Beschreibung

Ein neuer Fall für Finnlands erfolgreichste Ermittlerin
Ein eiskalter Mord in gesegneten Räumen: Mit etlichen Messerstichen traktiert wird der Juwelenhändler Jaakko Pulma tot in der Kirche von Tapiola aufgefunden. Ist es nur Zufall, dass Maria Kallio im Präsidium zur selben Zeit Pulmas schärfsten Konkurrenten vor sich sitzen hat? Hat sich dieser Henri Aalto für einen Deal auf dem Juwelenmarkt gerächt, bei dem er den Kürzeren zog? Welche Rolle spielt die junge Praktikantin des Ermordeten, die gerade wegen des Verdachts auf Edelsteindiebstahl entlassen worden ist? Möglicherweise geht es gar nicht um die schillernden Steine. Denn Pulma war auch der Mann einer aufstrebenden Politikerin – spielt der Täter ein ganz anderes Spiel?
Fragen über Fragen für Maria Kallio und ihr Team, die überdies mit erheblichen Unruhen auf dem Präsidium zu kämpfen haben: Ihre bewährte Einheit soll im Zuge von Umstrukturierungen aufgelöst werden.
Der 12. Fall für Maria Kallio

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 519


Leena Lehtolainen

Das Echo deiner Taten

Maria Kallio ermittelt

Roman

Aus dem Finnischen von Gabriele Schrey-Vasara

Ihr Verlagsname

Über dieses Buch

Ein neuer Fall für Finnlands erfolgreichste Ermittlerin

 

Ein eiskalter Mord in gesegneten Räumen: Mit etlichen Messerstichen traktiert wird der Juwelenhändler Jaakko Pulma tot in der Kirche von Tapiola aufgefunden. Ist es nur Zufall, dass Maria Kallio im Präsidium zur selben Zeit Pulmas schärfsten Konkurrenten vor sich sitzen hat? Hat sich dieser Henri Aalto für einen Deal auf dem Juwelenmarkt gerächt, bei dem er den Kürzeren zog? Welche Rolle spielt die junge Praktikantin des Ermordeten, die gerade wegen des Verdachts auf Edelsteindiebstahl entlassen worden ist? Möglicherweise geht es gar nicht um die schillernden Steine. Denn Pulma war auch der Mann einer aufstrebenden Politikerin – spielt der Täter ein ganz anderes Spiel?

 

Fragen über Fragen für Maria Kallio und ihr Team, die überdies mit erheblichen Unruhen auf dem Präsidium zu kämpfen haben: Ihre bewährte Einheit soll im Zuge von Umstrukturierungen aufgelöst werden.

Über Leena Lehtolainen

Inhaltsübersicht

WidmungJuva, Frühjahr 19851. Kapitel2. Kapitel3. Kapitel4. Kapitel5. Kapitel6. Kapitel7. Kapitel8. Kapitel9. Kapitel10. Kapitel11. Kapitel12. Kapitel13. Kapitel14. Kapitel15. Kapitel16. Kapitel17. Kapitel18. Kapitel19. Kapitel20. Kapitel21. Kapitel22. Kapitel23. Kapitel24. Kapitel25. Kapitel26. Kapitel

Zum Andenken an Elsa

Juva, Frühjahr 1985

Die Welt war Zinn und Glas. Nachdem es zwei Tage lang stark geregnet hatte, war die Temperatur auf zehn Grad unter null gesunken. Die Loipe war vereist, die Skier fanden keinen Halt. Die Äste der Bäume neigten sich unter dem Gewicht des gefrorenen Schnees, trockene Nadeln sprenkelten die Schneedecke.

Minna hatte über eine Woche mit einer schweren Grippe im Bett gelegen und kaum noch Kraft in den Beinen. Die Provinzstaffel fand schon übermorgen statt, sie durfte sich nicht verausgaben. Da Henna noch krank war, würde Minna bestimmt einen Platz in der Mannschaft bekommen.

Der Hügel von Nulppola fiel steil ab, Minna ging in die Hocke. Sie kannte die sechs Kilometer lange Trainingsstrecke, wusste, an welcher Stelle des Abhangs die Sprungschwelle kam. Ihr Vater hatte sie aus Steinen gebaut und mit einer Torfschicht bedeckt. Nach der Schwelle machte die Loipe eine scharfe Biegung nach links. Einen so schwierigen Abschnitt gab es selbst auf Wettkampfloipen kaum.

Minna bemerkte die über die Loipe gespannte, durchsichtige Schnur nicht, sondern prallte in voller Fahrt dagegen. Sie rollte über das Hindernis, die Skier glitten aus der Spur, die fuchtelnden Arme bemühten sich vergeblich, das Gleichgewicht zu halten. Die rot gestreifte Mütze, die ihre Mutter gestrickt hatte, bot keinen Schutz, als ihr Kopf mit dreißig Stundenkilometern gegen einen Fels schlug. Ihr blieb keine Zeit mehr, den Schmerz zu spüren oder zu begreifen, dass die glasklare Helligkeit in ewige Dunkelheit überging.

1

Die Birkenzweige hingen schlaff in der silbernen Vase. Die ersten Blätter waren bereits abgefallen: Im April gab es nur tiefgekühlte Birkenquaste vom vorigen Sommer zu kaufen. Irgendwer hatte ein Stück Fleischwurst auf den Tourenschlittschuh gespießt. Vielleicht gab es ja im Norden noch Eis, auf dem Oberkommissar Jyrki Taskinen das Geschenk zu seiner Pensionierung testen konnte. Koivu, Puupponen und ich hatten unserem ehemaligen Chef zum Abschied Schlittschuhe geschenkt. Er hätte von nun an Zeit genug, nicht nur an Marathonläufen, sondern auch an Eismarathons teilzunehmen.

Im Kabinett des Hotels Scandic in Espoo war den ganzen Abend lang keine ausgelassene Stimmung aufgekommen, obwohl der Polizeichef und die Vertreter des Personals Taskinen über den grünen Klee gelobt hatten. Ich hatte mich geweigert, eine Rede zu halten. Mit Taskinens Eintritt in den Ruhestand endete gewissermaßen eine ganze Epoche. Er hatte bereits in den 1990er Jahren, als die Espooer Polizei das neue Polizeigebäude in Kilo bezog, eine Führungsposition gehabt, er hatte die Strukturreformen, Zusammenlegungen und Kürzungen miterlebt und in all dem Trubel seine Untergebenen verteidigt wie ein Löwe. Wie oft hatte er vermittelt, wenn ich mit den höchsten Chefs aneinandergeraten war? Natürlich konnte ich selbst für mich eintreten, aber Taskinens Unterstützung war unersetzlich gewesen. Unsere Freundschaft würde nicht mit seiner Pensionierung enden, doch sie würde eine andere Färbung annehmen.

Die Hauptperson des Abends war dabei, sich zu verabschieden, der Polizeichef bestellte ein Taxi. Zwar hatte Taskinen erst das Mindestrentenalter für leitende Polizeibeamte erreicht, doch sein Weggang war für manche eine Erleichterung. Jeder natürliche Abgang schuf die Möglichkeit, die frei gewordene Stelle zu streichen oder mit einer anderen zusammenzulegen. Die Bezahlung im Staatsdienst war immer noch mager, aber nicht mehr langfristig gesichert, das Staatsbrot war in Häppchen zerschnitten worden, die man den Hungrigen jederzeit entziehen konnte.

Nach Taskinens Abschied sollte auch meine Abteilung, die dreiköpfige Einheit für Untypische Gewaltdelikte, aufgelöst werden. Ende Juni würde sie der Einheit für Gewaltverbrechen der Polizei von West-Uusimaa angegliedert werden. Welche Aufgaben auf Puupponen, Koivu und mich warteten, wusste noch niemand. Es war nicht einmal sicher, ob meine Kollegen im Polizeidienst bleiben würden. Puupponen sprach schon seit Jahren von einem Berufswechsel, und Koivu würde möglicherweise ein Sabbatjahr beantragen. Dafür hatte er gewichtige familiäre Gründe.

Koivu hatte sich seit der Geburt seiner Kinder nicht mehr an den Sauftouren der Kollegen beteiligt. An diesem Abend machte er eine Ausnahme. Puupponen zufolge hatte er in der Sauna mindestens drei Bier gezischt, und beim Abendessen hatte er bereitwillig angeboten, neben seinen eigenen Schnäpsen auch die der zwei Autofahrer am Tisch auszutrinken. Beim Hauptgang hatte er fast eine ganze Flasche Wein geleert. Als er aufstand, um sich von Taskinen zu verabschieden, wollten ihm die Beine nicht gehorchen. Zum Glück war Taskinen Herr der Lage und packte den zwanzig Kilo schwereren Koivu an den Schultern, sodass die beiden sich halb umarmten.

«Pekka, richte Anu meine herzlichsten Grüße aus. Ich wünsche euch beiden Kraft. Halte mich auf dem Laufenden», sagte Taskinen. Koivu traten Tränen in die Augen. Er gab keine Antwort, sackte auf seinen Stuhl und stierte die leeren Kognakgläser an, die vor ihm standen.

Ich ging zu Jyrki und umarmte ihn fest. Weitere Zeremonien waren überflüssig, ich hatte mich schon vor einigen Tagen unter vier Augen bei ihm bedankt. Nach kurzem Nachdenken trat ich an Koivus Tisch und beugte mich vor, sodass unsere Gesichter auf gleicher Höhe waren.

«Komm, Pekka, wir gehen. Am besten bleibst du über Nacht bei uns. Iidas Zimmer ist frei, da kannst du deinen Rausch ausschlafen.» Ich fasste Koivu an der Schulter, als wollte ich jemanden gegen seinen Willen in die Ausnüchterungszelle bringen.

«Aber was wird Anu …» Koivu brachte den Satz nicht zu Ende.

