch mit dem Restaurantmanager sprechen, dann rufe ich sie natürlich an und sage ab. Aber in vier Wochen bin ich verheiratet, alles wird sich ändern und dann habe ich nicht mehr viel Zeit für meine Freundin. Es wäre schön, wenn ich in den zwei Wochen in denen du nicht hier bist noch etwas Freiraum genießen kann.“
Er kommt auf mich zu, greift nach meiner Hand und zieht mich aus dem Stuhl. „Ich bin nicht sicher was ich von deiner Art mit mir zu kommunizieren halten soll. Möglicherweise liegt es aber auch an deinem jugendlichen Leichtsinn, oder du versuchst mich gerade zu provozieren. Keine Ahnung. Aber du hast Recht, alles wird sich für dich ändern.“ Er macht eine kurze Pause und streicht dabei über meine Wange. „Ich wünsche dir einen schönen Abend.“
Ich kann sein Zustimmen kaum fassen, ich war mir sicher heute nicht mit Lea Essen zu gehen. Er blickt auf seine Uhr.
„Ich muss los. Enttäusche mich nicht Klara.“
Ich sehe ihn verwundert an.
„Enttäuschen?“
Er nickt kurz, küsst mich zuerst sanft, dann inniger. „Du wirst meine Frau, verhalte dich bitte auch so.“
Ich lächle, keine Ahnung warum, dann küsse ich ihn noch einmal zum Abschied. „Musst du wirklich zwei Wochen lang weg?“ In mir kämpft ein Teufel mit diesen Worten, aber sein Blick bestätigt mir, dass er genau das hören wollte. „Ich provoziere dich nicht Arthur. Es ist nicht immer leicht, aber ich gewöhne mich daran.“
„Davon gehe ich aus. Ich rufe dich heute Abend an sobald ich angekommen bin.“
„Ja gut, ich hoffe deine Reise bringt den gewünschten Erfolg. Was machst du eigentlich in Rumänien?“
„Geschäfte. Ich mache Geschäfte. Mehr musst du nicht wissen, das ist hartes Business, darüber brauchst du dir nicht deinen hübschen Kopf zu zerbrechen“, meint er ohne näher auf meine Worte einzugehen. Er verlässt das Haus, was sich seltsam befreiend für mich anfühlt.
„Ich gewöhne mich daran“, sage ich mir leise vor und verlasse etwas später das Haus. Ich wäre wirklich gerne der Einladung zum Vorstellungsgespräch ins Museum gefolgt. Die Stelle hat einfach alles was mir gefällt. Es gibt eine Ausstellung über europäische Königshäuser vorzubereiten, genau mein Gebiet. Ich versuche nicht mehr daran zu denken, Arthur ist ein einflussreicher Mann, wenn ihm die Arbeit für mich zusagt, bekomme ich die Stelle auch noch in zwei Wochen. Wenn ihm die Arbeit zusagt…Ich verdrehe für mich selbst die Augen. Zu gerne hätte ich „Scheiße!“ oder „Fuck!“ oder „zum Teufel mit dir du Arschloch!“ geschrien, aber das habe ich nicht getan bevor ich Arthur kennen lernte und jetzt werde ich es schon gar nicht machen. Ich habe gelernt mich wie eine kultivierte Person zu artikulieren, mein Studium hat den Rest dazu gegeben. Monarchen fluchen nicht. Also nur selten. Manchmal. In Ausnahmesituationen. Lea und ich treffen uns nun schon zum Mittagessen, sie offenbarte mir vorhin am Telefon, dass sie für den Abend eine Überraschung für mich geplant hätte. Grundsätzlich gefallen mir Überraschungen, aber seit ich mit Arthur zusammen bin, plane ich doch lieber im Voraus um alles richtig zu machen. Lea sitzt an einem kleinen Tisch am Fenster und lächelt mir schon freudestrahlend entgegen als ich das Lokal betrete. Während ich mich ihr nähere, verzieht sich ihre Miene aber. „Was? Freust du dich nicht mich zu sehen?“, beschwere ich mich gespielt vorwurfsvoll.
„Die Haare. Du wolltest die Haare schneiden und wo sind die Highlights?“ Sie mustert mich und schüttelt dabei den Kopf.
Ich amte durch, lasse mich auf den Stuhl plumpsen und schüttle ebenfalls den Kopf. „Nach der Hochzeit.“
„Hat er es dir etwa verboten?“ Ihre Stimme wird seltsam hell.
„Verboten. Nein. Er meinte nur es wäre doch schön wie es ist.“
Sie rollt ihre Augen, sagt aber nichts mehr dazu. Ich glaube sie gibt es langsam auf meine Beziehung zu kommentieren. Wir bestellen und essen, auch wenn sich mein Appetit heute in Grenzen hält schmeckt es ganz gut.
„Habt ihr Sex?“, fragt sie plötzlich so direkt und für meinen Geschmack auch zu laut, ich verschlucke mich an meinem Wasser.
„Lea!“, hüstle ich und sehe mich peinlich berührt um.
„Was denn? Vögelt ihr?“
Ich atme durch. „Vögeln nein. Aber Sex. Ja“, flüstere ich.
Sie macht einen komischen Gesichtsausdruck, so als würde es sie ekeln.
„Wir sind verlobt.“
„Er ist hundert.“
„Zweiundfünfzig. Ich diskutiere das nicht mehr dir Lea“, sage ich sehr ernst mit eisigem Blick.
Sie greift nach meiner Hand und drückt sie ein wenig. „Du verkaufst dein Leben.“
„Nein so ist es nicht. Ich war schon immer ein bisschen in ihn verliebt, damals als ich noch ein Mädchen war und Vater für ihn zu arbeiten begann.“
„Da warst du verstört, weil deine Mutter sich umgebracht hat und du in ein Mädcheninternat gekommen bist“, wirft sie ein.
