Ministerpräsident Stefano Gallo - Urs Scheidegger - E-Book

Ministerpräsident Stefano Gallo E-Book

Urs Scheidegger

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Beschreibung

Dieses Buch ist eine Persiflage auf einen italienischen Gockel und widerspiegelt eine fast wahre Geschichte. Viel bewundert wurde er und ebenso sehr gehasst. Er war ein erfolgreicher Geschäftsmann. Ein Stehaufmännchen. Ein Liebestoller. Ein Lebemann. Ein Überheblicher, der seine Kleinwüchsigkeit durch Arroganz und Machogehabe ausglich. Ein europäischer Politiker, der der Welt erklärte, wie sie sein sollte. Ein eitler Mann, der mit der ehrenwerten Gesellschaft als Geschäftsmann wie auch als Politiker eng zusammenarbeitete. Korruption und Sex besiegelten schliesslich das Ende seiner Herrlichkeit.

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Seitenzahl: 134

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Ministerpräsident Stefano Gallo

Zum BuchKapitel 1Kapitel 2Kapitel 3Kapitel 4Kapitel 5Kapitel 6Epilog

Ministerpräsident

Stefano Gallo

Eine fast wahre Geschichte über einen Gockel

Roman

Von Urs Scheidegger

Das Buch

Eine fast wahre Geschichte über das Leben eines der berühmtesten Europäers der Neuzeit, der sich zu einem der reichsten Männer emporarbeitete, der Freund der halben Welt respektabler und weniger ehrenwerter Politiker war, der sich allerdings nie recht bewusst war, wie weit er sich aus dem Fenster lehnen durfte. Er wähnte sich überirdisch und unsterblich und benahm sich deshalb schamlos und nahm sich rücksichtslos alles, was ihm in die Hände kam, warf es wieder zum Fenster raus, wenn es ihm nicht mehr behagte. Ein eitler Mann, der mit der ehrenwerten Gesellschaft als Geschäftsmann wie auch als Politiker eng zusammenarbeitete. Korruption und Sex besiegelten schliesslich das Ende seiner Herrlichkeit. Es sei denn, der liebe Gott hat Verbarmen mit ihm und seiner Seele, sollte er eines Tages an der Himmelspforte anklopfen.

Die Namen der Personen in diesem Buch sind frei erfunden. Weil der Roman auf einer wahren Lebensgeschichte basiert, sind Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Menschen zwar vorstellbar, aber dennoch rein zufällig und nicht unbedingt gewollt.

Der Autor

Jahrgang 1946. Ausbildung zum Bankkaufmann. Sechs Monate Südamerika. Drei Jahre New York City. Zehn Monate Weltreise. Über siebzig Länder besucht. Weiterbildung zum Reisefachmann und zum Erwachsenenbildner. Geschäftsführer Reisebüro und Product Manager Touroperating. IATA/UFTAA International Travel Consultant. Stv. Schulleiter Reisefachschule. Kursleiter und Dozent an Tourismusfachschule in Zürich. Schreiben, Fotografieren, Lesen, Sport und individuelles Reisen sind heute seine Leidenschaften. Seine bisher erschienenen Bücher sind auf den letzten Seiten des vorliegenden Buches aufgelistet.

Autor: Urs Scheidegger

Copyright:F0D3 2015 Urs Scheidegger

Umschlag: Urs Scheidegger

Auflage 2015

Druck und Verlag: epubli GmbH, Berlin,www.epubli.de

Kapitel 1

Frühweises Kind

Im Jahr 1936 wurde Stefano Gallo im tiefen Süden Kalabriens in einem unwichtigen Landstädtchen in den Aspromonter Bergen, wo sich jeder kennt, geboren.

Der Ort liegt auf 715 Meter über Meer und zählte damals etwa 1250 Einwohner. Die meisten Leute leben von der Landwirtschaft und produzieren vor allem Honig, Käse, Olivenöl und Pilze. Touristisch gibt das Städtchen nicht viel her, im Sommer ist es vor allem Ausgangspunkt für Wanderungen im Parco Nazionale dell’Aspromonte, im Winter daselbst für Wintersport in sehr bescheidenem Rahmen.

