Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Das weltweit dramatische Artensterben, die Wirkungslosigkeit des Pariser Klimaabkommens und nicht zuletzt der Rollback in der US-amerikanischen Klimapolitik werfen in eindringlicher Weise die Frage auf, wie mit der anscheinend unaufhaltsamen ökologischen Katastrophe philosophisch angemessen umzugehen ist. In seinem klugen, leicht verständlichen und mit Vehemenz geschriebenen Essay, der stilistisch in der Montaigne-Tradition steht und unverkennbar Anleihen etwa bei Günther Anders nimmt, konfrontiert der Autor Leserinnen und Leser in provokativer Weise mit der Diagnose: Es ist zu spät. Materialreich zeichnet er die Geschichte des Menschen und seiner Selbsterhebung über sich selbst nach und beschreibt die menschengemachten, todbringenden Prozesse, deren Folgen offenkundig weder rückgängig gemacht noch beherrscht werden können. Fuller gelangt zu der aufrüttelnden Erkenntnis, dass nur die Akzeptanz des Unabänderlichen, eine »heitere Hoffnungslosigkeit«, der Situation angemessen sein kann. Sie allein erzeugt einen »Zustand ruhiger Wachheit, der in den zivilen Ungehorsam treibt«. In einem aktuellen, umfangreichen Schlusskapitel zieht der Autor Bilanz und skizziert die Wege und Handlungsmöglichkeiten, die es dem Individuum seiner Ansicht nach im destruktiven Anthropozän ermöglichen, psychisch zu überleben. Aus den Rezensionen zur 1. Auflage: «?uller ist ein glänzender Stilist … stark ist er vor allem in Anamnese und Diagnose unserer real existierenden ökologischen Verhältnisse.« (Badische Zeitung) «?ich mit dem Unvermeidlichen abzufinden ist das letzte, was bleibt … Diese stille, unaufgeregte Reaktion macht das Buch eindrucksvoller als die laute Sprache, in der die Apokalyptiker, insbesondere die deutschen, für ihre Sache eintreten.« (FAZ) «?uller plädiert in seinem brillant geschriebenen Essay für Ehrlichkeit. Die Lage ist aussichtslos … Seine Haltung erinnert an Camus: Gerade weil das Leben absurd ist, macht Moral Sinn.« (Udo Marquardt, Radio Freiburg)
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 161
Veröffentlichungsjahr: 2017
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Gregory Fuller
Von der heiteren Hoffnungslosigkeitim Angesicht derökologischen Katastrophe
Bibliographische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in derDeutschen Nationalbibliographie; detaillierte bibliographischeDaten sind im Internet über ‹http://portal.dnb.de› abrufbar.
eISBN (PDF) 978-3-7873-3323-3eISBN (ePub) 978-3-7873-3328-8
2., überarbeitete und erweiterte Auflage
© Felix Meiner Verlag Hamburg 2017. Alle Rechte vorbehalten. Dies gilt auch für Vervielfältigungen, Übertragungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen, soweit es nicht §§ 53, 54 UrhG ausdrücklich gestatten. Satz: Jens-Sören Mann. Konvertierung: Bookwire GmbHFür Links mit Verweisen auf Webseiten Dritter übernimmt der Verlag keine inhaltliche Haftung. Zudem behält er sich die Verwertung der urheberrechtlich geschützten Inhalte dieses Werkes für Zwecke des Text- und Data-Minings (§ 44 b UrhG) vor. Jegliche unbefugte Nutzung ist hiermit ausgeschlossen.
Editorische Notiz zur zweiten Auflage
Vorspiel zum Finale. Signifying nothing
I. Maîtres et possesseurs
II. Totentanz ohne Trauer
III. Untergang und Ungehorsam
IV. Heitere Hoffnungslosigkeit
Nachspiel zum Finale: Zur Aktualität
Literaturangaben
Nachweise
VON MEHREREN SEITEN bin ich gebeten worden, dafür Sorge zu tragen, dass dieses 1993 erschienene Buch wieder aufgelegt wird: Es sei, sagt man mir, nach wie vor aktuell. Der Felix Meiner Verlag hat sich dankenswerter Weise bereit erklärt, fast 25 Jahre nach dem ersten Erscheinen diese zweite Auflage herauszubringen.
