Verlag: Heyne Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2013

Das Fest E-Book

John Grisham  

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E-Book-Beschreibung Das Fest - John Grisham

Wie wäre es, Weihnachten einmal ausfallen zu lassen?Ein Dezember ohne Weihnachten? Der Weihnachtsboykott wird für das amerikanische Ehepaar Luther und Nora zu einem regelrechten Spießrutenlauf, verstößt er doch gegen die gesellschaftlichen Konventionen ihrer kleinen Gemeinde. Mit seiner urkomischen Weihnachtskomödie beweist John Gri sham, dass er auch als Humorist unschlagbar ist.

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E-Book-Leseprobe Das Fest - John Grisham

Inhaltsverzeichnis

EinsZweiDreiVierFünfSechsSiebenAchtNeunZehnElfZwölfDreizehnVierzehnFünfzehnSechzehnSiebzehnAchtzehnNeunzehnZwanzigWerkverzeichnis der im Heyne Verlag erschienenen Titel von John GrishamDer AutorDie RomaneCopyright

Der Flugsteig war überfüllt mit müden, entnervten Reisenden. Die meisten lehnten an den Wänden, da die magere Anzahl von Plastikstühlen schon lange besetzt war. Obwohl jede der hier startenden und landenden Maschinen mindestens achtzig Passagiere beförderte, gab es im Wartebereich lediglich Sitzgelegenheiten für ein paar Dutzend.

Ungefähr tausend Menschen schienen den 19-Uhr-Flug nach Miami gebucht zu haben. Alle waren dick eingemummelt, schwer beladen und hatten sich gerade noch durch den Stadtverkehr, die Eincheckschalter und die Massen in der Abflughalle gekämpft. Nun strahlten sie kollektiv eine gedrückte Stimmung aus. Es war der Sonntag nach Thanksgiving, also einer jener Tage im Jahr, an denen es auf den Flughäfen besonders hektisch zuging. Und während die Menschen rempelnd und schubsend weiter auf den Flugsteig vordrangen, fragten sich viele von ihnen nicht zum ersten Mal, warum sie sich ausgerechnet diesen Tag für ihre Reise ausgesucht hatten.

Einige lächelten mit verkrampfter Miene. Andere versuchten zu lesen, was jedoch in all dem Gedrängel und Lärm so gut wie unmöglich war. Wieder andere starrten teilnahmslos zu Boden. In der Nähe läutete ein spindeldürrer schwarzer Weihnachtsmann penetrant seine Glocke und leierte monoton immer wieder »Fröhliche Weihnachten« herunter. Eine dreiköpfige Familie näherte sich, blieb jedoch beim Anblick der Menschenmassen am Eingang des Flugsteigs stehen. Die Tochter war jung und hübsch. Sie hieß Blair, und es war offenkundig, dass sie auf eine Reise gehen würde. Im Gegensatz zu ihren Eltern. Die drei betrachteten die Menschenmenge und fragten sich dann ebenfalls im Stillen, warum es unbedingt dieser Tag hatte sein müssen.

Die Abschiedstränen waren bereits geweint — wenigstens zum größten Teil. Blair war dreiundzwanzig, frisch gebackene Jungakademikerin mit einem ansehnlichen Diplom in der Tasche, aber noch nicht willens, sofort eine berufliche Laufbahn einzuschlagen. Eine ihrer Freundinnen befand sich gerade mit dem Friedenskorps in Afrika, was Blair dazu bewogen hatte, die nächsten zwei Jahre ihres Lebens ebenfalls in den Dienst der Nächstenliebe zu stellen. Ihre Aufgabe würde darin bestehen, den Kindern von Eingeborenen in Ostperu das Lesen beizubringen. Sie würde dort in einer Hütte ohne sanitäre Anlagen, ohne Strom und ohne Telefon wohnen. Blair konnte dies alles kaum erwarten.

