Von Thun nach Aarau in 68 Jahren - Urs Scheidegger - E-Book

Von Thun nach Aarau in 68 Jahren E-Book

Urs Scheidegger

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Beschreibung

Meine Biografie: Ich bin 68 Jahre alt geworden. Als ich noch klein war, glaubte ich nicht, dieses hohe Alter jemals zu erreichen. Und auch im fortschreitenden Alter liessen mich Unpässlichkeiten wie Grippe, Hüft- und Rückenprobleme oder auch mal ein Raucherhusten daran zweifeln. Doch jetzt wo ich es bin, möchte ich die verflossenen Jahre nochmals leben - gedanklich zumindest. Ich bin von Natur aus ein positiv denkender Mensch und habe soweit eine gute Zeit gehabt. Alle meine Lebensstationen - Thun, Erlach, Aarau, Unterentfelden, Lausanne, Engelberg, Südamerika, Zürich, Brüssel, New York City, Weltreise, St. Moritz, Aarau - werden in meiner nachgezeichneten Reise durch meine achtundsechzig Jahre wiederbelebt. Und wenn dann das endgültige Ende in ein paar Jahren naht, wird es wohl so sein, wie Ephraim Kishon gesagt hat: "Altern ist ein hochinteressanter Vorgang. Man denkt und denkt und denkt - plötzlich kann man sich an nichts mehr erinnern."

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Seitenzahl: 391

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Von Thun nach Aarau in 68 Jahren - Biografie

TitelTitel - 2Bisher erschienene Bücher

Der Autor

Ich bin achtundsechzig Jahre alt geworden. Als ich noch klein war, glaubte ich nicht, dieses hohe Alter jemals zu erreichen. Und auch im fortschreitenden Alter liessen mich Unpässlichkeiten wie die Beschwerden einer schweren Grippe oder immer wiederkehrende Hüft- und Rückenprobleme oder ein zwischendurch aufflackernder Raucherhusten daran zweifeln. Doch jetzt wo ich es bin, möchte ich die verflossenen Jahre nochmals leben – gedanklich zumindest. Ich bin, glaube ich, von Natur aus ein positiv denkender Mensch und habe soweit eine gute Zeit gehabt. Aber selbst wenn man mir die Möglichkeit gäbe, mein bisheriges Leben in Wirklichkeit nochmals zu leben, würde ich dankend ablehnen. Nicht dass es gar schlimm gewesen wäre, nur, auf die belastenden Stressmomente gewesener beruflicher Herausforderungen und den ewigen Kampf um gebührende Anerkennung, im Privaten wie im Beruflichen, kann ich verzichten. Wenn ich nochmals auf dieser Welt antreten müsste, dann müsste das Leben unbeschwerter ablaufen. Ich meine, dann dürften sich nur die schönen Dinge meines bisherigen Lebens wiederholen. Ich hasse damals wie heute die die Seele quälenden Momente, wo ich weinte vor Verdruss, Verärgerung über andere oder über mich selbst oder wo ich nicht mehr wusste, wie es weitergehen sollte. Ich bin zwar immer wieder aufgestanden und konnte diese negativen Lebensphasen verdrängen, aber sie sind trotzdem in meinem Innersten haften geblieben. Meine Erinnerungen mögen in einigen Fällen verblasst oder in Bruchstücke zerfallen sein, dennoch freue ich mich auf die nachgezeichnete Reise durch meine achtundsechzig Jahre.

Aus Respekt vor der Privatsphäre meiner Familie werden deren Namen in diesem Buch nicht erwähnt.

Von Thun nach Aarau in 68 Jahren

Paradies der Erinnerungen

Biografie

Von Urs Scheidegger

Autor: Urs Scheidegger

Copyright:F0D3 2014 Urs Scheidegger

Fotos und Bilder: Urs Scheidegger

Auflage 2014

Druck und Verlag: epubli GmbH, Berlin,www.epubli.de

Erstes Kapitel

Kindheit

Ich bin am 19. Februar 1946 am Pfarrhausweg in Thun mit blauen Augen und blonden Haaren geboren, wog sechseinhalb Pfund und war circa 52 cm gross und genau so süss wie die meisten Neugeborenen.

Meine Eltern heissen Hans Scheidegger, mit sechsundsiebzig verstorben, und Hedi Scheidegger, geborene Graf, heute bereits sechsundneunzig Jahre alt und immer noch in guter geistiger Verfassung. Das schreibe ich deshalb, weil ich an die ersten drei oder vier Lebensjahre überhaupt keine Erinnerung habe und mich auf jene meiner Mutter verlassen muss.

Vor mir kamen bereits meine Brüder Hansruedi und Peter zur Welt. Hansruedi wurde später der Einfachheit halber von allen Familienmitgliedern Ha genannt und Peter Pe. Und das ist bis heute so geblieben. Ich selber bekam den Übernamen Örsu. Von uns Dreien sei ich der liebste gewesen, was so viel heisst, dass ich kein Schreihals gewesen bin.

Nach mir hielten dann noch Hanni und Heinz in die Familie Einzug. Heute würde man das schon fast als Grossfamilie bezeichnen, damals aber waren fünf Kinder mehr oder weniger normal. Mein Vater neckte meine Schwester oft mit Hannöggeli, was sie aber gar nicht mochte.

Vater war für uns der Vati und Mutter s’Mueti. Mein Vater war ein Bauernsohn und arbeitete nach der Schulzeit als Monteur in den Thuner Betrieben der Armee. Seine Freizeit verbrachte er unter anderem beim Kunstturnen und war derart erfolgreich, dass er es zum Strättliger Oberturner schaffte.

Meine Mutter lernte Schneiderin und flickte und schneiderte später neben ihrer Tätigkeit als Mutter und Mitarbeiterin im Geschäft meines Vaters viele Jahre ihres Lebens Kleider aller Art für Verwandte, Bekannte und sonstige Kundschaft.

Kennengelernt hatten sie sich, wie es zu Zeiten des Zweiten Weltkriegs verbreitet vorkam, bei der Verlegung der Soldaten in die nördlichen Gefilde der Schweiz. Sie wohnte im Aargau in Hausen bei Brugg, wo mein Vater sein Herz an sie verlor.

Mein Vater war ehrgeizig und wollte mehr sein als ein einfacher Büetzer. So bemühte er sich, innerhalb des Betriebs aufzusteigen und befördert zu werden. Doch sein Chef vertröstete ihn immer wieder mit Ausreden auf später. Aber mein Vater konnte nicht warten, bis er endlich an der Reihe war. Also suchte er ausserhalb seiner angestammten Arbeit nach einer anderen Beschäftigung, nach etwas, das ihn herausforderte. Dank der Hilfe eines Fürsprechers konnte er schliesslich einen Laden, ein Comestible in Erlach am Bielersee, übernehmen.

Rund zwei Jahre nach meiner Geburt zügelten wir ins Stedtli Erlach. Neben der Führung des Comestibles war mein Vater im lokalen Fahrdienst tätig.

Meine Mutter erinnert sich vor allem an das kuriose Bild, das wir drei Brüder abgaben, wie wir vor allem im Sommer oft hintereinander an den Bielersee stolzierten. Der älteste und grösste von uns vorne weg und ich als der jüngste und kleinste hinter her.

Mein eigener Blick in die Vergangenheit in Erlach beschränkt sich auf nur wenige Ereignisse. Da gings regelmässig hinauf Richtung Jolimont bis zum Schloss und wieder in rasendem Tempo auf einem rollenden Untersatz hinunter ins Städtchen. Schürfwunden waren oft das Resultat, wenn wir mit unserem Gefährt das Gleichgewicht verloren und stürzten.

Oder ich sehe noch genau vor mir, wie meine Mutter ihr viertes Kind, Tocher Hanni, die im Spital in Bern zur Welt gekommen war, stillte. Ich lugte verschmitzt, als obs verboten gewesen wäre, hinter einem Tuch über meinem Kopf hervor und sah, wie meine kleine Schwester an der Brust meiner Mutter saugte. Das war neu für mich, obschon ich ja selber noch vor nicht allzu langer Zeit dasselbe getan hatte.

