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Dass Fleur eigentlich anders heißt und zwei Jahre im Gefängnis saß, stört Frau Sylvest nicht. Sie sucht eine Gärtnerin, die ihre sieben Gärten wieder auf Zack bringt, und dafür ist Fleur genau die Richtige. Früher einmal diente die weiße Villa auf dem Hügel als Künstlerkolonie. Übrig geblieben aus dieser Zeit ist nur George Fox Evans, der mit Frau Sylvest das Bett teilt, mit erstaunlichem Durchhaltevermögen einen Roman über die englischen Royals schreibt und die Straßen auf seiner Lambretta unsicher macht. Fleur und Fox Evans werden Verbündete, als sich eine Schlange in Gestalt von Frau Kösel breitmacht, die vorgibt, Hilfsgärtnerin zu sein. Die beiden müssen Frau Sylvest nicht nur vor Frau Kösels diebischen Fingern bewahren, sondern auch alte Freunde aus Fleurs krimineller Vergangenheit abwehren. Doch dann begeht Fox einen schrecklichen Fehler, und am Ende muss Frau Sylvest, die nicht alles versteht, aber vieles vergibt, ihre sieben Gärten, ihren Liebhaber und ihre Gärtnerin retten.
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Seitenzahl: 323
Veröffentlichungsjahr: 2026
Elsemarie Maletzke
Roman
Oktopus
Im letzten Wagen des Regionalzugs saßen morgens um neun immer nur ein paar Leute, die sich nichts zu sagen hatten. Deshalb stieg Fleur dort ein. Sie wollte auf der Fahrt nicht unterhalten werden, keine Telefongespräche, überhaupt keine Gespräche mithören, und vor allem kein bekanntes Gesicht sehen.
Beim Einsteigen war sie an einem dünnen Mann mit kurz geschorenen Haaren in abgeschnittenen Jeans und Unterhemd vorbeigegangen, der mit einem Fadenkreuz am Hals und drei Punkten zwischen Daumen und Zeigefinger tätowiert war. Zu seinen Füßen lag ein großer, glatter Hund. Solche Typen und solche Tattoos kannte sie, deshalb ging sie schnell weiter und suchte einen freien Fensterplatz: hier. Gegenüber hockten zwei Jungs in Hoodies und Jogginghosen, beide verkabelt und in sich verkrochen, die Kopfhörer über den Kapuzen und jeder mit einem schlotternden Bein im Gang, eins in Fahrtrichtung, eins entgegen.
Weiter vorn saßen eine junge Frau vor ihrem aufgeklappten Laptop und eine alte mit Kopftuch und ohne weiteres Zubehör, außer ihren Einkaufstaschen auf dem Nebensitz. Fleur reiste mit leichtem Gepäck: Wasserflasche, Apfel, Käsebrot, Schokoriegel. Sie trug eine grüne Drillichhose und Stiefel, denn sie war auf dem Weg zur Arbeit.
Sie rutschte ans Fenster, faltete die Lokalzeitung auseinander, las die Überschriften. Ein Dachstuhlbrand, ein abgewählter Landrat, der Fußballverein hatte unentschieden gespielt, die Sparkasse einen öffentlichen Bücherschrank gestiftet. Auf dem Foto stand der Direktor »mit seinem gesamten Team« auf dem Bürgersteig. Was gab es da zu lachen? Fleur blickte hinaus ins Vorstadtlimbo: Gleise und Schotter, Essigbäume und Sommerflieder, Metallbau, Spedition, Baustoffgroßhandel, Schallschutzwände, dann ein Wäldchen, der kleine Fluss, Uferwiesen, die von Kormoranen tot geschissenen Bäume, Wochenendhütten, die verrieten, dass auch der Mensch, wo immer er sich niederließ, Unrat verstreute. Alles ruhig. Jeden Morgen das Gleiche.
Umso bemerkbarer machte sich seit drei Tagen ein großer hagerer Mann in Lederjacke mit einem grauen Zopf, der bereits im letzten Wagen saß, wenn der Zug hielt, und dort auf eine Frau wartete, die an der nächsten Station einstieg und die er laut »Herzelein« nannte. Da draußen gab es nur zwei Bahnsteige, ein Dach und den Fahrkartenautomaten. Die Frau war die einzige Wartende, und es sah aus, als hielte der Zug nur für sie. Sie kam jauchzend durch den Gang gestürmt – »mein Johnny!« – und warf sich auf den Platz neben ihm. Achtzehn Minuten reiste sie mit und stieg dann wieder aus, um den Zug aus der Gegenrichtung zu nehmen.
Jeden Morgen saß die Frau achtzehn Minuten lang neben dem Mann, hielt ihn umschlungen, kraulte seinen Hals und tuschelte in sein Ohr, wie Fleur über den Rand der Zeitung bemerkte. Seine Ansprache an »Herzelein« klang dagegen eher nach einer langen oder längst eingeschlafenen Beziehung, und er erwiderte keine ihrer Zärtlichkeiten, hielt den Kopf gesenkt und zog die Stirn in Falten. Unter den dunklen Brauen, die ihm wie Broschen über den Augen standen, starrte er geradeaus, ohne Fleurs Blick gewahr zu werden, und er widersprach ihrem Gewisper so laut und heftig, dass es im ganzen Wagen zu hören war. »Nee, nee, mach ich nicht, lass mich bloß mit dem in Ruhe! Was? … Nee, das ist mir jetzt echt zu viel. Was will der? … Ach komm, das hatten wir doch schon … Ich mach ja, aber von dem … kein Wort mehr!«
Psch, sch, sch.
»Woher kennst du den überhaupt? Und jetzt soll ich dem ein Bier ausgeben? Ich glaub, ich spinne. Das kannst du selber machen. Zu dritt? Denk nicht dran. Hör auf, mich mit dem Kerl vollzulabern.«
Sch, sch.
»Ich will jetzt nix mehr von dem hören. Das ist mein letztes Wort!«
Psch, sch, sch.
»Nee, nee, das ist jetzt mein letztes Wort.«
Es war das unbegreifliche Gerede eines Paars, alt genug, um Fleurs Eltern zu sein, das jeden Morgen zwischen zwei Stationen zusammen im Zug saß und immer das Gleiche, selten aber etwas Neues, sagte.