«Ich schicke ihr eine SMS, damit sie sich keine Sorgen macht. Komm jetzt. Wir haben Mineralwasser und sauren Hering im Kühlschrank, für morgen früh. Wo ist deine Garderobenmarke?»

Obwohl der Heimweg nur gut einen Kilometer lang war, mussten wir ein Taxi nehmen. Vom Nachtfrost waren die Straßen vereist, und meine Schuhe hatten acht Zentimeter hohe Pfennigabsätze. Zum Glück setzte gerade ein Taxi ein italienisches Paar vor dem Hotel ab, sodass wir sofort einen Wagen bekamen. Der Fahrer warf einen misstrauischen Blick auf Koivu, erhob aber keinen Protest. Ich bugsierte meinen Kollegen auf die Rückbank und kletterte hinterher. Als ich dem Fahrer die Adresse nannte, hellte sich sein Gesicht auf und er drehte das Radio lauter.

Doch das Leid hat mich getroffen

so kann ich jetzt nur noch hoffen

und mich mit letzter Kraft

an das Leben klammern

Erst nachdem der Refrain zum ersten Mal ertönt war, kam mir in den Sinn, dem Fahrer zu sagen, er solle den Sender wechseln oder das Radio ausmachen. Das Humppa-Lied Vom Pech verfolgt der Tanzcombo Metsätähti war überraschend zum Superhit geworden, dem man nicht entgehen konnte, denn er wurde von allen Sendern immer wieder aufgelegt. Aber Koivu musste die Worte, die allzu gut auf sein Leben passten, nicht ausgerechnet jetzt hören, im sentimentalsten Stadium der Trunkenheit.

Unser Haus war dunkel, Antti und Taneli schliefen schon, Iida war mit ihrer Freundin im Sommerhaus in Särkisalo. Als ich die Tür öffnete, flitzte der Kater Jahnukainen heraus. Zehn Minuten später miaute er um Einlass. Er hatte sich nur vergewissert, dass die Gerüche der Außenwelt unverändert waren, und wollte nun neben unserer älteren Katze Venjamin am Fußende unseres Bettes weiterschlafen. Wir hatten jahrelang vergeblich versucht, den Katzen eigene Schlafplätze schmackhaft zu machen. Aber Menschen waren ihrer Meinung nach die besten Bettwärmer.

Koivu schaffte es kaum, sich die Schuhe auszuziehen, bevor er zur Wohnzimmercouch wankte. Hatten wir eine Reservezahnbürste, würde ihm einer von Anttis Pyjamas passen? Pekka war nur ungefähr fünf Zentimeter größer als Antti, aber viel kräftiger gebaut. Doch ein Schlafanzug war im Moment wohl seine kleinste Sorge.

«Pekka, gehen wir in Iidas Zimmer. Die Treppe hoch … So.» Koivu folgte mir willenlos, als sei er froh, keine Entscheidungen treffen zu müssen.

In Iidas Zimmer roch es nach Rosenwasser. Ich zog die Tagesdecke vom Bett, und Koivu legte sich hin, sah mich mit leeren Augen an und war eingeschlafen, bevor ich das Wort Zahnbürste zu Ende gesprochen hatte. Vielleicht war es besser so. Seit der Diagnose war er kaum fähig gewesen, auch nur eine Viertelstunde lang zu vergessen, dass seine elfjährige Tochter Sennu todkrank war.

An sich bedeutete ein Neuroblastom nicht zwangsläufig ein Todesurteil. Krebs war keine annähernd so verhängnisvolle Krankheit mehr wie noch vor einigen Jahrzehnten. Wir hatten uns alle Mühe gegeben, Koivu davon zu überzeugen, doch er hatte beschlossen, mit dem Schlimmsten zu rechnen. Das lag wohl zum Teil an unserem Beruf. Die Polizisten des Gewaltdezernats wurden gerufen, wenn es nur noch wenig oder gar keine Hoffnung mehr gab. Wir sahen das Böse und die schlimmsten Seiten des menschlichen Lebens. Bisher war es Koivu gelungen, Sanftmut und Geduld zu bewahren, im Vernehmungsteam übernahm er meist die Rolle des netten Kerls. Dass er sich besoff, war nur eines der Symptome für seinen Zusammenbruch.

Ich wusch mir das Gesicht, putzte mir die Zähne und stellte ein großes Glas Wasser, Schmerzmittel und Tabletten gegen Reisekrankheit auf Iidas Nachttisch. Dann ließ ich Jahnukainen herein, folgte ihm ins Schlafzimmer und kroch zu Antti ins Bett. Venjamin machte mit beleidigter Miene Platz, Antti murmelte etwas und schlief weiter. Jahnukainen begann zu schnurren. Ich lauschte auf das gleichmäßige, beruhigende Geräusch und versuchte, im gleichen Rhythmus zu atmen. Es würde keinem helfen, wenn ich mich von Trauer und Verzweiflung überwältigen ließ. Doch als der verdammte Pech-Song in meinem Kopf zu spielen begann, wusste ich, dass es nicht leicht sein würde, einzuschlafen.

 

Koivu wirkte die ganze folgende Woche über mürrisch. Am Samstagmorgen hatte er früh um sieben in unserer Toilette im Erdgeschoss herumgepoltert, und als ich hinging und fragte, ob er etwas brauchte, hatte er mich barsch ins Bett zurückgeschickt.

«Ich mach mich auf den Heimweg. Es tut mir gut, zu Fuß zum Bahnhof zu gehen», hatte er gesagt. Seine Augen hinter der Brille hatten Kirschtomaten geglichen, und seine blonden Haare hätten einen Kamm gebrauchen können. Ich ließ ihn gehen und schaffte es, noch ein paar Stunden unruhig zu schlafen. Im Traum versuchte ich den Weg zur Klinik in Jorvi zu finden, verfuhr mich aber immer wieder.

Es war eine erfolgreiche Woche, wir konnten den Ermittlungsbericht über eine Messerstecherei am Bahnhof von Kauklahti an den Staatsanwalt weiterleiten und eine Frau, die ihre Kinder wiederholt misshandelt hatte, dazu bringen, sich in Behandlung zu begeben. Die Kinder waren in Obhut genommen worden, und die Frau klagte, sie vermisse sie. In der Besprechung am Freitag gingen wir die offenen Fälle durch, es waren nicht mehr viele. Wir alle hatten noch Urlaubsanspruch, und wenn nichts Unerwartetes geschah, würden Puupponen und Koivu ihren Urlaub in der Woche vor dem ersten Mai antreten können. Ich selbst würde spätestens Anfang Juni im Ermittlungszimmer unserer Abteilung, der Puupponen den Namen «Club der Seltsamen Wesen» verpasst hatte, die Lichter löschen. In den letzten zwei Wochen hatte es keinen Fall mehr gegeben, der dem diensthabenden Kommissar ungewöhnlich genug erschienen wäre, um ihn uns zuzuweisen. Es gab nur die üblichen Einsätze in Privathaushalten, Schlägereien am Taxistand, ein paar Auseinandersetzungen zwischen Jugendbanden in verschiedenen Teilen der Stadt, ein zweijähriges Kind mit Blutergüssen, das nur mit einer Windel bekleidet durch das Zentrum von Espoo geirrt war. Wir schlossen den Ermittlungsbericht über einen Totschlag unter Betrunkenen ab, der vor einem Monat in Matinkylä passiert war, und seufzten tief, denn nun wurde es Zeit, uns dem Case Kantokaski zu widmen, wie Puupponen den Fall getauft hatte. Der Sonderpädagoge Teemu Luotonen würde später zur zweiten Vernehmung kommen, jetzt stand uns ein Gespräch mit dem mutmaßlichen Opfer und seinem Vater bevor. Die Misshandlung eines Kindes in der Schule war nach Ansicht von Timo Ranto, dem derzeitigen Chef der Abteilung für Gewaltdelikte bei der Polizei von West-Uusimaa, eine Sache für die Seltsamen.

«Ein typischer Fall von Aussage gegen Aussage», meinte Puupponen.

«Allerdings gibt es ja zwei Augenzeugen, die Mitschülerinnen von Amanda Aalto», gab Koivu zu bedenken.

«Aber deren Aussage ist bei jeder Befragung anders ausgefallen. Du hast recht, Ville. Hier steht Aussage gegen Aussage. Das Wort von Teemu Luotonen gegen das von Amandas Vater. Ich würde zu gern einmal mit Amanda sprechen, ohne dass ihr Vater dabei ist. Die Mutter oder eine Sozialarbeiterin wäre mir lieber.»

«Die Mutter arbeitet doch bei dem Projekt einer internationalen Investmentbank in Singapur. Vater und Tochter sind allein in Finnland. Und der Vater will keine Sozialtanten, er kann selbst für sein Kind eintreten», sagte Puupponen, wurde aber unterbrochen, als wir die Nachricht erhielten, dass Henri und Amanda Aalto im Erdgeschoss warteten.

«Ich hole sie ab», bot Puupponen an. Auch Koivu stand auf und goss sich Kaffee nach. Hefeteilchen und Berliner hatte er in letzter Zeit nicht angerührt, und an vielen Tagen hatte ich ihn geradezu zum Mittagessen scheuchen müssen.

«Wie war das Wochenende?», fragte ich, als sich die Tür hinter Puupponen geschlossen hatte.

«Anu und ich waren abwechselnd in der Kinderklinik, am Sonntag sogar eine Stunde lang beide gleichzeitig, während meine Schwiegermutter sich um Jusu und Jaska gekümmert hat. Dann waren wir noch in der Sauna. Nichts weiter.» Koivu putzte wieder einmal seine Brille, mit denselben Bewegungen wie immer, bei denen ich an eine verwirrte Katze denken musste, die sich die Brust leckt.

«Anu lässt ausrichten, sie ist dir dankbar, dass du mich nicht betrunken nach Hause geschickt hast.»

