Das dunkle Netz - Silvia Stolzenburg - E-Book

Das dunkle Netz E-Book

Stolzenburg, Silvia

4,8

Beschreibung

Als Mark Becker einen Anruf von einem ehemaligen Kameraden erhält, ahnt er nicht, in welche Gefahr er sich begibt, indem er ein Treffen mit dem Anrufer vereinbart. Dieser behauptet, Beweise für etwas zu haben, über das er am Telefon nicht sprechen kann. Als Mark zu ihm fährt, ist der Mann jedoch spurlos verschwunden. Wenige Tage später tauchte eine verkohlte Leiche in einem Waldstück bei Stuttgart auf. Die Obduktion ergibt, dass es sich um Marks ehemaligen Kameraden handelt. Da er kurz vor seinem Tod mit Mark Becker telefoniert hat, lädt Lisa Schäfer von der Kriminalpolizei Mark zur Vernehmung vor. Er scheint tatverdächtig zu sein ...

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Silvia Stolzenburg

Das dunkle Netz

Thriller

Impressum

Dieses Werk wurde vermittelt durch die

Autoren- und Projektagentur Gerd F. Rumler (München)

Bisherige Veröffentlichungen im Gmeiner-Verlag:

Die Launen des Teufels (2018), Die Salbenmacherin und die Hure (2017),

Blutfährte (2017), Die Salbenmacherin und der Bettelknabe (2016),

Die Salbenmacherin (2015)

Besuchen Sie uns im Internet:

www.gmeiner-verlag.de

© 2018 – Gmeiner-Verlag GmbH

Im Ehnried 5, 88605 Meßkirch

Telefon 0 75 75 / 20 95 - 0

[email protected]

Alle Rechte vorbehalten

1. Auflage 2018

Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt

Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung eines Fotos von: © Andrey_Kuzmin/shutterstock.com

ISBN 978-3-8392-5710-4

Haftungsausschluss

Personen und Handlung sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen

sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Kapitel 1

Stuttgart, April 2017

Das Surren des Lüfters wirkte unangemessen laut in dem kahlen Raum. Das grüne Notausgangsschild verbreitete ein fahles Licht, das sich in den von außen verspiegelten Scheiben fing. Eine halb vertrocknete Grünpflanze welkte in einer Ecke vor sich hin und warf ihre Blätter auf den grauen Teppichboden. Außer einem Schrank und einem leeren Regal befand sich ein großer Schreibtisch mit zwei Stühlen in der Mitte des Zimmers. Der Gang vor dem Büro war verwaist, dennoch schloss Kai Jäger die Tür hinter sich, sobald er den Raum betreten hatte. Außer dem Surren war sein Atmen das einzige Geräusch, abgehackt und flach.

Die Uhr auf dem Schreibtisch zeigte 00:15 an.

Er schielte zu der Kamera an der Decke und fragte sich, ob die Männer in der Überwachungszentrale ihn in diesem Augenblick beobachteten. Ob sie bereits Verdacht geschöpft hatten. Seine Hand tastete nach der Waffe an seinem Gürtel, eine Glock 30, die er eigentlich nicht führen durfte. Doch er zwang sich ruhig zu bleiben. So lässig wie möglich löste er sich aus dem Schatten der Wand und schlenderte auf den Schreibtisch zu. Mit einem gespielt erschöpften Prusten fuhr er sich durchs Haar, ließ sich auf einen der beiden Stühle fallen und stützte die Ellenbogen auf den Tisch. Durch dieses Manöver verdeckte sein Rücken den Blick auf den Computer.

Jedenfalls hoffte er das.

Seine Anwesenheit zu dieser Zeit war an sich nichts Ungewöhnliches. Seit er bei der Firma angestellt war, hatte er oft bis spät in die Nacht gearbeitet, um einen bevorstehenden Auftrag vorzubereiten. Allerdings stand momentan kein Auftrag auf seinem Plan.

Wenn die Security-Mitarbeiter ihn bei dem erwischten, was er vorhatte, war er ein toter Mann.

Während er auf verdächtige Geräusche lauschte, zog er so unauffällig wie möglich einen USB-Stick aus der Tasche und steckte ihn in den Port des Laptops. Sobald er das gesuchte Laufwerk gefunden hatte, gab er das Passwort ein, das er mithilfe eines Keyloggers in Erfahrung gebracht hatte. Der Mauszeiger verweilte einige Sekunden über dem Wort ›copy‹, dann klickte Kai Jäger es an.

Mach schon, du lahmes Ding!, dachte er ungeduldig. Wie gebannt starrte er auf den grünen Balken auf dem Monitor, der den Fortschritt des Downloads anzeigte. 76 Prozent. Er hielt instinktiv den Atem an. Wenn nicht innerhalb der nächsten 20 Sekunden jemand ins Büro stürmte, hatte er es geschafft. Er versuchte, durch bewusstes Ein- und Ausatmen seinen Puls unter Kontrolle zu bringen. Es ist ein Einsatz, nichts weiter, sagte er sich. Wenn er sich wie im Feld verhielt, konnte nichts passieren. Seine Hand zuckte erneut zu der Waffe an seinem Gürtel. Er war nicht wehrlos. Sollten die Kerle aus der Überwachungszentrale doch Verdacht schöpfen, würde er sich nicht so einfach außer Gefecht setzen lassen.

›Download completed‹, informierte ihn der Computer.