An diesem dritten Tag jedoch blickte der Mann auf, seine Augen trafen Fleurs Blick vier Reihen vor ihm, und sein Gesicht wurde plötzlich wach. So angeschaut zu werden, war beunruhigend, und ehe sie hinter der Zeitung verschwand, sah sie das Zucken eines Lächelns in seinem Mundwinkel, das ein Grübchen in der linken Wange vertiefte. Es war ein winziger Verrat an Herzelein, und Fleur glaubte zu verstehen: Da saß noch einer, der nicht erkannt werden wollte, ein Trickser, der laut den Blödmann spielte, aber in Wirklichkeit ein anderer war und der ihr das in einem Augenblick bedeutet hatte, ehe er die Brauen senkte und wieder in sein abweisendes Brüten verfiel.
Kannte er sie? War sie ihm schon einmal begegnet, irgendwann, bevor sie dreißig Monate lang nur noch von Leuten angeschaut worden war, die nichts von ihr wussten? Oder war er nur ein komischer alter Vogel in einer schäbigen Lederjacke, der versuchte, sie anzubaggern? Sie spürte, wie ihr die Beklemmung in die Kehle stieg, und tat, was die Hebestreif ihr für solche Fälle geraten hatte: Kopf hoch und zehnmal tief durch die Nase ein- und durch den Mund ausatmen. Dann war es überstanden. Aber sie las nicht weiter.
Auch heute löste sich Herzelein nach achtzehn Minuten von Johnny, um durch den Gang zu hasten – Ausstieg in Fahrtrichtung rechts – und im letzten Moment aus dem Zug zu springen. Fleur ließ die Zeitung sinken und musterte die Frau auf dem Bahnsteig: breit, rosa T-Shirt mit glitzernden Applikationen, ein schlaffes Rucksäckchen und ein daran aufgeknüpftes Stofftier, flaches Hinterteil in Leggings und Turnschuhe mit fladenartigen Sohlen. Ihr schwarzes Haar hatte sie so straff zum Pferdeschwanz zurückgebunden, dass die Kopfhaut durchschimmerte, und als sie sich zur Seite drehte, verriet ihr Gesicht nichts mehr von dem Lächeln und Kosen, die sie dem Mann mit den trotzigen Augenbrauen hatte angedeihen lassen.
Vor ihrer Brust baumelte ein kleines Lebkuchenherz an einem rosa Band, das sie beim Einsteigen noch nicht getragen hatte. Aus der Art, wie sie eben noch zwischen den Sitzlehnen hastig durch den Gang geprellt war, schloss Fleur, dass sie zumindest ein wenig betrunken war. Morgens um Viertel nach neun.
Kaum hatte sich die Bahn wieder in Bewegung gesetzt, begann Johnny laut zu telefonieren und Herzelein zu versichern, der Regionalexpress sei unterwegs und müsse jeden Moment ankommen.
»Ich hab gerade auf die App geguckt. Er ist auf die Minute pünktlich. … Nee, du musst nicht warten. Du bist jetzt ganz schnell wieder zu Hause. … Was? … Ja, ist im Anmarsch. Machs gut! Ja, ich dich auch.« Zwei Luftküsse neben das Telefon, und da kam der Gegenzug auch schon und brauste am Fenster vorbei. Auch bei Johnny gab es kein zärtliches Nachglühen. Er steckte sein Handy in die Jacke, verschränkte die Arme, lehnte sich zurück und schloss die Augen. Fleur musterte ihn verstohlen, und dann bemerkte sie, dass er sie unter halb gesenkten, aber unruhigen Lidern ebenfalls ansah.
Ohne zu zögern, nahm sie ihre Tasche, stand auf und ging durch den schlingernden Wagen nach vorn, drängte sich an Koffern vorbei, stieg über Beine, die in den Gang ragten, zügig auf das grüne Licht zu, das die unbesetzte Toilette anzeigte, und schloss sich dort ein. Drinnen stank es. Auf der Brille waren trockene Pissespuren; nasse Papierhandtücher quollen über den Rand des Abfallbehälters. Warum sind manche Leute zu blöd, eine Klobrille hochzuklappen und eine Klappe runterzudrücken, dachte sie. Ich hasse das. Sie hielt sich mit einer Hand an dem kleinen Waschbecken fest, sah in den Spiegel, ihr Gesicht, das nichts verriet, und strich sich mit der anderen das dünne blonde Haar aus der Stirn. Kopf hoch, atmen!
Bis zur nächsten Station – Rodenburg – waren es nur noch wenige Minuten, und als der Zug einlief, entriegelte sie die Tür, trat hinaus und stand als Erste bereits an den Stufen, als er hielt. Gleis 3. Aus der Deckung eines Getränkeautomaten schaute sie zurück und wartete. Die Menge lichtete sich, der Zug fuhr ab, kein Johnny war ausgestiegen. Ich leide an Verfolgungswahn, dachte sie. Doch als der letzte Wagen an ihr vorbeiglitt, sah sie ihn am Fenster stehen, den Kopf hin und her wendend; dann hatte sein Blick sie gefunden. War das etwa als Gruß gemeint, als er die Hand hob?
Am nächsten Tag nahm sie den früheren Zug.
Natürlich war sie ihm sofort aufgefallen. Sie war so unverkennbar Evas Tochter, dass er fast gelacht hätte, obwohl er ihr Gesicht nur einen Moment lang über dem Rand der Zeitung gesehen hatte. Ihre Augen, das Haar, der große Mund; ein freudiger Schreck, trotz allem. Es war ein Fehler gewesen, zu warten, bis Biggi endlich ausgestiegen war und er ihr hinterhertelefoniert hatte, ein überflüssiges Ritual, das sie liebte, eine Art Fellpflege, damit sie es trotz ihres Gezänks miteinander aushielten. Doch dann hatte er zu lange gezögert. Sie war plötzlich aufgestanden; es sah aus, als wollte sie flüchten, und er war nicht schnell genug gewesen, um sie zu stellen, zu unschlüssig. Aber wie auch? Er war ja kein Verfolger, und was hätte er sagen sollen?
Wie geht es deiner Mutter?
Und fragen:
Wie alt bist du?
Wohnt ihr immer noch in der Straße mit dem alten Bunker?
Sie hatte nur eine Sporttasche über der Schulter und trug eine zweckmäßige grüne Hose mit verstärkten Knien. Gärtnerin unterwegs zur Arbeit, dachte er und hoffte, dass die Zugfahrt ihre tägliche Routine wäre und sie einander wieder begegnen würden. Aber sie tauchte nicht mehr auf, und außer einem Blick auf die linkische Gestalt am Gleis 3 gab es nichts, woran er sich halten konnte.