Jedes sachorientierte Buch veraltet jedoch nach 25 Jahren. Den ursprünglichen Text daher ohne Änderungen wieder abzudrucken: das schien mir nicht sinnvoll. Der Verlag und ich waren uns deswegen einig, aus der Erstauflage von 1993 nun eine erweiterte und aktualisierte zweite Auflage zu machen.
Da Das Ende ein literarischer Essay in der Montaigne-Tradition ist und in einem Fluss geschrieben wurde, den man nicht unterbrechen sollte, haben der Verlag und ich entschieden, den Textkorpus von 1993 unberührt zu lassen und ohne den geringsten Eingriff (außer der Rechtschreibangleichung) hier wieder abzudrucken. Das betrifft alle Kapitel vom »Vorspiel zum Finale« bis einschließlich »Untergang und Ungehorsam« (S. 11 – 72).
Mit den Jahren wurde ich immer unzufriedener mit dem Abschluss meines Essays. Im Angesicht der ökologischen Katastrophe wurden die Leserinnen und Leser mit wenig Positivem in die unwirtliche Welt der sich abzeichnenden Zerstörung entlassen. Ich habe mich daher bemüht, dem Buch nun eine neue, positivere Perspektive zu schenken. Das neue Kapitel »Heitere Hoffnungslosigkeit« führt, so hoffe ich sehr, aus der tragischen Akzeptanz der vorangegangenen Kapitel hinaus, denn man lebt sein kurzes Leben nur einmal. Juan Carlos Onettis La vida breve (Das kurze Leben) lässt grüßen.
Im darauf folgenden Kapitel »Nachspiel zum Finale: Zur Aktualität« aktualisiere ich veraltete Stellen in der Erstauflage. Ich frage dabei, welche ökologischen Verbesserungen es seit 1993 gibt, welche Verschlechterungen und ob das von mir so genannte Super-Paradigma noch Gültigkeit besitzt.
Zur Wissenschaftlichkeit: Da Das Ende in seiner ursprünglichen Gestalt als ein rein literarischer Essay konzipiert wurde, waren der Ammann Verlag und ich damals der Meinung, dass ein wissenschaftlicher Apparat unnötig sei. Um dem berechtigten wissenschaftlichen Anspruch der »Blauen Reihe« des Felix Meiner Verlags jedoch zu genügen, habe ich mich bemüht, unter der Rubrik »Literatur« die Anmerkungen der Erstauflage so weit zu rekonstruieren, wie das nach all diesen Jahren möglich ist. So gut wie alle Zitatquellen, ein paar Bücher sowie die ökologischen Faktenbelege vermochte ich leider nicht mehr aufzufinden. Bei den beiden neuen Kapiteln dieser zweiten Auflage hingegen, »Heitere Hoffnungslosigkeit« und »Nachspiel zum Finale: Zur Aktualität«, konnte ich die üblichen wissenschaftlichen Verweise anführen.
Das Ende
Von der heiteren Hoffnungslosigkeitim Angesicht derökologischen Katastrophe(1993)
Dem Lehrer Michel de Montaigne,Bürgermeister
FRAGTE MAN BIOLOGEN, was den Sinn des Lebens ausmacht, lautete ihre Antwort: Leben zu reproduzieren. Ein beinahe mechanischer Sinn, ein Minimalsinn. Ein schlichter Sinn, der in evolutionär normalen Zeiten genügen mag.
Wir aber, am Ende dieses Jahrtausends, leben in perversen Zeiten. Die expansive Spezies Mensch hat die Erde längst überbevölkert. Die Über-Reproduktion sichert das Überleben nicht, sondern zerstört es. Längst haben wir die Erde in eine durchchemisierte Plantage verwandelt. Alle anderen Spezies haben wir zurückgedrängt. In atemberaubendem Tempo vernichten wir die Artenvielfalt, was im Endeffekt alle gewachsenen, natürlichen Kreisläufe unterbindet und zum Aussterben aller Spezies führen wird. Wenn also evolutionäre Prinzipien sich umkehren und die Dominanz einer Spezies zum raschen Ableben aller führt, drängt sich die Hinterfragung des Sinns überhaupt auf. Das Versagen des evolutionären Sinnprinzips, Reproduktion und Ernährung zum Zweck des Überlebens, fordert das metaphysische Wesen, das wir auch sind, heraus. Der Umstand, dass sogar der biologische Minimalsinn fragwürdig geworden ist, veranlasst mich, darüber nachzudenken, ob es denn statt dessen einen metaphysischen oder theologischen Maximalsinn gibt und ob uns dieser irgendwie von Nutzen sein kann. Vielleicht wird uns die Einsicht in unsere Fehler helfen, den Sinn neu zu definieren und damit die ökologisch sich abzeichnende Katastrophe angemessen zu begreifen.
