Das Gartenfest - Urs Scheidegger - E-Book

Das Gartenfest E-Book

Urs Scheidegger

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Beschreibung

Die Geschichte handelt von einer typischen Schweizer Familie, die den Leser wahrscheinlich manchmal auch an seine eigene erinnern wird. Alle Familienmitglieder sind allerdings frei erfunden. Es kommen vor die Guten und die Bösen und die Lauten und die Schweigenden und die Helfenden und die Tröstenden und die Streitschlichtenden und die Liebenden und die Hassenden und die Fragwürdigen. Wie das halt so ist in einer Familie, man mag sich, vielleicht auch nicht, man achtet sich, vielleicht auch nur der Form halber, man streitet, findet sich wieder und trinkt zusammen ein Glas Wein. Die Welt der Familie ist bunt und zuweilen auch undurchsichtig oder gar böse. So wie die Familie Berger in diesem Buch. Ein abwechslungsreiches, spannendes, unterhaltsames Lesevergnügen für jedermann.

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Seitenzahl: 134

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Das Gartenfest

TitelDas GartenfestTitel - 1Das Gartenfest - 1Die GrillpartyTitel - 2Noch ein GartenfestFest steht gar nichts

Das Gartenfest - Familiengeschichte

Der Autor

Geboren 1946. Ausbildung zum Bankkaufmann. Sechs Monate Südamerika. Eineinhalb Jahre Brüssel. Drei Jahre New York City. Zehn Monate Weltreise. Über siebzig Länder besucht. Weiterbildung zum Reisefachmann und zum Erwachsenenbildner. Geschäftsführer Reisebüro und Product Manager Touroperating. IATA/UFTAA International Travel Consultant. Stv. Schulleiter Reisefachschule. Kursleiter und Dozent an Tourismusfachschule in Zürich. Schreiben, Fotografieren, Lesen, Sport aktiv und passiv sowie individuelles Reisen sind heute seine Leidenschaften. Seine bisher erschienenen Bücher sind auf den letzten Seiten des vorliegenden Buches aufgelistet.

Zum Buch

Die Geschichte handelt von einer typischen Schweizer Familie, die den Leser wahrscheinlich manchmal auch an seine eigene erinnern wird. Alle Familienmitglieder sind allerdings frei erfunden. Es kommen vor die Guten und die Bösen und die Lauten und die Schweigenden und die Helfenden und die Tröstenden und die Streitschlichtenden und die Liebenden und die Hassenden und die Fragwürdigen. Wie das halt so ist in einer Familie, man mag sich, vielleicht auch nicht, man achtet sich, vielleicht auch nur der Form halber, man streitet, findet sich wieder und trinkt zusammen ein Glas Wein. Die Welt der Familie ist bunt und zuweilen auch undurchsichtig oder gar böse. So wie die Familie Berger in diesem Buch.

Ein abwechslungsreiches, spannendes, unterhaltsames Lesevergnügen für jedermann.

Autor: Urs Scheidegger

Copyright:F0D3 2021 Urs Scheidegger

Umschlag und Fotos: Urs Scheidegger

Auflage 2021

Druck und Verlag: epubli GmbH, Berlin,www.epubli.de

Die Familie

Grossvater Kurt Berger, 70, alt Berufsschullehrer

Grossmutter Gisela Berger-Burger, 70, Chemielaborantin

Anja, Tochter, Partnerin von Helmut, 35, Assistentin Uni

Helmut, Partner von Anja, 45, Augenoptiker

Matteo, Sohn von Anja und Helmut, 6, Schüler

Laura, Tochter, Partnerin von Manuel, 38, Bundesbeamtin

Manuel, Partner von Laura, 38, Theologe, Politiker

Max, Götti von Matteo, 67, geschieden, Autoverkäufer

Annemarie, Gotte von Matteo, 65, verwitwet, Logopädin

Kongo, ein schwarzer Retriever, 8, Hund der Grosseltern

Hannes, späterer Gatte von Anja, 45, Cellist, Sozialarbeiter

Weitere Familienmitglieder, Nachbarn, Freunde, Handwerker usw.