»Das wurde auch Zeit«, murmelte er, schnappte sich den USB-Stick und ließ ihn in der Tasche verschwinden. Dann gab er vor, etwas zu tippen, bevor er ein paar alte Einsatzpläne ausdruckte. Er packte die Blätter in einen mit dem Firmenlogo versehenen Ordner, fuhr den Laptop herunter und klappte ihn zu. Mit dem Ordner unter dem Arm verließ er das Büro und machte sich auf den Weg zum Lift. Er hatte gerade seine Zugangskarte in den Schlitz gesteckt, um den Aufzug zu holen, als er Schritte vernahm.

»Hey, Kai«, begrüßte ihn einer der Security-Mitarbeiter. Er steckte in einem schwarzen Overall, der mit demselben Logo versehen war wie der Ordner unter Kais Arm: einem Spinnennetz, das einem Fadenkreuz glich.

»Hallo, Benny«, gab Kai mit einem gezwungenen Grinsen zurück. »Auch noch in der Tretmühle?« Seine Muskeln spannten sich, als sein Gegenüber die Augen zusammenkniff, um ihn misstrauisch zu mustern.

Der Wachmann zuckte die Achseln. »Mir egal, ich schiebe gerne Nachtdienst. Was machst du noch so spät hier?« Er zeigte auf den Ordner. »Hast du morgen einen Einsatz?«

Kai bemühte sich, so zu stehen, dass der andere seine Waffe nicht sehen konnte. Wenn er sie entdeckte, würde er wissen, dass Kai nicht wegen eines Routineauftrages hier war. Er beäugte Kai ohnehin mit einer Mischung aus Argwohn und Neugier.

»Ja«, log Kai. »Einer von diesen Superbonzen, da darf nichts schiefgehen.«

Der Wachmann verzog das Gesicht. Seine Körperhaltung änderte sich, als er offensichtlich zu der Erkenntnis gelangte, dass an Kais Anwesenheit nichts ungewöhnlich war. »Dann viel Spaß. Vergiss nicht, dass die rechte Sicherheitsschleuse defekt ist.« Damit tippte er sich an das schwarze Käppi und ließ Kai vor dem Lift stehen, der in diesem Moment mit einem ›Ping‹ seine Ankunft verkündete.

Da er immer noch im Visier von mehreren Sicherheitskameras war, ließ Kai sich seine Erleichterung nicht anmerken. Scheinbar gelangweilt, drückte er den Knopf fürs Untergeschoss und legte wenig später seinen Daumen auf den Fingerabdruckscanner der intakten Sicherheitsschleuse. Als er sie auf der anderen Seite verließ, musste er sich zusammenreißen, um nicht auf die Eingangstür der Tiefgarage zuzujoggen. Es hatte geklappt! Er hatte, was er wollte. Jetzt war es nur noch eine Frage der Zeit, bis er herausfand, ob die gestohlenen Daten etwas taugten.

Kapitel 2

Stuttgart, April 2017

Sobald er die Tiefgarage betreten hatte, sah Kai Jäger sich um. Außer seinem Auto befanden sich nur die Wagen der Sicherheitsleute und die Limousinen der Firma auf den Parkplätzen. Auch hier unten tauchten die Neonröhren alles in ein bleiches Licht, sodass Kais Spiegelbild in einer der Autoscheiben einem Geist glich. Seine Schritte hallten unheimlich von den Wänden wider, und einen kurzen Moment lang hatte er das Gefühl, nicht allein zu sein. Er hielt inne, lauschte in die Stille und schüttelte den Kopf.

Nichts.

Auch wenn die Versuchung groß war, blickte er nicht zu den Kameras, die jeden Winkel der Garage überwachten. Als wäre er bester Laune, zog er den Autoschlüssel aus der Tasche und ließ den Schlüsselring um den Zeigefinger kreisen. Bei seinem PS-starken BMW angekommen, warf er den Ordner auf den Beifahrersitz und drückte mit zitternden Fingern den Anlasserknopf. Das Aufheulen des Motors beruhigte ihn, dennoch fuhr er mit quietschenden Reifen auf den Ausgang der Garage zu. Dort verwendete er abermals seine Karte zum Öffnen der Schranke. Wenig später bog Kai in die Hauptstraße ab, auf der so gut wie kein Verkehr herrschte. Lediglich ein Taxi und ein Streifenwagen begegneten ihm auf dem Weg nach Hause, wo er sein Auto in einer Nebenstraße abstellte. Den Ordner mit den alten Einsatzplänen ließ er auf dem Beifahrersitz zurück.

In seiner Wohnung im ersten Stock eines Mehrfamilienhauses knipste er das Licht an, hängte die Jacke über einen Stuhl und legte seine Glock auf den Tisch. Dann schaltete er seinen eigenen Laptop ein. Nachdem er den USB-Stick eingesteckt hatte, klickte er sich durch die Verzeichnisse.

Allerdings befriedigte das, was er zu sehen bekam, seine Neugier nicht im Geringsten. »Scheiße!«, schimpfte er, als sich keine der Dateien öffnen ließ. Sie waren allesamt verschlüsselt. Auch wenn er versuchte, die Verschlüsselung mit einer speziellen Software der Firma zu knacken, saß er vermutlich die ganze Nacht vor dem Laptop.

Wenn nicht länger.

