Die Bruderschaft - John Grisham - E-Book
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Beschreibung

Wenn ein Brief zur Waffe wird

Drei verurteilte Richter brüten im Gefängnis über einem genialen Coup. Wenn alles klappt, haben sie für die Zeit nach dem Knast ausgesorgt. Sie sind gerissen und haben die richtigen Kontakte, aber ist ihre Strategie wirklich wasserdicht? Ein raffiniertes Szenario entlang der Säulen der Macht.
«Der spannendste Grisham seit "Der Partner" - ein geradezu diebisches Vergnügen.» Entertainment Weekly


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EPUB
MOBI

Seitenzahl:611


Das Buch

Trumble, ein Gefängnis in Florida, gilt als Geheimtipp unter den Kriminellen, ähnelt es doch eher einem Feriencamp als einem Hochsicherheitstrakt. Kleinkriminelle, Steuersünder und Wall-street-Gauner sitzen dort ihre Strafe ab, aber auch drei ehemals angesehene Richter: Spicer, Yarber und Beech treten als »Bruderschaft« auf und machen die Gefängnisbibliothek kurzerhand zu ihrem neuen Arbeitsplatz. Dort übernehmen sie – selbstverständlich gegen Bezahlung – Rechtsangelegenheiten von Mitinsassen und sitzen regelmäßig zu Gericht über kleinere Verstöße innerhalb der Gefängnismauern.

Allerdings verbringen sie dort auch Stunden damit, sich über lukrativere Einkünfte den Kopf zu zerbrechen. Mit scheinbar harmlosen Anzeigen locken sie zahlungskräftige Kandidaten an, die sie kurz darauf skrupellos erpressen. Und schon bald häufen sich beträchtliche Nebeneinkünfte auf ihren geheimen Konten. Bis sie eines Tages an den Falschen geraten, einen mächtigen Politiker mit äüßerst gefährlichen Freunden …

Inhaltsverzeichnis

Das BuchEINSZWEIDREIVIERFÜNFSECHSSIEBENACHTNEUNZEHNELFZWÖLFDREIZEHNVIERZEHNFÜNFZEHNSECHZEHNSIEBZEHNACHTZEHNNEUNZEHNZWANZIGEINUNDZWANZIGZWEIUNDZWANZIGDREIUNDZWANZIGVIERUNDZWANZIGFÜNFUNDZWANZIGSECHSUNDZWANZIGSIEBENUNDZWANZIGACHTUNDZWANZIGNEUNUNDZWANZIGDREISSIGEINUNDDREISSIGZWEIUNDDREISSIGDREIUNDDREISSIGVIERUNDDREISSIGFÜNFUNDDREISSIGSECHSUNDDREISSIGSIEBENUNDDREISSIGACHTUNDDREISSIGNEUNUNDDREISSIGWerkverzeichnis der im Heyne Verlag erschienenen Titel von John GrishamDer AutorDie RomaneCopyright

EINS

Zur Verlesung der wöchentlichen Prozessliste trug der Gerichtsnarr sein übliches Kostüm, das aus einem abgetragenen, verblichenen dunkelroten Pyjama und lavendelfarbenen Frotteesandalen ohne Socken bestand. Er war nicht der einzige Insasse, der seine Arbeit im Pyjama verrichtete, wohl aber der Einzige, der es wagte, lavendelfarbene Schuhe zu tragen. Er hieß T. Karl und früher hatten ihm in Boston ein paar Banken gehört.

Weit beunruhigender als der Pyjama und die Schuhe war jedoch die Perücke. Sie hatte einen Mittelscheitel, und das Haar fiel schwer, dicht gelockt und in Kaskaden über seine Ohren und Schultern. Es war hellgrau, beinahe weiß, und das Ganze war den englischen Gerichtsperücken aus vergangenen Jahrhunderten nachempfunden. Ein Freund von draußen hatte sie in Greenwich Village in einem Laden für gebrauchte Kostüme entdeckt.

Bei den Gerichtsverhandlungen trug T. Karl sie mit großem Stolz, und mit der Zeit war sie, so seltsam sie auch wirkte, zu einem festen Bestandteil der Veranstaltung geworden. Trotzdem hielten die anderen Insassen Abstand zu T. Karl.