Das Gartenfest

Bislang ist die Stimmung unter der Pergola ausgelassen. Der Enkel, Matteo, gerade mal sechs Jahre alt, findet es cool, wieder mal bei seinen Grosseltern zu Besuch zu sein. Hier gibt es nämlich bei sommerlichem Wetter, es ist jetzt Juli und Schulferienzeit, ein Plastikbassin zum Planschen und eine mobile Dusche zum Abkühlen. Und dann bekommt er hier immer seinen Lieblingsapfelsaft und ein Eis. Was ihm aber am besten gefällt, ist seine Wasserpistole, die er mitgebracht hat und mit der er die Anwesenden nass spritzt bis seine Mutter Einhalt gebietet, weil er gerade Manuel, den Freund ihrer Schwester, tropfnass begossen hat. Der mütterliche Einwand nützt nichts, Matteo hat seinen Grossvater entdeckt, sein nächstes Opfer. Und Kongo, der Retriever, der Hund der Grosseltern, kriegt auch noch ein paar Spritzer ab. Natürlich schüttelt er sich danach trocken und nässt die am Tisch Sitzenden. Inzwischen hat Manuel als Retourkutsche einen Luftballon mit Wasser gefüllt und entleert ihn nun von hinten über Matteos Kopf, der vor Überraschung aufschreit und dem Manuel auch gleich zu verstehen gibt, dass er das ungerecht findet. Weinerlich zieht er sich zurück in Mutters Schutzzone. Die besorgte Grossmutter bringt, wie immer in solchen oder ähnlichen Fällen sofort hilfsbereit, ein Badetuch und trocknet den Kleinen gleich auch noch ab. Dazu muss er seine nassen Sachen ausziehen. Splitternackt und trocken wie er jetzt wieder ist, peilt er das Plastikbassin an und füllt seine Wasserpistole erneut. Wer wird wohl jetzt das Ziel seines kindlichen Schabernacks sein?

Die sommerliche Familienzusammenkunft spielt sich ab im üppig grünen Garten des gutbürgerlichen Einfamilienhauses in einer gutschweizerischen Kleinstadt. Die Pergola ist mit Reben behangen. Ein typischer Holztisch im Stil IKEA mit dazu passenden Gartenstühlen stehen im Schatten der Reben auf einem Granitsteinboden. Zu Grossmutters Reich gehört die prächtige Sammlung von Sukkulenten und in intensiven Farben blühenden Kakteen entlang der gartenseitigen Hausmauer. Das Ambiente erinnert fast ein wenig an ein Tessiner Grotto. Es fehlt nur noch eine Tessinerpalme. Auf dem Tisch stehen Boccalini und Gläser für Wein, Bier und Wasser, Getränkeflaschen und Salzgebäck zum Knabbern. Anwesend sind die Grosseltern, ihre beiden Töchter Anja und Laura, Lauras Partner Manuel, Anjas Sohn Matteo; sein Vater Helmut, quasi der Schwiegersohn der Grosseltern, fehlt noch. Es ist eine friedfertige Stimmung, sieht man vom Kindergeschrei ab.

«Wo ist eigentlich dein Helmut?», fragt die Grossmutter ihre jüngere Tochter Anja.

«Er hat gesagt, er würde zeitig hier sein. Ich weiss es nicht, aber ich bin es mich ja gewohnt, dass man nicht immer auf ihn zählen kann.»

«Schon gut, keine Panik, essen tun wir sowieso erst in ein oder zwei Stunden», schwenkt ihren Kopf und bittet Grossvater, doch schon mal eine Flasche gekühlten Weisswein für die Gäste zu holen. «Wir warten nicht auf Helmut! Nimm den Waadtländer!»