Mit einem ärgerlichen Brummen kopierte er alles von dem USB-Stick auf zwei weitere Datenträger, von denen er einen in einem Blumentopf versteckte. Den anderen legte er neben den Computer und starrte auf den Bildschirm, nachdem er das Kryptoprogramm gestartet hatte. Dann ging er in die Küche, um sich eine Tasse Kaffee aus der italienischen Maschine zu lassen, die er sich zu Weihnachten gegönnt hatte. Als er zurück zum Schreibtisch kam, sah er, dass eine Handvoll Dateien bereits geknackt war. Er stellte die Tasse so hastig ab, dass ein Teil des Inhalts überschwappte. Mit plötzlich trockenem Mund öffnete er das erste Dokument und überflog den merkwürdigen Inhalt. »Asaruludu?«, murmelte er und klickte die nächste Datei an. Der Inhalt dieses Dokuments war zwar ebenfalls kein Beweis dafür, dass sein Verdacht richtig war, doch mit jedem Satz, den er las, verstärkte sich sein Bauchgefühl. Während das Programm weiter im Hintergrund seine Arbeit tat, überflog er eine Datei nach der anderen und stieß auf mehrere Listen. Mit einem Stirnrunzeln öffnete er einen speziellen Browser und überprüfte einige Begriffe auf den Listen.

»Fuck!«, keuchte er, als er den ersten Treffer landete und den Eintrag gelesen hatte. Er hatte recht gehabt! »Gooooott!« Er lehnte sich zurück und fuhr sich durch die Haare. Was sollte er jetzt bloß machen? Zur Polizei gehen konnte er schlecht. Was sollte er denen auch erzählen? »Entschuldigung, ich habe da diese Daten aus meiner Firma gestohlen …« Er schnaubte. Klar. Die würden ihm sofort glauben. Als ehemaliger Feldjäger wusste er, wie wichtig Beweise waren. Beweise, die man sich nicht auf unrechtmäßigem Weg beschafft hatte. Sein Hauptmann hätte ihn in hohem Bogen rausgeschmissen, wenn er mit gestohlenen Unterlagen angekommen wäre. Er runzelte die Stirn. Sein Hauptmann … Der Gedanke an seine ehemalige Kompanie brachte ihn auf eine Idee. Warum war er nicht früher darauf gekommen? Während der Computer weiterarbeitete, zog er das Handy aus der Tasche und durchsuchte seine Kontaktliste. »Da bist du ja«, murmelte er, als er Mark Beckers Namen fand. Er drückte auf ›Anruf‹.

»Ich bin im Augenblick leider nicht erreichbar. Bitte hinterlassen Sie eine Nachricht, ich rufe zurück«, quäkte Mark Beckers Stimme aus dem Lautsprecher.

Kai verkniff sich einen Fluch. War ja klar, dass Mark um diese Uhrzeit schlief. »Hallo, Mark, ich bin’s. Kai.« Er schnitt eine Grimasse und setzte hinzu: »Jäger.« Er wusste nicht, ob Mark ihn nur an der Stimme erkennen würde. »Hör zu«, fuhr er fort, »ich bin in Schwierigkeiten. Ich bin da auf was gestoßen, mit dem ich nicht zur Polizei gehen kann. Ruf mich zurück oder komm morgen zu mir nach Hause.« Er nannte die Adresse. »Ich bin den ganzen Vormittag da. Es ist wirklich wichtig, sonst würde ich dich damit nicht nerven.« Er überlegte einen Augenblick, ob er noch mehr sagen sollte, entschied sich aber dagegen. »Bis morgen«, sagte er und legte auf. Er hatte das Handy gerade zurück in die Tasche gesteckt, als er auf der Straße Autotüren schlagen hörte. Mit einem unguten Gefühl im Bauch ging er zum Fenster und schielte an der Gardine vorbei nach unten.

»Scheiße!«, keuchte er erneut. Auf der Straße stand eine dunkle Limousine, die ganz so aussah wie die der Firma, für die er arbeitete. Drei Männer kamen auf sein Wohnhaus zu. Im Licht der Straßenlaternen sah er, dass sie Handschuhe trugen. Ohne auch nur eine Sekunde mit Nachdenken zu verschwenden, schnappte er sich seine Pistole vom Tisch und griff nach dem USB-Stick, der nicht im Rechner steckte. Außerdem fischte er den Stick aus dem Blumentopf und stopfte ihn ebenfalls in die Tasche. Sicher war sicher. Er wusste, was die Kerle vorhatten. In fieberhafter Eile riss er die Schubladen seines Schreibtisches auf, warf einen der Sticks in einen Umschlag und suchte im Handy nach Marks Adresse. Sobald er den Umschlag beschriftet hatte, kritzelte er etwas auf einen Zettel, verschloss den Umschlag und klebte eine Briefmarke darauf. Ohne darauf zu achten, ob er den Umschlag verknitterte, steckte er ihn ein und rannte zur Tür. Als er sie öffnete, hörte er, dass sich die Männer am Schloss der Haustür zu schaffen machten. Einen Moment lang erwog er, die Polizei zu rufen. Aber bis die bei ihm eintrudelte, war er vermutlich längst tot.

Als unten die Angeln quietschten, sah er sich panisch um. Er saß in der Falle wie eine Maus! Wenn er die Treppen hinabrannte, lief er den Kerlen direkt in die Arme. Folglich blieb nur ein Ausweg. Während die drei Männer durchs Treppenhaus schlichen, huschte Kai nach oben und kauerte sich auf dem letzten Absatz zusammen. So konnte er durch die Stäbe des Geländers sehen, wo sich die drei befanden. Wenig später machten sie vor seiner Wohnungstür Halt. Zwei von ihnen zogen Waffen, der dritte kniete sich vors Schloss und stocherte mit zwei Dietrichen darin herum, bis die Tür aufging. Dann zog auch er die Waffe, schraubte einen Schalldämpfer darauf und betrat mit den anderen die Wohnung.