Er stand in der Gefängnis-Cafeteria, klopfte mit einem Plastikhammer auf seinen wackligen Klapptisch, räusperte sich und verkündete mit großer Würde: »Höret, höret, höret! Die Sitzung des Untersten Bundesgerichts von Nord-Florida ist eröffnet. Die Anwesenden mögen sich erheben.«

Niemand rührte sich – zumindest machte niemand Anstalten sich zu erheben. Dreißig Insassen saßen in den verschiedensten Haltungen auf den Plastikstühlen, musterten den Gerichtsnarren oder unterhielten sich, als existiere er gar nicht.

»Mögen alle, die Gerechtigkeit suchen, vortreten und beschissen werden«, fuhr T. Karl fort.

Keiner lachte. Vor Monaten, als T. Karl diesen Spruch zum ersten Mal losgelassen hatte, war er noch witzig gewesen, doch inzwischen war auch dies zu einem festen Bestandteil der Verhandlungen geworden. T. Karl nahm gemessen Platz, wobei er darauf achtete, dass die dichten Reihen von Locken, die ihm über die Schultern fielen, auch gut zu sehen waren, und schlug ein dickes, in rotes Leder gebundenes Buch auf, in dem die offiziellen Gerichtsprotokolle eingetragen wurden. Er nahm seine Aufgabe sehr ernst.

Drei Männer traten aus der Küche in die Cafeteria. Zwei von ihnen trugen Schuhe. Einer knabberte an einer Salzstange. Der barfüßige Mann hatte außerdem nur eine kurze Hose an, so dass unterhalb der Robe seine dünnen Beine zu sehen waren. Sie waren glatt, unbehaart und tief gebräunt. Auf der linken Wade prangte eine große Tätowierung. Er stammte aus Kalifornien.

Alle drei waren in alte Kirchenchorroben gekleidet – blassgrün mit goldfarbenen Verzierungen –, die aus demselben Laden stammten wie T. Karls Perücke. Er hatte sie den Richtern zu Weihnachten geschenkt und sich so seinen Job als Protokollführer gesichert.

Einige Zuschauer zischten und johlten, als die Richter in vollem Ornat und mit wehenden Roben über den gekachelten Boden zu einem langen Klapptisch schlenderten, nicht zu weit entfernt von T. Karl, aber auch nicht zu nah. Sie nahmen Platz und musterten die Männer, die sich zur wöchentlichen Verhandlung eingefunden hatten. Der Platz in der Mitte gehörte einem kleinen, rundlichen Mann. Er hieß Joe Roy Spicer und führte gewöhnlich den Vorsitz. Früher war Spicer ordnungsgemäß gewählter Friedensrichter in Mississippi gewesen, bis die Bundespolizei festgestellt hatte, dass er einen Teil der Bingoeinnahmen einer örtlichen Shriner-Loge einstrich.

»Die Anwesenden mögen sich setzen«, sagte er. Niemand stand.

Die Richter rückten ihre Klappstühle zurecht und arrangierten ihre Roben, bis sie mit dem Faltenwurf zufrieden waren. Etwas abseits standen, unbeachtet von den Gefangenen, der stellvertretende Gefängnisdirektor und ein uniformierter Wärter. Die Bruderschaft trat, mit Billigung der Anstaltsleitung, einmal wöchentlich zusammen. Sie entschied in Streitfällen, beseitigte Spannungen zwischen den Insassen, vermittelte zwischen den Kontrahenten und hatte sich insgesamt als stabilisierender Faktor erwiesen.

Spicer warf einen Blick auf die Prozessliste, ein von T. Karl sorgfältig mit Druckbuchstaben beschriftetes Blatt Papier, und sagte: »Die Verhandlung ist eröffnet.«

