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Anna Adler, noch nicht ganz achtzehn Jahre alt, lebt behütet in einem beschaulichen Ort in der Steiermark. Ein ganz normales Mädchen möchte man meinen. Doch Anna ist alles andere als normal und ihr Leben nicht so unbeschwert wie es in ihrem Alter sein sollte. Sie ist kontrolliert und überlegt, aber nicht weil sie es unbedingt so wollen würde, sondern weil es von ihr verlangt wird. Doch an einem schönen heißen Sommertag ändert sich alles. Wenn die Liebe einen ganz plötzlich trifft, dann kann man nicht mehr überlegt und kontrolliert sein. Dann ist man voller unbekannter Gefühle die einem den Verstand rauben und möchte am liebsten alles Grundlegende verwerfen. Aber so einfach ist es nicht. Was so schön beginnt wird Anna eine lange Zeit nicht loslassen. Ja, man kann mit dem Verstand handeln, aber das Herz gibt einem den Weg vor. Doch ist dieser Weg der richtige?
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Seitenzahl: 594
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Kerstin Teschnigg
Und du bist nicht da
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Kapitel 44
Kapitel 45
Kapitel 46
Kapitel 47
Kapitel 48
Kapitel 49
Kapitel 50
Kapitel 51
Kapitel 52
Kapitel 53
Kapitel 54
Kapitel 55
Kapitel 56
Kapitel 57
Kapitel 58
Kapitel 59
Kapitel 60
Kapitel 61
Kapitel 62
Kapitel 63
Kapitel 64
Kapitel 65
Kapitel 66
Kapitel 67
Kapitel 68
Kapitel 69
Kapitel 70
Kapitel 71
Kapitel 72
Kapitel 73
Kapitel 74
Kapitel 75
Kapitel 76
Kapitel 77
Kapitel 78
Kapitel 79
Kapitel 80
Kapitel 81
Kapitel 82
Kapitel 83
Kapitel 84
Kapitel 85
Kapitel 86
Epilog
Impressum neobooks
Ich schließe meine Augen und presse meine Lippen aufeinander. „Sag nichts…Sei einfach still…Beruhige dich“, sage ich mir in Gedanken vor. Wenn ich nicht ruhig bin, macht er weiter. Es gelingt mir nicht meine Lippen so fest aufeinander zu pressen, dass sie nicht wie von selbst beginnen zu zittern. Kurz schnappe ich schluchzend nach Luft. Er sieht mich abfällig an, ich senke meinen Blick. Ich habe Angst. Doch da ist auch Wut und Ohnmacht nichts dagegen tun zu können. Ohne ein Wort zu sagen dreht er sich um und geht aus dem Zimmer. Tränen laufen über mein Gesicht. Ich will nicht weinen, aber ich kann nicht anders. Langsam sinke ich zu Boden. Wann hört es auf? Wann wird es endlich aufhören? Ich bin wütend auf mich selbst und alles um mich herum und trotzdem schluchze ich still in mich hinein. Mein Leben ist nichts wert…Ich kann nichts und ich bin nichts. Genau wie er es sagt.
Anna – Der erste Sommer
„Es ist doch noch nicht einmal acht. Musst du echt schon gehen?“ Ella sieht mich fast flehend an noch zu bleiben, während ich meine Sachen in meine Badetasche stopfe. Es kommen gleich noch ein paar Mädels aus unserer Klasse, ich würde echt gern bleiben, aber es geht einfach nicht. Ich schüttle den Kopf.
„Ja…Echt…Ich muss mich sowieso schon beeilen damit ich pünktlich daheim bin.“ Ich atme durch und schlüpfe in mein Kleid, zum Ausziehen von meinem nassen Bikini habe ich keine Zeit mehr. „Du weißt doch…“, seufze ich.
Ella erzwingt sich ein aufmunterndes Lächeln. „Sehen wir uns morgen? Es soll ja wieder so heiß werden.“
„Ich glaube schon“, nicke ich und erwidere ihr Lächeln.
Wir umarmen uns freundschaftlich zum Abschied, Ella lässt sich wieder auf ihr Badetuch fallen. Sie ist seit dem Kindergarten meine allerbeste Freundin. Ich würde wirklich noch gerne bleiben, aber ich will einfach keinen Stress. Die Liegewiese ist heute dem schönen Wetter geschuldet immer noch ziemlich voll. Es sind Ferien, dementsprechend chillig ist die Stimmung. Der See ist ruhig, die Sonne verschwindet zwar langsam, aber genau das macht diese besondere Sommerstimmung aus. Echte Sommervibes eben. Aus den Boxen der angeschlossenen Beach Bar strömt coole Musik, genau mein Beat. Mein Blick schweift auf dem Weg Richtung Ausgang nach links. Viele Badegäste haben es sich bereits an der Bar gemütlich gemacht und genießen den immer noch sehr warmen Abend bei ein paar Cocktails. Janine klebt am Schoß eines Burschen und befummelt ihn auf eine Art, die mir allein beim Zusehen peinlich ist. Ella hat mir erzählt er und seine drei Freunde kommen aus England. Sie wohnen seit ein paar Tagen im kleinen Bauernhaus vom Weingut Herzog nicht weit von hier. Anscheinend machen sie eine Tramptour quer durch Europa. Keine Ahnung. Ist mir eigentlich auch egal. Für mich sind sie typische Touristen. Bier trinken und sich befremdlich benehmen. Den anderen Mädels scheint das aber zu gefallen. Einige „Dorfschönheiten“ scharen sich um die Burschen. Ich verdrehe für mich selbst die Augen. Janine ist in ihrem Element. Sie kennt keine Zurückhaltung. Dabei bemerkt sie nicht einmal, dass sie ausgenutzt wird. Welche ernsthaften Absichten können junge Männer die vermutlich noch nicht einmal zwanzig Jahre alt sind schon haben? Die Burschen sind doch bald wieder weg und keiner von ihnen wir sich an sie erinnern. Dann ist sie nicht mehr als eine von vielen auf einer Reise durch Europa. Wobei, wahrscheinlich will sie genau das. Sie lässt keine Chance auf Körperkontakt aus und nachdem sie im Dorf schon fast alle Typen durchhat, müssen es jetzt eben diese Jungs sein.
„Bis Morgen Anna!“, lächelt mich Finni, die bei der Eintrittskasse sitzt, an und reißt mich aus meinen Gedanken.
„Bis Morgen“, erwidere ich freundlich und gehe zu meinem Fahrrad. Wenn ich pünktlich zu Hause sein will, muss ich mich jetzt wirklich beeilen. Ich klemme meine Badetasche auf den Gepäcksträger und fahre los. Ein Stück muss ich auf der Hauptstraße fahren, dann biege ich in die schattige Seitenstraße gesäumt von Apfel- und Birnbäumen ein. Ich genieße den lauen Fahrtwind der durch meine feuchten Haare weht. Es duftet nach frisch gemähtem Heu, das langsam durch die abendlichen Sonnenstrahlen trocknet. Ich amte tief ein. Mein selbst versursachter Wind verschafft mir ein wenig Abkühlung, die zwischen den hohen Maisfeldern erfrischend angenehm ist. Hier staut sich die schwülheiße Luft und der Schotterweg ist von der Wärme des Tages ordentlich aufgeheizt. Die letzten Tage war es echt heiß. Ein richtig toller Sommer. Ich genieße den Lufthauch der unter mein Kleid fährt, bevor es ein Stück bergauf geht. Nach einigen Metern ist der kühle Wind von gerade eben vergessen. Ich trete angestrengt die letzten Meter des Hügels hoch, ich darf nicht schieben, sonst schaffe ich es niemals mehr pünktlich nach Hause. Langsam bilden sich Schweißperlen auf meiner Stirn und mein Dekolletee fühlt sich schweißfeucht an. Ich spüre wie ein paar Schweißtropfen meinen Rücken hinunterrinnen und am Saum meines Bikinihöschens stoppen. Nur noch ein Stück, dann geht es endlich bergab und den Rest bis nach Hause bleibt das so. Hinter mir höre ich Motorengeräusche aus der Ferne. Gerade als ich die Anhöhe geschafft habe, donnern drei Vespas an mir vorbei.
„Hey Baby!“, pöbelt mich einer der Fahrer lautstark an, aber ich sehe nicht zur Seite. Stehen bleiben muss ich jetzt aber doch, weil diese Idioten mit voll Speed die Schotterstraße hochgefahren sind. Dabei haben sie so viel Staub aufgewirbelt, dass ich kaum Luft bekomme. Alle drei Typen haben ein Mädchen mit dabei. Ich schätze es sind die Engländer, denn der Herzog Hof liegt nicht weit von hier. Ich schiebe kurz bevor ich wieder aufsteige und es endlich bergab geht. Ich lasse die Räder laufen, dann beginne ich wieder zu treten um den Schwung nicht zu verlieren. Als ich mich umdrehe, weil ich bemerke das etwas mit dem Hinterrad nicht stimmt ist es schon zu spät. Ich will noch bremsen, doch das gelingt mir nicht mehr. Der Hinterreifen blockiert so abrupt, dass es mir den Lenker verschlägt und ich kopfüber stürze. Alles geht so schnell, ich befürchte es dauert nicht länger als eine Zehntelsekunde. Es macht einen dumpfen Knall. Dann ist es leise.