Kai überlegte nicht lange. Sobald die Männer außer Sicht waren, schlich er so leise wie möglich die Treppen hinab und schlüpfte durch die Haustür ins Freie. Dann rannte er die Straße entlang bis zur nächsten Kreuzung. Dort befand sich ein Briefkasten, in den er den Umschlag warf. Sein Auto parkte in der nächsten Querstraße. Wenn er es schaffte, die Kerle abzuhängen …

Er kam nicht dazu, den Gedanken zu Ende zu denken. Als er in den Lichtkegel einer Straßenlaterne trat, pfiff etwas an seinem Ohr vorbei. Hinter ihm zersplitterte eine Autoscheibe. Eine weitere Kugel schlug in einem Baumstamm ein. Das typische Geräusch einer Waffe mit Schalldämpfer verriet ihm, dass die Männer ihn entdeckt hatten. Während weitere Kugeln ihn nur knapp verfehlten, duckte er sich hinter einen VW-Bus und zog seine Glock. So leise wie möglich kroch er um den Bus herum und lauschte in die Dunkelheit. Die Kerle waren gut. Kein einziges Geräusch war zu hören außer dem Tosen des Blutes in seinen Ohren. Er wusste, dass er keine Chance gegen sie hatte. Sämtliche Mitarbeiter der Firma waren Profis, so wie er. Trotzdem musste er versuchen, ihnen zu entkommen. Er schob sich auf allen vieren weiter zur Front des VW-Busses und lugte vorsichtig die Straße entlang.

Weit und breit war keine Spur von seinen Verfolgern zu entdecken. Während das Adrenalin dafür sorgte, dass er Blut schmeckte, tastete er nach seinem Autoschlüssel. Einen Versuch war es wert. Einen anderen Weg gab es nicht. Er umklammerte den Griff der Pistole fester, zählte auf drei und sprintete los.

Nicht einmal zehn Meter hatte er zurückgelegt, als ihn etwas mit solcher Wucht im Rücken traf, dass er nach vorn geschleudert wurde. Der Aufprall auf dem Asphalt trieb ihm die Luft aus den Lungen. Seine Glock schlitterte unter ein geparktes Auto, wo sie mit einem metallischen Geräusch gegen einen Gullydeckel prallte. Ein stechender Schmerz ließ ihn aufkeuchen.

»Du hast ihn erwischt«, hörte er jemanden sagen.

»Hol das Auto. Beeil dich.«

Dann traf ihn ein Tritt am Kopf, und er verlor das Bewusstsein.

Kapitel 3

Heidenheim, April 2017

Als Mark Beckers Wecker um sieben Uhr am Sonntagmorgen klingelte, fühlte er sich wie gerädert. Er hatte die halbe Nacht kein Auge zugetan, obwohl er abends noch eine Runde gejoggt war. Die Erschöpfung hatte die Wut nicht vertreiben können. Immer und immer wieder hatte sein Telefon vibriert, bis er es schließlich um halb elf ausgeschaltet und in die Ecke gepfeffert hatte. Noch mal würde er das Theater nicht mitmachen! Ganz egal, was sie versuchte!

Mit einem Stöhnen kroch er aus dem Bett, tapste ins Bad und warf sich eine Handvoll kaltes Wasser ins Gesicht. Er hätte wissen müssen, dass es ein Fehler war, Julia noch mal zu vertrauen. Nachdem sie ihn mit diesem verdammten Jan, einem ihrer Lehrerkollegen, betrogen hatte, war die Sache für Mark eigentlich klar gewesen.

»Vergiss die blöde Kuh«, hatte ihm Lukas, einer seiner ältesten Freunde, geraten. »Wenn sie dich einmal verarscht, tut sie es wieder.«

Obwohl es Mark gegen den Strich ging, musste er sich eingestehen, dass Lukas recht gehabt hatte. Vor zwei Monaten war er so dämlich gewesen, Julia wieder in sein Leben zu lassen. Als ob er es nicht besser wüsste! Er schlüpfte aus der Unterhose und dem T-Shirt, in denen er geschlafen hatte, und stellte sich ein paar Minuten unter die heiße Dusche. Dann zog er sich an, ging in die Küche und machte Frühstück. Während er Kaffee trank und ein Nutellabrot aß, versuchte er, nicht an Julia zu denken.

Was gründlich misslang.

»Ich bin schwanger.« Mit dieser Bombe war sie ihm vor einer Woche ins Haus geplatzt.