Eine heikle Situation hatte ich zu überstehen, als ich zusammen mit zwei Kumpanen dem Postbeamten einen Streich spielte. Klein gewachsen wie wir noch waren, erforderte dieses Unternehmen schon ein wenig Mut. Wir kletterten auf den ziemlich hohen Fenstersims der Post und klopften an die Scheibe. Der Posthalter erhob sich, das konnten wir durchs Fenster beobachten, und machte eine unmissverständliche Drohgebärde, die uns mehr Angst einjagte als erhoffter Jubel über unseren Streich. Wir jagten davon, jeder in eine andere Richtung. Ich selber nahm den kürzesten Weg in den unweit von der Post liegenden Laden unserer Eltern, sauste durch den kleinen Verkaufsraum und hinein ins Warenlager dahinter, versteckte mich spontan in irgendeiner grossen Kartonschachtel und landete, oh weh, in einer Eierschachtel. Was das für Konsequenzen für mich hatte, kann man sich wohl vorstellen. Einerseits musste sich mein Vater beim Posthalter für meinen Schabernack entschuldigen und andererseits erlitt er wegen der zerborstenen Eier einen erheblichen Schaden.

Noch in Erlach wurde mein kleiner Bruder Heinz im Spital von Biel geboren. Jetzt waren wir fünf Geschwister.

Bald einmal hatte meine Mutter Langezeit nach dem Aargau, aus dem sie stammte. Dazu kam, dass sich meine Eltern Gedanken darüber machten, wo denn später ihre Kinder in die Lehre gehen sollten. La Neuveville und Biel schienen ihnen zu weit weg und vor allem zu teuer. So kam es, dass mein Vater zur Freude meiner Mutter nach einer neuen Beschäftigung im Aargau suchte. Erstaunlich ist, dass diese Sehnsucht meiner Mutter nach dem Aargau, ihrer ursprünglichen Heimat, noch heute mit 96 Jahren besteht. Sie lebt nämlich inzwischen seit einigen Jahren wieder in Thun und spricht immer noch Aargauer Dialekt. Der Berner Dialekt geht ihr, wie sie mir einmal im Verborgenen gestand, manchmal auf die Nerven.

Auf alle Fälle konnte mein Vater ein Lebensmittelgeschäft an der Tannerstrasse 8 in Aarau für fünf Jahre in Miete übernehmen und engagierte sich gleichzeitig als der erste Stadtbuschauffeur von Aarau. Das war im Jahr 1950. Vor diesem Datum gab es in Aarau ausser den SBB und dem Tram nach Schöftland keinen öffentlichen Verkehr. Mit einem Occasionsbus, dem ältesten aus Luzern, wie meine Mutter meint, verwöhnte mein Vater seine Kundschaft mit seinem gemütlichen Berner Dialekt, seiner Frohnatur, die er Zeit seines Lebens war, und vor allem auch dadurch, dass er sich nicht immer an offizielle Haltestellen hielt, sondern die Leute an jeder Gartentür aus- und einsteigen liess. Er war sehr beliebt.

Auch der Lebensmittelladen, den verständlicherweise grossenteils meine Mutter führte, florierte, lag er doch im Wohnquartier Zelgli, das sich damals vor allem Wohlhabende leisten konnten. Von Lädelisterben war noch keine Rede, an der Tannerstrasse rechts von unserem Geschäft gab es einen Konsum, eine Post und eine Metzgerei und links die Bäckerei Ruckstuhl.

Geschlafen habe ich in einem Etagenbett im Dachzimmer zusammen mit meinen älteren Brüdern.

Man muss sich nun mal vor Augen führen, wie diese Umstellung vom Bernbiet in den Aargau für uns Kinder war. Hier in Aarau sprachen wir für die Aarauer sozusagen eine Fremdsprache. Die Aarauer Ausdrucksweise wiederum tönte in unseren Ohren wie plattes, gellendes Züridütsch. Mit den Nachbarkindern auf der rechten Seite unseres Hauses hatten wir jedenfalls Mühe und bekämpften uns mit hässlichen Worten und manchmal mit Wasser aus dem Wasserschlauch durch das uns trennende Drahtgitter.

Einem ähnlichen Unverständnis diesen aus unserer Sicht andersartigen Menschen gegenüber ist es wohl zuzuschreiben, dass wir einem schlaksigen, rothaarigen Jungen aus der Renggerstrasse hinter vorgehalterner Hand Schorschgaggo hinterherriefen. Schorschgaggo, eine Kasperlifigur. Uns dafür abzuschlagen, wäre für ihn kein Problem gewesen, denn er war klar stärker als wir. Wir aber waren flinker und konnten abhauen.

Hinter unserem Haus stand ein Holzschopf. Eines Tages beobachtete ich einen Lieferanten, der, nachdem er seine Ware im Laden abgeliefert hatte, hinters Haus ging und etwas Unanständiges, ja Unverschämtes tat. Er pisste doch tatsächlich an unsern Holzschopf. Hätten wir Kinder das getan, hätten uns unsere Eltern eine gehörige Schelte erteilt. Wir waren nämlich wohlerzogene Kinder. Ich konnte damals einfach nicht verstehen, dass ein Erwachsener so etwas tat und rief ihm zu, das dürfe er nicht tun. Er drehte beim Schliessen seines Hosenladens seinen Kopf in meine Richtung und schaute mich mit bösen Augen an. Das hätte ich wohl nicht sagen dürfen und sein Blick war mir deshalb Zeichen genug abzuhauen, hatten wir doch ziemlich viel Respekt vor den Erwachsenen. Genau so, wie es unsere Eltern uns noch gelehrt hatten: Zeigt Respekt vor dem Alter. Ja, wir waren recht wohlerzogen, denn die Hausfrauen, die bei uns einkauften, sagten auch mal zu meiner Mutter: «Sie haben aber liebe Kinder.»

In demselben Holzschopf, wo unsere Eltern Gartengeräte, Brennholz und Warenvorräte lagerten, taten wir trotz guter Erziehung Dinge, die heutzutage wohl eher als widerwärtig taxiert würden. Wir sammelten Maikäfer, es gab derart viele, dass man sie aus Gebüschen und Bäumen schütteln konnte, warfen sie zu Hunderten in heisses Wasser eines Bottichs und zertrampelten sie regelrecht. Hätten meine beiden Töchter dreissig Jahre später im selben Alter Gleiches getan, ich hätte ihnen einen Vortrag über Tierschutz oder Tierquälerei gehalten. Aber damals in unserer Kindheit hatten Tiere offiziell halt noch keine Seele.

Und der Ausdruck Rassismus war noch längst nicht in aller Munde. Am Ausgang der Kirche beispielsweise stand der Opferstock mit einem kleinen Negerlein drauf, das dankbar nickte, wenn man seinen Obolus in Form einer Münze in den Schlitz fallen liess. Dass man die Bezeichnung Neger für Schwarzafrikaner verwendete, war ganz normal. Noch störte sich niemand daran. Erst ab den Siebzigerjahren des letzten Jahrhunderts finden sich in den deutschen Wörterbüchern Hinweise auf eine abwertende oder diskriminierende Bedeutung des Begriffs.

Diskriminierend oder menschenverachtend würde man heute auch gewisse Attraktionen damaliger Jahrmärkte bezeichnen. So etwa mein kostenpflichtiger Besuch im hölzernen Zirkuswagen, wo ich die dickste Frau der Welt begaffen konnte. Ich sehe sie noch genau vor mir: Sie sass phlegmatisch auf einer Querbank und füllte die ganze Wagenbreite aus. Echt menschenunwürdig.

Den Kindergarten und das erste Schuljahr brachte ich im Gönhardschulhaus hinter mich, wo Jahre später auch meine ältere Tochter zur Schule ging. Um zum Schulhaus zu gelangen, mussten wir Kinder aus dem Zelgli die Entfelderstrasse überqueren, was nicht ohne Gefahren war, denn Ampeln oder eine Unterführung wie heute gab es damals noch nicht und die Gleise des Suhrentaltrams verliefen auf der Strasse. Es kam tatsächlich zu einschneidenden Unfällen, wie jener eines Klassenkameraden, der unter welchen Umständen auch immer unters Tram kam und dabei ein Bein verlor. Später zeigte er uns seinen Beinstumpf und die Protese. Ein schrecklicher Anblick wars.

Meine erste Teilnahme am Umzug des Maienzugs, einem der wichtigsten Feste Aaraus, war für mich eine Zumutung, musste ich doch in kurzen Hosen und mit weissen Socken und vor allem mit einem Mädchen mit einem Blumenkränzchen im Haar Hand in Hand vor allen Zuschauern durch die Strassen ziehen. Mit einem Mädchen, man stelle sich das mal vor. Damals, mit einem Mädchen, nein, meinen Frust von damals vergesse ich nicht. Wir Buben schämten uns fast ein wenig. Irgendwie waren wir zu jener Zeit scheinbar schon kleine Machos.

