Verlag: Heyne Kategorie: Abenteuer, Thriller, Horror Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2013

Der Anwalt E-Book

John Grisham  

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E-Book-Beschreibung Der Anwalt - John Grisham

Denn sie wissen, was sie tunKyle McAvoy steht eine glänzende Karriere als Jurist bevor. Bis ihn die Vergangenheit einholt. Eine junge Frau behauptet, Jahre zuvor auf einer Party in Kyles Apartment vergewaltigt worden zu sein. Kyle weiß, dass diese Anklage seine Zukunft zerstören kann. Und er trifft eine Entscheidung, für die er mit allem brechen muss, was bisher sein Leben bestimmt hat.

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E-Book-Leseprobe Der Anwalt - John Grisham

JOHNGRISHAM

DER ANWALT

JOHNGRISHAM

DER ANWALT

Roman

Aus dem Amerikanischen vonDr. Bernhard Liesen, Kristiana Dorn-Ruhl,Bea Reiter und Imke Walsh-Araya

Die Originalausgabe erschien unter dem Titel The Associatebei Doubleday, New York.

5. AuflageCopyright © 2009 by Belfry Holdings, Inc.Copyright © 2009 der deutschen Ausgabeby Wilhelm Heyne Verlag, München,in der Verlagsgruppe Random House GmbHLektorat: Oliver NeumannHerstellung: Helga SchörnigSatz: C. Schaber Datentechnik, WelsISBN 978-3-641-11035-2www.heyne.de

Für

Steve Rubin, Suzanne Herz,John Pitts, Alison Rich,Rebecca Holland, John Fontanaund die anderen Mitarbeiterdes Verlages Doubleday

1

Die Statuten der Jugendliga von New Haven sahen vor, dass jeder Basketballspieler bei jedem Spiel mindestens zehn Minuten zum Einsatz kommen sollte. Ausnahmen gab es nur, wenn Spieler ihren Coach verärgerten, indem sie das Training schwänzten oder andere Regeln missachteten. In solchen Fällen verfasste der Coach vor dem Spiel einen Bericht, um den Scorekeeper zu informieren, dass der Spieler soundso wegen einer Regelverletzung nicht lange spielen werde – wenn überhaupt. Die Organisatoren der Jugendliga sahen so etwas nicht gern. Ihnen ging es mehr um die sportliche Betätigung an sich als um den Wettkampfaspekt.

Vier Minuten vor dem Ende des Spiels ließ Coach Kyle McAvoy den Blick über die Jungs auf der Bank schweifen. Dann nickte er einem mürrischen, schmollenden Jungen namens Marquis zu. »Willst du spielen?« Ohne zu antworten, ging Marquis zum Scorekeeper-Tisch und wartete darauf, dass das Spiel durch einen Pfiff unterbrochen wurde. Er hatte sich einiges zuschulden kommen lassen – Training schwänzen, Schule schwänzen, schlechte Noten, Verlust des Trikots, unflätige Ausdrücke. Eigentlich hatte er nach zehn Wochen und fünfzehn Spielen gegen jede Regel verstoßen, die der Trainer seinen Spielern auferlegte. Da Coach Kyle längst klar war, dass sein kleiner Star auch jede neue Vorschrift verletzen würde, hatte er der Versuchung widerstanden, weitere Regeln aufzustellen, und seine Liste sogar zusammengestrichen. Es funktionierte nicht. Der Versuch, die Jugendlichen aus den heruntergekommenen Innenstadtvierteln mit Samthandschuhen anzufassen, hatte dazu geführt, dass die Red Knights in der Winterspielzeit der Liga für bis zu Zwölfjährige auf dem letzten Tabellenplatz standen.

Marquis war erst elf, aber zweifellos der beste Spieler auf dem Platz. Er wollte lieber auf den Korb werfen und punkten, statt zu passen und zu verteidigen. Kaum war er zwei Minuten im Einsatz, da hatte er schon etliche, deutlich größere Abwehrspieler ausgetrickst und sechs Punkte erzielt. Sein Durchschnitt lag bei vierzehn, und hätte man ihn länger als die Hälfte der Matchdauer spielen lassen, wäre er vermutlich auf dreißig gekommen. Er selbst war der Ansicht, in seinem Fall sei Training überflüssig.

Doch trotz dieser One-Man-Show hatten die Red Knights keine Chance. Kyle McAvoy saß schweigend auf der Bank, sah seinem Team zu und wartete darauf, dass es endlich überstanden war. Noch ein Spiel, dann war die Saison vorbei, seine letzte als Basketballcoach. In zwei Jahren hatte er ein Dutzend Spiele gewonnen und zwei Dutzend verloren, und er fragte sich, wie jemand, der bei klarem Verstand war, freiwillig den Job eines Trainers übernehmen konnte, egal in welcher Spielklasse. Du tust es für die Jungs, hatte er sich tausendmal gesagt. Für Jungs, deren Väter verschwunden waren, die kein richtiges Zuhause hatten, ein positives männliches Leitbild brauchten.

