Das Buch der Schatten - Verwandte Geister - Cate Tiernan - E-Book

Das Buch der Schatten - Verwandte Geister E-Book

Cate Tiernan

0,0
6,99 €

Beschreibung

Dramatisch, packend und absolut magisch!

Morgan ist erschüttert: Ausgerechnet Ciaran, der Anführer des dunklen Hexenzirkels Amyranth und der Mörder ihrer Mutter, ist ihr leiblicher Vater. Ist sie damit zum Bösen verdammt? Aus Furcht vor ihrer dunklen Seite trennt sie sich von Hunter. Doch dann kommt die Nachricht von einer dunklen Welle, mit dessen Hilfe Amyranth den Hexenzirkel Starlocket zerstören will. Um diesen Angriff zu verhindert, wird Morgan gebeten, Ciarans Vertrauen zu gewinnen – und steht damit vor der Entscheidung ihres Leben …

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 289

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0



Die Autorin

Foto: © Paul L. della Maggioro

Cate Tiernan wuchs in New Orleans auf und studierte russische Literatur an der New York University. Sie arbeitete zunächst in einem renommierten Verlag in New York, bevor sie beschloss, selbst Schriftstellerin zu werden. Ihre Hexenserie »Das Buch der Schatten« ist ein riesiger Erfolg und wurde in mehrere Länder verkauft; ein Kinofilm ist in Arbeit. Heute lebt Cate Tiernan mit ihrem Mann, zwei Töchtern und zwei Stiefsöhnen, einem Pudel und vielen Katzen in North Carolina.

Von Cate Tiernan ist bei cbt bereits erschienen:

Das Buch der Schatten– Verwandlung (38003)

Das Buch der Schatten– Magische Glut (38004)

Das Buch der Schatten– Bluthexe (38005)

Das Buch der Schatten– Flammende Gefahr (38006)

Das Buch der Schatten– Dunkle Zeichen (38007)

Das Buch der Schatten– Böse Mächte (38008)

Das Buch der Schatten– Schwarze Seelen (38009)

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.cbt ist der Jugendbuchverlag

in der Verlagsgruppe Random House

1. Auflage

Erstmals als cbt Taschenbuch Dezember 2013

Gesetzt nach den Regeln der Rechtschreibreform

© 2001 17th Street Productions, an Alloy company,

and Gabrielle Charbonnet

Published by arrangement with Rights People, London

Die amerikanische Originalausgabe erschien

unter dem Titel »Sweep– Changeling«

bei Penguin US, New York

© 2013 cbt Verlag, München

in der Verlagsgruppe Random House GmbH,Neumarkter Str. 28, 81673 München

Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten

Übersetzung: Elvira Willems

Umschlaggestaltung: © Isabelle Hirtz, München,

unter Verwendung eines Bildes von Yurchyks / Shutterstock

kg · Herstellung: kw

Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling

ISBN: 978-3-641-10727-7V002

www.cbt-jugendbuch.de

Für meinen inneren Wolf

1

Durchbruch

Zweifellos habe ich nicht gewusst, was das Wort »gottverlassen« wirklich bedeutet, bevor ich an diesen Ort kam. Barra Head liegt an der Westküste des schottischen Hochlands; eine wildere, ungezähmtere Landschaft lässt sich nur schwer vorstellen. Doch, Bruder Colin, ich freu mich überaus, hier zu sein, und bin begierig, den guten Menschen hier die Botschaft des Herrn zu bringen. Morgen werde ich mich mit den Leuten bekannt machen und ihnen die Freude von Gottes Wort bringen.

– Bruder Sinestus Tor, Zisterziensermönch, in einem Brief an seinen Bruder Colin, ebenfalls Mönch, September 1767

»Okay, ich bin weg«, sagte meine Schwester Mary K. und lief die Treppe hinunter. Draußen war gerade das charakteristische Hupen des Minivans der Mutter ihrer Freundin Jaycee erklungen.

»Bis dann«, rief ich ihr hinterher. Obwohl meine kleine Schwester Mary K. erst vierzehn war, wirkte sie in mancher Hinsicht eher wie Mitte zwanzig und war auch körperlich viel reifer als ich.

»Schatz?« Meine Mutter steckte den Kopf zu meiner Tür herein. »Komm doch mit uns zu Eileen und Paula.«

»Heute lieber nicht«, sagte ich und bemühte mich, nicht unfreundlich zu klingen. Ich hing sehr an meiner Tante Eileen und ihrer Freundin Paula, konnte mir aber nur schwer vorstellen, mit ihnen zu plaudern, zu lächeln, zu essen und so zu tun, als wäre alles ganz normal, wo doch vor ein paar Tagen mein ganzes Leben in Stücke gebrochen war.

»Sie hat Seegrassalat gemacht«, versuchte meine Mutter, mich zu locken.

»Iiiih!« Ich streckte ihr die gekreuzten Zeigefinger entgegen, um das gesunde Essen abzuwehren, und meine Mutter verzog das Gesicht.

»Okay. Ich dachte nur, du möchtest gern noch mal mit der Familie zusammen essen«, sagte sie in Schuldgefühle einflößendem Tonfall.