Der inzwischen ebenfalls durchnässte Grossvater nickt, fragt aber zuvor Anja: «Was ist denn eigentlich los mit ihm? Schon das letzte Mal, als ich mit ihm zum Joggen abgemacht habe, ist er einfach nicht erschienen und hat sich später auch nicht entschuldigt, als ich nach den Gründen gefragt habe. Er meinte leicht gereizt: «Ach ja, hatten wir abgemacht?»» Etwas leiser und vom Enkel abgewendet murmelt er ihr noch ins Ohr «komischer Kauz» und verschwindet im Haus und kehrt zurück mit einer Flasche Epesses, so wie es seine Frau von ihm gefordert hat. Er ruft in die Runde: «Wer will?»

«Ich, Grossvater», erklingt die helle Stimme des Jungen.

«Warte noch ein paar Jährchen, Pistolero, hier nimm Apfelsaft, sieht fast so aus wie Weisswein», vertröstet ihn Grossvater.

Schlussendlich strecken dem Grossvater alle Erwachsenen ihr Glas zu, auf dass er endlich einschenke. Matteo setzt sich kniend auf den Stuhl, um in etwa auf Augenhöhe mitprosten zu können. Laura möchte gerne wissen, was für Trauben für diesen Wein verwendet werden und schon scheinen alle etwas zu diesem Thema beitragen zu können. Aber nicht alle können eigentlich mitreden. So auch nicht Matteo. Deshalb veranstaltet er einen Höllenlärm, einzig um die Aufmerksamkeit auf sich und auf ein anderes Thema zu ziehen. Laura reagiert sofort und ruft ihm zu: «Mättu, hör auf mit deinem Geschrei, die Erwachsenen reden gerade miteinander, man versteht sein eigenes Wort nicht mehr, wenn du so loslegst!»

«Nenn mich nicht Mättu, ich hasse das, das passt mir gar nicht, ich heisse Matteo und bin in Mailand geboren.»

«Entschuldige, mein kleiner Freund Matteo aus Mailand, sei aber jetzt für ein paar Minuten still.»

Matteo verzieht sich kleinlaut, er hat verstanden. Allerdings nicht für lange. Schon nach ein paar Momenten kommt er mit der mobilen Dusche in den Armen zu den Erwachsenen zurück und fragt, ob jemand den Schlauch an den Wasserhahn anschliessen könne. Er schwitze, er wolle sich abkühlen. Laura erbarmt sich seiner und schliesst den Wasserschlauch an und schon strömt das kühlende Nass aus der Brause. Matteo hat sich unterdessen auf die Abkühlung vorbereitet und sich deswegen erneut seiner Kleider entsorgt, sodass er sich jetzt blutt unter die Dusche stellt. Er juchzt vor Freude. Manuel soll auch unter die Dusche kommen, sagt Matteo, doch der hat keine Badehose dabei. Hilfe naht subito vom Grossvater, der ihm die seine aus dem Haus geholt hat, also kann sich der eher mollige Manuel nicht vor dem Bade drücken. Laura schämt sich nicht und legt bis auf die Unterwäsche alle Kleider ab und gesellt sich zu Matteo und ruft den andern zu: «He, ihr Wasserscheuen, was ist, kommt, macht mit, wir machen eine Wasserschlacht.» Der Grossvater ist ob Lauras Freizügigkeit im ersten Moment ein wenig verdutzt, doch sagt er sich schnell, wir sind ja unter uns, und wie war das noch, als wir und unsere Töchter nackt im Badezimmer gewesen und gar so durch die Wohnung gegangen sind? Normal war das. Nicht gerade so, erinnert er sich, war das in seinen jungen Jahren. Nie hatte er selber seine Eltern in Unterwäsche oder gar nackt gesehen. Wenn sich Vater oder Mutter im Badezimmer frisch machten, war die Zimmertür immer abgeschlossen. Eine hierzulande inzwischen vergangene Zeit der Schamhaftigkeit.

