Das Goldene Zeitalter global - Michael North - E-Book

Das Goldene Zeitalter global E-Book

Michael North

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Beschreibung

Die Niederländische Republik war in vielerlei Hinsicht einzigartig im Europa der Frühen Neuzeit. Die hohe Urbanisierung, die geringe Zahl an Analphabeten und die religiöse Toleranz waren nur einige der vielen Besonderheiten. Hierzu gehörten auch der ungewöhnlich große Kunstbesitz und die immense Produktivität der Maler, die dieser Epoche den Namen "Goldenes Zeitalter" gab. Niederländische See- und Kaufleute verbanden, ausgehend von Nord- und Ostsee, die Weltmeere und vermittelten die Güter der entlegensten Regionen. So schildert das Buch die niederländische Präsenz in der Welt, die Interaktion mit den einheimischen Gesellschaften sowie die davon ausgehenden künstlerischen Wechselwirkungen vor Ort einschließlich ihrer Rückwirkungen auf Europa. Die Leser*innen folgen auf diese Weise der Kupferstecherin Maria Sibylla Merian auf der Reise nach Surinam, erleben die Förderung niederländischer Künstler und Gelehrter durch Christina von Schweden, werden Zeugen einer wahrhaften "Hollandomanie" in Japan und erfahren außerdem, wie Rembrandt die Kunst am indischen Mogulhof imitierte.

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Michael North

Das Goldene Zeitalter global

Die Niederlande im 17. und 18. Jahrhundert

BÖHLAU VERLAG WIEN KÖLN WEIMAR

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der

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© 2021 Böhlau, Lindenstraße 14, D-50674 Köln, ein Imprint der Brill-Gruppe (Koninklijke Brill NV, Leiden, Niederlande; Brill USA Inc., Boston MA, USA; Brill Asia Pte Ltd, Singapore; Brill Deutschland GmbH, Paderborn, Deutschland; Brill Österreich GmbH, Wien, Österreich)

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Alle Rechte vorbehalten. Das Werk und seine Teile sind urheberrechtlich geschützt.

Jede Verwertung in anderen als den gesetzlich zugelassenen Fällen bedarf der vorherigen schriftlichen Einwilligung des Verlages.

Umschlagabbildung: Jan Brandes, Teebesuch in Batavia, 1780er Jahre, Aquarellzeichnung, Jakarta © Rijksmuseum Amsterdam NG-1985-7-2-15

Korrektorat: Ute Wielandt, Markersdorf Einbandgestaltung: Guido Klütsch, Köln Satz: Michael Rauscher, WienEPUB-Produktion: Lumina Datametics, Griesheim

Vandenhoeck & Ruprecht Verlage | www.vandenhoeck-ruprecht-verlage.com

ISBN 978-3-412-52399-2

Für Doreen Wollbrecht

Inhalt

Einleitung

1.Die Ostindische und Westindische Handelskompanie (Focus : ZACHARIAS WAGENER)

1.1Asiens Güter

1.2Die Anfänge der niederländischen Asienfahrt und die Gründung der Vereinigten Ostindischen Kompanie

1.3Die Westindische Kompanie

1.4Migration und Schifffahrt

1.5Überlegungen zum niederländischen Handelsimperium

2.Die Welt in den Niederlanden (Focus : NICOLAAS WITSEN)

2.1Die Domestizierung fremder Güter in den niederländischen Haushalten

2.2Ostindienläden und Kuriositätenkabinette

2.3Die Welt im niederländischen Mediensystem

2.4Repräsentation des Handels und seiner Güter in der Kunst

3.Nord- und Ostseeraum (Focus : CHRISTINA VON SCHWEDEN)

3.1Die Niederlandisierung des Ostseeraumes

3.2Migration von Bauern, Handwerkern und Kaufleuten aus den Niederlanden

3.3Migration aus dem Nord- und Ostseeraum in die niederländische Welt

3.4Niederländische Architekten und Maler

3.5Niederländische Gemälde in Sammlungen und Haushalten des Ostseeraumes

3.6Wissens- und Technologietransfer

4.Brasilien (Focus : JOHANN MORITZ VON NASSAU-SIEGEN)

4.1Das niederländische Interesse an Brasilien

4.2Frans Post

4.3Georg Marcgraf

4.4Albert Eckhout

4.5Zacharias Wagener und Caspar Schmalkalden

4.6Sammlungen und Medien

4.7Die Aufgabe Brasiliens und ihre Nachwirkungen

5.Surinam und Curaçao (Focus : MARIA SIBYLLA MERIAN)

5.1Die europäische Einwanderung nach Guayana

5.2Sephardische Kaufleute und Pflanzer

5.3Sklaven und Plantagen

5.4Maria Sibylla Merian

5.5Paramaribo

5.6Curaçao

5.7Willemstad

6.Neue Niederlande (Focus : MARGRIETA VAN VARICK)

6.1Pelze und Siedler

6.2Afrikaner und Ureinwohner

6.3Politische Rivalitäten

6.4Architektur und materielle Kultur

6.5Der Van-Varick-Haushalt

6.6Niederländische Lebensstile im englischen New York

6.7Die Anfänge einer neuniederländischen Malerei

6.8Die Bilderarmut der britischen Amerikaner

7.Kapstadt (Focus : ANGELA VAN BENGALEN)

7.1Die Niederlassung am Kap

7.2Die Kapgesellschaft

7.3Die Architektur am Kap

7.4Eine globale materielle Kultur

7.5Wohnkultur und Dekorationsmuster

7.6Sozialer Kontext

7.7Kunstproduktion und Lebensstile

8.Batavia (Focus : SAYFOEDIN VON TIDORE)

8.1Wirtschaft und Gesellschaft

8.2Repräsentation durch Kunst

8.3Maler in Batavia

8.4Haus- und Wohnkultur

8.5Gemälde im Besitz niederländischer Einwohner

8.6Chinesische und muslimische Haushalte

8.7Geschmack und Moden

8.8Rezeption und Austausch

9.Der Indische Subkontinent (einschließlich Ceylon) (Focus : HENDRIK VAN SCHUYLENBURGH)

9.1Die VOC im lokalen Machtgefüge

9.2Niederländische Maler und Kunst an den Höfen des Mogulreiches .

9.3Rembrandt

9.4Das Nashorn Clara

9.5Englische Maler im Umkreis der English East India Company

9.6Die steinernen Zeugnisse der Niederländer : Friedhöfe und Grabmonumente

10.Japan (Focus : SHIBA KŌKAN)

10.1Die Anfänge der niederländischen Präsenz in Japan

10.2Niederländische Gemälde für den Shōgun

10.3Die Akita-ranga-Schule

10.4Ukiyo-e-Farbholzschnitte

10.5Delegationsreisen und wissenschaftlicher Austausch

10.6Gabentausch und Japan-Sammlungen

11.China (Focus : JOHAN NIEUHOF)

11.1Die Beziehungen der Niederlande zu China

11.2Niederländische Spuren auf Formosa

11.3Die Jesuiten und die Rezeption westeuropäischer Druckgraphik in China

11.4Niederländische Gesandtschaften nach China

11.5Tee und die Neuausrichtung des niederländischen Chinahandels

Fazit

Summary

Dank

Quellen- und Literaturverzeichnis

Abbildungsnachweis

Register

Einleitung

Das niederländische Goldene Zeitalter

Die Niederländische Republik war in vielerlei Hinsicht einzigartig im Europa der Frühen Neuzeit. Die hohe Urbanisierung, die geringe Zahl an Analphabeten, die religiöse Toleranz sind nur einige der vielen Besonderheiten, die den ausländischen Besuchern immer wieder auffielen. Hierzu gehörten auch der ungewöhnlich große Kunstbesitz der Haushalte und die immense Produktivität niederländischer Maler. So hat man geschätzt, dass um die Mitte des 17. Jahrhunderts 650 – 700 Maler im Jahr durchschnittlich jeweils 94 Bilder malten. Das wären pro Jahr 63.000 – 70.000 Gemälde gewesen.1 Diese ungeheure Gemäldeproduktion spiegelt sich in den niederländischen Nachlassinventaren wider; so nahm beispielsweise die durchschnittliche Anzahl der Gemälde in den Delfter Inventaren von zehn im ersten Jahrzehnt des 17. Jahrhunderts auf 20 in den 1670er Jahren zu, während die Daten für Amsterdam einen Anstieg von 25 auf 40 Gemälde in der gleichen Zeit dokumentieren.2 Es war deshalb nicht ungewöhnlich, wenn 1643 ein Leidener Lakenfärber 64 Gemälde besaß und zwei andere Färber in den 70er Jahren des 17. Jahrhunderts 96 bzw. 103 Gemälde ihr Eigen nannten.3

Diese bemerkenswerte Entwicklung in einem Sektor der niederländischen Kultur muss mit den spezifischen Bedingungen der Kunst und der Kunstproduktion in der Niederländischen Republik erklärt werden. Jene waren charakterisiert durch die Entstehung eines Kunstmarktes, die Säkularisierung des Geschmackes von Käufern und Sammlern sowie durch die Kunstproduktion in einem von Gilden organisierten Handwerksmilieu.4

Eine der bemerkenswertesten Erscheinungen der niederländischen Kultur war die Entstehung eines Kunstmarktes.5 Die Mehrheit der Maler malte nicht länger für private Auftraggeber oder Mäzene, sondern befriedigte eine anonyme Marktnachfrage. Voraussetzung hierfür waren niedrige Produktionskosten, eine kontinuierliche Marktnachfrage und eine Preisgestaltung, die die Material- und Lebenshaltungskosten der Künstler deckte.6 All diese Bedingungen scheinen zum ersten Mal für die niederländischen Künstler im 17. Jahrhundert erfüllt gewesen zu sein. Außerdem senkten Produktinnovationen, die für die niederländische Wirtschaft insgesamt charakteristisch waren, auch die Produktionskosten für Gemälde. Ausschlaggebend war hierfür die »Erfindung« der sogenannten Ton-in-Ton-Malerei durch Esaias van de Velde und Jan Porcellis. Diese ersetzten im Gegensatz zu ihren Vorgängern die lineare Zeichnung durch die malerische Naturschilderung in Grau-, Braun- und Gelbtönen. Die Arbeitszeit an einer »Landschaft« verkürzte sich so und verringerte damit deren Preis. Das Angebot an Landschaften wurde breiter, das Einzelstück preiswerter, so dass die Sammler zunehmend Landschaften erwarben.7 Die Marktnachfrage nach Gemälden nahm während des 17. Jahrhunderts deutlich zu, und das Angebot hielt damit Schritt. Außerdem ermöglichte der expandierende Kunstmarkt zum ersten Mal die Existenz als selbständiger Kunsthändler für diejenigen, die sich auf den Handel mit Bildern spezialisierten.8