»Mom, ihr seid nur elf Tage weg. Wir sehen uns noch den Rest meines Lebens. Wir werden noch endlos oft mit der Familie zusammen essen«, sagte ich. Meine Eltern wollten am nächsten Tag zu einer Kreuzfahrt auf die Bahamas aufbrechen, um ihren Hochzeitstag zu feiern.

»Mary Grace?«, rief mein Vater, was übersetzt so viel hieß wie: Beeil dich!

»Okay.« Meine Mutter sah mich nachdenklich an und plötzlich war die ganze Leichtigkeit des Augenblicks verflogen. Meine Eltern und ich hatten in den letzten Monaten einiges durchgemacht, und ab und zu stiegen die Erinnerungen daran wieder auf und zwickten uns.

»Viel Spaß«, sagte ich und wandte mich ab. »Sag Eileen und Paula schöne Grüße von mir.«

»Mary Grace?«, sagte mein Vater noch einmal. »Tschüs, Morgan. Wir bleiben nicht zu lange.«

Kaum fiel die Haustür ins Schloss, entspannten sich meine Schultern vor Erleichterung. Endlich allein. Frei, ich selbst zu sein, wenigstens für ein Weilchen. Frei, mich elend zu fühlen, mich auf dem Bett zusammenzurollen, ziellos im Haus herumzuwandern, ohne mit jemandem reden oder einen einigermaßen normalen Eindruck machen zu müssen.

Wobei: Frei, ich selbst zu sein, war eher ein Witz. Ich war Wiccanerin. Und nicht nur Wiccanerin, sondern eine Bluthexe und eine Woodbane obendrein. Mein leiblicher Vater, Ciaran MacEwan, hatte meine leibliche Mutter, Maeve Riordan, umgebracht. Ciaran war eine der bösesten, gefährlichsten und unbarmherzigsten Hexen, die es gab, und ich stammte zur Hälfte von ihm ab. Was sagte das über mich?

Ich betrachtete mich im Schlafzimmerspiegel. Ich sah immer noch aus wie ich: glattes braunes Haar, haselnussbraune Augen, eine ganz leicht schräg stehende starke Nase. Ich war ein Meter achtundsechzig groß, siebzehn Jahre alt, und ich wartete noch darauf, dass mein Körper weibliche Kurven entwickelte.

Ich sah nicht aus wie eine Rowlands. Auch wenn ich ganz anders aussah als der Rest meiner Familie und Mary K. und ich so verschieden waren, war ich sechzehn Jahre lang gar nicht auf die Idee gekommen, ich könnte keine Rowlands sein. Jetzt wussten wir alle, warum ich so anders war: weil ich eine geborene Riordan war.

Mit schmerzender Brust ließ ich mich aufs Bett plumpsen. Erst vor ein paar Tagen war ich nur knapp dem Tod entkommen– Ciaran hatte in Manhattan versucht, mich umzubringen. Als er erkannt hatte, dass ich seine Tochter war, hatte er es sich anders überlegt und meinem Freund Hunter geholfen, mich zu retten. Mein Vater hatte schon meine Mutter umgebracht. Er hatte versucht, mich zu töten. Ciaran war unglaublich böse und dieses Böse war auch ein Teil von mir. Wie konnte Hunter nur so tun, als würde er nicht verstehen, warum ich mich von ihm getrennt hatte?

O Göttin, Hunter, dachte ich voller Sehnsucht. Ich liebte ihn, begehrte und bewunderte ihn, vertraute ihm und respektierte ihn. Er war groß und blond, sah gut aus und hatte einen tollen englischen Akzent. Er war eine machtvolle initiierte Bluthexe, halb Woodbane, und er war Sucher des Internationalen Rats der Hexen. Er war mein mùirn beatha dàn– mein Seelengefährte. Für die meisten Menschen hieß das, dass sie dazu bestimmt waren, für immer zusammen zu sein. Doch ich stammte von einer der bösesten Hexen in der Geschichte von Wicca ab. Durch dieses Erbe war ich für immer verdorben. Ich war vergiftet und würde alles zerstören, was ich anfasste. Ich ertrug den Gedanken nicht, Hunter wehzutun; dieses Risiko konnte ich einfach nicht eingehen. Also hatte ich ihm gesagt, ich würde ihn nicht mehr lieben und er solle mich in Ruhe lassen.

Deswegen war ich jetzt allein und hatte mich die letzten Tage an das Kopfkissen geklammert und mich vor Einsamkeit verzehrt, krank vor Elend.

»Was soll ich bloß machen?«, fragte ich laut. Es war Samstag und Kithic, mein Hexenzirkel, traf sich zum wöchentlichen Kreisritual. Imbolc stand kurz bevor– einer unserer acht jährlichen Hexensabbate–, und ich wusste, dass wir uns an diesem Abend über die Vorbereitungen für die Feier unterhalten wollten. Zum Kreisritual zu gehen, das Engagement aufzubringen, jede Woche dabei zu sein, gehörte zum Wicca-Leben dazu. Es war Teil des Jahresrads, Bestandteil des Lernens. Eigentlich hätte ich hingehen müssen.

Aber ich konnte einfach nicht. Der Gedanke, Hunter zu sehen und die anderen Mitglieder meines Hexenzirkels, die mich mitleidig, ängstlich oder misstrauisch beäugten, war mir unerträglich.

»Miau?«

Ich sah mein Katerchen an.