Er glaubte immer noch daran, doch nach zwei Jahren hatte er die Nase voll. Er hatte den Babysitter gespielt, mit Eltern gestritten, falls mal welche aufgetaucht waren, sich mit Trainern angelegt, die gemauschelt hatten, und versucht, sich nicht über jugendliche Schiedsrichter zu ärgern, die einen Block nicht von einem Foul unterscheiden konnten. Jetzt war es genug mit dem sozialen Engagement. Zumindest in dieser Stadt.

Er verfolgte das Spiel und wartete auf das Ende. Gelegentlich brüllte er seine Spieler an, wie es von einem Trainer erwartet wurde. Hin und wieder blickte er sich in der fast leeren Sporthalle um, einem betagten Backsteinbau in der Innenstadt von New Haven, wo schon seit fünfzig Jahren Spiele der Jugendliga stattfanden. Auf den Tribünen saßen nur wenige Eltern, die alle darauf warteten, dass es endlich vorbei war. Marquis traf erneut, niemand applaudierte. Noch zwei Minuten, die Red Knights lagen zwölf Punkte zurück.

Am hinteren Ende des Platzes, direkt unter der altertümlichen Anzeigetafel, trat ein Mann in die Halle und lehnte sich an eine verschiebbare Tribüne. Er fiel Kyle auf, weil er weiß war – in beiden Mannschaften gab es keine weißen Spieler. Auch seine Kleidung war ungewöhnlich. Schwarzer oder dunkelblauer Anzug. Weißes Hemd mit weinroter Krawatte. Und ein Trenchcoat, der an einen FBI-Beamten oder Detective denken ließ.

Es war Zufall, dass Kyle ihn eintreten sah. Ihm ging der Gedanke durch den Kopf, dass der Mann hier deplatziert wirkte. Wahrscheinlich irgendein Cop, vielleicht von der Drogenfahndung, der einen Dealer suchte. Es wäre nicht das erste Mal gewesen, dass einer in oder vor der Sporthalle festgenommen wurde.

Der an der Tribüne lehnende Mann warf einen langen, misstrauischen Blick auf die Bank der Red Knights, dann fasste er ihren Coach ins Auge. Kyle starrte den Fremden für einen Moment an, und plötzlich wurde ihm unbehaglich zumute. Marquis wagte einen Wurf fast von der Mittellinie und traf nicht einmal den Ring. Kyle sprang auf und spreizte verzweifelt die Hände, als wollte er »Warum?« fragen. Ohne ihn eines Blickes zu würdigen, schlurfte Marquis in die Verteidigung zurück. Kurz darauf wurde die Uhr wegen eines dummen Fouls angehalten. Das Elend wollte kein Ende nehmen. Kyle beobachtete den Freiwurfschützen, dann glitten seine Augen erneut zu dem Mann in dem Trenchcoat, der jenseits des Werfers stand und sich nicht für das Spiel, sondern allein für ihn zu interessieren schien.

Einem fünfundzwanzigjährigen Jurastudenten ohne Vorstrafen und illegale Angewohnheiten oder Neigungen hätte die Anwesenheit eines offensichtlich irgendeiner Strafverfolgungsbehörde angehörenden Mannes eigentlich herzlich egal sein können. Bei Kyle McAvoy verhielt es sich anders. Streifen- oder Staatspolizisten beunruhigten ihn nicht besonders. Sie wurden dafür bezahlt, dass sie reagierten, wenn etwas passiert war. Doch Männer in dunklen Anzügen, FBI-Beamte und andere Ermittler, deren Job es war, tief zu schürfen und Geheimnisse zu entdecken, beunruhigten ihn.

Noch dreißig Sekunden. Marquis legte sich mit einem Schiedsrichter an. Vor zwei Wochen hatte er einem Unparteiischen einen obszönen Fluch an den Kopf geworfen und war für ein Spiel gesperrt worden. Coach Kyle schrie seinen Star an, doch der schien einmal mehr taub zu sein. Dann ließ Kyle den Blick durch die Halle schweifen, um zu sehen, ob der Agent/Cop einen Begleiter mitgebracht hatte. Er sah keinen.

Das nächste dumme Foul. Kyle rief dem Schiedsrichter zu, er solle es doch einfach durchgehen lassen. Er nahm wieder Platz und wischte sich den Schweiß ab. Es war Anfang Februar, und wie immer war es in der Halle auch heute ziemlich kühl.

Warum also schwitzte er?

Der Agent/Cop hatte sich nicht vom Fleck gerührt. Ihm schien es Spaß zu machen, Kyle unverwandt anzustarren.

Endlich ertönte das altmodische Horn, das Schlusssignal. Gott sei Dank, es war überstanden. Eine Mannschaft jubelte, der anderen war’s egal. Die Spieler versammelten sich an der Mittellinie für die obligatorischen High fives und beglückwünschten sich zu dem guten Spiel. Ein sinnloses Ritual, ob für Zwölfjährige oder Spieler eines Collegeteams. Während Kyle dem gegnerischen Trainer gratulierte, warf er einen Blick zur Tribüne hinüber. Der Mann in dem Trenchcoat war verschwunden.

Wie wahrscheinlich war es, dass er draußen wartete? Natürlich, das war paranoid, doch mittlerweile lebte Kyle schon so lange mit dieser Paranoia, dass er sie sich eingestanden hatte und damit klarzukommen versuchte.