Hyperaktiv wie Matteo nun mal ist, hat er schon nach kurzer Zeit keine Lust mehr, am Wasserspiel teilzuhaben, also ruft er, als ob man bereits darüber geredet hätte: «Will denn niemand Pingpong spielen?» Klar, sagt Manuel, er werde ihm beim Aufstellen des Tischs helfen. Also wird die erste Attraktion des Tages, die Dusche, zur Seite gestellt, um für das Tischtennisspielen Platz zu machen. «Grossvater, ich will mit dir spielen», bittet Matteo ihn in entschiedenem Ton.

«Du, ich weiss nicht, ob ich einen Ball treffen werde, habe nämlich schon ziemlich viel Wein intus.»

«Was bedeutet intus?»

«In mich hineingeleert.»

«Macht nichts, dann kann ich wenigstens gegen dich gewinnen.»

Der Grossvater, Zeit seines Lebens ein sportiver Mann, besiegt natürlich Matteo, obschon er sich Mühe gibt, nachlässig zu spielen, um dem Bub Freude zu bereiten, möglichst viele Punkte einzuheimsen. Urplötzlich kreischt Grossvater ein hohes «Aua» heraus. Was ist geschehen, wollen Matteo und alle andern wissen? Grossvater, der mit blossen Füssen spielt, hat seine grosse Zehe des rechten Fusses blutig aufgeschürft. Schnell ist Grossmutter mit einem Desinfektionsmittel und einem Pflaster dabei, die Wunde zu versorgen. Nach getaner Verarztung kommt von ihr selbstverständlich noch der Rüffel, warum er denn ohne Schuhe auf diesen Steinplatten spiele. Also zieht er jetzt brav Turnschuhe an und spielt weiter. Nach zwei verlorenen Matches beginnt Matteo das Interesse am Tischtennis zu verlieren, in seinem Gesicht zeichnet sich Missmut ab, bis sich Laura zu einem Spiel meldet. «Oh, super», kreischt der Bub, erneut im Hoch, «dich werde ich bezwingen.» In der Tat spielt Laura so schlecht, dass Matteo haushoch gewinnt und nach dem Spiel zu allen Anwesenden rennt, um seinen Erfolg abzuklatschen. Kaum hat er seine Siegerrunde beendet, fragt er seine Mutter, ob er jetzt ein wenig auf dem iPad von Grossmutter spielen dürfe. Mutters Antwort: «Gehts noch?» Mehr Worte braucht es nicht, er hat verstanden.

Ja, ja, was macht man nicht alles, um einem Kind Freude zu bereiten, denkt sich Grossvater. Er ist der Meinung, dass zu viel manchmal wirklich zu viel sein kann. Was hat Blondschopf Matteo nicht schon an Legos erhalten! Und nicht nur das, auch seine Gotte Annemarie, wenn auch weit entfernt in Langnau wohnend, vergöttert ihn und übertreibt es mit ihren Geschenken und Geldgaben. Aber eben, sie hatte kein Glück in der Liebe und eigenen Nachwuchs gab es nicht und so bleibt ihr nur das Verwöhnen ihres Patenkindes. Und, unwichtig für die andern, das Rauchen. Bei Gott, ihren Raucherhusten kann sie nicht verstecken. Matteo hat schon ein paar Mal gefragt, ob sie krank sei, doch wurde ihm immer wieder versichert, dass sie lediglich eine leichte Erkältung hätte. Grossvater findet all das Getue um seinen Enkel doch etwas übertrieben und schweift in seinen Gedanken einmal mehr ab in seine Kindheit. Verwöhnt wird er, anders als wir damals, als es nur zu Weihnachten und zum Geburtstag ein Geschenk gab. Wahrscheinlich ist es bei Matteo anders, weil er ein Einzelkind ist. Und zum Kartoffelsalat gab es für uns Kinder nur ein halbes Schweinswürstchen. Dies weil unsere Eltern aufs Geld achten mussten. Auf Vivi Kola oder Orangina mussten wir lange warten. Diese Getränke durften wir nur dann trinken, wenn wir in einem Restaurant einkehrten, was selten vorkam, oder ausnahmsweise auch zuhause an Festtagen. Heute ist halt alles ein wenig anders. Doch wen interessiert das in unserer Zeit noch? Heutzutage kann man sich, ist man nicht gerade armengenössig, so ziemlich alles zu allen Gelegenheiten und zu jeder Zeit und nicht nur an besonderen Tagen leisten.

