Das Buch der Helden - Dominik Brülisauer - E-Book

Das Buch der Helden E-Book

Dominik Brülisauer

0,0

Beschreibung

Wir alle brauchen Helden in unserem Leben: Homer Simpson, Asterix oder Flipper. Meinen dreissig grössten Jugendhelden möchte ich mit diesem Buch ein Denkmal setzen und mich bei ihnen dafür bedanken, dass sie mich zu der Person gemacht haben, die ich heute bin. Ja, ich persönlich finde das gut so. Dank dem Skirennfahrer Pirmin Zurbriggen weiss ich, dass gewisse Regeln ab und zu gebrochen werden dürfen, ein italienischer Trickfilmdrache namens Grisu hat mir gezeigt, dass man seine Natur überwinden kann, und Bob Marley, dass Rastas nichts für faule Leute sind.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 232

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0



Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Denkmäler für meine Helden

Grisu, der kleine Drache

Feuer und Flamme für das Gute

Bon Jovi

Knutschen, Wasser und Kuschelrock

Pirmin Zurbriggen

Gott sei Dank für alles

Pumuckl

Gut unsichtbar für alle

Tarzan

Der letzte Urschrei

Bud Spencer

Faustdick im Filmgeschäft

Flipper

Der Wingman mit Flossen

Lassie

Völlig auf den Menschen gekommen

Asterix

Flasche in der Hand, Leben im Griff

Lucky Luke

Zieht schneller als sein Schatten

John McClane

Terror den Terroristen

Peter Lustig

Alles eine Frage der guten Antwort

Salvatore Schillaci

Mit den Füssen Gottes

Der mit dem Wolf tanzt

Im Wilden Westen viel Neues

Jim Garrison

Verschwörungstheoretisch richtig

Homer Simpson

Zweidimensional, aber nie flach

Rocco Siffredi

Schwerarbeiter in allen Positionen

Frank Baumann

Gegenwind vom Ventilator

Der Pac-Man

Das Leben ist ein Hungerspiel

Al Bundy

Man kann immer verlieren

James Bond

Der Geheimagent, den jeder kennt

Mister Spock

Das gute Gefühl, keine zu haben

MacGyver

Naturgesetze werden eingehalten

Frank Drebin

Alter schützt vor Geilheit nicht

Terje Haakonsen

Seitwärts hoch hinaus

Bob Marley

Liebe geht durch die Ohren

Kelly Slater

Schaut gut aus der Röhre

Muhammad as-Sahhaf

Der rechte Blickwinkel

Lemmy

Das Partywarzenschwein

Steve Irwin

Gefährliche Tierliebschaften

VORWORT DENKMÄLER FÜR MEINE HELDEN

Erzählungen, Epen und Mythen über Helden sind garantiert so alt wie die Menschheit selbst. Am steinzeitlichen Lagerfeuer grunzten sich die fellbekleideten Höhlenbewohner bestimmt schon Geschichten über den verwegenen Jäger Granit Knüppel zu, der angeblich auf einem wilden Säbelzahntiger über die Gletscher und Pässe streifte, zornige Mammuts mit ihren eigenen Rüsseln erwürgte und als überpotenter Homo sapiens sogar Neandertaler-Weibchen schwängern konnte. Heute würde dieser Granit Knüppel alle Kompetenzen mitbringen, die für das tschetschenische Präsidentenamt verlangt werden.

Unvergessen sind die Sagen aus dem antiken Griechenland über die Abenteuer von Achilles, Hektor oder Odysseus. Die alten Griechen – und wahrscheinlich auch die jungen – schufen damals so viele Helden, dass sie seit über zweitausend Jahren nicht mehr das Gefühl haben, sie müssten noch irgendetwas Neues zur europäischen oder globalen Kulturgeschichte beitragen. Oder fällt dir spontan ein aktueller griechischer Film ein, den ich unbedingt kennen muss? Oder eine griechische Band oder ein griechischer Künstler oder ein griechischer Schriftsteller? Nein? Eben.

Im Mittelalter besang man edle Ritter, die Drachen töteten, Turniere gewannen, Prinzessinnen aus Türmen befreiten, diese entjungferten und unmittelbar nach dem ersten Akt im Himmelbett sitzen oder liegen ließen, um auf Kreuzzügen irgendwo weit weg im Heiligen Land Ungläubige abzuschlachten, damit diese armen Schweine endlich die Frohe Botschaft der Nächstenliebe und der Vergebung kennenlernen durften. Halleluja!