Mit philosophischen Plattitüden darf man sich dabei nicht abspeisen lassen. Sie geben Erklärungen nur vor: die Faulheit des Geistes, die Dummheit der Spezies Mensch, die ewige Indolenz der gesetzten Leute, die Unaufgeklärtheit der Massen, die Zungenschwere angesichts des irdischen Unrechts, die Naivität der Gläubigen, die Engstirnigkeit der Kleinbürger, der Opportunismus der Aufsteiger, die Machtverliebtheit der Politiker, die zerstörerische Funktionsmanie der Technokraten.
Man lasse die feine, edle, so distanzierte Aufgeklärtheit beiseite, die, stets kopfschüttelnd, zu einem scheinbar wohlbegründeten Pessimismus gelangt, schopenhauergleich und selbstgerecht. Aus der Plattitüde der Dummheit der Spezies lässt sich nur die fruchtlose philosophische Plattitüde selbst gewinnen. Die Aufklärungsphilosophie, welche sich der milden Verteufelung unserer Gattung hingab, schlägt um in seichten Pessimismus. Um diesen soll es hier nicht gehen.
Man nehme weder die Pose des späten Aufklärers noch die des Misanthropen ein. Der Mensch, heißt es, sei ein Bösewicht und ein Langweiler dazu, wenn es um das Gute geht, sei Ratte und Skorpion in einem, ein Folterknecht dem Mitmenschen. Keine Spezies verfahre so mörderisch mit der eigenen Art wie der Mensch. Homo homini lupus. Wie Recht hatte Hobbes. Kurz: Machen wir uns nicht die Haltung des Verbitterten zu eigen, dem nichts einfällt außer: der Mensch, das Untier.
Schlüpfen wir ebenso wenig in die elegante Rolle des Blasierten. Man hat vieles gesehen, man ist weit gereist, man hat Abenteuer erlebt, man hat geliebt, man war verheiratet, man kennt das Leben zur Genüge. Und zu welchem Behuf? Alles schon dagewesen, man ist postmodern, alles bekannt, alles sinnlos, l’ennui lässt grüßen. Man gähnt, man greift langsam und mit schlaffer Hand zum nächsten Espresso.
Weder die Pose des selbstgerechten, enttäuschten Aufklärers noch die Pose des Verbitterten, noch die Pose des Blasierten nützen dem Menschen, der unter dem Damokles-Schwert lebt. Posen perpetuieren nur ihr eigenes Vorurteil. Posen, Projektionen und Vorurteile, die nur Trauer gebären, nützen niemandem. Sie lähmen jeden.
Geht man in der Geistesgeschichte ein wenig zurück, entsinnt man sich vieler Sinnantworten. Da wäre zu Beginn der Neuzeit Leibniz. Seine göttliche Ordnung nannte er prästabiliert; eine sinnreiche, gottgewollte Universalordnung, in der jede Monade ihren wohldurchdachten, rechtmäßigen Platz beanspruchen durfte. Am Ende der Neuzeit setzt unser Zeitgenosse Cioran die kartesische Hypothese des genius malignus als obersten und alleinigen Gott ein. »Das Leben – dieser Kitsch der Materie.« Brutaler und zynischer lässt sich der Gegensatz zum Leibniz’schen Sinnschema nicht ausdrücken. Leibniz konstruiert am Beginn einer Entwicklung ein Sinnmaximum, Cioran würgt an ihrem Ende ein Sinndefizit aus sich heraus. Leibniz schuf auf paradigmatische Weise einen vollkommenen, stimmigen Sinn, Cioran verspottete ihn.
Leibniz und Cioran bilden die beiden Extreme im Spektrum der Sinnantworten. Leibniz impliziert, alles besitze Sinn, Cioran schreibt, nichts sei sinnvoll. Dazwischen liegen unendlich viele mögliche Antworten, von denen ich nur einige wenige aufgreife.