»Was?« Er hatte geglaubt, seinen Ohren nicht zu trauen. »Wieso?«

»Wieso wohl?«, war die schnippische Antwort gewesen. »Du weißt doch, wo Kinder herkommen, oder?«

Mark war sich vorgekommen wie ein Vollidiot. »Du nimmst doch die Pille.«

»Das ist kein hundertprozentiger Schutz.«

»Na, toll!«

»Was heißt hier, na toll?«, hatte sie gefaucht. »Du warst schließlich auch daran beteiligt!«

Die Erinnerung an den Streit sorgte dafür, dass das Nutellabrot plötzlich bitter schmeckte. »Verdammtes Miststück!«, knurrte er, warf das Brot auf den Teller und verbrannte sich die Zunge an dem heißen Kaffee. »Leck mich am Arsch!« Er knallte den Becher auf den Tisch. Die Wut machte ihn ungeschickt. Weshalb er noch wütender wurde. Wenn er nicht durch Zufall das Ultraschallbild entdeckt hätte, hätte er sich tatsächlich auf die Sache eingelassen. Hätte er ja wohl müssen. Alles andere wäre verantwortungslos gewesen. Er stützte die Ellenbogen auf den Tisch, legte das Kinn in die Hände und starrte geradeaus. Vermutlich würde sie in spätestens einer Stunde vor seiner Tür stehen und Sturm klingeln. Doch dieses Mal war endgültig Schluss! Im Moment traute er sich nicht zu, ihr gegenüberzutreten, ohne ihr eine runterzuhauen. ›Vierter Monat‹, hatte auf dem verwaschenen Schwarz-Weiß-Bildchen gestanden. Vierter Monat!

»Hast du gedacht, du könntest mir eine Frühgeburt verkaufen?«, hatte er mühsam beherrscht gefragt und ihr das Foto unter die Nase gehalten.

Sie war kreidebleich geworden.

»Ist es von Jan?«

Keine Antwort.

Natürlich war es von Jan! Von wem denn sonst? Aber dieser feige Sack hatte vermutlich einen Rückzieher gemacht, um seine Ehe zu retten. Mark biss die Zähne aufeinander und wünschte den beiden den Tripper an den Hals. »Vergiss die blöde Kuh«, murmelte er. Lukas war schon immer der Mann für einfache Lösungen gewesen.

Er sah auf die Uhr. Kurz nach halb acht. In anderthalb Stunden öffnete das Schützenhaus. Vermutlich war es das Beste, wenn er ein paar Magazine verballerte, um wieder einen klaren Kopf zu bekommen. Die Konzentration am Schießstand half ihm vielleicht, die Wut zu unterdrücken. Er schob den Teller von sich und machte sich auf die Suche nach seinem Handy. Er fand es dort, wo er es gestern Abend hingeworfen hatte, und schaltete es ein. Kaum hatte er die PIN eingegeben, verkündete ein Signalton, dass er eine Nachricht auf der Mobilbox hatte. Na super! Drei Mal durfte er raten, von wem die wohl war. Einen Augenblick lang war er versucht, die Nachricht einfach zu löschen. Doch es bestand auch die Möglichkeit, dass Lukas oder Uli sich meldeten, um zusammen Squash spielen zu gehen. Mit einer steilen Falte zwischen den Brauen hörte er die Mobilbox ab.

»Hallo, Mark, ich bin’s. Kai«, tönte eine Stimme aus der Vergangenheit aus dem Lautsprecher »Jäger. Hör zu, ich bin in Schwierigkeiten. Ich bin da auf was gestoßen, mit dem ich nicht zur Polizei gehen kann. Ruf mich zurück oder komm morgen zu mir nach Hause.« Er nannte eine Adresse in Stuttgart. »Ich bin den ganzen Vormittag da. Es ist wirklich wichtig, sonst würde ich dich damit nicht nerven.« Damit endete die Nachricht.

Mark blinzelte verwundert. Was wollte denn Kai plötzlich von ihm? Wann war er aus der Bundeswehr ausgeschieden? Vor zwei Jahren? Oder waren es drei? Mark wusste nur, dass der ehemalige Kamerad ins Security-Geschäft hatte einsteigen wollen. Dass er in Stuttgart gelandet war, war ihm neu. Da ihn der Anruf von den Gedanken an Julia ablenkte, drückte er die Taste für den Rückruf. Allerdings schien Kai sein Telefon noch nicht eingeschaltet zu haben. »Der gewünschte Teilnehmer ist zurzeit nicht erreichbar«, informierte ihn eine Frauenstimme. »Seltsam«, murmelte er. Wenn es so dringend war, wieso hatte Kai sein Handy dann nicht an? Er hörte die Nachricht ein zweites Mal ab. Die Aufregung in Kais Stimme war deutlich zu hören. Was zum Geier war da passiert?

Nachdem er noch ein paar Mal erfolglos versucht hatte, Kai zu erreichen, beschloss er, nach Stuttgart zu fahren. Etwas anderes hatte er ohnehin nicht vor. Und ob er sich am Schießstand oder im Auto ablenkte, war eigentlich egal. Da draußen die Sonne strahlte und die letzten Tage erstaunlich warm gewesen waren für Mitte April, schlüpfte er in eine dünne Windjacke, verließ das Haus und tippte kurz darauf Kais Adresse ins Navi seines Passats ein. Die Bäume, die die Straße säumten, sahen aus wie rosarote und weiße Zuckerwatte, so voll waren die Blüten in diesem Jahr. Ein Vogel hopste auf Marks Motorhaube herum und flatterte mit einem empörten Zwitschern davon, als er den Motor anließ. Einige seiner Nachbarn saßen vor ihren Häusern in der Sonne beim Frühstück und beäugten ihn neugierig. Seit er Julia und Jan vor beinahe einem Jahr in seinem eigenen Bett erwischt und Jan ohne Kleider aus dem Haus geschmissen hatte, zerriss man sich die Mäuler über ihn. Aber das war ihm scheißegal. Die meisten seiner Nachbarn waren ohnehin totale Spießer. Ohne die Muttis und ihre nervigen Teenager eines Blickes zu würdigen, holperte er die mit Schlaglöchern übersäte Straße entlang und bog in die Hauptstraße ab. Vorbei am Konzerthaus und den hässlichen Firmengebäuden, die das Stadtbild prägten, fuhr er zur Autobahn und war wenig später auf dem Weg nach Stuttgart. Um diese Zeit über die Landstraße zu zuckeln, war ihm zu blöd, da sicher haufenweise Sonntagsfahrer unterwegs waren.