Kurz darauf war er bei seinen Jungs im engen Umkleideraum der Gastmannschaft, der sich unter der altersschwachen Tribüne befand. Er sagte all die richtigen Dinge – ihr habt euch Mühe gegeben, guter Einsatz, manche Spielzüge haben besser geklappt, lasst uns am Samstag einen coolen Saisonabschluss hinlegen. Die Jungs zogen sich um und hörten kaum hin. Sie hatten genug vom Basketball, weil sie keine Lust mehr hatten, ständig zu verlieren, und die Schuld daran trug natürlich der Trainer. Er war zu jung, zu weiß und zu sehr der typische Student einer Eliteuni.

Die paar Eltern, die aufgekreuzt waren, warteten vor der Tür, und wenn Kyle an diesem sozialen Engagement etwas hasste, dann die angespannten Momente, die folgten, wenn er mit seinen Jungs aus der Kabine trat. Wie immer würden die üblichen Beschwerden darüber folgen, wer wann und wie lange zum Einsatz gekommen war. Marquis hatte einen zweiundzwanzigjährigen Onkel, der früher auf nationaler Ebene Basketball gespielt hatte. Er war ein Großmaul und nörgelte ständig herum, dass Coach Kyle den »besten Spieler dieser Liga« ungerecht behandele.

Vom Umkleideraum führte eine zweite Tür in einen dunklen, engen Gang, der unter der Tribüne der Fans der Heimmannschaft verlief. Am anderen Ende befand sich ein Ausgang, durch den man in eine Seitengasse trat. Kyle war nicht der erste Coach, der diesen Fluchtweg entdeckt hatte, und an diesem Abend wollte er nicht nur den lamentierenden Eltern seiner Schützlinge, sondern auch dem Mann im Trenchcoat ausweichen. Er verabschiedete sich von seinen Jungs, und als die den Umkleideraum verließen, verschwand er durch die andere Tür. Kurz darauf stand er in der Seitengasse. Es hatte stark geschneit, und er eilte den vereisten, kaum passierbaren Gehsteig hinab. Die Temperatur lag irgendwo unter null. Es war halb neun an diesem Mittwochabend, und sein Ziel war die Redaktion der Zeitschrift der Yale Law School, wo er mindestens bis Mitternacht arbeiten wollte.

Er schaffte es nicht.

Der Agent/Cop lehnte am Kühler eines am Straßenrand geparkten roten Jeep Cherokee. Zugelassen war das Fahrzeug auf einen John McAvoy, wohnhaft in York, Pennsylvania, doch während der letzten sechs Jahre war es der treue Begleiter von dessen Sohn Kyle gewesen, dem eigentlichen Besitzer.

Obwohl seine Füße bleischwer schienen und seine Knie nachzugeben drohten, schaffte es Kyle irgendwie, weiterzugehen, als wäre alles in Ordnung. Er versuchte, einen kühlen Kopf zu bewahren. Sie haben nicht nur mich gefunden, dachte er, sondern auch meinen Jeep. Dafür musste man bestimmt nicht übermäßig gründlich recherchieren, aber sie hatten ihre Hausaufgaben gemacht. Ich habe nichts Unrechtes getan, sagte er sich wieder und wieder.

»Nervenaufreibendes Spiel, Coach«, sagte der Mann, als Kyle noch etwa drei Meter entfernt war und den Schritt verlangsamte.

Er blieb stehen und betrachtete den dicken jungen Mann, der ihn in der Sporthalle beobachtet hatte. Er hatte rote Wangen, rotes Haar und eine Ponyfrisur. »Kann ich Ihnen helfen?«, fragte er. In diesem Moment sah er Nr. 2 über die Straße kommen. Sie arbeiteten immer zu zweit.

»Das hoffe ich«, erwiderte Nr. 1, während er eine Brieftasche hervorzog und sie aufklappte. »Bob Plant, FBI.«

»Ist mir ein Vergnügen«, sagte Kyle, der unwillkürlich zusammenzuckte. Plötzlich war ihm sehr mulmig zumute.

Nr. 2 trat zu ihnen. Er war zehn Jahre älter als sein Kollege, deutlich schlanker und an den Schläfen ergraut. Lässig zog er eine Dienstmarke aus der Tasche und wiederholte das einstudierte Ritual, das Plant gerade vorgeführt hatte. »Nelson Ginyard, FBI.«

Bob und Nelson. Beide irischer Abstammung. Beide aus der Gegend, aus dem Nordosten.

»Kommt noch jemand?«, fragte Kyle.

»Nein. Haben Sie eine Minute für uns?«

»Eigentlich nicht.«

»Vielleicht sollten Sie sich die Zeit nehmen«, sagte Ginyard. »Wir könnten sie produktiv nutzen.«

»Das bezweifle ich.«

»Wenn Sie wegfahren, folgen wir Ihnen.« Plant stieß sich von dem Kühler ab und trat einen Schritt vor. »Sie wollen doch nicht, dass wir Ihnen in der Uni einen Besuch abstatten, oder?«

»Drohen Sie mir?«, fragte Kyle. Wieder brach ihm der Schweiß aus, diesmal unter den Armen, und trotz der schneidenden Kälte spürte er zwei Tropfen an seinen Rippen herabrinnen.