Sie würde zuerst nach Miami fliegen und von dort aus nach Lima. Anschließend musste sie noch drei Tage lang mit dem Bus fahren, in die Berge, in ein vergangenes Jahrhundert. Zum ersten Mal in ihrem jungen, behüteten Leben würde Blair Weihnachten nicht zu Hause verbringen. Ihre Mutter klammerte sich fest an ihre Hand und bemühte sich um Fassung.

Sie hatten sich bereits mehrfach verabschiedet. Die Frage: »Bist du sicher, dass du das auch wirklich willst?« war zum hundertsten Mal gestellt worden.

Blairs Vater Luther betrachtete die Menschenhorden mit finsterem Blick. Was für ein Wahnsinn! Er hatte Frau und Tochter vor dem Eingang des Flughafens aussteigen lassen und den Wagen dann meilenweit entfernt auf einem Park-and-ride-Platz abgestellt. Dann war er in einem überfüllten Shuttlebus zurück zur Abflughalle gefahren und hatte sich zu diesem Flugsteig durchgeboxt. Er war traurig darüber, dass Blair fortging, und verabscheute all diese herumwimmelnden Leute. Luther hatte ausgesprochen miese Laune. Aber es sollte noch schlimmer kommen.

Einige gehetzt wirkende Mitglieder des Bodenpersonals erschienen, worauf die Passagiere sich langsam wieder in Bewegung setzten. Der erste Aufruf erklang. Behinderte, Gebrechliche und die Reisenden der ersten Klasse wurden gebeten, sich bereitzuhalten. Die Drängelei erreichte die nächsthöhere Stufe.

»Wir gehen jetzt wohl besser«, sagte Luther zu seiner Tochter, seinem einzigen Kind.

Sie umarmten sich noch einmal und unterdrückten die Tränen. Blair bemerkte lächelnd: »Das Jahr vergeht bestimmt wie im Flug. Und nächstes Weihnachten komme ich nach Hause.«

Nora, ihre Mutter, biss sich auf die Lippen, nickte und gab ihr einen Kuss. »Bitte sei vorsichtig«, sagte sie zum dutzendsten Mal.

»Macht euch keine Sorgen.«

Luther und Nora gaben ihre Tochter frei und sahen ihr nach. Sie reihte sich in die Warteschlange ein und entfernte sich Zentimeter für Zentimeter, fort von ihnen, fort von ihrem Heim und der Geborgenheit und allem, was sie bisher gekannt hatte. Als ihre Bordkarte überprüft wurde, drehte sie sich noch einmal um und lächelte ihren Eltern zum letzten Mal zu.

»Das war es dann wohl«, sagte Luther. »Und jetzt genug geheult. Ihr wird schon nichts geschehen.«

Schweigend beobachtete Nora, wie ihre Tochter verschwand. Dann wandten sich die beiden ab und schlossen sich der Menschenmenge an, die sich in Richtung Ausgang wälzte, vorbei an dem Weihnachtsmann mit der penetranten Glocke und den kleinen Läden, in denen sich die Leute gegenseitig auf den Füßen standen.

Nora und Luther verließen den Flughafen und gingen zur Haltestelle des Shuttlebusses. Es begann zu regnen. Der Bus kroch über das Flughafengelände und spuckte sie zweihundert Meter von ihrem Wagen entfernt wieder aus. Mittlerweile goss es in Strömen. Es kostete Luther sieben Dollar, sich und sein Auto aus dem geldgierigen Klammergriff des Parkplatzwächters zu befreien.

Während der Fahrt in die Stadt löste sich Nora schließlich wieder aus ihrer Erstarrung. »Ob wohl alles gut geht?«, fragte sie. Luther hatte diese Frage bereits so oft gehört, dass er ganz automatisch brummte: »Klar.«

»Glaubst du wirklich?«

»Klar.« Was machte es in diesem Moment schon aus, ob er das tatsächlich glaubte oder nicht? Blair war fort, sie beide konnten sie nicht aufhalten.