Auch wenn die meisten Maler für den Markt arbeiteten, malten andere zumindest zeitweise für Auftraggeber. Man findet verschiedene Arten des Auftraggeber- oder Mäzenatentums in der Niederländischen Republik. Während die reformierte Kirche nur wenige Orgelprospekte zur Ausmalung in Auftrag gab, ließen die Statthalter aus dem Hause Oranien ihre Paläste durch flämische Maler und Maler der Utrechter Schule ausstatten.9 Die Städte bestellten Maler zur Ausschmückung der Rathäuser mit allegorischen Darstellungen. Jedoch wurde nicht jedes Jahr ein Rathaus gebaut oder dekoriert. Für die Maler waren daher städtische Aufträge nur ein Zubrot zu ihrem anderweitig zu ermalenden Lebensunterhalt. Einen größeren Teil der Auftragskunst stellten Porträts dar, gleich ob es sich bei den Porträtierten um Korporationen wie die Schützen oder um Familien und Einzelpersonen handelte. Dabei darf man aber nicht außer Acht lassen, dass die Oranierporträts, die zu dem beträchtlichen Anteil der Porträts in den niederländischen Haushalten beitrugen, in einer Art Massenproduktion in darauf spezialisierten Werkstätten hergestellt wurden. Mit Sicherheit für persönliche Auftraggeber oder Mäzene arbeiteten die »Feinmaler« Gerrit Dou, Frans van Mieris und Johannes Vermeer. Sie verkauften ihre gesamte künstlerische Produktion meist an einen Mäzen, der in der Regel im Voraus bezahlte und dem Feinmaler das Verkaufsrisiko abnahm, denn Feinmalerei war – anders als die Tonin-Ton-Malerei – zeitraubend und teuer und erfüllte so nicht die vom Kunstmarkt geforderten Bedingungen.10

Ein weiteres Charakteristikum der niederländischen Kultur im 17. Jahrhundert war die Säkularisierung des Geschmacks von Käufern und Sammlern. Wenn man die Amsterdamer oder Delfter Nachlassinventare nach den hinterlassenen Gemälden befragt und diese wiederum nach ihrem Sujet unterscheidet, ist festzustellen, dass der Anteil religiöser Themen in den Sammlungen im Laufe des 17. Jahrhunderts zurückging, während der Anteil der »Landschaften« deutlich zunahm. Szenen aus dem Alten und dem Neuen Testament, die zu Beginn des 17. Jahrhunderts noch ein Drittel aller Gemälde in den Privatsammlungen ausgemacht hatten, spielten am Ende des Jahrhunderts nur noch eine untergeordnete Rolle.11 Hierbei enthüllt der Trend von der religiösen »Historie« zur »Landschaft« eine veränderte Einstellung gegenüber den Bildern in der niederländischen Gesellschaft. Man hat dies mit der oben erwähnten relativen Verbilligung der »Landschaften« erklärt, aber das ist nur die halbe Wahrheit. Grundlegend war der Wandel in der Funktion des Gemäldes in der Niederländischen Republik. Bis ins 16. Jahrhundert scheint die Andachtsfunktion des Gemäldes vorherrschend gewesen zu sein, weshalb hauptsächlich religiöse Themen gekauft wurden. Im 17. Jahrhundert – als eine Spätfolge des calvinistischen Ikonoklasmus – wurde die Unterhaltungsfunktion des Gemäldes immer bedeutender, d. h., die Niederländer kauften Gemälde, um ihre Häuser zu schmücken und sich an diesen Kunstwerken zu erfreuen.

Gleichzeitig verkauften Kunsthändler Gemälde ins Ausland und Maler aus den Nachbarländern bildeten sich in den Niederlanden weiter. In England, Frankreich und Deutschland begann man, niederländische Gemälde zu sammeln und im niederländischen Stil zu malen.

Während ich in meinem Buch »Das Goldene Zeitalter. Kunst und Kommerz in der niederländischen Malerei des 17. Jahrhunderts«12 die Wechselwirkungen zwischen Kunst, Wirtschaft und Gesellschaft in den Niederlanden selbst untersucht habe, widmet sich das vorliegende Werk der niederländischen Kunst in jenen Weltgegenden, in denen Niederländer handelten und lebten. Denn die Rezeption niederländischer Malerei und materieller Kultur blieb nicht auf die Nachbarländer beschränkt. Im Rahmen der weltweiten Handelsnetzwerke fand ein globaler kultureller Austausch statt, an dem vielerlei Personen als Vermittler beteiligt waren.

Niederländische See- und Kaufleute verbanden ausgehend von Nord- und Ostsee die Weltmeere und vermittelten die Güter der entlegensten Regionen. So vielfältig wie die Weltregionen waren die Begegnungen mit Fürsten und der einheimischen Bevölkerung, die von der Unterwerfung über die Kooperation bis hin zur Unterdrückung reichen konnten. Entsprechend variierten auch die Bedingungen des kulturellen Austausches.

In diesem Kontext analysiert dieses Buch die niederländische Präsenz in der Welt, die Interaktion mit den einheimischen Gesellschaften sowie die davon ausgehenden künstlerischen Wechselwirkungen vor Ort einschließlich ihrer Rückwirkungen auf das Mutterland und Europa. Ich behandle die wichtigsten Plätze niederländischer Aktivitäten in der Welt und die dort ablaufenden kulturellen Austauschprozesse. Hierbei werden die Leserin und der Leser in erster Linie an Gebiete in Nord- und Südamerika und Asien denken, in denen die Handelsgesellschaften der Niederländischen Westindischen Kompanie (WIC) und der Vereinigten Ostindischen Kompanie (VOC) tätig waren. Dieser Erwartung wird durch Kapitel zu Brasilien, der Karibik und den Neuen Niederlanden ebenso Rechnung getragen wie durch Untersuchungen zur Kapkolonie, Batavia, Indien, Japan und China. In den Blick genommen wird aber auch der Ostseeraum, der die Grundlage für die niederländische maritime Expansion bildete und in dem die »Niederlandisierung« der Gesellschaft vermutlich weiter fortgeschritten war als irgendwo sonst.

Erforscht wird die Rezeption von Kunst und materieller Kultur sowohl in den einheimischen Gesellschaften als auch deren Medialisierung und Remedialisierung in anderen Teilen der Welt.13

Als Quellen dienen in erster Linie die so genannten Nachlassinventare.14 Diese geben Auskunft über die Gegenstände, die in den lokalen Gesellschaften, aber auch über das Meer zirkulierten. Darüber hinaus berichten sie über die Beziehungen und Verbindungen eines Individuums zu anderen Menschen in der Gesellschaft.

Diese Inventare wurden von der lokalen Waisenkammer (weeskamer) erstellt. Mehrere Nachlassverzeichnisse aus Batavia können in Kopien in niederländischen Archiven studiert werden. Die meisten wurden jedoch für andere Gerichte, die Nachlasskammer (boedelkamer) und das Schöffengericht (schepenbank), angefertigt. Diese Dokumente werden im Nationalarchiv von Indonesien (Arsip Nasional) in Jakarta aufbewahrt. Am Kap der Guten Hoffnung wurden die Inventare von der Waisenkammer verwaltet und befinden sich jetzt in den Western Cape State Archives. Dank des umfassenden Transkriptionsprojektes »Transcription of Estate Papers at the Cape« (TEPC) sind die Materialien nun auch in einer elektronischen Datenbank verfügbar.

Für die Inventare der Neuen Niederlande in Nordamerika muss man die New York State Archives in Albany und die reiche Manuskriptsammlung der New York Historical Society konsultieren. Die surinamischen Inventare wurden ursprünglich im Nationalarchiv in Den Haag deponiert, vor Kurzem aber an das Nationalarchiv in Paramaribo zurückgegeben. Die Inventare von Curaçao sind jedoch nach wie vor Teil der Sammlungen in Den Haag. Aufgrund ihres schlechteren Erhaltungszustandes im tropischen Klima und der unterschiedlichen Art und Weise, wie die Inventare in den verschiedenen überseeischen Gebieten geführt wurden, eignen sie sich nicht so gut für quantitative und statistische Analysen wie die niederländischen Inventare aus dem Mutterland. Daher werde ich diese Quellen vor allem nach qualitativen Gesichtspunkten auswerten. Dabei kommen mir sowohl schriftliche als auch visuelle Quellen zugute, die Historiker*innen und Kunsthistoriker*innen aus Brasilien, der Karibik, Südafrika, Indonesien, Indien, Japan und China erschlossen haben. Hierbei handelt es sich u. a. um Gemälde, Zeichnungen, Aquarelle und Miniaturen, die die Architektur, die Lebensstile und die Dekoration der häuslichen Wohnräume illustrieren.

Stellvertretend für die einzelnen Regionen stehen ausgewählte Protagonisten des kulturellen Austausches. Seien sie prominent, wie Maria Sibylla Merian, Christina von Schweden, Johann Moritz von Nassau-Siegen, Shiba Kōkan, Nicolaas Witsen und Johan Nieuhof, oder vielleicht weniger bekannt, wie Sayfoedin von Tidore, Zacharias Wagener, Angela van Bengalen, Hendrik van Schuylenburgh, Margrieta van Varick und viele andere.

Hiermit leistet dieses Buch auch einen Beitrag zur Diskussion zum sog. »Goldenen Zeitalter«. In dieser betonen in jüngster Zeit vor allem Museumskuratoren, dass eine »Galerie des Goldenen Zeitalters«, die nur die großen Namen nennt, nicht länger die Wirklichkeit des 17. Jahrhunderts widerspiegele, da sie Armut, Ausbeutung und Menschenhandel ignoriere.15 Das Goldene Zeitalter wird somit Gegenstand der »postkolonialen Debatte«, die in den Niederlanden erst relativ spät und dann nur für das 19. und 20. Jahrhundert geführt wurde.16 Die Kritik am Begriff »Goldenes Zeitalter« entzündet sich aber vermutlich auch an dessen unterschwelliger Suggestionskraft, die bei Museumsbesuchern einen unreflektierten Stolz auf die Niederlande des 17. Jahrhunderts auslöst. Für die Leserschaft dieses Buches scheint daher eine kurze Erläuterung zur Genese der Bezeichnung und der Vorstellung von einem »Goldenen Zeitalter« angebracht.