»Dagda«, sagte ich und hob ihn hoch. »So langsam wirst du ein großer Junge mit einem lauten Miau.« Ich streichelte ihn und spürte seinen Körper vom Schurren vibrieren.

Wenn ich heute Abend zum Kreisritual ging, würde ich Hunter sehen, seinen Blick spüren, seine Stimme hören. War ich stark genug, mich dem schon zu stellen? Ich glaubte es nicht.

»Ich kann da nicht hin«, erklärte ich Dagda. »Ich bleibe hier. Ich mache hier ein Kreisritual.« Mit dem Gefühl, auf diese Weise ebenfalls mein Engagement für Wicca zu zeigen, stand ich auf. Vielleicht konnte es meinen Schmerz lindern, wenn ich die magische Kraft herbeirief. Vielleicht konnte es mich– wenigstens für ein Weilchen– von Hunter ablenken und von dem Bösen, das ich geerbt hatte.

Ich ging in meinen begehbaren Kleiderschrank und zog unter dem Bademantel meinen Altar heraus. Soweit ich wusste, hatten meine Eltern ihn noch nicht entdeckt. Der Altar bestand aus einer kleinen Truhe, über die ich ein lilafarbenes Leinentuch gelegt hatte, und ich benutzte ihn, wenn ich zu Hause ein Ritual abhalten wollte. Er war hinten im Schrank versteckt, wo meine Eltern, die streng katholisch waren, nicht unbedingt darüberstolpern konnten. Es war schon schlimm genug für sie, dass ich überhaupt Wicca praktizierte, und sie wären sehr unglücklich, wenn sie wüssten, dass ich Wicca-Utensilien im Haus hatte.

Ich schob die Truhe mitten ins Zimmer und richtete sie so aus, dass die Ecken in die vier Himmelsrichtungen zeigten (das hatte ich vor Wochen herausgefunden und mir die entsprechende Position gemerkt). Auf die vier Ecken der Truhe stellte ich die zeremoniellen Silberschalen, die meiner leiblichen Mutter gehört hatten. Wie immer ruhte mein Blick voller Liebe und Dankbarkeit darauf. Ich hatte Maeve nicht gekannt, doch ich war im Besitz ihrer magischen Werkzeuge, und sie bedeuteten mir alles.

In eine Schale goss ich frisches Wasser. In die zweite Schale, die halb mit Sand gefüllt war, steckte ich ein Räucherstäbchen und zündete es an. Der dünne graue wohlduftende Rauchfaden symbolisierte das Element Luft. In der dritten Schale war eine Handvoll Steine und Kristalle als Symbol für das Element Erde. In der letzten Schale zündete ich eine dicke rote Kerze an, die für Feuer stand. Die Farbe der Kerze stand für Macht, für Leidenschaft, für Feuer, für mich. Feuer war mein Element, ich wahrsagte damit und konnte mit meiner Willenskraft Feuer entzünden.

Rasch legte ich meine Kleider ab und streifte mein grünes Gewand über. Die dünne Seide war mit keltischen Symbolen bestickt, Runen und Sigillen des Schutzes und der Macht. Maeve hatte dieses Gewand getragen, als sie zu Hause in Irland die Kreisrituale ihres Hexenzirkels geleitet hatte. Davor hatte ihre Mutter Mackenna es getragen. Und so weiter, über viele Generationen.

Ich trug das Gewand unglaublich gern, denn dann hatte ich das Gefühl, meiner Bestimmung zu folgen, und ich spürte darin eine Verbindung zu den Frauen, die ich nicht gekannt hatte. Konnte das Gute von Maeve das Böse von Ciaran in mir aufheben? Welche Hälfte würde siegen?

Sobald die Falten des Gewands mich umschwebten und mich ganz in ihre magischen Schwingungen hüllten, holte ich meine anderen Werkzeuge heraus: einen Athame und einen langen, schmalen Magierstab mit Verzierungen aus Silberdraht, die in das dunkle alte Holz getrieben worden waren. Ich war bereit.

Zuerst zeichnete ich mit Kreide einen Kreis auf den Boden. Mit flüchtigem Stolz bemerkte ich, dass meine Kreise immer perfekter wurden. Der hier war fast ganz rund. Ich trat hinein, schloss ihn und kniete vor dem Altar nieder. »Göttin und Gott, ich rufe euch an«, sagte ich leise und blickte in die Kerzenflamme. »Eure Tochter Morgan ruft eure Göttlichkeit und eure Macht an. Helft mir, Magie zu wirken. Helft mir zu lernen. Zeigt mir, was zu wissen ich bereit bin.« Dann schloss ich die Augen, atmete ganz aus und langsam wieder ein. Kaum eine Minute später war ich in einem tiefen meditativen Zustand versunken. Ich hatte so viel geübt, dass meditieren so selbstverständlich geworden war wie einen Muskel anspannen. Es war da, fast sofort, und es war stark.

Was bin ich bereit zu wissen?, fragte ich. Vor mir spulte sich ein schmaler Feldweg ab. Bäume und Sträucher säumten beide Ränder, was den Weg einladend machte und abgeschieden zugleich. Ich folgte dem Weg, weich und ohne dass ich das Gefühl hatte, Schritte zu machen– als würde ich über die festgefahrene Erde schweben. Es fühlte sich wunderbar an, aufregend. Neugierig bewegte ich mich schneller.