Luther krampfte die Hände um das Lenkrad und verfluchte im Stillen den Verkehr, der immer zähflüssiger wurde. Er wollte gar nicht wissen, ob seine Frau weinte. Er wollte einfach nur nach Hause, etwas Trockenes anziehen, sich vor den Kamin setzen und die Zeitung lesen.

Als es nur noch drei Kilometer bis zu ihrem Haus waren, verkündete Nora: »Ich brauche noch ein paar Sachen aus dem Supermarkt.«

»Es regnet«, erwiderte Luther.

»Ich brauche sie trotzdem.«

»Kann das nicht warten?«

»Du kannst ja im Auto bleiben. Es dauert nur eine Minute. Fahr zu Chip’s. Die haben noch geöffnet.«

Also machte Luther sich auf den Weg zu Chip’s, einem Laden, den er nicht nur wegen seiner unverschämten Preise und hochnäsigen Angestellten hasste, sondern auch wegen seiner unmöglichen Lage. Natürlich schüttete es immer noch wie aus Eimern. Und natürlich suchte sich Nora keinen Supermarkt wie Kroger aus, wo man problemlos parken und eben kurz hineinspringen konnte. Nein, sie wollte unbedingt zu Chip’s, wo man parkte und dann erst einmal auf Wanderschaft gehen musste.

Manchmal klappte allerdings noch nicht einmal das. Der Parkplatz war voll. Selbst in den Feuerwehrzufahrten wimmelte es von Autos. Nachdem Luther zehn Minuten lang umsonst gesucht hatte, sagte Nora frustriert: »Lass mich einfach am Bordstein raus.«

Er bog auf den Parkplatz eines Schnellrestaurants und brummte: »Was genau brauchst du?«

»Ich kann selbst gehen«, sagte sie mit gespieltem Protest in der Stimme. Dabei wussten beide ganz genau, dass es am Ende Luther sein würde, der durch den Regen marschierte.

»Was brauchst du?«

»Nur weiße Kuvertüre und ein Pfund Pistazien«, sagte sie erleichtert.

»Das ist alles?«

»Ja, aber nimm die Kuvertüre von Logan’s, in der Ein-Pfund-Packung, und die Pistazien von Lance Brothers.«

»Und das kann nicht noch einen Tag warten?«

»Nein, Luther, das kann nicht warten. Ich muss den Nachtisch für das Essen morgen zubereiten. Wenn du nicht gehen willst, dann halt doch einfach den Mund und lass mich den Einkauf erledigen.«

Er knallte die Wagentür zu. Sein dritter Schritt führte ihn geradewegs in ein Schlagloch. Kaltes Wasser umspülte seinen rechten Knöchel und sickerte schnell bis in den Schuh hinein. Eine Sekunde lang blieb Luther wie angewurzelt stehen und sog scharf die Luft ein, dann ging er auf Zehenspitzen davon. Verzweifelt versuchte er, weitere Pfützen rechtzeitig zu erkennen und sich gleichzeitig durch den Verkehr zu schlängeln.

Chip’s wurde ganz nach dem Motto »niedrige Pacht und hohe Preise« geführt. Der Laden befand sich in einer Seitenstraße, wo man ihn zudem noch ausgesprochen leicht übersehen konnte. Die Weinhandlung direkt nebenan wurde von einem Europäer geführt, der behauptete, Franzose zu sein, Gerüchten zufolge jedoch aus Ungarn stammte. Sein Englisch war grauenvoll, aber den Wortschatz der Preistreiberei beherrschte er perfekt. Er hatte ihn wahrscheinlich von Chip’s gelernt. Letzten Endes waren in diesem Stadtviertel alle Geschäfte für ihre Wucherpreise bekannt.