Im Wilden Westen erreichte der Massenmörder Buffalo Bill Heldenstatus, weil er die Prärien Nordamerikas von der Büffelplage und somit auch gleich von den lästigen Ureinwohnern säuberte. Die amerikanischen Ureinwohner wiederum hatten ebenfalls ihre Helden. Häuptlinge wie Osceola, Crazy Horse oder Geronimo verteidigten mit ihren Stämmen ihre Territorien in blutigen Kriegen. Manche tapferen Krieger gaben sich erst geschlagen, als ihre saftigen Wiesen zubetoniert, ihre Gewässer vergiftet, ihr Volk in Reservate gepfercht und ihre Jagdgründe in Shopping-Malls verwandelt waren. Heute gilt ein amerikanischer Ureinwohner als Held, wenn er sich in der sogenannten Zivilisation einigermaßen zurechtfindet und nicht im Alter von dreißig Jahren an Feuerwasserschäden stirbt.

Die großen Kriege des 20. Jahrhunderts brachten ebenfalls ihre Helden hervor. Für die Deutschen den Wüstenfuchs Erwin Rommel, für die Alliierten den Wüstenfuchsjäger George S. Patton und für mich persönlich den schlauen Fuchs und Soldaten der Schweizer Armee Willy Giger – meinen Großvater mütterlicherseits. Als Kind liebte ich es, bei einem großen Glas selbst gemachten Holundersirups bei meinen Großeltern in Punt Muragl im Garten zu sitzen und ihm zuzuhören, wie er von seinem Aktivdienst im Zweiten Weltkrieg erzählte. Gesprochen hat mein Großvater zwar immer nur über die bedrückende Angst, die Entbehrungen und die kaum aushaltbare Ungewissheit darüber, was angesichts des Flächenbrandes in Europa noch alles hätte passieren können. Aber verstanden habe ich, dass er mit seinem Karabiner im Anschlag an der Grenze nur darauf gewartet hatte, dass ein Nazi-Schwein es endlich wagte, seinen Kampfstiefel auf unser Territorium zu setzen. Amüsiert stellte ich mir vor, wie der verzweifelte Hitler sich mit seinen planlosen Generälen in hektischen Krisensitzungen im Führerbunker beraten musste. Dabei kamen sie einstimmig zum Schluss, dass es wahnsinnig gewesen wäre, die Wehrmacht an die Schweizer Grenze und damit vor den schussbereiten Karabiner meines Großvaters zu führen. Stattdessen schickten sie die Männer lieber in die eisigen Weiten Sibiriens und somit auf Konfrontationskurs mit der gigantischen Roten Armee Stalins.

Heute gibt es kaum noch Kriegshelden. Jedenfalls nicht in westlichen Ländern. Das liegt daran, dass wir in der friedlichsten aller Zeiten leben. Die paar Kriege, die heute noch auf der Weltbühne auftreten, sind nicht besonders populär und werden verdeckt oder durch Drohnen oder sogar im Cyberspace geführt. Und man kann einfach nicht zu jemandem aufschauen, der mit einer Packung Pringles-Chips gelangweilt in seinem Homeoffice in Honolulu vor seinem Bildschirm sitzt und per Mausklick in Pakistan eine ganze Hochzeitsgesellschaft auslöscht, nur weil sich nach Vermutungen der CIA eine verdächtige Person unter den Gästen befindet – vielleicht eine Cousine dritten Grades des Bräutigams, die einen Sohn hat, der während seiner Selbstfindungsphase mal ein Schnupperwochenende in einem Feriencamp der Al-Qaida außerhalb von Abbottabad besucht hat.

Stell dir mal ein Denkmal von solch einem Sofahelden vor. Das kann nur lächerlich aussehen. Keine Stadt der Welt würde Geld dafür ausgeben, einen lokalen Computerhelden mit dickem Bauch, zu engem Star- Wars-Shirt und fettigem Pferdeschwanz, der faul auf seinem Bürostuhl hängt und mit seinem Joystick spielt, in Bronze zu gießen und dann diese Manifestation des Nichtstuns mitten auf einem Verkehrskreisel oder vor einem Rathaus aufzustellen und mit einer Gedenktafel zu ehren: «Das ist Freddy Jerkson (1985–2022), er kämpfte mit einer ferngesteuerten Drohne von seinem Homeoffice aus auf dem ganzen Globus heldenhaft gegen die Feinde der freien Welt, bis der Diabetes ihn hinterhältig besiegte und seine Leiche drei Wochen später von seiner Putzfrau gefunden wurde. Es trifft immer die Besten.» Nein, nicht mal die unverbesserlichsten Patrioten in Texas, Alabama oder Georgia würden sich auf dieses Niveau runterlassen.