Zehn Minuten später stieg auch er aus. Vor dem Bahnhof hatte er ein altes Herrenrad angeschlossen, dem sowohl das Rücklicht als auch die Gangschaltung fehlten, und klapperte darauf in die Innenstadt. In einer Einfahrt unter dem Schild Kunst & Trödel stellte er das Rad ab, ging über den Hof, der von den Rückseiten alter Mietshäuser und dem Tor einer Lagerhalle gesäumt war. Korbsessel, Steinzeug, ein Vogelbad, Sonnenschirmständer, eine alte Friseurhaube, zuszusammengeklappte Stehleitern und ein halbes Dutzend Plastikstühle standen im Hof herum. Hinter dem Tor, vom Lager durch eine Glastür abgetrennt, gab es ein Abteil mit großen Fenstern, das Büro, darin ein Schreibtisch zwischen aufgetürmten Kisten, Regale, in denen Geschirr arrangiert war, und eine Kinderchaise voller Puppen. Über der Tür bimmelte ein Glockenspiel, als er eintrat. Drinnen war es warm und roch wie in einer alten Handtasche.
»Hallo, Karin.«
Die Frau am Schreibtisch ließ die Datei von ihrem Bildschirm verschwinden und stand auf. Sie trug einen Sombrero auf dem Kopf und einen Geldgürtel um die Taille. Sie lächelte ihm entgegen.
»Hallo, John. Was hast du diesmal Schönes für mich?«
Fleur nahm den Bus: sechzehn Minuten, in denen sie auf die Blicke der einsteigenden Leute achtete. Keiner galt ihr, der blonden Frau auf der Rückbank, die nicht telefonierte, nicht textete und nicht las, sondern den Kopf oben hielt. An der Endstation stieg sie aus und ging geradeaus durch die Kastanienallee zum Haus von Frau Sylvest. Das Wartehäuschen lag am Waldrand, und nachdem sich die Türen geschlossen hatten, schniefte der Bus aus, und der Fahrer lehnte sich zurück. Kaffeepause.
Ende der Zwanzigerjahre als Teil einer demokratisch inspirierten Vorstadt von Rodenburg mit gleich großen, nicht allzu üppig bemessenen Gartengrundstücken angelegt, hatte sich die Kastanienallee im Lauf der Zeit in ein teures Suburbia verwandelt. Statt von Stockrosen und Bohnenstangen wurde sie nun von Eibenhecken und hohen Metalltoren gesäumt. An den Pfosten gab es Gegensprechanlagen, aber keine Namensschilder. Die Kastanien, einmal als besengroße Stecken gepflanzt, hatten sich zu Laubgebirgen ausgewachsen, sodass die Häuser das halbe Jahr im Schatten lagen. Jedes für sich; fast jedes von Kirschlorbeer umzingelt, der die grüne Dämmerung in der Kastanienallee vertiefte. Fleur mochte keinen Kirschlorbeer; er war kalt, er sah immer gleich aus, er war überall, und seine Blüten rochen wie etwas, das man versprühte, um faule Gerüche zu überdecken.
Auch deshalb liebte sie das Haus auf dem Hügel am Ende der Chaussee. Als Einziges überblickte es die Baumwipfel und schien freier zu atmen. Von einer Wiese umgeben, die Frau Sylvest ihre Prärie nannte, und mit einer einzelnen großen Zeder zur Seite, hatte es bereits dort oben gestanden, als die Kastanienallee noch gar nicht geplant war. Bei seinem Anblick fühlte Fleur sich immer ein wenig mit erhoben. Es war ein Privileg, für Frau Sylvest arbeiten zu dürfen. Keine von ihnen vergaß es je. Von Weitem bemerkte sie, dass ein Taxi, das am Tor gehalten hatte, wendete und ihr entgegenkam. Wieder einmal Besuch oder endlich Verstärkung?
Der Großvater von Herrn Sylvest, der das Patent auf die erste mechanische Trommelwaschmaschine hielt, hatte das Haus zu Beginn des letzten Jahrhunderts selbst entworfen, eine weiße Villa, licht und hochmodern mit Möbeln, die er aus Glasgow hatte kommen lassen, und deckenhohen gläsernen Falttüren, die sich zum Garten öffneten. Er hatte auch bestimmt, dass sie ohne Vorhänge blieben, denn das Draußen war ein Teil des geschmackvollen Drinnen. Über dem Treppenhaus wölbte sich eine Glaskuppel, deren Rund die patente Waschtrommel darstellte, die von fliegenden Dschinn in weißen Gewändern mit Lorbeer und Lilien umkränzt wurde.
Von der Straße aus waren nur das spitze Walmdach und die hölzerne Veranda im ersten Stock zu sehen, die sich über die ganze Front erstreckte, wodurch das Haus ein wenig topplastig wirkte und darin Großmutter Sylvest ähnelte, wie sie aus der gerahmten Fotografie im Morgenzimmer blickte: eine offenbar fest gezimmerte Frau, deren obere Hälfte üppig von Fischbein und ekrüfarbenen Spitzen eingezäunt war.
Ganz anders die aktuelle Frau Sylvest, eine kleine Dame in ihrem zweiundachtzigsten Lebensjahr mit zerbrechlichen Knochen und einem weißen Pagenkopf, die allein die Beletage belebte. Trude Heg, die Wirtschafterin, die im Souterrain wohnte, sorgte für sie. Jeden Morgen um halb zehn klopfte sie an die Tür des Schlafzimmers, zog die Vorhänge zurück, erteilte einen kurzen Wetterbericht und setzte das Tablett mit dem Morgentee über Frau Sylvests Knien ab. Auch Lunch um halb zwei und ein leichter Imbiss am Abend gehörten zu ihren Pflichten, sowie die Pflege des Silbers. Fürs Grobe kam einmal in der Woche die Putzfrau, aber Frau Sylvest verursachte wenig Schmutz.