Man kann den theosophischen Spuren von Leibniz folgen und dessen Ordnungskonstrukt überhöhen: eine Reaktion auf die Haltlosigkeit, die uns umherschleudert, eine Reaktion auf die soziale Zerstäubung der Menschen, eine Reaktion auf die ökologische Zerstörung, die offenbar geworden ist. Man remystifiziert. Man erschafft Sinn, indem man uralten Wein in neue Schläuche gießt. Man entdeckt die Wahrheit im Altväterlichen, Autoritären, Sicheren. Im Osten lässt man sich vom Islam refanatisieren. Im Westen kapituliert man vor dem Christentum. Man wird ein unausrottbar fröhlicher Christ mit rotglühenden Wangen, kurzen Haaren und schlichten Kleidern als Ausdruck eines schlichten Gemüts – und alles wird sauber. Der wiedergeborene Christ als Werbeträger für eine saubere Zukunft mit einem Christus, der sich nur in blütenweißes, chemisch vollgereinigtes Leinen kleidet. Die Sauberkeit, der Besen gegen den Schmutz der Skepsis. Wie Nietzsche schreibt: Man wurde wieder ein Kind. Aber wer würde die Kinder um ihre Ahnungslosigkeit nicht beneiden?
Wem das Uralte gar zu dumm-reaktionär, zu dogmatisch oder zu ausgehöhlt ist von den unzähligen Verbrechen, die die Weltreligionen im Namen Gottes begangen haben, der sucht in der Ferne. Die Naturwissenschaften werden umgekehrt. Ihr manifestes Versagen stiftet den Verstand dazu an, das Heil in der Umkehrung der Durchtechnisierung zu suchen. Man schließt sich der modischen New-Age-Mystik an und übersieht dabei die Unwiederbringlichkeit mystischer Erfahrung. Längst ist sie uns abhanden gekommen. Zeitgenössische Sehnsuchtssprünge in den Mutterkuchen zurück beweisen lediglich ihre Künstlichkeit. Man ergibt sich, scheinbar kritisch auswählend, in Wahrheit voller Gefühlsnebel, dem hoffnungsfrohen Potpourri aus natura naturans, Böhme, Psi-Kräften, Naturheilverfahren, Tierliebe, Zen leicht gemacht, vagen kosmischen Kreisläufen, Gaia-Gesängen, Wiedergeburt, Naturkost, Woll socken und Ledersandalen, Akupunktur, Hexengebräu, weißer Magie. Und stets sind die Inder oder Indianer dabei, bevorzugt die Hopi. Schamanen aller Couleurs, lasst uns Fruchtbarkeitstänze wagen!
In unseren Wahlmöglichkeiten sind wir wunderbar frei. Da der Sinn zur absoluten Disposition steht, kann man die New-Age-Mystik ebenso gut verschmähen. Die Mystik hat den Nachteil, allzu mystisch zu sein und gleich den Weltreligionen vom Glauben oder Nichtglauben abzuhängen. Aber die Vernunft! Die gute alte, europäische Vernunft, um wieviel klarer ist sie, folgerichtiger, kritischer und, dank Kant, selbstkritischer als die ideologiegesättigten Religionen.
Wie der letzte Spätaufklärer Habermas erstrebt man um der ökologischen und menschlichen Rettung willen einen vernünftigen, kompetenten Dialog inmitten unvernünftiger Geschehnisse. Der Vernunftmensch weiß, dass von den drei Ideen Kants, Gott, Freiheit und Unsterblichkeit, die Gottesidee und die Idee der seelischen Unsterblichkeit jenseits des menschlichen Erfahrungsbereichs liegen. Allein die Freiheit ist der Erfahrung zugänglich. Um sie zu konkretisieren, wird stets das letzte große Sinnreservoir, die Geschichte, angebohrt. Mit der hohl gewordenen Fortschrittstheorie des 18. Jahrhunderts setzt man sich kritisch auseinander. Man verweist voller Abscheu auf Auschwitz, man verweist auf den Gulag, man diskutiert die chemiedurchtränkte Welt und die beispiellosen Völkermorde an Urvölkern. Man versucht, diese düsteren menschlichen Taten mit dem Begriff einer irgendwie gearteten, vernünftigen Freiheit in Einklang zu bringen. Als Resultat entsteht die Kakophonie eines Voltaire in seinem Essai sur les moeurs et l’esprit des nations. Die Geschichte sei »un ramas de crimes«, ein Haufen von Verbrechen. Und doch: »Enfin les hommes s’éclairent un peu«, wie Voltaire schreibt, als überstrahle die kurze Sekunde eines mehr oder weniger anständigen Parlamentarismus die Jahrtausende der Finsternis.