Zu seiner Rechten befand sich der sechzigjährige ehrenwerte Finn Yarber aus Kalifornien, der seit zwei Jahren hier einsaß und noch fünf Jahre vor sich hatte. Er war wegen Steuerhinterziehung verurteilt – ein Racheakt, wie er noch immer allen versicherte, die es hören wollten, ein Kreuzzug des republikanischen Gouverneurs, der es geschafft hatte, die Wähler zu mobilisieren und Oberrichter Yarber aus dem Obersten Gericht des Staates Kalifornien zu entfernen. Die Gründe waren Yarbers Ablehnung der Todesstrafe und seine eigenmächtigen Verzögerungen der Hinrichtungen gewesen. Die Leute hatten Blut sehen wollen, Yarber hatte das verhindert, und die Republikaner hatten einen Riesenzirkus veranstaltet. Seine Abwahl war ein voller Erfolg gewesen. Man hatte ihn also hinausgeworfen, und dann war die Steuerfahndung gekommen und hatte Fragen gestellt. Er hatte in Stanford studiert, war in Sacramento angeklagt und in San Francisco verurteilt worden, und nun saß er seine Strafe in einem Bundesgefängnis in Florida ab.

Seit zwei Jahren war er nun schon hier, und noch immer kämpfte er gegen die Bitterkeit an. Er glaubte an seine Unschuld und träumte von einem Triumph über seine Feinde. Doch die Träume verblassten. Er verbrachte eine Menge Zeit allein auf der Aschenbahn, ließ sich von der Sonne bräunen und gab sich Phantasien von einem anderen Leben hin.

»Der erste Fall ist Schneiter gegen Magruder«, verkündete Spicer mit einer Stimme, als ginge es um ein bedeutendes Kartellrechtsverfahren.

»Schneiter ist nicht da«, sagte Beech.

»Wo ist er?«

»In der Krankenstation. Wieder mal Gallensteine. Ich komme gerade von dort.«

Hatlee Beech war der dritte Richter. Er verbrachte die meiste Zeit in der Krankenstation, wegen Hämorrhoiden, Kopfschmerzen oder geschwollenen Drüsen. Beech war mit sechsundfünfzig Jahren der jüngste der drei. Er hatte noch neun Jahre abzusitzen und war überzeugt, dass er im Gefängnis sterben würde. Er war Bundesrichter in Ost-Texas gewesen, ein in der Wolle gefärbter Konservativer, der sich in der Bibel bestens auskannte und in Verhandlungen gern daraus zitierte. Er hatte politische Ambitionen, eine nette Familie und Geld aus den Ölaktien der Familie seiner Frau gehabt. Außerdem war er mit einem Alkoholproblem geschlagen gewesen, von dem niemand etwas gewusst hatte, bis er im Yellowstone Park zwei Wanderer überfahren hatte. Beide waren ihren Verletzungen erlegen. Der Wagen, an dessen Steuer Beech gesessen hatte, war der einer jungen Frau gewesen, mit der er nicht verheiratet gewesen war. Sie hatte nackt auf dem Beifahrersitz gesessen, zu betrunken, um sich auf den Beinen zu halten.

Das hatte ihm zwölf Jahre eingebracht.

Joe Roy Spicer, Finn Yarber, Hatlee Beech, auch bekannt unter dem Namen »die Bruderschaft«: das Unterste Bundesgericht von Nord-Florida in Trumble, einem Bundesgefängnis ohne Maschendrahtzäune, Stacheldraht und Wachtürme. Wenn man schon in den Knast musste, saß man seine Zeit nach Möglichkeit in einem Bundesgefängnis wie Trumble ab.

»Sollen wir ein Versäumnisurteil ergehen lassen?« fragte Spicer Beech.

»Nein. Vertagen wir den Fall auf nächste Woche.«

»Na gut. Er wird uns schon nicht davonlaufen.«

»Ich erhebe Einspruch gegen eine Vertagung«, sagte Magruder, der irgendwo unter den Zuschauern saß.

»Tja, Pech«, erwiderte Spicer. »Der Fall ist auf nächste Woche vertagt.«

Magruder sprang auf. »Das ist jetzt schon das dritte Mal. Ich bin der Kläger. Ich hab ihn verklagt. Jedes Mal, wenn gegen ihn verhandelt werden soll, rennt er in die Krankenstation.«

»Worum geht’s überhaupt?« fragte Spicer.

»Um siebzehn Dollar und zwei Magazine«, sagte T. Karl hilfsbereit.

»So viel, hm?« sagte Spicer. Siebzehn Dollar waren in Trumble eine ernste Angelegenheit.