»Noch nicht«, antwortete Plant grinsend.

»Trinken wir einen Kaffee, dauert nur zehn Minuten«, sagte Ginyard. »Um die Ecke ist ein Deli, wo man Sandwiches bekommt. Da ist es bestimmt wärmer.«

»Brauche ich einen Anwalt?«

»Nein.«

»Das sagen Leute wie Sie immer. Mein Vater ist Anwalt, ich bin in seiner Kanzlei aufgewachsen. Ich kenne Ihre Tricks.«

»Keine Tricks, Mr McAvoy, versprochen«, entgegnete Ginyard. Es klang aufrichtig. »Wie gesagt, nur zehn Minuten. Sie werden es nicht bereuen.«

»Worum geht’s?«

»Nur zehn Minuten. Um mehr bitten wir Sie nicht.«

»Geben Sie mir einen Anhaltspunkt, worum es geht. Sonst lautet die Antwort nein.«

Die beiden FBI-Beamten blickten sich an und zuckten die Achseln. Warum nicht? Früher oder später müssen wir es ihm sowieso sagen. Ginyard wandte den Blick ab und schaute die Straße hinunter. »Duquesne University. Vor fünf Jahren. Betrunkene Jungs von einer Studentenverbindung und ein Mädchen.«

Kyles Körper und Verstand reagierten unterschiedlich. Seine Schultern sackten herab, die Beine knickten etwas ein, ein leises Ächzen entfuhr ihm. Aber sein Verstand wehrte sich sofort. »Blödsinn.« Er spuckte auf den Gehweg. »Das habe ich längst hinter mir. Es ist nichts passiert, und Sie wissen das.«

Für einen langen Augenblick herrschte Schweigen. Ginyard starrte weiter die Straße hinab, während Plant Kyle beobachtete. In dessen Kopf jagten sich die Gedanken. Warum wurde das FBI bei einem vermeintlichen Verbrechen aktiv, für das die Strafverfolgungsbehörden des Bundesstaates zuständig gewesen wären? Im zweiten Jahr seines Jurastudiums waren in einem Seminar auch die neuen Gesetze hinsichtlich von Verhören durch das FBI zur Sprache gekommen. Heutzutage war es strafbar, einen FBI-Beamten in einer solchen Situation anzulügen. Sollte er gar nichts sagen? Seinen Vater anrufen? Nein, das auf keinen Fall.

Ginyard drehte sich um, trat drei Schritte näher, biss wie ein schlechter Schauspieler die Zähne zusammen und gab den harten Bullen. »Kommen wir zur Sache, Mr McAvoy, mir ist saukalt. In Pittsburgh liegt eine Anklageschrift wegen Vergewaltigung. Sie können natürlich den abgebrühten Klugscheißer spielen. Den brillanten Jurastudenten, der sich eiligst einen Anwalt besorgt. Oder seinen Daddy anruft. Wenn Sie eines von beidem tun, wird morgen Anklage erhoben. Dann sitzen Sie in der Scheiße und können sich Ihre Zukunftspläne abschminken. Wenn Sie uns dagegen jetzt in dem Laden um die Ecke zehn Minuten Ihrer wertvollen Zeit widmen, wird noch nicht formell Anklage erhoben. Vielleicht wird die Sache sogar ganz fallengelassen.«

»Und Sie kommen davon«, ergänzte Plant.

»Warum sollte ich Ihnen vertrauen?« Kyles Mund war völlig ausgetrocknet.

»Zehn Minuten.«

»Haben Sie ein Aufnahmegerät dabei?«

»Selbstverständlich.«

»Es liegt auf dem Tisch, okay? Ich will, dass jedes Wort mitgeschnitten wird. Ich vertraue Ihnen nicht.«

»Uns soll’s recht sein.«

Die beiden schoben die Hände tief in die Taschen ihrer identischen Trenchcoats und stapften los. Kyle schloss den Jeep auf und stieg ein. Nachdem er den Motor angelassen hatte, drehte er die Heizung auf Maximum und dachte darüber nach, ob er abhauen sollte.

2

Das »Buster’s Deli« war ein langer, schmaler Schlauch mit Nischen auf der rechten Seite, deren Bänke mit rotem Vinyl bezogen waren. Auf der linken Seite befand sich die Bar, hinten gab es einen Grill hinter einer Theke und eine Reihe von Flippern. An den Wänden hingen, wahllos durcheinandergeworfen, Fotos und Erinnerungsstücke, die alle mit Yale zu tun hatten. Während seines ersten Jahres an der juristischen Fakultät hatte Kyle hier einige Male gegessen, doch das war etliche Monate her.

Die hinteren beiden Nischen wurden vom FBI professionell gesichert. Am letzten Tisch stand ein weiterer Typ im Trenchcoat, der mit Ginyard und Plant plauderte. Als Kyle langsam näher kam, begrüßte ihn Nr. 3 mit dem Standardgrinsen, bevor er in der Nische daneben Platz nahm, wo Nr. 4 bereits bei einer Tasse Kaffee saß. Plant und Ginyard hatten Sandwiches mit Pommes frites und Gurken bestellt, aber nichts davon angerührt. Der Tisch war mit Essen und Kaffeebechern vollgestellt. Plant erhob sich und wechselte auf die gegenüberliegende Bank, damit er gemeinsam mit seinem Kollegen das Opfer beobachten konnte. Sie saßen Schulter an Schulter, noch immer in ihren Trenchcoats. Kyle setzte sich.