«Sie hat mir schon am Samstag eine SMS geschickt. Wenn ich irgendwas …»

Ich wurde unterbrochen, als Puupponen die Tür zu unserem Ermittlungszimmer öffnete. Da im Moment keine Aufnahmen von Leichen oder Tatorten an den Wänden hingen, konnten wir ihn für Befragungen nutzen. Henri Aalto betrat den Raum hinter Puupponen, als Letzte kam Amanda.

Obwohl ich ihr schon mehrmals begegnet war, erstaunte ihr Äußeres mich immer noch. Sie war erst elf, doch man konnte sie schon jetzt als Schönheit bezeichnen. Die dichten, schwarz glänzenden Haare reichten bis fast zur Taille, ihre Haut leuchtete honiggolden, ihre Lippen waren prall wie die einer Erwachsenen. Vermutlich beneideten viele Gleichaltrige Amanda darum, dass sie in ihrem Alter bereits die Maße einer erwachsenen Frau erreicht hatte: Ihre Beine waren fast einen Meter lang, und ihre Brüste brauchten bereits einen Büstenhalter. Aber sie war noch nicht einmal ein Teenager, und das mussten wir berücksichtigen, wenn wir mit ihr sprachen.

«Müssen wir uns schon wieder herbemühen, und obendrein mitten am Schul- und Arbeitstag?», beschwerte sich Henri Aalto, noch bevor er Platz genommen hatte.

«Sie haben am Telefon gesagt, der Termin passt Ihnen», versetzte Koivu. «Kaffee?»

«Nein, danke. Hätte ich vielleicht doch unseren Anwalt mitbringen sollen? Das hier ist doch völlig nutzlos. Amanda hat schon erzählt, wie der Lehrer Luotonen …»

«Teemu», unterbrach Amanda ihn, «wir nennen ihn Teemu.» Sie schlug die Beine so graziös übereinander, wie man es in der Supermodel-Sendung lernen konnte, und gab ihrem Vater mit einem Blick zu verstehen, er solle auch Platz nehmen.

«Schon gut, Schätzchen. Mit Polizisten muss man korrekt reden, und ich duze mich nicht mit Luotonen.» Aalto setzte sich neben seine Tochter und sah Koivu an. «Dieser Luotonen hat meine Tochter belästigt und muss angeklagt werden. Warum müssen wir das noch einmal durchkauen? Es ist äußerst belastend für meine Tochter, sich immer wieder an den Vorfall erinnern zu müssen.»

«Luotonen zieht in Erwägung, Sie seinerseits zu verklagen, wegen Diffamierung. Sie haben ihm in der Facebook-Gruppe der Schule und auf Ihrer eigenen Seite schon den Prozess gemacht, obwohl noch nicht geklärt ist, ob ausreichende Gründe für eine Anklage vorliegen.» Koivus Stimme war kalt, diesen Tonfall hatte ich bisher erst ein einziges Mal von ihm gehört. Damals hatte seine Wut mir gegolten.

«Ihr Polizisten bringt nichts zuwege. Ihr jammert über die knappen Ressourcen, aber allein in diesem Zimmer sitzen gleich drei von euch und untersuchen einen sonnenklaren Fall. Der eine kann lesen, der andere schreiben, und die dritte ist eine Frau wegen der Gleichberechtigung, wie?»

Ich holte tief Luft und setzte mich neben Amanda. Puupponen schaltete die Videokamera ein. Falls es tatsächlich zum Prozess kam, würde die Videoaufnahme vielleicht genügen, sodass Amanda die Aussage vor Gericht erspart blieb.

«Ein hübscher Schmuck», sagte ich im Plauderton zu dem Mädchen. An einer goldenen Halskette hing ein Herz, ebenfalls aus Gold, in das kleine rote Steine eingelassen waren. Sie bildeten ein zweites Herz.

«Den hat Papa mir zum Josefina-Tag geschenkt. Josefina ist mein zweiter Vorname. Der Anhänger hat irgendeiner Prinzessin gehört, ich glaube, sie hieß Margaret …»

«Die verstorbene englische Prinzessin Margaret. Ihre Erben mussten einen Teil des Besitzes verkaufen, um die Erbschaftssteuer bezahlen zu können. Finnland ist nicht das einzige Land, in dem die Erben geschröpft werden.» Henri Aalto sprach wieder mit normaler Stimme, denn nun ging es ums Business. Er war von Beruf Juwelenhändler, und sein Geschäft war kein Billigladen neben irgendeinem Supermarkt, sondern nur nach Vereinbarung für ausgewählte Kunden geöffnet.

«Papa hat gesagt, das ist für seine Prinzessin.» Als Amanda lächelte, blinkte an ihrem linken Schneidezahn ein Schmuckstein auf.

«Prinzessin Margaret, wow! Meine Schwester Helena hat sie sehr bewundert. Ich glaube, sie hatte sogar eine Margaret-Papierpuppe.» Als Amanda die Augenbrauen hochzog, ging mir auf, dass sie womöglich gar nicht wusste, was eine Papierpuppe war. Ich sparte mir jedoch die Erklärung und bat sie stattdessen, noch einmal mit eigenen Worten zu berichten, was damals im März während der Pause in der Sonderschulklasse in Kantokaski geschehen war.

«Das habe ich doch schon erzählt. Wer weiß wie oft. Wird das auf Video aufgenommen? Warum?»

Ich erklärte ihr, weshalb. Henri Aalto rückte seinen Stuhl zur Seite, damit er auf dem Video nicht zu sehen war. Er war ein attraktiver Mann um die vierzig mit naturkrausen blonden Haaren. Der schwarze Anzug war vermutlich maßgeschneidert, denn er saß perfekt, und die Schuhe hatten auf dem schlammigen Hof vor dem Polizeigebäude keine Flecken abbekommen. Die Manschettenknöpfe an seinem rosa Hemd trugen das Monogramm H.A. und konnten nur aus Weißgold sein.

«Also, an dem Tag war dermaßen Schneeregen oder so was, total schlimm. Vanessa war gerade beim Friseur gewesen, und mir wäre das Make-up verlaufen, und ich hatte auch ein bisschen Husten, wer hat da schon Bock, nach draußen zu gehen. Alsu war auch dabei, die hängt immer mit uns rum. Wir sind dann in die Sonderschulklasse, weil da vorher noch keiner von uns war, nicht mal Alsu, obwohl die aus Russland kommt, aber sie kann ganz gut Finnisch und braucht keinen Sonderlehrer. Aber der Teemu ist angekommen und hat gefragt, warum wir nicht draußen sind, und da hat sich mein Fingernagel in Alsus Bluse verfangen und ist abgebrochen, gerade wo ich ihn so cool lackiert hatte, in Pink und Gold, und ich bin ausgeflippt und hab den Teemu angebrüllt, dass ich nicht nach draußen gehen kann, weil mir der Nagel wehtut.»

Amanda schlug die Augen nieder, sodass ihre langen Wimpern die Wangen berührten; die Geste wirkte einstudiert. Koivu schlürfte seinen Kaffee, was in der plötzlichen Stille überlaut zu hören war. Amanda sprach weiter.

«Na ja, Alsu hat mich ausgelacht, dabei tat mir der Nagel echt weh. Auf dem Schrank lag irgendein Buch, und das hab ich nach ihr geworfen. Der Teemu hat gesagt, jetzt beruhigen wir uns mal und gehen nach draußen. Vanessa ist gleich verschwunden, sie wird immer sofort total nervös, wenn ein Lehrer wütend ist, und Alsu ist dann auch gegangen, aber ich nicht. Er hat mich noch mal ermahnt, und als ich nicht gehorcht hab, da hat er mich angefasst.»

Da Amanda verstummte, fragte ich sie, wie der Lehrer sie angefasst hatte.

«Na, er hat … Er hat mich an der Schulter gepackt, und ich hab gesagt, Finger weg, du Schwuchtel, und da hat er mir an den Busen gefasst, und ich hab geschrien, und er hat losgelassen. Und dann hat’s geklingelt, und die Pause war um.»

Der Sonderpädagoge Teemu Luotonen hatte ausgesagt, er habe Amanda Aalto eine Hand auf die Schulter gelegt, um sie zu beschwichtigen. Das Mädchen habe aggressiv gewirkt, und er habe bei seinen Sonderschülern die Erfahrung gemacht, dass die leichte Berührung beruhigend wirkte. Amanda habe sich jedoch losgerissen, und er könne nicht ausschließen, dass seine Hand dabei ihre Brust gestreift habe. Das sei aber keinesfalls seine Absicht gewesen. Als die Rektorin ihn am nächsten Tag zu sich zitiert hatte, weil er verdächtigt wurde, eine Schülerin sexuell belästigt zu haben, war Luotonen aus allen Wolken gefallen.

Alsu Denkova und Vanessa Huttunen hatten gesagt, der Lehrer müsse Amanda wohl berührt haben, sonst hätte sie es doch nicht behauptet. Beide hatten jedoch zugegeben, dass sie das Klassenzimmer bereits verlassen hatten, als die angebliche Tat geschah.

«Wie lange hat die Berührung gedauert?», fragte ich. Puupponen hatte seinen Blick auf das Stativ der Kamera geheftet, und auch Koivu sah Amanda nicht an.

«Lange genug, dass es eklig war.» Amanda wirkte verunsichert.

Der Sonderpädagoge hatte gleich nach der Szene mit der Klassenlehrerin der 5b gesprochen, die den Verstoß gegen die Pausenordnung im elektronischen Klassenbuch vermerkt hatte, über das auch die Eltern informiert wurden. Als Henri Aalto die Version seiner Tochter hörte, hatte er sofort die Rektorin angerufen. Dann hatte er Anzeige wegen sexueller Belästigung einer Minderjährigen erstattet, und der Fall war bei uns gelandet.