So hat schon Ovid in seinen Metamorphosen von einem Goldenen Zeitalter als einem paradiesischen Urzustand gesprochen und Humanisten verwendeten diesen Begriff im Sinne von Blütezeit. Der Dichter Joost van den Vondel übersetzte in den Niederlanden Ovids Dictum als goude eeuw, wobei er durchaus Parallelen von der arkadischen zur niederländischen Landschaft zog.

Im beginnenden 18. Jahrhundert sprach dann Arnold Houbraken in seiner »Groote schouburgh der Nederlantsche konstschilders en schilderessen« (Großes Theater der niederländischen Kunstmaler und Malerinnen) von der Blütezeit der Malerei des Goldenen Zeitalters:

Diese Zeit war das Goldene Jahrhundert für die Kunst und die goldenen Äpfel (die gegenwärtig, wenn nicht über unangenehme Wege und durch Fleiß, kaum zu finden sind) fielen den Künstlern von selbst in den Mund.17

Obwohl sich die Arbeitsbedingungen der Maler verändert hatten, blieb die Faszination für die Niederlande unter Besuchern aus Europa und Übersee auch im 18. Jahrhundert ungebrochen. Entsprechend unterscheidet sich die heutige, reflektierte Sicht deutlich von früheren Perspektiven.18

Ein neuer globaler Blick auf das »Goldene Zeitalter« aus der Perspektive jener Weltgegenden, in denen Niederländer handelten und lebten, erscheint daher sinnvoll. Verbunden damit ist eine differenzierte Sicht auf die einheimische Bevölkerung in diesen Regionen. Sie agierte nicht nur als Gegner, Konkurrent und Vermittler, sondern auch als Rezipient und Produzent materieller und immaterieller Güter.

1John Michael MONTIAS: Estimates of the Number of Dutch Master-Painters, their Earnings and their Output in 1650, in: Leidschrift 6 (1990), S. 59 – 74, hier S. 70. Ad van der WOUDE: De schilderijenproductie in Holland tijdens de Republiek. Een poging tot kwantificatie, in: DAGEVOS, Johannes Cornelis/Adrichem, Jan van (Hg.): Kunst-zaken. Particulier initiatief en overheidsbeleid in de wereld van de beeldende kunst, Kampen 1991, S. 286 – 297, kommt auf 50.000 Gemälde im Jahr allein in der Provinz Holland.

2John Michael MONTIAS: Artists and Artisans in Delft. A Socio-Economic Study of the Seventeenth Century, Princeton 1982, Tab. 8.3; John Michael MONTIAS: Works of Art in Seventeenth-Century Amsterdam. An Analysis of Subjects and Attributions, in: FREEDBERG, David/Vries, Jan de (Hg.): Art in History, History in Art. Studies in Seventeenth-Century Dutch Culture, Los Angeles 1991, S. 249 – 282, hier S. 74 (Tabelle 3).

3Cornelia Willemijn FOCK: Kunstbezit in Leiden in de 17de eeuw, in: LUNSINGH SCHEURLEER, Theodoor H./Fock, Cornelia Willemijn/van DISSEL, Albert Jan (Hg.): Het Rapenburgh. Geschiedenis van een Leidse gracht, Va, Leiden 1990, S. 3 – 36, hier S. 6.

4Michael NORTH: Das Goldene Zeitalter. Kunst und Kommerz in der niederländischen Malerei des 17. Jahrhunderts, Köln/Weimar/Wien 2001; Marten Jan BOK: Vraag en aanbod op de Nederlandse kunstmarkt, 1580 – 1700, Utrecht 1994.

5Franz Wilhelm Kaiser/Kathrin Baumstark/Michael NORTH (Hg.): Die Geburt des Kunstmarktes. Rembrandt, Ruisdael, van Goyen und die Künstler des Goldenen Zeitalters, München 2017; Claartje RASTERHOFF: Painting and Publishing as Cultural Industries. The Fabric of Creativity in the Dutch Republic, 1580 – 1800, Amsterdam 2017.

6John Michael MONTIAS: Cost and Value in Seventeenth-Century Dutch Art, in: Art History 10, 4 (1987), S. 455 – 466, hier S. 462.

7MONTIAS: Cost and Value, S. 459 – 460; NORTH: Das Goldene Zeitalter, S. 79 – 99.

8Hanns FLOERKE: Studien zur niederländischen Kunst- und Kulturgeschichte. Die Formen des Kunsthandels, das Atelier und die Sammler in den Niederlanden vom 15. – 18. Jahrhundert, München/Leipzig 1905; John Michael MONTIAS: Art Dealers in the Seventeenth-Century Netherlands, in: Simiolus 18 (1988), S. 244 – 256.

9Cornelia Willemijn FOCK: The Princes of Orange as Patrons of Art in the 17th Century, in: Apollo 110 (1979), S. 466 – 475. Zum Auftraggebertum allgemein siehe Marten Jan Bok/Gary SCHWARTZ: Schilderen in opdracht in Holland in de 17de eeuw, in: Holland 23 (1991), S. 183 – 195.

10Ivan GASKELL: Gerrit Dou, his Patrons and the Art of Painting, in: The Oxford Art Journal 5 (1982), S. 15 – 61; John Michael MONTIAS: Vermeer and his Milieu. A Web of Social History, Princeton 1988, S. 246 – 255.

11MONTIAS: Artists and Artisans, Tab. 8.3; Ders.: Works of Art, 1991, Tab. 3; FOCK: Kunstbezit, S. 21 – 22. Dies betraf vor allem die etwas »teureren« Gemälde im Wert von mehr als 10 fl. Angela Jager hat kürzlich herausgearbeitet, dass es daneben noch eine Marktnachfrage nach billigen (religiösen) Historien-Gemälden gab, die weniger als 4 fl. kosteten und die Maler im Auftrag von Kunsthändlern »auf Halde« herstellten. Angela JAGER: The Mass Market for History Paintings in Seventeenth-Century Amsterdam. Production, Distribution, and Consumption, Amsterdam 2020.

12NORTH: Das Goldene Zeitalter.

13Unter Medialisierung verstehen wir mit Astrid Erll die Methode der Bild- und Textverarbeitung, die zur Schaffung eines Mediums führt. Dagegen entsteht bei der Remedialisierung ein neues Medium aus früheren medialen Formen. Insofern ist die künstlerische Produktion vor allem durch vielfältige Remedialisierungsprozesse charakterisiert. Astrid ERLL: Memory of Culture, New York 2011, S. 139 – 143; Astrid ERLL: Kollektives Gedächtnis und Erinnerungskulturen. Eine Einführung, Stuttgart 2017, S. 61 – 62. Siehe auch Astrid Erll/Ann RIGNEY (Hg.): Mediation, Remediation, and the Dynamics of Cultural Memory, Berlin/New York 2009.

14Siehe Quellenverzeichnis. Um die Erhaltung der verstreut in der Welt vorhandenen niederländischen Quellen hat sich in den letzten beiden Jahrzehnten vor allem die Leidener Initiative »TANAP« (Towards a New Age of Partnership) verdient gemacht.

15Die Ankündigung, dass das Amsterdamer Stadtmuseum den Namen »Goldenes Zeitalter« für seine Porträtgalerie aufgibt, löste ein großes Medienecho aus, zumal das Rijksmuseum weiterhin an dem Namen festhalten möchte. Nina SIEGAL: A Dutch Golden Age? That’s Only Half the Story, in: The New York Times 2019 (https://www.nytimes.com/2019/10/25/arts/design/dutch-golden-age-and-colonialism.html, 29.10.2019, letzter Zugriff: 12.11.2020).

16Susan LEGÊNE: De bagage van Blomhoff en van Breugel. Japan, Java, Tripoli en Suriname in de negentiende-eeuwse Nederlandse cultuur van het imperialisme, Amsterdam 1998; Frances GOUDA: Dutch Culture Overseas. Colonial Practice in the Netherlands Indies 1900 – 1942, Amsterdam 1995. Zur Diskussion der Postcolonial Studies in den Niederlanden siehe Ulbe Bosma: Why is there no Post-Colonial Debate in the Netherlands?, in: Bosma, Ulbe (Hg.): Post-colonial Immigrants and Identity Formations in the Netherlands, Amsterdam 2012, S. 193 – 212 sowie Gert OOSTINDIE: Post-Colonial Netherlands. Sixty-five Years of Forgetting, Commemorating, Silencing, Amsterdam 2011, S. 234 – 238.

17»’T was in dien tyd de Gulde Eeuw voor de Konst, en de goude appelen (nu door akelige wegen en zweet naaew te vinden) dropen den Konstenaars van zelf in den mond.« Arnold HOUBRAKEN: De groote schouburgh der Nederlantsche konstschilders en schilderessen, Bd. II, ’s-Gravenhage 21753, S. 237.

18Helmer J. Helmers/Geert H. JANSSEN: Introduction. Understanding the Dutch Golden Age, in: HELMERS, Helmer J./JANSSEN, Geert H. (Hg.): The Cambridge Companion to the Dutch Golden Age, Cambridge/New York 2018, S. 1 – 12.