Finn Yarber war bereits jetzt gelangweilt. Er strich sich den schütteren grauen Bart und zog seine langen Fingernägel über die Tischplatte. Dann ließ er seine Zehengelenke laut knacken, indem er sie fest gegen den Boden drückte – eine wirkungsvolle Übung, die an den Nerven der Anwesenden zerren konnte. In seinem früheren Leben, als er noch einen Titel gehabt hatte – Oberrichter am Obersten Gerichtshof von Kalifornien –, hatte er bei Verhandlungen oft Lederclogs ohne Socken getragen, damit er bei langweiligen mündlichen Ausführungen seine Zehen trainieren konnte. »Vertagen wir«, sagte er.

»Gerechtigkeit aufschieben heißt, Gerechtigkeit verweigern«, sagte Magruder salbungsvoll.

»Wie originell«, erwiderte Beech. »Wir vertagen auf nächste Woche. Wenn Schneiter dann nicht erscheint, ergeht ein Versäumnisurteil.«

»Beschlossen und verkündet«, sagte Spicer mit Entschiedenheit. T. Karl machte einen Vermerk im Protokoll und Magruder setzte sich verärgert. Er hatte seine Klage vor dem Untersten Bundesgericht eingereicht, indem er T. Karl eine einseitige Zusammenfassung seiner Behauptungen gegen Schneiter übergab. Nur eine Seite. Die Bruderschaft verabscheute Papierkram. Eine Seite, und man bekam einen Gerichtstermin. Schneiters Erwiderung hatte aus sechs Seiten voller Beschimpfungen bestanden, die T. Karl allesamt gestrichen hatte.

Die Regeln waren einfach: kurze Plädoyers, keine Offenlegung von Schriftstücken, schnelle Urteile, die für alle, die die Zuständigkeit des Gerichts anerkannten, bindend waren. Es gab keine Berufung – an wen hätte man sich auch wenden sollen? Zeugen wurden nicht vereidigt; man erwartete geradezu, dass sie logen. Immerhin befand man sich ja in einem Gefängnis.

»Wer ist als Nächstes dran?« fragte Spicer.

T. Karl zögerte kurz und sagte dann: »Ass.«

Für einen Augenblick war es totenstill, doch dann ertönte großer Lärm: Drängelnd und stoßend rückten die Gefangenen ihre Plastikstühle vor. »Das reicht jetzt!« rief T. Karl. Die Zuschauer waren weniger als sechs Meter vom Richtertisch entfernt.

»Die Würde des Gerichts wird gewahrt bleiben!« erklärte er.

Dieser Fall schwelte seit Monaten vor sich hin. Ass war ein junger Wall-Street-Gauner, der ein paar reiche Klienten betrogen hatte. Der Verbleib von vier Millionen Dollar war nie geklärt worden und Gerüchte besagten, dass Ass sie irgendwo im Ausland geparkt hatte und von Trumble aus verwaltete. Er hatte noch sechs Jahre vor sich und würde, wenn er zur Bewährung entlassen wurde, fast vierzig sein. Man nahm allgemein an, dass er vorhatte, seine Strafe in Ruhe abzusitzen, bis zu jenem herrlichen Tag, an dem er als noch junger Mann das Gefängnis verlassen und in einem Privatjet zu jener warmen Insel mit schönen Stränden fliegen würde, wo sein Geld ihn erwartete.

Hier im Gefängnis wurde die Geschichte noch ausgeschmückt, nicht zuletzt deshalb, weil Ass Abstand zu den anderen Gefangenen hielt, täglich stundenlang die Börsenkurse studierte und völlig unverständliche Wirtschaftszeitungen las. Selbst der Direktor hatte versucht, ihm ein paar Börsentipps zu entlocken.

Ein ehemaliger Rechtsanwalt namens Rook hatte sich an Ass herangemacht und ihn irgendwie überredet, einem Investmentclub, der sich einmal pro Woche in der Gefängniskapelle traf, hin und wieder ein paar Ratschläge zu geben. Im Namen dieses Clubs hatte Rook Ass wegen Betrugs verklagt.

Rook trat in den Zeugenstand und gab seine Version der Geschichte zum Besten. Die üblichen Verfahrensregeln waren aufgehoben, damit die Wahrheitsfindung schnell erfolgen konnte – ganz gleich, welche Form die Wahrheit annahm.