Ich flog um eine Kurve und fuhr voller Entsetzen zurück. Meiner Kehle entstieg ein wortloser Schrei. Eine sterbende Schlange versperrte mir den Weg, eine schwarze zuckende zweiköpfige Schlange. Ihr Fleisch war zerrissen und zerfressen; beißendes Blut befleckte den Untergrund, bei dessen bitterem, widerlichem Gestank ich mir Nase und Mund zuhalten musste. Das Ding lag im Sterben. Es wand sich im Todeskampf und zuckte noch ein paarmal, während es seinen letzten Atem verströmte und sämtliches Blut aus ihm floss. Ich bewegte mich langsam rückwärts, unsicher, wie gefährlich das Tier noch war, und dann senkte sich vom Himmel ein wunderschöner kalter kristallener Käfig über die zweiköpfige Schlange. Mit einem letzten gequälten Aufschrei peitschte sie ihren mit Stacheln besetzten Schwanz und starb. Der Käfig schimmerte sanft über ihr, er schien aus Luft gemacht, aus Musik, aus Gold, aus Kristallen. Er war ganz aus Magie. Ich hatte ihn gemacht. Und mit Hilfe meines Käfigs die Schlange besiegt.

Keuchend hangelte ich mich zurück in die Wirklichkeit, und als ich die Augen aufschlug, klopfte mein Herz wie wild, und in der Nase hatte ich noch den Gestank des Schlangenbluts. Mir war danach, mich zu übergeben, die schrecklichen Bilder verharrten noch auf meiner Netzhaut. Die zweiköpfige Schlange, das waren Cal Blaire und Selene Belltower gewesen. Um das zu wissen, brauchte ich keinen Abschluss in Psychologie. Mein Unterbewusstsein kämpfte wohl immer noch mit diesem schrecklichen Erlebnis. Kein Tag war seither vergangen, an dem ich nicht an den Tod von Cal und seiner Mutter Selene gedacht hatte. Ich blickte auf meine rote Kerze und schauderte. Ausgeschlossen, dass ich diesen Weg heute Abend weiterverfolgte. Vielleicht musste ich es sehen, vielleicht hatte die Magie es mir vor Augen führen müssen, um etwas daraus zu lernen, doch ich fühlte mich dem nicht gewachsen. Ich konnte nur hoffen, dass die Erinnerungen im Laufe der Zeit in den Tiefen meines Hirns versinken würden.

Ich schluckte und betrachtete den Rauchfaden, der von dem Räucherstäbchen aufstieg. Wenn ich dem Weg meines Unterbewusstseins weiter gefolgt wäre, hätte ich mich gesehen– in New York und kurz davor, wegen meiner magischen Kräfte von Ciarans Hexenzirkel geopfert zu werden.

Nein danke. Das genügte. Die Göttin hatte wohl gedacht, ich wäre bereit dafür, doch ich fühlte mich ganz und gar nicht so.

Wieder richtete ich den Blick auf die rote Kerze. Ich steckte in einer seltsamen Situation: Ich war eine ungewöhnlich mächtige Bluthexe. Doch weil ich erst vor ungefähr drei Monaten von Wicca entdeckt worden war, war ich, was die Ausübung der Magie anging, noch relativ ungeschult. Ich hatte mir alle Mühe gegeben zu lernen, doch angesichts der Breite und der Tiefe dessen, was eine Hexe alles wissen musste, würde das wohl mein ganzes Leben lang so bleiben. Außerdem war ich noch nicht initiiert. Eine uninitiierte Hexe hatte noch nicht die volle Gewalt über ihre magischen Kräfte– ja, eigentlich sogar gar keine Gewalt darüber. Zumindest sagten mir das alle immer wieder.

Bis jetzt hatte ich es toll gefunden, zu spüren, wie meine magische Kraft wuchs und gedieh, sich reckte wie eine Pflanze zum Licht. Je öfter ich Magie wirkte, desto stärker kam sie mir vor und desto leichter fiel es mir, sie zum Fließen zu bringen. Obwohl ich eine Woodbane war, hatte ich geglaubt, meine Magie wäre gut, ich würde sozusagen im Sonnenschein wandeln. Belwicket war ein Woodbane-Hexenzirkel gewesen, hatte jedoch schon vor Jahrhunderten der dunklen Seite abgeschworen. Doch dann hatte ich erfahren, dass Ciaran mein leiblicher Vater war, und alles, was ich bis dahin geglaubt hatte, war eingestürzt wie ein Kartenhaus. Ich war mir nicht mehr sicher, dass ich Magie für Gutes nutzen würde. Ob ich mich aus den Grauzonen heraushalten konnte. Jetzt dachte ich mit jedem Atemzug daran, dass ich aus Bösem geboren worden war, dass ich die Tochter eines Mörders war. Und dass mich das Hunter gekostet hatte.

Ich habe eine Wahl, dachte ich. Ich entscheide mich, Magie für Gutes zu verwenden.