Als Herr Sylvest noch lebte, der ebenso erfindungsreich war wie sein Großvater, jedoch auf einem ganz anderen Gebiet, hatten seine Frau und er Haus und Garten in eine Künstlerkolonie verwandelt. Keiner von ihnen verfügte über ein nennenswertes Talent, dafür waren sie großzügig gegenüber jenen, die sich berufen fühlten. Frau Sylvest hatte aus diesen Tagen ein Paar Augen voller Sternenglanz und eine fast mädchenhafte Begeisterungsfähigkeit ins Alter hinübergerettet. Im Vestibül unter dem herrlichen Oberlicht wurde damals ausdrucksvoll getanzt und gefeiert, musiziert und deklamiert. Der Hausherr hatte die Wände schwarz gestrichen, mit rankenden Pflanzen und weit geöffneten Blüten in schwelenden Farben bemalt und als Ausdruck seines künstlerischen Witzes ein menschliches Gerippe mit Zylinder auf einer Art Pfauenthron neben der Tür zum Morgenzimmer drapiert. Es war erst entfernt worden, als Frau Sylvest die eigene Sterblichkeit zu fühlen begann.
Gemeinsam hatte das Paar den Garten angelegt; nicht einen Garten, sondern sieben, wie die Hausherrin die junge Frau berichtigte, als diese sich im vergangenen März um den Posten der Gärtnerin beworben hatte. Sie hatte Fleur durch sechs ineinander übergehende Gartenräume geführt: Von einem Birkenhain am Tor (Nummer eins) stieg eine von alpinen Pflanzen gerahmte lange Steintreppe (Nummer zwei) zum Haus auf dem Hügel hinauf. Oben breitete sich die Prärie, rechts lagen hinter einer kniehohen Buchsbaumhecke einige Rosensträucher (drei) und dahinter der Staudengarten mit einer doppelten Iris-Rabatte (vier). Hier, so erfuhr die Bewerberin, hatte Herr Sylvest seine eigenen Sorten gezogen. Links der Treppe führte ein Pfad durchs »englische Gehölz« (fünf), das im April, also sehr bald, von Wellen blauer Hasenglöckchen durchrauscht werden würde, wie Frau Sylvest versicherte, zu dem ummauerten Senkgarten (sechs), den sie durch einen steinernen Torbogen betraten. In seiner Mitte lag das Seerosenbecken, in das früher, als die Pumpe noch funktionierte, ein breitmäuliger, von einem pummeligen Nöck gerittener Fisch, Wasser spie. Jetzt lag es trocken.
Und der siebte Garten?
»Aha! Sie haben mitgezählt.«
Der siebte Garten war die Kunst, die als übergeordnetes Prinzip über allem schwebte und sich mit der Botanik verschwisterte. Der Nöck war der erste, jedoch nicht der einzige Botschafter dieser nicht ganz neuen, aber hübschen Idee.
Seit den bewegten Tagen in der Künstlerkolonie war ein halbes Jahrhundert vergangen. Herr Sylvest war gestorben, die Feste, die Tänze, die Debatten hatten ein Ende gefunden, und nur noch selten erschienen unangemeldet Menschen, die dem Vernehmen nach Kunst ausübten, brachten Frau Sylvests Augen zum Strahlen und verschwanden nach kurzer Zeit wieder. Manche nahmen etwas mit, andere hinterließen etwas, das Frau Sylvest dann ihrer Sammlung in der schwarzen Glasvitrine zufügte, die im Vestibül unter dem Oberlicht stand, durch das die Sonne bunte Flecken auf den Marmorboden warf.
Einige machten sich nützlich. In der Woche zuvor war Fleur dort zwei jungen Amerikanerinnen in Latzhosen begegnet, die mit weichen Lappen ihren kreativen Furor an den Möbeln ausließen. Im ganzen Haus roch es nach Nussbaumpolitur. Frau Sylvest erinnerte sich nicht, wem sie diese beiden zu verdanken hatte, wie sie hießen und wie lange sie tätig sein würden. Sie schwebte an den Mädchen vorbei, die sich mit dem Handrücken die Haare aus den Augen strichen, und erwiderte huldvoll deren Gruß. Frau Heg, die es auch nicht wusste, beobachtete die beiden stumm und ohne Wohlwollen. Sie sprach kein Amerikanisch, und für die Möbel war die Putzfrau zuständig. Im Garten, das hatte Fleur gleich erkannt, waren die beiden Tussis nicht zu gebrauchen. Nachdem sie mehr als erwünscht poliert hatten, verschwanden sie wieder in einem lila Campingbus.
Der einzige Künstler, der auf Dauer geblieben war und noch in einem der Gästezimmer im zweiten Stock lebte, war George Fox Evans, ein großer schlaksiger Mann mit weißem Haarschopf und Hakennase, dessen Profil dem des Herzogs von Wellington ähnelte, was außer Frau Sylvest bisher den wenigsten aufgefallen war. Mr Fox Evans war bereits eingesessen, als Fleur ihre Arbeit als Gärtnerin aufnahm. So lange schrieb er auch schon an einem englischen Roman, einer großen historischen Sache über Queen Anne, poor thing, die letzte Stuart-Königin, ihre siebzehn Schwangerschaften und ihre Erben aus Hannover, die Herren George eins bis vier.
Darüber hinaus erwies er sich als erstaunlich patent im Angesicht der vielen Überraschungen, die ein über hundert Jahre altes Haus bereithielt. Fleur vermutete, dass Fox Evans nicht immer Schriftsteller gewesen war, denn er verstand sich auch auf das Abdichten nässender Wasserrohre, das Stabilisieren wackelnder Stuhlbeine und das Beheben verdächtiger Klickgeräusche in der Vertäfelung. Fertigkeiten, die sie mit keiner künstlerischen Tätigkeit in Zusammenhang brachte. Nur die Pumpe im Seerosenbecken widerstand ihm beharrlich.
Was er trieb, wenn er nicht an seinem Roman arbeitete, wusste Fleur nicht. Da sie ihn zu allen möglichen Tageszeiten im Garten antraf, ging er offenbar keiner geregelten Tätigkeit nach. Sie konnte sich auch nicht vorstellen, in welchem Verhältnis er zu Frau Sylvest stand. Von Trude Heg wusste sie, dass er sie Caroline und sie ihn George nannte, dass die beiden dennoch per Sie waren. So erfuhr sie auch, dass Frau Sylvest dem Mann lediglich Logis gewährte, seinen Appetit jedoch zu würdigen verstand, wenn sie ihn mittwochs zum Tee empfing, um Englisch zu parlieren, sein Profil zu bewundern und am Fortschreiten des Queen-Anne-Romans Anteil zu nehmen.
Frau Heg hatte mitgehört, dass der Autor inzwischen bis zum dritten George, dem Wahnsinnigen, vorgedrungen war und über die grauenvollen Kuren sprach, mit denen die Quacksalber am englischen Hof den armen Mann peinigten und deren Schilderungen Frau Sylvest das angebissene Kresse-Sandwich auf den Teller zurücklegen ließen.