Nichtsdestotrotz wimmelte es auch hier vor Menschen. Vor dem Käselädchen schwang ein weiterer Weihnachtsmann seine Glocke. »Rudolph the Red-Nosed Reindeer« plärrte es aus einem versteckten Lautsprecher über dem Bürgersteig vor Mutter Erde, einem Laden, in dem die Körnerfresser zweifellos immer noch Jesuslatschen trugen. Luther verabscheute den Laden und weigerte sich, auch nur einen Fuß hineinzusetzen. Aus welchem Grund Nora dort regelmäßig biodynamische Kräuter kaufte, war ihm immer noch ein Rätsel.

Der alte Mexikaner vom Tabakgeschäft befestigte gerade fröhlich eine Lichterkette in seinem Schaufenster. Aus seinem Mundwinkel hing eine Pfeife, Rauch waberte um seinen Kopf, und hinter ihm stand ein mit künstlichem Schnee besprühter künstlicher Weihnachtsbaum.

Für den späteren Abend war echter Schneefall angesagt. Deshalb hasteten die Kauflustigen noch eiliger durch die Geschäfte. Luthers rechte Socke war mittlerweile an seinem Knöchel festgefroren.

In Chip’s gab es keine Einkaufskörbe mehr. Nicht, dass Luther einen benötigt hätte, aber das war auf jeden Fall ein schlechtes Zeichen. Es bedeutete, dass der Laden gerammelt voll war. Erschwerend hinzu kamen die schmalen Gänge und eine Warenanordnung, die absolut keinen Sinn machte. Ganz egal, was auf der Einkaufsliste stand — man musste den Laden ein halbes Dutzend Mal von vorn bis hinten durchkämmen, um alles zu finden.

Ein Angestellter mühte sich um die ansprechende Gestaltung einer Auslage mit Weihnachtsmännern aus Schokolade. Über der Fleischtheke forderte ein Schild alle »guten« Kunden auf, hier und jetzt sofort ihren Weihnachtstruthahn zu bestellen. Erlesene Weine zum Fest, frisch eingetroffen! Und Weihnachtsschinken!

Was für eine Verschwendung, dachte Luther. Warum essen und trinken wir so viel, um die Geburt Christi zu feiern? Er entdeckte die Pistazien neben dem Brot. Hier war wieder diese sonderbare Chip’s-Logik am Werk gewesen. Im Regal mit den Backzutaten war natürlich weit und breit keine weiße Kuvertüre zu entdecken, also fluchte Luther leise vor sich hin und trottete erneut suchend durch die Gänge. Jemand rammte ihm einen Einkaufswagen in die Hacken. Ohne sich zu entschuldigen, ohne es auch nur zu bemerken. »God Rest Ye Merry Gentlemen« erklang aus dem Lautsprecher in der Decke. Als ob Luther sich dadurch besser fühlen würde! Da hätten sie auch »Frosty der Schneemann« spielen können.

Zwei Gänge weiter stand neben den Reissorten aus aller Welt ein Regal mit Kuvertüre. Luther machte einen Schritt darauf zu und entdeckte die Ein-Pfund-Packung von Logan’s. Ein zweiter Schritt, und die Kuvertüre war urplötzlich verschwunden — im Einkaufskorb einer streng aussehenden Frau, die ihn überhaupt nicht beachtete. Der für Logan’s reservierte Platz im Regal war leer, und im nächsten schrecklichen Augenblick stellte Luther fest, dass kein Fitzelchen weiße Schokolade mehr zu sehen war. Jede Menge Zartbitter- und Vollmilchkuvertüre, aber keine weiße.