Ich richtete den Blick auf den Altar und konzentrierte mich, zentrierte mich und bündelte meine Energie. Steig auf, dachte ich, den Blick auf die silberne Schale mit dem Räucherstäbchen gerichtet. »Steig auf, sei leicht, sei leicht wie Luft. Ich heb dich hoch und halt dich dort.« Der kleine Vers war mir unvermittelt in den Sinn gekommen und im nächsten Augenblick wankte die silberne Schale auch schon ein wenig und stieg dann zitternd über dem Altar auf. Dort schwebte sie, schwerelos, während ich schockiert darauf starrte. O Gott, dachte ich. Wicca hatte mir in den letzten drei Monaten viele Dinge gezeigt, die ich niemals für möglich gehalten hätte, doch die Vorstellung, dass ich die Macht besaß, Dinge schweben zu lassen, haute mich um.

Okay, konzentrier dich, sagte ich mir, als die Schale zu kippen drohte. Ich konzentrierte mich. Fast augenblicklich stabilisierte sie sich wieder.

Als Nächstes ließ ich die Kerze aufsteigen und ließ die beiden Objekte vor mir schweben. Ging es auch mit dreien? Ja. Die Wasserschale erhob sich graziös. Ich konnte sie jetzt ruhiger halten, und die drei Objekte schwebten vor mir, als ich meine Aufmerksamkeit der Schale mit den Kristallen zuwandte. Dies war erstaunliche, intensive Magie. Ich wusste, dass diese Fähigkeit nicht von meiner Freundin Alyce Fernbrake stammte, die in dem machtvollen Ritual tàth meànma brach ihr ganzes magisches Wissen mit mir geteilt hatte.

Das hier war ich, diese magische Kraft war allein meine. Sie war schön und gut auf eine Weise, wie ich es nie sein konnte.

Ein leichtes Vibrieren des Fußbodens entging meiner Aufmerksamkeit, als ich mich daran machte, die Schale mit den Kristallen schweben zu lassen. Doch dann drang etwas an meine Ohren, was mich ablenkte… Mist, das waren Schritte!

Ich sprang auf, schob rasch den Altar hinter den Schreibtisch und kickte die silbernen Schalen und die Kerze aus dem Weg. Hoffentlich hatte ich nicht den Teppich versengt. Ich sprang ins Bett und zog mir gerade die Decke über die Ohren, als die Tür zu meinem Zimmer aufging.

»Morgan?«, flüsterte meine Mutter und linste herein.

Ich schlafe, ich schlafe schon tief und fest, dachte ich, und meine Augenlider wurden schwer. Meine Mutter schloss leise die Tür, und ich hörte, wie sie den Flur runterging. Ich wartete noch, bis die Tür zu ihrem Schlafzimmer zuging, dann schlich ich aus dem Bett und räumte so leise wie möglich auf. Das war unendlich dumm gewesen. Ich war so von mir eingenommen gewesen, dass ich vergessen hatte, einen Grenzzauber zu wirken, der mich beim Nachhausekommen meiner Eltern gewarnt hätte. Ich hatte meine Sinne nicht ausgeworfen und nicht auf meine Umgebung geachtet.

Behutsam schob ich den Altar zurück in den Schrank. Ich legte das magische Gewand ab, sammelte die Schalen und die magischen Werkzeuge ein und versteckte sie zusammen mit dem Altar. Am nächsten Tag würde ich sie dort verstauen, wo ich sie normalerweise versteckte: hinter der Abdeckung der Klimaanlage im Flur. Ganz schön eingebildet, was?, dachte ich entrüstet, während ich versuchte, den Sand mit den Fingern zusammenzukratzen. Du willst einfach nur Magie machen, ohne über die Folgen nachzudenken. Du benimmst dich wie eine Woodbane.

Ich wischte den Kreis weg, so gut es ging. Den Rest musste ich am nächsten Tag machen. Dann putzte ich mir die Zähne und schlüpfte in meinen Schlafanzug, ging ins Bett und zog die Decke bis ans Kinn. Mein ganzes Elend war wieder da, ja, sogar noch mehr. Ich hatte heute Abend das Kreisritual meines Hexenzirkels versäumt. Ich war Ciarans Tochter. Ich hatte Hunter verloren. Wenn die Dinge schon jetzt so schlecht standen, wo ich erst siebzehn war, wie sollte es denn sein, wenn ich auf die dreißig zuging?

2

Allein

Bruder Colin, vor Dir, der Du mein Fleisch und Blut bist und mein Mitbruder vor Gott, werde ich keine Ausflüchte machen. Ich habe eben erst mit meiner Arbeit hier begonnen, und ich werde zufrieden sein, wenn ich bis ans Ende meiner Tage brauche, um die Menschen von Barra Head zu erreichen. Doch ich musste überrascht feststellen, dass das gemeine Volk sich gegen das Wort Gottes sträubt. Gewiss, es gibt eine Handvoll frommer Seelen, aber alles ist von der alten Religion durchdrungen. Wohin ich auch schaue, sehe ich uralte Sigillen, in den Fels gehauen, auf die primitiven Häuser aus Grassoden und Stein gemalt: Selbst Kräutergärten wachsen in heidnischen Mustern. Gewiss hat Gott mich hierher geschickt, um diese Menschen zu retten, diese sogenannten Wodebaynes.