Die Beleuchtung war schlecht, die hintere Ecke des Deli fast finster. Der Lärm der Flipper mischte sich mit dem einer Sportübertragung auf ESPN, die auf einem Flachbildschirm hinter der Bar lief.

Kyle wies mit einer Kopfbewegung auf die Nische hinter sich. »Für so was braucht man vier Männer?«

»Das sind nur die, die Sie sehen«, erwiderte Ginyard.

»Möchten Sie ein Sandwich?«, fragte Plant.

»Nein.« Vor einer Stunde hatte Kyle sich halb verhungert gefühlt. Jetzt schienen sein Körper, sein Nervensystem und seine Verdauungsorgane kurz vor dem Kollaps zu stehen. Während er verzweifelt den Anschein zu erwecken versuchte, als machte ihm die ganze Geschichte nichts aus, bemühte er sich, normal und ruhig zu atmen. Er zog einen billigen Stift und eine Karteikarte aus der Tasche und nahm alle Kraft zusammen. »Ich würde Ihre Dienstmarken gern nochmal sehen.«

Ginyards und Plants Reaktion war identisch – sie starrten ihn ungläubig und beleidigt an. Dann zogen sie ihren wertvollsten Besitz langsam hervor. Als die beiden Lederetuis auf dem Tisch lagen, griff Kyle zuerst nach dem Ginyards. Er notierte den vollen Namen – Nelson Edward Ginyard –, dann die Agentennummer. Die Hand zitterte, seine Finger umklammerten den Stift krampfhaft. Er hoffte, dass es den beiden nicht auffiel. Nachdem er alles gewissenhaft aufgeschrieben hatte, rieb er über die Dienstmarke aus Messing, ohne zu wissen, warum. Trotzdem ließ er sich Zeit. »Könnte ich irgendein Dokument mit Foto sehen?«, fragte er schließlich.

»Was zum Teufel soll das?«, knurrte Ginyard.

»Ein Dokument mit Foto, bitte.«

»Nein.«

»Ich rede erst, wenn das erledigt ist. Zeigen Sie mir Ihren Führerschein. Meinen können Sie auch sehen.«

»Davon haben wir längst eine Kopie.«

»Spielt keine Rolle. Ich will Ihren sehen.«

Ginyard rollte die Augen, zauberte eine abgestoßene Brieftasche hervor und zog einen Führerschein aus Connecticut heraus. Nachdem Kyle das Foto betrachtet hatte, notierte er Ginyards Geburtsdatum und Autokennzeichen. »Das Bild ist schlimmer als ein Passfoto.«

Ginyard warf ein Farbfoto auf den Tisch. »Interessieren Sie sich auch für meine Frau und meine Kinder?«

»Nein danke. Von welcher Dienststelle kommen Sie?«

»Hartford.« Ginyard wies mit einer Kopfbewegung auf die nächste Nische. »Die beiden sind aus Pittsburgh.«

»Schön für sie.«

Nachdem Kyle die Prozedur mit Plants Dienstmarke und Führerschein wiederholt hatte, griff er nach seinem Mobiltelefon und begann, Tasten zu drücken.

»Was haben Sie vor?«, fragte Ginyard.

»Ich gehe online, um Sie zu überprüfen.«

»Sie glauben, Sie finden uns auf einer netten kleinen FBI-Website?«, fragte Plant, der für einen kurzen Moment wütend wirkte. Doch beide schienen eher belustigt zu sein. Sorgen machten sie sich ganz offensichtlich nicht.

»Ich weiß, welche Seite ich aufrufen muss«, sagte Kyle, während er die Adresse einer wenig bekannten Website der Sicherheitsbehörden eingab.

»Sie werden uns nicht finden«, bemerkte Ginyard.

»Eine Minute, dann wissen wir’s. Wo ist das Aufnahmegerät?«

Plant zog einen schlanken Digitalrekorder von der Größe einer elektrischen Zahnbürste hervor und schaltete ihn ein.

»Bitte nennen Sie jetzt das Datum, die Zeit und den Ort«, sagte Kyle mit einem Selbstvertrauen, das ihn selbst überraschte. »Und halten Sie bitte auch fest, dass die Befragung noch nicht begonnen hat und dass bis jetzt keine Aussagen gemacht wurden.«

»Ja, Sir«, sagte Plant. »Ich liebe Jurastudenten.«

»Sie sehen zu viel fern«, fügte Ginyard hinzu.

»Machen Sie schon.«

Plant platzierte den Rekorder in der Mitte des Tisches, zwischen kaltem Rindfleisch und Cheddarkäse auf der einen und geräuchertem Thunfisch auf der anderen Seite. Dann nahm er die Angaben auf, um die Kyle gebeten hatte. Der blickte auf sein Mobiltelefon, und als die Website erschien, gab er den Namen Nelson Edward Ginyard ein. Wieder vergingen ein paar Sekunden. Niemand war überrascht, als sich herausstellte, dass Ginyard tatsächlich für das FBI in Hartford arbeitete. »Wollen Sie es sehen?«, fragte Kyle und drehte das Display in Ginyards Richtung.