Heute gibt auch keine Helden mehr wie Christoph Kolumbus oder Neil Armstrong, die über eine stürmische See ins Unbekannte segeln oder sich in einer Rakete zu neuen Himmelskörpern hinaufschießen lassen. Die heutigen Entdecker und Abenteurer fliegen Businessclass um die ganze Welt, lassen sich von einheimischen Reiseführern zu schönen Orten fahren und machen dort eine Instagram-Story, um ihre globale Community über ihren Yolo-Lifestyle auf dem Laufenden zu halten und ihnen gleichzeitig die Designer-Sonnenbrille, den Designer-Fruchtsaft oder das Designer-Parfüm ihrer Sponsoren anzudrehen. Ob man es sich eingestehen möchte oder nicht, die Zeit der großen Abenteurer ist vorbei. Auf dem Gipfel des Mount Everest wird bald die meistbesuchte Starbucks-Filiale des Planeten eröffnen, Expeditionen an den Nord- und Südpol kann man dank der globalen Erwärmung schon bald in Badehose, Strohhut und mit dem Pedalo durchführen und die Dschungel, durch die man sich früher einen Pfad zu Ruhm und Ehre schlagen konnte, haben wir schon bald auf die Größe des Central Park reduziert. Auf der Fläche der brandgerodeten Wälder leben heute keine wilden Tiere mehr, die einem das Leben schwer machen könnten, sondern dort stehen mit Kraftfutter aufgepumpte Mastrinder, die zu müde sind, einer Fliege etwas anzutun, fleißig Methan in die Atmosphäre furzen und darauf warten, in Form von Steaks rund um den Globus verschifft zu werden.

Vorbei ist auch die Zeit der Gladiatoren, die im Kolosseum vor einer jubelnden Meute gegen Bären, Löwen oder andere Gladiatoren um ihr Leben kämpfen. Der heutige Zeitgeist empfindet Gladiatorenkämpfe aus unerfindlichen Gründen als nicht mehr angebracht. Die weichgespülten Zivilisationsfanatiker mit ihren weltfremden Tier- und Menschenrechtsfantasien verunmöglichen solche Veranstaltungen. Dabei konnten die Gladiatoren an der frischen Luft mit Tieren und anderen Menschen arbeiten, genossen Kost und Logis, wurden bejubelt und verehrt und hatten eine sichere Anstellung bis zum Lebensende. Von solchen Annehmlichkeiten können ganz viele Menschen heute nur noch träumen.

Man hätte die Shows vielleicht retten können, wenn man früh genug eine Helmpflicht und die Fünftagewoche für die Gladiatoren eingeführt und den Tierschützern in ausgefeilten Kampagnen erklärt hätte, dass die Raubkatzen in der Arena endlich mal gegen richtige Gegner kämpfen konnten und nicht wie in der freien Wildbahn gegen wehrlose Gazellen und tollpatschige Zebrababys. Raubtiere lieben diese Herausforderung. Wenn ich für Rom Tourismus arbeiten würde, hätte ich mich bereits an die Arbeit gemacht, das Kolosseum für Kämpfe wieder zu öffnen und das Spektakel von der UNESCO als Weltkulturerbe unter Schutz stellen zu lassen. Leute, die solche Kämpfe dann immer noch als barbarisch empfinden, müssen die Veranstaltungen ja nicht besuchen. Der spielende Markt soll das entscheiden, nicht wettbewerbsverzerrende staatsgläubige Gutmenschen mit Pazifismus-Befall.

Männer sollen auch wieder gegen Stiere kämpfen dürfen. Allerdings sollen die Toreros auf Kleinigkeiten wie Spieße, Degen und Notausgänge verzichten. Sie dürfen sich höchstens selbst Hörner aufsetzen, um den Stier abzustechen. In einem Boxkampf bekommt schließlich auch nicht ein Kämpfer gepolsterte Handschuhe und der andere einen Flammenwerfer. Männer sollen sich wieder in Fässer einnageln lassen und die Niagarafälle runterstürzen. Einfach zum Spaß. Oder sich aus einer Kanone über eine Stadtmauer in einen Krokodilgraben ballern lassen. Oder mit einer bulgarischen Hammerwerferin Sex haben, anstatt nur mit brasilianischen Beachvolleyball-Schönheiten.

Leute wie Johnny Knoxville und seinen Jackass-Kollegen sind vielleicht Überbleibsel aus der glorreichen Zeit, in der Männer noch Heldentaten vollbrachten. Tief drin fühlen sie wahrscheinlich immer noch den Trieb, mit dem Schwert Gegner und Raubtiere abzuschlachten und den Sand der Arena blutrot zu färben, bevor sie selbst mit erhobenen Häuptern ins Elysium eintreten dürfen. Aber mit den Möglichkeiten, die sie heute noch haben, äußert sich dieser Trieb darin, dass sie sich vor laufender Kamera gegenseitig Bowlingkugeln in die Eier schießen, sich mit Fäkalien bewerfen oder sich von Skorpionen in die Augen stechen lassen. Solche Typen als Vorbilder zu zelebrieren, das ist ebenfalls ein wenig schwierig.