Die Fahrt nach Degerloch dauerte eineinviertel Stunden. Kais Adresse befand sich in der Nähe der Freiwilligen Feuerwehr. Nachdem Mark auf der Suche nach einem Parkplatz mehrmals erfolglos um den Block gefahren war, stellte er sein Auto vor einer Grundschule im Parkverbot ab und suchte nach Kais Hausnummer. Die Wohngegend war ruhig, fast ein bisschen ländlich. Die Büsche und Bäume waren schon wesentlich grüner als auf der rauen Ostalb, außerdem war es ein paar Grad wärmer. Bei Kais Mehrfamilienhaus angekommen, drückte Mark die Klingel und wartete.

*

Der Mann, der Kai Jägers Wohnung durchsuchte, erstarrte, als er die Klingel hörte. Man hatte ihn geschickt, um sicherzugehen, dass die anderen nichts übersehen hatten. Doch bis jetzt hatte er nichts gefunden, obwohl er sogar die Tapeten von den Wänden gerissen hatte. Als die Klingel erneut schrillte, zog er die Waffe und trat ans Fenster. Er stellte sich so, dass man ihn von unten nicht sehen konnte, und schaute hinaus. Da das Vordach des Hauses den Blick auf die Eingangstür verdeckte, konnte er niemanden entdecken. Allerdings ertönte die Klingel in diesem Augenblick ein drittes Mal.

»Hau ab!«, zischte der Mann. Er hatte keine Lust, mitten in einem Wohngebiet eine Leiche zu beseitigen. Am Sonntagvormittag saßen vermutlich überall die Omas hinter den Gardinen und glotzten auf die Straße, weil ihnen langweilig war.

Der ungebetene Besucher schien seinen Wunsch erhört zu haben. Ein großer Kerl mit breiten Schultern trat kopfschüttelnd unter dem Vordach hervor und zuckte die Achseln. Aus der Entfernung konnte der Beobachter nur erkennen, dass er dunkle Haare hatte. Nachdem er sein Handy aus der Tasche gezogen hatte, tippte er darauf herum, hielt es ans Ohr und stand noch eine Weile vor dem Haus. Dann schien er die Geduld zu verlieren und trabte davon.

»Heute ist dein Glückstag«, murmelte der Mann in Kai Jägers Wohnung. Als er sicher war, dass der Besucher es sich nicht noch mal anders überlegte, trat er vom Fenster zurück und setzte seine Durchsuchung fort.

Kapitel 4

Stuttgart, April 2017

»Der gewünschte Teilnehmer ist zurzeit nicht erreichbar«, säuselte die Frauenstimme Mark Becker zum zehnten Mal ins Ohr.

»Wo bist du, Kai?«, brummte er. »Was soll das?« Er steckte das Handy in die Tasche und lehnte sich an seinen Passat. Sollte er warten? Oder wieder nach Hause fahren und darauf hoffen, dass Kai sich meldete? Irgendetwas an der Sache kam ihm spanisch vor. Warum hatte Kai ihn angerufen, wenn er nicht erreichbar war? War ihm etwas zugestoßen?

»Suchen Sie jemanden?«, riss ihn eine schepprige Stimme aus den Gedanken.

Mark drehte sich um.

Eine alte Frau im schwarzen Wolljäckchen musterte ihn misstrauisch von oben bis unten. Ihre grauen Locken waren so sorgfältig mit Haarspray festgeklebt, dass sich kein Haar rührte, als eine Windböe durch die Straße pfiff.

»Sie habe ich hier noch nie gesehen«, stellte die Dame fest. Sie verschränkte die Arme vor der Brust und schielte auf Marks Kennzeichen. »Sie sind nicht von hier. Außerdem stehen Sie im Parkverbot.«

»Ich wollte nur kurz einen Freund besuchen«, sagte Mark. Eigentlich ging es die alte Schachtel einen feuchten Kehricht an, was er hier machte. Aber er kannte die Sorte. Wenn er ihre Neugier nicht befriedigte, würde sie ihm vermutlich so lange auf den Wecker gehen, bis er die Flucht ergriff. Oder sie würde die Polizei anrufen, weil er nicht ordnungsgemäß geparkt hatte.

»Ihr Freund ist wohl nicht da? Weil Sie hier rumstehen.«

Mark schüttelte den Kopf. »Leider nicht. Aber vielleicht ist er beim Bäcker.«

»Wir haben hier keinen Bäcker, der sonntags auf hat. Wie heißt denn Ihr Freund?«

Mark überlegte einen Moment. »Kai Jäger«, sagte er schließlich. Vielleicht kannte die Alte Kai oder hatte ihn gesehen.

»Nie gehört«, war die wenig befriedigende Antwort. »Sind Sie sicher, dass er hier wohnt? Ich kenne eigentlich alle Nachbarn.«

Mark verkniff sich ein Prusten. Das konnte er sich nur zu gut vorstellen. Die Oma war neugieriger als eine Elster. Er nannte ihr die Adresse.

