Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
In seinem neuen Werk erzählt Erhard Schümmelfeder die unheimliche Geschichte des Mannes, von dem man im Dorfe munkelte, er habe während der Kriegsjahre Hundefleisch gegessen. Neben der Erzählung "Das Haus des Hundeschlächters" enthält das Ebook die Groteske "Der Reiche und der liebe Gott". LESERSTIMMEN: "Eine rätselhafte Gestalt wie die des Hundeschlächters vergisst man nie wieder." (Gerd Dahlmann) "Realistisch, düster und zugleich poetisch erzählt." (Holger Claasen) "Eine faszinierende Erzählung, die mich in ihren Bann zog." (Berthold Kleibrink) * Die Geschichten wurden entnommen aus "Brain" und gehören zu den Siegerbeiträgen im 8. neobooks-Wettbewerb.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 28
Veröffentlichungsjahr: 2013
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Erhard Schümmelfeder
Das Haus des Hundeschlächters
Zwei Erzählungen
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
DAS HAUS DES HUNDESCHLÄCHTERS
DER REICHE UND DER LIEBE GOTT
Impressum neobooks
Während meiner Kindheit stand am Dorfrand, in der Nähe des Weserufers, das Haus des Mannes, von dem man sich erzählte, er habe in den Kriegsjahren oft Hundefleisch gegessen. Der stets unrasierte und lumpig gekleidete Bewohner des heruntergekommenen Fachwerkgebäudes hieß Wagenknecht und galt unter den Nachbarn als Verachteter, da er ein Lotterleben führte und buchstäblich im Schmutz verkam. Schüler, die infolge fehlenden Fleißes in der Schule zurechtgewiesen wurden, hörten nicht selten die Warnung, sie würden eines Tages enden wie Wagenknecht, wenn sie sich nicht besserten. Das Gerede über den grantigen Eigenbrötler, der im Garten hinter dem Haus ein Schwein im Stall hielt, nährte sich aus den Schilderungen der Leute, die einen Blick in die Behausung geworfen hatten. Von einer fünf Zentimeter dicken Lehmschicht auf dem Küchenfußboden, von verstaubten Möbeln, Spinnenweben, herumliegendem Unrat und Mäusen, die auf dem Tisch tanzten, wurde gemunkelt. Da noch nie ein Nachbar gewaschene Wäsche auf den seit Jahrzehnten unbenutzten Leinen der Pfähle hinter dem Haus bemerkt hatte, schüttelte man über diese Unart nur den Kopf. Informiertere Augenzeugen berichteten, Wagenknecht wasche seine Schmutzwäsche von Zeit zu Zeit doch, er hänge sie aber nie unter freiem Himmel zum Trocknen auf, sondern über dem Herd in der Küche. Da der Sonderling seit vielen Jahren nicht die Fenster zum Lüften geöffnet hatte, befanden sich an allen Decken und Wänden der Zimmer Schimmelpilzwucherungen, die jedoch offensichtlich keinen schädlichen Einfluss auf seine Gesundheit hatten. Der schwarze Hund, der Wagenknecht auf seinen Wegen immer begleitet hatte, war verstorben und bot Anlass für Gerüchte, die an die mageren Kriegsjahre erinnerten.
Innerhalb der dörflichen Gemeinschaft besaß dieser ungesellige Außenseiter eine nützliche Rolle, denn man brachte ihm trockene Brotrinden, Kartoffelschalen und Gemüseabfälle, die von seinem Schwein gefressen wurden. Bei der Übergabe der Abfälle durch uns Kinder hatte es sich als sinnvoll erwiesen, nicht an seiner Haustür mit der abblätternden Farbe zu klingeln, da Wagenknecht bei dieser Gelegenheit die Boten oft mürrisch zur Rede stellte, weil sie zuvor einen Ball während des Spielens auf sein Gartengrundstück geschossen hatten. Wenn meine Mutter mich mit einer Tüte voller Abfälle zum Haus des Hundeschlächters schickte, stellte ich diese - stets fluchtbereit - auf die unterste Stufe der Eingangstreppe. Der Vorgang des Abstellens verwandelte sich im Laufe der Zeit in ein Hinwerfen mit anschließendem Wegrennen. Der Grund hierfür waren die allseits bekannten Schilderungen, die in meiner kindlichen Fantasie das Bild eines grauenvollen Dämons erweckten. Alle Kinder fürchteten Wagenknecht. Er war ein Hunde fressender Mörder. Hierfür bedurfte es keines Beweises; das Gerücht genügte, um das Haus dieses Ausgestoßenen zu meiden.
Wir Kinder übernahmen die Meinung der Erwachsenen, die am Verstand dieses Zeitgenossen zweifelten. Ich erinnere mich daran, wie er eines Tages sechs Apfelbäume in seinem Garten auf Kniehöhe absägte. Auf jeden Baumstumpf stellte er einen Blumentopf mit einer kümmerlichen Pflanze, ohne die Absicht, diese jemals zu gießen. Von Nachbarn gefragt, warum er die gesunden Bäume gefällt habe, gab er an, er wolle sich die Arbeit mit den im Herbst herunterfallenden Blättern ersparen.