Helmut ist immer noch nicht eingetroffen.

Kaum hat sich Grossvater gedanklich in seiner Vergangenheit verloren, holt ihn seine Frau zurück in die Gegenwart. Die Jungmannschaft hat sich fürs Versteckspiel in den Garten und rund ums und ins Haus verzogen, weshalb sie die Gelegenheit wahrnimmt, ihrem Mann eine Frage zu stellen, die ihr Sorgen macht.

«Was denkst du so über deine grosse, hübsche Anja und ihren leidlich attraktiven Helmut? Glaubst du, die haben einander gern?»

«Ich weiss nicht so recht, er, glaube ich, ist in sie verknallt. Er ist immer um sie herum, als müsste er sie beschützen. Anja hingegen scheint mir, in ihren Gefühlen eher zurückhaltend zu sein.»

«So ähnlich sehe ich die Sache auch. Es geht uns zwar nichts an, aber immer dann, wenn wir sie zusammen sehen, habe ich das Gefühl, dass in ihrer Beziehung der Wurm drin ist. Müssen wir uns Sorgen machen?»

«Kaum. Aber er ist schon ein seltsamer Kerl. Er glaubt, immer alles besser zu wissen. Anja hat mir gesagt, er korrigiere sie in fast allem, was sie zusammen tun, so zum Beispiel beim Kochen, bei der Kindererziehung, oder er reklamiert, wenn mal die Wäsche nicht an dem Tag gemacht ist, an den er sich gewohnt ist. Oder er macht ihr kleinliche Vorbehalte, weil sie es verpatzt hat, Parmesan für die Spaghetti zum Nachtessen einzukaufen.»

«Er behauptet scheinbar dauernd, seit sich die beiden kennen, also seit rund zehn Jahren, dass er bald das Haus seiner Eltern erben werde und dass sie dann dort einziehen werden. Ansonsten sei er nett zu ihr und Matteo.»

«Ich denke, er hat ein Persönlichkeitsproblem. Sein Selbstwertgefühl ist nicht intakt. Er hat in seinem Leben wohl nicht das erreicht, was ihm vorschwebte. Oder beruflich kommt er nicht vorwärts. Seine Besserwisserei spüre auch ich. Er sucht permanent nach einer Bestätigung. Diskutieren wir zusammen über irgendein Thema, sein Lieblingsthema Fussball beispielsweise, und ich vertrete dazu meine Einstellung, hält er sofort wortreich dagegen und lässt meine Meinung nicht gelten. Es ist dann, wie wenn er gekränkt wäre. Ich habe mal gesagt, dass die Vorstellung seiner Lieblingsmannschaft fatal gewesen sei, da ist er fast ausgeflippt. Das stimme überhaupt nicht, es sei im Gegenteil … und so weiter. Anfänglich habe ich mich noch gewehrt, schliesslich hat mich seine beleidigende und auch negative Art sich zu äussern frustriert, doch in der Zwischenzeit bin ich gescheiter und gelassener geworden und will gar nicht mehr, dass wir einer Meinung sind. Ich lasse ihn einfach reden und nicke dann ab und zu aus Anstand.»

«Mit Anja müsste er eigentlich glücklich sein. Dass er ihr trotzdem immer wieder Vorwürfe macht, verstehe ich gar nicht, er kann doch froh sein, eine hübsche, liebe und gescheite Frau gefunden zu haben. Was nur bewegt diesen Mann, so unausstehlich zu sein. Sorry für diesen Ausdruck, aber ich finde, er passt sehr wohl zu ihm.»