Mein Vater hatte Gefallen gefunden am Personentransport, denn da war er immer mit Leuten unterwegs, es war abwechslungsreich und einen Bus fahren zu dürfen, bedeutete zu jener Zeit noch Anerkennung. Man war jemand. Der alte Bus aus Luzern fiel mit der Zeit langsam aber sicher auseinander, also musste ein neuer her. Doch die Stadt verweigerte das notwendige Geld. Dies geschah im Jahr 1952. Schnell hatte sich mein Vater entschieden, selber zu handeln. Er hatte es satt, nur Krämer zu sein und wollte selbstständig werden und nicht mehr von andern abhängig sein. Das Fernweh hatte ihn gepackt. Das Lebensmittelgeschäft gab er auf und kaufte sich mit dem Ersparten erst einmal einen achtplätzigen rot-weissen VW-Bus, mit dem er die auswärtigen Fabrikarbeiter von Sprecher & Schuh vom Sprecherhof nach Erlinsbach und zurück fuhr.

Ein Haus im Bau am Bollweg auf dem Distelberg, ganz nahe von Aarau, war zum Verkauf ausgeschrieben. Ein idealer Standort für sein neues Reiseunternehmen, fand er. Nur die ursprünglich vorgesehene Garage für einen Personenwagen musste auf die Grösse eines Reisecars um- beziehungsweise ausgebaut werden, denn jetzt kaufte er sich auch noch seinen ersten eigenen Reisecar, einen vierundreissigplätzigen Mercedes für 78 000 Franken. Nun hatte er ein eigenes Haus und eine Garage für seinen neuen Car.

Das Haus war toll, verfügte über fünf Zimmer, einen Balkon Richtung Süden, einen riesigen Garten und lag unmittelbar am Waldrand. Uns Kindern gefiel das ausserordentlich. Um uns fünf Kinder unterzubringen war es dann aber doch etwas eng. Meine beiden älteren Brüder teilten sich das neben dem Elternschlafzimmer grösste im ersten Stock mit Blick auf Unterentfelden und ins Suhrental. Sie schliefen in einem Kajütenbett. Ich bekam für mich allein ein kleines ebenfalls im ersten Stock auf der Nordseite mit einem Fenster genau oberhalb des gedeckten Hauseingangs. Um auf einen der geteilten Estrichbereiche zu beiden Seiten des Hauses zu gelangen, musste man mein Zimmer durchqueren, weil sich hier die eine Türe befand. Die Schwester schlief vorerst noch zusammen mit dem kleinen Bruder im letzten verbleibenden Zimmer.

Als dann später die Geschäfte mit dem Carunternehmen zu laufen begannen, brauchten meine Eltern ein Büro. Es reichte nicht mehr, dass man das Geschäftliche in der Küche oder in der Stube erledigte. Also nutzte man eben dieses Zimmer auch als Büro, was bedeutete, dass nur noch ein Bett drin Platz fand. Mein kleiner Bruder durfte oder musste dort bleiben. Musste deswegen, weil das Telefon auch dann läutete, wenn er bereits eingeschlafen war. Für die Schwester wurde die recht grosse Stube zweigeteilt. Ein Schreiner fügte eine Trennwand aus Holz mit einer Schiebetüre ein und so hatte auch die Schwester ihr eigenes Refugium. Nur, diese Holzwand war überhaupt nicht gegen Lärm isoliert, sodass sie notgedrungen den Lärm, den das Radio, der Schwarz-Weiss-Fernseher, die Eltern und wir drei älteren Brüder abends in der Stube machten, aushalten musste.

Endlich hatte Aarau ein eigenes Carunternehmen. Über Aufträge konnte sich mein Vater nicht beklagen. Die Personentransporte für die Firma Sprecher & Schuh nahmen zu. Die Kirchgänger aus Unterentfelden fuhr mein Vater sonntags und an Feiertagen nach Suhr, hatte Unterentfelden doch noch kein eigenes Gotteshaus. Es folgten Altersausflüge, Vereinsausflüge aller Art, Schulreisen kamen dazu, Betriebsbesichtigungen, Hochzeitsausflüge und andere Fahrtaufträge. Auf seinen Fahrten trug er wie das auch bei Postchauffeuren üblich war, einen Arbeitsmantel, genau so, wie ihn auch heute noch Ärzte oder Apotheker zur Arbeit benutzen.

Bald einmal wagte er sich, Tagesausflüge zu veranstalten. Dass er nun plötzlich in die Phalanx der eingesessenen Firmen wie Erismann aus Schönenwerd, Bachmann aus Kölliken oder Maurer aus Safenwil einbrach, störte ihn keineswegs, es stachelte ihn eher an, denn schliesslich war er der Einzige aus Aarau. Die Geschäfte liefen gut. Er war fast immer unterwegs und unsere Mutter erledigte unsere Erziehung, Haus und Herd und Bürokram. Eine grossartige Mutter war sie und als Geschäftsfrau, die sie notgedrungen sein musste, war sie erfolgreich und allseits beliebt.

1956 kam ein 22-plätziger Setracar dazu. Ein Schmuckstück. Doch um den auch noch in einer Garage unterbringen zu können, musste eine Garagehalle her. Dies geschah auf dem gleichen Grundstück, Platz gab es dazu genug. Allerdings musste sie in die Erde hineingebaut werden. Was hat sich mein Vater doch aufgeregt, weil das Bauunternehmen das Grundwasser nicht in den Griff bekommen und es zu monatelangen Verzögerungen und Zusatzkosten geführte hatte, bevor die Halle endlich bezugsbereit war. Aber wie immer, was lange währt, wird gut.

Jeder Car, der in den Folgejahren zur Flotte dazu kam, erhielt einen Namen. Vorne links unterhalb der Frontscheibe wurden sie mit Sämi, Gusti, Rosa, Louise, Hausi (das war der Spitzname meines Vaters), Lotti, Evi und so weiter beschriftet.

Wir Kinder waren stolz auf unsere Eltern, die allerorts angesehen waren. Was uns auch ganz besonders passte, war, dass wir an schulfreien Tagen und Sonntagen mit unserem Vater auf Reisen gehen durften. Zum ersten Mal in unserem Leben lernten wir die Schweiz näher kennen, überquerten Schweizer Pässe und erblickten die wunderschönen Schweizer Seen. Das war ein grosses Privileg.

Ich und mein Bruder Pe bei Andermatt

Und als 1957 auch noch Badeferien an der Adria angeboten wurden, war für uns die Welt komplett in Ordnung. Denn nun waren wir Kinder privilegiert, durften wir doch ans Meer in die Ferien reisen, was in diesen Jahren sicher noch nicht jedermann möglich gewesen war. Ganz so einfach wie heute eine derartige Ferienreise abläuft, wars damals noch nicht. Werfen wir einen Blick ins erste Reiseprogramm:

Wir fahrenab 3. Juni bis Ende September

jeden Montag mit modernsten Autocars für 6 oder 13 Tage

Wir bieten

Aarau-Kerenzenberg-Davos-Flüela-Zernez (Mittagessen)-Ofenpass-Sta. Maria-Meran-Bozen-Trento-Riva-herrliche Galeriestrasse des Gardasees-Desenzano (Hotelunterkunft).

Desenzano-Verona (Besichtigung der Arena, Grab von Romeo und Julia)-Vicenza (Mittagessen)-Padua-Ferrara-Ravenna-Cervia.

Unterkunft in nur erstklassigen Hotels. Verpflegung im Grand Hotel Cervia. Ferien am Meer zu Ihrer freien Verfügung. Günstige Bademöglichkeiten, Strand 9 km lang (Badekosten und Kabinen im Preis inbegriffen).

Ausflugsmöglichkeiten nach Venedig, Rimini, Riccione, Cattolica, Assisi, Ravenna, San Marino (die kleinste Republik der Welt).

Rückfahrt über Bologna-Modena-Parma-Piacenza-Mailand-Chiasso-Lugano-Gotthard-Aarau

Günstig

Fahrt, Unterkunft und Verpflegung in erstklassigen Hotels,der PreisBadekabinen usw. alles inbegriffen

6 Tageim Juli und August Fr. 195.-, im Juni und Septembernur Fr. 160.-

13 Tageim Juli und August Fr. 330.-, im Juni und Septembernur Fr. 250.-

Sie benötigenentweder gültiger Reisepass oder Identitätskarte, die auf jeder Gemeindekanzlei zu Fr. 1.- bezogen werden kann (Bei der Anmeldung abgeben).

Das waren noch Zeiten! Mein Vater war einer der ersten Carunternehmer der Schweiz, wenn nicht der erste, der regelmässige Badeferienfahrten an die Adria offerierte. Car und Chauffeur blieben vor Ort für die Betreuung der Gäste und für die angebotenen Ausflüge.