Auf seinem Taufschein steht ein zweiter Vorname: Silvio. Traditionellerweise geben die kalabrischen Eltern ihren Kindern zwei oder drei Vornamen von Verwandten und manchmal von Heiligen. Der Name Stefano ist derselbe des Vaters, der Stefano Paolo Gallo hiess, und Silvio wurde von der Mutter, der Stella Maria Gallo, geborene Simeone, aus Dankbarkeit an ihren Vater, den längst verstorbenen Silvio Simeone, gewählt.

Stefano junior war der Erstgeborene der jungen Familie. Später folgten seine Schwester Maria Alessia und sein Bruder Andrea Paolo. Den Eltern war gleich bei der Geburt aufgefallen, dass der Drittgeborene von dunklerer Hautfarbe, grösser und schwerer war als sein Bruder und seine Schwester. Müsste wegen der Gene vonseiten meines Nonnos sein, meinte der stolze Vater Stefano Paolo Gallo, und Mutter Stella Maria lächelte dazu bestätigend.

Sein Vater war gelernter Automechaniker und der Fahrer und Besitzer des regionalen Linienbusses. Das kam so: Da er bereits eine kleine Garage und eine Tankstelle besass, wurde er nach mehrfachen Besprechungen und Evaluationen der dortigen Bürgermeister mit der für die Bergregion neuartigen Dienstleistung eines Busbetriebs betraut. Der offizielle Auftrag der regionalen Behörden bestand in einer Art von Sammeldienst für die in den abgelegenen Bergdörfern lebenden Menschen bis hinunter ans Meer ins rund 35 Kilometer entfernte Wirtschaftszentrum Réggio. Denn die Abwanderung der jungen Bevölkerung mangels geeigneter Berufsaussichten war beträchtlich, sodass es nur noch vereinzelt Lebensmittelläden und Händler gab, was wiederum hiess, dass sich die wenigen noch dort oben lebenden Leute in Réggio mit den im Städtchen nicht angebotenen Waren versorgen mussten. Und weil es sich für die Hauptpoststelle wegen der wenigen Briefe nicht lohnte, jeden Tag einen Postbeamten in die fernen Täler zu schicken, brachte Vater Stefano Paolo Gallo die abgehende Post nach Réggio und die ankommende zurück in die Berge. Während seiner Dienstzeit trug er als eine Art Uniform stets einen konventionellen, dunkelblauen Arbeitskittel.

Nebenbei amtete er auch als ehrenamtlicher Giudice di Pace seiner Gemeinde. Dieses Amt als Friedensrichter verschaffte ihm ein wenig Ansehen, aber auch vereinzelt Verachtung, vor allem dann, wenn er gegen eine ihm bekannte Person Stellung beziehen und urteilen musste. Manchmal ging es um Jäger, die ausserhalb der offiziellen Jagdsaison ein Wild erlegten. Wenn es sich dann um einen armen Bauern handelte, liess er schon mal Gnade vor Recht ergehen. Ein andermal musste er bei Familienstreitigkeiten einschreiten. Dank seines Berufs als Busfahrer besass er gute Menschenkenntnisse, was ihm in den meisten Fällen half, gerecht und ausgewogen zu urteilen.

Als Stefano junior in die Schule kam, durfte er ab und zu seinen Vater im Bus nach Réggio begleiten. Stefano junior war ein äusserst aufgewecktes Kind und bereitete seinen Eltern schon mal Sorgen, weil sie mit ihm nicht klar kamen. Auf einer der Fahrten über die kurvenreiche Strasse ans Meer hinunter, als keine Passagiere zugestiegen waren, bat er seinen Vater während der fast einstündigen Fahrt, einmal am Steuer drehen zu dürfen. Niemals, war die unumstössliche Antwort. Der Kleine blieb zuerst ruhig auf dem Sitz neben seinem Vater, was diesen irritierte, doch dann begann er doch noch zu zwängeln, wie schon so oft, wenn er nicht tun durfte, was er wollte. Sein Gesicht war röter als rot angelaufen. «Also gut, hör schon auf zu greinen, stell dich neben mich, um Gottes Willen.» Und so hatte der kleine Stefano wieder einmal gewonnen. Mit grosser Genugtuung spürte und beobachtete er, wie sich das aus seiner Kindessicht gigantische Fahrzeug nach links oder rechts bewegte, sobald er am Steuerrad drehte. Natürlich passierte nichts, denn der Vater bremste mit dem Fuss auf dem Bremspedal ab und hielt sicherheitshalber das Steuer mit einer Hand unter Kontrolle. Stefano junior fühlte sich grossartig und in seinem Übermut nannte er sich einen Helden, denn wer von seinen Schulkameraden hatte schon mal so ein Ungetüm von Bus eigenhändig gelenkt. Was er ihnen dann auch anderntags unter die Nase rieb.