Die Geschichte erweist sich als ein weites Feld, als ein gefährliches Pflaster. Man werfe die großen Sinnentwürfe über Bord. Man suche einen näherliegenden Sinn. Man drücke den Sinn in einfachen Ist-Prädikationen aus: Sinn ist … die Selbstentfaltung des Lebens; das Glück (wessen?); die innere Ruhe; die Ataraxie; die Verantwortung, das Leben zu fördern, das Leben hervorzubringen; das Leben der anderen, das Leben der Angehörigen, das eigene Leben zu erhalten; Ziele zu erreichen; Sozialstatus zu gewinnen, ein Haus zu besitzen; viel zu reisen; viel Geld zusammenzuraffen.
Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen. Je diesseitiger sie wird, desto erbärmlicher. Die Auflistung beginnt seicht-philosophisch und endet bei den Ellbogenstößen des Opportunisten. Dieser hat immerhin den gewinnbringenden Schluss aus dem universalen Sinnmangel gezogen. Rette ich nichts und erreiche ich nicht alles, dann gelingt mir wenigstens etwas. Dieses Etwas macht in bescheidenem Rahmen tatsächlich Sinn. Rein subjektiv bestimmt, wird es nur aberwitzig bei der Gegenüberstellung mit einer ernstzunehmenden Moral. Um sie bemüht man sich jedoch nicht. Man hat sich ihrer entledigt. Man hat etwas anderes gewählt.
Die Krux des Sinns liegt in seiner Beliebigkeit. Der evolutionäre Minimalsinn – die Reproduktion zur Erhaltung des Lebens – hat seine Gültigkeit verloren. Unsere Versuche, Sinn neu zu definieren, scheinen gescheitert. Eine objektive, intersubjektive Sinnantwort erweist sich als unmöglich, weil sie als metaphysische Sinnsetzung unsere kleine Erfahrung bei weitem transzendiert. Die vielfältigen metaphysischen Sinnschöpfungen und die armselige Sinnschenkung des Opportunisten haben eines gemeinsam: Sie sind vollkommen beliebig.
Umgekehrt lässt sich nicht folgern, das Universum sei sinnlos. Wenn die Sinnwahl beliebig ist, bedeutet das lediglich die Subjektivität der Sinnsetzung. Und das wiederum impliziert, dass Sinn, auf das Universum übertragen, nichts anderes ist als Projektion eines subjektiven Sinns in ein vermeintlich Objektives. Das Universum ist weder sinnvoll noch sinnlos. Aus der mikrokosmischen Sinnsetzung geht die makrokosmische nicht hervor. Umgekehrt entsteht aus der makrokosmischen Sinnneutralität nicht die mikrokosmische. Von der Neutralität des Kosmos und des Lebens ausgehend, lässt sich das Wehgeschrei der Bitternis nicht erheben. Das Geschrei gründet in der Enttäuschung, nicht in der durchaus akzeptablen Universalneutralität.
Die Sinnsuche könnte Anlass zum Nihilismus geben, denn sie setzt fälschlicherweise voraus, es müsse ein Gesamtsinn existieren. Doch nichts ist a priori notwendig. Der Nihilismus folgt aus der selbstgesetzten Prämisse. Die akzeptierte Neutralität des Universums und des Lebens jedoch erwartet nichts und bekommt nichts: Full of sound and fury, signifying nothing. Die akzeptierte Neutralität wird nicht gewertet. Das Universum ist und ist nur. Diese seine einfachste Bestimmung drückt, im Gegensatz zur Annahme Hegels, nicht seine leerste, sondern seine reichste Bestimmung aus. Denn durch die Neutralität des Seins erübrigt sich jede Metaphysik, jede Religion, erübrigen sich Projektionen, enttäuschte Hoffnung und Verbitterung.