„Vielleicht war ich das, aber er weiß wie es ist einen Menschen zu verlieren.“
Sie zuckt mit den Schultern. „Der Unfall seiner Frau?“ Sie beugt sich über den Tisch. „Vielleicht hat er den Wagen manipuliert und dieser hat sich deshalb den Hang hinunter überschlagen.“
„Was? Blödsinn. Er hat sie geliebt, das spüre ich sogar jetzt noch. Er hat ihr ewig nachgetrauert und seither keine fixe Beziehung gehabt. Ich werde sie nicht ersetzten können. Niemals. Aber das will ich gar nicht. Ich bin anders als sie es war, das ist auch für ihn neu, mit ein bisschen Zeit, werde ich ihn lieben und er mich.“
Sie lässt sich wieder zurückfallen und schnauft durch. „Man sollte sich lieben wenn man heiratet, nicht erst danach. Wir leben nicht mehr im Mittelalter, heute heiratet man aus Zuneigung und nicht aus irgendwelchen anderen nicht nachvollziehbaren Gründen so wie bei deinen Adeligen.“
Ich verenge meinen Blick. „Damals wurde niemals aus nicht nachvollziehbaren Gründen geheiratet, die Ehen waren wesentlich stabiler und weniger emotionsgeladen und daraus entwickelte sich sehr oft tiefe Liebe.“
„Bla Bla Bla…“, äfft mich Lea und schnippt nach dem Kellner. „Du bist eingeladen.“
„Danke“, seufze ich und höre auf mich für mein Leben zu verteidigen, sie ist meine Freundin, aber sie hat die Neigung sich immer und überall einzumischen und ständig Dinge zu sehen, die nicht stimmen. Macht vielleicht ihre Arbeit bei der Versicherung. Sie prüft Schadensfälle und jeder ist bei ihr ein potentieller Betrüger.
„So jetzt müssen wir aber, wir haben noch so einiges vorzubereiten“, grinst sie auf einmal wie ausgewechselt.
„Was bereiten wir vor?“, frage ich draußen und blicke dabei in den Himmel in dem immer mehr dicke dunkle Wolken hängen. Es ist schrecklich schwül, ich vermute, das heute noch ein Gewitter kommt.
„Wir gehen auf eine Party. Eine richtig coole Party.“
„Welche Party?“, frage ich unsicher nach. Ich war ewig auf keiner Party mehr und ich bin nicht sicher ob sich das mit meinem Versprechen Arthur nicht zu enttäuschen verträgt. „Es war nie ausgemacht…“
Sie stoppt mich ab und hält mir unerwartet ihre Hand auf den Mund. „Shhhhhh!!!! In vier Wochen bist du verheiratet. Wir gehen heute auf diese Party. Betrachte es als Abschied von deiner Freiheit, oder was auch immer.“
„Du tust so als würde ich weggesperrt werden.“
„Na ja. Ist ja nicht ganz daneben. Bitte Klara. Ein Abend. Da sind keine Leute die ihn oder dich kennen. Wir fahren raus zum See, das ist nicht sein Gebiet. Dort sind nur ganz normale Menschen.“
Ich kratze mich am Hals der immer zu jucken beginnt wenn ich nicht weiter weiß, oder nervös werde. „Ganz normale Menschen“, murmle ich zwei Schritte hinter ihr her trabend.
„Oh mein Gott…“, seufze ich ein paar Stunden später mein Spiegelbild betrachtend. „Bist du sicher das wird wieder normal nach dem Waschen?“ Ich streiche durch meinen gekreppten Haarzopf. Die Haarstruktur sieht aus als hätte ich meine Finger in der Steckdose gehabt, am Stirnansatz sind sie so streng nach hinten gezurrt, dass mir die Kopfhaut spannt. Mein schwarzer Lederrock ist nicht jugendfrei und das goldene Top glitzert wie eine Discokugel. Meine neonpinken Fingernägel und das fürchterlich grelle Makeup runden das katastrophale Bild noch ins unmöglich Schreckliche ab.
„Das ist eighties. Für eine 80s Mottoparty gehört das so.“ Sie schüttelt ihr blonden Megalocken durch und zieht sich den dunklen Lidstrich noch einmal nach.
„Du siehst aus wie Madonna in Like a virgin“, stelle ich fest.
Grinsend legt sie mir ein schwarzes Choker Halsband um. „Virgin ist nicht ganz mein Thema, eher Aufriss. Sei nicht so prüde, du siehst mega aus. Da muss noch ein bisschen Gel auf deinen Haaransatz, wet look, alles klar?“
„Ich weiß nicht…Ich fühle mich nicht wohl…Der Rock ist viel zu kurz und da…“, ich greife auf den Punkt zwischen meinen Brüsten, „…es ist zu tief ausgeschnitten, man sieht meinen Brustansatz.“
„Hmmmm“, Lea sieht mich nachdenklich an. „Bück dich einmal.“
Ich tue wie mir geheißen, sie schüttelt den Kopf. „Ok, bück dich heute nicht mehr.“ Dann lacht sie amüsiert.
„Lea!“, rege ich mich auf und schnaufe durch. „So kann ich da nicht hingehen. Ich sehe aus wie eine Discokugel auf dem Bahnhofsstrich.“
„Du siehst hammermäßig aus. So erkennt dich ganz bestimmt niemand. Da, die Stilettos noch.“ Sie hält mir ein paar spitze schwarze Lackpumps mit mindestens zehn Zentimeter Absatz vor die Nase. „Komm schon, wir sind spät dran.“
Eine Stunde später steigen wir aus dem Taxi. Ich bin damit beschäftigt meinen Rock unter meinem Hintern zu fixieren und in den Schuhen, die mir ein bisschen zu groß sind, nicht umzuknicken. In meinem ganzen Leben habe ich mich noch nie so fehlgekleidet gefühlt. Doch je näher wir zur Location kommen, umso mehr entspanne ich mich, denn wirklich sehr viele Mädels sehen outfittechnisch ähnlich wie Lea und ich aus. Es ist eine überschaubare Party, die Musik ist cool, ich mag die achtziger Jahre, auch wenn ich dort noch gar nicht geboren war. Aber es war wirklich ein skurriles Jahrzehnt, von der Mode bis zur Musik und den Veränderungen die diese Zeit mit sich brachte. Ich kenne wirklich niemanden hier, das macht mich lockerer. Selbst das Wetter spielt mit, was aber nicht so wichtig ist, denn der Großteil vom Gelände ist sowieso überdacht. Mit jedem Song und jedem Getränk entspanne ich mich, es war wirklich eine gute Idee hierherzukommen. Nach dem vielen tanzen mit den unmöglich hohen Schuhen tut mir schon alles weh, ich lehne mich mit Lea an einen Stehtisch. Wir lachen und ich bin so ausgelassen wie schon lange nicht mehr.