Seine Mutter, Donna Stella wurde sie allenthalben respektvoll genannt, war Hausfrau, wie es sich in katholischen Familien auf dem Land gehörte. Seit dem Tod ihrer Mutter kleidete sie sich traditionell in Schwarz. Die Möglichkeit, einen Beruf zu erlernen oder ein Studium zu absolvieren, waren ihr nicht vergönnt. Neben dem Haushalt und der Erziehung ihrer drei Kinder bediente sie bei Abwesenheit ihres Mannes die Tankstelle vor ihrem Haus, die einzige weit und breit. Wenn Not am Mann war, half sie auch mal dem Pfarrer in der Kirche bei der Reinigung oder dem Umstellen der Stühle und dem Aufstellen von Ständen, wenn es sich um einen der häufigen, kirchlichen Festanlässe handelte.

Das Leben dort oben war geradezu perfekt. Die Ortsstrassen wurden regelmässig gereinigt, die Abfuhr des Kehrichts funktionierte, anders als im entfernten Neapel, die verbliebenen Einwohner verdienten gut genug, um sich ein zwar bescheidenes, dafür ein eigenes Häuschen leisten zu können, in den Gärten blühten Blumen und das Gemüse wuchs unbändig in die Höhe, die Alten und Dürftigen wurden finanziell mit einer anständigen Rente von der Gemeinde unterstützt, wer kein eigenes Haus mehr hatte, konnte ins gemeindeeigene Altersheim ziehen, jeder arbeitsfähige Einwohner ging einer Arbeit nach, es gab keine Arbeitslosen.

Stefano Gallo senior fragte sich manchmal, wie dies alles finanzierbar ist. Mit den Gemeindesteuern allein war dieses heile Leben hier in dieser Abgeschiedenheit sicher nicht möglich. Es musste das Verdienst des beliebten Sindaco sein. Der Bürgermeister war reich, wohnte in einer hoch über dem Städchen thronenden Villa und fuhr als einziger Hiesiger einen Ferrari. Woher er derart viel Geld hatte, wusste niemand. Aber am besten fragte man sich solche Sachen erst gar nicht, solange für alle so fürstlich gesorgt wurde.

In diesem Städtchen befanden sich nur zwei nennenswerte Läden, dafür zwei ganz besondere. Zum einen ein Eisenwarengeschäft, wo man alles kriegen konnte. Die Auswahl war grösser als in jedem andern Ort, sogar umfassender als in Réggio, immerhin die Haupstadt der Region Kalabrien. Wieso das so war, wusste niemand genau. Man fragte auch nicht nach den Gründen. Die Käufer stammten nicht nur von hier sondern von weit herum, sogar von den Küstenorten. Man fand hier halt einfach alles, von einer einzelnen Schraube bis zu Mähdreschern. Der Laden lief hervorragend. Der Besitzer musste inzwischen Millionär geworden sein, sagte sich Stefano senior, der sich auch hier eindeckte, wenn ums Haus herum etwas geflickt werden musste.

Ein anderer erstaunlicher Laden, eine Bäckerei, lief ebenfalls ausgezeichnet. Das Brot und die Panini immer knusprig, die Torten immer wohlschmeckend und frisch. Die Backstubeneinrichtung und der Verkaufsladen wurden erst vor einem Jahr gänzlich erneuert. In einer Ecke befanden sich Stehtische, an denen man einen herrlich duftenden Espresso schlürfen konnte, musste man mal warten, bis man an der Reihe war. Denn auch hier stammten viele Kunden von weit herum. Stefano senior hatte schon mehrmals einen Lieferwagen eines bekannten Strandhotels unten am Meer vor dem Laden stehen gesehen. Wieso diese Bäckerei so erfolgreich war und sich gerade hier in diesem verwunschenen Städtchen befand, wusste niemand. Man fragte auch besser nicht danach. Es ging einem ja äusserst gut.