Für Gesellschaften ist es aber wichtig, gemeinsame Helden zu haben, die Identität stiften und Ideale verkörpern, an denen man sich orientieren kann. Das stärkt den Zusammenhalt in der jeweiligen Gruppe und man kann sich von den anderen abgrenzen. Wir Schweizer haben unseren Wilhelm Tell, die Kommunisten Che Guevara, die Kapitalisten Jordan Belfort, Apple-User Steve Jobs, Microsoft-User Bill Gates, Huawei-User den Chef des chinesischen Geheimdienstes, die Wutbürger mit niedrigem IQ Alex Jones, die Wutbürger mit hohem IQ George Carlin, die Mafia-Gegner Giovanni Falcone, die Mafia-Befürworter Gianni Infantino und die Esoteriker jeden indischen Guru mit einem unaussprechlichen Namen, der im Internet im Schneidersitz in Tücher gehüllt Allgemeinplätze von sich gibt und zum zehnmillionsten Mal seinen Jüngern erklärt, dass alles im Universum zusammenhängt, dass wir die Erde von unseren Kindern nur geliehen haben, die Liebe uns zum Glück führt und die Meditation, die richtige Einstellung und ein Lächeln im Gesicht Krebs heilen, die Steuern bezahlen und das Auto antreiben können – außer, man glaubt nicht fest genug daran, dann funktioniert es natürlich nicht.

Da Helden mittlerweile nicht mehr auf Schlachtfeldern, in der Wildnis oder in Kampfarenen geboren werden, suchen wir diese zunehmend in harmloseren Gebieten wie zum Beispiel im Sport, in der Musik oder in Comics. Ob diese Helden real oder fiktiv sind, spielt komischerweise gar keine Rolle. Momentan werden die Kinos mit Filmen über Superhelden wie Aquaman, Antman, Spiderman, Hawkman, Iceman, Plasticman, Batman, Ironman, Superman, Megaman, Gigaman, Examan, Zettaman oder Supergigafantasticman überflutet. Diese übermenschlichen Figuren müssen immer und immer wieder in leicht abgeänderter Form die Welt retten.

Bis auf die Batman- oder Deadpool-Reihe finde ich diese Filme so unglaublich mühsam und stupide, dass für mich die wahren Superhelden die Leute sind, die sich diese ganze Qual bis zum Ende anschauen können, ohne einen Hirntod zu sterben. Aber abgesehen von der Blödheit dieser Figuren und der zelebrierten Stumpfsinnigkeit der Geschichten zeugt dieses Phänomen trotzdem davon, dass wir alle auf einen Helden warten, der für uns die Drecksarbeit erledigt und alles geradebiegt, was wir in den letzten Jahren vor die Hunde gehen ließen.

Auch ich brauche Helden in meinem Leben. Leute, die etwas verkörpern, das ich ebenfalls sein möchte, die etwas vorleben, das ich als vernünftig erachte, oder die durch ihr Schaffen oder ihre Ideen mich dazu inspirieren, selbst ein besserer Mensch zu werden.

Aktuell bin ich unter anderen Fan von Malala Yousafzai, Greta Thunberg, Alex Honnold, Travis Rice, Danny Davis, Roger Federer, Dominique Gisin, Richard Dawkins, Heinz von Förster, Daniel Kahneman, Yuval Noah Harari, Jared Diamond, Richard David Precht, Norbert Bolz, Gregor Gysi, Sahra Wagenknecht, Sheldon Cooper, Michael Moore, Lisa Eckhart, Vasco Rossi, Büne Huber, Kuno Lauener, Bruce Springsteen, Gary Holt, Gary Clark Jr., Tom Morello, Jim Jarmusch, James Hetfield, Miles Davis, Kendrick Lamar, George Carlin, Sarah Silverman, Seth MacFarlane, Dieter Nuhr, Will Ferrell, Jeff Bridges, Leonardo DiCaprio, Roberto Begnini, Mike Müller, John Oliver, Niall Ferguson, Thilo Sarrazin, Jacqueline Badran, Roger Köppel, Wes Anderson, Quentin Tarantino, Clint Eastwood, Stieg Larsson, Umberto Eco, Banksy, Shepard Fairey und von ein paar Leuten aus meinem persönlichen Umfeld.