„Der Typ da drüben starrt dich an“, stellt Lea fest.
„Was? Welcher?“ Ich sehe mich vorsichtig um und hoffe es ist kein Privatdetektiv den Arthur mir aufgehetzt hat.
Sie bewegt ihren Kopf nach rechts und zieht die Augenbrauen hoch.
„Oh Gott…Nein…Hoffentlich spioniert er mich nicht aus“, meine ich leise.
Lea hebt ihr Kinn an und strafft ihre Schultern. „Hey! Du! Schau meiner Freundin nicht auf die Möpse du Trottel!“, schreit sie über den Tisch.
Der Typ zuckt zusammen, denn trotz der lauten Musik war Lea nicht zu überhören. Er schaut sich zuerst um ob sie wirklich ihn meint, schüttelt dann den Kopf und zuckt mit den Schultern, so als ob er nicht wüsste worum es ginge. Seiner Reaktion zu urteilen nach ist er kein Privatdetektiv. Lea verdreht die Augen und mir ist es peinlich, ich möchte keine Aufmerksamkeit erregen. Darum drehe ich mich etwas zur Seite. „Lea…Sei still…Der hat nicht zu mir gesehen…“
„Doch hat er und er tut es immer noch“, stellt sie fest.
Ich blicke aus dem Augenwinkel zu ihm. „Ist doch egal, komm wir gehen weiter rüber. Soll er doch schauen, wenn ihn das anmacht. Mich interessiert er nicht.“ Ich beuge mich zu ihr. „Ich bin verlobt, schon vergessen?“
Als ich wieder aufsehe, steht er plötzlich neben mir, mit einem undefinierbaren Blick mustert er mich. Ich habe das Gefühl er denkt das über mich, was ich seit ich in dieses Outfit geschlüpft bin fühle. Ich komme mir vor als würde ich für alles zu haben sein, was nicht zutrifft. Aber scheinbar strahle ich genau das aus.
„Gibt es ein Problem?“, meint er, verzieht dabei keine Miene, aber er fixiert mich mit seinem Blick, wobei so richtig fixiert er mich nicht. Seine Augen sind ungewöhnlich, er schaut zu mir, aber auch irgendwie durch mich hindurch.
„Nein…Kein Problem“, lächle ich verzwickt. „Komm Lea…“
„Was?! Nein! Wir haben kein Problem, aber du hast gleich eines! Du starrst! Klara ist verlobt, also spar dir deine Blicke, such dir ein anders Opfer!“
Lea hat zu viel getrunken, erst jetzt merke ich das in vollem Ausmaß, denn dann wird sie ganz oft ziemlich peinlich, so wie jetzt gerade.
„Lea…Das interessiert ihn nicht…Sei still...Ich bin kein Opfer…“, versuche ich sie zu beruhigen.
„Stimmt. Interessiert mich nicht“, meint er, schüttelt genervt den Kopf und geht zur Bar.
„Sicher hast du gestarrt!“, schreit sie ihm nach. Kurz habe ich das Gefühl er wird sich gleich noch einmal umdrehen und ihr die Meinung sagen, denn er hält eine Sekunde lang inne, doch er tut es nicht, worüber ich erleichtert bin. Ich nippe an meinem Getränk und würde jetzt gerne von hier abhauen. Irgendwie fühle ich mich nicht mehr wohl. Es ist windig geworden, mir ein bisschen kalt und Lea ist betrunken. Ich wollte Arthur nicht enttäuschen und ich mache genau das Gegenteil. Wie eine Nutte auf einer Party herumstehen ist nicht sehr erhaben.
„Gehen wir?“, meine ich, doch sie schüttelt den Kopf und beginnt wieder ausgelassen zu tanzen. Ein ziemlich heißer Typ flirtet sie an, was ihr außerordentlich zu gefallen scheint. „Also gehen wir noch nicht…“, murmle ich für mich selbst, als ich zusammenzucke, weil auf einmal ein Bier vor meiner Nase steht.
„Hey. Ich habe es nicht aufgemacht, Frauen nehmen ja nicht so gerne offene Getränke von Typen an, schon gar nicht, wenn sie zuvor gestarrt haben.“ Der Typ von vorhin steht neben mir und lächelt, sein Gesichtsausdruck sieht auf einmal komplett verändert aus. Die blauen Augen strahlen aus dem sonst ziemlich blassen Gesicht, die blonden Haare hängen ein bisschen in seine Stirn. Überfordert sehe ich mich um, aber Lea ist so beschäftigt, sie bekommt gar nichts mit.
„Hey…Danke, aber ich trinke kein Bier. Und ich schätze du hast nicht gestarrt, aber meine Freundin ist manchmal ziemlich direkt“, entschuldige.“
Er lehnt sich an den Stehtisch und nickt nachdenklich. „Ja das ist sie wohl. Kein Bier also. Ok.“ Er öffnet seine Flasche an der Tischkante und nimmt einen Schluck daraus. Dann sieht er mich an. Jetzt richtig. Kein Zweifel, dass er mich gerade mustert, ich schätze man sieht mir an wie unwohl ich mich dabei fühle, darum schaut er wieder weg und kratzt sich verlegen an der Stirn. „Sorry“, sagt er so leise, dass ich es gar nicht höre, aber von seinen Lippen ablesen kann, das wiederum bringt mich zum Lächeln. Er scheint ganz in Ordnung zu sein.
„Wow…Das ist ein tolles Lied“, stelle ich fest um irgendetwas zu sagen. „George Michael gibt „Father Figure“ zum Besten, ich bewege mich etwas im Takt der Musik.
„Ja ein tolles Lied, aber als das rauskam, warst du noch nicht einmal geboren“, meint er und nippt wieder an seinem Bier.