»Ich gehe also zu ihm und frage ihn, was er von ValueNow hält, dieser neuen Gesellschaft, von der ich in Forbes gelesen hab«, erklärte Rook. »Die wollten an die Börse gehen und mir gefiel ihre Firmenphilosophie. Ass sagte, er würde sich darum kümmern, aber dann hörte ich nichts mehr von ihm. Also gehe ich noch mal zu ihm und frage ihn: ›Was ist mit ValueNow?‹ Und er sagt, dass es seiner Meinung nach eine solide Gesellschaft ist und dass die Kurse steigen werden wie eine Rakete.«

»Das hab ich nicht gesagt«, unterbrach ihn Ass. Er saß weit hinten, abseits von den anderen, und hatte die verschränkten Arme auf die Lehne des Stuhls vor ihm gelegt.

»Hast du doch!«

»Hab ich nicht!«

»Jedenfalls hab ich die Clubmitglieder zusammengerufen und ihnen gesagt, dass Ass die Sache positiv beurteilt, und dann haben wir beschlossen, Anteile von ValueNow zu kaufen. Allerdings war das Zeichnungsangebot geschlossen, so dass Kleinanleger wie wir keine Chance hatten. Also gehe ich wieder zu Ass und sage: ›Hör mal, könntest du nicht mal mit ein paar von deinen alten Kumpels von der Wall Street sprechen und uns ein paar Anteile von ValueNow besorgen? ‹ Und er sagt, klar, kann er machen.«

»Das ist gelogen«, rief Ass.

»Ruhe«, sagte Richter Spicer. »Du kommst auch noch dran.«

»Aber das ist gelogen«, sagte Ass, als gäbe es eine Regel, die Lügen verbot.

Wenn Ass Geld besaß, so war es ihm nicht anzumerken, jedenfalls nicht in Trumble. Bis auf die Stapel von Wirtschaftszeitschriften war seine zweieinhalb mal vier Meter große Zelle kahl und leer: keine Stereoanlage, kein Ventilator, keine Bücher oder Zigaretten – nichts von den Dingen, die alle anderen Gefangenen sich im Lauf der Zeit zulegten. Doch das nährte die Gerüchte nur noch mehr. Man hielt ihn für einen Geizhals, für einen komischen Vogel, der jeden Penny sparte und all sein Geld todsicher irgendwo im Ausland liegen hatte.

»Jedenfalls«, fuhr Rook fort, »beschlossen wir, das Risiko einzugehen und ein großes Paket von ValueNow-Anteilen zu kaufen. Wir wollten unsere anderen Papiere liquidieren und unsere Mittel konsolidieren.«

»Konsolidieren?« fragte Richter Beech. Rook klang, als jongliere er mit Wertpapieren in Milliardenhöhe.

»Genau, konsolidieren. Wir hatten uns von unseren Freunden und Familien so viel wie möglich geliehen und schließlich fast tausend Dollar zusammen.«

»Tausend Dollar«, wiederholte Richter Spicer. Nicht schlecht für ein paar Knastvögel. »Und dann?«

»Ich hab Ass gesagt, dass wir bereit sind, und ihn gefragt, ob er uns die Anteile besorgen kann. Das war an einem Dienstag. Die Zeichnungsfrist lief am Freitag darauf ab. Ass sagte, das wäre kein Problem. Er sagte, er hätte einen Freund bei Goldman Sux oder so ähnlich, der die Sache für uns regeln würde.«

»Das ist gelogen«, rief Ass von hinten.

»Jedenfalls, am Mittwoch treffe ich Ass auf dem Osthof und frage ihn nach den Anteilen. Er sagt, kein Problem.«

»Gelogen.«

»Ich hab einen Zeugen.«

»Wen?« fragte Richter Spicer.

»Picasso.«

Picasso saß hinter Rook, mitten unter den anderen sechs Mitgliedern des Investmentclubs, und hob zögernd die Hand.

»Stimmt das?« fragte Spicer.

»Ja«, antwortete Picasso. »Rook hat ihn nach den Aktien gefragt und Ass hat gesagt, er besorgt sie. Kein Problem.«

Picasso trat in vielen Verfahren als Zeuge auf und war öfter als die meisten anderen der Falschaussage überführt worden.

»Weiter«, sagte Spicer.