»Ach, das sind alles Mieter«, winkte die Frau ab. »Die kenne ich nicht. Die kommen und gehen. Wie soll man sich die alle merken?« Ihre Augen verengten sich. »Ich hoffe, Ihr Freund gehört nicht zu den jungen Burschen, die letzte Nacht durch die Straße gerannt sind.«

Mark horchte auf. »Letzte Nacht? Was waren das für Leute?«

»Ich habe sie nicht genau gesehen. Meine Brille …« Sie fuchtelte in der Luft herum. »Aber die sind hier rumgerannt, als ob ihnen der Leibhaftige auf den Fersen wäre. Ich habe sie nur durch Zufall gesehen, weil ich aufs … Das geht Sie ja eigentlich nichts an. Vermutlich gehören die zu den Zigeunern, die manchmal hier in der Nähe ihre Wohnwagen aufstellen.«

»Wie spät war es denn, als Sie die Männer gesehen haben?«, wollte Mark wissen.

Die Frau zuckte die Achseln. »Weiß ich nicht. Muss wohl gegen ein Uhr gewesen sein. Da werde ich meistens wach. Warum interessiert Sie das überhaupt?« Sie schürzte die Lippen und bedachte Mark mit einem misstrauischen Blick. Vermutlich war ihr gerade der Gedanke gekommen, dass sie ausgehorcht wurde.

»Entschuldigung, ich wollte nicht neugierig wirken«, sagte Mark.

Die alte Dame blinzelte ein paar Mal, ehe sie ihre Strickjacke enger um sich schlang. »Ich hoffe, Ihr Freund kommt bald zurück«, sagte sie halbherzig. Dann drehte sie sich um und verschwand in ihrem properen Einfamilienhäuschen. Keine zehn Sekunden später bewegte sich die Gardine hinter einem Fenster im Erdgeschoss.

Mark blies die Wangen auf. Nach einem letzten Blick die Straße entlang lehnte er sich wieder an sein Auto und wartete. Er versuchte noch mehrmals, Kai zu erreichen, aber jedes Mal landete er auf der Mailbox. Nach einer halben Stunde ging er zurück zu Kais Wohnblock und drückte erneut den Klingelknopf. Wieder keine Antwort. Nachdem er durch das Wohngebiet getigert war, beschloss er schließlich, zurück nach Heidenheim zu fahren. »Ich war bei dir, aber du warst nicht da«, sprach er Kai auf den Anrufbeantworter. »Melde dich, sobald du das abhörst. Allmählich mache ich mir Sorgen.« Damit legte er auf, parkte aus und zuckelte mit Tempo 30 zurück zur Hauptstraße.

Als er in Heidenheim ankam, packte er seine Sporttasche, ging ins Fitnessstudio und pumpte zwei Stunden Eisen. Dann rief er Lukas und Uli an, um sich mit ihnen beim Italiener zu verabreden. Er hatte keine Lust, alleine vor der Glotze zu sitzen und darauf zu warten, dass Julia bei ihm klingelte.

Der Abend mit den beiden war, wie immer, lustig, vor allem, weil Lukas offenbar bis über beide Ohren in eine Blondine verschossen war, die er kaum kannte.

»Was lacht ihr?«, fragte Lukas mit gespielter Empörung. »Was noch nicht ist, kann ja noch werden. Sie hat mir beim letzten Mal zugezwinkert. Denke ich.«

»Beim Bäcker?«, fragte Uli ungläubig. »Sie arbeitet beim Bäcker, und du denkst, sie hat dir zugezwinkert?« Er verdrehte die Augen. »Mann, werd erwachsen!«

»Wieso?«

Mark grinste, als Uli den Kopf schüttelte. So war Lukas eben. Keine überflüssigen Gedanken an Dinge verschwenden, die Verdruss brachten. Auch wenn er sich dabei selbst belog.

»Ich wette mit euch, dass sie meinem Charme früher oder später erliegt«, nuschelte Lukas mit vollen Backen. Sein rundes Gesicht glühte vom Rotwein.

»Pass nur auf, dass du nicht vorher einer Leberverfettung erliegst«, scherzte Uli. Er piekte Lukas in den Bauch. »Du solltest dir mal ein Beispiel an Mark nehmen.«

Lukas schnitt eine Grimasse. »Weshalb? All die Schinderei bringt doch nichts.«

Mark lachte. Lukas war noch nie eine Sportskanone gewesen, schon in der Schule nicht. »Lass ihn doch«, sagte er zu Uli.

»So wird das aber sicher nichts mit der Blondine.«

»Ihr werdet schon sehen«, gab Lukas zurück.

Den Rest des Abends redeten sie über Gott und die Welt, nur das Thema Julia wurde von allen gemieden. Mark war den beiden dankbar für ihre Feinfühligkeit. Auch wenn Lukas immer wieder mit seiner Blondine anfing, wusste Mark, dass der Freund sich nur so aufführte, um Leichtigkeit in das Thema Beziehung zu bringen. Sie waren alle drei nicht unbedingt vom Glück verfolgt, was ihre Frauengeschichten anging. Und Lukas schien beschlossen zu haben, das Ganze in Zukunft auf die leichte Schulter zu nehmen.

Als Mark um kurz nach elf nach Hause kam, war er etwas angesäuselt und herrlich bettschwer. Er checkte sein Telefon ein letztes Mal, doch Kai hatte immer noch nicht zurückgerufen. »Dann halt nicht«, brummte er, ging ins Bad und fiel kurz darauf mit schweren Muskeln und leichtem Weindunst in die Federn.