»Glückwunsch«, sagte Ginyard. »Jetzt zufrieden?«

»Nein. Mir wäre es lieber, wenn ich nicht hier sein müsste.«

»Sie können jederzeit gehen«, meinte Plant.

Kyle blickte auf die Uhr. »Sie haben mich um zehn Minuten gebeten.«

Die beiden FBI-Beamten beugten sich vor, auf die Ellbogen gestützt, und plötzlich wirkte die Nische kleiner. »Erinnern Sie sich an einen Bennie Wright, Chefermittler für Sexualdelikte beim Pittsburgh Police Department?« Die Frage kam von Ginyard, doch beide starrten Kyle an, damit ihnen auch nicht das kleinste nervöse Zucken seiner Augenlider entging.

»Nein.«

»Sie sind ihm vor fünf Jahren, als die Untersuchung lief, nicht begegnet?«

»Ich kann mich nicht an einen Bennie Wright erinnern. Möglicherweise irre ich mich, aber der Name sagt mir nichts. Immerhin sind fünf Jahre vergangen seit diesem Ereignis, das es nie gegeben hat.«

Während sie das langsam verarbeiteten, blickten ihm die beiden weiter unverwandt in die Augen. Kyle hatte das Gefühl, als hätten sie ihn am liebsten offen der Lüge bezichtigt.

»Detective Wright ist in der Stadt«, sagte Ginyard stattdessen. »Er würde Sie gern in etwa einer Stunde sehen.«

»Das nächste Treffen?«

»Wenn’s Ihnen nichts ausmacht. Es wird nicht lange dauern, und Sie haben eine gute Chance, der Anklageerhebung zu entgehen.«

»Anklage weshalb?«

»Vergewaltigung.«

»Es hat keine Vergewaltigung gegeben. Das hat die Polizei von Pittsburgh vor fünf Jahren festgestellt.«

»Sieht so aus, als wäre das Mädchen wieder aufgetaucht«, sagte Ginyard. »Sie hat sich einer langen Therapie unterzogen und ihr Leben in Ordnung gebracht. Aber das Beste kommt noch: Sie hat jetzt eine Anwältin.«

Da Ginyard abbrach, ohne eine Frage zu stellen, musste Kyle nicht antworten. Trotzdem konnte er nicht verhindern, dass er ein bisschen in sich zusammensackte. Er blickte zur Theke mit den unbesetzten Barhockern hinüber. Auf dem Flachbildschirm lief ein Spiel zwischen zwei Collegemannschaften, auf den Tribünen drängten sich schreiende Studenten. Er fragte sich, warum er hier saß.

Rede weiter, dachte er. Ohne etwas zu sagen.

»Darf ich eine Frage stellen?«

»Natürlich.«

»Wenn Anklage erhoben wird, wie kann ich ihr dann entgehen?«

»Aufgrund einer gerichtlichen Verfügung ist die Sache noch unter Verschluss«, antwortete Ginyard. »Laut Detective Wright will Ihnen der Staatsanwalt eine außergerichtliche Einigung anbieten, die der Rechtsbeistand des Opfers ausgebrütet hat. Einen Deal, durch den Sie die Chance bekommen, diesen ganzen Schlamassel hinter sich zu lassen. Wenn Sie mitspielen, wird die Anklage gegen Sie nie das Licht der Welt erblicken.«

»Ich bin trotzdem verwirrt. Vielleicht sollte ich meinen Vater anrufen.«

»Das ist Ihre Sache, aber wenn Sie clever sind, warten Sie damit, bis Sie mit Detective Wright gesprochen haben.«

»Sie haben mich nicht über meine Rechte informiert.«

»Dies ist kein Verhör«, sagte Plant nach kurzem Zögern. »Und keine offizielle Untersuchung.« Er griff zu dem Sandwich mit dem geräucherten Thunfisch und pickte sich ein öliges Stück Fisch heraus.

»Was zum Teufel ist es dann?«

»Ein Treffen.«

Ginyard räusperte sich und lehnte sich zurück. »Wir alle wissen, dass für dieses Delikt die Polizei des Bundesstaats zuständig ist. Normalerweise hätten wir nichts damit zu tun, aber da Sie hier in Connecticut leben und die Anklage in Pennsylvania erhoben werden soll, haben die Jungs aus Pittsburgh uns gebeten, das Treffen zu arrangieren. Danach ist unser Job getan.«

»Ich bin immer noch etwas verwirrt.«

»Ach kommen Sie. Ein cleverer Jurastudent wie Sie. So dumm können Sie nicht sein.«

Es entstand eine lange Pause, während alle drei ihren nächsten Schritt erwogen. Plant mampfte sein zweites Stück Thunfisch, ohne den Blick von Kyle abzuwenden. Ginyard trank einen Schluck Kaffee, verzog das Gesicht, weil er nicht schmeckte, behielt Kyle aber ebenso aufmerksam im Auge. Die Flipper waren verstummt. Mittlerweile waren nur noch er und die vier FBI-Beamten in dem Lokal. Und der Barkeeper, der ganz von der Sportübertragung in Anspruch genommen war.