– Bruder Sinestus Tor an seinen Bruder Colin, November 1767

Stunden später lag ich immer noch wach im Bett und betrachtete die wandernden Schatten auf den vor Kurzem frisch gestrichenen Wänden meines Schlafzimmers. Ich hatte gedacht, ich wäre müde, aber ich konnte keinen Schlaf finden. Jetzt ließ ich meine Sinne durchs Haus streifen. Mary K., nur durch unser gemeinsames Bad von mir getrennt, schlief tief und fest. Sie war kurz nach meinen Eltern nach Hause gekommen, ganz aufgekratzt bei dem Gedanken, elf Tage bei ihrer Freundin Jaycee wohnen zu dürfen: eine ununterbrochene Pyjamaparty. Ihre drei Koffer standen schon gepackt an der Haustür.

Auch meine Eltern schliefen: meine Mutter leicht und unruhig, mein Vater tiefer. Sie waren nervös wegen der Reise, nervös, weil sie uns so lange allein ließen.

Ich drehte mich auf die Seite. Heute Abend hatte ich Objekte schweben lassen. Es war unglaublich gewesen, wenn auch ein wenig erschreckend. Wäre ich nicht so verzweifelt, wäre es eine wunderschöne fröhliche Erfahrung gewesen. Aber so war Wicca: hell und dunkel zugleich und Teil desselben. Tag und Nacht. Schönes und Hässliches, Gut und Böse. Die Rose und der Dorn.

Morgan. Als die Stimme in meinem Kopf widerhallte, blinzelte ich und warf meine Sinne richtig aus. O Gott, unten vor der Haustür stand Hunter. Es war halb zwei, mitten in der Nacht. Zwei Gedanken schossen mir durch den Kopf: Ich kann ihn unmöglich sehen. Und: Hoffentlich weckt er nicht meine Eltern.

Morgan. Ich biss mir auf die Lippe und stand auf, denn mir war klar, dass ich keine Chance hatte. Obwohl ich todunglücklich war, setzte mein verräterisches Herz einen Schlag aus, so sehr freute es sich, Hunter zu sehen. Ganz leise schob ich die Füße in meine Bärentatzen-Pantoffel und tappte nach unten, wo ich meinen Parka überzog und so leise wie möglich die Haustür öffnete.

Da stand er, sein dünnes, helles Haar schimmerte im Wintermondschein. Sein Gesicht lag im Dunkeln, doch ich sah die harte Linie seines Kinns, die wie gemeißelte Bögen seiner Wangenknochen. Es waren nur ein paar Tage gewesen, doch die Sehnsucht nach ihm war so stark, dass es regelrecht wehtat.

»Hi«, sagte ich, ohne ihn anzusehen. Meine Haare waren ungekämmt und mein Gesicht fühlte sich müde und abgespannt an.

»Du hast das Kreisritual verpasst«, sagte er ruhig und legte den Kopf in den Nacken, um mich anzusehen. In der kalten Januarluft kamen seine Worte heraus wie der wolkige Atem eines Drachen. »Warum?«

Erfahrene Hexen können lügen und einander ziemlich gut an der Nase herumführen. Aber wenn ich log, wüsste Hunter es sofort. »Ich wollte dich nicht sehen.« Ich versuchte, stark zu klingen, aber meine Körpersprache schrie bestimmt lauthals »Kummer« und »Angst«.

»Warum?« Seine Miene veränderte sich nicht, doch ich spürte den Schmerz und die Wut, die ich in ihm ausgelöst hatte. »Bin ich jetzt plötzlich abstoßend?«

Ich schüttelte den Kopf. »Natürlich nicht«, sagte ich. »Aber ich brauchte ein bisschen Zeit für mich, weil wir uns doch gerade erst getrennt haben.«

»Es gehört zu Wicca, sein Engagement zu zeigen und dem Lauf des Jahresrads zu folgen«, erwiderte Hunter. »Das wöchentliche Kreisritual ist genauso wichtig wie dein Privatleben.«

Zähl bis zehn, bevor du jetzt was sagst, ermahnte ich mich. Er sagte das so, als hätte ich das Kreisritual verpasst, weil ich einen Pickel hätte. Aber er hatte doch gesehen, wie durcheinander und verängstigt ich gewesen war nach dem, was in New York passiert war. Wie sehr ich unter Schock gestanden hatte, als ich herausfand, dass mein leiblicher Vater nicht der nette Angus war– der Mann, der meine Mutter geliebt und viele Jahre an ihrer Seite gelebt hatte–, sondern Ciaran, die böse und zerstörerische Hexe, die für den Tod meiner Mutter verantwortlich war. Hunter hatte selbst gesehen, wie unbarmherzig Ciaran war, ein Woodbane durch und durch, dem es nur darum ging, seine Macht zu vergrößern, um jeden Preis. Hatte ich mit so einem Vater überhaupt eine Chance, eine gute Hexe zu werden? Ich war auch eine reine Woodbane. War es nur eine Frage der Zeit, bevor ich den Verlockungen der schwarzen Magie verfiel? Und wie sollte ich den Ausdruck in Hunters Gesicht ertragen, wenn ich mich am Ende der Finsternis zuwandte? Sein Entsetzen und seine Enttäuschung?

»Ich weiß, dass das Kreisritual wichtig ist«, sagte ich steif. »Aber ich wollte ein bisschen Zeit für mich.«

»Das ist wohl eine Frage der Prioritäten«, sagte er in einem Tonfall, von dem er wusste, dass er mich auf die Palme brachte.