«Stimmt. Vielleicht fühlt er sich ihr gegenüber minderwertig, was ihn in seinem Innersten ärgert oder gar verletzt. Als Abwehrreaktion macht er ihr Vorhalte, um zu zeigen, dass er sehr wohl ebenbürtig ist. Oder insgeheim stören ihn ihre vegetarisch angehauchten Kochkünste.»

«Glaubst du? Wenn dem so wäre, bräuchte er psychologische Hilfe. Ach, was solls, das ist ihr beider Leben, sie müssen damit zu Rank kommen.»

«Schon, aber manchmal spüre ich bei Anja einen Hauch von Niedergeschlagenheit. Hoffen wir, dass nicht sie seelische Unterstützung brauchen wird.»

«Hat sie schon mal mit dir darüber geredet?»

«Nicht direkt, angedeutet vielleicht. Aber sie hat ihn vor mir noch nie wirklich schlecht gemacht.»

«Nun denn, hoffen wir das Beste für die beiden und vor allem auch für ihren Sohn, denn wenn er älter wird, wird er schnell mal bemerken, dass zwischen seinen Eltern nicht immer alles stimmt. Aber wer weiss, vielleicht kittet sich ihr beider Leben mit der Zeit zu mehr Harmonie zusammen.»

«Genau, Matteo hat mir einmal gesagt, dass er es hasse, wenn sich seine Eltern streiten. Das heisst wohl, dass es öfter vorkommt, als wir vermuten. Ich habe Matteo beruhigt und gesagt, das sei doch normal, wenn man zusammenlebe, führe das dann halt mal zu Unstimmigkeiten.»

«Und wie steht es übrigens mit uns beiden?» Grossmutter wechselt das Thema.

«Was?» Und er fragt sich, was jetzt wohl kommen mag.

«Liebst du mich?»

«Lieben? Lass mich überlegen.»

Grossmutter gewährt ihm keine Pause: «Was gibt es da zu überlegen?»

«Lieben. Ein schwieriges Wort. Ich könnte nun einfach ja sagen, doch ich frage mich, ob das dann auch wirklich wahr ist. Ich habe dich damals, als wir uns kennengelernt haben, sehr geliebt. Wir haben Händchen gehalten und auch sonst haben wir viel Körperkontakt gehabt. Wir haben uns liebkost, gestreichelt. Wir haben zusammen geschlafen. Wir haben unsere neue Welt, das Zusammenleben, gemeinsam erforscht und erlebt. Wir waren aufeinander angewiesen. Aber inzwischen sind wir älter geworden. Du musst zugeben, du siehst nicht mehr so attraktiv aus wie damals.»

«Entschuldige, aber was hat das Aussehen mit Liebe zu tun? Du entsprichst in deinem Äussern auch nicht mehr meiner Wunschvorstellung.»

«Nein?» Grossvater tut, als ob er verdutzt sei.

«Nein. Früher, noch vor zehn Jahren vielleicht, hast du mir am Morgen und am Abend vor dem Schlafengehen immer einen Kuss gegeben. Und heute? Nichts. Hingegen hast du jetzt ein Bäuchlein.»

«Ich gebe es zu. Früher waren unsere Küsse auch noch geschmeidig, weich, anregend. Doch seit langer Zeit treffen zwei verwitterte, runzlige, steife Lippen aufeinander.»

«Ich habe sehr wohl bemerkt, dass dir deine Feinfühligkeit mir gegenüber abhanden gekommen ist, seit wir in zwei verschiedenen Zimmern schlafen. Zärtlichkeiten zwischen uns sind rar geworden.»

«Eben, als wir noch zusammen schliefen und uns eng umschlungen liebten, war es ein verheissungsvolles Gefühl, wenn ich dich berührte. Wenn ich dich heutzutage streichle, erbeben in mir noch immer Lüste, die ich mit dir nicht befriedigen darf.»

«Jetzt bin also ich schuld?»