Am nächsten Morgen klingelte der Wecker um fünf Uhr. Nach einer kurzen Dusche, einem Frühstück mit viel Kaffee und einem erneuten Blick aufs Handy knöpfte Mark die Jacke seines Feldanzuges zu, schnürte seine Einsatzstiefel und setzte das rote Barett der Feldjäger auf. Dann quälte er sich im Berufsverkehr nach Ulm. Bei der Einfahrt zur Wilhelmsburg-Kaserne angekommen, nickte er dem Wachmann zu, hielt seine Karte an den Kartenleser und tippte einen Code in das Pinpad. Als sich die rot-weiße Schranke öffnete, fuhr er auf einen der Parkplätze direkt vor dem Dienstgebäude der Feldjäger. Die Uhr im Armaturenbrett zeigte 6:50 an. Noch zehn Minuten bis zum Antreten auf dem Parkplatz. Im Laufschritt trampelte Mark die Metallstufen zum Eingang des Feldjägerdienstkommandos der 7. Kompanie des Feldjägerregiments 3, einem flachen Backsteingebäude mit wenig Charme, hinauf. Auch hier gab er einen Code ins Pinpad ein und nahm die Treppen zu seinem Büro im Laufschritt. Dort warf er seinen Rucksack auf den Schreibtischstuhl und tauschte das rote Barett gegen die praktischere Feldmütze aus. Kurz darauf trat er mit der gesamten Kompanie in Formation vor dem Gebäude an, um sich beim Hauptmann zum Morgenappell zu melden. Nachdem sein Chef kurz den Tagesablauf erläutert und einige offizielle Maßnahmen durchgeführt hatte, traten alle wieder ab, um ihren normalen Dienst zu beginnen.

Sobald Mark in seinem Büro kurz die Mails gecheckt hatte, suchte er die Akten für die Morgenbesprechung zusammen. Dann holte er sich seine Waffe, eine Walther P8, aus dem Spind im Dienstkommando und machte sich zurück auf den Weg ins Erdgeschoss.

Wie jeden Morgen traf sich die Führungscrew um halb acht im Büro des Hauptmanns, um anstehende Aufgaben zu besprechen.

»Die gute Nachricht ist, wir haben keinen EA«, eröffnete der Hauptmann die Besprechung, als alle Zugführer versammelt waren.

Mark tauschte einen Blick mit seinen Kameraden. Ihnen allen war anzusehen, dass sie nicht traurig darüber waren, dass sie sich heute ausnahmsweise nicht auf die Suche nach einem ›eigenmächtig Abwesenden‹ machen mussten.

»Dafür steht uns der Besuch eines ganz hohen Tiers aus der Streitkräftebasis ins Haus.« Der Hauptmann legte eine Akte auf den Tisch. »Mark, du kümmerst dich um die Abholung vom Flughafen. Die anderen sind für die Einsatzplanung und das Absicherungskonzept hier in der Kaserne zuständig.«

Mark verkniff sich ein Stöhnen. Na, toll! Das bedeutete, dass er den halben Tag mit stinklangweiligen Checklisten verbringen durfte. Außerdem würde er die Route vom Stuttgarter Flughafen nach Ulm vorher abfahren, Ausweichrouten suchen und Punkte festlegen, an denen man sich traf, falls etwas schiefging oder die Kommunikation zusammenbrach.

»Was ist mit dem Fahrzeug?«, fragte er.

»Das überprüft jemand anderes.«

»Polizei?«

»Ist informiert.« Der Kompanieführer verteilte noch ein paar Anweisungen, bevor er die Besprechung auflöste.

Mark klemmte sich mit wenig Begeisterung die Akten unter den Arm. Wie es aussah, lag einer der Tage vor ihm, die er besonders hasste. Nichts als Routinearbeit.

Kapitel 5

Stuttgart, April 2017

»Hey! Träumst du?«

Lisa Schäfer, Oberkommissarin bei der Kripo Stuttgart, sah mit einem müden Ausdruck von der Akte auf, in der sie geblättert hatte.

Jonas Kling, einer ihrer Kollegen vom D11, dem Dezernat für Todesermittlungen, stand in der Tür ihres Büros und grinste sie an. Er kaute an einem Apfel herum, der klein, grün und sauer aussah. Wie immer steckte er in einer verwaschenen Jeans, einem weißen Hemd und Turnschuhen. Obwohl er nicht viel älter als Mitte 30 war, hatte er kaum Haare. Deshalb rasierte er sich den Kopf. Seine dunklen Augen funkelten Lisa belustigt an.

»Was?«, fragte Lisa. »Ich hasse Papierkram! Kann sich der Scheiß nicht von selber erledigen?«

Ihr Kollege lachte. Er betrat den Raum und schielte auf den dicken roten Aktendeckel.

»Das wird warten müssen«, sagte er, als Lisa ihn mit einer ungeduldigen Handbewegung verscheuchen wollte. »Der Chef hat gerade einen Anruf gekriegt. In einem Waldstück in Degerloch liegt eine verkohlte Leiche.«

Lisas Müdigkeit löste sich mit einem Schlag in nichts auf.

»Tötungsdelikt?«, fragte sie.

»Ist wohl noch unklar. Die von der GRUS sind unterwegs, Beaker und ein Team von der Spusi auch schon.«