„Stimmt, du vermutlich auch nicht.“
„Doch, knapp, ich bin noch ein Kind der Achtziger. Willst du tanzen?“
Mein Herz klopft schneller. „Nein.“
„Ok“, entgegnet er mit einem unbeeindruckten Schulterzucken.
Ich atme durch und suche Lea auf der Tanzfläche. Sie steht inzwischen abseits, eng umschlungen mit ihrem Aufriss und knutscht dermaßen anzüglich, dass ich gar nicht hinsehen kann.
„Gut, dann lasse ich dich wohl besser in Ruhe.“ Er stellt seine Flasche auf den Tisch und lächelt wieder. Ich nicke verlegen. Er geht hinter mir vorbei, ich kann hören, dass er den Text von Father Figure mitsingt. „I will be your father figure, put your tiny hand in mine…” Keine Ahnung warum, aber meine Nackenhaare stellen sich wie von selbst auf, ich halte kurz die Luft an. Ich drehe mich nicht mehr um und suche stattdessen Lea die auf einmal verschwunden ist, außerdem nimmt der Wind zu und es beginnt zu regnen. Nicht viele, aber dafür dicke Tropfen entleeren sich aus tiefdunklen Wolken die den Nachhimmel in ein mystisches schwarz tauchen.
„Toll…Ganz toll.“ Ich ziehe mein Handy aus der Tasche und rufe sie an, doch sie ist nicht zu erreichen. Mir ist das allerdings nicht neu, Lea hat mich schon oft stehen gelassen, weil sie mit einem Typen abgezischt ist. Im Moment ist es mir aber ganz Recht, ich beschließe abzuhauen bevor es noch stärker zu regnen beginnt. Die Idee die Party zu verlassen hatte wohl nicht nur ich, ich quetsche mich durch eine Traube von Menschen und hoffe ein Taxi zu erwischen, ehe ich komplett nass bin, als mein Handy klingelt. Ich ziehe es aus meiner Tasche. Arthur. Scheiße. Es ist weit nach Mitternacht. Panisch lege ich an Tempo zu um das Gespräch an einem leiseren Ort annehmen zu können, er wird durchdrehen, wenn er bemerkt, dass ich gar nicht bei Lea zu Hause bin, sondern im Nuttenoutfit unterwegs. Keine Ahnung wie, aber irgendwie schaffe ich es mit den Stilettos zu laufen, es geht sogar ganz gut, bis ich plötzlich an einem abschüssigen Teil des Schotterweges ins Trudeln komme und mich nicht mehr halten kann. Es ist unmöglich etwas dagegen zu tun, ich knicke um, purzle über meine eigenen Füße, das Handy fliegt in weitem Bogen davon, bis ich zuerst mit meinen Knien und danach mit meinen Handflächen im Schotter lande. Kurz bin ich gelähmt vom Schmerz und unfähig mich zu bewegen. Mir fällt ein, dass ich mich mit dem Rock nicht bücken darf und man jetzt bestimmt freie Sicht auf mein Hinterteil hat, als ich auf einmal eine mir entgegengestreckte Hand vor Augen habe.
„Warte…Pass mit deinem Fuß auf…Ist der Knöchel ok?“, fragt mich eine bekannte Stimme. Ich sehe auf um gleich wieder nach unten zu sehen, es ist der Typ von vorhin. Beschämt kneife ich meine Augen zusammen. Er geht zur Seite um mir aufzuhelfen, wieder fällt mir der Rock ein.
„Es geht schon…Lass mich…“, weise ich ihn harsch zurück und stehe auf. Schnell ziehe ich den Rock schützend hinunter und hoffe meine Möpse sind nicht aus dem Top gefallen, doch es scheint alles dort zu sein wo es hingehört.
„Warte…Dein Handy…“ Er hebt es gleich wie meine Schuhe vom Boden auf. „Du blutest…“ Mit Abstand bückt er sich und mustert meine Knie. „Scheiße, das sieht nicht gut aus. Da sind ganz viele Steinchen drinnen.“
Mein Handy beginnt wieder zu klingeln, er reicht es mir. Wieder ist es Arthur. Mir wird schlecht. Zögerlich nehme ich den Anruf an.
„Arthur. Hallo…“, murmle ich.
„Klara!? Ich habe mehrfach versucht dich zu erreichen. Was machst du denn? Frau Heinrich meinte du bist am Abend nicht nach Hause gekommen.“
„Ja…Nein…Ich bin bei Lea. Ich habe schon geschlafen, ich übernachte bei ihr. Du warst doch in dem Termin, sonst hätte ich dir Bescheid gesagt.“ Vorsichtig sehe ich auf, mein Helfer steht immer noch mit meinen Schuhen in den Händen vor mir und zieht wie es aussieht interessiert über meine Lügen die Augenbrauen hoch. Es beginnt wieder stärker zu regnen. Mir ist kalt, ich versuche ein Klappern meiner Zähne zu unterdrücken um Arthur nicht noch mehr Grund zum Zweifeln an meiner Geschichte zu geben.
„Geschlafen. Aha. Ganz sicher?“, Arthurs Stimme klingt misstrauisch, aber das ist sie immer, also versuche ich mich nicht davon irritieren zu lassen.
„Ja. Wir haben Wein getrunken. Auf ihrer Terrasse. Du weißt doch ich vertrage nicht viel. Alles ok bei dir? Bist du gut angekommen?“
Kurz ist es still.
„Es gab ein paar Probleme, aber sonst ist alles gut. Ja. Ich wollte nur sicher gehen, dass es dir gut geht.“
Ich verdrehe die Augen. „Alles gut. Klar.“
„Dann schlaf jetzt weiter, ich rufe dich morgen an.“ Er legt auf, ich schnappe nach Luft, mein Herz klopft, ich habe das Gefühl gleich umzukippen, mir wird schwarz vor Augen.
„Was hast du denn? Ich bring dich ins Krankenhaus…“, höre ich dumpf.
„Nein…Es geht schon.“ Ich sortiere meine Gedanken, atme durch und blicke auf meine Knie hinab. „Scheiße…“
„Ja. Scheiße. Das muss sauber gemacht werden. Komm.“ Er greift nach meiner Hand, weil mir mein Knöchel so weh tut humple ich ihm ein wenig hinterher.