Im selben Jahr wurden zusätzlich zwölf verschiedene mehrtätige Rundreisen ausgeschrieben: u.a. Tulpenblüte Holland (7 Tage Fr. 295.- Vollpension), Rom und italienische Riviera (6 Tage Fr. 245.- Vollpension), französische Riviera (4 Tage Fr. 170.- Vollpension), Schweizrundfahrt (5 Tage Fr. 75.- nur Fahrt), Bayerische Königsschlösser (2 Tage Fr. 75.- Vollpension), Wien und Grossglockner (7 Tage Fr. 245.- Vollpension), Rheinland und Moseltal (3 Tage Fr. 130.- Vollpension), Südtirol und Dolomiten (3 Tage Fr. 125.- Vollpension), Oktoberfest München (3 Tage Fr. 55.- nur Fahrt). Von solchen Preisen kann man heute nur noch träumen.

Bereits 1958 erhielt mein Vater von der Daimler Benz AG in Stuttgart eine Gratulationsurkunde zum 200 000. gefahrenen Kilometer mit einem Reisecar der Marke Mercedes.

Nach diesem kurzen Exkurs in die Anfänge der Fernreisen zurück zu meiner Person und zu meinen Geschwistern. Abgesehen von Badeferien am Meer mussten wir auch ein paar weniger positive Dinge in Kauf nehmen. So zum Beispiel wurden wir von unsern Eltern angehalten, die Cars am Abend nach der Rückkehr von einem Ausflug oder einer Reise im Innern zu putzen. Der Chauffeur erledigte das Waschen der Karrosserie und das Auftanken. Leidig bleiben mir die Fettflecken an den Fenstern in Erinnerung, die von den Köpfen der Gäste stammten. Oder das Leeren der Aschenbecher. Man durfte im Car rauchen. Die Zigarettenstummel wären ja noch gegangen, aber was die Leute da alles reinstopften, war grässlich, vor allem dann, wenn man den Unrat ‒ Öpfelgörpsi, Papierhandtücher, Kaugummis ‒ mit den Fingern herausklauben musste. Als wir noch klein waren, war diese Arbeit auch gar nicht so schlimm, später als Teenager hassten wirs, denn vor dem Putzen durften wir nicht in den Ausgang gehen.

Eines Abends in unserer Stube herrschte ein wenig Unruhe, weil ein Chauffeur überfällig war und schon längst wieder hätte zurück sein sollen. Vater und Mutter werweissten, ob ihm etwas zugestossen war, einen Unfall hatte oder ob er irgendwo herumtrödelte. Denn dieser Car musste noch für den nächsten Morgen bereitgestellt werden. Ich hörte mit. Und als der Chauffeur dann endlich langsam vor unserer Stube vorbei zur Garage fuhr, trat ich auf den Balkon und sagte in kindlicher Unschuld zu ihm durch das geöffnete Carfenster: «So, so, sind Sie endlich zurück!?» Ich begriff nicht, warum mich meine Eltern danach tadelten, ich hätte das nicht sagen dürfen. Im Nachhinein verstand ich, dass der Chauffeur erahnen konnte, dass meine Worte nicht die meinen, sondern jene meiner Eltern waren, was ihnen dann doch wieder nicht recht war, weil sie ihren Angestellten nicht verärgern wollten. Ich habe diese peinliche Episode in meinem späteren Leben nie mehr vergessen.

Astor, unser Mischlingshund, war ein ganz Lieber. Er bescherte uns wenig Arbeit. Zum Fressen bekam er die Resten vom Tisch, ausführen zum Pipimachen mussen wir ihn auch nicht, denn er lief immer frei herum. Robybags waren noch längst nicht erfunden. Also musste man auch den Hundekot nicht auflesen. Nur manchmal, wenn er seit ein paar Stunden nicht mehr gesichtet worden war, schickte uns die Mutter auf die Suche nach ihm. Ab und zu fanden wir ihn ziemlich weit weg in einem Garten zuoberst auf dem Distelberg, wo er wohl einer Hündin nachstellte, manchmal im Wald oder in der Nähe eines nahegelegenen Bauernhofs.

Nebenbei bemerkt, nicht nur Astor zog es auf den Distelberg. Auch wir Buben waren ab und zu dort und hockten uns am Waldrand ins Gras oberhalb der Distelbergstrasse ‒ die Umfahrungsstrasse gab es damals noch nicht ‒ und zählten die vorbeifahrenden Autos. Autos zählen und erraten, welcher Marke sie waren, machte echt Spass. Dieses kleine Vergnügen ist wohl der Grund dafür, dass ich auch heute noch interessiert fast allen Autos auf der Strasse nachschaue.

Ein gewaltiges Hochgefühl bereitete mir das Herumhangeln in den Ästen der mächtigen Bäume am Waldrand, die an unsern Garten grenzten. Ich kam mir vor wie Tarzan. Ich kletterte von einem Baum zum andern. Ich glaube, ich schaffte schon mal vier oder fünf Bäume, ohne je den Boden berührt zu haben. Manchmal musste ich einen Sprung wagen, um einen geeineten Ast des nächsten Baums zu erreichen. So kam es, wie konnte es anders sein, dass ich mal den Halt verlor und rücklings zu Boden stürzte, was mir augenblicklich den Schnauf abstellte. In tödlicher Angst rannte ich ins Haus zu meiner Mutter, die mich mit Worten besänftigte und mit ihren Händen meinen Rücken rieb, sodass ich schnell wieder auf den Beinen war.

Wie gesagt, waren wir artige Kinder, grundsätzlich zumindest. Doch wenn ich daran denke, wie sich ab und zu meine beiden älteren Brüder in ihrem Schlafzimmer anschrien und die Köpfe zerschlagen haben, dann zweifle ich, dass wir es wirklich waren. Als ich aus dem Bubialter herausgewachsen und körperlich stärker geworden war, stritt auch ich mit den beiden. Der älteste Bruder drängte mich eines Tages bei einem solchen Zwist ins Büro, stiess mich mit seinen starken Armen vorwärts bis ich am Bürotisch nicht mehr weiter zurückweichen konnte. Zur Abwehr boxte ich ihm mit meiner Faust direkt ins Gesicht. Er wich nun endlich selber zurück und hielt seine Hand an die blutende Oberlippe. Seine Gesichtsfarbe wechselte auf Rot. Seine Augen blitzten vor Wut. Nur, er traute sich jetzt nicht mehr, mich weiter zu belästigen. Aber in Worten tat er es umsomehr: «Du Arschloch, das werde ich dir heimzahlen.» Hat er aber nicht getan!

An der Primarschule Unterentfelden absolvierte ich die zweite bis zur fünften Klasse in den engen, harten Holzbänken. In der zweiten und dritten Klasse unterrichtete uns eine Lehrerin, ein sprödes, hochgewachsenes, in die Jahre gekommenes Fräulein. Die beiden restlichen Jahre an der Schule in Unterentfelden unterwies uns ein älterer Herr mit einem dicken Bauch. Er war sehr streng, was auch manchmal wirklich nötig war, zählte unsere Klasse doch tatsächlich fünfzig Schülerinnen und Schüler.

Einer war zum Beispiel der Sohn vom Bären, ein anderer kam aus einer Bauersfamilie, einer von der Käserei, einer war der Sprösslich eines Beamten und ich vom Carunternehmer. Eine kunterbunt zusammengemischte Bande von Buben, die oft Unsinn im Sinn hatten.

Von den Mädchen weiss ich leider nichts mehr. Ausser vielleicht, dass ich gerne die gescheite Regula als meine Freundin gehabt hätte, doch sie bevorzugte einen andern. Mehr Glück hatte ich mit der zierlichen Esther. Freilich beruhten solche Beziehungen nicht immer auf absoluter Gegenseitigkeit. Meine Gefühle übermittelte ich der Angebeteten jeweils während des Unterrichts, indem ich ihr im Geheimen, dann wenn der Lehrer mit dem Rücken zu uns an der Wandtafel stand, ein Zettelchen mit den rührigen Worten «Ich liebe dich» zuschob. Es kam selbstverständlich vor, dass sich der Lehrer in genau diesem Moment zu uns umdrehte und sah, was ich da machte. Die Strafe folgte auf dem Fuss. Aber was bedeuteten schon diese Freundschaften, es ging vor allem darum, bei den Kameraden angeben zu können, dass man eine Freundin hatte, mehr war da nicht, zu jung waren wir.