„Hey…Mach deine Augen auf…“, höre ich eine weit entfernte Stimme. Langsam und beschwerlich folge ich dieser Aufforderung. Mein Kopf tut weh und mein Bein auch. Doch ich blicke direkt in die außergewöhnlichsten blauen Augen die ich jemals gesehen habe. Auch wenn ich komplett benommen bin, diese Augen sehe ich so klar, wie selten zuvor etwas. Sie sind nicht einfach blau. Eher hellblau. So hellblau, dass es fast schon unnatürlich ist. Alles dreht sich. Ich spüre zart eine Hand über meine Wange streichen. Ich schnappe nach Luft, der Sturz hat mir die Fähigkeit normal zu atmen genommen.
„Aua…Scheiße…“, murmle ich und fasse mir an meine Stirn. Zeitgleich fällt mir ein, dass ich jetzt definitiv zu spät komme. Eine befremdliche Panik baut sich in mir auf. Ich will mich aufrichten, doch die blauen Augen hindern mich daran.
„Warte, geht das? Are you ok? Du blutest. Ich kann einen Krankenwagen rufen, oder den Arzt.“ Er dreht sich zu Seite. „Wo ist denn hier der Doktor? I think she needs a doctor.“
Janine beugt sich über mich und grinst schadenfroh. „Brauchst du die Rettung?“
Ich schiebe den blauäugigen Typen zur Seite und richte mich etwas schwerfällig auf.
„Nein, ich brauch die Rettung nicht. Es geht schon“, murmle ich und versuche Janine dabei nicht anzusehen, wäre sie nicht aufgetaucht, würde ich nicht so schnell aufstehen wollen. Ich blicke auf mein Schienbein, das eine ordentlich Schürwunde ziert, in der Schotter klebt, gleich wie in meinen Ellbogen. Mein Arm lässt sich etwas schwer abbiegen, aber ich glaube es ist nichts gebrochen. Mein Fahrrad liegt im Straßengraben. Kurz verschaffe ich mir einen Überblick über das was gerade passiert ist. Mist. Mir ist schwindelig und ich fühle mich komisch. Trotzdem muss ich jetzt weiter. Darum stehe ich auf und putze den Staub von meinem Kleid, auch wenn das nicht viel bringt. Ich will das Rad hochheben, doch der junge Typ meint er hilft mir und zieht es für mich aus dem Graben.
„Aber ich bring dich nach Hause? Wo wohnst du?“, fragt er und sieht mich musternd an. Fast als glaube er nicht, dass ich wirklich ok bin. Zu den blauen Augen und dem musternden Blick gesellt sich ein strahlendes Lächeln. Wow…auch noch schöne Zähne.
„Das ist nicht nötig…Danke…“ Ich greife nach meinem Fahrrad. Er zieht den Schulterriemen meiner Tasche aus einer Speiche.
„Der hat sich eingefangen“, stellt er fest.
Ich sehe ihn kurz an, er ist einer der Engländer, spricht aber ziemlich gut Deutsch. Er hat zwar einen Akzent und manche Wörter kommen etwas schief daher, aber es reicht um ihn gut zu verstehen.
„Verfangen“, bessert ihn Janine aus, während ich ihn immer noch ansehe.
Ich ignoriere sie, ich hasse es, wenn man so herablassend ausbessert, aber von ihr kann man nichts anderes erwarten. Sie ist zwar hübsch, unumstritten, aber sie ist blöd wie ein Ballen Stroh.
„Bist du sicher? Du blutest.“ Er greift sich an die Nase um mir zu signalisieren, dass meine nicht ok ist.
Ich fasse darunter und sehe auf meine blutigen Finger.
„Warte.“ Er dreht sich um und geht zur Vespa, die er ein paar Schritte von meiner Unfallstelle abgestellt hat.
„Die anderen warten bestimmt schon auf uns, Anna wohnt doch gleich da vorn“, beschwert sich Janine und zappelt ungeduldig herum.
„Let them wait…“, murmelt er und kramt im Fach der Vespa. Er kommt mit einem sauberen Taschentuch zurück und drückt es mir unter die Nase.
„Danke“, sage ich etwas verlegen ohne ihn anzusehen.
Ich fühle mich immer noch benommen von dem Sturz und mir ist es total peinlich hier so zu stehen. Ich weiß nicht recht was ich sagen oder tun soll. Das kann auch wirklich nur mir passieren. Janine verdreht genervt die Augen.
„Danke“, wiederhole ich um aus dieser blöden Situation zu entkommen. Ich nehme meine Tasche vom Gepäcksträger, hänge sie mir über die Schulter und will mein Fahrrad losschieben, als er mich am Arm sanft zurückhält.
„Ich kann dich nach Hause fahren. Wo wohnst du?“
Janine atmet hörbar ungeduldig durch.
Ich schüttle den Kopf. „Nein. Es geht schon“, sage ich etwas eindringlicher und gehe los.
„Kommst du jetzt? Es geht ihr doch gut“, beschwert sich Janine. Ich schließe kurz meine Augen und atme durch.
„Anna?“, sagt er mir etwas lauter hinterher.
Ich drehe mich um.
„Bist du sicher?“ Er blickt abwartend zu mir.
Ich nicke und lächle ihn an. Keine Ahnung warum. Weil er sich Sorgen um mich macht. Weil er Janine ignoriert. Weil er süß ist. Ziemlich süß sogar.
„Danke, ja, es sind doch nur ein paar Kratzer.“
„Ok…Wenn du sicher bist?“ Er fährt mit der Hand durch seine dunkelblonden Locken, die im Rest der abendlichen Sonne fast goldig schimmern.
Erneut nicke ich. „Tschüss…“
Ich gehe wieder los und versuche nicht zu humpeln, auch wenn ich das lieber tun würde, weil mein Bein echt weh tut, aber ich will nicht den Anschein machen empfindlich zu sein.
„Bye…“, höre ich ihn noch sagen.
Janine motzt etwas, dann höre ich nicht mehr was sie sprechen, weil er die Vespa wieder startet. Er rollt langsam an mir vorbei. Ich muss einfach noch einmal zu ihm sehen. Unsere Blicke treffen sich, wieder lächelt er und wieder erwidere ich es. Verlegen. Mir wird kurz heiß. Vermutlich bin ich jetzt rot. Dann fährt er an mir vorbei, Janine dreht sich noch einmal um und schlingt ihre Arme fast demonstrativ um seinen Bauch. Sie ist so eine blöde Schlampe. So eine blöde Schlampe... Ich atme durch. Auch wenn ich schon viel zu spät bin, schiebe ich mein Fahrrad den restlichen Weg. Erstens weil ich glaube, dass der Vorderreifen vom Sturz einen Achter hat, zweitens weil mir der Kopf weh tut und drittens hoffe ich, dass der Unfall mein Zuspätkommen zu Hause rechtfertigt. Erst jetzt merke ich wie weh mir alles tut. Die Schürfwunden brennen ordentlich. Ich lehne mein Fahrrad an die Holzwand vom Schuppen und gehe über den Hof ins Haus. Ich bin auf alles eingestellt. Viel schlimmer als mein Sturz kann es heute auch nicht mehr werden. Ich gehe hinein und schlüpfe aus meinen Flip Flops. Mama schaut aus der Küche.
„Anna! Ach du meine Güte…Was ist passiert?“
Ich zucke mit den Schultern. „Ich bin gestürzt. Mit dem Fahrrad.“
„Komm, setz dich in die Küche. Das müssen wir sauber machen. Da sind ja überall kleine Steinchen in den Abschürfungen. Da ist aber nichts gebrochen oder?“
Nein…Kann ich das nicht unter der Dusche machen?“, seufze ich.
Mama schüttelt den Kopf und meint der Schotter muss aus der Wunde. Ich sehe auf die Küchenuhr. Fast halb neun.
„Ist er nicht da?“, frage ich vorsichtig.
„Er musste noch einmal weg.“ Mama streicht durch meine Haare und über meine Wange. Ich amte erleichtert aus und lehne mich zurück. Sie holt das Desinfektionsspray und gibt mir ein kaltes Tuch für meine immer noch blutende Nase.
„Wie ist denn das passiert?“, fragt sie als ich zusammenzucke, weil das Spray fürchterlich brennt.
Ich schließe kurz meine Augen. „Der Riemen von meiner Tasche hat sich verfangen.“
Es lässt sich nicht verhindern, dass ich trotz dem Brennen lächeln muss. Ich habe noch nie solche Augen gesehen. Wunderschöne, fast durchscheinend und aus seinem Gesicht stechende hellblaue Augen. Er ist echt nett. Aber was will er mit Janine? Das verstehe ich absolut nicht.
„Ich glaube mein Fahrrad hat einen Achter…“, murmle ich.