Helden aus meinem Umfeld sind momentan für mich alle Menschen, die sich standhaft weigern, auf die unsäglichen Verschwörungstheorien zu sämtlichen Weltthemen reinzufallen, die ungefiltert überall im Internet grassieren, und diesem Trend sogar noch Gegensteuer geben. Oder auch Leute, die nach fünfundzwanzig großen Bieren ihren Anstand und Humor behalten und nicht emotional oder ausfällig werden, nur weil es Montag Morgen ist. Und ich bewundere mittlerweile Leute, die zwar im Midlife-Crisis-Alter sind, sich aber weigern, dabei mitzumachen und sich nicht plötzlich teure Sportwagen kaufen, sich doch noch das Gesicht tätowieren lassen oder mit Skateboarden beginnen. Ja, auch solche Leute lasse ich inzwischen durchaus als Helden durchgehen.

Aber in diesem Buch geht es nicht um diese klugen, mutigen, lustigen, engagierten, gradlinigen oder talentierten Menschen, die mich heute begeistern, sondern es geht um die Helden meiner Kindheit und Jugendzeit. Auf den folgenden Seiten möchte ich meinen dreißig größten Vorbildern ein Denkmal setzen und mich bei ihnen dafür bedanken, dass sie mich zu dieser wunderbaren und bescheidenen Person gemacht haben, die ich heute bin. Vielen Dank. Und ja, mir ist auch aufgefallen, dass es zwar keine Frauen in die Top-30 geschafft haben, aber dafür ein paar Tiere. Würde ich heute mit diesem Buch beginnen, hätte ich mindestens Pippi Langstrumpf noch reingepackt.

GRISU, DER KLEINE DRACHE FEUER UND FLAMME FÜR DAS GUTE

Einer der größten Helden meiner Kindheit ist eine italienische Trickfilmfigur namens Grisu. Der kleine grüne Drache trägt einen übergroßen roten Feuerwehrhelm, weil er gerne Feuerwehrmann werden möchte. Nur logisch, dass sein cholerischer Vater da gar keine Freude hat. Schließlich muss ein Drache Feuer legen, nicht löschen. Wenn ein Drache auf einmal Feuer löscht, dann irritiert das ungefähr so, wie wenn Wladimir Putin neu auf einem Flamingo reiten, ein Giezendanner ein öffentliches Verkehrsmittel benutzen, die «Schweizer Illustrierte» einen Artikel mit Informationsgehalt veröffentlichen, Christa Rigozzi einen Werbeauftrag ablehnen oder Paris Hilton sich begeistert zum aktuellen Forschungsstand der Stringtheorie äußern würde, ohne dabei an Unterwäsche zu denken.

In den 28 Episoden von «Grisu, der kleine Drache» versucht der Drachen-Papi krampfhaft, seinen Filius zurück auf den rechten Weg zu bringen. Doch dieser wehrt sich mit allen Mitteln dagegen. Seine Überzeugung lautet: «Die Welt braucht kein Feuer. Die Welt will Blumen haben». Bei Grisu ist das kein harmloses pazifistisches Geplapper einer Frau mit Midlife-Crisis, die auf ihrem Selbstfindungstrip auf Bali gerade Yoga für sich entdeckt hat. Seine Worte sind Ausdruck einer tiefen Überzeugung, die für ihn böse Konsequenzen haben kann. Das macht ihn so besonders. In seinem Verhalten ist Grisu radikaler als gewöhnliche Teenager, die in ihrer Jugend gerne gegen ihre Eltern rebellieren, um dabei ihre eigene Identität zu finden. Er ist auch viel radikaler als ein Punk, der aus Protest gegen das herrschende kapitalistische System in der Bahnhofsunterführung neben seinem Hund pennt, billiges Dosenbier säuft und sein Nichtstun als politischen Protest missversteht. Vor allem, wenn er beim ersten Hungergefühl Passanten um kleine Tauschsymbole des kapitalistischen Systems anbettelt, damit er sich etwas kaufen kann, was das kapitalistische System für ihn produziert hat.

Grisu geht mit seiner Anti-Haltung definitiv viel weiter als Weltwoche-Herausgeber Roger Köppel, der es irgendwann zum Geschäftsprinzip gemacht hat, die Antithese zu den sogenannten Mainstream-Medien zu bilden. Stell dir mal vor, Roger Köppel wäre hier auf der Erde Korrespondent für eine Zeitung eines anderen Planeten – zum Beispiel für «Die Marswoche». Wenn sich die Marsmenschen nur auf Köppels objektive Analysen verlassen müssten, dann hätten die dort oben das Gefühl, dass hier auf der Erde Bauchweh ein sehr angenehmes Gefühl ist und dass der weiße heterosexuelle Mann in der Schweiz von muslimischen Kampflesben an der Leine durch die Straßen gezogen wird. Auch würde der Multimilliardär Christoph Blocher nicht zur Schweizer Elite gehören, sondern er wäre ein ganz einfacher Mann aus dem Volk, der in einem einfachen Haus auf dem Land wohnt und sich einen Privatsender leistet, weil er für einen Internet-Blog zu bescheiden ist. Auf dem Mars würde man denken, dass irgendjemand in Amerika Chris von Rohr heute noch kennt und dass Donald Trump ein scharfer Denker mit vernünftigen Visionen ist. Nein, Grisu ist radikaler als ein pubertierender Teenager, radikaler als ein Punk und auch radikaler als ein Roger Köppel. Friedrich Nietzsche hätte ihn als Überdrachen bezeichnet – ein Wesen, das in der Lage ist, seine natürlichen Triebe zu überwinden und tatsächlich etwas wie einen freien Willen zu konstituieren.