An der Expresskasse ging es natürlich langsamer voran als an den beiden anderen. Wegen der unverschämten Preise kauften die meisten Kunden nur das Nötigste, dies hatte jedoch keinerlei positiven Effekt auf die Schnelligkeit, mit der sie an der Kasse abgefertigt wurden. Eine unfreundliche Kassiererin ergriff jeden einzelnen Artikel, inspizierte ihn und gab dann von Hand den Barcode ein. Am anderen Ende des Fließbands wurden die Waren dann mehr oder weniger schlampig eingetütet. In der Vorweihnachtszeit wurden die Packer allerdings auf einmal sehr lebendig, waren mit Begeisterung und einem Dauerlächeln bei der Arbeit und bewiesen ein erstaunliches Gedächtnis für die Namen von Kunden. Die Jagd nach Trinkgeld hatte begonnen, eine weitere Nebenerscheinung von Weihnachten, die Luther verabscheute.

Über sechs Dollar für ein Pfund Pistazien! Er schubste den eifrigen Packer beiseite und fürchtete, womöglich noch mehr Gewalt anwenden zu müssen, um den jungen Mann daran zu hindern, die kostbaren Pistazien überflüssigerweise in eine Plastiktüte zu stecken. Luther stopfte den Beutel in seine Manteltasche und machte sich schnell davon.

Eine Traube von Menschen war vor dem Tabakgeschäft stehen geblieben, um dem alten Mexikaner beim Dekorieren seines Schaufensters zuzusehen. Er ließ gerade kleine Roboter durch den Kunstschnee stapfen, was die Menge maßlos entzückte. Luther war gezwungen, den Bürgersteig zu verlassen, und zwar mit dem falschen Fuß zuerst. Sein linker Schuh versank in zehn Zentimeter hohem, eiskaltem Schneematsch. Luther erstarrte für den Bruchteil einer Sekunde, atmete tief ein und verfluchte den alten Mexikaner, seine Roboter, seine Zuschauer und vor allem die verdammten Pistazien. Dann zog er abrupt den Fuß aus der Pfütze und schleuderte dabei Schmutzwasser auf sein Hosenbein. Und während Luther nun mit zwei Eisfüßen in der Gosse stand, penetrantes Glockengebimmel erschallte, »Santa Claus Is Coming to Town« aus dem Lautsprecher dröhnte und der Bürgersteig durch fröhliche Menschen blockiert war, fing er langsam aber sicher an, das gesamte Weihnachtsfest zu hassen.

Als er den Wagen erreicht hatte, war das Wasser bis zu seinen Zehen vorgedrungen. »Weiße Kuvertüre gab’s nicht mehr«, zischte er Nora zu, während er sich ans Steuer setzte.

Sie wischte sich die Augen.

»Was ist denn nun schon wieder?«, wollte er wissen.

»Ich habe gerade mit Blair gesprochen.«

»Was? Wie? Ist alles in Ordnung?«

»Sie hat aus dem Flugzeug angerufen. Es geht ihr gut.« Nora kaute auf ihrer Unterlippe herum und versuchte ihre Fassung wiederzuerlangen.

Was genau kostet es wohl, aus zehntausend Metern Höhe mit jemandem am Boden zu telefonieren?, fragte sich Luther. Er hatte solche Flugzeugtelefone schon einmal gesehen. Man benötigte dafür lediglich eine Kreditkarte. Blair hatte eine von ihm bekommen — eine von denen, bei der die Rechnungen an Mom und Dad geschickt wurden. Von einem Funktelefon da oben zu einem Handy hier unten … wahrscheinlich mindestens zehn Dollar.

Und wofür? Es geht mir gut, Mom. Hab dich schon fast eine Stunde lang nicht mehr gesehen. Wir lieben uns. Wir werden uns vermissen. Ich muss jetzt aufhören, Mom.

Der Motor lief, obwohl Luther sich nicht daran erinnern konnte, ihn gestartet zu haben.

»Du hast die weiße Kuvertüre vergessen?«, fragte Nora, die ihre Fassung inzwischen wiedererlangt hatte.