»Am Donnerstag war Ass nirgends zu finden. Er hat sich vor mir versteckt.«

»Hab ich nicht.«

»Am Freitag ging ValueNow an die Börse. Der Emissionswert lag bei zwanzig Dollar. Für den Preis hätten wir sie gekriegt, wenn Mr. Wall Street da drüben getan hätte, was er uns versprochen hatte. Die Aktie stieg auf sechzig, hielt sich den größten Teil des Tages auf achtzig und lag bei Börsenschluss bei siebzig. Wir hatten vorgehabt, so schnell wie möglich zu verkaufen. Wir hätten fünfzig Anteile kaufen und für achtzig Dollar verkaufen können – dann hätten wir dreitausend Dollar eingesackt.«

Gewalt kam in Trumble nur selten vor. Für 3000 Dollar wurde man nicht umgebracht, aber ein paar gebrochene Knochen lagen durchaus im Bereich des Möglichen. Ass hatte Glück gehabt. Bisher hatte man ihm nicht aufgelauert.

»Und ihr meint, Ass schuldet euch diesen euch entgangenen Profit?« fragte der ehemalige Oberrichter Finn Yarber und zupfte an seinen Augenbrauen.

»Verdammt richtig. Und was das Ganze noch übler macht, ist die Tatsache, dass dieser Kerl ValueNow-Anteile für sich selbst gekauft hat.«

»Das ist eine verdammte Lüge«, sagte Ass.

»Meine Herren, bitte achten Sie auf Ihre Ausdrucksweise«, sagte Richter Beech. Wer vor der Bruderschaft einen Fall verlieren wollte, brauchte nichts weiter zu tun, als Beech mit seiner Ausdrucksweise zu verärgern.

Das Gerücht, Ass habe ValueNow-Aktien für sich selbst gekauft, stammte von Rook und seinen Leuten. Es gab dafür keinerlei Beweise, aber die Geschichte war einfach unwiderstehlich und inzwischen so oft wiederholt worden, dass sie als Tatsache galt. Sie passte einfach zu gut.

»Ist das alles?« fragte Spicer Rook.

Rook hatte noch ein paar andere Vorwürfe, die er zu gern ausgeführt hätte, doch die Richter brachten für langatmige Kläger nur wenig Geduld auf. Besonders wenn es sich um ehemalige Rechtsanwälte handelte, die ihrer großartigen Vergangenheit nachtrauerten. Davon gab es in Trumble mindestens fünf und sie erschienen bei jeder sich bietenden Gelegenheit vor Gericht.

»Ich glaube schon«, sagte Rook.

»Was hast du dazu zu sagen?« fragte Spicer Ass.

Ass stand auf, ging ein paar Schritte auf den Richtertisch zu und warf den Anklägern, Rook und seiner Bande von Versagern, einen bösen Blick zu. Dann wandte er sich an das Gericht. »Wie sieht’s eigentlich mit der Beweislast aus?«

Sogleich senkte Richter Spicer den Blick und wartete auf Unterstützung durch seine Kollegen. Als Friedensrichter hatte er keine juristische Ausbildung gehabt. Er hatte die Highschool abgebrochen und danach zwanzig Jahre im Kramladen seines Vaters gearbeitet. Die Kunden hatten ihn in sein Amt gewählt. Spicers Urteile basierten auf seinem gesunden Menschenverstand und der stand oft genug im Widerspruch zum Gesetz. Um irgendwelche juristischen Feinheiten mussten sich daher die beiden anderen Richter kümmern.

»Das bestimmen wir«, sagte Beech, der die Aussicht genoss, mit einem Börsenmakler über Verfahrensfragen zu debattieren.

»Klare und überzeugende Beweise?« fragte Ass.

»Möglich, allerdings nicht in diesem Fall.«

»Ohne jeden berechtigten Zweifel?«

»Wahrscheinlich nicht.«

»Überwiegendes Ergebnis der Beweisaufnahme?«

»Jetzt kommen wir der Sache schon näher.«

»Dann haben Sie also keinen Beweis«, sagte Ass und gestikulierte wie ein schlechter Schauspieler in einem schlechten Gerichtsfilm.

»Warum erzählst du uns nicht einfach deine Version der Geschichte?« sagte Beech.