Zweimal war ich in eine Schlägerei verwickelt. Das erste Mal auf dem Pausenplatz vor unserem Schulhaus. Ob es bei diesem heftigen Streit bereits in meinem jungen Alter um ein Mädchen ging ‒ Regula oder Esther vielleicht ‒, weiss ich nicht mehr. Auf alle Fälle liess ich mich von einem Buben aus einer andern Klasse provozieren. Und ich provozierte zurück. Meine Schulkameraden standen im Kreis um uns herum und sagten immer wieder zu mir, ich soll aufhören, denn der andere sei stärker. Es half nichts, er schubste mich, ich fiel zu Boden, stand wieder auf und stiess ihm die Faust ins Gesicht. Und so ging es weiter bis wir uns auf dem Boden wälzten und beiden langsam der Schnauf ausging. Es tat überall weh. Der Prügelei ein Ende setzte schliesslich unser dicker Lehrer. Es gab zusätzlich zu den Schrammen und Blessuren noch eine Strafaufgabe. Aber immerhin hatte ich mich dem Stärkeren gestellt, das bleibt mir immer noch in Erinnerung. Möglich, dass mich Esther daraufhin bewunderte. Es sollte in meinem Leben auch nicht die letzte Schlägerei gewesen sein.

Das zweite Mal befanden wir uns auf dem Heimweg. Ein Trottoir gab es nicht. Wir gingen jeweils zwischen den Tramschienen, die auf der Strasse verliefen. Auch in diesem Fall fällt mir nicht mehr ein, weshalb ich mich mit einem Schulkameraden geschlagen hatte. Jedenfalls fand der Kampf mitten auf dem Tramgleis statt. Die andern schauten zu und peitschten uns an. Glücklicherweise erlitt weder er noch ich einen körperlichen Schaden, denn das Pfeifen des herannahenden Trams liess uns schnell zur Seite in Sicherheit springen.

Fataler war Jahre später ein Unfall auf eben diesem Tramtrassee für einen Schulkameraden meines kleinen Bruders. Er war mit seinem Fahrrad unterwegs zur Schule, als er mit einem Tram zusammenstiess. Er starb im jungen Alter einen tragischen Tod.

Etwas Anstössiges ereignete sich an einem schulfreien Mittwochnachmittag im Wald neben unserem Haus. Ich habe es Zeit meines Lebens noch niemandem erzählt. Es ist tatsächlich unbegreiflich, was wir als Kinder so getrieben haben. Ob unsere eigenen Kinder ähnlichen Unsinn im Kopf haben oder hatten, weiss ich nicht. Jedenfalls verschwanden ich und ein paar meiner Schulkameraden im Wald und setzten uns vor zufälligen Zuschauern geschützt hinter ein üppiges Gebüsch. Einer von uns Lausbuben wollte uns andern etwas ganz Aussergewöhnliches zeigen. Er machte es uns vor und suchte auf dem Waldboden nach einem kleinen Zweig. Dann liess er seine Hose fallen und wir anderen wunderten uns. Er steckte den Zweig, eigentlich ein winziger Stecken, in sein After und meinte, das sei ein höllisch schönes Gefühl und wir sollten das auch mal probieren. Zögerlich entledigte sich einer seiner Hosen und tat es dem Ersten nach. Mit Ahs und Ohs hatte er uns andere dann überzeugt. Alle suchten nach einem geeigneten ‹Gerät› und spielten das eigenartige Spiel mit. Ich war sehr gehemmt, aber als ichs geschafft hatte, spürte auch ich dieses wohlige Gefühl im Hintern und fragte mich, ob das so etwas wie Sex ist?

Was sich eines Tags in meinem Zimmer abgespielt hat, wusste bisher ebenfalls niemand. Wahrscheinlich waren die Eltern ausser Haus. Wir waren drei Buben und ein Mädchen aus der Nachbarschaft und interessierten uns für die geheimnisvolle Anatomie des weiblichen Geschlechts. Es ging also nicht um ein harmloses Dökterlispiel kleiner Kinder. Noch nie hatten wir es nämlich bislang mit eigenen Augen gesehen. Nach längerem Drängen willigte das Mädchen ein, uns ihr Teil zu zeigen unter der Voraussetzung, dass wir ihr gegenüber dasselbe tun würden. Natürlich waren wir einverstanden, denn der Blick dort hinunter interessierte uns all zu sehr. Sie hob scheu ihren Rock und sechs Augenpaare starrten verwundert auf ihr kleines Dreieck. Dann waren wir Buben an der Reihe. Sie kicherte lediglich beim Anblick unserer kleinen Lümmel. Und alle waren wir um eine kindliche Lebenserfahrung reicher. Natürlich versprachen wir uns ernsthaft, nie jemanden davon zu erzählen.

Ein anderes Mal ahmten wir die Erwachsenen nach und rauchten im Schutz von Gestrüpp des Waldes Nielen. Scheusslich. Am darauffolgenden Tag nach dem Unterricht zog ein durchtriebener Schulkamerad ein paar Eingeweihte zur Seite, wo uns niemand sehen konnte, und zog aus seiner Knickerbockerhose ein paar richtige Zigaretten, die er seinem Vater geklaut hatte. Dieses Abenteuer liessen wir uns selbstverständlich nicht nehmen und rauchten, zogen den blauen Dunst erst einmal zögerlich in den Mund und gleich wieder heraus, dann wurden wir mutiger und liessen den Rauch zur Nase heraus, und wer es wagte zu inhalieren, hustete fürchterlich. Scheusslich.

Einen gehörigen Streich spielten wir den Bewohnern des Fliederwegs. Vielleicht war es auch eine andere Strasse. An dieser Strasse jedenfalls lag ein Einfamilienhaus neben dem andern bis hin zur Hauptstrasse. Jedes Haus natürlich mit einem schön gepflegten Garten rundherum. Damit sich ja niemand erlaubte, dem Haus zu nahe zu kommen, waren die Gärten eingezäunt und mit einem Gartentürchen versehen. Auf diese Gartentürchen hatten wir es abgesehen. Zusammen mit ein paar andern Schlingeln zog ich eines Nachts in gebückter Haltung, damit man uns nicht sehen konnte, durch dieses Quartiersträsschen. Wir hoben jedes Gartentürchen aus seinen Angeln und vertauschten sie, sodass die Hausbesitzer am nächsten Morgen ihr Gartentor in der Nachbarschaft suchen mussten. Lustig oder nicht, wir hatten den Plausch bei diesem Jux. Konsequenzen blieben aus, hatte uns doch scheinbar niemand dabei beobachtet. Möglich, dass von diesem Lausbubenstreich in der nächsten Ausgabe des Landanzeigers berichtet wurde.

Noch habe ich einen saumässigen Geruch in der Nase, wenn ich an das folgende Ereignis denke. Mutter schickte mich in die Bäckerei ein Brot kaufen. Damals kostete das Brot über lange Zeit hin immer gleich viel. Also gab sie mir die exakt abgezählten Münzen in die Hand, auf dass ich ja nicht auf den Gedanken kommen könnte, noch irgendeine Süssigkeit zu kaufen. Aber wie das so ist im Leben, kauft man nicht nur ein Brot, sondern man trifft unterweg auf Schulkameraden. Auch an diesem unseligen Tag. Das gekaufte, in Seidenpapier verpackte Brot unter den Arm geklemmt trat ich den Heimweg an. Vor dem Bauernhof im grossen Rank traf ich auf einen Kameraden. Wir schwatzten, witzelten über die Lehrer und die Mädchen und stiessen einander lachend mit den Ellbögen an. Und was passierte dabei? Das Brot entglitt meinen Armen und fiel zu Boden, genauer am Strassenrand, dort, wo die Gülle des Miststocks des Bauernhofs gemächlich ins Gully floss. Sofort packte ich mein Brot, doch es war bereits beträchtlich durchtränkt von stinkender Jauche. Panik ergriff mich. Mein Kumpel rannte davon, denn er wollte nicht schuld sein an diesem Desaster. Und ich trottete mit hängendem Kopf Richtung Distelberg und fragte mich, ob ich den peinlichen Vorfall meiner Mutter erzählen oder einfach nur so tun sollte, als ob ich gar nie ein Brot gekauft hätte. Ich hatte Angst vor der kommenden Konfrontation. Dann, als ich zur Tür herein kam, schlich ich auf leisen Sohlen in die Küche, Ohren und Augen weit offen, um ja nicht mit meiner Mutter zusammenzutreffen, steckte das Brot in den Abfalleimer, was sonst, ein so stinkiges Brot, und verschwand irgendwo im Haus. Aber der Moment der Wahrheit musste ja auf alle Fälle irgendwann mal kommen. Das nächste Mal, als ich mich in die Nähe der Küche wagte, lugte meine Mutter durch die Tür und beordete mich zu ihr. Wo das Brot sei, fragte sie. Ich wollte schon eine Ausrede suchen, als sie den Abfalleimer öffnete und nochmals fragte, wo das Brot sei. Du riechst es ja, antwortete ich kleinlaut und erklärte mit den Augen auf den Boden gerichtet – ihr in die Augen zu schauen, traute ich mich nicht –, dass mir das Brot dummerweise und unglücklicherweise gerade beim Bauern zu Boden gefallen sei, ich könne nichts dafür. Meine Mutter reagierte grossherzig. Und dies vielleicht nur deshalb, weil ich doch ansonsten ein anständiger Bub war. Sie schalt mich nicht, sie bestrafte mich auch nicht. Oder nur indirekt. Sie schickte mich nämlich nochmals in die Bäckerei, was für mich nichts anderes bedeutete, als dass ich einen guten Teil meiner kostbaren Freizeit verloren hatte.