»Nein, ich habe sie nicht vergessen. Es gab keine mehr.«

»Hast du Rex danach gefragt?«

»Wer ist Rex?«

»Der Metzger.«

»Nein, Nora, aus unerfindlichen Gründen habe ich nicht daran gedacht, den Metzger zu fragen, ob er vielleicht zwischen seinen Koteletts und Würsten weiße Kuvertüre versteckt hat.«

Sie fummelte frustriert am Türgriff herum. »Ich brauche sie aber. Dich kann man wirklich nicht schicken.« Und fort war sie.

»Hoffentlich trittst du in eine Pfütze mit Eiswasser«, brummte Luther wütend und murmelte noch ein paar andere unschöne Bemerkungen hinterdrein. Er richtete die Heizventilatoren nach unten, damit seine Füße auftauten, und beobachtete dann das Kommen und Gehen fettleibiger Menschen vor dem Schnellrestaurant. Auf den Straßen ringsherum stand der Verkehr so gut wie still.

Luther dachte darüber nach, wie schön es wäre, Weihnachten einfach vergessen zu können. Einmal mit den Fingern schnippen, und es ist der zweite Januar. Kein Baum, kein Einkaufsstress, keine unnützen Geschenke, keine Trinkgelder, keine Berge von Einpackpapier, keine Staus und Menschenmengen, kein Stollen, kein Festschnaps und Festschinken, die ohnehin niemand haben will, kein »Rudolph« und kein »Frosty«, keine Büroparty, keine Geldverschwendung. Seine Liste wurde immer länger. Er kauerte auf dem Fahrersitz, wartete darauf, dass die Wärme seine Füße erreichte, und träumte lächelnd davon, alldem zu entkommen.

Nora kehrte zurück und warf ihm eine kleine braune Tüte in den Schoß — vorsichtig genug, dass die Schokolade nicht zerbrach, jedoch heftig genug, dass Luther klar wurde, dass sie erfolgreich gewesen war, wo er versagt hatte. »Jeder weiß, dass man bei Chip’s immer fragen muss«, stieß sie schroff hervor und legte mit ungeduldigem Rucken ihren Gurt an.

»Seltsame Art von Absatzförderung«, sann Luther und legte den Rückwärtsgang ein. »Verstecken wir die Ware doch beim Metzger, machen wir sie rar, dann werden die Leute schon danach schreien. Ich bin sicher, dass der Preis für versteckte Ware sogar noch höher ist.«

»Ach, sei doch still, Luther.«

»Hast du nasse Füße?«

»Nein. Du?«

»Nein.«

»Wieso fragst du dann?«

»Nur so.«

»Glaubst du, es geht alles gut?«

»Sie sitzt im Flugzeug. Du hast gerade noch mit ihr gesprochen«

»Ich meine da draußen, im Dschungel.«

»Hör auf, dir Sorgen zu machen, okay? Das Friedenskorps würde sie niemals irgendwohin schicken, wo es gefährlich ist.«

»Es wird nicht so sein wie sonst.«

»Was?«

»Weihnachten.«

Ganz gewiss nicht, hätte Luther beinahe erwidert. Und während er den Wagen durch den Verkehr lenkte, breitete sich ein seltsames Lächeln auf seinem Gesicht aus.

Mit mollig warmen Füßen in dicken Wollsocken ging Luther zu Bett und schlief schnell ein. Allerdings wachte er noch schneller wieder auf. Nora wanderte ruhelos durch das Haus. Sie betätigte im Bad die Toilettenspülung, knipste das Licht an und aus, schlurfte hinunter in die Küche, kochte sich einen Kräutertee und betrat wenig später Blairs Zimmer am Ende des Flurs, wo sie zweifellos die Wand anstarrte und sich schniefend fragte, wo die Zeit geblieben war. Dann kam sie zurück ins Bett, wälzte sich herum, zog ihm die Decke weg und tat ihr Bestes, Luther aufzuwecken. Sie hatte das Bedürfnis nach einem Gespräch, nach Zuspruch. Sie wollte von Luther hören, dass die Schrecken des peruanischen Dschungels Blair nichts anhaben konnten.

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