Der Dezisionismus aller Sinnsetzungen hat diese entlarvt. Sie sind beliebig, frei wählbar, unbegründet. Im Prinzip Akzeptanz hingegen nehme ich das Seiende an, ohne zu werten und ohne etwas zu erwarten, ja, ohne zu hoffen. Das Seiende verweist auf nichts, kennt keine Symbole oder Naturchiffren, die wir doch selbst geschaffen haben. Warum sollte das Wertneutrale wertend verweisen?
Aus der Neutralität des Seins folgen nicht notwendigerweise Enttäuschung, Verbitterung, Nihilismus, Hoffnungslosigkeit, Absurdität. Aus der Unglaubwürdigkeit aller universalen Ordnungsschemata folgt kein Absturz in die Bodenlosigkeit. Es folgt überhaupt nichts. Die projizierten Sinndefizite haben im universalen Kontext des Organischen und Anorganischen keine Berechtigung. The idiocy is in the beholder. Wer projiziert, erntet giftige Früchte. Les fleurs du mal sind – wir.
Kant hat bewiesen, dass die drei großen Ideen – Gott, Freiheit und Unsterblichkeit – eines Beweises ermangeln, da sie unseren Erfahrungshorizont überschreiten. Gott, Freiheit und Unsterblichkeit können auch als Ausdruck von Sinnantworten gelesen werden. Sie stehen stellvertretend für alle anderen Sinnantworten: für die Religionen, für die neuen Mystizismen, für die historisch bedingte Freiheit, für die Vernunft. Die kleine Kröte der Alltagserfahrung bläht sich auf zur Idee – und zerplatzt. Natürlich liegt es in der psychisch-metaphysischen Konstitution des Menschen zu hoffen und zu erwarten, dynamische Wesen, die wir Sapientes nun einmal sind. Doch über den universalen Sinn des Lebens, über ein objektiv existentes, extraterrestrisches Schöpferungetüm und dessen sinnvolle Ordnung kann nichts ausgesagt werden.
Die Sinnneutralität steht nackt da. Der biologische Minimalsinn hat sich selbst entwertet. Die Beliebigkeit der kleinen menschlichen Sinnantworten, Geschenke an das Selbst, und des metaphysischen Maximalsinns hat sich entlarvt. Die helfende Sinnschenkung, von uns enträtselt, auf dass wir die ökologisch sich abzeichnende Katastrophe besser begreifen und ihr vielleicht entgegenwirken können, bleibt aus. Keine Orientierung, kein Halt, keine Antwort, keine Hilfe im Angesicht der ökologischen Endzeit. Ein wirklich aufgeklärter Weg aus dem selbstgeschaffenen Dilemma rückt nirgends in Sichtweite. Das Universum ist, wie es ist, und der Homo sapiens tritt kurz auf und dann wieder ab, and then is heard no more. Den Menschen trieb es dazu, seine kleine Sinngravur in das Weltgeschehen einzuritzen. Er brachte jedoch nichts zustande als eine vergiftete Furche.
ES IST ZU SPÄT.
Die Verheißung der Technik ist, wie Hans Jonas betont, in Bedrohung umgeschlagen. Dieser Umstand allein genügt jedoch nicht, den Kassandraruf zu rechtfertigen. Die Existenz lediglich einer Bedrohung gestattet Hoffnung, gestattet ein Entkommen. Demgegenüber kündigt sich ein furioses Finale von apokalyptischen Ausmaßen an, ja, die Apokalypse selbst. Radikaler Klimawandel, Ozonloch, Desertifikation und weltweite Entwaldung, Oberflächengewässer- und Grundwasserverseuchung, schleichende Nahrungsmittelvergiftung und Erbschädigung, Folgen der Kernspaltung und Genmanipulation nähern sich stetig einer Grenzmarkierung, auf der steht: Tod der Mitwelt, Unbewohnbarkeit unseres blauen Planeten. Es braucht nicht einmal den befürchteten synergetischen Effekt aller vernichteten Natursysteme, allein das biologische Umschlagen der Weltmeere würde schon genügen, damit man sagt (falls noch die Zeit bleibt): Es ist zu spät. Nichts anderes betreiben wir nämlich als die systematische Zerstörung der Bio- und Atmosphäre, nichts anderes als die Verwandlung der Welt in Wüste. Das Tempo dabei ist atemberaubend. Tausend Mal schneller als die natürliche Auslese der Evolution wird die Artenvielfalt heute liquidiert. Hundert Mal schneller als jemals zuvor ändert sich das Weltklima. Am Ende der Beschleunigung steht jedoch nicht die Entdeckung der Langsamkeit, sondern das Umschlagen aller Ökosysteme; nichts anderes als unser aller Tod.