„Schon geschlafen. Interessant“, meint er nach einiger Zeit amüsiert.
„Sei still“, murmle ich.
„Dein Verlobter?“
„Sei still“, wiederhole ich. Meine Stimme wird lauter.
„Du bist eiskalt“, seufzt er und blickt wieder auf meine Beine über die langsam das Blut hinunterrinnt.
Ich bleibe abrupt stehen. „Wohin gehen wir? Ich will nicht allein mit dir sein…Das macht mir Angst…Warum warst du überhaupt hinter mir? Verfolgst du mich?“
„Ich verfolge dich nicht. Sei nicht lächerlich.“ Er bleibt auch stehen. „Ich möchte dir nur helfen, aber ich verstehe deine Angst, da vorne ist der Taxistand, ich kann dich hinbringen und du fährst nach Hause, oder ich mache zuerst die Wunde sauber und gebe dir etwas Trockenes zum Anziehen.“
Die Tropfen werden immer größer. Ich sehe an mir hinab. Shit. Mein Makeup ist bestimmt komplett verschmiert. So kann ich nicht nach Hause. Die Überwachungskameras sind an und wenn Arthur die checkt und mich in diesem Aufzug sieht… „Etwas Trocknes zum Anziehen? Wo?“, frage ich darum schnell und schlucke die Angst hinunter.
Er hebt seine Hand und zeigt mit dem Finger über die Straße. „Gleich da hinten.“
„Wohnst du dort?“
„Ja.“
„Du wirst das nicht ausnutzen und mich nicht anfassen?“, frage ich streng.
Er weicht zurück und schüttelt vehement den Kopf. „Ich habe nicht gestarrt. Ich fasse dich nicht an. Ich suche auch kein Opfer. Ich will dir nur helfen.“
Ich atme hörbar durch und humple los, er sagt nichts mehr, ich auch nicht. Mein Knöchel tut weh, aber nicht so sehr wie meine Knie brennen und mir ist kalt. Er ist nicht so ein Typ der wie ein Frauen Abschlepper aussieht. Im Notfall könnte ich ihn auch überwältigen, so groß ist er nicht und er wirkt auch nicht sehr kräftig.
„Hier ist es“, er drückt den Haupteingang auf, ich folge ihm über eine Treppe hoch. Er sperrt auf und lässt mir den Vortritt, ich gehe unsicher hinein. Die Wohnung ist winzig, nach ein paar Schritten durch ein Vorzimmer stehe ich einem Raum der wohl die Küche samt Esszimmer zu sein scheint. Er schließt eine angrenzende Tür in der ich ein zerwühltes Bett erkenne, diese Geste entspannt mich ein wenig, ich will sein Bett nicht sehen. Dafür öffnet er eine andere Türe hinter der ein Badezimmer zum Vorschein kommt. Wobei Badezimmer sehr übertrieben ist, es ist wohl eher eine Nasszelle samt WC, Waschbecken und Dusche.
„Ich glaube es wäre gut, wenn du das mit warmem Wasser abspülst, das wird wie verrückt brennen, aber dann ist der grobe Schmutz weg.“
„Ja, ok“, stimme ich verlegen zu.
„Nimm dir ein Handtuch aus dem Kästchen da hinten. Wenn du willst gebe ich dir ein Shirt von mir, deine Sachen sind durchnässt.“
Wieder nicke ich verlegen, erst jetzt fällt mir auf, dass auch er ganz nass ist. Sein helles Shirt klebt an ihm, darunter zeichnet sich ein unerwartet muskulöser Körper ab. Er fährt sich durch die Haare, er ist schüchtern, auch das ist mir noch nicht aufgefallen, aber ich habe ihn bis jetzt auch gar nicht richtig angesehen. Dankbar lächle ich ein bisschen. „Danke…“
„Schon gut, mach schon, ich suche inzwischen eine Kühlkompresse für deinen Knöchel.“
Ich will schon die Türe schließen, als ich noch einmal zu ihm sehe. Ich tippe auf meine Oberlippe, auch der Oberlippenbart den er trägt ist komplett seltsam, ich kenne niemanden in seinem Alter der so einen Schnäuzer hat. „Ist der echt? Oder gehört der zum Achtziger Partyoutfit?“
Er lacht auf. „Was?! Nein…Der ist tatsächlich echt…Ich denke gar nicht mehr an dieses schreckliche Ding. Ich bin Schauspieler. Wir drehen gerade ein Historiendrama. Ich spiele einen Soldaten.“
„Schauspieler? Cool. Sieht nicht schrecklich aus. Passt irgendwie zu dir.“
„Ich bin froh, wenn er bald wieder ab ist“, seufzt er und verdreht die Augen. Er beginnt im Eisfach zu kramen und ich verschwinde schlussendlich im Bad. Ein Blick in den Spiegel lässt mich zusammenzucken. Ich sehe fürchterlich aus. Das ganze Makeup ist verschmiert und meine Haare sehen entsetzlich aus. Es fühlt sich falsch an hier zu sein. Alles sieht nach Männerbude aus. Zwar sauber, aber eben männermäßig. Eine verlobte Frau hat hier nichts verloren. Ich schlüpfe aus den nassen Sachen, wasche den Schmutz und das Blut ab und wische das verschmierte Makeup weg. Zum Schluss öffne ich meine Haare und versuche sie irgendwie zu ordnen, als es leise an der Tür klopft. Ich luge durch einen Spalt hinaus und ziehe das Handtuch vor meinem Körper fester zusammen.
„Das Shirt…“
Ich greife danach und ziehe es über, es ist weiß und recht lang, trotzdem halte ich es mit meinen Händen fest um nichts von meinem Po zu zeigen als ich wieder in die Küche trete. Auch der Slip den ich trage ich nicht gerade blickdicht, außerdem habe ich keinen BH an, ich fühle mich ziemlich unwohl. Aber er sieht mich gar nicht an, reicht mir stattdessen ein Kühlpad für meinen Knöchel und weist mich an, Platz zu nehmen.
„Brennt es noch?“, meint er und greift nach einer Flasche Schnaps.