Im Stillen wunderte sich Trude Heg, dass George aus dem zweiten Stock so viel Geduld und Hirnschmalz an eine derart trübselige Dynastie und deren gestörte Familienverhältnisse verschwendete, denn er selbst verstand es ganz ausgezeichnet, Frau Sylvest zu amüsieren und dabei ohne Hast ein ganzes Weißbrot in Form ihrer delikat belegten Canapés in sich hineinzuschlichten. Sie war nicht umsonst seit zwanzig Jahren Wirtschafterin bei Frau Sylvest und nahm auf geräuschlose, aber durchaus interessierte Weise an der mittwöchentlichen Teezeremonie teil. Man erfuhr dabei Verschiedenes. Frau Heg nannte ihn Mr George.
Er kleidete sich nach Art der Mods in den Sechzigerjahren, der Zeit seiner Londoner Jugend, so dandyhaft wie noch möglich, trug ein Einstecktuch in der Brusttasche des Jacketts und zweifarbige Schuhe, und wenn er mit runden Schultern und seinem leicht einwärts gedrehten Gang durch den Garten tigerte, blieb er bei Fleur stehen, die den Spaten nicht aus der Hand legte, und sie plauderten; Fox Evans ein wenig umständlich und mit einem Akzent, den Fleur für den eines englischen Lords aus dem letzten Jahrhundert hielt. Sie sprachen über das Wetter, das Unkraut und das Mysterium der Zwiebelpflanzen, deren bescheidener Gestalt in jedem Frühjahr die herrlichsten Farben und Formen entsprangen.
»Tiptoe through the tulips«, brach es plötzlich mit Fistelstimme aus ihm heraus.
»Hä?«
Er verstummte und winkte ab. »Nichts, nur ein Lied. Tiny Tim.« Kannte sie? Nein. Zu jung, natürlich. – Gab es da Bluebells in ihrem Garten? Allerdings.
»Hyacinthoides«, fügte Fleur sicherheitshalber hinzu, denn der seltsame Mr Fox Evans war augenscheinlich gebildet, aber kein Botaniker. Er zog ein schmales Notizbuch mit einem dünnen Stift in einer Gummischlaufe aus der Jacketttasche.
»›’Yacint…‹ Bitte buchstabieren!«
Ohne Worte und ohne viel übereinander zu wissen, ahnten beide, wie es um ihren Status im Hause Sylvest bestellt war. Sie waren nicht viel mehr als Asylsuchende ganz auf die Gunst von Frau Sylvest angewiesen, und da er als Brite keine direkten Fragen stellte und sie zu schüchtern war, verharrten sie in einem Zustand des Respekts und der freundlichen Kameraderie.
Fleur räumte das Feld, wenn der Mann in der ehemaligen Garage, die nun auch ihr Geräteschuppen war, seine alte Jacke anzog, die Musik einstöpselte, deren Getöse durch die Kopfhörer krachte, und an seiner Lambretta mit den in den Farben des Union Jack lackierten Seitenhauben, den blitzenden Chromleisten, acht Scheinwerfern und sechs Rückspiegeln polierte, auf der er sonntags britisch bewimpelt durch die Kastanienallee ritt, aber niemals über die Grenzen des Viertels hinaus. Fleur vermutete insgeheim, dass weder Fox Evans mit seinem blau-weiß-roten Fahrradhelm noch seine Lambretta einer polizeilichen Kontrolle standgehalten hätten. Fox Evans wiederum behielt seine Gedanken über Dunkelheit, Staub und Stille in der Personalwohnung über der Garage für sich.
Mit Trude Heg besprach Fleur hin und wieder das Rätsel Mr George, wobei die Wirtschafterin es vorzog, ihren zwanzig Jahre währenden Informationsvorsprung nicht mit der Gärtnerin zu teilen.
»Meinen Sie, der ist was Besseres?«, wollte Fleur wissen. »Ein Lord oder so?«
Es war Samstag, Backtag, an dem Frau Heg vorsorgte, dass Frau Sylvest am Sonntag – ihrem freien Tag – nicht darben musste, und Fleur war in der Küche erschienen, um sich zu einem Stück Zitronenkuchen einladen zu lassen. Die Küche im Souterrain war einmal für einen größeren Haushalt als den gegenwärtigen ausgelegt worden, mit einem rot und grün gefleckten Terrazzoboden und einer Anrichte, in der die Damast-Servietten, das Tafelsilber und das zwölfteilige Royal Copenhagen verwahrt wurden. Der Länge nach stand ein Tisch im Raum, aber nirgendwo gab es Platz für eine Spülmaschine. In der Küche war es warm; es duftete nach geschmolzener Butter, Zucker und Zitrone.
»Tja, könnte wohl sein«, sagte Trude Heg. »Guck dir nur seine Nase an. Das ist Oberklasse. Und dass er über die Royals ein Buch schreibt. Da kennt er sich aus.«
»Wirklich? Sie meinen, der kennt die? Charles und William und Harry und diese amerikanische Tussi?«
»Nein, nein, die nicht. Viel länger zurück. Jahrhunderte.« Frau Heg stellte die Rührschüssel in den Spülstein und drehte den Heißwasserhahn auf; polternd sprang ein Boiler an.
»Echt? Und glauben Sie, der ist auch so reich wie die? Also Oberklasse; ich seh den immer in derselben Jacke rumlaufen.«
»Aber er ist doch eigentlich ganz elegant. Und Mr George ist ja auch ein Künstler, ein Schriftsteller.«
»Und ist der irgendwie mit Frau Sylvest verwandt?« Wollte sie das wirklich wissen, oder einfach nur ein bisschen länger in Frau Hegs warmer Küche sitzen und schwätzen? Die Beziehungen anderer Leute kümmerten Fleur wenig, aber über ihre finanziellen Verhältnisse wusste sie gern Bescheid. »Ist der vielleicht ihr Cousin oder ihr Lover?« Sie brach kleine Stücke von ihrem Kuchen ab. »Mmh, lecker.«
»Unsinn. Nein, nein, die sind nicht verwandt.«
Trude Heg wusste, wo ihre Loyalität aufgehoben war, und sie würde sich auf diese impertinente Fragerei nicht einlassen; der Gärtnerin etwa durch eine kecke Zungenspitze zwischen den Lippen zu verstehen geben, dass sie gar nicht so weit daneben lag. Mr George war in der Tat Frau Sylvests »Lover«, wie die junge Person sich auszudrücken beliebte. Die beiden wurden in Gegenwart anderer Menschen nie vertraulich, berührten einander nicht, aber sie machten auch kein Geheimnis aus der Sache. Frau Heg fühlte sich dennoch als die Hüterin der Diskretion in diesem Hause.