1. Die Ostindische und Westindische Handelskompanie

FOCUS: ZACHARIAS WAGENER

Die Handelskompanien verbanden die verschiedenen Teile der Welt miteinander. Getragen wurde der Handel von ihrem global tätigen Personal. Ein Mittler zwischen Europa, Amerika, Asien und Südafrika war der Dresdener Zacharias Wagener (1614 – 1668). Wagener bildete sich nach dem Schulbesuch in Sachsen als Zeichner bei dem Kartografen Willem Jansz. Blaeu in Amsterdam weiter, trat 1634 in den Dienst der niederländischen Westindischen Kompanie und reiste nach Brasilien. Im Dienst von Statthalter Johann Moritz von Nassau-Siegen arbeitete er als Schreiber und Zeichner und unternahm Exkursionen in das Landesinnere. Von seiner Tätigkeit zeugt noch das erhaltene Thier-Buch. Nach der Rückkehr nach Europa 1641 heuerte Wagener ein Jahr später bei der Vereinigten Ostindischen Kompanie an und avancierte nach seiner Ankunft in Batavia zum Schreiber des Generalgouverneurs Anthonie van Diemen. Er stieg schnell auf und wurde 1651 als Gesandtschaftssekretär nach Tonkin und Formosa (Taiwan) und 1653 mit einer Delegation in das chinesische Kanton (Guangzhou) geschickt. 1656 – 1657 und 1658 – 1659 war er Direktor der Niederlassung auf Deshima in Japan und nahm zweimal an der Gesandtschaftsreise nach Edo teil. 1660 schloss er mit dem Sultan von Makassar einen Friedens- und Freundschaftsvertrag. Aufgrund seiner Verdienste wurde er 1662 als Nachfolger Jan van Riebeecks zum Gouverneur der Kapkolonie ernannt. Seinen Lebensabend in der alten Heimat zu verbringen, war ihm nicht beschieden. Zwar kehrte er nach fünfjähriger Tätigkeit am Kap nach Amsterdam zurück, verstarb aber dort, ohne Sachsen je wiedergesehen zu haben. Er hinterließ persönliche Aufzeichnungen aus Brasilien, Einträge in den Dagregisters (den Geschäftsbüchern) in Deshima und Kapstadt sowie eine knapp gehaltene Autobiographie unter dem Titel »Kurtze Beschreibung der 35-jährigen Reisen und Verrichtungen, welche Weyland Herr Zacharias Wagner in Europa, Asia, Africa und America, meistentheils zu Dienst der Ost- und West-Indianischen Compagnie in Holland, rühmlichst gethan und abgeleget, aus des Seeligen gehaltenen eigenhändigen Journal«.1

1.1 Asiens Güter

Einige Güter Asiens, wie Seide, Gewürze, Perlen, Edelsteine und ätherische Öle, waren den Europäern schon vor der Entdeckung des Seeweges um das Kap der Guten Hoffnung bekannt. Luxuswaren, die Berichte heimkehrender Kaufleute und vereinzelte Reiseberichte regten Fantasien über Asien an, die die Europäer schließlich über den Atlantischen und Indischen Ozean dorthin trieben. So hörten die Portugiesen, nachdem Vasco da Gama den Seeweg nach Indien entdeckt hatte, von dem berühmten Handelsplatz Malakka, wo sich arabische, indische und chinesische Kaufleute trafen. Wenig überraschend avancierte Malakka zum Eroberungsziel und 1511 zu einem portugiesischen Stützpunkt. Der maritime Verkehr auf den seit dem Mittelalter bekannten Routen vom Mittleren Osten nach Indien und nach China wurde in der Frühen Neuzeit trotz des Bedeutungszuwachses der Kaproute intensiviert. Kaufleute, Seeleute, Soldaten, Gesandte, Missionare, Pilger und Sklaven bewegten sich auf den Weltmeeren.

Im Indischen Ozean führte die Expansion des Seehandels zur Wiederbelebung alter Häfen und regte gleichzeitig die Anlage neuer Handelsplätze an. Hiervon profitierten die Küstenbewohner ebenso wie die Zuwanderer aus dem Binnenland, die am ökonomischen Aufschwung teilhaben wollten.2 Die ankommenden Europäer erlangten in Asien Zugang zu einem alten Handelsnetzwerk, dem traditionellen intra-asiatischen Handel, der von einheimischen Kaufleuten und Seefahrerdynastien beherrscht wurde.

Eine große Gruppe bildeten die Chinesen, die überall vertreten waren. Von den Hafenstädten bauten sie über die Flüsse Kontakte zu den Produzenten im Hinterland auf und besorgten die Güter, die in Übersee gefragt waren. Sie belieferten die Europäer vor allem mit Seide, Porzellan, Schirmen, Papier und später auch mit Tee, während ihre Dschunken, zum Beispiel in Batavia, neben Edelmetall, Pfeffer und anderen Gewürzen auch Sandelholz, Büffelhörner, Vogelnester, Elfenbein sowie später Zinn und Tuche luden.

Nicht nur in Batavia, sondern auch in Ayutthaya, in Malakka oder Hội An gab es große chinesische Gemeinden, die über Manila die Kontakte zum Pazifik und nach Spanisch-Amerika herstellten. Die in Hội An ebenfalls ansässigen japanischen Kaufleute vermittelten von hier aus die chinesischen Waren nach Japan, dessen Schiffsverkehr nach außen durch Seepässe eingeschränkt bzw. reglementiert war.

Daneben waren Kaufleute aus dem Reich der Mitte auch als Vermittler zwischen den globalen Handelsnetzen und den lokalen Produzenten in Südostasien aktiv. Ein Beispiel hierfür ist der sich entwickelnde Markt für Lack, der in Südostasien gewonnen wurde. Dieser Naturlack entstand, wenn sich Lackläuse in Zweigen von Bäumen – vor allem Banyanbäumen – niederließen und dabei eine scharlachrote Harzsubstanz ausschieden. Das Harz wurde getrocknet und gemahlen und nach China und Japan verschifft. Hier nutzten es die Kunsthandwerker als Lack zur Konservierung und zur Verschönerung hölzerner Schränke, Kisten, Wandschirme und anderer Möbel. Chinesische und japanische Lackwaren wurden im Indischen Ozean und vor allem in Europa geschätzt, was zu steigender Nachfrage und einem ungeheuren Produktionsaufschwung führte.3

Eine Intensivierung erfuhr der globale Austausch im beginnenden 17. Jahrhundert durch die Handelskompanien der Niederländer, die die entlegensten Stellen der Erde miteinander verbanden.

1.2 Die Anfänge der niederländischen Asienfahrt und die Gründung der Vereinigten Ostindischen Kompanie

Nachdem sich Spanier und Portugiesen die Welt in den Verträgen von Tordesillas (1494) und Saragossa (1529) aufgeteilt hatten, blieb den Niederländern die Fahrt in den Südatlantik ebenso wie in den Indischen Ozean und in den Pazifik versperrt. Entsprechend waren es Niederländer, die in spanischen oder portugiesischen Diensten standen, die das niederländische Interesse an Asien weckten. Hierzu gehörte der aus Haarlem stammende Jan Huygen van Linschoten, der nach einer Kaufmannslehre in Spanien und Portugal 1581 in die Dienste des Erzbischofes von Goa an der indischen Westküste trat. In Goa, dem Zentrum des sich formierenden portugiesischen Seereiches, erhielt Linschoten Einblick in den asiatischen Handel und die geheimen portugiesischen Seekarten. Nach dem Tode des Erzbischofes trat Linschoten die Heimreise an, auf der er Schiffbruch erlitt. Nach einem zweijährigen Aufenthalt auf den Azoren, dem atlantischen Knotenpunkt für die portugiesische Seefahrt, kehrte er zurück in die Niederlande und ließ sich in Enkhuizen an der Zuiderzee nieder. Hier traf er auf einen anderen Asienreisenden, Dirck Gerritsz. Pomp, auch Dirck China genannt. Pomp hatte ebenfalls in Lissabon den Kaufmannsberuf erlernt und war als Händler in Goa tätig gewesen, von wo er auch Reisen nach Japan und China unternommen hatte. Seine aus den portugiesischen Seekarten gewonnenen Erkenntnisse verarbeitete Linschoten zusammen mit Pomps Hinweisen in seinem Werk »Itinerario«, das 1596 erschien und mit zahlreichen Abbildungen den Niederländern eigentlich erst den Weg nach Asien wies.4

Tatsächlich brach zur selben Zeit eine erste Flotte unter dem Kommando von Cornelis de Houtman, der ein Vorabexemplar der Reisebeschreibung an Bord hatte, nach Asien auf und traf 1595 in Java ein. Der direkte Asienhandel erschien vielversprechend und 1602 einigten sich die am Ostindienhandel beteiligten holländischen und seeländischen voorcompagnieën auf die Gründung einer Monopolgesellschaft, der Vereenigden Oost-Indischen Compagnie (Vereinigten Ostindischen Kompanie, VOC).5

Die VOC wurde als Aktiengesellschaft gegründet, die die Generalstaaten mit halbsouveränen Rechten ausstatteten: Sie durfte Festungen bauen, Soldaten rekrutieren und Verträge mit ausländischen Herrschern unterzeichnen. Die VOC war in sechs Kammern (Amsterdam, Seeland, Rotterdam, Delft, Hoorn und Enkhuizen) unterteilt, die jeweils Schiffe bauten und ausrüsteten und importierte Waren versteigerten oder verkauften. Die Kammern leiteten die sog. bewindhebbers, auf Lebenszeit bestellte Direktoren, die aus ihren Reihen das Leitungsgremium, die Heeren XVII, wählten. 1609 wurden die Aufgaben in Asien einem Generalgouverneur übertragen, der vor Ort mit friedlichen oder mit militärischen Mitteln den niederländischen Zugriff auf die Gewürze sichern sollte.6

In Asien waren der Generalgouverneur und die Räte der VOC für die Behandlung lokaler und regionaler Fragen zuständig. Ihr Sitz befand sich in Batavia (heute Jakarta, Indonesien), das zum Hauptquartier des niederländisch-asiatischen Handelsimperiums wurde. Für die Wahl dieses Standortes gaben die Nähe zu den wichtigsten Herkunftsregionen für den niederländischen Handel den Ausschlag. Pfeffer und seltene Gewürze wuchsen in dem indonesischen Archipel, insbesondere auf den Molukken, und die VOC brauchte ein Zentrum in dieser Gewürzanbauregion, um den Gewürzhandel kontrollieren zu können. Diese Aufgabe wurde ursprünglich einem der ersten Generalgouverneure, Jan Pietersz. Coen, übertragen, der die Festung Batavia in der Nähe der Hafenstadt Jacatra gründete.

Diese Festung stellte auch eine Antwort auf die Konkurrenz der Engländer dar, die sich in der Nähe von Bantam niedergelassen hatten. Coen versuchte in den lukrativen Handel innerhalb der asiatischen Regionen einzusteigen, in denen die Portugiesen, Spanier und Engländer bereits aktiv waren. Dieses Ziel sollte durch den Abschluss exklusiver Lieferverträge erreicht werden, die ein niederländisches Monopol bei Nelken und Muskatnuss sichern sollten. Bei mehreren Gelegenheiten, bei denen Partner der Niederländer die von der VOC diktierten Vertragsbedingungen nicht einhielten, wurden die Gewürzproduzenten getötet oder versklavt – wie z. B. auf den Bandainseln im Jahre 1621. Die VOC ließ auch Nelkenbäume auf Inseln, die nicht von ihr besetzt waren, zerstören, um die Konkurrenz auszulöschen und so die Preise auf dem europäischen Markt hoch zu halten.