Mama seufzt, sagt sonst aber nichts mehr. Nach ein paar Minuten hat sie alles sauber gemacht und ich bin froh endlich unter der Dusche zu stehen. Die Schürfwunden brennen zwar ordentlich, aber das vergesse ich gleich wieder, wenn ich an das schöne Lächeln denke. Ich weiß nicht einmal wie er heißt. Ich hätte freundlicher sein können. Dankbarer. Ich hätte ihn nach seinem Namen fragen sollen. Mein Gesicht unter den Wasserstrahl haltend schüttle ich den Kopf. Mist. Selbst wenn ich die Augen schließe ist er noch da. Ich seufze und greife an die Stelle an meiner Wange über die seine Finger strichen.
Kurz nach neun liege ich im Bett. Mir tut alles weh und trotzdem schlafe ich mit einem Lächeln auf den Lippen ein.
Anna
Ich wach auf und versuche mich vorsichtig durchzustrecken. Wie erwartet tut mir heute noch immer alles weh. Wenn ich ehrlich bin, sogar mehr als gestern. Ich steige aus dem Bett und gehe zum Fenster um den Vorhang zu öffnen. Meine Schürfwunden sehen nicht wirklich gut aus. Es zieht und brennt fürchterlich. Ich reibe mir die Augen und wuschle meine Haare mit den Händen durch. Nachdenklich streiche ich mit dem Zeigefinger über meine Wange. Ich schließe meine Augen und lächle.
Kurz nach acht gehe ich nach unten in die Küche und mache mir eine Tasse Kakao. Durch das offene Küchenfenster sehe ich Mama die im Garten arbeitet. Es wird heute wieder heiß, die Sonne strahlt schon ausgelassen und der Duft der warmen Luft fährt durch meine Nase. Ich nippe an meiner Tasse. Keine Ahnung ob ich so zum See kann. Mir tut alles weh, vermutlich wäre es besser im Haus zu bleiben.
„Guten Morgen“, lächelt mich Mama an, die mit einer Schüssel voll Gemüse in die Küche kommt.
„Guten Morgen“, erwidere ich ihr Lächeln. Sofort sieht sie musternd auf meine Wunden.
„Das sieht nicht so gut aus Anna.“
„Das ist nichts. Es sieht schlimmer aus als es ist.“
„Dein Vater meinte er muss den Vorderreifen von deinem Rad tauschen. So kannst du nicht mehr damit fahren.“
Ich nicke wortlos und bin froh darüber ihm weder gestern Abend, noch heute Morgen begegnet zu sein.
„Du solltest heute aber sowieso nicht in die Sonne gehen und schon gar nicht ins Wasser.“
„Ich kann mich in den Schatten setzen. Ella wartet doch auf mich.“
Sie zieht die Augenbrauen hoch. „Du bist auch ganz blass. Bleib heute besser zu Hause.“
Auch wenn ich es nicht zugeben will, Mama hat vermutlich Recht. Die Sonne und die Hitze würden mir heute nicht wirklich guttun. Ich seufze hörbar. Gerade heute möchte ich so gerne wie selten zuvor an den See. Nachdem ich Ella angerufen habe, die es ziemlich schade findet, dass ich nicht komme, aber froh ist, dass bei meinem Sturz nicht mehr passiert ist, stelle ich mich unter die kalte Dusche. Das kühle Wasser läuft über meine Schultern, ich greife mir an den Kopf der immer noch ein bisschen weh tut. Ob er heute auch wieder am See ist? Er hat so ein schönes Lächeln. Ich schließe meine Augen und amte durch. Es ist doch gar nicht wichtig ob er dort ist oder nicht. Ich sollte mich nicht damit beschäftigen. Wozu auch? Ich steige aus der Dusche und betrachte mich in ein Handtuch gewickelt vor dem Spiegel. Ich bin froh, dass meine Haare nach einer mir heute unverständlichen Aktion vor ein paar Monaten wieder länger geworden sind. Damals habe ich mir eingebildet sie müssen abgeschnitten werden. Ich bin nach der Schule in einen Frisörsalon in Graz gegangen. Einfach so. Ohne viel darüber nachzudenken. Es waren bestimmt mehr als fünfzehn Zentimeter. Mein Vater hat fast durchgedreht, als ich so nach Hause kam. Nein, nicht fast, er hat definitiv durchgedreht. Jetzt sind sie zumindest wieder soweit nachgewachsen, dass ich sie zusammenbinden kann. Ich würde so gerne ein paar Strähnchen in mein fades dunkelbraun machen lassen, aber auch das würde bei meinem Vater nicht gut ankommen. Ich schüttle den Kopf und sehe dabei mein Spiegelbild an. Ich bin jetzt fast achtzehn und komme mir vor wie ein Baby. Wie ein Vogel eigensperrt in einem goldenen Käfig. Ja ich habe alles was ich brauche, eigentlich sogar mehr. Doch was ich will, bekomme ich nicht. Meine beiden Brüder sind lange aus dem Haus, beide sind viel älter als ich. Als Nachzüglerin sitze ich jetzt in diesem Haus und hasse mein Dasein manchmal wirklich. Ich beneide meine Brüder die im Ausland leben. Paul ist Kellermeister auf einem großen Weingut im französischen Burgund und Sebastian lebt schon lange in New York, wo er für ein große Softwarefirma arbeitet. Er hat eine Amerikanerin geheiratet und inzwischen ein kleines Mädchen, das ich noch nie live gesehen habe. Die beiden sehen wenig Anlass zurück in die Steiermark zu kommen. Meine Mama leidet sehr darunter. Sie würde ihre Enkelin gerne sehen und ihre Söhne auch. Keine Ahnung ob ich auch weg gehe wenn ich die Matura in der Tasche habe. Ich bin schon froh, dass ich auf die Ortweinschule gehen durfte. Mama musste Papa dafür wochenlang gut zureden. Kunst und Design, was für ein Blödsinn hat er immer wieder gesagt und er ist bei seiner Meinung geblieben. Ich hätte besser etwas Bodenständiges machen sollen. Künstler. Fotos machen. Wozu soll das gut sein? Das höre ich fast jeden Tag. Ich liebe allerdings genau das. Es macht mir Spaß die Dinge aus einer anderen Perspektive zu sehen und durch die Linse einer Kamera lässt sich das sehr gut umsetzten. Die Welt ist so viel mehr als man mit den Augen sehen kann. Viele Dinge sind schön, auch wenn man das nicht auf den ersten Blick erkennt.
Ich helfe Mama ein bisschen in der Küche, danach verkrieche ich mich in meinem Zimmer. Der Tag scheint endlos zu sein, die Zeit vergeht einfach nicht. Gerade als ich in den Garten gehen will, weil es ein bisschen kühler geworden ist, klopft es an meiner Tür. Ella steckt den Kopf ins Zimmer.
„Hey…Wie geht es dir?“, fragt sie und zieht beim Anblick meiner Schürfwunden die Augenbrauen hoch.
„Hey…Geht schon…Wie schön, dass du vorbeikommst!“ Ich springe auf und falle ihr um den Hals.
„Scheiß Fahrrad…“, murmelt sie und mustert meine Verletzungen. „Kommst du morgen wieder mit zum See?“
„Ich wäre heute schon gern gekommen, aber Mama meinte das wäre nicht so gut.“
Ella nickt seufzend.
„War etwas Besonderes heute?“, frage ich vorsichtig, während wir nach unten gehen. Ich nehme zwei Eis für uns aus dem Gefrierfach, bevor wir in den Garten gehen. Wir setzen uns auf die Bank unter dem schattigen Kirschbaum. Ella schüttelt den Kopf.
„Nein…Ohne dich ist es ja sowieso fad.“
Ich nicke. „Waren die Jungs die am Herzoghof wohnen auch wieder dort?“ Meine Stimme ist ganz leise und die Frage fast beiläufig.
„Ja. Die waren auch dort.“
„Aha. Janine auch?“
„Ich glaub schon. Seit wann interessiert dich Janine?“
„Sie interessiert mich nicht.“
Ella beugt sich neugierig zu mir. „Und darum fragst du mich nach ihr?“
Verlegen zupfe ich an meinem Shirt. „Einer von den Jungs hat mir gestern geholfen nach dem Sturz.“ Ich merke wie meine Wangen heiß werden.
„Ok…Und?“, Ella sieht mich grinsend an.
„Er war nett“, füge ich hinzu.
„Nett…Ach so. Und darum bist du jetzt so rot geworden?“
Ich zucke mit den Schultern. „Ja…Nett.“
Sie grinst weiter und verdreht die Augen.
„Er wollte mich sogar nach Hause bringen“, schwärme ich. „Aber das ging nicht. Du weißt doch, mein Vater hätte durchgedreht, wenn mich ein Bursche herbringt. Obwohl…Er war gar nicht zu Hause.“
Ella grinst immer noch breit. „Er gefällt dir. Es ist also der, der mit Janine herumhängt. Wie kann er nett sein, wenn er mit dieser Schlampe etwas anfängt?“
Wieder zucke ich mit den Schultern. „Keine Ahnung. Es ist sowieso Zeitverschwendung darüber nachzudenken. In ein paar Tagen ist er wieder weg.“
„Ja, stimmt. Aber wenn er so nett ist.“ Ella gibt mir einen kleinen Schubs.