«Hören Sie auf, meine Tochter zu quälen! Kann man diesen Lehrer nicht endlich vor Gericht bringen und für die Dauer des Verfahrens suspendieren?», dröhnte Henri Aalto. «Muss Amanda etwa die Schule wechseln, um diesem Kerl nicht jeden Tag über den Weg zu laufen? Finden Sie das fair?»

«Mir scheint, dass Sie gar nicht wissen, was Fairness ist», sagte Koivu und knallte seinen Kaffeebecher auf den Tisch. Auf dem Becher prangten das Bild eines uniformierten Polizisten und der Text «Für Papa». Er war ein Geschenk von Sennu.

Aalto brauchte einen Moment, um zu begreifen, was Koivu gesagt hatte. Sein Gesicht nahm die gleiche Röte an wie Koivus Augen am Samstagmorgen, sein Atem beschleunigte sich. Als wäre ich in einen Kampf zwischen zwei Straßenkötern geraten.

Henri Aalto stand auf und trat vor Koivu. Puupponens Körper spannte sich im selben Moment wie meiner. Er war näher bei Koivu und würde ihn übernehmen, wenn nötig, während ich mich um Aalto kümmern würde. Seinem Aussehen nach stemmte er regelmäßig Gewichte und trieb auch irgendeinen Ausdauersport, aber gegen den Polizeigriff half selbst eine gute Kondition nicht unbedingt.

«Hauptmeister Koivu hat gleich eine Besprechung in der Führungsetage», sagte ich, so ruhig ich konnte. «Geh schon rauf, Puupponen und ich machen hier weiter.»

Ich hörte förmlich, wie Koivus Gehirn ratterte. Schließlich stand er auf und nahm seinen Becher mit, als könnte er nicht ohne ihn sein. Er schlug die Tür hinter sich zu.

«Was war das denn?», fragte Henri Aalto. Amanda betrachtete konzentriert ihre Fingernägel.

«Es geht hier um Amandas Wohlergehen», begann ich, doch er fiel mir ins Wort.

«Allerdings, genau darum geht es. Sie verstehen doch wohl, dass ein Vater zu allem bereit ist, um seine Tochter zu beschützen?» Aalto setzte sich wieder und holte tief Luft. «Es ist für mich auch belastend, dass ich mich ganz allein um diese Geschichte kümmern muss. Amandas Mutter ist beruflich in Singapur.» Er legte seiner Tochter eine Hand auf die Schulter. «Wann geht es in dieser Sache endlich voran?»

«Wenn unser Vorermittlungsbericht fertig ist, schicken wir ihn an die Staatsanwaltschaft, die dann entscheidet, ob die Voraussetzungen für eine Anklage erfüllt sind.» Mit Leuten wie Aalto sprach man am besten offiziell und ohne sich von ihren boshaften Bemerkungen provozieren zu lassen.

«Es besteht doch kein Zweifel daran, dass die Voraussetzungen erfüllt sind. Meine elfjährige Tochter ist belästigt worden. Wissen Sie schon, welcher Staatsanwalt zuständig ist?»

Wahrscheinlich würde es meine alte Freundin Katri Reponen sein, der häufig Fälle von Gewalt gegen Frauen und Kinder zufielen. Doch das musste Aalto nicht wissen, denn es war ja keineswegs sicher.

«Papa, ich will die Schule nicht wechseln! Alle meine Freundinnen sind in Kantokaski», rief Amanda und klang endlich einmal so jung, wie sie wirklich war.

Natürlich hatten wir Teemu Luotonens Strafregister überprüft, oder wir hätten es getan, wenn er eins gehabt hätte, aber der Mann hatte sich nie etwas zuschulden kommen lassen, es fand sich nicht einmal eine banale Geldbuße wegen Verstoßes gegen das Tempolimit. Die Rektoren der jetzigen und auch der Schulen, an denen Luotonen vorher gearbeitet hatte, hatten versichert, er sei kompetent und unbescholten. Die Eltern der Sonderschüler hatten auf Aaltos Facebook-Kampagne reagiert, indem sie den Lehrer leidenschaftlich verteidigten. Jemand hatte angedeutet, Amanda habe ihn in eine Falle gelockt.

Ich kannte die Wahrheit natürlich nicht. Aufgrund meiner Erfahrung vermutete ich, dass es sich um ein pures Missverständnis handelte; allerdings hatte es lange gedauert, bis ich mir dieses Urteil eingestand. Sexuelle Belästigung durfte man nie unter den Teppich kehren, erst recht nicht, wenn sie sich gegen Kinder oder Jugendliche richtete. Henri Aalto hatte keineswegs absichtlich eine unbegründete Anzeige erstattet, ihm ging es wirklich darum, seine Tochter zu schützen. Die Verantwortung für die Entscheidung, ob es zum Prozess kam, würde bald in andere Hände übergehen, doch Aalto würde zweifellos weiterhin in den sozialen Medien die Polizei verunglimpfen und uns dabei alle beim Namen nennen. Von dieser Methode, die Polizeiarbeit zu erschweren, hatte niemand etwas geahnt, als ich meine Ausbildung machte. Andererseits hätten damals die meisten Polizisten Henri Aaltos Anzeige gar nicht ernst genommen.

Mein Diensttelefon klingelte. Das Display zeigte die Nummer des diensthabenden Kommissars, was in aller Regel bedeutete, dass ein Fall für die Seltsamen anlag.

«Kallio. Ich stecke mitten in einer Vernehmung.»

«Es geht sozusagen nicht um Leben und Tod, denn der Tote hat sein Leben längst ausgehaucht.» Diensthabender war heute Marjala von der Verkehrspolizei, der ebenso unbeirrt Witze riss wie Puupponen. Vielleicht entstand diese Angewohnheit zwangsläufig, wenn man oft genug erlebte, dass Betrunkene Kinder überfuhren. Marjala legte eine dramatische Pause ein, bevor er fortfuhr: «Ich hätte da eine Leiche in Tapiola. Genauer gesagt in der Kirche von Tapiola.»

«In der Kirche?»

«Exakt. Todesursache noch unbekannt. Die Streifen, die in der Nähe waren, haben die Umgebung schon abgesperrt, und Hakkarainen ist mit seinem Team unterwegs, aber du könntest mit deiner Abteilung mal hinfahren. Es soll so viel Blut geflossen sein, dass er bestimmt keines natürlichen Todes gestorben ist. Wenn du nicht gerade einen geständigen Mörder vor dir hast, setz das Blaulicht aufs Dach.»

«Verstanden. Ich nehme Koivu und Puupponen mit. Welche Streifen sind am Tatort?»

«WU Fünfzwofünf und die Teufel.»

Die Teufel, das war die Streife Sechshundertsechsundsechzig der Polizei von West-Uusimaa, den Spitznamen hatte natürlich Puupponen erfunden. Ich hatte ihn von Anfang an nicht witzig gefunden.

«Okay.» Ich legte auf. Puupponen hatte schon gemerkt, dass jetzt etwas noch Wichtigeres anlag als eine sexuelle Belästigung.

«Wir haben einen dringenden Einsatz», erklärte ich Henri und Amanda Aalto. Henri öffnete den Mund, als wollte er fragen, worum es sich handelte, erinnerte sich dann aber, dass seine Tochter daneben saß, und sagte nichts. Ich beendete die Vernehmung offiziell und fügte hinzu, dass demnächst wahrscheinlich die Staatsanwaltschaft Verbindung zu den Aaltos aufnehmen würde. Puupponen begleitete die beiden nach unten; anschließend wollte er einen Wagen für uns organisieren. Ich rief Koivu an und sagte, wir hätten einen Leicheneinsatz in Tapiola.

«Ich bin hier», antwortete er. Er stand schon vor der Tür. «Eine Leiche also. Das ist bei diesem Roulette ja eine gute Nachricht. Je mehr Menschen sterben, desto unwahrscheinlicher ist es, dass unsere Sennu bald an der Reihe ist.»

2

Puupponen fuhr, Koivu saß mit geschlossenen Augen auf dem Rücksitz. Ich hatte ihm immer wieder geraten, sich krankschreiben zu lassen, aber er behauptete, er würde verrückt, wenn er nur zwischen zu Hause und der Klinik pendelte. Seine Frau Anu Wang-Koivu hatte sich sofort beurlauben lassen, als Sennus Diagnose feststand.

Sennus Prognose war nicht hoffnungslos, obwohl die Krankheit bei ihr in der aggressivsten Form ausgebrochen war. Es war durchaus möglich, dass sie eines Tages völlig geheilt sein würde. Die Operation und die Chemotherapie hatten die Elfjährige so geschwächt, dass sie kaum fähig war, ohne Hilfe zu essen. Sennu war schon alt genug, um zu verstehen, was ihre Erkrankung bedeutete. Es war entsetzlich, die Todesangst eines Kindes mitzuerleben.

Ich bemühte mich, meine Gedanken auf die Leiche zu konzentrieren, die in der Kirche von Tapiola auf uns wartete. In dieser Kirche war ich zuletzt vor zwei Jahren gewesen, bei der Beerdigung von Anttis Tante. Sie war von Terhi Pihlaja ausgesegnet worden, einer der Gemeindepastorinnen, die in ihrem Diensturlaub für Studienzwecke an einer Dissertation über die Einstellung der Kirche zu sexuellen Minderheiten in verschiedenen Epochen arbeitete. Im Gegensatz zu den meisten finnischen Gotteshäusern war die Kirche in Tapiola täglich geöffnet, und man konnte sie jederzeit besuchen, um zur Ruhe zu kommen. Obwohl Antti eingefleischter Atheist war, saß er von Zeit zu Zeit dort und dachte an seinen Vater, dessen Trauergottesdienst ebenfalls hier stattgefunden hatte.