Die Beziehungen zur Bevölkerung und den einheimischen Herrschern gestaltete sich jedoch trotz einer solchen Politik überall unterschiedlich. Auch wenn die Niederländer Stützpunkte von den Portugiesen wie auf den Molukken, an der Malabarküste oder auf Ceylon (Sri Lanka) erobert hatten, musste die Niederlassung rechtlich mit Privilegien der einheimischen Fürsten immer wieder neu ausgehandelt und vertraglich bekräftigt werden. Darüber hinaus waren die Bediensteten der VOC auf einheimische Kaufleute angewiesen, die als Mittelsmänner die Verbindungen zu den einheimischen Produzenten herstellten.

So gelang es der VOC, Zugang zum Textilhandel an der Koromandelküste und in Bengalen zu gewinnen. Die Kompanie hatte auch den Zimtmarkt auf Ceylon im Auge, das sie zwischen 1640 und 1658 eroberte. Der Stellenwert der Handelsgüter veränderte sich: Zu Beginn des 17. Jahrhunderts tauschte die VOC in Südostasien indische Baumwollstoffe gegen Gewürze ein, am Ende des Jahrhunderts hatten Baumwolltextilien und Seide sogar den Pfeffer als Hauptprodukt für die Ausfuhr nach Europa abgelöst.7

Da es den Niederländern nicht gelang, sich auf dem chinesischen Festland niederzulassen, errichteten sie einen Stützpunkt auf der Insel Formosa (Taiwan, 1624 – 1662). Die dortige Faktorei Seelandia diente als Entrepôt für Seide, Tee, Porzellan und Lack, zusammen mit Rohstoffen und Metallen. Bereits während des Intermezzos auf Formosa, vor allem aber im 18. Jahrhundert wurden diese Güter jedoch auch durch den Dschunkenhandel direkt zwischen der Küste Chinas und Batavia befördert. Chinesische Kaufleute erlangten hier eine machtvolle Position.

1 Clement de Jonghe, Kastell und Stadt Batavia, 1681.

Der Handel mit Japan erwies sich ebenfalls als ein lukratives Geschäft. Die Niederländer gründeten eine kleine Niederlassung in Hirado. Ihre Faktorei wurde 1641 auf die Insel Deshima vor Nagasaki verlegt, nachdem die Portugiesen 1639 aus Japan vertrieben worden waren. Der VOC fiel damit eine neue Rolle im Handel zwischen Europa und Japan zu, die so lange andauerte, bis eine amerikanische Flotte unter Kommodore Perry den Inselstaat 1853 für den Außenhandel öffnete.

Die VOC importierte Baumwoll- und Wollstoffe sowie Zucker nach Japan, während Japan die Edelmetalle (Silber, Kupfer und Goldkobangs [Goldmünzen]) lieferte, die die VOC für den Kauf von Waren in Indien und auf dem indonesischen Archipel benötigte. Jedes Jahrzehnt kam Silber im Wert von 13 – 15 Millionen Gulden aus Japan, eine Summe, die mit dem Wert von 3 – 5 Millionen Gulden aus Persien und 8,4 – 8,8 Millionen Gulden aus Spanisch-Amerika verglichen werden kann, das über die Niederlande importiert wurde.8

Ein 1668 verhängtes Verbot von Silberexporten aus Japan und der daraus resultierende Rückgang des VOC-Handels mit Japan führten zu einer drastischen Verringerung des Barrenangebotes, das für Geschäfte in anderen Teilen Asiens benötigt wurde. Infolgedessen musste die VOC die Menge an Silber, die sie aus anderen Quellen über Europa nach Asien einführte, erhöhen. Da sich der Handel der europäischen Konkurrenten mit Asien kontinuierlich ausweitete und in der Zwischenzeit die europäische Nachfrage nach Textilien und nach neuen Produkten, wie Kaffee und Tee, in Asien nur im Tausch gegen Silber gedeckt werden konnte, wurde immer mehr von diesem Edelmetall nach Osten geschickt.

Details wie diese lassen sich feststellen, weil über den niederländischen Handel in Asien mehr bekannt ist als über den Handel in anderen Teilen der Welt. Aus der überlieferten Buchführung der VOC lässt sich z. B. schätzen, dass die Preise der auf Warenauktionen in Holland und Seeland verkauften Güter dreimal so hoch waren wie die Beträge, die für den Erwerb derselben Dinge in Asien bezahlt wurden.9 In den 1660er Jahren wurden beispielsweise Waren aus Asien im Wert von 31 Millionen Gulden in die Niederlande geschickt, wo sie einen Gewinn von 92 Millionen Gulden einbrachten. Im Laufe des 18. Jahrhunderts gingen die Gewinne jedoch zurück, da sich die Gewinnspannen verringerten, die Investitionskosten höher wurden und sich die VOC – unter den Auswirkungen der hohen Dividendenzahlungen, die auf 25 % stiegen – verschuldete.

Ein Thema, das in diesem Kontext immer wieder diskutiert wurde, war der private Handel der Kompaniebediensteten. Diesen verbot die Kompanie mit ihrem Anspruch auf das alleinige Handelsmonopol. Dennoch war das private Nebengeschäft allgegenwärtig und einzelne Bedienstete wurden immer wieder wegen Betrugs angeklagt und bestraft. Gleichzeitig schickte man Untersuchungskommissionen zur Aufdeckung dieser Korruptionsstrukturen, z. B. auf den indischen Subkontinent. Hier galten einige Niederlassungen, wie das in Bengalen gelegene Hugli, als besonders attraktive Stationen. Im Übrigen war die VOC im 18. Jahrhundert angesichts steigender Kosten und fallender Gewinne zunehmend auf die private Finanzkraft ihrer Bediensteten angewiesen. So entwickelte sich ein System, von dem beide Seiten profitierten: Die VOC-Kaufleute erwarben mit ihren eigenen Geldern die Waren in Asien und die VOC zahlte diese Kredite nach dem Verkauf der Waren zurück.10

Bis zum Ende bot die VOC ihren Investoren viele finanzielle Möglichkeiten. Sie zahlte Dividenden sowohl an die privaten Aktienbesitzer als auch an die Unternehmer, die ihr Geld direkt in die einzelnen Kammern investierten. Aus solchen Investitionen brachte die Amsterdamer Kammer etwa die Hälfte des Startkapitals der VOC, 3.679.915 Gulden, auf.11 Dadurch erhielt jene das Recht auf 50 % aller Investitionen und Gewinne des Unternehmens. Seeland hatte im Vergleich dazu einen Anteil von 25 %, während die vier kleineren Kammern jeweils für 1/16 aller Kosten und einen gleichen Anteil der Gewinne verantwortlich waren. Bald nach der Erstausgabe von Aktien begann die Spekulation damit: Im Laufe des Jahrhunderts wurden jene der VOC zu Preisen gehandelt, die weit über ihrem ursprünglichen Wert lagen.

Vom Handel mit Asien profitierten sowohl die VOC-Aktionäre, die hohe Dividenden aus ihren Investitionen (sowie aus möglichen Aktienverkäufen) vereinnahmten, als auch die niederländischen Händler, die unmittelbarer am Reexport von Waren aus Asien auf den europäischen oder amerikanischen Markt beteiligt waren. Kaufleute und Mitglieder der städtischen Eliten machten hohe Gewinne; eine noch breitere Gruppe von Kleingewerbetreibenden, Ladenbesitzern und Handwerkern, wie die Schiffszimmerleute, verdienten ebenfalls Geld mit der VOC. Es ist daher kein Wunder, dass führende Amsterdamer Kaufleute wie Gerrit Bicker oder Gerrit Reynst am Handel mit Ost-, aber auch Westindien beteiligt waren. Der ostindische Handel ermöglichte es vielen der höheren Angestellten der VOC, die soziale Leiter in den Niederlanden emporzusteigen, wenn sie eine Karriere in Asien gemacht und ein Vermögen verdient hatten – ob legal oder illegal. Zu den Zeichen des Erfolges gehörten der Kauf von Luxusgütern, z. B. von Kunstwerken und der Erwerb, der Bau oder die Ausstattung prächtiger Residenzen. Viele der Objekte, die gesammelt oder als Dekoration verwendet wurden, stammten direkt aus Asien oder waren europäische Kunstgegenstände mit asiatischen Motiven. Auf diese und andere Weise bewirkte der massive Import von Waren, insbesondere von Porzellan, aus Asien durch die VOC zahlreiche Produktionsveränderungen in den Niederlanden ebenso wie einen globalen Wandel des Geschmackes.

In Südostasien bedeutete der Vierte Englisch-Niederländische Krieg einen Einschnitt für die Aktivitäten der VOC, so war beispielsweise Batavia über ein Jahr vom Mutterland abgeschnitten. Auch hatten sich die Strukturen des Handels verändert, da das Hauptgeschäft des Asienhandels, der Teeexport aus China, sich inzwischen direkt zwischen Kanton und den Handelskompanien aus England, Schweden, Dänemark oder Österreich abspielte und gleichzeitig die Amerikaner wichtige Konkurrenten wurden. Obwohl die VOC bis in die 1790er Jahre noch 20 % der europäischen Tee-Einfuhr kontrollierte, reichte dies nicht mehr aus, Einbußen auf anderen Feldern wettzumachen. Die VOC war am Ende hoch verschuldet und wurde 1796 durch die neue Batavische Republik verstaatlicht, die einen Schuldenberg von 140 Millionen Gulden übernahm. Ein Großteil der Besitzungen wurde von Großbritannien besetzt. 1795 hatte nämlich der von der Batavischen Republik entthronte Statthalter Wilhelm V. von Oranien aus dem Londoner Exil die VOC-Gouverneure der überseeischen Besitzungen dazu aufgefordert, diese Großbritannien zu übergeben. Einige Regionen bzw. ihre Gouverneure – wie z. B. die Kapkolonie – weigerten sich, dem Befehl nachzukommen. Entsprechend wurden sie ebenso wie Ceylon, die Stützpunkte auf dem indischen Subkontinent, Malakka und Java von den Briten erobert. Die Kapkolonie, Ceylon, die indischen Stützpunkte sowie Malakka blieben britisch, allein Java und die Inseln im indonesischen Archipel gab Großbritannien 1816 an das neue Königreich der Niederlande zurück, das Niederländisch-Indien bis zur Unabhängigkeit 1949 verwaltete.