Ich muss lächeln. Trotzdem versuche ich der Sache nicht mehr Bedeutung als nötig zu schenken. Ella bleibt noch ein bisschen, aber wir reden nicht mehr über das Vorgefallene. Ich beschließe sie noch ein Stück zu begleiten. Sie schiebt ihr Fahrrad, wir schlendern unsere Auffahrt hoch. Papa biegt ein und hält neben uns an.
„Servus Ella“, begrüßt er sie, während er mich musternd ansieht. „Servus Anna. Mama hat mir von deinem Unfall gestern erzählt. Wie geht denn das auf einer kerzengeraden Straße?“
„Hallo…Ja… Weiß ich auch nicht.“ Ich senke meinen Blick.
Er verdreht genervt die Augen. „Das Fahrrad habe ich heute in den Ort zum Reparieren gebracht, jetzt musst du halt ein paar Tage ohne auskommen.“
Ich nicke. „Danke…Ja… Ich gehe zu Fuß.“
„Oder du bleibst einfach daheim.“
Ohne meine Antwort abzuwarten fährt er weiter. Ich schließe kurz meine Augen. Das wäre ihm das Liebste. Mich daheim einsperren. Sicher. Ella kommentiert die Ansage meines Vaters nicht, sie kennt ihn lange genug.
„Ich kann meine Mama morgen fragen ob sie uns zum See fährt, wenn du willst.“
„Es geht auch zu Fuß. So weit ist es ja nicht. Treffen wir uns vorne an der Kreuzung zur Hauptstraße?“
Sie nickt und drückt mich zum Abschied. Gerade als sie losradeln will, höre ich ein Moped. Ich höre es schon ehe ich es sehe und trotzdem beginnt mein Herz sofort schneller zu schlagen. Ella bleibt noch einmal stehen und sieht mich mit großen Augen an.
„Vielleicht ist er das?“ Ihre Augen verdrehen sich dabei vielversprechend.
Noch bevor sie den Satz zu Ende gesprochen hat, weiß ich das er es ist. Ich erkenne ihn.
„Er ist es…“, murmle ich leise.
Ella schmunzelt und fährt los. Ich will ihr noch hinterherrufen wie sie mich jetzt einfach so allein hier stehen lassen kann, doch da ist sie schon dahin und die Vespa hält neben mir. Er nimmt seinen Helm ab, fährt sich durch die Haare und lächelt mich an. Ich muss zusehen, dass mir der Mund nicht offensteht.
„Hi“, lächelt er immer noch. Dabei strahlen seine Augen, mir wird ganz komisch.
„Hallo“, erwidere ich und habe Angst, dass meine Stimme versagt.
„Bist du ok? Ich habe dich heute nicht am See gesehen.“ Er sieht auf mein Bein.
Ich nicke zaghaft und weiß nicht Recht was ich sagen soll. In einer klaren Sekunde fällt mir ein, dass ich mich bedanken sollte.
„Danke für deine Hilfe gestern. Das war echt nett.“
„Ich habe nicht wirklich geholfen. Du wolltest dir ja nicht helfen lassen.“
„Doch…Es war echt nett von dir. Ist ja nichts passiert.“
Er legt seinen Kopf zur Seite. Seine Augen strahlen. Wow….
„Anna, nicht wahr?“
Das Anna sagt er dabei nicht wie es hier bei uns ausgesprochen wird, sondern mit seinem englischen Akzent. Das klingt irgendwie besonders. Ich nicke.
„Kommst du mit? Wir wollen noch grillen bei unserem Ferienhaus.“
Mir bleibt fast das Herz stehen. Ich? Mit ihm mitfahren? Gott…
„Ich?... Ich kann nicht…Leider…aber Danke für die Einladung“, sage ich fast ein bisschen zu schnell.
Er zuckt etwas enttäuscht mit den Schultern. Ich würde schon gern. Ja. Sicher. Zwar nicht in meinem Aufzug und nicht ganz so spontan, aber natürlich will ich ja sagen.
„Darf ich dich denn heute nach Hause bringen?“
Ein weiterer Stich. Ich bekomme fast keine Luft. Möglichst unbemerkt hole ich Luft.
„Ich habe nur ein paar Meter“, sage ich dann schnell.
„Ok.“ Wieder scheint er enttäuscht über meine Abfuhr zu sein.
Er setzt seinen Helm auf und ich befürchte gerade alles falsch gemacht zu haben. Eine seltsame Panik steigt in mir auf. Wenn er jetzt wegfährt, was dann?
„Aber ich komme morgen wieder zum See“, sage ich darum schnell. Es klingt so plump, dass mir sofort die Schamesröte ins Gesicht steigt.
„Morgen?“ Er lächelt wieder. Zum Glück. Ich nicke.
„Ok. Dann sehen wir uns morgen“, meint er.
Wieder nicke ich. Vermutlich viel zu offensichtlich und euphorisch. Ich kann nichts mehr sagen und meine Knie fühlen sich etwas wackelig an. Er startet die Vespa, ich bekomme kaum Luft, so komisch fühle ich mich.
„Ich heiße übrigens Julian“, sagt er noch und zwinkert mir dabei zu. „Bis morgen Anna.“
Ich kann nichts mehr sagen. Er fährt los. Julian. Nicht wie Julian, sondern wie das englische Julian. Ich sehe ihm perplex hinterher. Er dreht sich noch einmal um und winkt mir zu. Verlegen erwidere ich es. Wie von selbst gehe ich los. Julian. Wow… Er sieht so gut aus. Braungebrannt. Coole Haare. Lässige Shorts. Unglaublich schöne Augen. Wow…
Anna
Auch wenn ich nur zum See gehe, habe ich heute mehr Zeit als sonst damit verbracht mein Outfit auszusuchen. Sogar meine Haare habe ich besonders schön geföhnt. Auch wenn das vermutlich nicht viel bringt, weil ich bei der Hitze und dem Fußmarsch zum See sowieso gleich zu schwitzen beginne. Aber egal. Ich bin nervös. Nervös, aufgeregt und aufgedreht. Ella wartet wie abgemacht bei der Kreuzung auf mich. Sie grinst mir schon von weitem entgegen.
„Und? Was hab ihr geredet?“, fragt sie voller Neugier.
„Nicht so viel…“, lächle ich.
„Nicht so viel? Dafür strahlst du aber ganz schön.“
„Er hat gefragt ob ich ihn zum Herzog Hof begleite, zum Grillen.“
„Echt? Cool. Du bist aber nicht mitgefahren“, sie seufzt.
Ich schüttle den Kopf.
„Aber er ist auch heute wieder am See.“ Ich muss immer noch lächeln. Es lässt sich irgendwie nicht abstellen.
„Darum hast du dich heute so rausgeputzt.“ Sie gibt mir einen kleinen Schubs.
„Vielleicht“, schmunzle ich.
„Na dann. Setz dich auf den Gepäcksträger, bevor sich Janine wieder an ihn ranschmeißt.“
Janine, die hatte ich schon ganz vergessen. Sie passt gar nicht zu ihm. Glaub ich zumindest. Vielleicht war er auch nur nett zu mir wegen dem Fahrradunfall. Ich setze mich auf den Gepäcksträger und hoffe das und so keiner sieht. Zumindest ist es angenehmer als bei der Hitze zu laufen. Beim See angekommen bin ich richtig nervös. Ich sehe mich kurz um, aber von den Vespas keine Spur. Er ist also noch gar nicht hier. Etwas enttäuscht gehen wir durch den Cafebereich über die große Liegewiese zu unserem gewohnten Platz. Wir sind früh dran, heute sind noch gar nicht viele Leute hier. Er kommt bestimmt noch. Ich lege mein Handtuch im Schatten auf, meine Schürfwunden sehen heute auch noch schlimm aus. Es haben sich dicke Krusten gebildet, ganz und gar nicht sexy. Zumindest mein neuer Bikini ist sexy. Glaub ich zumindest. Ich habe ihn vor ein paar Wochen in Graz gekauft. Er ist türkis und hat einen tollen Schnitt, weil ich schon ziemlich braun bin, sieht es echt gut aus.
„Anna…Sag mal, heißes Teil!“ Ella kneift mir in den Po, was mich kurz aufquietschen lässt.
Ich zupfe am Oberteil. „Nicht zu knapp?“
Sie beißt sich lasziv auf die Unterlippe. „Heiße Möpse Baby“, grinst sie.
Ich schüttle den Kopf und lasse mich aufs Handtuch fallen. Es ist ein eigenartiges Gefühl, wie ich mich dabei erwische immer wieder zum Eingang zu schielen. ob er kommt. Ich bin normal nicht so. Es gab zwar so manchen Burschen der mir in der Vergangenheit gefiel, aber es war nie wirklich etwas Ernstes. Wenn ich an Julian denke, bekomme ich Herzklopfen. Das ist komisch, ich kenne ihn ja gar nicht. Ich ziehe mein Buch aus der Tasche und versuche nicht mehr an ihn zu denken. Ella ist ins Wasser gegangen, ich habe keine Lust und lege mich stattdessen auf den Bauch um die Sonnenstrahlen auf meinem Rücken zu genießen und meine Schürfwunden zu schonen. Ein bisschen Sonne wird schon nicht schaden. Ich schließe meine Augen und lausche der Geräuschkulisse die mich umgibt. Eine Mischung aus Pommes und Sonnenmilch strömt durch meine Nase. Ich atme tief ein und aus, als ich vor Schreck zusammenzucke, weil etwas Kaltes meinen Rücken berührt.