Das waren noch Zeiten in der Schule. Die Lehrer durften uns noch körperlich bestrafen, wenn wir nicht folgsam waren. Unser dicker Lehrer war darin ein Profi. Einerseits knallte er mit seinem Zeigestab auf unsere Finger, wenn er fand, wir würden nicht gehorchen oder wenn wir die Hausaufgaben nicht gemacht hatten. Fies allerdings war seine grausame Art, uns in solchen Fällen an den kurzen Haaren über dem Ohr zu ziehen. Ach, war das schmerzhaft. Glücklich sein konnten jene, die ihre Haare sehr kurz geschnitten hatten. Den Mädchen passierte solches nie, ihnen verzieh er grosszügig Verstösse gegen die Schulregeln. Es gab Buben in unserer Klasse, die fast jeden Tag auf diese Art bestraft wurden. Auch ich gehörte leider dazu. Ich fühle diesen Schmerz heute noch, wenn ich daran denke.

Unser dicker Lehrer war deshalb nicht bei allen beliebt. Er wohnte übrigens an der Tramstrasse genau gegenüber dem Bollweg, wo wir wohnten, hatte vor Jahren seine Frau verloren und war kinderlos. Eines Tages folgte die Rache. Unsere Rache. Er besass kein Auto, wer konnte sich das damals schon leisten, sondern bewegte seinen Hintern zwischen seinem Haus und der Schule mit einem Velosolex mit Benzinmotörchen über dem Vorderrad, das gerade noch stark genug war, ihn unter stinkenden Abgaswolken den Distelberg hinauf zu bringen. Wenn der Lehrer zu Hause war, lehnte sein Moped immer an der Hausmauer. Wir Buben nannten es spasseshalber Zuckerwasserpfupfer. Zu dritt schlichen wir uns heran, öffneten leise das Eisentor zu seinem Garten, natürlich mit der Angst, es könnte ächzen oder er könnte gerade aus dem Fenster schauen und uns sehen, und gingen gebückt zu seinem Gefährt. In die Hosentasche hatte ich zuhause ein paar Zuckerstücke gesteckt. Während einer der Kameraden aufpasste, öffnete der andere den Benzindeckel und ich liess diese Zuckerstücke hineinfallen. Deckel zu und abgehauen. In einem Versteck konnten wir uns endlich über unsere Heldentat freuen und juchzen.

Der Lehrer hat nie erfahren, wer die Schlingel waren, die ihm diesen Streich gespielt hatten. Weil sein Motörchen nun kaputt war, musste er gezwungenermassen für die nächsten Tage zu Fuss gehen. Mein Bruder Pe musste ihm zu seinem Leidwesen die schwere Lehrermappe nach Hause tragen, auch wenn er an diesem Lausbubenstreich nicht beteiligt gewesen war. Ach, haben wir das genossen. Zumindest am ersten Tag danach. Denn er verdächtigte nun alle Buben und seine Massregelungen wurden noch strenger als vorher. Das war unser Pech.

Und in gewisser Weise folgte noch eine andere Strafe auf dem Fuss. Besonders für mich. Der dicke Lehrer fragte meine Mutter, ob ich am nächsten freien Mittwochnachmittag nicht in seinem Garten helfen könnte, denn er sei sehr beschäftigt und körperlich sei er ja auch nicht mehr der Jüngste. Was sollte ich tun, ich musste meiner Mutter gehorchen, als sie mich zu ihm schickte. Ich tat, als sei nie etwas gewesen und der Lehrer ebenso. Aber irgendwie glaubte ich, dass er mich durchschaut hatte. Und so bewahrheitete sich die Redensart: wie du mir, so ich dir.

Eine gute Erinnerung habe ich an die Erntemonate auf dem Bauernhof von Zumbrunns unterhalb unseres Hauses. Man musste uns nicht zweimal fragen, ob wir an den freien Tagen mithelfen wollten, Äpfel, Rüben, Karrotten und anderes Gemüse zu pflücken. Denn während der Arbeit bissen wir in saftige Äpfel oder knabberten an knackigen Karrotten. Was aber noch toller war, war der Moment des Znünis am Morgen oder des Zvieris am Nachmittag. Da gab es nämlich echt gute Sachen zum Essen, Aufschnitt und Käse und Brot, und immer frischen Apfelsaft. Man mag sich heute fragen, warum das denn so besonders gewesen sei. Nun, damals waren die Zeiten noch anders als heute. Über einen Apfel freute man sich noch. Aufschnitt und Käse gab es daheim auch nicht jeden Tag. Ich weiss noch genau, wie meine Mutter Kartoffelstock und Ragout mit viel Bratensauce zubereitet hatte. Wenn dann das spärliche Fleisch aufgegessen war und man noch Hunger hatte, wurden Brotwürfel sozusagen als Fleischersatz in die feine, braune Sauce getaucht. Gab es Kartoffelsalat mit Schweinswürstchen, dann durfte nur Vater eine ganze Wurst haben, wir bekamen nur ein halbe. Ein Orangina zu Hause? Niemals! Nur dann, wenn wir auswärts assen, durften wir an einem Softdrink schlürfen. Bananen? Zu teuer und deshalb nur bei besonderen Anlässen auf dem Tisch. Kühlschränke waren rar. Und wenn eine Familie einen besass, so war dieser noch nicht im Überfluss mit feinen Sachen gefüllt, wie das heute oft der Fall ist.

Meine Schlussnoten in der fünften Klasse waren gerade gut genug, dass ich ohne Aufnahmeprüfung an die Bezirksschule in Aarau wechseln konnte. Das schafften nur wenige von uns, einige mussten eine zusätzliche Aufnahmeprüfung ablegen, andere landeten in der Sekundarschule oder in der Oberschule.

Ein neues Zeitalter begann. Meine Eltern schenkten mir zu diesem Anlass ein rotes Velo, eine Occasion allerdings, mehr lag finanziell nicht drin. Voller Erwartung und auch mit einigem Respekt pedalte ich am ersten Schultag ins Zelglischulhaus in Aarau, in dem die Bezirksschule untergebracht ist.

Wir Novizen wurden in die neuen Klassen eingeteilt. Es gab bis zu diesem Zeitpunkt für Buben und Mädchen nur getrennte Klassen, so auch die 1 A, 1 B und 1 C, doch ich war einer, der in die erste gemischte Klasse überhaupt eingeteilt wurde. Das war neu an der Bez: die Klasse 1 D/e mit dreissig Schülerinnen und Schülern und dem Klassenlehrer Widmer, dem wir den Übernamen ‹Sprutz› gaben. ‹Sprutz› war jung und trug meistens einen Veston mit offenem Hemd.

Anders dann unser späterer, strenger, seriöser Klassenlehrer alter Schule, Herr Meyer, der immer eine Krawatte trug. Niemand trug damals an der Schule Jeans, weder Lehrer noch Schüler. Diese lässigen Hosen waren noch nicht gesellschaftsfähig. Im Gegensatz dazu wurden ab unserem Jahrgang gemischte Klassen gesellschaftsfähig.

Der Pausenhof blieb jedoch weiterhin und noch über Jahre strikt nach Geschlechtern getrennt, der Nordhof gehörte den Buben, der Südhof den Mädchen.