„Bisschen.“
„Ich habe nur Schnaps zum Desinfizieren, es wird gleich noch mehr brennen.“
„Habe ich eine Wahl?“
Er schüttelt den Kopf und lächelt wieder. „Ich heiße übrigens Theo. Es ist sehr mutig mit einem Fremden mitzugehen.“
„Nein, es ist dumm und ich bin ganz und gar nicht mutig. Der einzige Grund warum ich hier bin, ist die Angst vor meinem Verlobten.“
„Du hast Angst vor deinem Verlobten, die stärker als die Angst mit einem Fremden zu gehen ist? Ich habe keine Ahnung vom Verlobt sein, aber das hört sich doch irgendwie verkehrt an. Darf ich deine Knie anfassen?“
Ich seufze nickend und zucke aufgrund des brennenden Schmerzes vom Alkohol auf meinen Wunden zusammen. „Fuck!“, stoße ich ungewollt hervor.
Er zieht seine Hand zurück und sieht mich erschrocken an. „Sorry…Die Wunden sind ziemlich tief.“
Ich beiße meine Zähne zusammen und schließe meine Augen. Nach kurzem Zögern macht er weiter, akribisch entfernt er kleine Steinchen und Schmutz und klebt zum Schluss zwei große Pflaster darauf.
„Ich bin Klara“, sage ich dann leise, während ich ihm beim Verarzten meiner Wunden zusehe. Seine Hände sind zart und nicht so männlich wie ich mir das vorstelle, durch die blasse Haut scheinen bläulich die Adern. Seine Finger sind lange und schmal. Er greift nach zwei Gläsern auf der Anrichte neben ihm und gießt Schnaps ein.
„Trink einen Schluck, gegen die Schmerzen.“
Ich kippe die klare Flüssigkeit hinunter und kann irgendwie nicht aufhören ihn anzusehen. Sein Blick ist außergewöhnlich. Die Augen sehr hell und da ist ein wenig Silberblick zu erkennen, dass er schielt wäre vermessen zu sagen, es ist nur minimal und macht ihn interessant. Er wirkt sportlich, aber nicht trainiert und er ist nicht besonders groß, maximal ein paar Zentimeter größer als ich. Schauspieler also. Er steht auf und lehnt sich an die altmodische Küchenfront.
„Wo soll ich dich hinbringen? Nach Hause willst du nicht wie es scheint.“
„Nach Hause.“ Ich zucke mit den Schultern. „Ich bin gar nirgends richtig zu Hause.“
„Ok.“ Er sieht mich abwartend an, aber ich wechsle das Thema.
„Historiendrama? Welches Jahrhundert?“, frage ich interessiert.
„Zwanzigstes. Vor dem Ende der Monarchie.“
„Schauplatz?“
„Sarajevo.“
„Ok. 1914?“
Er lächelt wieder. „Genau.“
„Bist du der Attentäter, der Mörder vom Kronprinzen?“
Er kommt näher und setzt sich wieder auf den Stuhl neben mich. „Nein der bin ich nicht. Ich spiele einen Soldaten, es ist nur eine kleine Nebenrolle. Wir drehen in einem Vorort von Wien, teilweise in Prag, der Schauplatz wurde nachempfunden. Du kennst dich aus mit Geschichte?“
„Ein bisschen ja.“
„Es geht mich nichts an, aber warum bist du nirgends richtig zu Hause?“
Ja, das geht ihn tatsächlich nichts an, aber seltsamerweise fühle ich mich nicht ausgefragt. „Immer wenn ich angefangen habe mich irgendwo wohlzufühlen musste ich wieder weg. Ich war als Mädchen im Internat, danach im Studentenwohnheim und jetzt lebe ich in einem Haus, das eine andere Frau zu dem gemacht hat was es ist.“
Er gießt noch einmal Schnaps nach und lehnt sich zurück. „Was hast du studiert?“
Verwundert lehne ich mich auch zurück, ich hätte eine andere Frage erwartet. „Geschichte.“
„Ach was? Du kennst dich also mehr als ein bisschen mit Geschichte aus.“
„Kann man so sagen“, nicke ich.
„Wo ist die andere Frau?“ Er greift nach dem Glas und leert es mit einem Schluck.
„Verunglückt. Schon vor ein paar Jahren.“
Er nickt und atmet durch. „Warum hast du Angst vor ihm?“
Ich sehe ihn an und schweige. Er tut es mir gleich, lehnt sich aber neuerlich abwartend zurück.
„Es ist nicht so einfach“, sage ich dann wie von selbst.
„Davon gehe ich aus. Angst ist kein einfacher Partner.“
Plötzlich rauscht ein klarer Gedanke durch meinen Kopf. Was rede ich eigentlich? Ich sollte kein Wort mehr zu diesem Thema sagen. „Du hast Recht, es geht dich nichts an.“
„Nein, es geht mich nichts an“, bestätigt er. „Hast du Hunger?“
Ich bin schon wieder über meinen klaren Gedanken hinweg und fasziniert über seine Fähigkeit von einem Thema zum anderen zu springen, so als ob nichts wäre.
„Ich sollte jetzt wirklich besser gehen, du hast schon mehr als genug geholfen.“ Suchend schaue ich mich nach meiner Tasche und meinem Handy um. Leider ist Lea immer noch nicht erreichbar. Theo sieht mir zu wie ich sie krampfhaft versuche anzurufen. Er steht auf und öffnet den Kühlschrank. „Viel habe ich nicht, aber Eier mit Speck könnte ich machen und Kaffee. Langsam wird es hell, wir sollten vom Hochprozentigen auf Muntermachendes umsteigen.“ Er stellt die Eier und den Speck heraus, setzt Kaffee auf und hat wie es scheint im Gegensatz zu mir alles im Griff. Während die Eier und der Speck schon brutzeln und verführerisch duften geht er in das Zimmer nebenan und kommt mit einer hellen Jogginghose wieder zurück. „Sie ist sicher zu groß, aber ich denke damit fühlst du dich besser.“
„Warum bist du so nett zu mir?“, frage ich dankbar.