„Ella!“, beschwere ich mich und sehe auf. Aber es ist nicht Ella. Es ist Julian. Er hält zwei Eis in der Hand und lächelt mich an. Mit dem Eis hat er scheinbar meinen Rücken berührt.
„Hi…“, stammle ich überrascht und hoffe mein Bikinioberteil ist nicht verrutscht. Darauf bedacht es schnell zurecht zu zupfen setze ich mich auf.
„Hi Anna.“ Er hält mir das Eis vor die Nase. „Twinni oder Jolly?“
„Für mich?“, frage ich und merke wie sich meine Mundwinkel wie von selbst nach oben verziehen. Er sieht auch heute wieder so toll aus.
„Ja, für dich. Also?“ Er wackelt verführerisch mit dem Eis vor einer Nase.
„Twinni bitte.“
Er gibt mir das Eis und steht immer noch neben mir.
„Ach so… Setz dich doch“, sage ich verlegen.
Er lässt sich nicht zweimal bitten, ich mache etwas Platz auf meinem Badetuch und er setzt sich neben mich. Ich bin so nervös, dass ich gar nicht weiß wie ich das Eis essen soll. Aus dem Augenwinkel sehe ich ihn an. Weil es mich total aus dem Konzept bringt das er nichts sagt, frage ich einfach etwas.
„Du bist doch aus England, wie kann es sein, dass du so gut Deutsch sprichst?“
„Meine Mutter kommt vom Bodensee. Aus Lindau.“
„Oh. Ach so. Bodensee. Voll schön. Warum machst du nicht dort Urlaub? Da ist doch viel mehr los als bei uns in der Steiermark am Land.“
„Wir sind schon fast drei Monate unterwegs und auf der Rückreise von Italien hier hängen geblieben.“ Er lächelt mich an. „Ich finde es hier ziemlich schön. Es ist warm und trotzdem alles grün. Ich komme übrigens nicht aus England, sondern aus Schottland.“
„Schottland?“ Ich finde er sieht nicht aus wie ein Schotte. Schotten stelle ich mir anders vor. Rothaarig und bärtig oder so. Er ist cool und lässig. „Du bist Schotte und deine Mutter kommt aus Deutschland. Wie geht denn das?“, frage ich neugierig.
„Meine Eltern haben sich bei einem Kongress kennen gelernt. Sie kommen beide aus Hoteliers Familien. Sie haben sich verliebt und so ist meine Mum nach Schottland gezogen.“
Ich lächle ihn an und packe meine Eisstäbchen ins Papier. „Echt? Romantisch. Ihr habt ein Hotel?“
Er nickt.
„Dann machst du bestimmt etwas im Hotelwesen, oder?“
„Nein…das ist gar nichts für mich…“, er verdreht die Augen. „Ich studiere Maschinenbau für Flugzeugtechnik.“
„Sehr spannend. Flugzeugtechnik.“ Ich sehe ihn bewundernd an und bemerke wie meine Wangen heiß werden als sich unsere Blicke treffen. Flugzeugtechnik. Wie cool ist das denn bitte?
„Ja, spannend. Und du?“
„Nicht so spannend, ich gehe noch zur Schule. Ich mache Matura.“
Er nickt interessiert. „Das ist Abitur?“
„Ja genau.“
Er lässt sich zurückfallen und schaut in den Himmel. Ich bin überfordert und weiß nicht was ich tun soll. Ella winkt mir zu, sie scheint ganz entzückt zu sein. Scheinbar um uns nicht zu stören geht sie Richtung Bar.
„Du wirst rot an deiner Schulter“, meint Julian und zeigt auf die gemeinte Stelle.
„Was? Nein…“
„Doch. Hast du ein Sunlotion? Ich mach sie dir drauf.“
Habe ich schon, klar, aber ich bin mir nicht sicher, ob ich das aushalte. Es scheint mir auch ein wenig Anmache zu sein. Ich schiele über meine Schulter, aber er hat Recht, ich werde wirklich rot. Ich nehme die Creme aus meiner Tasche und reiche sie ihm etwas zögerlich. Er setzt sich wieder auf, ich weiß nicht wie ich mich verhalten soll. Aber bevor ich zum Überlegen komme streicht er schon meine Haare aus dem Nacken und trägt die Sonnenmilch auf. Ich halte die Luft an. Seine Hände streichen sanft über meine Schultern, eine Gänsehaut überzieht meine Arme. Er stoppt an meinem Schulterblatt.
„Was hast du da gemacht?“
„Nichts…“, murmle ich.
Er streicht über die Narbe die ich dort seit einiger Zeit habe.
„Sieht nicht aus wie nichts…“ Noch einmal streicht er sanft über die Stelle.
„Ist aber nichts“, wiederhole ich ohne mich umzudrehen. Er sagt nichts mehr darauf und verschmiert den Rest der Creme.
„So schon fertig.“ Er lässt sich wieder auf das Handtuch fallen und ich atme endlich aus und vorsichtig wieder ein.
„Danke“, sage ich fast ein bisschen piepsig.
Wieder lächelt er mich an. Wieder Gänsehaut.
„Was meinst du, eine Runde schwimmen? Es ist echt heiß.“ Er sieht mich abwartend an.
„Ja…ok“, sage ich fast von selbst.
Er steht auf und greift nach meiner Hand um mir hoch zu helfen. Das Wasser kommt mir heute kalt vor, oder es ist weil ich so nervös bin. Es brennt auch ein wenig an den Schürfwunden. Zaghaft setze ich einen Fuß vor den anderen, während Julian schon längst drinnen ist.
„Kalt?“, grinst er mich an als ich es endlich geschafft habe.
„Ein bisschen…“, grinse ich zurück.
Wir schwimmen ein Stück hinaus. Er sagt nichts. Ich auch nicht. Irgendwann muss ich aber wieder etwas sagen, ich halte die Stille kaum aus.
„Wo sind deine Freunde heute?“
„Hangover.“
„Von der Grillparty gestern?“
Er nickt.
„Du nicht?“, frage ich nach.
„Nein.“
„Und Janine?“ Die Frage ist mir rausgerutscht. Auch wenn es mich interessiert warum er so viel mit ihr herumhängt, wollte ich das nicht so offensichtlich fragen.
Er zieht die Augenbrauen hoch. „Was meinst du?“
Super. Was soll ich jetzt sagen?
„Na ja… Ihr seid viel zusammen…“, stammle ich.
Jetzt grinst er. „Jetzt bin ich aber gerade hier.“
Ich kann diese Ansage nicht richtig einordnen. Es klingt fast so, als wolle er mir damit sagen, er könne sich die Mädels aussuchen, je nach Laune. Das gefällt mir nicht. Ich schwimme ohne Kommentar weiter und lasse ihn zurück.
„Anna?“, ruft er mir hinterher, was ich ignoriere. Er holt auf und ist wieder neben mir.
„Janine ist nicht deine Freundin, oder?“, fragt er nach.
Ich schüttle den Kopf ohne ihn anzusehen. Wir sind schon weit draußen, ich will wenden um wieder zurück zu schwimmen, als er mich an meiner Hand zurückhält. Er zieht mich ein Stück zu sich und greift nach meiner anderen Hand. Da ist er wieder. Dieser Blick. Es ist als würden kleine Blitze durch meine Körper fahren. Seine Hände halten meine etwas fester, wieder bekomme ich eine Gänsehaut. Sein Gesicht kommt näher an meines.
„Ich bin nicht wie Janine“, sage ich als er stoppt, kurz bevor sich unsere Nasen berühren. Er weicht wieder zurück. „Ich bin auch nicht wie die Mädchen die ihr so jeden Tag von hier abschleppt“, füge ich noch hinzu. Mein Ton ist kühl. Fast zu kühl.
Er sieht mich verwundert an. Mein Herz klopft. Auch wenn ich jetzt mit Sicherheit alles zerstört habe, was ich so gerne gehabt hätte, bin ich froh es gesagt zu haben. Seine Hände halten meine aber immer noch, doch er sagt nichts. Gerade als ich noch etwas sagen will, zieht er mich an meinen Händen hinunter und taucht mit mir unter Wasser. Zwar nur kurz, aber es war so überraschend, dass ich Wasser in die Nase bekommen habe und nach dem Auftauchen ordentlich husten muss.
„Was machst du denn?“, beschwere ich mich, muss dann aber lachen, weil er es auch tut.
Immer noch lachend greift er wieder nach meiner Hand, mit der anderen streicht er meine Haare die mir wirr ins Gesicht hängen zur Seite. Ich schließe kurz meine Augen. Gott…Warum habe ich es nicht einfach zugelassen. Er kommt wieder näher an mein Gesicht, lächelt mich an und streicht mit seinen Händen meine Arme hoch, seine Beine berühren meine unter Wasser. Ich bekomme kaum Luft und bin unglaublich froh unter Wasser zu sein, denn ich spüre wie sich meine Brustwarzen aufrichten, was mit Sicherheit nicht vom kalten Wasser ist.