Bei der Leserumfrage einer Zeitung, in der «die hässlichste Kirche Finnlands» gesucht wurde, hatte die Kirche von Tapiola zu den meistgenannten gehört. Die Betonarchitektur von Aarno Ruusuvuori aus den 1960er Jahren war karg, daher lag es nahe, sie als Produkt ihrer Zeit abzutun, doch ich hatte mich in dem schlichten Gebäude immer wohlgefühlt.

«Vielleicht geht es ja bloß um einen Streit unter Säufern? Ich habe gehört, dass die sich oft in der Kirche aufwärmen und geduldet werden, solange sie sich ruhig verhalten», überlegte Puupponen.

«Menschen haben im Lauf der Geschichte ja oft in Kirchen Zuflucht gesucht. Das ist in den letzten Jahrzehnten ziemlich in Vergessenheit geraten. Ich kann mir allerdings nicht vorstellen, dass man uns losschickt, um die Folgen eines Schnapsstreits zu klären», antwortete ich. «Mal sehen, wie viele Zeugen da sind, dann können wir eine erste Bestandsaufnahme machen. Puupponen und ich können die Angehörigen benachrichtigen, falls es welche gibt.»

«Ich habe keine Angst vor der Trauer anderer Menschen», schnaubte Koivu. Seine Augen im Rückspiegel verrieten, dass er log.

Wir hatten nicht einmal das Blaulicht auf den Wagen gesetzt, denn es herrschte kaum Verkehr. Vor der Kirche standen der Kastenwagen der Teufel, der Sedan der Fünfzwofünf und der Lieferwagen der Kriminaltechnik. Und wo die Polizei war, gab es auch Gaffer. Himanen von der Fünfzwofünf hielt an der Tür vor dem Absperrband Wache und verscheuchte gerade ein paar halbwüchsige Jungen, die ihn mit ihren Handys fotografieren wollten. Er fand verbale Unterstützung bei einer älteren Frau mit Baskenmütze, die über die Manieren der heutigen Jugend schimpfte. Im Angesicht des Todes müsse man die Mütze abnehmen und schweigen.

Himanen ließ uns durch. Schon in der Eingangshalle glaubte ich, Blut zu riechen, und folgte meiner Nase. Vor dem Korridor, der zu den Büros führte, stießen wir auf Hakkarainen und seine Leute. Hakkarainen zählte zum Adel der Kriminaltechniker und forderte viel von seinem Team. An seinen technischen Ermittlungen fand im Allgemeinen selbst der penibelste Verteidigungsanwalt keine Mängel.

Hakkarainen winkte uns zu. «Ich dachte mir schon, dass wir hier einen Fall für die Seltsamen haben. Ein normaler Totschlag ist es jedenfalls nicht. Kommt und seht es euch an.»

Puupponen öffnete die Tasche mit der Schutzkleidung. Auch Koivu kam, um sich Overall, Schuhüberzieher, Handschuhe und Schutzhaube zu holen. Ich band mir die Haare hoch oben auf dem Kopf zusammen wie die kleine Mü aus den Muminbüchern, damit nur ja kein Haar am falschen Ort landete. Koivu glich in seinen Klamotten einem Schneemann.

«Make, bist du mit den Fotos fertig?», fragte Hakkarainen.

Make Hyvärinen, der Fotograf der Kriminaltechnik, kam rückwärts aus der rechten der beiden Kindertoiletten, dem Schild zufolge für Jungen. Nahe der Tür wurde der Blutgeruch stärker. Hyvärinen hatte Blut an den Schuhüberziehern. Ich atmete durch den Mund.

Der Tote lag rücklings auf dem Boden, seine Beine zeigten zu den Waschbecken, während sein Kopf das Klobecken berührte. Seine Augen blickten leer, als wäre ihr Ausdruck mit dem Blut davongeströmt. Sein Gesicht war von Blutstropfen gesprenkelt, sein Mund stand offen wie bei einem überraschten Ausruf. Die dunklen Haare waren zum Pagenkopf geschnitten und steif vor Blut. Sein Leib war ein einziger Brei, gerade so, als hätte jemand wieder und wieder zugestochen. An den Armen und auch auf der Brust fanden sich Schnittwunden, offenbar hatte der Mann versucht, sich vor den Stichen zu schützen. Er lag in einem schwarzroten Meer aus Blut. Blutstreifen führten zum Abfluss unter dem Waschbecken bei der Tür, der Fußboden schien leicht abschüssig zu sein.

Es war schwierig, das Alter des Mannes zu bestimmen. Wahrscheinlich zwischen fünfunddreißig und fünfundfünfzig. Er trug einen dunklen Anzug und ein Hemd, dessen Farbe bei all dem Blut unkenntlich war. Die Schuhe waren schwarz, hatten aber schwarz-grün gemusterte Schnürsenkel. In Kombination mit dem Pagenkopf deuteten sie darauf hin, dass der Mann keine Scheu gehabt hatte, aus der Masse hervorzustechen.

«Weiß man schon, wer der Tote ist?», fragte ich Montonen von der Teufelsstreife, der mit seinem Partner als Erster am Fundort eingetroffen war.

«Nein. Außer dem Finder hat niemand die Leiche gesehen. Wir wollten den anderen keine Albträume verschaffen, und du verstehst sicher, dass wir die Taschen nicht nach Ausweispapieren durchsuchen konnten.»

«Klar. Wer hat ihn gefunden?»

«Arvi Honka, ein pensionierter Kantor und Organist, der regelmäßig auf den Urnenfriedhof kommt, um die Gedenktafel seiner Frau zu besuchen. Er sitzt jetzt wohl drüben in der Kirche. Ein alter Herr mit Krücken.»

«Okay. Wer war bei eurer Ankunft sonst noch im Haus?»

«Die Hausmeisterin und eine Gemeindeschwester oder wie die heißen. Sie sind jetzt auch in der Kirche, nehme ich an.»

Nach dem, was Terhi Pihlaja mir erzählt hatte, gab es in der Kirche täglich Veranstaltungen, daher schien es mir seltsam, dass an diesem Abend im April unser unbekannter Toter und ein ehemaliger Kantor die einzigen Besucher gewesen sein sollten. Allerdings lag Ostern erst eine Woche zurück, vielleicht war es unmittelbar nach der Saison stiller.

«Habt ihr irgendeinen Aktenkoffer gesehen oder eine andere Tasche? Oder eine Jacke? Bei dem Wetter ist er sicher nicht ohne Jacke unterwegs gewesen.»

«Eine Tasche ist mir nicht aufgefallen, aber wegen seiner Haltung vermute ich, dass unter ihm etwas auf dem Boden liegt», mischte sich Hakkarainen ein. «Guck mal hin, ich glaube nicht, dass der Mann sonderlich dick ist. Sondern unter seinem Rücken liegt irgendwas, das die Körpermitte hochdrückt. Was es genau ist, werden wir gleich klären.»

«Koivu und Puupponen, ihr sucht nach der Jacke und führt ein erstes Gespräch mit den Leuten in der Kirche. Es gibt hier doch wohl Überwachungskameras, oder? Wenn niemand weiß, wer der Mann war, können wir an den Aufzeichnungen wenigstens sehen, wann er und die anderen Besucher gekommen sind.»

«Gott sieht doch alles, wozu braucht man da Kameras?», versuchte Puupponen zu witzeln, errötete aber selbst über das miserable Resultat.

«Von unserer Seite spricht nichts dagegen, den Toten in die Pathologie zu bringen», teilte ich Hakkarainen mit. Ich schälte mich aus der Schutzkleidung und ging in den Kirchenraum, um mit Arvi Honka zu sprechen, dem Mann, der die Leiche gefunden hatte.

Am Ende der vordersten Bank saß eine gebeugte Gestalt, daneben lehnten Krücken. Der Mann wirkte gebrechlich, die flauschigen weißen Haare standen ihm vom Kopf ab. Der dunkelblaue Wintermantel hätte auch einer Frau gehören können. Bei Babys war es oft schwierig, auf den ersten Blick festzustellen, ob es ein Mädchen oder ein Junge war, und dasselbe galt meiner Erfahrung nach auch für sehr alte Menschen. Arvi Honka wandte den Kopf, als er meine Schritte hörte: Sein Gehör funktionierte einwandfrei. Das Netz der Falten auf seinem Gesicht war dicht, die hellblauen Augen hinter der Brille schienen zu einem viel jüngeren Menschen zu gehören als der Rest seines Körpers.

«Guten Tag. Ich bin Kommissarin Maria Kallio von der Espooer Polizei. Sie haben offenbar den Toten gefunden, hier auf dem …» Es kam mir irgendwie respektlos vor, in diesem Zusammenhang von Klo oder WC zu sprechen, andererseits klangen Klosett oder Sanitäranlage wieder zu gekünstelt.

«Guten Tag. Ja, das stimmt. Mein Name ist Arvi Honka, und obwohl ich pensioniert bin, spiele ich ab und zu hier in der Kirche auf der Orgel. Die Asche meiner Frau ruht im Urnenhain. Ich komme hierher, um für sie zu musizieren, und natürlich für Gott. Die Oberpfarrerin hat dafür Verständnis und erlaubt es mir.»

Arvi Honka hatte immer noch einen weichen Bariton, vielleicht sang er auch regelmäßig. Ich setzte mich neben ihn und ließ mein Notizbuch stecken. Die offizielle Befragung konnte warten.

«Genau … Ich habe den Toten gefunden. Ich bin auf die Kindertoilette gegangen, weil die freitagnachmittags kaum je benutzt wird, und bei mir dauert das Geschäft immer so lange. Mein linker Knöchel hält noch nicht wieder viel aus, seit ich bei der Glätte neulich ausgerutscht bin. Der Arzt hat mir verboten, mit dem schwachen Fuß die Pedale zu treten, aber ohne die kann man doch nicht spielen! Und wenn ich keine Musik mache, kann ich mich auch gleich zu Siiri legen.» Er zeigte zum Urnenfriedhof hinüber. «Aber um mich geht es ja nicht, sondern um den Toten. Weiß man schon, wer das ist?»