»Mr George ist ihr Gast. Sie trinken mittwochs immer zusammen Tee im Wintersalon«, sagte sie. »Magst du auch einen Kaffee?«
»Kaffee wäre super.«
Sie schaute zu, wie Frau Heg die Eierschalen in den Abfalleimer warf.
»Erst zerdrücken, sonst lösen die sich im Kompost nie richtig auf.«
Als Antwort traf sie ein strafender Schulterblick.
»Du wolltest wohl kein zweites Stück Kuchen, oder?«
»Äh, ja, doch. Aber kann man denn von so was leben? Ich meine, als Schriftsteller richtige Bücher schreiben. So wie zum Beispiel Harry Potter?«
»Wahrscheinlich nicht«, sagte Frau Heg, händewaschend. »Obwohl, wenn man Harry Potter schreibt, schon. Aber nicht Mr George.«
»Glaub ich auch nicht. Vielleicht lebt er ja von den Zinsen eines riesigen Vermögens.«
Trude Heg goss Kaffee in einen Becher, stellte die Milch auf den Tisch.
»Um einen reichen Onkel zu beerben, ist er ja wohl schon zu alt, oder?«, redete Fleur weiter und blies über den Kaffee. »Ich meine, als Neffe, der was zu erben hätte, oder? … Also ich schätze mal, er hat irgendwo einen Haufen Zaster versteckt.«
Das bezweifelte Frau Heg stark, aber sie hob nur die Augenbrauen und sah Fleur schweigend beim Krümeln zu.
»Vielleicht hast du recht«, sagte sie schließlich, stellte die Milchtüte zurück in den Kühlschrank und löste ihre Schürzenbändel, »aber wir wissen es nicht, und es geht uns auch nichts an.«
Fleur klinkte das Tor zur Auffahrt hinter sich zu und stieg den Treppenweg zum Haus hinauf. Schon am Vortag hatte sie in Gedanken eine Liste mit dringlichen Maßnahmen angelegt. Der Iris-Rabatte Luft verschaffen, den Blauregen zurückschneiden, Zünslerkontrolle im Buchs. Nun sah sie, dass kupferfarbener Klee in den Steinritzen spross, der alte Feind Oxalis corniculata, und sie notierte im Geist eine weitere Aufgabe, die ihr zufallen würde.
Frau Sylvest, die so lange unzerstörbar gewirkt und jeden Tag im Garten gearbeitet hatte, war vor drei Monaten auf diesem Treppenweg gestürzt und seither nicht mehr ganz dieselbe. Sie wanderte umher, als hätte sie nichts Besseres zu tun, kniff hier unschlüssig ein welkes Blatt ab, trug dort eine Handvoll ausgezupftes Unkraut zum Komposthaufen und hielt die Gartenschere auf eine Weise, als hätte sie vergessen, was der Schnabel einer scharfen Klinge in einem Handballen anrichtet.
»Die Prärie sollte gemäht werden«, hatte Frau Sylvest im Mai gesagt. Es sehe im Moment doch allzu … verträumt aus.
Sie standen unter der Zeder auf dem Hügel, so wie sie fast jeden Abend dort standen, ehe die Farben vergingen, um anschließend gemeinsam durch die Gärten zu gehen, im stillen Einverständnis, dass man ihnen nichts über den Sinn des Lebens erzählen musste, jedenfalls nicht zu bestimmten Jahreszeiten. Ein leichter Wind ließ die hochstehenden Gräser zittern und wehte Fliederduft heran. Akelei, die sich überall ausgesät hatte, blühte krapprot und tintenblau zwischen Glockenblumen, Margeriten und gelbem Hahnenfuß. Ein Schwarm Distelfinken stob leise zwitschernd durch die Baumkrone.
»Aber jetzt noch nicht«, wandte Fleur ein. »Die Narzissen müssen ja erst einziehen.«
»Das weiß ich doch«, rief Frau Sylvest. »Erst im Juli. Anfang Juli, natürlich, sonst haben wir bald keine Narzissen mehr.« Sie lachte, als wäre ihr ein Scherz gelungen. »Halten Sie mich für ein – für ein Grünhorn?«
So ein merkwürdiges Wort hatte Fleur zuvor noch nicht von ihr gehört, und plötzlich verstand sie, dass nicht nur die Wiese ein wenig verträumt wirkte. Der Umstand, dass die Gärtnerin vergessen hatte, dass das Laub der Narzissen nicht abgemäht werden durfte, bevor es gänzlich verwelkt war, um den Zwiebeln neue Kraft zu spenden, wirkte wie ein flüchtiges Versehen, ein Fußbreit neben der Spur. Aber Fleur ahnte, dass nicht nur die Wiese zu verwildern drohte, und wohin der Weg Frau Sylvest am Ende führen würde: in ein friedlich summendes Gewährenlassen; ein kurzlebiges Zwischenreich, das, zumindest was den Garten betraf, dem Untergang vorausging. Allein würde Fleur ihn nicht aufhalten können.
Frau Sylvest wusste es in ihren guten Momenten auch. Dann stand sie gedankenverloren vor den Päonien, sah in die Wolken und strich sacht mit dem Daumen über die schwellenden Knospen, durch die das glatt gespannte seidige Rot blinzelte.
»Ich darf nicht sterben. Was soll denn dann aus meinen sieben Gärten werden?«
»Na, Sie sind doch noch ganz fit«, erwiderte Fleur verlegen, und nach einer Pause:
»Wir könnten eine Hilfskraft gebrauchen, jemanden für die schweren Sachen, die Pumpe … ich meine, nur vorübergehend, stundenweise.«
»Eine Hilfskraft? Darüber muss ich nachdenken. Vielleicht … sind Sie nicht mehr Herrin der Lage, Fleur? Sie sind jung und stark. Sie werden sich kümmern müssen.«
»Ich kümmere mich, aber Sie wissen doch selbst, wie groß der Garten ist und was alles getan werden muss.«
»Nicht einer, sondern sieben Gärten«, widersprach Frau Sylvest empfindlich, und Fleur schnaubte leise in ihrer wortlosen Opposition zu Frau Sylvests mildem, aber unwandelbarem Beharren auf der Anzahl ihrer Gärten.