„Ich weiß schon, dass du nicht wie Janine bist“, flüstert er in mein Ohr, ehe er mich unerwartet loslässt. „Komm, schwimmen wir zurück!“
Was? Zurückschwimmen? Jetzt? Ein wenig enttäuscht schwimme ich ihm hinterher. Bis wir am Ufer sind, hat sich mein Puls beruhigt und ich hoffe meine Brustwarzen auch. Vorsichtshalter verschränke ich meine Arme bis ich mich in mein Handtuch wickle.
„Du hast kein Handtuch“, stelle ich fest und sehe Julian an wie ihm das Wasser von der Nase tropft. Ich greife in meine Tasche und gebe ihm eines von mir. Es ist zwar klein, aber besser als keines.
„Danke. Darf ich noch bei dir bleiben?“, fragt er.
Ja…Das wäre schön“, lächle ich ihn an, gerade als auch Ella zu unserem Platz zurückkommt. Ohne dass es Julian sieht, zwinkert sie mir aufgeregt zu.
„Hi“, begrüßt er sie und streckt sich auf meinem Liegetuch aus.
„Hi…“, meint Ella und hält ihm die Hand entgegen. „Ich bin Ella.“
„Julian.“
Ich rubble verlegen meine Haare ab.
„Wollt ihr allein sein?“, flüstert Ella in mein Ohr.
„Nein…“, schüttle ich den Kopf.
Sie verdreht belustigt die Augen und schnappt sich ihr Handtuch. „Ich geh ein bisschen weiter in die Sonne.“
Irgendwie weiß ich nicht wie ich mich jetzt hinlegen soll, nach kurzem Überlegen versuche ich aber nicht mehr nachzudenken und lege mich einfach neben ihn. Am Bauch liegend drehe ich meinen Kopf zu ihm. Er hat seine Hände unterm Kopf verschränkt und die Augen zu. Seine Brust ist braun, glatt und er ist sportlich. Ich sollte da zwar nicht hinsehen, aber vom Nabel abwärts säumen seinen Bauch dunkelbraune Haare. Ein paar Wassertropfen tanzen noch auf seiner Haut. Ich würde gern darüberstreichen, traue mich aber nicht. Ich schließe meine Augen.
„Wie alt bist du Anna?“, reißt er mich aus meinen Bestaun Modus.
Ich sehe auf und hebe meinen Kopf ein wenig an. „Ich werde achtzehn im Herbst. Und du?“
„Am Samstag einundzwanzig.“
Einundzwanzig. Am Samstag. Er dreht sich zu mir und lächelt mich schon wieder an. Meine Halsschlagader pumpt.
„Da drüben am anderen Ufer soll es ganz schöne Plätze geben. Kennst du die?“, fragt er mich.
„Ja. Da muss man aber ein Stück durch den Wald“, erkläre ich.
Er nickt und scheint etwas zu überlegen. „Zeigst du es mir? Morgen?“
„Morgen?“, frage ich ungläubig nach. Hat er mich gerade gefragt etwas allein mit ihm zu machen?
„Ja morgen“, bestätigt er.
„Nur wir zwei?“
Er nickt und streicht mit dem Zeigefinger über die Schürfwunde an meinem Ellenbogen.
„Ok…“, hauche ich und spüre wie sich schon wieder alles in meinem Bauch zustimmend zusammenzieht.
Es ist ein perfekter Tag. Einfach perfekt. Auch wenn er mich nicht geküsst hat, was ich ja selbst verbockt habe. Die Zeit vergeht so schnell und hätte mich Ella nicht erinnert, dass es bald acht ist, würde ich heute schon wieder zu spät nach Hause kommen.
„Du musst echt schon gehen?“, fragt mich Julian ungläubig und hilft mir die Handtücher zusammen zu legen.
„Ja, leider. Aber wir sehen uns doch morgen.“
Er nickt nicht ganz zufrieden. „Aber heute bring ich dich nach Hause. Keine Widerrede.“
Ich kratze mich nervös am Kopf. Ella sieht aus dem Augenwinkel zu mir. „Nein…Danke… Ich…“
„Warum denn nicht?“, unterbricht er mich hartnäckig.
„Weil ihr Vater ein Tyrann ist“, mischt sich Ella auf einmal ein. Shit. Warum macht sie das?
„Dein Vater? Er will nicht das dich ein Mann nach Hause bringt? Noch dazu irgendein Typ der bald wieder verschwindet.“ Er zuckt mit den Schultern und sieht mich fast mitleidig an. „I understand…“, murmelt er noch.
„Nein, das verstehst du nicht.“ Ich nehme meine Tasche und werfe Ella einen bösen Blick zu. „Danke dafür“, murmle ich ihr zu.
„Es ist doch die Wahrheit Anna“, verteidigt sie sich.
Julian greift nach meiner Hand. „Ist schon gut Anna.“
„Nein…Nein…Du verstehst das nicht“, ich sehe direkt in seine Augen. „Ich will nicht über meinen Vater reden. Kannst du mich ein Stück vor unserer Hofeinfahrt absetzen?“
Jetzt lächelt er wieder. „Sicher kann ich das.“ Fast als hätte er Angst ich würde es mir gleich wieder anders überlegen nimmt er schnell meine Tasche und geht los. Ich verabschiede mich noch von Ella, dann gehen wir über die große Wiese. Sanft streift er mit seinen Fingern meine Hand. Weil hier immer noch so viele Leute sind, traue ich mich aber nicht diese zu umfassen. Ich sehe schüchtern zu Boden. Draußen reicht er mir den Helm, als ich mich aufs Moped setzte durchströmt mich ein seltsames Gefühl. Jetzt bin ich auch nicht besser als Janine. Julian dreht sich zu mir um.
„Alles klar?“
Ich zucke mit den Schultern. Nein. Gar nichts ist klar.
„Ich fahre nicht so schnell, keine Sorge“, lächelt er meine Zweifel weg. Er greift nach meinen Händen. „Halt dich fest.“
Zögerlich halte ich mich an seinen Hüften fest. Der Fahrtwind ist herrlich und es ist total lustig so zwischen den Maisfeldern durchzubrausen. Ein wohliges Gefühl durchströmt mich. Ich bin nicht wie Janine. Ganz und gar nicht. Wir kommen für meinen Geschmack viel zu schnell an die Stelle an der er mich absetzten soll. Ich könnte noch ewig mit ihm über den Feldweg cruisen. Ich nehme den Helm ab und steige von der Vespa. Er stellt den Motor ab und nimmt auch seinen Helm ab.
„Treffen wir uns morgen hier. So um zehn?“
„Ja. Um zehn“, nicke ich.
„Machen wir ein Picknick? Ich kann etwas mitbringen?“, schlägt er vor.
„Klingt gut. Ich packe auch ein paar Sachen ein“, stimme ich zu.
Er greift nach meiner Hand und sieht mich ein paar Augenblicke an. Jetzt bin ich es, die einen Schritt auf ihn zugeht. Eine Handbreite vor ihm stehend senke ich nervös meinen Blick. Doch er zieht mich schnell dicht an sich, hebt mein Kinn mit seinem Zeigefinger an und nähert sich langsam meinem Gesicht. Jetzt sage ich nichts mehr. Sanft schließen sich seine Lippen um meine. Ich kann nicht atmen. Es ist anders als alles was ich bisher erlebt habe. Kurz habe ich das Gefühl umzufallen. Er legt seine Hände um meine Hüften und ich instinktiv meinen Kopf ein wenig zur Seite. Der Kuss dauert nicht besonders lang, aber es ist unglaublich. Seine Lippen sind weich und feucht, seine Zunge ist heiß. Er schmeckt himmlisch. Ich bin wie elektrisiert als er sich von meinem Mund löst. Benommen sehe ich in seine Augen, die plötzlich anders aussehen. Dunkler. Intensiver. Meine Hände schwitzen ein bisschen.
„Du musst jetzt gehen, ich will nicht, dass du zu spät kommst“, haucht er und küsst mich noch einmal kurz.
Ich kann nichts mehr sagen. Nur noch ein kurzes, kehliges „Bis morgen“, schaffe ich. Dann gehe ich los, er fährt. Ich bin froh über den restlichen Fußmarsch, weil ich total durcheinander bin. Vorsichtig greife ich an meine Lippen. Irgendwie muss ich es schaffen nicht komplett durchzudrehen, auch wenn ich mich gerade fühle als würde ich gleich vor Freude aus allen Nähten platzen. Ich bin so zappelig und aufgedreht, dass ich mich kaum selbst bremsen kann. Mama sitzt auf der Bank vor dem Haus und putzt Bohnen. Heute bin ich nicht zu spät, sondern sogar eine Viertelstunde zu früh.
„Hallo Anna. Hast du noch Hunger?“ Mama sieht mich an, ich habe das Gefühl kaum verbergen zu können, dass ich gerade geküsst wurde.
Ich schüttle den Kopf. „Nein. Ich mag nichts mehr.“
„Gut“, lächelt sie.