«Noch nicht. Sie haben ihn also nicht erkannt?»

«Irgendwo habe ich ihn schon mal gesehen, aber ich komme nicht auf den Namen. Es ist schon merkwürdig. Ich erinnere mich an jeden, mit dem ich im Juni vierundvierzig den Rückzug aus Petroskoi angetreten habe, aber die Heutigen bleiben mir einfach nicht im Gedächtnis. Gestern habe ich sicher zehn Minuten lang überlegt, wie die Kulturministerin heißt. Muss man als Polizistin nicht ein gutes Gedächtnis haben, damit man die Gauner von den anständigen Leuten unterscheidet?» Der alte Mann lächelte flüchtig und strich sich die Haare glatt. Zwischen uns auf der Bank lag ein dunkelblauer, breitkrempiger Hut mit einer schwarz-grau gemusterten Feder.

«Der arme Mann. Ich habe immer noch sein Blut am Schuh. Nach einem natürlichen Tod sah mir das nicht aus. Gut, dass ein Außenstehender wie ich ihn gefunden hat und kein Angehöriger.»

«Erzählen Sie mir, wie das alles abgelaufen ist. Um welche Zeit sind Sie zur Kirche gekommen?»

«Gegen Viertel nach zwei, denke ich … Ich bin kurz nach eins in Hakalehto aus dem Haus gegangen, und mit diesen Krücken tapse ich ja nur halb so schnell vor mich hin wie normal. Ein alter Mann wird nicht so schnell gesund wie ihr Jüngeren, aber es wird schon werden. Ich habe Siiri besucht und bin dann hereingekommen. Als ich die Tür zur Toilette aufmachte, lag da der Mann. Er sah genauso aus wie Unteroffizier Risula, nachdem ihn eine Granate in den Bauch getroffen hatte. Hoffentlich hat dieser Mann nicht so lange leiden müssen wie Risula. Ich habe die Tür wieder zugemacht und einen Stuhl davorgestellt, damit niemand reingeht, und dann habe ich den Notruf gewählt. Die Küsterin, oder die Hausmeisterin, so heißen die heute ja wohl, hat gerade im Gemeindesaal die Blumen gegossen. Ich habe ihr gesagt, was passiert ist und dass die Polizei gleich kommt. Dann bin ich hierhergekommen, in die Kirche, und habe die erste Strophe des Liedes sechshundertzwölf gesungen. Kennen Sie es?»

«Ich glaube nicht.»

Daraufhin begann der Mann leise zu singen: «Wie bang, du armes Menschenkind / ist dir ums Herz.» Seine Stimme glich seinen Augen: Sie war immer noch jung und kraftvoll, fast ohne Vibrato.

«Der Text ist von Juhana Cajanus, ein wunderschönes Gedicht. Helfen konnte ich dem Toten nicht mehr, aber immerhin konnte ich für ihn singen. Das ist eine alte Angewohnheit von mir. Im Krieg hat sich so mancher über den singenden Gefreiten gewundert, aber viele haben mit eingestimmt.»

«Sie haben den Toten also nicht berührt oder seine Stellung verändert?»

«Meine Krücke hat anscheinend sein linkes Bein gestreift. Da ist auch Blut dran, sehen Sie.» Honka hob seine Krücke an. «Ihr Polizisten wisst natürlich so gut wie wir Kriegsveteranen, wie viel Blut ein Mensch in sich drin hat. Ich habe so lange Blut gespendet, wie ich durfte. Aber diesen armen Mann hätte selbst eine Transfusion nicht mehr gerettet.»

Ich hörte Puupponens Schritte hinter mir, sie waren schneller und leichter als Koivus. Er trug immer noch seine Schutzkleidung. Bei seinem Anblick zuckte Honka zusammen.

«Im ersten Moment dachte ich, da kommt ein Soldat im Schneeanzug. Das liegt wohl daran, dass ich an Risulas Tod gedacht habe.»

«Guten Tag. Ich bin Hauptmeister Puupponen», stellte mein Kollege sich hastig vor und wollte gerade weiterreden, als Honka ihn unterbrach.

«Sind Sie mit dem Puupponen verwandt, bei dem in Syväri unter den Skiern eine Mine hochgegangen ist?»

Ein nachdenklicher Ausdruck trat auf Puupponens Gesicht. «Mein Großvater ist im Krieg gefallen, aber ich weiß nicht genau, wo. Oma sprach nicht gern darüber.»

Honka nickte. «Wie hieß er noch mit Vornamen … Viljami, glaube ich. Wir waren bei derselben Einheit. Ich habe ihn damals aus dem Wald getragen, oder das, was von ihm übrig war. Sie sehen ihm sehr ähnlich. Die Haarfarbe und die Sommersprossen …»

«Mein Großvater hieß tatsächlich Viljami. Vielleicht war er es wirklich.» Puupponen wirkte immer noch verwirrt, riss sich dann aber zusammen. «Maria, an der Garderobe beim Eingang wurde ein Männermantel gefunden, in der Tasche schwarze Handschuhe und in der Brusttasche ein Parkschein vom Tapiola Park. Demnach ist der Mann heute um zwölf Uhr siebenunddreißig ins Parkhaus gefahren.»

«Dort gibt es auf jeden Fall Überwachungskameras, vielleicht können wir ihn anhand des Kennzeichens identifizieren.» Ich wandte mich an Arvi Honka. «Wir werden Sie jetzt nicht länger aufhalten, einer von uns wird später Ihre offizielle Aussage zu Protokoll nehmen. Sagen Sie mir bitte, wo Sie zu erreichen sind?»

Honka suchte seine Taschen ab und fand ein silberfarbenes Etui, dem er eine Visitenkarte entnahm. Auf weißem Papier stand in Prägeschrift Arvi Honka, director cantus, eine Adresse an der Hakarinne und die Nummer eines Festnetzanschlusses.

Er schien alle seine Sinne beisammenzuhaben, doch wenn er am Krieg teilgenommen hatte, musste er über neunzig sein, und zudem war ein Leichenfund für jedermann ein erschütterndes Ereignis. Deshalb beschloss ich, ihn von einer der beiden Streifen nach Hause bringen zu lassen. Außerdem brauchten wir die Kleidung, die er trug, damit sie im kriminaltechnischen Labor untersucht werden konnte. Ich bot ihm zunächst einmal den Transport nach Hause an.

«Das wäre nicht schlecht, die Straßen sind in einem elenden Zustand, und mit den Krücken geht es sich mühsam. Da werden die Nachbarn staunen, wenn Kantor Honka im Polizeifahrzeug vorfährt.» Der Gedanke schien ihn zu amüsieren. «Darf ich später erfahren, wer der Tote war, damit ich weiß, für wen ich singe?»

«Darüber haben die Angehörigen zu entscheiden», antwortete ich. «Leider kann ich Ihnen keine Visitenkarte geben. Ich habe keine mehr.» Da unsere Einheit in zwei Monaten aufgelöst werden sollte, hatte man uns untersagt, neue zu bestellen. Ich hatte meine letzte Visitenkarte auf Zettel kopiert, die ich in der Brieftasche trug, doch die waren mir inzwischen auch ausgegangen. Also erklärte ich Honka, er könne mich über die Telefonzentrale der Polizei von West-Uusimaa erreichen. Dann sagte ich ihm, dass er den Polizisten seine Kleidung aushändigen müsse. Er sah mich erschrocken an.

«Alles? Auch den Mantel und die Schuhe? Aber ich habe sonst nichts, was ich im Winter anziehen kann. Dieser Ulster hat mir schon fünfzehn Jahre treu gedient, und an den Schuhen habe ich vor zwei Jahren Spikes anbringen lassen. Wenn das Wetter so bleibt, wie es ist, kann ich ohne sie nicht aus dem Haus.»

«Es ist leider unvermeidlich. Im Streifenwagen gibt es Gummistiefel, die Sie vorübergehend benutzen können, Ihre Schuhe müssen nämlich besonders dringend analysiert werden. Haben Sie Angehörige, die Ihnen Ersatz besorgen könnten?»

Honka schüttelte den Kopf. «Meine beiden Kinder verbringen den Winter immer im Ausland. Natürlich habe ich meine Nachbarn, Kaarina und Tapio … Aber bekomme ich meine Sachen zurück? Den Mantel hat Siiri ausgesucht, und sie hat eine gute Wahl getroffen. Sie hat mir beigebracht, ihn in Schuss zu halten. Ich glaube nicht, dass ich imstande bin, ohne Siiri einen neuen Mantel zu kaufen. Muss ich mich gleich hier ausziehen?»

«Zuerst bringen meine Kollegen Sie nach Hause, und dann geben Sie Ihre Sachen ab. Sie erhalten eine Quittung, und nach der Analyse bekommen Sie alles zurück. Die technischen Ermittler müssen untersuchen, welche Spuren von Ihnen sind und welche vom Täter. Leider bringen Verbrechen oft auch das Leben unbeteiligter Menschen durcheinander.»

Ich winkte Wallenius von der Fünfzwofünf herbei und erklärte ihm die Situation. Er nickte verständnisvoll. Ich sagte ihm, die Streife brauche nicht mehr zur Kirche zurückzukommen, wir würden die restlichen Befragungen übernehmen. Als ich in den Eingangsbereich zurückkehrte, sah ich, dass der Leichenwagen eingetroffen war. Der Rechtsmediziner, der zufällig in der näheren Umgebung gewesen war, hatte den Tod schon vor unserer Ankunft offiziell festgestellt. Hakkarainen warnte die Leichenträger, der Tote sei blutüberströmt. Der Jüngere der beiden fühlte sich dadurch persönlich beleidigt.