Die Sitten während des Unterrichts waren streng. ‹Sprutz› beispielsweise lehrte uns Disziplin. Meinen Platz hatte ich in der hintersten Reihe am Fenster ausgesucht, damit ich die Übersicht hatte oder vielmehr, damit ich von den Lehrern möglichst nicht als Erster aufgerufen wurde, wenn von uns Schülern eine Antwort gefragt war. Das funktionierte für mich nicht schlecht. Es ging aber auch darum, dass die Lehrer nicht sehen konnten, wenn ich irgendeinen Unsinn machte, wie zeichnen statt mitschreiben, was er auf die Tafel kritzelte, oder dem Nachbarn etwas Anstössiges zuflüsterte.

An einem heissen Frühlingstag, die Sonne brannte durchs Fenster, zog ich während des Unterrichts meinen Pullover aus. Das war zu viel für ‹Sprutz›. Während der Stunde tut man das nicht, musste ich erfahren. Ich landete vor der Tür und musste warten, bis er die Güte hatte, mich wieder in die Klasse reinzulassen. In der Regel verpasste man dadurch einen Teil des Unterrichts, den man dann bei Schulschluss nachholen musste, also nachsitzen musste, wenn die andern nach Hause gehen durften.

Wenn man alleine auf dem Gang vor der Tür des eigenen Klassenzimmers stand, dann wussten alle Vorbeigehenden, vor allem die andern Lehrer oder der Abwart, dass man eine Strafe aufgebrummt bekommen hatte, was wiederum für den bestraften Schüler eine zusätzliche Beschämung bedeutete. Lieber wäre mir als Strafe gewesen, der Lehrer hätte mir mit dem Zeigestab auf die Finger geklopft oder mich an den Haaren über dem Ohr gezogen, so wie es unser dicker Lehrer dannzumal an der Primarschule Unterentfelden zu tun pflegte.

Die wenigen Buben aus Unter- und Oberentfelden, welche die Bezirksschule besuchten, fuhren, wenn es das Wetter einigermassen zuliess, mehr oder weniger gemeinsam mit dem Velo. Auf dem Distelberg trafen wir uns.

Manchmal allerdings, vor allem im Winter, wenns zu glitschig und zu kalt war, nahmen wir das Tram. Aus heutiger Sicht ein Oldtimertram, eine echte Strassenbahn, die uns den Distelberg hinunter und durch die enge Obere Vorstadt zum Regierungsgebäudeplatz, dem heutigen Aargauerplatz, brachte. Die Tramwagen verfügten als Einstieg vorne und hinten über eine Aussenplattform. Die schönsten Momente waren immer die, wenn wir draussen standen und uns den Wind um die Ohren sausen liessen. Am oberen Treppenende wurde als Sicherheit eine Metallstange als Absperrung heruntergelegt. Und wer nun ganz mutig war, setzte sich trotz Absperrung auf die Aufstiegstreppe, obschon es verboten war.

Vom Regierungsgebäudeplatz hatten wir es dann nicht mehr weit bis zum Zelglischulhaus. Das Tram musste eine Spitzkehre machen und ratterte dann bis 1967 weiter über die Bahnhofstrasse bis zum Bahnhof.

Für die Knaben war es Pflicht, bei den Kadetten mitzumachen. Dieser militärische Vorunterricht, zeitweise sogar mit alten Karabinern, Bajonetten und Patronentaschen, passte mir nicht besonders. Der grobe, grün-graue Stoff der Kadettenuniform kratzte überall. Und weil mein Vater überhaupt kein Militärkopf war, wollte ich es auch nicht sein. Zum Gruppenführer brachte ich es aus diesem Grund nicht, nur einmal durfte oder musste ich während des Maienzugs vor einer Abteilung jüngerer Kadetten vorausgehen. 1972 schlug das letzte Stündlein für das einst stolze Aarauer Kadettenkorps. Der militärische Vorunterricht war zu einem Auslaufmodell geworden und wurde in die Organisation Jugend + Sport überführt.

Im Singen war ich immer schlecht, vielleicht der Schlechteste der Klasse, was sich auch in den Zeugnisnoten zeigte und bis heute so geblieben ist. Musikunterricht, zum Beispiel Klavier- oder Flötenspielen, was freiwillig war, war nicht mein Ding. Das passte bestens zu unserer ziemlich unmusikalischen Familientradition. Einzig Mutter konnte herrlich singen.

Im Gegensatz zum Musischen war ich sportlich begabt. Ich spielte Feldhandball, war Mitglied der Jugendriege, gehörte später zur Kunssturnerriege des BTV Aarau und beteiligte mich an Turnfesten in Zofingen, Gränichen, Luzern, Brittnau, Aarau und Winterthur. In Gränichen schaffte ich 1963 sogar einen Lorbeerzweig, nicht als Erster, aber immerhin ganz vorne klassiert. Ich eiferte genau so wie mein zweitältester Bruder unserem Vater nach, erreichte allerdings nie und nimmer sein Niveau. Das höchste der Gefühle war der Handstand am Barren. Klimmzüge an den Ringen schaffte ich ebenfalls, aber am Reck brachte ich nie eine Riesenfelge zustande.

Wohl wegen des Kunstturnens ereilte mich ein Rückenleiden, weshalb ich diesen Sport bereits mit 18 Jahren wieder aufgeben musste. Und mein lädierter Rücken bereitet mir seither ständig Sorgen und zwang mich viele hundert Stunden zur Behandlung beim Physiotherapeuten und Chiropraktor.

Gute Klassierungen gab es für mich jeweils an den Aarauer Skimeisterschaften, im Jahr 1964 Zweiter und im 1968 Sechster. Im darauf folgenden Winter durfte ich eine weitere Medaille in Empfang nehmen. Zehn Jahre später, als ich in St. Moritz auf der Graubündner Kantonalbank arbeitete, konnte ich meine Fähigkeiten auf Skier bestätigen und wurde zweimal hintereinander, 1978 und 1979, Bankenmeister bei den Senioren.

Skifahren lernte ich natürlich dank meines Vaters, der mit seinen Cars im Winter Tagesfahrten in die Skigebiete durchführte, bei denen ich so oft ich konnte mitfuhr. Aber zum allerersten Mal auf Skier stand ich mit etwa fünf Jahren, als ich von der Staffelegg auf der verschneiten Strasse hinunterfuhr, und zwar in Vaters Obhut zwischen seinen Beinen auf Holzskier.

Vater war ein begeisterter Skifahrer. 1966 gründete er zusammen mit Ruedi Wilhelm und anderen Skigrössen auch noch die Skischule Aarau. Sicher nicht nur aus Freude an diesem Wintersport, sondern auch aus kommerziellen Gründen, denn diese Innovation bedeutete auch mehr Gäste in seinen Cars.

Auch Schwimmen gehörte und gehört immer noch zu meinen Lieblingsportarten.

Bis 1955 befand sich die Badi von Aarau am Kraftwerkkanal. Wer gut schwimmen konnte, durfte auch ausserhalb der Bassinabgrenzungen im Kanal schwimmen. Das traf auf mich nicht zu. Und als ich eines Tages von der Badi nach Hause spazierte, entdeckte ich auf der Brücke vor dem Kraftwerk eine grosse Menschenansammlung. Ich schlüpfte durch eine Lücke und sah das fatale Ereignis ‒ eine aufgedunsene Männerleiche im Rechen. Von diesem schockierenden Tag an hatte ich immer eine gewisse Hemmung, in einem fliessenden Gewässer zu schwimmen.

Viele Jahre später an einem herrlichen Sommertag luden uns unsere Freunde von Münsingen ein, mit ihnen in der Aare bis ins Marzilibad in Bern zu schwimmen. Ich überwand meinen anfänglichen Schiss und sagte zu. Mitgemacht haben auch meine beiden mutigen Töchter, nicht aber meine Frau, die fand, das sei zu gefährlich. Wir taten es trotzdem. Das Wasser fühlte sich eisig kalt an. Es war trotzdem absolut fantastisch und einmalig. Meine Töchter waren auf alle Fälle auf den Geschmack gekommen und liessen mich ein Jahr später nicht in Ruhe, bis ich zusagte, mit ihnen auch noch den Aarekanal bei Aarau hinunterzuschwimmen.

Wohl zwanzig Jahre später ein weiteres Wasserabenteuer. Es war auf einer Turnfahrt der Fitnessriege, als Sepp und ich splitternackt von einem Felsen aus zu einem gewagten Kopfsprung in den bitterkalten Schwarzsee im Lötschental ansetzten und natürlich sofort und in Windeseile zurück ans rettende, wärmende Ufer des Bergsees crawlten.