Ich gehe auf mein Zimmer und lasse mich auf mein Bett fallen. Langsam schließe ich meine Augen und fahre noch einmal meine Lippen mit dem Zeigefinger nach. Ich blicke auf meine Badetasche und ziehe das Handtuch mit dem er sich abgetrocknet hat heraus. Es ist ein bisschen krank, aber ich muss einfach meine Nase darin versenken. OH MEIN GOTT. Ich sauge den Duft intensiv ein und atme genüsslich wieder aus. Mein Herz klopft. Ich lasse mich zurückfallen, schließe meine Augen und kuschle mich in das Handtuch.
Anna
Julian. Das war mein erster Gedanke als ich heute früh meine Augen öffnete, und es hat sich bis jetzt nicht geändert. Es ist schon bald zehn und ich bin mir immer noch nicht sicher ob mein Outfit stimmt. Normalerweise mache ich da nicht so ein Drama, aber heute will ich einfach gut aussehen. Meinen Bikini habe ich schon an, ich schlüpfe in meine kurze weiße Jeansshorts und das pink-weiße Tanktop. Ich überlege noch ob diese Kombi nicht doch zu knapp ist, als ich meinen Vater von unten rufen höre.
„Anna!“
Ich zucke kurz zusammen. Was will er denn genau jetzt? Ich muss gleich los, Julian warten zu lassen kommt nicht in Frage. Ich öffne meine Zimmertüre.
„Ja?“
„Komm runter, wir fahren in den Ort, dein Fahrrad ist fertig!“, ruft er herauf.
Ich atme kurz ein. Dafür habe ich jetzt absolut keine Zeit mehr.
„Jetzt? Ähmmm...Ich kann auch selbst vorbeischauen, wenn ich zum See gehe“, rufe ich hinunter.
„Komm jetzt runter, wir fahren hin, oder willst du mit mir diskutieren?“ Seine Stimme klingt genervt über meinen Einwand.
Shit. Wenn ich jetzt mit ihm zum Fahrradgeschäft fahren muss, komme ich mit Sicherheit zu spät zu meiner Verabredung. Ich kann Julian nicht einmal Bescheid sagen, ich weiß gar nicht wie ich ihn erreichen kann. Mist – Mist – Mist. Ich schnappe meine Badetasche und laufe die Stiege hinunter. Mein Vater sieht mich mit einem Blick an, der mir kurz den Atem stocken lässt.
„Wie schaust du denn aus? Was hast du vor?“, meint er musternd.
„Nichts…Warum? Ich gehe baden… Wie immer“, stammle ich.
Er schüttelt den Kopf. „Keine Ahnung wie deine Mutter einverstanden sein kann, dass du dich so anziehst. Kürzer und enger geht nicht mehr?“
Bevor ich etwas dazu sagen kann, schaut Mama aus der Küche.
„Geh Heinrich…Es ist Sommer und sie ist ein junges Mädchen. Schau doch wie hübsch sie ist“, meint sie mit weicher Stimme.
Mein Vater zieht schnaufend die Augenbrauen hoch. „Ich kann dir genau sagen was mit den Mädchen passiert, die so rumlaufen.“
Ich sage nichts darauf und blicke zu Boden.
„Gar nichts passiert Heinrich“, verteidigt mich Mama immer noch, aber er lässt nicht locker.
„Und ich muss diesen Aufzug auch noch finanzieren.“ Er schüttelt abwertend den Kopf. „Los. Fahren wir.“
„Kann ich das Fahrrad nicht allein abholen? Ich muss sowieso in die Richtung…“
Er unterbricht mich. Die Tonlage seiner Worte ist jetzt ein bisschen erhoben. „Du fährst jetzt mit mir. Was ist denn heute los mit dir? Und was ist das für ein grauslicher Lippenstift?“
Ich versuche ruhig zu blieben. Kein Streit. Nur Lipgloss, es ist nur Lipgloss. Wortlos schlüpfe ich in meine Flip-Flops und wische meinen Mund in ein Taschentuch. Mama lächelt und streicht über meine Schulter. Immer noch wortlos folge ich ihm zum Auto und steige ein. Es ist fünf Minuten vor zehn. Ich schaffe es niemals mehr pünktlich mit dem Fahrrad vom Dorf zurück an die Stelle an der wir uns treffen wollen. Er wird denken ich komme nicht. Mein Magen fühlt sich komisch an. Mein Herz auch. Meine Knie sind ein wenig weich.
„Angurten Anna“, blafft mich mein Vater an.
Ich lege den Gurt an und versuche mir nichts anmerken zu lassen, auch wenn ich am liebsten schreien würde. Er fährt hoch und verlässt unsere Einfahrtsstraße. Ich schaue vorsichtig auf. Mein Herz klopft. Scheiße. Julian steht bereits an dem Platz wie ausgemacht. Ich bekomme kaum Luft.
„Was macht denn der da?“, murmelt mein Vater.
Ich sage nichts, könnte ich gar nicht, mein Puls pumpt unregelmäßig im Hals. Ich senke meinen Blick. Im letzten Moment bevor wir an ihm vorbeifahren, hebe ich meinen Kopf und sehe ihn an. Unsere Blicke treffen sich kurz. „Mach jetzt nichts… Bitte mach nichts…“, flehe ich wortlos in meinen Gedanken. Schnell senke ich meinen Blick wieder. Er steht nur da. Keine Reaktion. Ich riskiere einen Blick in den Seitenspiegel, er sieht uns nach. Ich bekomme kaum Luft.
„Kennst du den?“, fragt mein Vater und sieht dabei mit verengtem Blick in den Rückspielgel.
Ich schüttle den Kopf. Meine Hände schwitzen und zittern.
„Sprichst du heute nicht?“
„Doch…Sicher…“, murmle ich uns sehe wieder kurz in den Seitenspiegel. Langsam verschwindet er in der Ferne. Scheiße. Keine Ahnung was er jetzt denkt.
„Solltest du nicht besser mit dem Mathe lernen anfangen, statt jeden Tag am See herumzuhängen? Wir hatten doch eine Abmachung?“
Ich nicke ohne ihn anzusehen. Eine Abmachung. Mein Zeugnis war sehr gut. Ich bin eine der besten Schülerinnen meiner Klasse. In Mathematik habe ich allerdings das Gut knapp verfehlt. Der Stoff der letzten Schularbeit lag mir gar nicht und darum habe ich meine Jahresnote versaut. Ein Befriedigend. Sonst habe ich lauter Sehr gut. Mathe lag mir noch nie. Er ist ausgezuckt. Ich würde zu viel herumfliegen statt zu lernen und mich ablenken lassen. Ich wollte ja schließlich unbedingt auf diese Schule, die sowieso keinerlei Zukunftsperspektive verspricht. Also muss ich lernen, keine miesen Noten. Kein Befriedigend in Mathe.
„Ich lerne. Wie abgemacht“, sage ich leise.
Er nickt seufzend. Vorsichtig riskiere ich wieder einen Blick in den Seitenspiegel. Mein Herz bleibt fast stehen, als ich Julian etwas entfernt hinter uns herfahren sehe. Er kommt immer näher, ich schaue nicht mehr zurück, aber ich höre, dass das Geräusch der Vespa immer weiter zu uns aufschließt. Papa schaut in den Rückspiegel. Bevor er etwas sagen kann, fange ich schnell ein Gespräch an.
„Kann ich im Herbst mit dem Führerschein anfangen?“
„Ja. Habe ich doch gesagt.“
Ich nicke und versuche zu lächeln. „Dann würde ich mich demnächst bei der Fahrschule anmelden.“
Er nickt und fährt auf die Ortsstraße. Wir biegen rechts ab, aus dem Augenwinkel sehe ich, dass Julian links abbiegt. Richtung See. Fuck. Er glaubt bestimmt, ich will nichts mehr von ihm wissen oder so. Ich fühle mich bei dem Gedanken daran ganz schlecht. Mein Magen krampft sich zusammen. Wir parken vor dem Fahrradgeschäft und steigen aus, meine Knie sind ein bisschen wackelig. Ich gehe mit gesenktem Blick hinter meinem Vater her. Wenn ich mein Fahrrad habe, werde ich einfach zum See fahren. Er ist bestimmt dort. Hoffentlich ist er nicht böse, weil ich ihn aus dem Auto kaum angeschaut habe, aber ich werde es ihm erklären.
„Anna, sag mal was ist denn heute nur los mit dir? Was trödelst du so?“ Er schiebt mich genervt in das Geschäft.
„Ich komme schon“, murmle ich.
Ich habe das Gefühl es dauert ewig bis wir dran sind. Im Laden ist es schwülwarm und mir inzwischen fast ein wenig schlecht. Endlich bringt ein Lehrling mein Fahrrad. Es war ziemlich kaputt und die Reparatur entsprechend teuer.
„Danke Papa“, sage ich als er mir das Fahrrad vor das Geschäft schiebt.
Er zieht die Augenbrauen hoch und nickt. „Pass jetzt besser auf. Wenn du so mit dem Auto umgehst, überlege ich mir das mit dem Führerschein noch einmal.“
„Ich pass auf“, sage ich kleinlaut. Ich passe immer auf meine Sachen auf, aber für den Fahrradunfall konnte ich wirklich nichts, es ist einfach passiert. Ob es mir gut geht, hat ihn gar nicht interessiert.
Wieder nickt er.
„Kann ich jetzt zum See?