Schließlich lehnte sich Kyle, auf die Ellbogen gestützt, vor, bis sein Kopf nur noch wenige Zentimeter von dem Rekorder entfernt war. »Es hat keine Vergewaltigung gegeben«, sagte er. »Kein Verbrechen. Ich habe nichts Unrechtes getan.«

»Prima, erzählen Sie das Wright.«

»Wo ist er?«

»Er erwartet Sie um zehn im Holiday Inn an der Saw Mill Road. Zimmer 222.«

»Das ist keine gute Idee. Ich brauche einen Anwalt.«

»Vielleicht, vielleicht auch nicht.« Ginyard beugte sich so weit vor, dass ihre Gesichter nur noch dreißig Zentimeter voneinander entfernt waren. »Hören Sie, ich weiß, dass Sie uns nicht trauen. Aber bitte glauben Sie uns wenigstens, dass Sie erst mit Wright reden sollten, bevor Sie sich an jemand anders wenden. Mein Gott, einen Anwalt oder Ihren Vater können Sie auch noch um Mitternacht anrufen. Oder morgen. Wenn Sie jetzt vorschnell reagieren, könnte das katastrophale Folgen haben.«

»Ich gehe. Das Gespräch ist beendet. Schalten Sie das Aufnahmegerät ab.«

Keiner machte Anstalten, auf den Knopf des Rekorders zu drücken. Kyle beugte sich hinab und sagte sehr deutlich: »Hier spricht Kyle McAvoy. Wir haben jetzt zwanzig Uhr fünfzig. Ich habe nichts mehr zu sagen. Ich habe keine Aussage gemacht und verlasse jetzt das ›Buster’s Deli‹.« Er rutschte auf der Bank zur Seite, um die Nische zu verlassen.

Da platzte es aus Plant heraus. »Er hat das Video.«

Ein Tritt in die Genitalien wäre nicht effektiver gewesen. Kyle klammerte sich an dem roten Vinylbezug fest, und es sah so aus, als könnte er das Bewusstsein verlieren. Langsam ließ er sich auf die Bank sinken. Dann griff er vorsichtig nach einem Plastikbecher und trank einen großen Schluck Wasser. Seine Lippen und seine Zunge waren trocken, und das Wasser änderte daran kaum etwas.

Das Video. Ein anderes Mitglied der Studentenverbindung, einer der Betrunkenen auf der kleinen Party, hatte angeblich mit der Handykamera gefilmt. Es hieß, es gebe Bilder des Mädchens, das nackt auf dem Sofa liege, zu betrunken, um sich zu rühren. Davor drei oder vier Studenten, ebenfalls nackt oder dabei, sich auszuziehen. Kyle erinnerte sich vage an die Situation, hatte das Video jedoch nie gesehen. Bei Beta, der Studentenverbindung, hieß es, es sei vernichtet worden. Die Polizei in Pittsburgh hatte es gesucht, aber nicht gefunden. Es war verschwunden, vergessen, tief vergraben im letzten Winkel der Erinnerung der Beteiligten.

Plant und Ginyard hatten sich erneut simultan vorgebeugt, auf die Ellbogen gestützt, und starrten ihn mit durchdringenden Blicken an.

»Was für ein Video?«, brachte Kyle mühsam hervor, doch es klang so gezwungen und wenig überzeugend, dass er es sich selbst nicht abnahm.

»Das Video, das Sie und Ihre Kumpels vor den Cops versteckt haben«, antwortete Plant, dessen Lippen sich kaum bewegten. »Das Video, das Sie am Ort des Verbrechens zeigt. Das Video, das Ihr Leben ruinieren und Sie für zwanzig Jahre hinter Gitter bringen wird.«

Ach, das Video.

»Ich habe keine Ahnung, wovon Sie reden.« Erneut trank Kyle einen Schluck Wasser. Übelkeit überkam ihn, und er glaubte, sich übergeben zu müssen.

»Ich denke, schon«, sagte Ginyard.

»Haben Sie dieses Video gesehen?«, fragte Kyle.

Die beiden nickten.

»Dann wissen Sie, dass ich das Mädchen nicht angerührt habe.«

»Vielleicht, vielleicht auch nicht«, antwortete Ginyard. »Aber Sie waren da. Sie haben sich der Beihilfe schuldig gemacht.«

Um zu verhindern, dass er sich übergeben musste, schloss Kyle die Augen und rieb sich die Schläfen. Das Mädchen war ein wildes kleines Luder gewesen, das mehr Zeit im Haus von Beta als in seinem Zimmer im Studentenwohnheim verbracht hatte. Ein Groupie, das sich jedem an den Hals warf, keine Party ausließ und massenhaft Geld von einem reichen Daddy zugesteckt bekam. Die Beta-Mitglieder reichten sie herum. Als sie behauptete, vergewaltigt worden zu sein, beteuerten alle ihre Unschuld. Da sich die Aussage des Mädchens in den Einzelheiten als unzuverlässig erwies, gaben die Cops irgendwann auf. Es wurde nie Anklage erhoben. Später verließ sie die Duquesne University und verschwand glücklicherweise spurlos. Das große Wunder war, dass die unschöne kleine Episode wirklich komplett begraben wurde. Weitere Leben wurden nicht zerstört.