Das gesellschaftliche Leben beschränkte sich auf das einzige Lokal am Ort, dem Caffè dello Sport, den sonntäglichen Besuch der Kirche, die Festlichkeiten an den zahlreichen katholischen Feiertagen, die raren Besuche der jungen Abgewanderten, die gelegentliche gemeinsame Einkaufs-Busfahrt nach Réggio, den gemütlichen Schwatz über den Gartenzaun hinweg und natürlich aufs Zuhause in der guten Stube vor dem Fernseher. In jedem Haus lief er ununterbrochen von frühmorgens nach dem Aufstehen bis spätabends vor dem Zubettgehen. Auch wenn sich niemand im Zimmer aufhielt, er lief. Das gehörte sich so und basta.

Im Caffè dello Sport verkehrten nur Männer. Auf der ersten Etage befand sich ein kleiner Saal, der manchmal für Hochzeiten oder Vereinsanlässe gemietet wurde. Im zweiten Stock lagen vier sehr einfach eingerichtete Zimmer mit Lavabo für die wenigen Touristen, die es ab und zu hierhin verschlug. Das gemeinsam genutzte Badezimmer mit WC befand sich auf dem Flur. Die einzige Frau im Haus war die blonde Serviertochter Giulia. Obschon sie ihre Reize sehr offenherzig zeigte, liess sie sich nie von einem Mann betatschen. Tat dies einer trotzdem, wusste am nächsten Tag die ganze Gemeinde Bescheid. Dies verhiess für den Flegel selbstverständlich Schmach. Immer lief eine Partita di calcio oder eine Telenovela auf dem grossflächigen TV-Gerät über der Bar. Auch wenn niemand zuhörte.

Wie bereits erwähnt, war Stefano junior ein äusserst aufgeweckter Junge. Er gab nie Ruhe. Er schien nie müde zu sein. In der Schule zeigte sich schnell, dass er lernfreudig war und über eine schnelle Auffassungsgabe verfügte. Sein IQ wurde zwar nie offiziell gemessen, doch seine Primarlehrerin beurteilte seine Intelligenz um einiges über dem Durchschnitt seiner Klasse. Heutige fortschrittliche Eltern aus Ländern des Westens wie den USA, Deutschland, der Schweiz oder Frankreich würden einen Sohn vom Kaliber eines Stefano wohl ziemlich schnell zu einem Psychiater schicken und ihn auf ADHS überprüfen lassen. Stefano wäre auf alle Fälle ein solcher Fall gewesen. Hätte man ihm Ritalin oder ein ähnliches Medikament zur Reduzierung seiner Hyperaktivität verabreicht, wäre er wohl nie das geworden, was er schlussendlich in seinem Leben erreicht hat. Ob eine solche Behandlung zu jener Zeit für die Allgemeinheit beziehungsweise für Italien in der Zukunft positiv oder negativ ausgefallen wäre, liess bis heute keine übereinstimmende Meinung unter Journalisten wie unter Politikern erkennen.

Seinem unermüdlichen Drang nach Aktivität entsprangen auch etliche lustige und blöde Streiche, die er meist zusammen mit Schulkameraden ausheckte. So jener mit dem Portemonnaie, der weltweit wohl am meisten vorkommt. Wenn die Buben hinter einer Hecke kauerten, die Schnur, die am Geldbeutel draussen auf dem Trottoir befestigt war, mit beiden Händen festhielten und darauf warteten, dass ein Passant ihn entdecken und sich danach bücken würde, kicherten sie vor sich hin. Bückte sich dann einer, zogen sie schnell an der Schnur und der Passant griff ins Leere und staunte. Die Buben rannten dann lachend davon, bevor sie sich trauten, dasselbe Spielchen ein weiteres Mal zu spielen. Und wenn man übertreibt, dann folgt meistens die Strafe. Einer der Passanten, der sich nach dem Portemonnaie gebückt hatte, war niemand anders als der dortige Carabiniere. Es kam so. Von weitem beobachtete er, wie eine Kinderhand ein Portemonnaie auf das Trottoir legte. Er wollte zwar einen andern Weg einschlagen, änderte jedoch seine Meinung und näherte sich dem Geldbeutel, bückte sich allerdings nicht, sondern griff hurtig hinter das Gebüsch und packte Stefano am Schopf. Stefano schrie vor Schmerz. Der Polizist liess ihn los und verabreichte ihm gleich noch eine saftige Ohrfeige, begleitet von belehrenden Worten. Stefano weinte nicht lange, die Blamage war schnell überwunden. Allerdings hoffte er in so einem Fall inniglich, dass der Carabiniere seinen Eltern nichts davon erzählen würde.