„Fahr schon“, murmelt er.
Meine Knie zittern wieder. Ich steige auf und fahre los. Das Fahrrad läuft einwandfrei. In meinem Kopf dreht sich alles wirr. Wenn er jetzt mit seinem Freunden am See ist, weiß ich nicht, ob ich mich traue hinzugehen. Was wenn Janine auch wieder dort ist? Vielleicht will er jetzt gar nichts mehr von mir wissen und ignoriert mich. Ich biege zum See ein.
„Anna!“, höre ich meinen Namen. Ich bremse ab und halte an. Julian. Das ist seine Stimme. Das „Anna“ klingt aus seinem Mund so besonders. Sofort schlägt mein Herz Purzelbäume. Er steht unter der großen Eiche im Schatten und lächelt mich an. Ich steige ab und schiebe mein Fahrrad ihn seine Richtung. Er kommt mir entgegen. Ich lächle auch, was er weiterhin erwidert.
„Hi…Entschuldige…Ich…“, stammelnd suche ich nach Worten.
„Wolltest du mich versetzen?“, fragt er vorsichtig.
Ich schüttle schnell den Kopf. „Nein, natürlich nicht. Mein Vater…“
„I was shocked…You ignored me…“, murmelt er und atmet dabei durch.
„Nein, ich konnte nicht. Tut mir leid.“ Ich senke meinen Blick. Mein Herz klopft. Dann sehe ich vorsichtig wieder auf und lächle ihn an. Ich lächle so, dass er einfach spüren muss, wie sehr ich in mag. „Fahren wir jetzt zu dem Platz am See?“
„Wenn du das noch willst?“, meint er schulterzuckend.
„Ich habe mich so darauf gefreut.“ Ich spüre wie sich meine Wangen röten. „Wirklich.“
Er legt seinen Kopf zur Seite und sieht mich an. „Ich mich auch Anna.“
Etwas erleichtert atme ich durch.
„Fährst du nicht mit mir?“, fragt er und schaut auf mein Fahrrad.
„Doch…Würde ich schon gerne. Mein Vater wollte es unbedingt heute holen fahren. Darum konnte ich auch nicht pünktlich bei unserem Treffpunkt sein.“ Wieder senke ich meinen Blick. „Er würde nicht erlauben, dass ich mich mit dir treffe und schon gar nicht, dass ich mit dir fahre.“
Julian nickt zaghaft, so als ob er nicht ganz versteht, aber er sagt nichts.
„Ich lasse es an der Wegzweigung die zum See führt stehen, dann fahre ich bei dir mit“, meine ich darum schnell.
„Ok“, entgegnet er. „Ich fahre langsam vor und warte dort auf dich. Du meinst ein Stück nach vor und dann links, oder?“
„Ja genau“, nicke ich.
„Then let´s go!“, fordert er mich auf.
Ich fahre los, er fährt langsam an mir vorbei. Ich glaube er ist etwas angepisst über die Tatsache, dass ich vorhin im Auto einfach weggeschaut habe. Das erkenne ich an der Tonlage seiner Worte und auch am Ausdruck seiner Augen. Und er lächelt mich heute nicht so an wie sonst. Aber was hätte ich denn tun sollen? Mir ist so warm vor Aufregung und das schwüle Wetter lässt mich zusätzlich schwitzen. Es ist nicht weit bis zu der Stelle an der er schon auf mich wartet. Ich steige vom Fahrrad, stelle es in den Fahrradständer und sperre es ab. Um an den Platz am See zu kommen, müssen wir durch ein kleines Waldstück fahren, eine Schotterstraße führt dort hin. Er reicht mir den Helm, ich steige auf und bin plötzlich irgendwie erleichtert, auch wenn mein Herz immer noch klopft.
„Halt dich fest“, sagt er und fährt los.
Ich schließe meine Hände um seine Hüften, sein Shirt ist ein bisschen feucht, es ist aber auch wirklich schwül heute. Er greift nach meiner Hand und zieht sie ein Stück weiter um seine Mitte. Ich gehe darauf ein und schlinge meine Hände ganz darum. Diese Geste erleichtert mich ein wenig, vielleicht ist er doch nicht böse auf mich. Es ist toll. Der Fahrtwind, auch wenn man auf der ungefestigten Straße nicht so schnell fahren kann, ist angenehm und kühlt meine erhitze Haut ein wenig.
„Bleib da vorne stehen“, rufe ich ihm zu.
Ich kenne eine tolle, ganz ruhige und wunderschöne Badestelle ein paar Meter von hier. Er hält an, ich steige ab. Er nimmt den Helm ab, mein Blick hängt an ihm. Vor allem an seinen Augen. Wie immer.
„Hier ist es so schön“, zeige ich ihm den Platz und gehe ein paar Schritte voraus. Er kommt mir nach und nickt bestätigend.
„Bleiben wir hier?“, frage ich nach.
„Ja…“ Er wirft seine Sachen zur Seite, schlüpft aus seinem Shirt und der kurzen Hose und läuft Richtung Wasser. „Ich muss da jetzt rein…Es ist so heiß“, stöhnt er.
Ich sehe ihm hinterher und stelle meine Tasche ab. Er stürzt sich förmlich ins Wasser, ich muss kopfschüttelnd lachen. Langsam fällt ein wenig Anspannung von mir ab. Ich packe erst einmal mein Handtuch aus und lege es auf eine schöne sonnige Stelle in der Wiese.
„Anna! Komm schon rein!“, ruft er und taucht erneut unter.
Irgendwie bin ich aber trotzdem nervös. Ganz allein mit ihm hier. Ich kenne ihn doch gar nicht, auch wenn er so süß ist. Zögerlich ziehe ich mein Top über den Kopf und zupfe an meinem Bikinioberteil.
„What are you waiting for?“Julian hebt fragend seine Hände, kommt dann aber aus dem Wasser und auf mich zu.
„Ich komme ja schon.“
Schnell schlüpfe ich aus meiner Shorts. Er greift nach meiner Hand und zieht mich zum Wasser. Ich habe gar keine Zeit zu überlegen ob es kalt ist, denn ich bin so schnell drinnen und habe gleichzeitig Julians Hände an meinen Hüften, dass es keine Zeit zum Nachdenken gibt. Er presst seinen Oberkörper an meinen. Ich bekomme eine Gänsehaut, aber nicht vom kalten Wasser. Ohne Vorwarnung presst er seine Lippen auf meine, zuerst etwas zu stürmisch für meinen Geschmack, doch dann wird der Kuss sanft und innig. Die Gänsehaut ist immer noch da. Er drückt sich noch etwas fester an mich. Ich bekomme kaum Luft. Seine Hände streichen meinen Rücken sanft hoch, langsam löst er seine Lippen von meinen, vorsichtig öffne ich meine Augen. Er streicht zärtlich über meine Wange.
„Ich habe dich nicht ignoriert“, sage ich leise und lege vorsichtig meine Hände an seinen Hüften ab. „Tut mir leid…“
„Ist schon ok. Was ist mit deinem Vater?“ Er zieht mich wieder fester an sich.
„Das ist kompliziert…Er ist streng und hat seine Prinzipien.“
„Prinzipien?“ Er zieht die Augenbrauen hoch.
„Control Freak“, seufze ich.
„Oh. Ok.“ Er streicht sanft durch meine Haare und lächelt mich wieder an. Ich könnte schmelzen bei diesem Blick.
„Now you are here“, flüstert er und küsst mich erneut.
Keine Ahnung wie lange wir im Wasser bleiben. Lange. Mir ist schon kalt, aber es ist so schön ihm nahe zu sein. Nachdem wir uns endlich irgendwie von einander lösen können, wickle ich mich in mein Badetuch und lege mich in die Sonne.
„Erzähl mir etwas von deiner Familie“, frage ich ihn.
Er legt sich neben mich und streicht mit seiner Hand über meine.
„Was willst du denn wissen?“
Ich zucke mit den Schultern. „Alles.“
Er schmunzelt und verdreht dabei die Augen. „Meine Mum kommt aus Deutschland, das habe ich dir ja schon erzählt. Sie hat sich in meinen Dad und sein Hotel verliebt, damals gehörte es allerdings noch meinen Großeltern. Inzwischen führen sie es in dritter Generation am Loch Leven. Kennst du das?“
Ich schüttle den Kopf.
„Ein schöner See in den schottischen Lowlands. Unser Hotel ist nicht weit vom See. Ich habe eine ältere Schwester, Catriona. Sie studiert noch, arbeitet aber schon im Hotel mit und wird es einmal weiterführen. Wie du ja schon weißt, interessiere ich mich nicht so für die Gastronomie. Ich möchte einfach nur mein Studium so schnell als möglich abschließen und dann neue Flugzeugtechniken entwickeln.“
Ich hänge an seinen Lippen. Es ist fesselnd wie er erzählt. Mit seinem Akzent und den manchmal etwas verdrehten Worten klingt einfach alles aus seinem Mund zauberhaft.
„Und du? Hast du Geschwister?“
„Ja. Zwei Brüder. Paul und Sebastian, aber die arbeiten beide im Ausland und sind viel älter als ich.“
„A little sister…“, grinst er und sieht mich dabei lange an.