1.3 Die Westindische Kompanie

Der niederländische Afrika- und Atlantikhandel setzte bereits vor der Gründung der Westindischen Kompanie 1621 ein. In den 1590er Jahren segelten regelmäßig Schiffe aus den Niederlanden an die Küsten Westafrikas. Die ersehnten Güter waren Gold und Elfenbein. Um 1615 liefen jährlich ca. 60 Schiffe die afrikanische Küste an, wo sie Textilien, Kupfer und Messingwaren sowie Perlen gegen Gold und Elfenbein tauschten. Der Wert dieser Einfuhren wird auf jährlich 1,2 bis 1,5 Millionen Gulden geschätzt. Kaufleute aus Amsterdam und Middelburg investierten in dieses Geschäft und gründeten hierzu eine Reihe von sog. Guinea-Kompanien.12

Die Seeländer handelten auch mit dem portugiesischen Brasilien und der spanischen Karibik. Sie nutzten dafür oft Handelspartner in den südlichen Niederlanden, aber auch in Lissabon und Sanlúcar (Andalusien). Neben Brasilholz und Zucker brachten die Schiffe Tabak zurück, den man bei der einheimischen Bevölkerung und spanischen Pflanzern ertauschte.13 Sowohl der Handel mit Afrika als auch mit Brasilien und der spanischen Karibik war durch die Auseinandersetzungen im Unabhängigkeitskampf gegen Spanien belastet. Da Spanien und Portugal die Welt unter sich aufgeteilt hatten, erzielte man hier nur Erfolge, wenn die in europäische Kriege verwickelten Mutterländer sich nicht um ihre Kolonien kümmerten oder falls man selbst Raubzüge in Übersee gegen Spanien und Portugal starten konnte.

Dagegen eröffnete der Zwölfjährige Waffenstillstand mit Spanien Handelsmöglichkeiten mit der Iberischen Halbinsel. Nach dessen Auslaufen gingen die Niederlande wieder zu einer aggressiven Politik über. Ein Instrument war die 1621 gegründete West-Indische Compagnie (WIC). Sie hatte das Ziel, den niederländischen Handel mit Afrika und Amerika zu bündeln und vor allem die Konkurrenz der bereits bestehenden niederländischen Handelsgesellschaften zu beenden.14 Die WIC war ebenso wie die VOC als Aktiengesellschaft organisiert. Größere Summen investierten allein wenige Kaufleute, die schon länger im Handel mit der Karibik, Brasilien und Guinea tätig waren. Das Startkapital von rund 7 Mio. Gulden konnte aber nur zusammenkommen, weil auch Einwohner der nicht direkt mit der Schifffahrt verbundenen Städte Leiden, Utrecht, Dordrecht, Haarlem, Deventer, Arnheim und Groningen erhebliche Summen in Kompanieaktien anlegten. Die Anfangserfolge der WIC blieben bescheiden. Hätte nicht Piet Heyn (1577 – 1629) 1628 vor Kuba die aus Mexiko kommende spanische Silberflotte gekapert und dabei über 11 Mio. Gulden in die Kasse der WIC gebracht, wäre diese schnell in Vergessenheit geraten. Für die weitere ökonomische Expansion benötigte die WIC nämlich neben dem Goldimport aus Afrika eine solide wirtschaftliche Grundlage im Atlantischen Raum. Diese eröffnete sich für einige Jahrzehnte in Brasilien, wo 1630 das Zuckerzentrum Pernambuco (Recife) erobert und unter dem Gouverneur Johann Moritz von Nassau-Siegen eine Niederlassung etabliert wurde.15

Die Niederländer beherrschten nun zum ersten Mal den internationalen Zuckerhandel. Allerdings endete die Ausbeutung der Zuckerproduktion 1644 abrupt, als eine Revolte brasilianischer Zuckerpflanzer und Plantagenbesitzer ausbrach, die die WIC nicht unter Kontrolle bekam. 1661 wurde Nordostbrasilien gegen die Zahlung von acht Millionen Gulden an Portugal zurückgegeben. Völlig überschuldet beschränkte sich die WIC deshalb in der zweiten Jahrhunderthälfte auf die Versorgung der westindischen Kolonien der anderen europäischen Mächte mit Sklaven sowie auf den Gold- und Elfenbeinimport aus den afrikanischen Besitzungen.

Dabei war der wichtigste Exportartikel Westafrikas immer noch Gold, das ca. drei Viertel der Handelseinnahmen der WIC in Afrika ausmachte. Ca. 13 % der Gewinne stammten aus dem Sklavenhandel und weitere 8 % aus der Elfenbeinausfuhr.16 Der Sklavenhandel entwickelte sich zunächst langsam. Vor der Gründung der WIC hatten niederländische Freibeuter in der Regel nur portugiesische Sklavenschiffe aufgebracht und die Afrikaner an Bord weiterverkauft. Erst nach der Eroberung Brasiliens und der Etablierung des Zuckeranbaus begann der aktive Sklavenhandel der WIC, die jetzt auch über die Stützpunkte Arguin, Goree und Mouree in Westafrika verfügte. Die Eroberung der portugiesischen Forts Elmina, Luanda und São Tomé stand im engen Zusammenhang mit dem Sklavenhandel. Dabei wollte man auch die Spanier treffen, die für ihren Silberbergbau in Amerika auf afrikanische Sklaven angewiesen waren. Nach dem Aufstand in Brasilien richteten die Niederländer in der Folgezeit ihren Sklavenhandel auf die nicht-niederländischen Kolonien in der Karibik sowie auf Spanisch-Amerika und Brasilien aus, zu dem die Handelsbeziehungen trotz der Unabhängigkeit von den Niederlanden intakt geblieben waren.17

2 Jan de Baen, Porträt von Johann Moritz von Nassau-Siegen.

Denn vor allem in der Karibik war mit niederländischem Know-how und Kapital die Zuckerproduktion verbreitet worden und die Holländer lieferten den portugiesischen, spanischen und englischen Pflanzern die dafür notwendigen Arbeitskräfte, aber ebenfalls Gerätschaften. Die versklavte schwarze Bevölkerung auf den Inseln wuchs stark an – auf dem englischen Barbados von 5680 Personen (1645) auf 82.023 Personen (1667) – und immer mehr Pflanzer verschuldeten sich bei den niederländischen Händlern.

Besonders intensiv entwickelten sich die Beziehungen zu den spanischen Inseln in der Karibik und zum spanisch-amerikanischen Festland. Zwischen 1660 und 1730 wurden etwa 100.000 afrikanische Sklaven auf niederländischen Schiffen nach Kuba und Panama sowie in das heutige Venezuela und Kolumbien gebracht. Ein beträchtlicher Teil starb bereits auf der Reise an Krankheiten und Misshandlungen, aber auch in der Karibik auf Curaçao angekommen. So besaßen die Niederländer auf Curaçao lange Zeit nicht die Infrastruktur, um die Sklaven ausreichend zu versorgen.18

Auf dem nordamerikanischen Kontinent ließen sich die Holländer zunächst per Zufall nieder. 1609 hatte die VOC den englischen Kapitän Henry Hudson (1570 – 1611) unter Vertrag genommen, um eine Nordost-Passage nach Asien zu finden. Als das arktische Eis die Weiterfahrt blockierte, versuchte es Hudson in westlicher Richtung und traf dabei auf den Fluss, der später seinen Namen tragen sollte. Sein 1611 publizierter Bericht zog Seefahrer und Kaufleute an. 1614 erhielt eine kleine niederländische Kompanie eine Handelskonzession für vier Jahre, woraufhin im gleichen Jahr Händler das Fort Nassau am oberen Hudson errichteten. Ab 1621 fielen die jetzt Neue Niederlande genannten Gebiete in den Zuständigkeitsbereich der WIC. Die Attraktion für die Niederländer waren Pelze, insbesondere die Biberpelze, die ihnen von den Algonkin am Hudsondelta und von den Mohawk am Oberlauf des Flusses angeboten wurden. Mit der Zeit kamen nicht allein Kaufleute, sondern auch niederländische Siedler in die Hudsonregion. 1626 gründete der WIC-Generalgouverneur Peter Minuit (1580 – 1638) Fort Amsterdam, aus dem sich Neu Amsterdam und später New York entwickeln sollten. Es entstand ein lebendiges Handelszentrum mit 2500 (1664) – 5000 (1700) Einwohnern.19

Die Vormachtstellung der Niederlande im Atlantik wurde jedoch durch die merkantilistische Politik Englands beeinträchtigt. Denn dort war mittlerweile die Zeit des Bürgerkrieges und der Cromwellschen Herrschaft zu Ende gegangen, und das Land entwickelte sich auf den Weltmeeren immer mehr zu einem gefährlichen Konkurrenten.

Im Frieden von Breda (1667) traten die Niederlande ihre nordamerikanischen Besitzungen an England ab. Im karibischen Raum behielten die Niederländer Surinam, das 1667 erobert worden war, sowie Curaçao und einige kleinere Inseln.20 Zur Verwaltung von Surinam gründeten die Stadt Amsterdam, die WIC und die Familie van Aerssen van Sommelsdijck die Sociëteit van Suriname, die als Surinamkompanie Handel und Politik Surinams bis zum Jahre 1795 bestimmte, als die Batavische Republik die Handelskompanien verstaatlichte. Die Westindische Kompanie selbst war bereits in den 1660er Jahren überschuldet und allein der Sklavenhandel und die Goldausfuhr aus Afrika ermöglichten ihr Überleben. 1674 einigte man sich auf einen Schuldenschnitt und die Gründung einer neuen Westindienkompanie, die die Schiffe und Festungen übernahm. Der Vierte Englisch-Niederländische Krieg schädigte den globalen niederländischen Handel grundlegend und zahlreiche Handelsstützpunkte in Asien und der Karibik wurden von Großbritannien erobert. 1791 kaufte die niederländische Regierung den Aktienbesitz der Kompanie auf und inkorporierte deren Territorien in die Niederländische Republik. In den Napoleonischen Kriegen – die Batavische Republik der Niederlande war ein Alliierter Frankreichs – besetzten die Briten die niederländischen Inseln in der Karibik, Surinam und angrenzende Gebiete, von denen Surinam und die Inseln 1814 bzw. 1816 zurück an die Niederlande gegeben wurden. Surinam blieb bis zu seiner Unabhängigkeit 1975 niederländisch, während Curaçao und die anderen Inseln der niederländischen Antillen (Aruba und Sint Maarten) ein eigenständiges Bundesland innerhalb des Königreiches der Niederlande bilden.