„Warum sollte ich es nicht sein?“, meint er nebenbei und gießt mir Kaffee in einen Becher auf dem kleinen Herzen sind. Keine Ahnung ob er den bewusst ausgesucht hat, ich verdränge den Gedanken das es so sein könnte. Er ist nett und freundlich, aber mehr auch nicht. Das sind alles nur höfliche Gesten.
„Das Spiegelei war wunderbar und der Speck genau richtig kross, du bist ein toller Koch.“ Ich stehe auf und stelle die Teller in die Spüle.
„Nein, das bin ich nicht, es ist das einzige, das ich kochen kann, ich esse sonst immer in irgendwelchen Kantinen.“
„Kantinen?“, frage ich nach. „Bei Filmsets gibt es Kantinen?“
„Kommt auf den Drehort an. Eigentlich meine ich Buffets und Catering.“ Er kratzt sich am Kinn.
„Ach so…“ Ich komme nicht mehr dazu etwas zu sagen, weil mein Handy läutet, es ist Lea, für Arthur wäre es zu früh, es ist ja erst kurz vor fünf Uhr morgens. Sie klingt ziemlich verkatert, ist jetzt aber zu Hause.
„Wo bist du?“, fragt sie mit kratziger Stimme.
„Erzähle ich dir später. Ich komme gleich“, sage ich mit vorwurfsvollem Unterton. Dass sie mich so stehen gelassen hat und einfach mit dem Typen von heute Nacht zum Vögeln verschwunden ist finde ich ziemlich blöd.
„Ich fahre dich“, bietet Theo an.
„Soll ich mir nicht besser ein Taxi rufen? Du hast schon so viel getan…“
Er unterbricht mich kopfschüttelnd. „Ich fahre dich.“
Kurz darauf sitze ich in einem alten dunkelroten VW Golf, der seine besten Zeiten lange hinter sich gelassen hat. Er kläppert ein wenig und macht komische Geräusche. Die Sitze sind schon ganz durch und die Armaturen aus Kunststoff ausgeblichen. Theo spricht nicht mehr viel, ich auch nicht. Ich weiß nicht recht was ich von den letzten Stunden halten soll. Wer nimmt ganz ohne Hintergedanken eine Frau mit nach Hause? Wer hilft einfach nur so? Mein Kopf fühlt sich komisch an, ich kann nicht richtig denken und bin müde. Der brennende Schmerz meiner Knie und der geschwollene Knöchel setzten dem Ganzen noch die Krone auf.
„Da ist es“, weise ich ihm den Weg. Er hält an und lächelt ein wenig. „Klara wie noch eigentlich?“
„Engel. Klara Engel, aber bald Besini.“
„Besini? Arthur Besini? Du bist seine Verlobte?“ Sein Gesicht bekommt einen entsetzten Ausdruck.
„Ja die bin ich.“
„Ok…Das ist krass“, amtet er durch.
„Kennst du ihn?“
„Wer kennt ihn nicht?“ Er verdreht geschockt die Augen. „Du bist viel zu jung für ihn.“
Ich muss schmunzeln. „Sonst sagen immer alle er wäre zu alt für mich, das ist eine neue Perspektive.“
„Er ist kein angenehmer Mensch, ich verstehe jetzt deine Angst, aber ich kann nicht nachvollziehen warum du ihn heiraten willst. Bist du schwanger?“
Gott. Hoffentlich bin ich das noch nicht. Meine Augen weiten sich wie von selbst. „Nein…Nein, das ist nicht der Grund.“ Es ist keine Frage von wollen. Ich öffne die Wagentüre und lege meine Hand kurz auf seine, das passiert wie von selbst und fühlt sich ungewöhnlich an. „Danke Theo. Für alles.“
„Mach´s gut Klara Engel.“ Seine Mundwinkel umspielen ein weiches, ehrliches Lächeln, dessen Wärme durch meinen Körper schießt. Mit einem Mal ist er mehr als nett und freundlich. Nicht ungewöhnlich, sondern besonders. Es kribbelt komisch in meinem Bauch. „Du auch“, sage ich darum schnell, steige aus und verschwinde ohne zurückzublicken in Leas Wohnung.
Der ganze Tag ist bis jetzt eigenartig verlaufen. Ich habe nur ein wenig geschlafen und Lea kaum etwas von meiner Begegnung mit Theo erzählt. Sie wollte komischerweise auch gar nicht viel davon wissen, sie war aber auch ziemlich verkatert und müde. Seit dem frühen Vormittag bin ich wieder zu Hause, habe ein kleines Mittagessen eingenommen und gerade ausgiebig gebadet. Meine Knie brennen wie Feuer, aber mein Knöchel ist fast wieder gut und gar nicht mehr so geschwollen. Ich föhne gerade meine Haare kopfüber, als Frau Heinrich hinter mir erscheint.
„Brauchen Sie noch etwas Frau Engel, sonst würde ich jetzt gehen.“
„Nein Danke, ich brauche nichts“, entgegne ich nach meiner Bürste greifend.
„Hier ist die Salbe für ihre Knie und eine Tablette gegen die Entzündung, sollte ich nicht doch besser den Arzt rufen?“, meint sie besorgt auf meine entzündlich geröteten Wunden blickend.
„Das ist wirklich nicht nötig, außerdem würde das Arthur unnötig aufregen, in ein paar Tagen ist da nichts mehr zu sehen.“
Sie seufzt schulterzuckend.