»Ich denke darüber nach. Über eine Hilfskraft … Sehen Sie nur, die Dentaria hat sich ja wie wild ausgebreitet! Wenn ich … ja, ich weiß, ich habe sie selbst gepflanzt, aber wenn ich geahnt hätte, zu welch einer aufdringlichen Erscheinung sie sich auswachsen würde … nun bedrängt sie sogar den Phlox.« Sie neigte schelmisch den Kopf zur Seite. »Dies scheint mir ein Fall für die Staudenpolizei zu sein. Fleur, bitte übernehmen Sie, und gebieten Sie dieser Pflanze Einhalt!«
Fleur gebot der Dentaria Einhalt, und Frau Sylvest dachte über eine Hilfskraft nach.
Die Haustür stand offen, ebenso die Tür zum Morgenzimmer am anderen Ende des Vestibüls. Es war das Zimmer, in dem Frau Sylvest auch am Abend auf einer kleinen Chaiselongue mit passendem Fußschemel saß, umgeben von Lektüre in eingebauten Bücherregealen und einer Trittleiter. Am Fenster stand ein Sekretär aus hellem Birnbaumholz mit einer Platte zum Herausklappen und vier kleinen Schubladen im Innern.
Hier schrieb Frau Sylvest ihre Briefe, und wenn sie aufblickte, sah sie an der Wand neben dem Bild von Großmutter Sylvest in ekrüfarbener Spitze ein gerahmtes Foto ihres verstorbenen Ehemanns, schwarz-weiß und etwas unscharf in der Vergrößerung, aber in dem gefurchten Gesicht durfte man Bergsteigerbräune erwarten. Sein stolzer Blick und das aufgewehte Haar deuteten auf den reformfreudigen, künstlerischen Geist; passend dazu war das Hemd ein wenig zu tief aufgeknöpft. Sie war so an seinen Anblick gewöhnt, dass sie sich den Verblichenen kaum noch anders vorstellen konnte. Sein Lächeln, sein Humor, der Enthusiasmus, die weniger herrischen Momente – es hatte sie gegeben. Und er hatte ihr das Haus mit den sieben Gärten hinterlassen. Sie erinnerte sich seiner voller Dankbarkeit, aber manchmal fragte sie sich, ob ihr dieses Gefühl nicht ebenfalls zur Gewohnheit geworden war.
Heute wurde Fleur im Morgenzimmer erwartet. Frau Sylvest saß vor ihrem Sekretär und winkte ihr schon von Weitem, einzutreten. Fleur tat wie ihr geheißen, und da stand diese Frau und wandte ihr den Rücken zu: Steppweste, ein gelber Rucksack mit einer daran baumelnden Stoffmaus; Hinterteil in Leggings, Schuhsohlen wie Pfannkuchen und ein straff zurückgebundener Pferdeschwanz. Noch bevor sie sich umdrehte, fühlte Fleur, wie ihr der Atem stockte. Die Frau trug noch immer das Lebkuchenherz vor der Brust, auf dem in Zuckerguss Herzelein stand.
»Meine liebe Fleur«, rief Frau Sylvest, »stellen Sie sich vor: Hilfe naht! Das ist Frau Kösel. Sie hat von unseren Schwierigkeiten erfahren. Das ist meine Gärtnerin, Fleur. Sie ist hier für alles zuständig, was den Garten betrifft. Frau Kösel wird uns eine Stütze sein, eine ganz kompetente … Sie haben im Gartenbau gearbeitet, ja, nicht wahr?«
»Genau.« Die Frau lachte. »Daher kenn ich ja auch die Frau Heg. Schon ewig. Unsere Männer sind beide im Vorstand von dem Rosisten-Verein. Von der Trude Heg hab ich, dass Sie jemand für den Garten suchen. Und da bin ich«, fügte sie weiter lachend hinzu und sah von Frau Sylvest zu Fleur, eine Aufforderung, wie es schien, sich ihrer grundlosen Fröhlichkeit anzuschließen.
Lügnerin, dachte Fleur, Schlange. Was suchte sie hier? Sie hatte am Morgen also nicht den Gegenzug genommen, sondern war wieder eingestiegen und weitergefahren, während der Mann namens Johnny sie auf dem Heimweg wähnte. Vom Bahnhof in Rodenburg hatte sie ein Taxi genommen und war bei Frau Sylvest vorgefahren, als Fleur aus dem Bus stieg.
»Wie nett, Ihr Lebkuchenherz.« Frau Sylvest lächelte.
Auch Lügnerin, dachte Fleur. Das Herz entsprach nicht dem Stil des Hauses.
»Ach, das!«, rief die andere und klopfte sich auf die Brust. »Das ist von meinem Richie. Das hat er mir gestern auf der Kirmes geschenkt. Wir haben ein bisschen gefeiert – unseren fünfundzwanzigsten Hochzeitstag. Bin noch nicht so ganz wieder da, ’schulligung.« Sie hob affektiert die Hand zum Mund, als wollte sie ein katerbedingtes Aufstoßen unterdrücken, senkte den Kopf und zwinkerte Fleur zu.
Eindeutig blau, dachte Fleur und mied Frau Sylvests Blick. Und was sollte dieses Zwinkern bedeuten? War es der Wink einer einfältigen Person, die glaubte, eine Schwester im Geiste vor sich zu haben, eine, die Spaß an Kirmes und Schießbuden hatte und mit der sie ein bisschen über die Chefin herziehen konnte?
Oder hieß es einfach nur: Du bist durchschaut, Schwester?
Gerade noch war Fleur überzeugt gewesen, Herzelein habe sie im Zug hinter der Zeitung nicht bemerkt, weil sie zu beschäftigt war, Johnny zu kraulen. Nun schien das zusammengekniffene Auge anzudeuten, dass er ihr Gesicht erkannt und die Schmusetante auf sie aufmerksam gemacht hatte. Was wusste er von ihr? Was wollte er von ihr? Hatten die beiden über einen Garten gesprochen, einen Job? Nee, nee, nee, über einen Kerl, dem Johnny kein Bier ausgeben wollte. Sein letztes Wort. Aber vielleicht war das alles nur Theater, so wie das Geschwätz über Frau Heg und die Rosisten und dass sie sich am Abend zuvor auf der Kirmes die Kante gegeben hätte. Wollten Johnny und diese Kösel bei Frau Sylvest einen Fuß in die Tür schieben, um ein krummes Ding zu drehen? Oder ging es um sie, ihre Vergangenheit und das, was sie zu verbergen hatte? Sein ironischer Gruß durchs Zugfenster: Wir wissen, wer du bist. Wir wissen, wo du wohnst. Und schon sind wir da – in Gestalt von Frau Kösel.