1.4 Migration und Schifffahrt

In der Zeit zwischen 1600 und 1800 wanderte mehr als eine halbe Million Menschen aus den Niederlanden in die von der VOC kontrollierten Gebiete in Asien (einschließlich Südafrikas) aus, wogegen sich vermutlich nur 15.000 in die Karibik und eine ähnlich große Anzahl nach Nordamerika begaben. Während in das atlantische WIC-Gebiet, insbesondere nach Nordamerika, meist bäuerliche Siedlerfamilien auswanderten, gingen nach Asien vor allem Einzelpersonen. Ein großer Teil dieser war außerhalb der Niederlande geboren und nutzte das Land als Ausgangspunkt für die Auswanderung, zumeist im Dienst der VOC.21

Jedes Jahr fuhren auf niederländischen Schiffen ca. 5000 Menschen nach Südostasien, von denen zwei Drittel vor Ort blieben.22 Nach Ablauf ihres Kontraktes ließen sie sich als »Freibürger« in den verschiedenen Häfen nieder.23 In Südostasien lebten europäische Männer mit einheimischen Partnerinnen zusammen und heirateten mit der Zeit Frauen europäisch-asiatischer Abstammung oder aus anderen asiatischen Gebieten.

Die niederländische Präsenz hatte einen erheblichen Einfluss auf den kulturellen Austausch mit Asien. An der Vermittlung von Kultur war eine Vielzahl an Akteuren beteiligt, die nicht nur die maritimen Regionen von der Arabischen See bis zum Ostchinesischen Meer verbanden, sondern ebenfalls die Weltmeere, da niederländische Kaufleute auch im Nord- und Südatlantik aktiv waren. Gleichzeitig beruhte der niederländische Erfolg auf einer hohen Anpassungsbereitschaft. So lernten die Niederländer schnell die Gepflogenheiten in den verschiedenen sie umgebenden asiatischen Gesellschaften kennen, machten sich mit den indigenen Sprachen vertraut und führten im Sinne ihres Geschäftes die von ihnen verlangten Zeremonien aus. Sie korrespondierten in Malaiisch, Persisch (Farsi), Portugiesisch und Chinesisch; sie vollzogen (im Gegensatz zu Engländern oder Russen) den Kotau ebenso wie sie sich den komplizierten Sitten an den Mogulhöfen oder der Herrscher von Kandy und Mataram in Ceylon oder am Hof von Siam unterwarfen. Gleichzeitig machten sie von ihrem europäischen Wissen gegenüber den Einheimischen dosiert Gebrauch, so dass sie oftmals die einzige Quelle für die Kenntnisse von der Welt waren.24

Was die Überlieferung und den Umfang der maritimen Aktivitäten angeht, ragen niederländische Kaufleute und Seeleute heraus. Vom beginnenden 17. Jahrhundert bis in die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts betrieben sie mehr Schiffe und beförderten mehr Personen von Europa nach Südafrika und Asien als alle übrigen europäischen Nationen zusammen.25

Die Schiffe segelten zunächst entlang der afrikanischen Küste, um dann mit den Passatwinden Kurs auf Südamerika zu nehmen und vor Brasilien schließlich mit Westwinden das Kap der Guten Hoffnung zu erreichen. Danach tasteten sich die Niederländer an der ostafrikanischen Küste und an Madagaskar vorbei und kreuzten anschließend den Indischen Ozean in Richtung Java. Diese Reise nach Batavia dauerte durchschnittlich (1620 – 1629) 258 Tage, jedoch merkten die Schiffer bald, dass es schneller war, wenn man nicht an der afrikanischen Küste entlang fuhr, sondern sich direkt mit dem Südwest-Monsun vom Kap in Richtung Australien begab und dann nordwärts in Richtung Sundastraße. Auf diese Weise benötigte man nur noch rund 200 Tage für die Passage, die durch die ständige Aktualisierung der Seekarten auch sicherer wurde.

In Batavia musste die Retourflotte so lange warten, bis die Schiffe mit den Waren von den anderen Handelsplätzen Asiens zurückkamen. Dies geschah im September und Oktober, so dass man sich nach dem Umladen im Dezember auf die Rückreise machen konnte. Wenn der Wind aus Ost blies, war es möglich, direkt zum Kap zu segeln, im Notfall wurde Mauritius angelaufen. Vom Kap der Guten Hoffnung segelten die Schiffe dann über den Atlantik nach Europa, entweder durch den Kanal oder um Schottland herum durch die Nordsee. Die Rückreise dauerte 218 – 230 Tage.26

Die vielen Aufgaben an Bord verlangten ein spezialisiertes Personal. Auf den Schiffen der VOC trug neben dem Kapitän oder Schiffer der Supercargo (Oberkaufmann) die Verantwortung für die Reise und die Waren. Darunter rangierten die beiden Steuerleute, die Unteroffiziere wie der Oberbootsmann, der zweite Bootsmann, Proviantmeister, Quartiermeister, Koch und ihre jeweiligen Stellvertreter (Maate) sowie der Konstabler bzw. Provoost. Zu den Handwerkern gehörten die Schiffszimmerleute, Segelmacher, Böttcher, Barbiere und Chirurgen. Den untersten Rang hatten die Matrosen, Schiffsjungen und die privaten Diener der Offiziere und des VOC-Personals. Mit an Bord waren immer Geistliche und oft Reisende mit ihren Familien. Hinzu kamen zahlreiche Soldaten, die für einige Zeit in den Dienst der VOC getreten waren, bot doch der Militärdienst auch Angehörigen anderer Nationen aus ganz Europa die Chance, in niederländische Dienste zu treten.

Die Seeleute stammten zum größten Teil aus den Niederlanden, wobei die nordeuropäischen Küstengebiete für die Anwerbung immer wichtiger wurden. Dazu gehörten insbesondere die Herzogtümer Schleswig und Holstein, Dänemark, Norwegen und Schweden, aber auch Polen und Bewohner der östlichen Ostseeküste gesellten sich hinzu.

Ein erheblicher Teil der ausländischen Matrosen und Schiffer heiratete in Amsterdam und ließ sich in den Niederlanden nieder, die anderen kehrten, wenn sie die Fahrten überlebten, nach einigen Jahrzehnten wieder zurück in ihre Heimat. Diese Rückkehrer wurden aufgrund ihrer Erfahrungen auf See auch im Ostseeraum von den Offizieren der Kriegsschiffe sehr geschätzt, und manch einer hinterließ später bisweilen gedruckte Reiseerinnerungen.

3 Jan Brandes, Blick vom Achterdeck eines Ostindienfahrers auf den Bug.

Trotz des teilweise mörderischen Klimas in Südostasien gelang es der VOC, die langen Fahrten in den Indischen Ozean allmählich immer sicherer zu gestalten. Hierzu trug die vergleichsweise gesunde Ernährung bei. So erhielten niederländische Seeleute im ausgehenden 17. Jahrhundert auf den Schiffen der VOC täglich 4.700 bis 5.000 Kalorien und standen damit weit an der Spitze der Ernährungshierarchie. Dies wird deutlich, wenn man bedenkt, dass Leidener Textilarbeiter maximal auf 3.500 Kalorien kamen.

Die Ernährung des Schiffspersonals war für niederländische Kriegsschiffe genau festgelegt, und die VOC orientierte sich daran. Das Frühstück bestand aus Grütze mit getrockneten Pflaumen und Rosinen. Um 12 Uhr wurden grüne oder graue Erbsen bzw. Bohnen als warme Suppe gegessen. Zur Geschmacksaufbesserung dienten Butter, Senf oder Essig. An den Fleischtagen servierte der Koch etwas Fleisch dazu. Um 6 Uhr abends aß man die aufgewärmten Reste der Suppe vom Mittag. Viermal in der Woche gab es Stockfisch zur Suppe und dreimal Fleisch oder Speck. Ebenso bekam jeder in der Woche eine Ration Brot, Butter, Käse und Essig. Getrunken wurden Wasser und Bier sowie Rationen von Wein und Branntwein. Den Offizieren und den Kajütengästen stand natürlich eine reichhaltigere Kost zu, was so aussah, dass zu den Standardgerichten aus Erbsen und Bohnen noch Honig, Zucker, Gewürze, verschiedene Sorten Fleisch sowie Bier und Wein kamen.27

Trotz dieser reichhaltigen Nahrung stellte sich häufig ein Mangel an Vitamin C ein, der zum Skorbut führte, dem eine Reihe von Seeleuten zum Opfer fiel. Obwohl es gelang, die verhältnismäßig hohe Sterblichkeit im Laufe des 17. Jahrhunderts zu senken, betrug sie in den 1670er und 1680er Jahren immer noch um 9 %, wobei es durchaus Jahrzehnte mit bis zu 15 % Sterblichkeit gab. Dagegen starben auf dem Land von den 25 – 35-jährigen Männern nur rund 2 %. Neben Mangelerkrankungen wie Skorbut zählten Arbeitsunfälle, Gefechtsverletzungen einschließlich Wundinfektionen und Schiffbruch zu den wichtigsten Todesursachen. Auch Infektionskrankheiten in den Tropen forderten ihren Tribut.28 Denn selbst wenn man Batavia erreicht hatte, war das Gesundheitsrisiko groß; so starben im Hospital in Batavia zwischen 1725 und 1786 knapp 95.000 Angestellte der VOC, das heißt mehr als 1500 in einem Jahr, bei 6000 jährlich ankommenden Europäern.29 Immerhin war die Sterblichkeit auf der Retourfahrt mit 6 % geringer und wenn Seuchen ausblieben, konnte sie sogar weiter sinken.30

Neben dem ausreichenden Essen wurde das Schiffspersonal auch vergleichsweise gut entlohnt. Dabei standen der Kapitän oder Schiffer mit einem Monatslohn von 60 – 80 fl. an der Spitze, aber auch der Obersteuermann wurde mit 40 – 50 fl. im Monat noch sehr gut bezahlt. In der höchsten Gehaltskategorie von 80 – 100 fl. monatlich rangierte der Prädikant, das heißt der Pastor. Die Handwerker wurden wie der Oberzimmermann mit 30 – 36 fl. und der Unterzimmermann mit 24 – 28 fl. gut entlohnt. Dagegen erhielten die Matrosen nur 7 – 11 fl., was im Jahr aber immerhin noch 84 – 132 fl. ergab. In der gleichen Kategorie befanden sich die einfachen Soldaten. Angesichts der Tatsache, dass für alle Seeleute Kost und Logis frei waren, konnte ein Seemann am Ende einer Reise eine schöne Summe Geldes zusammengespart haben, zumal es auf dem Schiff keine Möglichkeit gab, Geld in größerem Umfang auszugeben.31