»In der Anklageschrift werden Sie und drei andere erwähnt«, sagte Ginyard.

»Es hat keine Vergewaltigung gegeben.« Kyle rieb sich noch immer die Schläfen. »Ich versichere Ihnen, wenn sie Sex hatte, hat sie es freiwillig getan.«

»Nicht, wenn sie bewusstlos war«, erwiderte Ginyard.

»Wir sind nicht hier, um uns mit Ihnen zu streiten«, warf Plant ein. »Dafür gibt es Anwälte. Wir sind hier, um zu einer Einigung beizutragen. Wenn Sie mitspielen, verschwindet das Problem. Zumindest soweit es Sie betrifft.«

»Was für eine Einigung?«

»Dafür ist Detective Wright zuständig.«

Kyle lehnte sich langsam zurück und legte den Kopf an das rote Kunststoffpolster in seinem Rücken. Er wollte betteln, flehen, ihnen erklären, wie unfair das alles sei, er stehe kurz vor dem Examen und der Anwaltszulassung. Kurz vor dem Beginn einer steilen Kartiere. Seine Zukunft war vielversprechend. Er hatte eine weiße Weste. Fast.

Aber das wussten sie bereits, oder? Er blickte auf den Rekorder und beschloss, den beiden gegenüber nichts mehr zu sagen. »In Ordnung. Ich gehe hin.«

Ginyard beugte sich noch weiter vor. »Ihnen bleibt noch eine Stunde. Wenn Sie telefonieren, bekommen wir das mit. Und wenn Sie abhauen, folgen wir Ihnen. Keine Dummheiten, McAvoy. Sie haben die richtige Entscheidung getroffen, das versichere ich Ihnen. Bleiben Sie dabei, dann sind Sie das Problem bald los.«

»Ich glaube Ihnen nicht.«

»Sie werden sehen.«

Kyle ließ sie vor ihrem bitteren Kaffee und den kalten Sandwiches sitzen. Er schaffte es zu seinem Jeep und fuhr zu seiner Wohnung, die drei Straßenecken vom Campus entfernt lag. Im Bad seines Mitbewohners fand er eine Valium-Tablette. Er schloss sich in seinem Zimmer ein, schaltete das Licht aus und streckte sich auf dem Fußboden aus.

3

Das Holiday Inn stammte aus den Sechzigern, einer Zeit, als an Highways und Durchgangsstraßen Hotels großer Ketten, Motels und Filialen von Fastfood-Riesen wie Pilze aus dem Boden geschossen waren. Kyle war hundertmal an dem Holiday Inn vorbeigekommen, ohne es bewusst wahrzunehmen. Dahinter befand sich ein Pancake-Restaurant, nebenan die Niederlassung eines großen Discounters für Haushaltsgeräte.

Der Parkplatz war schlecht beleuchtet und etwa zu einem Drittel voll. Er parkte den roten Jeep rückwärts neben einem Minivan aus Indiana ein und schaltete die Scheinwerfer aus, ließ den Motor aber laufen, damit die Heizung weiter funktionierte. Es schneite leicht. Warum gab es keinen Schneesturm, keine Flut, kein Erdbeben, keine Invasion, damit dieser Alptraum ein Ende fand? Warum ließ er sich wie ein Schlafwandler auf ihren kleinen Plan ein?

Das Video.

Während der vergangenen Stunde hatte er daran gedacht, seinen Vater anzurufen, aber dieses Gespräch hätte sich zu sehr in die Länge gezogen. Zwar hätte John McAvoy ihm sofort mit soliden juristischen Ratschlägen beigestanden, doch die Geschichte, die er ihm hätte erzählen müssen, war zu kompliziert. Also hatte er erwogen, sich bei Professor Bart Mallory zu melden, der sein Studienberater, Freund und ein brillanter akademischer Lehrer und Strafrechtsexperte war, zudem ehemaliger Richter, der bestimmt genau gewusst hätte, was zu tun war. Doch auch ihm hätte er zu viel über die Episode aus seiner Vergangenheit erzählen müssen, und dafür blieb keine Zeit. Schließlich hatte er darüber nachgedacht, zwei Beta-Freunde anzurufen, aber was hätte er sich davon versprechen können? Ihre Ratschläge wären vermutlich so wenig tragfähig gewesen wie die Strategien, die ihm durch den Kopf gingen. Es war sinnlos, auch noch ihre Karrieren zu gefährden. Und dann hatte er, von Entsetzen gepackt, überlegt, wie er das Weite suchen konnte. So schnell wie möglich zum Flughafen fahren. Zum Busbahnhof. Oder zu einer hohen Brücke, um hinunterzuspringen.

Aber sie observierten ihn vermutlich. Hörten seine Telefonate ab. Irgendjemand behielt ihn in genau diesem Moment im Auge, da war er sicher. Vielleicht saßen in dem Minivan aus Indiana zwei Männer mit Headsets und Nachtsichtgeräten, denen es einen Riesenspaß machte, ihn zu beobachten und das Geld der Steuerzahler zu verbraten.

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