Fleur erwiderte kein Lächeln und kein Zwinkern; sie zeigte das leere Gesicht, das sich als ihr bester Schutz bewährt hatte und das Frau Sylvest auch nach über einem Jahr zuverlässig irritierte. Fleur würde ihr also nicht erzählen, dass sie diese Frau heute, gestern und vorgestern mit einem Mann gesehen hatte, der im Leben nicht Richie hieß. Dass ihr dieses Lebkuchenherz nicht zur Feier eines fünfundzwanzigsten Hochzeitstags auf der Kirmes umgehängt worden war, sondern in einem fahrenden Zug. Frau Sylvest wurde nicht informiert, dass sie sich mit Frau Kösel – wenn es denn Frau Kösel war – eine Person in den Garten einlud, die ganz sicher keine Verstärkung darstellte, sondern eher etwas, das unter einem Blatt sitzt und nicht bemerkt werden will.
Doch ebenso wenig würde Fleur dem Herzelein auf den Kopf zusagen, dass sie ihr falsches Spiel durchschaute. Denn Fleur war selbst eine, die nicht bemerkt werden wollte; eine, die schwieg, weil sie fürchtete, die andere könnte es nicht auf Frau Sylvest, sondern auf sie selbst abgesehen haben; eine, die ihr Gesicht erkannt hatte. Ihr musste man nichts über Heimlichtuerei erzählen.
Bisher hatte Frau Sylvest nicht bemerkt, dass ihre Gärtnerin gar nicht in der Personalwohnung über der Garage lebte, wie sie es für ausgemacht hielt, sondern jeden Morgen aufs Neue bei ihr eintraf. Sie hatte sich nie über Mittagspausen im Garten mit Thermoskanne und eingewickelten Butterbroten gewundert. Wenn Fleur also herausfinden wollte, was diese verdächtige Hilfskraft im Schilde führte, durfte sie sich nicht mehr im Zug blicken lassen, sondern musste vor Ort und im Garten bleiben. Es bedeutete, dass sie den Bauwagenplatz im Eichgrund verlassen und in die beiden Zimmer über der Garage ziehen musste.
Fleurs wirklicher Name war nicht Fleur, sondern Angelika. Als sich aber Frau Sylvest im vergangenen März in ihrem weitverzweigten Bekanntenkreis nach einer professionellen Kraft umgehört hatte, die sich um die sieben Gärten kümmern und besonders die Schwertlilien wieder auf Zack bringen sollte, die einmal der Stolz des verstorbenen Herrn Sylvest gewesen waren, wurde ihr von ihrer alten Freundin Dorothea Hebestreif die Bewerberin Angelika Enke geschickt.
Angelika war ein Glücksgriff. Ihr sollte es gelingen, die verlotterte Rabatte der Fleurs de Lys wieder zu frischer flammender Blüte zu erwecken, und daher hatte ihr die Obergärtnerin ungefragt diesen neuen Namen verliehen – eine Ehre, wie sie dachte, und ein Ausweis ihres gebildeten Witzes, der nur am Rande ein wenig nach Herablassung duftete. Denn Angelika glich auch bei wohlwollender Betrachtung keiner Blume, sondern eher etwas Zähem, Knorpeligem, scheu, aufmerksam und sprungbereit wie eine große Antilope, die sich im Busch verbirgt.
Jugend und Stärke hatte Frau Sylvest richtig erkannt, aber niemand hätte die Gärtnerin mit ihren sehnigen Armen, dem langen Hals, dem großen Mund und dem dünnen blonden Haar, das ihre Ohren kaum bedeckte, eine Schönheit genannt. Sie trug zwei volle Zehn-Liter-Kannen mit Leichtigkeit. Frau Sylvest zu widersprechen bedurfte jedoch einer anderen Art von Anstrengung. Dazu fehlten Fleur nicht nur die Worte, sondern auch die Strategie, mit der Frau Sylvest ihr langes, von Nöten weitgehend freies Leben gemeistert hatte. Diese Strategie bestand darin, die erfreulichen Vorgänge zu bemerken und zu bewahren, die weniger erfreulichen zu ignorieren und die vollkommen unerfreulichen zu vergessen. Mit furchtloser Selbstverständlichkeit nahm sie Respekt und Aufmerksamkeit entgegen, die ihrer Person gebührten. Fleur aber hatte ihren Schneid nur geborgt, und die Angst, etwas falsch zu machen, lag immer auf der Lauer.
Frau Sylvest wusste natürlich, wo sie herkam, aber sie war zu würdevoll, um ihre Gärtnerin nach dem Grund zu fragen, warum sie im Gefängnis gesessen hatte. Ihr reichten ein Wort der Empfehlung von Dorothea Hebestreif, die nicht nur eine überaus kompetente Anstaltsdirektorin und alte Freundin, sondern auch eine Stütze der Staudengesellschaft war, sowie ein Diplom der Jugendstrafanstalt. Es bescheinigte Angelika Enke eine Gärtnerlehre, die sie kurz vor ihrer Entlassung mit Auszeichnung bestanden hatte. Weitere Zeugnisse einer Baumschule und eines städtischen Grünflächenamts lobten ihren Fleiß, ihre gründlichen botanischen Kenntnisse und die tadellose Führung. Man bedauere ihren Weggang.
Gehölze hatten Angelika jedoch schon im Gefängnisgarten nicht begeistert. Sie sehnte sich nach Farben, Duft und Fülle, nicht nach Laubrechen und Heckenschneiden. In ihren Lehrjahren hatte sie alles Erdenkliche über Bodenbeschaffenheit, Standorte und Lebenszyklen gelernt und sich mit überraschender Leichtigkeit die lateinischen Namen von Ein- und Mehrjährigen gemerkt. Sie las, was die Bibliothek hergab: Bücher über Zwiebelpflanzen und Neophyten, über französische Kloster- und englische Cottagegärten, über Fürst Pückler, Piet Oudolf, Beth Chatto und Vita Sackville-West. Aus diesem vermischten Sortiment hatte sie das Bild ihres idealen Gartens geformt: Er sollte vom Frühjahr bis zum Herbst prangen, und seine Schönheit sollte einer Ordnung gehorchen, nämlich ihrer Ordnung.