«Wir machen so was nicht zum ersten Mal!», fauchte er. Als er die Tür zur Kindertoilette öffnete, hörte ich, wie er entsetzt nach Luft schnappte.

An der Garderobe hing der Mantel, der wahrscheinlich dem Toten gehörte. Er war aus hellgrauem Wollstoff und knapp knielang. Der Pelz am abknöpfbaren Kragen wirkte echt. Puupponen hatte die Taschen bereits durchsucht, nun mussten wir abwarten, was unter der Leiche zum Vorschein kam. Vielleicht eine Brieftasche, die trug in der Regel jeder bei sich. Oder war unser Toter von einem Taschendieb angegriffen worden?

Ich hörte Koivus Stimme aus dem Gemeindesaal, wo er mit der diensthabenden Hausmeisterin sprach. Wir mussten feststellen, ob sich zur Tatzeit noch weitere Personen in der Kirche aufgehalten hatten. Dabei konnten uns die Sechssechssechser helfen.

Die Leichenträger kamen aus der Toilette. Der Tote war sorgfältig zugedeckt worden, sodass die Neugierigen, die vor der Kirche warteten, nicht einmal eine Schuhspitze zu Gesicht bekommen würden. Himanen würde dafür sorgen, dass Außenstehende keine Fotos machten. Der Drang der Leute, alles mit ihren Handys zu verewigen, war für die Polizeiarbeit gelegentlich nützlich, aber manchen Leuten schien es sowohl an Verstand als auch an Respekt zu mangeln.

Ich senkte den Kopf, als der Tote an mir vorbeigetragen wurde. Meine Aufgabe war es, herauszufinden, was ihm zugestoßen war, und mein Bestes zu tun, um den Täter vor Gericht zu bringen. Das Urteil würden andere sprechen.

Die Leiche wurde in den Wagen geschoben, die Türen schlossen sich. Der Wagen fuhr langsam an, trotz Streusand war die Straße glatt, und die Frau, die mit langen Schritten auf die Kirche zustrebte, musste in den Schnee am Straßenrand ausweichen. Sie bemerkte zuerst den Leichenwagen, dann das polizeiliche Absperrband und sprach Himanen an, der den Leichenträgern die Tür aufgehalten hatte.

«Was ist passiert? Ist jemand gestorben?»

Die Frau war etwas über vierzig, mittelgroß und zierlich. Sie trug die Haare im Nacken zusammengebunden, ihr Schal hatte die gleiche leuchtend rote Farbe wie der knielange Steppmantel.

«Ich arbeite hier, ich bin die Gemeindesekretärin Kirsi Pulma-Haukinen. Ich darf doch wohl reingehen? Eigentlich wollte ich mich schon vor einer Stunde mit meinem Bruder treffen.»

Ich trat an die Tür und bat die Frau herein. Bildete ich mir die Ähnlichkeit mit dem Toten nur ein? Im Lauf der Jahre hatte ich gelernt, zu akzeptieren, dass Verbrechen manchmal weniger durch harte Arbeit als durch Zufall aufgeklärt wurden.

Ich stellte mich vor und fragte, ob der Bruder in ihrem Büro oder in der Kirche auf sie warten wollte.

«In der Kirche. Wir wollen darüber reden, wie wir die Wohnung unserer verstorbenen Mutter verkaufen, aber ich musste so lange zu Hause bleiben, bis der Handwerker wegen der Waschmaschine kam, weil ich ihm extra einschärfen wollte, dass Diana nicht nach draußen darf. Also unsere kleine Katze. Natürlich kam er fast eine Dreiviertelstunde zu spät. Ich habe Jaakko eine Nachricht auf den Anrufbeantworter gesprochen, aber er hat nicht zurückgerufen. Es ist ihm doch nichts passiert? Wer war das in dem Leichenwagen?»

«Wie alt ist Ihr Bruder?»

«Siebenundvierzig. Oh mein Gott, war das etwa Jaakko? Jaakko!», rief die Frau in den leeren Kirchenraum. Sie bekam keine Antwort.

Ich führte sie zu einer Bank im Vorraum der Kirche, bat sie Platz zu nehmen und fragte, ob sie vielleicht ein Foto von ihrem Bruder auf ihrem Handy habe. Ihre Hände zitterten, als sie ihre Handtasche öffnete und ein leuchtend rotes Smartphone herausholte.

«Es wurde im Februar bei der Beerdigung unserer Mutter gemacht. Hier können Sie zoomen. Das da ist Jaakko.»

Der Mann auf dem Foto blickte ernst drein, doch er war anwesend. Die Ausdruckslosigkeit auf dem blutleeren Gesicht des Toten war von anderer Art gewesen, aber es war dennoch leicht zu erkennen, dass es sich um denselben Mann handelte. Ich setzte mich neben Kirsi Pulma-Haukinen und erzählte ihr, was passiert war.

3

Kirsi Pulma-Haukinen weigerte sich anfangs, zu glauben, dass ihr Bruder tot war. Sie verlangte, die Leiche sehen zu dürfen, und rief trotz meiner Einwände bei ihrem Bruder an, doch an Jaakko Pulmas Handy meldete sich niemand. Natürlich war der Tote vorläufig nicht offiziell identifiziert, aber nachdem sie das Foto auf Kirsis Handy gesehen hatten, waren auch Hakkarainen und Hyvärinen der Meinung, dass es sich um Jaakko Pulma handelte.

«Gehen wir in mein Büro, da können wir ungestört reden», schlug Pulma-Haukinen vor. Das war mir recht, denn dort waren wir der Technik nicht im Weg.

«Wer ist der nächste Angehörige deines Bruders?», fragte ich, als Kirsi an ihrem Schreibtisch saß. Die vertraute Umgebung wirkte unverkennbar beruhigend auf sie. Ich war dazu übergegangen, sie zu duzen, denn Siezen erschien mir in dieser Situation zu unpersönlich.

«Henna, seine Frau. Henna Pasanen-Pulma. Sie ist Abgeordnete der Zentrumspartei und nach der nächsten Wahl bestimmt auch Ministerin. Jedenfalls ist es mit ihrer Karriere steil bergauf gegangen, seit sie den Wahlkreis gewechselt hat.»

Beinahe hätte ich laut aufgestöhnt. Der Fall hatte also alle Voraussetzungen für ein riesiges Öffentlichkeitsinteresse. Eine Leiche in der Kirche. Der Ehemann einer Abgeordneten. Da würde die Pressesprecherin der Polizei von West-Uusimaa vor Freude platzen. Der einzige positive Aspekt aus meiner Sicht war, dass Ranto unserer Einheit sicher Verstärkung bewilligen würde – falls wir die Ermittlungen weiterführen durften und der Fall nicht wegen der politischen Verbindungen der Ehefrau des Opfers an die Zentralkripo weitergeleitet wurde.

«Haben die beiden Kinder?»

«Nur einen Sohn, Joonas. Er leistet gerade seinen Wehrdienst in Vekaranjärvi.»

«Wo hat dein Bruder gearbeitet? Wo wohnt die Familie?»

«Sie sind vor zwei Jahren endgültig nach Espoo gezogen. Henna wurde ursprünglich im Wahlkreis West-Savo ins Parlament gewählt, aber seit der Wahlkreisreform gibt es den nicht mehr. Deshalb hat sie sich für Uusimaa entschieden. Früher haben sie in Mikkeli gewohnt. Jaakko wiederum hat die meisten Kunden hier in Südfinnland. Er ist in der Edelsteinbranche.»

«Hat er irgendwo ein eigenes Geschäft?»

«Er ist kein Einzelhändler, sondern ein Sachverständiger, der begutachtet und vermittelt.»

Kirsi bemühte sich die Fassung zu bewahren. Sie versuchte wohl, sich einzureden, dass es sich nicht um ihren Bruder handelte. «Es kann nicht Jaakko sein! Er hat nur sein Handy verlegt, oder er hat es bei irgendeiner Besprechung auf stumm geschaltet und dann vergessen.»

Ich suchte bereits auf der Website des Parlaments nach der Telefonnummer des Assistenten von Henna Pasanen-Pulma. Montags gab es keine Plenarsitzungen, aber die Abgeordneten hatten andere Konferenzen und Repräsentationspflichten, und ich wollte ihr die traurige Nachricht nicht per Telefon überbringen.

Hakkarainen klopfte an. Die Techniker hatten ihre Untersuchungen fortgesetzt, sie würden alle Spuren zusammentragen, die in der Toilette zu finden waren.

«Kallio, ich hätte etwas zu bereden. Kommst du mal kurz?»

Ich bat Puupponen, Kirsi Pulma-Haukinen Gesellschaft zu leisten, und folgte Hakkarainen. Er zeigte mir eine blutgetränkte Brieftasche, die auf einem Stahlteller lag.

«Ich hatte recht: Unter der Leiche lag etwas, nämlich diese Brieftasche. Soll ich nachsehen, ob sie uns recht gibt, wer der Tote war?»

«Ich bin überzeugt, du schaffst das, ohne Spuren zu verwischen. Jetzt wissen wir immerhin, dass es kein Taschendiebstahl war, der aus dem Ruder gelaufen ist.»

Hakkarainen sah mich scharf an. «Kannst du dir da so sicher sein? Du ziehst ziemlich gewagte Schlüsse, nur weil die Brieftasche nicht verschwunden ist.» Er entnahm seinem Instrumentenkoffer eine Pinzette, mit der er die Brieftasche vorsichtig öffnete. Sie enthielt mindestens ein Dutzend Plastikkarten, eine zog Hakkarainen heraus, eine Visa-Gold-Kreditkarte. Darauf stand «Jaakko Pulma».