Dieser kleine Drache war für mich ein Vorbild und er inspirierte mich dazu, über meine Rolle in dieser Welt nachzudenken. Ist meine Bestimmung schon seit dem Urknall vor 13,8 Milliarden Jahren festgelegt? Ist die ganze Existenz eine kausale Abfolge von Ursache und Wirkung? Sind wir für immer dem Diktat unserer Gene, der Naturgesetze und unseres Umfeldes unterworfen? Alle diese Fragen kann man wahrscheinlich mit Ja beantworten. Bestimmt sind wir bestimmt. Trotzdem ist die Vorstellung interessant, dass man theoretisch etwas werden könnte, zu was einem das Universum und die Evolution nicht determiniert haben. Denk an eine Königskobra, die beschließt, ab sofort als Goldhamster zu leben. Oder an einen Blauwal, der doch lieber ein Leben als Ameise führen möchte. Wie du siehst, sind der Selbstverwirklichung Grenzen gesetzt. Es kann zwar sein, dass der Sohn von Mel Gibson kein Schluckspecht wird, aber zu einem sibirischen Steppenfuchs wird er bestimmt nicht mehr. Aus den absurdesten Winkeln des Internets kennen wir zwar tragische Beispiele von Leuten, die sich mit Schuppentätowierungen, Klauenprothesen und Zungenspaltungen zu Reptilien umformen lassen wollen, aber die Resultate sprechen ja für sich. Es wird noch eine Weile dauern, bis ein indonesischer Reptilienjäger eines dieser humanen Pseudo-Reptilien am Strand mit einem Bindenwaran verwechselt, es mit einer Eisenstange brutal verprügelt, ihm während seinen letzten Zuckungen die Haut abzieht und diese der Modeindustrie verkaufen kann. Sorry, liebe Möchtegern-Schuppentiere, falls ihr wirklich wollt, dass euch das eines Tages passiert, müsst ihr euch mehr Mühe geben. Bis dahin, träumt schön weiter.

Dass es schwer ist, aus bestimmten Pfaden auszubrechen, das muss Grisu immer wieder erleben. Nicht selten schlägt seine Natur bei ihm durch und er legt aus Versehen ein kleines Feuer. Doch für mich ist und bleibt er ein Vorbild. Ich persönlich bin ja vom Charakter her eher ein unsympathischer Typ. Doch ab und zu versuche auch ich gegen mein Naturell zu handeln und ganz wie Grisu ein angenehmerer Zeitgenosse zu sein. Erst kürzlich habe ich meiner Mutter bei Globus einen Kerzenständer gekauft. Nicht, weil es einen offensichtlichen Grund wie ihren Geburtstag, Weihnachten oder Muttertag gegeben hätte. Nein, einfach so. Ich wollte einfach mal für alles Danke sagen. Schließlich trug sie mich ja neun Monate lang in der Gegend herum, nur um mich dann über dreißig Jahre zu füttern, zu pflegen und zu waschen. Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass ein Kerzenständer nach all diesen Strapazen und Investitionen durchaus kein übertriebenes Geschenk war.

Die Verkäuferin packte ihn in feierliches Papier ein, ich bezahlte die 32 Franken und fühlte mich schon ziemlich gut. Die Wahl zum Gutmenschen des Jahrtausends schien zum Greifen nah. Aber dann passierte es. Auf dem Weg nach unten musste ich im Fahrstuhl unbedingt einen fahren lassen. Da ich nicht allein war, erledigte ich das so diskret wie möglich. Dezibel-technisch ging diese Emission sauber über die Bühne. Auf olfaktorischer Ebene sah das leider ganz anders aus. Der Raum füllte sich mit einem Duft, den man im besten Fall mit dem von faulen Eiern vergleichen kann. Spätestens als der Spiegel grün anlief, konnte man meinen kleinen Ausreißer nicht mehr ignorieren. Es wäre sogar wesentlich einfacher gewesen, am 6. August 1945 in Hiroshima so zu tun, als würde einem die Detonation der Atombombe am Arsch vorbeigehen, als diesen bestialischen Gestank schweizerisch korrekt totzuschweigen.