Er war fast immer der Anführer. Bei der Ausübung solcher Streiche kam es auch vor, dass alle Buben erwischt und die Eltern informiert wurden, was zu barschen Zurechtweisungen und unangenehmen Strafen wie Zimmerarrest führen konnte. Wenn sich die Kameraden dann am nächsten Tag in der Schule wieder trafen, gabs für Stefano, den Anführer, zur Strafe, dass sie wegen ihm verpfiffen worden waren, auch mal Haue. Dagegen konnte er sich schwerlich wehren, war er doch der Kleinste und Schwächste unter ihnen. Er ertrug es jedes Mal mit Fassung. Seine Mutter fragte ihn in solchen Fällen bei seiner Heimkehr allerdings, wieso er eine blutunterlaufene Strieme auf dem Arm oder ein andermal eine blutverkrustete Schramme auf seiner Wange hatte. Um passende Ausreden war Stefano nie verlegen. Dass er zusammengeschlagen worden war, hätte er auf alle Fälle nie und nimmer zugegeben. Also tischte er Lehrern und Eltern, je nach Situation, Lügen auf. Auch im Verdrehen von Tatsachen war er grossartig.

Selbst wenn er hochintelligent war, und dessen war er sich selber schon in seinem noch jungen Alter sicher, litt er unter seiner relativen Kleinwüchsigkeit. Alle gleichaltrigen Kameraden waren grösser als er. Selbst im Vergleich zu den Mädchen schnitt er in Bezug auf die Körpergrösse schlecht ab. Die einzige Schulfreundin, die er in der Primarschule hatte, war die kleine, mollige Camilla, Tochter eines Bauern unten im schattigen Tal. Alle andern Mädchen, alle attraktiver und grösser als Camilla, suchten sich die gross gewachsenen Knaben aus. Das nagte zwar zeitweise an seinem Selbstwertgefühl, doch er kompensierte diese peinlichen Seelenprobleme, deren er sich selber vage bewusst war, mit seiner geistigen Überlegenheit und seinen geistreichen Anschauungen. Tauchten in der Schule Probleme zwischen rivalisierenden Banden oder zwischen Lehrer- und Schülerschaft auf, war er schnell zur Stelle und schlichtete den Streit. Wieso er dies so einfach schaffte, ist schwer zu sagen. Auf alle Fälle besass er eine überhöhte Fähigkeit zu kommunizieren. Er fand immer die richtigen Worte, um alle von seinen Argumenten zu überzeugen, und war deshalb auch fast überall beliebt. Selbst der Schulleiter wunderte sich und wäre froh gewesen, hätte er ähnliche Fähigkeiten gehabt, um die immer wieder auftretenden Randale beilegen zu können.

Stefano lebte aber nicht so in den Tag hinein, wie das die meisten andern Kinder in diesem Alter tun. Er stellte immer wieder Fragen. Wieso ist das so? Warum hat man nichts unternommen? Woran lag es, dass es schief ging? Wäre es nicht möglich gewesen zu helfen, hätte man sich so oder so verhalten. Je älter er wurde, desto intensiver beschäftigte er sich mit unklaren Dingen und Vorkommnissen, die er in seinem Kindesalter noch nicht verstehen konnte.

Eigentlich sah er in jedem Erwachsenen eine Respektsperson. Er wurde dazu erzogen, Erwachsene zu achten. Wäre das so einfach gewesen, er wäre dabei geblieben. Weil er jedoch dauernd alles um sich herum beobachtete und zu beurteilen versuchte, begann er langsam aber sicher zu bezweifeln, dass Erwachsene alles richtig machten.

So sah er eines Tages, als er gerade von der Schule kam, den Pfarrer leicht torkelnd aus dem Caffè dello Sport treten. Er konnte kaum aufrecht gehen. Ein anderer Mann folgte ihm und stützte ihn, um so zurück zur Kirche zu gehen. Was sollte Stefano davon halten? Ein Pfarrer, der am Sonntag das Heil versprach, betrank sich wie ein armseliger Lavoratore. Stefano war sich wegen solchen und ähnlichen Beobachtungen plötzlich nicht mehr sicher, ob die Erwachsenen tatsächlich alles richtig machen würden.