«Hier ist auch der Führerschein. Auf denselben Namen. Okay, Jaakko, wir versprechen dir, herauszufinden, wer dich auf dem Gewissen hat. Ich tue jedenfalls mein Bestes, damit dein Tod gesühnt wird.»

Ich hatte Hakkarainen noch nie so feierlich reden gehört, obwohl ich in zig Fällen mit ihm ermittelt hatte. Auch er hatte nicht mehr allzu viele Berufsjahre vor sich. Seine dunkelbraunen Haare waren an den Schläfen ergraut, die Augenbrauen waren fast weiß. Die ständige gebeugte Haltung bei der Untersuchung von Präparaten hatte ihm einen krummen Rücken verschafft, und seine Knie knackten beim Gehen. Er war mager und sehnig und Gerüchten zufolge Veganer.

«Eine schwierige Situation. Für die Ermittlungen wäre es unbedingt notwendig, die Kirche zu schließen, bis wir mit unserer Arbeit fertig sind. Sollen wir den Oberpfarrer anrufen, oder wer hat darüber zu entscheiden?», überlegte Hakkarainen. Ich bat Koivu, der gerade vorbeikam, die Sache abzuklären. In diesem Fall stand die weltliche Macht über der geistlichen, auch wenn es unangenehm wäre, unseretwegen Beerdigungen, Taufen und andere kirchliche Zeremonien verschieben zu müssen. Zum Glück fanden die meisten am Wochenende statt.

Ich kehrte in Kirsis Arbeitszimmer zurück. An den Wänden hingen Kinderzeichnungen und Fotos von Katzen. Ich erinnerte mich, dass sie ein Katzenjunges erwähnt hatte, und fragte, ob es noch sehr klein war. Kirsi antwortete, es sei vier Monate alt. Ihre Familie wolle es zur Hauskatze erziehen, weil sie in einer Reihenhaussiedlung wohnte. Das Geplauder über die Katze hatte die erhoffte Wirkung: Kirsi entspannte sich allmählich.

«Du hast einen Lebenspartner, den du anrufen kannst, wenn du Unterstützung brauchst?» Als Kirsi etwas Bejahendes murmelte, fuhr ich fort: «Die Brieftasche, die wir unter dem Toten gefunden haben, enthält die Ausweispapiere von Jaakko Pulma und eine ganze Reihe seiner Karten. Mein Beileid.»

Einen Moment lang sagte Kirsi gar nichts. Dann schleuderte sie eine Aktenmappe vom Schreibtisch auf den Boden und schrie:

«Das stimmt nicht! Es kann nicht Jaakko sein! Im Januar Mutter, und jetzt Jaakko? Das ist doch völlig unmöglich!» Sie sprang auf, als wolle sie sich auf mich stürzen, starrte dann aber nur ratlos die Wand an.

Ich ließ sie ungern allein, doch wir mussten weiter. Immerhin waren die Hausmeisterin und die Frau, die Hakkarainen als Gemeindeschwester bezeichnet hatte, im Haus. Vielleicht konnten sie sich um Kirsi Pulma-Haukinen kümmern. Mitarbeiter der Kirche mussten schließlich Profis im Trösten sein, noch geübter als Polizisten. Ich spähte auf den Flur und sah eine Frau, die ein ganz normales dunkelgraues Kostüm, um den Hals aber ein Beffchen trug. Es stellte sich heraus, dass sie die Oberpfarrerin der Gemeinde Tapiola und auf Koivus Bitte herbeigeeilt war. Sie wurde blass, als ich ihr berichtete, was passiert war und dass der Verstorbene eine Verbindung zur Gemeinde hatte. Doch sie war eine tatkräftige Frau; sie versprach, sich um ihre Mitarbeiterin zu kümmern und dafür zu sorgen, dass die Kriminaltechniker ungestört arbeiten konnten.

«Zum Glück haben wir am Wochenende keine Kinderkreise, die Toilette wird also nicht gebraucht. Wir haben neben der Vollzeithausmeisterin, die jetzt im Dienst ist, noch zwei Halbtagskräfte, die können wir herbestellen, falls die Finanzdirektorin des Gemeindeverbandes die Überstunden genehmigt.»

«Wir stellen fürs Erste eine Polizeiwache auf. Den eigentlichen Kirchenraum können Sie öffnen wie gewohnt, aber der Fundort der Leiche muss vorläufig abgesperrt bleiben.»

Auch Hakkarainen kam hinzu, zog seine blutbefleckten Handschuhe aus und beteiligte sich an der Besprechung. Meine Mitarbeiter und ich wurden in der Kirche nicht mehr gebraucht, wir mussten uns auf den Weg machen, um die Trauerbotschaft zu überbringen. Jaakko Pulma und seine Frau waren Mitglieder der Gemeinde Tapiola, und die Oberpfarrerin berichtete, Henna Pasanen-Pulma sei vor einiger Zeit in den Kirchengemeinderat gewählt worden.

«Ich kann gern einen Pastor oder Diakoniemitarbeiter bitten, Sie zu begleiten», bot sie an. Natürlich hätten wir auch unsere eigene Polizeipfarrerin hinzubitten können. Ich bedankte mich für das Angebot, erklärte aber, Puupponen und ich würden die Aufgabe übernehmen. Koivu sollte ins Präsidium zurückkehren, Informationen über die involvierten Personen zusammenstellen und sich mit dem Rechtsmedizinischen Institut in Verbindung setzen. Ich gab ihm den Obduktionsbefehl mit auf den Weg.

Toni Rask, der Assistent von Henna Pasanen-Pulma, meldete sich schon beim zweiten Klingeln, vielleicht erkannte er an der Nummer, dass der Anruf von der Polizei kam. Als ich mich vorstellte, war er die Hilfsbereitschaft in Person.

«Die Abgeordnete Pasanen-Pulma ist … Moment, ich muss im Terminplaner nachsehen … Sie hatte um zwei Uhr einen Termin beim Friseur, anschließend wollte sie nach Hause gehen und dort arbeiten. Am Abend muss sie, soweit ich mich erinnere, noch eine Rede halten … Ja, genau, um neunzehn Uhr im Frauenverein in Lapinjärvi. Aber im Moment müsste sie zu Hause sein. Worum geht es denn?»

«Um eine private Angelegenheit. Ich versuche mein Glück bei ihr zu Hause, wenn Sie mir die Adresse nennen.»

«Die kann ich Ihnen nicht am Telefon geben, sie ist geheim. Worum geht es überhaupt? Als Hennas engster Mitarbeiter sollte ich über alles informiert sein, was im Gange ist.»

«Wir sind von der Polizei, wir bringen die Adresse also auf jeden Fall in Erfahrung, aber Ihre Kooperation würde uns die Mühe ersparen.»

Rask seufzte. «Na gut. Ich schicke sie Ihnen per E-Mail. Ihre Mailadresse hat die übliche Form?»

«Maria Punkt Kallio at poliisi Punkt fi», erwiderte ich, und Rask versprach, mir die Adresse zu mailen. Sobald sie eintraf, machten wir uns auf den Weg. Während der Fahrt sammelte ich im Internet Informationen über Henna Pasanen-Pulma. Sie war fünfundvierzig Jahre alt, geboren in Juva und zum zweiten Mal ins Parlament gewählt. Das Wohlergehen von Kindern und Jugendlichen, Bildungspolitik und Umweltfragen lagen ihr besonders am Herzen. Eine typische Weltverbesserin also. Sie war noch nicht in die erste Riege ihrer Partei aufgestiegen, und das größte Medieninteresse hatte sie offenbar mit dem Abendkleid hervorgerufen, das sie vor zwei Jahren beim Empfang zum Unabhängigkeitstag im Präsidentenpalais getragen hatte: Es war am Rock und an den Ärmeln mit gefärbten Hühnerfedern verziert. Vor ihrer Karriere als Abgeordnete hatte sie als Schuldezernentin der Stadt Mikkeli gearbeitet. Beim ersten Mal war sie in dem mittlerweile aufgelösten Wahlkreis West-Savo ins Parlament gewählt worden, beim zweiten Mal im Bezirk Uusimaa, in den sie erst einige Monate vor der Wahl gezogen war.

Koivu stieg an der Vanha Mankkaantie aus, von dort konnte er mit dem Bus weiterfahren. Ich versprach, ihm per Telefon weitere Anweisungen zu geben. Dann teilte ich meiner Familie mit, dass ich Überstunden machen musste und dass im Kühlschrank der von Antti zubereitete Nudelauflauf zu finden war. In meiner SMS an Antti fügte ich noch das Wort «schlimm» hinzu. Er wusste, was das hieß. Ich konnte förmlich hören, wie er an seinem Schreibtisch seufzte. Ehepartner von Polizisten waren zeitweise praktisch alleinerziehend, aber Antti hatte sich mit seinem Schicksal abgefunden, und unsere Kinder waren schon recht selbständig.

Wir fanden unser Ziel. Das Einfamilienhaus stand ganz für sich am Ende der Straße, dahinter lag ein kleines Gehölz. Auf dem Briefkasten fand sich kein Familienname, nur der Firmenname Blue Jewel AG. Im Internet hatte ich auf den ersten Blick keine Drohungen gegen Pasanen-Pulma gefunden, obwohl davor heutzutage wohl kein Abgeordneter gefeit war. Ich zählte langsam bis zehn und ging mit Puupponen die Verhaltensregeln durch. Trauernachrichten zu überbringen durfte nie zur Routine verkommen, und doch musste man es fachmännisch erledigen. Wahrscheinlich war die Oberpfarrerin von Tapiola dieser Aufgabe viel besser gewachsen als ich.

Ich klingelte, und nach einer Weile waren Schritte zu hören. Sie machten vor der Tür halt, jemand blickte durch den Türspion. Ich bemühte mich um ein vertrauenerweckendes Lächeln. Die Tür wurde einen Spaltbreit geöffnet, doch die Sicherheitskette blieb vorgelegt.