»Aber gern. ValueNow war ein typisches Online-Angebot: jede Menge Promotion, jede Menge Schulden. Stimmt schon, Rook ist zu mir gekommen, aber bis ich meine Anrufe machen konnte, war die Zeichnungsfrist schon abgelaufen. Ich hab einen Freund angerufen und der sagte mir, es gebe keine Chance, an die Anteile heranzukommen. Nicht mal für die großen Bankhäuser.«

»Wie kann das sein?« fragte Yarber.

Es war ganz still. Ass sprach über Geldanlagen und alle lauschten aufmerksam.

»Bei IPOs passiert das andauernd. IPOs sind Neuemissionen.«

»Wir wissen, was IPOs sind«, sagte Beech.

Spicer hatte es nicht gewusst. In Mississippi, auf dem Land, kamen IPOs nur recht selten vor.

Ass entspannte sich ein wenig. Er würde sie für einen Augenblick blenden, diesen blödsinnigen Fall gewinnen und dann wieder in seine Zelle zurückkehren und die Idioten ignorieren.

»Die ValueNow-Neuemission wurde von der Investment-Bank Bakin-Kline betreut, einer kleinen Bank in San Francisco. Es gab fünf Millionen Anteile, und die wurden von Bakin-Kline an Freunde und Stammkunden verkauft. Die großen Investmentgesellschaften kamen da gar nicht ran. So was passiert andauernd.«

Richter und Zuschauer, ja sogar der Gerichtsnarr, hingen an seinen Lippen.

Ass fuhr fort: »Es ist albern zu denken, ein abgehalfterter Rechtsverdreher, der im Gefängnis sitzt und eine alte Forbes-Ausgabe gelesen hat, könnte für tausend Dollar irgendwie ein paar Anteile von ValueNow kaufen.«

In diesem Augenblick schien das tatsächlich sehr albern. Rook kochte innerlich. Die anderen Mitglieder seines Clubs begannen insgeheim bereits, ihn für den Fehlschlag verantwortlich zu machen.

»Hast du dir irgendwelche ValueNow-Anteile gekauft?« fragte Beech.

»Natürlich nicht. Die waren weit außerhalb meiner Reichweite. Und außerdem sind die meisten Hightech- und Online-Firmen mit Geld finanziert, dessen Herkunft nicht ganz klar ist. Von denen lass ich lieber die Finger.«

»Und was ziehst du vor?« fragte Beech, der seine Neugier nicht bezähmen konnte, schnell.

»Ich kaufe Anteile, die auf lange Sicht im Wert steigen. Schließlich hab ich Zeit. Dieser Fall ist Quatsch. Ein paar Leute, die auf das schnelle Geld aus waren, wollten mir was ans Bein binden.« Er machte eine Geste in Richtung Rook, der in seinem Stuhl zusammensank. Ass klang sehr glaubwürdig und kompetent.

Rooks Klage basierte auf Hörensagen, Spekulationen und der Aussage von Picasso, einem notorischen Lügner.

»Hast du irgendwelche Zeugen?« fragte Spicer.

»Ich brauche keine Zeugen«, sagte Ass und setzte sich wieder.

Jeder der drei Richter kritzelte etwas auf ein Stück Papier. Die Beratungen dauerten gewöhnlich nicht lange, und Urteile wurden sofort gefällt. Yarber und Beech schoben ihre Zettel Spicer zu, der verkündete: »Die Klage wird mit zwei Stimmen zu einer Stimme abgewiesen. Wer ist der Nächste?«

In Wirklichkeit war die Entscheidung einstimmig gefallen, doch offiziell erging jedes Urteil mit einer Mehrheit von zwei zu eins – das gab den Richtern bei späteren Konfrontationen ein wenig Spielraum.

Aber die Richter genossen in Trumble einen guten Ruf. Ihre Urteile waren schnell und so fair wie möglich. Angesichts der zweifelhaften Zeugenaussagen waren sie sogar bemerkenswert gerecht. Spicer hatte jahrelang im Hinterzimmer des Kramladens seiner Familie über kleinere Fälle zu Gericht gesessen und konnte einen Lügner auf zwanzig Meter Entfernung erkennen. Beech und Yarber hatten ihr ganzes Berufsleben in Gerichtssälen verbracht und ließen die übliche Verzögerungstaktik aus zusätzlichen Beweisanträgen und langatmigen Plädoyers nicht durchgehen.