Zu wissen, dass er versuchte, mich aufzustacheln, hinderte mich nicht daran, so zu reagieren, als hätte er ein Streichholz in eine Benzinpfütze geworfen.

»Meine oberste Priorität ist, dich und alle anderen Mitglieder von Kithic vor jedem potenziellen schlechten Einfluss zu schützen!«, zischte ich in der Nachtluft.

»Witzig, dass du denkst, du könntest entscheiden, was für uns das Beste ist.« Er wusste einfach zu gut, wie er mich wütend machte. »Es wäre gut, dich daran zu erinnern, wie viel du noch über Wicca lernen musst. Vielleicht möchten wir ja selbst entscheiden, mit wem wir Umgang haben und Magie wirken wollen und mit wem nicht.«

Ich hatte allergrößte Mühe, meinen Zorn in Schach zu halten. Schön, er war also sauer auf mich, weil ich das Kreisritual versäumt hatte. Aber ich war außer mir, dass er so leicht vergessen konnte, was zwischen uns passiert war– dass ich eine überaus mächtige Hexe war und deswegen keine menschlichen Gefühle haben durfte. Ich war die letzten Tage so abgrundtief unglücklich gewesen. Wie konnte ich da einfach zum Kreisritual gehen, als wäre nichts geschehen?

»Hinzu kommt, dass ich dich nicht liebe«, sagte ich schließlich und betete, dass dieses Gespräch bald endete. »Das hatte auch was damit zu tun.«

Hunters grüne Augen sahen im fahlen Mondlicht grau aus. Doch sie schienen direkt durch meine Augen hindurch bis in meine Seele zu blicken, ganz tief in mich hinein. Er wusste, dass ich log.

»Wir sollten zusammen sein.« Es klang, als kosteten ihn seine Worte Überwindung.

»Das können wir nicht.« Meine Kehle war wie zugeschnürt.

Er schaute hinauf zu den dicken weißen Wolken, die über den Nachthimmel fegten. »Du solltest an Kreisritualen teilnehmen. Wenn nicht bei Kithic, dann bei einem anderen Hexenzirkel.«

Mein Herz tat weh. Ich hätte ihm so gern von meinem Erlebnis mit den schwebenden Silberschalen erzählt. Doch es war besser für ihn, wenn ich es nicht tat. Wenn ich ihm gar nichts mehr von mir erzählte. Plötzlich drehte ich mich erschöpft zur Haustür um.

»Gute Nacht, Hunter.«

»Wenn du meinst.«

Seine Stimme klingelte noch in meinen Ohren, als ich leise ins Haus schlich.

»Morgen!« Wie immer war Mary K. unnatürlich munter, lange bevor mein Biorhythmus mich in eine vertikale Position befördert hatte. Als Mary K. und ich noch nicht wussten, dass ich adoptiert war, hatten wir ständig darüber gewitzelt, dass ich einfach nicht in diese Familie passte. Davon war keine Rede mehr.

»Morgen, Schatz«, sagte meine Mutter kurz zu ihr und wandte sich mir zu. »Morgan, dein Vater und ich machen uns immer noch Sorgen, dass du allein zu Hause bleibst. Aber ich verstehe schon, dass du, wenn du bei Eileen und Paula wohnen würdest, einen längeren Schulweg hättest.«

»Viel länger«, sagte ich. »Um die fünfundvierzig Minuten.«

»Nicht dass es dich umbringen würde, früher aufzustehen«, fuhr Mom fort. »Aber dein Vater und ich haben darüber gesprochen, und wir vertrauen dir, weil wir wissen, dass du uns nie enttäuschen oder unser Vertrauen missbrauchen würdest.«

»Mhm«, machte ich nur. Mary K. stand hinter Mom und beobachtete uns neugierig.

»Aber um ganz sicherzugehen, habe ich ein paar Hausregeln aufgeschrieben. Bitte lies sie durch und sag mir, ob du alles verstehst.«

Mit großen Augen nahm ich einen Bogen Briefpapier entgegen. Langsam las ich, was sie geschrieben hatte, während Mary K., die ihre Neugier kaum verbergen konnte, sich nicht vom Fleck rührte.

Es ging darum, welches Verhalten sie von mir erwarteten, an den Tag zu legen, während sie nicht da waren. An den Tag zu legen?, dachte ich. Als würde ich da draußen auf dem Rasen vor dem Haus leben. Hauptsächlich ging es um Folgendes: keine Jungen im Haus, die Schule nicht versäumen, meine Hausaufgaben machen, jeden Tag Tante Eileen anrufen und Bescheid sagen und keine Partys feiern…

Jetzt war meine Reaktion entscheidend– so wach war ich immerhin, dass mir das klar war.

»Sieht so aus, als hättest du an alles gedacht«, setzte ich an.

Mein Vater kam in die Küche und ging zur Kaffeemaschine. Er warf einen Blick auf uns und traf die strategische Entscheidung, seinen Kaffee im Wohnzimmer zu trinken.