Da Angriff bekanntlich die beste Verteidigung ist, drehte ich mich zu der älteren Dame, die links von mir stand. Ich warf ihr einen vorwurfsvollen Blick zu, mit dem ich sie ungefähr fragte, ob das jetzt wirklich nötig gewesen sei und ob ich sie zur Notaufnahme begleiten solle, da sie ja offensichtlich respektive offenriechlich ein ernsthaftes medizinisches Problem habe und innerlich verwese. Aber sie verdrehte nur angeekelt die Augen, starrte mich ungläubig an und teilte mir freundlich, aber bestimmt mit, dass mindestens drei Menschen in einem Lift stecken müssten, wenn man die Schuld für so ein Missgeschick jemand anderem in die Hosen schieben wollte. Ich sah mich um – und tatsächlich, wir waren nur zu zweit. Verdammt!

Gut zu sein ist gar nicht so einfach. Es ist harte Arbeit. Immer und immer wieder. Dabei muss man sich meiner Meinung nach nicht an den Zehn Geboten von Moses, dem kategorischem Imperativ von Immanuel Kant oder an «Don’t be evil» im Verhaltenskodex von Google orientieren. Schließlich wäre das Christentum nicht zur Weltreligion aufgestiegen, wenn sich dessen Anhänger an die eigenen Empfehlungen gehalten hätten. Was wäre wohl mit dem ersten Kreuzritter passiert, der vor den Toren Jerusalems seine Kameraden daran erinnert hätte, dass sie nicht töten sollen? Im Alltag sämtliche Entscheidungen intellektuell mit dem kategorischen Imperativ abzuwägen, stelle ich mir auch zu aufwendig vor.

Und was Google betrifft: Warum sollte ich mir von einer Institution, die Menschen auch dabei hilft, Anleitungen zum Bombenbau, Rezepte zum Giftmischen, Tipps zur Steuerhinterziehung, Vorträge von David Icke oder Videos von Nickelback zu finden, sagen lassen, was ich zu tun habe? Nein. Wenn ich etwas Gutes tun möchte, dann überlege ich nicht lange, ob es das absolut Gute überhaupt gibt, ob nicht jede gute Handlung auch böse Nebenwirkungen haben kann, ob es gute Handlungen gar nicht geben kann, sondern nur gute Absichten oder ob gut gemeint nicht der erste Schritt ins Verderben ist, sondern ich überlege nur kurz, was wohl der kleine Grisu in meiner Situation machen würde, und handle entsprechend. Und das ist bestimmt immer gut so.

Übrigens: Als ich meiner Mutter den schön verpackten Kerzenständer ein paar Tage später mit einer flammenden Dankesrede für ihre Mühen und Entbehrungen während meiner Aufzucht feierlich überreichte, dachte sie, dass hier etwas nicht stimmen konnte. Sie war felsenfest davon überzeugt, dass ich sie mit diesem Geschenk auf ihre Seite ziehen wollte, weil ich bestimmt etwas Gravierendes ausgefressen hatte, das ihr schon bald zu Ohren kommen würde, und löcherte mich mit Fragen: «Hast du geraucht? Hast du eine Parkbusse bekommen? Hast du in Mexiko das Sinaloa-Kartell überfallen, dabei Kokain im Wert von 25 Millionen US-Dollar geklaut, ihren Hauptsitz abgefackelt, die Drogen in den Därmen von einbeinigen Prostituierten in die Staaten geschafft und in Albuquerque total überteuert an christliche Schulkinder verkauft, den Erlös in einem Hinterhof in Las Vegas in einem illegalen kambodschanischen Glückspiel, bei dem zwölf Makakenbabys geköpft werden mussten, verdoppelt, das Geld schlussendlich der Organisation Contra Natura gespendet und während dieser zwei Wochen nie deine Unterhose gewechselt?»

Typisch Mutter, immer misstrauisch. Nur Gutes zu tun reicht anscheinend nicht aus. Man braucht auch noch jemanden, der einem die gute Tat abnimmt.

BON JOVI KNUTSCHEN, WASSER UND KUSCHELROCK

1983 startete die Band Bon Jovi aus New Jersey ihre unvergleichliche Weltkarriere. Ich gehe mal davon aus, dass die Idee für den Bandnamen von Sänger Jon Bon Jovi stammt. Wie er seine Kollegen davon überzeugen konnte, dass es keine Alternativen dazu gibt, das bleibt ein Geheimnis der Band. Wahrscheinlich drohte er damit, ihnen sein Haarspray in die Augen zu sprühen, wenn sie mit Gegenvorschlägen auftauchen. Es ist eine unbestrittene Tatsache, dass es wenig auf dieser Welt gibt, das noch uncooler ist als Bon Jovi. Dazu gehören vielleicht E-Zigaretten, Leute mit Kleeblätter-Ohrsteckern, Frauen mit Schnurrbart, Männer mit Schnurrbart, Hämorrhoiden, Rafael Beutl, Typen, die mit Karabinern ihren Schlüsselbund an der Hose befestigen, aber keine Hipster sind, alle T-Shirts, die man von seiner Mutter geschenkt bekommt, Hipster, Dell-Laptop-User, Radiomoderatoren, die immer unglaublich gut drauf sind, Modellflugzeugpiloten, die mehr als zwölf Jahre alt sind, und Menschen, die aus nicht ironischen Gründen einen Fiat Multipla fahren.