In der Jungschar Aarau verbrachte ich ein paar meiner Jugendjahre. Sinnvoll und attraktiv war das Freizeitangebot. Wir kamen mit Pioniertechnik in Kontakt, mit Basteln, Kartenkunde, Kompasslesen, Kochen, Zelte aufstellen, Natur, Liedersingen und vielem mehr. Unvergesslich sind die Lagerwochen in Flühli im Entlebuch. Wie wir da auf den Felsbrocken in der Kleinen Emme auf abenteuerliche Weise herumgehüpft sind und manchmal auch einen Schuh voll Wasser herausgezogen oder ein blutendes Knie geholt haben, bleibt immer eine der unauslöschlichen Erinnerungen an meine wunderbare Kindheit.

Zweites KapitelJugendzeit

Den Konfirmandenunterricht erteilte Pfarrer Kurt Woodtli. Hätte ich diesen Unterricht zur Aufnahme jugendlicher evangelischer Christen in die Erwachsenengemeindein früheren Jahren besuchen müssen, hätte ich nach Suhr pilgern müssen, denn die Kirchgemeinde Unterentfelden wurde erst 1959 von der Pfarrei Suhr selbstständig.

Pfarrer Woodtli war ein guter Freund unserer Familie. Weil ein Pfarrer in meiner damaligen, kindlichen Einschätzung eine Respektsperson war, nicht gerade heilig, aber doch irgendwie unantastbar, wunderte ich mich doch sehr, dass mein Vater eines Tages nicht mehr von Pfarrer Woodtli, sondern von Kurt sprach. Er war mit ihm per Du. Und einmal mehr war ich stolz auf Vati, der eine so enge persönliche Beziehung zu dieser Autorität haben durfte.

An der Konfirmationsfeier trug ich zum ersten Mal einen Anzug mit silberner Krawatte und Pochette. Mit sichtlichem Stolz, das sieht man auf dem Konfirmationsfoto, stellte ich mich zusammen mit Gotte Greti und Götti Ernst, die extra für mich aus dem für mich fernen Zürich beziehungsweise aus Hausen angereist kamen, dem Fotografen.

Ich war jetzt mit 16 Jahren im kirchlichen Erwachsenenalter. Was aber gar nicht heissen will, dass ich in den folgenden Jahren ein regelmässiger Kirchgänger geworden wäre. Im Gegenteil. Wie oft hat Mutter doch erfolglos gesagt, es sei wieder einmal Zeit, in die Predigt zu gehen. Wahrscheinlich habe ich mich meinem Vater angepasst, der am Sonntag sowieso immer mit dem Car unterwegs war und somit nur sehr selten in die Kirche gehen konnte. Im Gegensatz zu meiner Mutter war er nicht sehr gläubig. Auch das Tischgebet, das ‹Vaterunser› vor dem Essen, das in meiner Kindheit ein unverzichtbares Ritual gewesen war, geriet schnell in Vergessenheit.

Natürlich hat meine Jugendzeit nicht erst mit 16 Jahren begonnen. Aber ab diesem Zeitpunkt genoss ich ein paar zusätzliche Freiheiten. Ich durfte nun offiziell Zigaretten rauchen statt der scheusslichen Nielen. Und Bier trinken. Freilich kosteten wir die erste Stange Bier schon als Bezler während der verbotenen Zeit. Ich erinnere mich sehr gut an meine erste Stange. Es war im altehrwürdigen Laubsägelirestaurant Chalet neben der Garage Glaus an der Entfelderstrasse. Beide Geschäfte sind in der Zwischenzeit verschwunden. Zu dritt bestellten wir das Bier und das ‹Fräulein› hatte uns glücklicherweise nicht einmal nach unserem Alter gefragt. Bitter hats geschmeckt. Ich fragte mich, wie man so etwas überhaupt trinken konnte. Heute ist es mein Lieblingsgetränk.

1962, nach der Bezirksschule, unternahmen mein Schulfreund Peter und ich eine Reise per Autostopp nach Deutschland. Wir hatten unsere richtigen Vornamen ausgewechselt, so nannte er sich fortan Jimmy und ich Johnny. In späteren Jahren war ich im Freundeskreis ganz einfach der Schidi. Meine Mutter hatte grosse Bedenken, uns alleine nach Deutschland ziehen zu lassen und gemahnte uns, ja vorsichtig zu sein. Die Erinnerungen an dieses kleine Abenteuer, das damals für uns natürlich ein grosses war, sind vage. Jedenfalls schafften wir es bis an unser gestecktes Ziel Köln. Die letzte Etappe erfolgte auf einem Lastzug. Wir erreichten Köln um drei Uhr morgens. Auf der Rückreise nach Frankfurt war mit Autostopp nicht mehr viel zu bestellen. Nach einem Fussmarsch von 35 Kilometern erreichten wir dann wenigstens Koblenz. Auf dem Weg von Frankfurt nach Heidelberg geschah etwas für uns Unverständliches. Ein Geschäftsmann nahm uns in seinem Wagen mit. Er war ziemlich gesprächig und begann bald einmal vom letzten Krieg zu erzählen. Er schwärmte euphorisch von der Zeit des Nationalsozialismus. Wir dummen, unwissenden Buben glaubten, intervenieren zu müssen und widersprachen ihm etwas zu vorwitzig, was ihn derart in Missmut versetzte, dass er beim nächsten Autobahnparkplatz anhielt und uns mit Schimpf und Schande aussteigen liess. Er fuhr ohne uns weiter und wir standen mit unsern Rucksäcken alleine da und schauten uns lange konsterniert an, weil wir einfach nicht glauben konnten, was dieser Mann erzählt und wie er auf unsere Einwendungen reagiert hatte. Die Reise endete ohne weitere erwähnenswerte Ereignisse.

Nach der obligatorischen Schulzeit beginnt das Studium oder die Lehre. Studieren wollte ich nicht, ich hatte nun lange genug auf der Schulbank gesessen. Ausserdem ermunterten mich meine Eltern nicht dazu. Es wird wohl deshalb gewesen sein, weil ein Studium eher für Mehrbessere als für einfache Leute wie wir infrage kam. Nur, was für eine Lehre kam für mich in Betracht? Welche augenscheinlichen Fähigkeiten besass ich? Sollte ich wie meine beiden älteren Brüder im Baugewerbe eine Lehre machen? Ich wusste es selber nicht, richtig gut und richtig schwach war ich in der Schule nirgends und eine besondere Präferenz, einen Berufswunsch für meine Zukunft, spürte ich auch nicht. Also richtete es mein Vater. Dank der geschäftlichen Beziehung mit der Allgemeinen Aargauischen Ersparniskasse in Aarau, die ihn mit Krediten für den Kauf der Cars versorgte, fand er für mich ab 1962 eine Lehrstelle als kaufmännischen Angestellten. Ich bin mir sicher, dass er dies nicht nur rein für mich getan hatte. Er dachte ganz klar schon damals an seine Zukunft, an die Weiterführung seines Unternehmens, denn dazu brauchte er einen Kaufmann. Und so war ich für seine Nachfolge schon einmal vorprogrammiert. Diesen Gedanken hatte ich damals aber bestimmt noch nicht, nein, ich war überglücklich, eine Banklehre antreten zu dürfen. Eine Banklehre zählte damals fast so viel, wie der Besuch der Kantonsschule. Nicht ganz, aber immerhin kam sie gleich danach. Hätte es damals die Berufsmaturität kaufmännischer Richtung gegeben, hätte ich mich wohl dafür entschieden.

Als ich nach der dreijährigen Ausbildung die Bank verliess, hatte ich das Gefühl, nur angelernt worden zu sein und vom Bankgeschäft nur gerade eine Ahnung zu haben, aber sicher fühlte ich mich nicht als vollwertiger Bankangestellter. Über die drei Jahre hinweg gab es für mich in allen durchlaufenen Abteilungen immer nur Teilaufgaben zu lösen. Das wäre auf einer Agentur mit wenigen Angestellten wohl anders gewesen. Das heisst aber nicht, dass ich meine Arbeit nicht zufriedenstellend gemacht hätte. Ausser kleinen Ausrutschern wie dem zweimaligen Auslösen des Fussalarms am Bankschalter mit anschliessendem Besuch der Stadtpolizei, metzgete ich mich recht gut. Damals arbeitete man auf der Bank auch am Samstagmorgen. Und Ferien gab es jährlich lediglich zwei Wochen.

Im ersten Jahr der kaufmännischen Berufsschule legte ich mich energisch ins Zeug, ich büffelte auch am Wochenende. Und nach Ablauf dieses ersten Drittels der Lehre hatte ich den Durchblick und konnte es die zwei verbleibenden Jahre fast ein wenig gemütlich angehen und musste nicht mehr oft in meiner Freizeit lernen.