Warum ist es zu spät?
Montaigne schrieb, vierzig Jahre bevor Descartes sich anschickte, Mensch und Natur mathematisch zu erobern: »Die Anmaßung ist unsere natürliche und angeborene Krankheit. Aus dem Hochmut, eben dieser Einbildung, macht der Mensch sich Gott gleich, legt sich göttliche Eigenschaften zu, sondert sich selbst ab und trennt sich vom Haufen der anderen Geschöpfe, teilt den Tieren, seinen Brüdern und Genossen, ihr Stück zu und misst ihnen so viel Vermögen und Kräfte bei, wie ihn gut dünkt.«
An diesem Zitat wird Montaignes Modernität und seine bemerkenswerte Einsicht in die menschlichen Schwächen deutlich. Ich zweifle jedoch, ob man für eine Gesamterklärung des zeitgenössischen Zerstörungsphänomens auf den kritischen Bürger Montaigne zurückgreifen sollte. Einer anthropologisch-psychologischen Erklärung mag man zustimmen, allein, sie befriedigt nicht. Wie kommt es denn, dass wir Homines sapientes uns mit Hilfe der kartesischen Absolution in wahre »maîtres et possesseurs de la nature«, in gnadenlose Herren und Besitzer der Natur, verwandelt haben?
Ich halte es für müßig, die Lorenz’sche Aggressionsdebatte wieder aufzunehmen. Und wäre der Mensch ein Scheusal, es erklärte nicht, ob und wieso unsere Spezies den kollektiven Exitus selbst betreibt. Auch die etwa von Koestler und Löbsack vertretene Theorie, der zufolge das im Pleistozän explosionsartig entstandene Großhirn die Schuld trage, kann nicht befriedigen. Die disparate Verbindung zwischen Großhirn und Stammhirn soll nicht geleugnet werden. In Wirklichkeit hat das Großhirn die Kontrolle über die Entwicklung der Spezies längst verloren. Doch die Großhirntheorie fällt in sich zusammen, da sie nicht zu erklären vermag, warum Jahrzehntausende lang, bis zum Neolithikum, die Menschheitsentwicklung im Einklang mit der Natur verlief. Erst in den neolithischen Stadtgesellschaften beginnt die destruktive Geschichte der Menschheit.
Im Paläolithikum lebte der Mensch in Harmonie mit der Natur. Anklänge an das verlorene Paradies, an Rousseaus stets spielende Karaiben, an Cythère möge man bei Seite schieben. Über die Sozialformen der Paläolithiker ist nichts bekannt. Nüchtern betrachtet ging der Mensch in der protoneolithischen Zeit (9000 – 7000 v. u. Z.) von der aneignenden Wirtschaftsweise der Jäger und Sammler zu einer neuen Wirtschaftsform über, in der Nahrungsmittel nicht mehr erbeutet, sondern produziert wurden. Die dreistufige Entwicklung vom Jäger zum Hirten zum Ackerbauern zog sich über Jahrtausende hin und interessiert hier nur im Hinblick darauf, dass sich mit der von Gordon Childe so genannten neolithischen Revolution das Verhältnis vom Menschen zur Natur und vom Mensch zum Menschen radikal verwandelte. Einst gab die Natur, und der Mensch nahm. Im Neolithikum macht sich der Mensch unabhängig von den Geschenken der Natur. Nun bestimmte er, was er wollte. Nun genügten die einfachen Gaben der Natur nicht mehr. Nun musste die Natur mehr hergeben, als sie zu verschenken bereit war.
In den späten neolithischen Stadt- und Staatgesellschaften entstand ein ständiges Mehrprodukt. Menschen entdeckten, dass andere Menschen als Mittel zum Zweck wirtschaftlicher Mehrung zu gebrauchen waren. Mensch und Natur bewiesen mit dem großen wirtschaftlichen Erfolg der patriarchalischen Gesellschaften zumindest das eine: Sie ließen sich gut ausbeuten.