Der Fiat Multipla ist übrigens das einzige Fahrzeug der Welt, das nach einem Unfall besser aussieht als vorher. Wenn ich Polizist wäre, würde ich konsequenterweise sämtliche Fiat-Multipla-Fahrer aus dem Verkehr ziehen. Wenn jemand so ein hässliches Auto kauft, leidet er garantiert unter einer Sehschwäche und gehört nicht hinters Steuer. Ich hechte jedenfalls immer blitzschnell in Deckung, wenn ich irgendwo einen fahrenden Fiat Multipla entdecke. Sicher ist sicher.

Zurück zu Bon Jovi. Die Tatsache, dass es die Band seit bald vierzig Jahren gibt, ist vielleicht ein Hinweis darauf, dass Coolness gar nicht mal so erstrebenswert ist. Die Coolen scheißen auf Gesundheit, Sicherheit oder gesellschaftlich akzeptierte Verhaltensnormen und leben dementsprechend weniger lang. Jim Morrison, Kurt Cobain, Tupac Shakur, Bon Scott oder Falco – sie alle traten mehr oder weniger in der Blüte ihrer Jugend von der Weltbühne ab. Sie nahmen das Lebensmotto «Sex, Drugs and Rock n’ Roll» ernst. Das Konzept bei Bon Jovi heißt eher «Knutschen, Wasser und Kuschelrock». Bei Bon Jovi hat man das Gefühl, dass sich die Bandmitglieder ausschließlich von gedünstetem Gemüse und ungespritzten Erdbeeren ernähren, früh ins Bett gehen, direkte Sonneneinstrahlung meiden, sich im Volvo anschnallen, ihren Ehefrauen treu sind und mit diesen auch nur Safer Sex in der Missionarsstellung praktizieren. Sie leben alle so gesund, sie könnten prompt Botschafter für den Vitaparcours oder eine Krankenkasse sein. Diese Tatsache ist für einen Rockstar so rufschädigend wie ein Sponsorenvertrag mit Marlboro für einen Triathleten.

Nein, Bon Jovi ist keine dreckige, lebensverachtende, selbstzerstörerische Rockband, die auf ihren Tourneen schwangere Groupies und brennende Konzerthallen hinterlässt. Ganz im Gegenteil: Bon Jovi geben sich sogar wirklich Mühe, Coolness mit ihrem solarstrombetriebenen Tour-Bus großräumig zu umfahren.

Frontmann Jon Bon Jovi heiratete mit 27 Jahren. Ein richtiger Rockstar hat in diesem Alter nur eines zu tun: spektakulär abkratzen und auf der Bühne jemandem Platz machen, der noch abgefuckter drauf ist als er. Auch die Tätowierungen der Bandmitglieder sehen so aus, als hätte sich der Tattoo-Stecher einen Scherz erlaubt und die Zeichnungen seiner blinden Kinder verewigt. Jon Bon Jovi hat beispielsweise ein Superman-Logo auf seiner linken Schulter. Das darf man eigentlich nur machen, wenn man selbst Superman ist. Peinlicher als das Superman- Logo wäre höchstens noch die Tätowierung einer Dose Hundefutter, eines japanischen Schriftzeichens, das einen lebenslang an die zweistündige Zwischenlandung am Flughafen von Tokio erinnern soll, oder einer Lebensweisheit von Hausi Leutenegger, wie zum Beispiel «Lieber Selfmade-Milliardär als Lotto-Millionär».

Bon Jovi beweisen auch heute immer wieder, dass sie der Disney-Film unter den Rockbands sind. Sie fluchen nicht und sie schauen immer mit großen, herzigen Augen. Frontmann Jon Bon Jovi macht sich für die Demokraten stark, die Band zerstört keine Gitarren auf der Bühne und hinterlässt jedes Hotelzimmer in einem besseren Zustand, als sie es bezogen hat. Wenn sich ein Hotelier auf den nächsten Besuch einer Rockband freut, dann ist das normalerweise so schräg, wie wenn die Stadt New Orleans Hurrikan Katrina vermisst, Marseille die russischen Fußball-Hooligans oder Barcelona die Millionen von Airbnb- Touristen.