Neben dem Lohn versprach der illegale, aber stillschweigend geduldete private Handel kleine bis größere Gewinne. Die Inventare des 18. Jahrhunderts, die über den Inhalt der Seemannskisten der Matrosen berichten, erwähnen ein reiches Warensortiment. Daneben schmuggelten die Seeleute silberne Dukatons, deren Ausfuhr aus den Niederlanden offiziell verboten war, nach Batavia. So führten Daniël van Staden (1738) und Dirck Gerritsz. Pomp (1740) jeweils 231 bzw. 195 dieser Münzen mit sich. Der Schiffer Reinier Jan Elsevier hatte sogar ein ganzes Warenlager an Bord – nicht nur 19 verschiedene Sorten Wein sowie Bier, sondern auch schwarze Hosen, gestickte Kamisole, 300 Brillenetuis, 56 Paar Gewehre und 30 Pistolen, 24 Männerhüte, zwölf kristallene Fruchtschalen, 400 Lampengläser, 66 Weinbecher und 320 Stück Fensterglas. Hinzu kamen noch Käse, Butter, Hering, Schinken, Räucherfleisch, Ochsenzungen und Lachs. Andere spezialisierten sich auf Metallgegenstände, sog. Neurenburger cramerij, wie Brillen, Scheren, Messer, Spiegel, Schermesser, Spieße und Knöpfe.32

Die Karriereaussichten waren ein weiteres Motiv für den Dienst in der VOC. Ein Angeworbener erhielt einen Dreijahresvertrag und jeder, der starb, wurde an Ort und Stelle durch einen anderen Seemann, Soldaten oder Angestellten ersetzt. Das bedeutete, dass ein einfacher Matrose gute Chancen hatte, als Unteroffizier zurückzukehren und sogar noch weiter aufzusteigen. So gab es Admiräle, die als einfache Schiffsjungen angefangen hatten. Das aus Europa rekrutierte Personal reichte indes nicht aus, um den Bedarf an Arbeitskräften in den VOC-Niederlassungen in Asien zu befriedigen. Deshalb wurden aus der einheimischen Bevölkerung Seeleute, Soldaten, Handwerker, Werft- und Hafenarbeiter in großer Zahl rekrutiert. Europäer und Eurasier machten allein ein Sechstel des VOC-Personals in Asien aus. Auf Ceylon beispielsweise kamen neben diesen Europäern und Eurasiern zwei Drittel der von der VOC Beschäftigten und die Hälfte der Soldaten aus der Region.

Darüber hinaus rekrutierte die VOC in großer Zahl einheimische und chinesische Seeleute für ihre Fahrten innerhalb Asiens, und in den Häfen, von denen die Schiffe direkt nach Europa aufbrachen, wurden die Besatzungen mit einheimischen Seeleuten aufgefüllt. So nahm man christliche Tamilen an der Koromandelküste, Muslime in Bengalen und auf Ceylon, portugiesische Chinesen in Macao sowie Javaner und Chinesen in Batavia an Bord. Entsprechend fuhren um 1790 rund 1000 asiatische Seeleute jährlich aus Asien in die Niederlande und zurück.33

1.5 Überlegungen zum niederländischen Handelsimperium

Die Niederländische Ostindische Kompanie zieht seit Langem die Aufmerksamkeit der Wissenschaft auf sich. Ihre 200jährige Geschichte, die weltweit verbreiteten Unternehmungen und das Überleben umfangreicher originaler Akten – buchstäblich 1200 Meter Archivalien über die VOC befinden sich im Nationalarchiv in Den Haag, und viele weitere Dokumente sind in Archiven in ganz Asien und in Südafrika verstreut – haben zahlreiche Arbeiten zur Wirtschafts- und Sozialgeschichte angeregt.34 Wichtige Publikationen sind auch über den Handel,35 die Schifffahrt,36 die institutionelle Organisation37 und die Verwaltung der VOC erschienen.38 Auch über die Rolle der VOC in den indigenen Gesellschaften wurde geforscht.39 Hierzu diente das Projekt TANAP (Towards a New Age of Partnership, 2000 – 2007), das Wissenschaftler aus den ehemaligen VOC-Gebieten in deren Erforschung mit einbezog.40

Entsprechend vielfältig sind die Überlegungen zum Charakter der niederländischen Handelskompanien allgemein, wobei der Schwerpunkt immer auf der Ostindischen Kompanie liegt. Wirtschaftshistoriker, wie Nils Steensgaard, haben die VOC als Aktiengesellschaft und damit als institutionelle Innovation im Handel bezeichnet, da sie in ihrer Form als Aktiengesellschaft damals etwas völlig Neues darstellte.41 Ebenso werden die Handelskompanien als wesentliche Elemente eines sich »konsolidierenden Kapitalismus« und damit des Übergangs vom Kaufmannskapitalismus zum Finanzkapitalismus gesehen.42

In jüngster Zeit hat sich die Debatte auf die politischen Strukturen verlagert. Ausgehend von dem Buch Philip Sterns über die Englische East India Company in Indien (»The Company-State«) interpretieren Historiker auch die VOC als eine Form korporativer Staatlichkeit.43 Jedoch bleiben die Unterschiede aufgrund des relativ geringen Territorialbesitzes der VOC und der WIC im Vergleich mit den Briten deutlich. Auch agierten die niederländischen Vertreter in den Handelsniederlassungen und vor allem im Zentrum in Batavia weitgehend unabhängig von den Entscheidungen in Amsterdam, so dass alle Versuche einer Zentralisierung scheiterten. Allein schon die langen Kommunikationswege verhinderten eine direkte Einflussnahme des Zentrums. So heben jüngere Untersuchungen insbesondere die lockere Struktur des durch die Handelskompanien geprägten »niederländischen Imperiums« hervor, die sich vor allem im Vergleich mit Spanien und Portugal, aber auch mit Frankreich und Großbritannien abzeichnete. Die Historiker*innen erklären dies unter anderem durch die geringe Zahl der Niederländer – verglichen mit den anderen Kolonialreichen -, die zwangsläufig zur Kooperation mit einheimischen Kaufleuten und anderen Europäern führte. Auf dem indischen Subkontinent war durch die zahlreichen, oft benachbarten Handelsniederlassungen der Engländer, Franzosen, Niederländer und Dänen auch der Wechsel von einer Faktorei in die andere möglich und zeitweilig attraktiv.44 Nicht wenige Niederländer fanden etwa in den dänischen Besitzungen ihr Glück, wie etwa Barend Pessaert, der es bis zum Gouverneur in Tranquebar brachte.45 In diesem Kontext fordern insbesondere Cátia Antunes und Amélia Polónia, die Erforschung von Kolonialreichen zu dezentralisieren und sich auf diese Weise von dem Paradigma der europäischen Dominanz und der Vorstellung zentral strukturierter Reiche zu lösen. Antunes und Polónia beschäftigen sich hierbei mit sog. »free agents«, Personen, die in ihrem Privathandel sowohl das von den Handelskompanien beanspruchte Monopol unterliefen als auch bei Bedarf dessen Vorteile nutzten. Diese »Privatunternehmer« trugen mit ihren Netzwerken interessanterweise durchaus zum Erhalt der Imperien bei.46

Verglichen mit den ökonomisch-politischen Erfolgen der Handelskompanien hat die Rolle der VOC in der Kulturgeschichte und insbesondere in der Geschichte der visuellen und materiellen Kultur lange Zeit kein vergleichbares Interesse gefunden. Eine Ausnahme bildete zunächst das Feld der Wissenschaftsgeschichte. Hier setzte Harold Cook mit seinem Buch »Matters of Exchange« Maßstäbe, in dem er die moderne Wissenschaft auf die Wissensakkumulation niederländischer Kaufleute in Europa und Übersee zurückführte.47 Kaufleute und Handelskompanien übernahmen die Sichtung und Verarbeitung der angehäuften und ungefiltert eingehenden Informationen. In der Nachfolge Cooks werden daher die niederländischen Handelskompanien auch als Wissensnetzwerke verstanden.48

Neben der Wissensproduktion und -distribution interessieren inzwischen ebenfalls die künstlerischen Beziehungen sowie die zwischen Europa und Asien ablaufenden Prozesse des kulturellen Austausches. Historiker*innen und Kunsthistoriker*innen arbeiten dabei gemeinsam die Vielfalt der Rezeptionsprozesse heraus, die sich abhängig von Zeit und Ort sowie von politischen und sozialen Beziehungen konstituierten.49 Das VOC-Jubiläum 1602 – 2002 brachte hier ebenso Impulse wie die Neuaufstellung des Rijksmuseums, das die Bestände in thematischen Beziehungsgeschichten veröffentlicht.50

1Sybille PFAFF: Zacharias Wagener (1614 – 1668), Haßfurt 2001; Cristina FERRÃO/José Paulo MONTEIRO SOARES (Hg.): The »Thierbuch« and »Autobiography« of Zacharias Wagener, Rio de Janeiro 1997.

2Barbara WATSON Andaya/Leonard Y. ANDAYA: A History of Early Modern Southeast Asia, 1400 – 1830, Cambridge. 2015, S. 338 – 339.

3Thomas DaCosta KAUFMANN, Japanese Export Lacquer and Global Art History. An Art of Mediation in Circulation, in: REYES, Raquel A. G. (Hg.): Art, Trade, and Cultural Mediation in Asia, 1600 – 1950, London 2019, S. 13–42. James K. CHIN: The Hokkien Merchants in the South China Sea, 1500 – 1800, in: PRAKASH, Om (Hg.): The Trading World of the Indian Ocean, 1500 – 1800, Delhi 2012, S. 433 – 461; Leonard BLUSSÉ: Visible Cities. Canton, Nagasaki, and Batavia and the Coming of the Americans, Cambridge, MA/London 2008, S. 20 – 23.

4Kees ZANDVLIET (Hg.): De Nederlandse ontmoeting met Azië 1600 – 1950, Zwolle/Amserdam 2002, S. 13 – 16.

5Femme S. GAASTRA: Die Vereinigte Ostindische Compagnie der Niederlande – ein Abriss ihrer Geschichte, in: SCHMITT