»Das war alles«, sagte T. Karl.

»Gut. Das Gericht vertagt sich auf nächste Woche.«

Die Locken wippten, als T. Karl aufsprang und verkündete: »Das Gericht hat sich vertagt. Alle Anwesenden mögen sich erheben.«

Niemand stand auf, niemand rührte sich, als die Richter den Raum verließen. Rook und seine Freunde steckten die Köpfe zusammen und planten vermutlich die nächste Klage. Ass eilte hinaus.

Der stellvertretende Direktor und der Wärter entfernten sich unbeachtet. Die wöchentliche Gerichtssitzung war eine der besten Veranstaltungen, die Trumble zu bieten hatte.

ZWEI

Obwohl er seit vierzehn Jahren Abgeordneter war, steuerte Aaron Lake seinen Wagen persönlich durch den Verkehr von Washington. Er brauchte keinen Chauffeur, keinen Kofferträger, keinen Leibwächter. Manchmal begleitete ihn ein Referent, der sich während der Fahrt Notizen machte, doch meist genoss Lake das gemächliche Tempo, das der Washingtoner Verkehr zuließ, und hörte klassische Gitarrenmusik. Viele seiner Freunde, besonders diejenigen, die es zum Vorsitzenden oder Stellvertretenden Vorsitzenden eines Komitees gebracht hatten, besaßen größere Wagen mit Chauffeur. Manche hatten sogar Luxuslimousinen.

Lake nicht. Er hielt dergleichen für eine Verschwendung von Zeit, Geld und Privatsphäre. Wenn er je ein höheres Amt anstreben sollte, würde er jedenfalls keinen Chauffeur haben wollen – so etwas war nur eine Belastung. Außerdem war er gern allein. In seinem Büro ging es zu wie in einem Irrenhaus. Fünfzehn Angestellte waren vollauf damit beschäftigt, Anrufe entgegenzunehmen, Akten anzulegen und den Wählern zu Hause in Arizona zu dienen, die ihn nach Washington geschickt hatten. Drei Referenten standen sich auf den schmalen Fluren gegenseitig im Weg und nahmen mehr Zeit in Anspruch, als sie verdienten.

Er war ein allein stehender Witwer mit einem kleinen, altmodischen Stadthaus in Georgetown, das er sehr mochte. Er lebte zurückgezogen und nahm nur selten an dem gesellschaftlichen Leben teil, das er und seine verstorbene Frau in den frühen Jahren ihrer Ehe so genossen hatten.

Leichter Schneefall ließ die Autofahrer auf dem Beltway langsam und vorsichtig fahren. In Langley passierte Lake nach kurzer Kontrolle die Sicherheitssperre der CIA und war sehr erfreut, dass man einen Vorzugsparkplatz für ihn frei gehalten hatte, wo ihn zwei Beamte in Zivil erwarteten.

»Mr. Maynard erwartet Sie«, sagte der eine ernst, während er ihm die Wagentür öffnete. Der andere nahm seine Aktentasche. Macht hatte gewisse Vorzüge.

Lake hatte den CIA-Direktor noch nie in Langley aufgesucht. Sie hatten zwei Unterredungen auf dem Capitol Hill gehabt, vor Jahren, als der arme Kerl noch hatte gehen können. Doch nun saß Teddy Maynard im Rollstuhl und hatte ständig Schmerzen, und selbst Senatoren ließen sich nach Langley hinausfahren, wenn er mit ihnen sprechen wollte. In vierzehn Jahren hatte er Lake ein halbes Dutzend Mal angerufen, doch Maynard war ein viel beschäftigter Mann. Mit weniger wichtigen Aufgaben betraute er gewöhnlich seine Assistenten.

Unbehindert drangen der Abgeordnete und seine beiden Begleiter durch alle Sicherheitskontrollen in die Tiefen des CIA-Hauptquartiers vor. Als Lake durch den Eingang von Maynards Bürosuite trat, ging er unwillkürlich ein wenig aufrechter und federnder als sonst. Macht war berauschend.

Teddy Maynard hatte nach ihm geschickt.

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