»Kommt mir fair vor, meine ich«, erklärte ich Mom. »Im Großen und Ganzen das, was man eh erwarten würde.«

»Dann bist du einverstanden?«

»Ja, klar. Ich würde eh keine Partys feiern.«

»Und keine Jungen im Haus? Hunter?«

Ich hatte Mühe, nicht zusammenzuzucken. »Wir haben uns getrennt, schon vergessen?«

»O Schatz. Tut mir leid, dass ich es erwähne«, sagte Mom und wirkte ehrlich bekümmert. »Kommst du auch bestimmt allein zurecht?«

»Klar, Mom. Kein Problem.«

Sie zögerte, doch ich machte eine wegwerfende Handbewegung und setzte ein Lächeln auf. Nachdem meine Mutter hochgegangen war, hockte ich mich mit meinem Tee an den Tisch, während Mary K. mir gegenüber auf einem Stuhl Platz nahm. Ihre großen braunen Augen brannten auf Einzelheiten. »Worum ging es bei den ganzen Regeln?«

»Oh, auf dem Pfad der Tugend zu wandeln, wenn sie weg sind, wie eine Heilige.«

»Ehrlich? Also keine Orgien?«

Ich stöhnte. »Sehr witzig.«

Sie kicherte. »Nicht zu fassen, dass sie dir eine Liste mit Regeln gegeben haben. Du bist schließlich nicht Bree.«

Was Mary K. meinte, war, dass Brees Eltern geschieden waren und sie bei ihrem Vater lebte. Mr Warren war Anwalt, er hatte tonnenweise Geld, aber kaum Zeit für Bree. Sie war oft wochenlang ganz allein in dem großen Haus, was ihr reichlich Gelegenheit gab herumzuexperimentieren. Bree war nicht unbedingt wild, aber sie war reich und unbeaufsichtigt.

»Nein, ich bin nicht Bree«, pflichtete ich ihr bei.

»Hast du vor, dich an die Regeln zu halten, oder schießt du sie in den Wind?«

Bei dem süßen Gesicht meiner Schwester und ihrem unschuldigen Auftreten vergaß ich immer wieder, dass sie für eine Vierzehnjährige ganz schön gerissen war.

»Mann.« Ich legte den Kopf auf den Tisch. »Sie geben mir das Gefühl, zehn Jahre alt zu sein.«

Mary K. kicherte und stellte ihren Becher auf den Tisch. »Es wird dir guttun, Heilige Morgan«, sagte sie und stand auf. »Wie Buße.«

»Auf Wiedersehen, Schatz«, sagte meine Mutter eine Stunde später. »Pass auf dich auf. Und ruf Eileen an, wenn du was brauchst.«

»Klar«, sagte ich. »Mach dir keine Sorgen.«

»Ich werde mir Sorgen machen.« Sie sah mir in die Augen. »Mütter machen sich immer Sorgen, das ist ganz normal.«

Ganz plötzlich hatte ich so ein schreckliches Gefühl in der Kehle, das mir sagte, dass ich gleich in Tränen ausbrechen würde. Ich nahm die einzige Mutter in die Arme, die ich je gekannt hatte, und sie erwiderte meine Umarmung.

»Ich hab dich lieb«, sagte ich, verlegen und traurig, denn mir war gerade aufgegangen, wie sehr ich die beiden vermissen würde.

»Ich hab dich auch lieb, Schatz.« Dann wandte sie sich ab und stieg in unser Auto. Mary K. winkte mir vom Rücksitz. Ich winkte zurück und sah dem Auto hinterher, bis es um die Ecke fuhr und damit aus meinem Blickfeld verschwand. Dann merkte ich, dass ich fror, und ging ins Haus, das die nächsten elf Tage mir ganz allein gehören würde.

Drinnen war es extrem still. Ich warf meine Sinne aus und spürte nur Dagda, der wie immer schlief. In der Küche summte der Kühlschrank, und die Standuhr, die mein Vater aus einem Selbstbausatz zusammengesetzt hatte, tickte laut. Irrationale Panik überkam mich plötzlich und das Gefühl, sämtliche Axtmörder in der Gegend spitzten die Ohren, weil sie wussten, dass sie sich sofort auf den Weg zu unserer Adresse machen sollten.

»Hör auf damit«, schalt ich mich empört und hockte mich vor den Fernseher.

Als es dreißig Minuten später an der Haustür läutete, sprang ich einen halben Meter in die Luft. Ich hatte nicht gespürt, dass jemand den Weg zum Haus hochkam, und das ließ mein Herz wie wild klopfen.

Meine Sinne auswerfend schlich ich an die Haustür, um durch das Guckloch zu spähen. Ich erspürte eine Bluthexe, noch bevor ich die kleine rothaarige Frau auf der Veranda sah. Eine Hexe, aber keine, die ich kannte. Gefahr witterte ich nicht, doch wenn sie mächtig genug war, hatte das nicht unbedingt etwas zu bedeuten.

Ich öffnete die Tür. Eine starke Hexe, die ins Haus kommen wollte, konnte das vermutlich trotz der Schutz- und Abwehrsprüche, die ich rings ums Haus gewirkt hatte.

»Hallo, Morgan«, sagte sie. Ihre Augen waren von einem hellen warmen Braun, wie Karamell. »Ich bin Eoife McNabb. Ich gehöre dem Rat an. Ich würde gern mit dir über Ciaran MacEwan reden. Deinen Vater.«