„Und bitte sagen Sie nichts von meinem Unfall zu ihm, ich möchte es ihm selbst erzählen, er würde sich unnötig aufregen, er soll doch in Ruhe arbeiten.“
„Ganz wie Sie wollen, aber ich konnte ihm nicht verschweigen, dass Sie heute Nacht nicht nach Hause gekommen sind.“
„Sie müssen ihn nicht anlügen, Danke für alles Frau Heinrich.“
„Nichts zu danken. Soll ich nicht doch noch etwas zum Abendessen vorbereiten?“
Ich schüttle den Kopf und lächle sie an. „Ich brauche wirklich nichts mehr.“
Nachdenklich beobachte ich von meinem Schreibtisch aus die Nachmittagssonne die langsam ihre Hitze verliert und die Luft nicht mehr so schwer macht, sondern angenehm sommerlich wärmt. Es ist Nachmittag geworden, im Haus ist es unerträglich leise. Ich konnte dieses Haus noch nicht in mein Herz schließen, keine Ahnung ob ich das jemals kann. Es ist groß und kühl, die Räume strahlen nur wenig Wärme aus und der Stil gefällt mir auch nicht. Jedes Geräusch klingt mechanisch hell, jeder Schritt auf dem kalten Steinboden verwandelt sich in ein grelles Klappern. Auch wenn es hier jeden Luxus gibt, im Studentenwohnheim habe ich mich um ein Vielfaches wohler gefühlt. Selbst das feuchte Haus in dem mein Vater wohnt hat mehr Charme. Ich stehe auf und gehe durch den Flur, hinunter über die Stiege und bleibe im großen Foyer stehen in dessen Mitte ein großer Stern aus grau abgesetzten Steinfliesen im Boden eingelassen ist. Genau in der Mitte bleibe ich stehen und blicke auf meine nackten Füße. Ist das alles hier ein Fehler? Vielleicht der größte Fehler meines Lebens. Nein. Es ist was ich tun muss, darum kann es nicht falsch sein. Ich tapse durch die Räume und halte vor Arthurs Arbeitszimmer. Vorsichtig sehe ich nach rechts oben. Die Überwachungskamera die genau auf diese Türe gerichtet ist blinkt grün. Überall diese Scheißkameras. Es ist wie eine Trueman Show. Mein Blick verengt sich, ich schaue direkt in das Objektiv. „Wozu das alles?“, frage ich leise in die Kamera, aber nur weil ich weiß, dass sie keinen Ton aufnimmt. „Findest du das geil? Überwachst du heimlich auch mein Badezimmer und schaust mir zu, wenn ich mich selbst anfasse? Oder filmst du wie du mich fickst?“ Ich atme genervt durch bevor ich wieder nach oben gehe. Auf meinem Bett liegen das Shirt und die Jogginghose von Theo. Ich setze mich auf den Rand, greife danach und fühle den weichen Stoff zwischen meinen Fingern. „Und was bist du für ein Typ Theo?“ Ich drücke die graue Hose an meine Nase. Riecht nach Waschpulver. Sie sieht noch ziemlich neu aus. Er braucht sie bestimmt wieder. Habe ich mich ausreichend bedankt? Sollte ich nicht etwas tun um das zum Ausdruck zu bringen? Ich lasse mich zurückfallen und starre an die Decke. Nach einigen Minuten springe ich auf, hole eine weiße Bluse mit kurzen Spitzenärmeln und einen hellen, süßen Rock mit pastellfarbigem Muster aus meinem Schrank. Ich ziehe mich an, drehe meine Haare zu einem lockeren Dutt hoch und schlüpfe in meine weißen Sneakers. Theos Jogginghose und das weiße Shirt stecke ich in meinen großen Prada Shopper aus beigem Leder den ich zum Geburtstag bekommen habe. Luxus ist für mich nebensächlich, aber diese Tasche ist eines der wenigen Dinge die ich wirklich liebe. Das Leder ist weich und sie hat Platz für meinen Laptop und alles was ich so mit mir herumschleppe. Arthur hat mit diesem Geschenk komplett meinen Geschmack getroffen. Ich gehe nach unten und nehme irgendeine Flasche Wein aus dem Weinfach, bevor ich noch einmal innehalte. Für einem Augenblick bekomme ich fast kalte Füße, doch ich werfe alle Zweifel über Board und verlasse das Haus. An der Bushaltestelle die ganz in der Nähe ist studiere ich den Fahrplan, der nächste Bus sollte in ein paar Minuten kommen, er fährt in die richtige Richtung. Mein Herz klopft ein bisschen. Gerade als der Bus einfährt, klingelt mein Handy. Keine Ahnung warum, aber meine Hände zittern ein bisschen und das verstärkt sich, als ich sehe, dass mich Arthur anruft. Unsicher nehme ich ab und steige gleichzeitig ein.
„Hallo…“, begrüße ich ihn mit verstellt freundlicher Stimme.
„Brauchst du etwas Klara?“ Arthurs Worte sind wie immer schwer einzuschätzen.
„Ob ich etwas brauche?“, frage ich unsicher.
„Brauchst du etwas aus meinem Arbeitszimmer?“
Mir stockt kurz der Atem. Scheiße. Ich wusste nicht, dass er die Bilder so schnell anschauen würde.
„Nein…Ich…“ Panisch versuche ich meine Gedanken zu ordnen. „Ich habe etwas gesucht.“
„Was hast du gesucht?“
Der Bus fährt los, fast verliere ich den Halt und kann mich gerade noch an einer Sitzlehne festhalten.
„Wo bist du denn?“, meint er inzwischen mit strengem Ton.
„Im Bus. Warte, ich setze mich hin…Ich habe Papier für den Drucker gesucht und jetzt fahre ich zu Lea.“ Meine Worte klingen sehr souverän, ich verziehe keine Miene, selbst wenn ich weiß, dass er mich nicht sehen kann.
„Aha. Schon wieder zu Lea?“ Seine Stimmlage entspannt sich ein wenig.
„Ja…Es geht ihr nicht so gut. Sie fühlt sich nicht wohl. Liebeskummer.“
„Mein Arbeitszimmer ist abgeschlossen, wenn du etwas brauchst, ruf mich vorher an. Ich möchte nicht, dass etwas bei meinen Unterlagen durcheinanderkommt.“ Verwunderlicher Weise geht er nicht auf meinen Besuch bei Lea ein.
„Natürlich. Entschuldige. Ich wollte dich nicht stören.“
Ich höre ihn durchatmen. „Du störst mich nicht. Es ist schön deine Stimme zu hören. Weißt du…Du fehlst mir.“
„Ja…Du mir auch…“, sage ich leise und befürchte mir fällt für diese Lüge gleich die Zunge ab. Außerdem klingen die Worte aus seinem Mund sehr ungewöhnlich. Er gibt nie emotionale Worte von sich. Obwohl nein, das stimmt nicht. Bei unserem ersten gemeinsamen Abendessen hat er mir gesagt, dass er mein Lächeln mag. „Ich habe Angst so allein im Haus, es ist ungewohnt.“
