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Jane Austen, die Stille, die Heitere? Als Autorin hat sie sich stets bedeckt gehalten – »by a Lady« stand auf den Büchern – »und tatsächlich«, schreibt ihre Biographin Elsemarie Maletzke, »trat sie eher als Tante denn als Schriftstellerin in Erscheinung und man wünschte, es wären in ihrem Leben ein paar Neffen und Nichten weniger und ein paar Romane mehr erschienen.« Ihre Familie überlieferte sie uns als friedfertige Jungfer und schnitt alles aus ihren Briefen heraus, was auf das Gegenteil verwiesen hätte. So wurde auch ihr Werk als ungefährlich und von kultiviertem Witz geschätzt. Aber Austen war kein zahmes Huhn, das in seinem literarischen Vorgärtchen pickte, sondern das eleganteste satirische Talent des ausgehenden 18. Jahrhunderts. 250 Jahre nach ihrer Geburt ist sie populärer denn je. Weltweit erleben Pride and Prejudice, Sense and Sensibility oder Emma Millionenauflagen, werden für Kino und TV-Serien adaptiert und erleben neue mediale Blüten. Mit Feingefühl und Humor zeichnet Maletzke das Bild einer Autorin, die mit leichter Hand das scheinbar Widersprüchliche verband: scharfe Beobachtung und zartes Verstehen, Komödie und Drama, Wortwitz und Moral.
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Seitenzahl: 277
Veröffentlichungsjahr: 2025
Elsemarie Maletzke
Eine Biografie
Mit zahlreichen Abbildungen
Schöffling & Co.
You could not shock her more than she shocks me;
Beside her Joyce seems innocent as grass.
It makes me most uncomfortable to see
An English spinster of the middle class
Describe the amorous effects of ›brass‹,
Reveal so frankly and with such sobriety
The economic basis of society.
W.H. Auden
Sicher hat er sie geliebt, brüderlich-stolz und eitel, aber was Henry ihr nachsagte, grenzt für eine satirische Schriftstellerin an Rufmord. Jane Austen sei ängstlich bemüht gewesen, Gott zu gefallen und bei ihren Mitmenschen keinen Anstoß zu erregen. »Nie sprach sie ein unüberlegtes, leichtfertiges oder strenges Wort«, und »ihre Ansichten entsprachen genau denen der englischen Hochkirche.« Es wirkte. Nachfolgende Generationen von Leserinnen genossen ihre »dear books« wie ein Tässchen Haferschleim und legten sich damit in der Sofaecke schlafen. Die liebe Jane und ihre exquisiten Miniaturen englischen Landlebens!
Nach Henrys Würdigung – und wer sollte sie besser kennen als ihr Lieblingsbruder – war die Perspektive erst einmal gesetzt. Charlotte Brontë sah in ihrem Werk nur saubere Rasenkanten. »Leidenschaft ist ihr völlig unbekannt.« H.G. Wells verglich sie mit einem bezaubernden Schmetterling »ohne jedes Mark«, und die literarische Sekte der Janeites verteidigte ihren guten Ruf, »als ginge es um die Keuschheit ihrer Tante«, schrieb Virginia Woolf. Ihr Werk handele »von überhaupt nichts«, klagte ein Kritiker noch 1902. Jane Austen – eine Langweilerin von hohen Graden? Es hätte tödlich ausgehen können. Aber möglicherweise war Henry nicht zugegen, wenn sie ihren Schnabel an den Nachbarn wetzte, oder er hatte es ganz schnell vergessen; und da nicht sein kann, was nicht sein darf, verweigerte sich die viktorianische Literaturkritik ihrer Schärfe und nahm statt des Degens nur die Stickschere wahr.
Aber dann, über 200 Jahre nach dem Erscheinen ihrer Romane, hören und sehen Millionen Menschen Jane Austen zu. Pride and Prejudice, Sense and Sensibility, Emma, Love and Friendship, Sanditon und Persuasion erleben eine Wiederauflage – im Fernsehen, im Kino, als Mehrteiler im Internet. Welches andere Medium hätte annähernd so viel Macht über unsere Lesegewohnheiten?
Aus den Aufnahmestudios sei das Knarren der Korsettstangen zu hören und ein unübersetzbares Geräusch, mit dem Brüste in historische Kostüme gezwängt würden, erfuhr die Times.
Sense and Sensibility mit Emma Thompson und Kate Winslet gewann bereits 1995 einen Oscar, Emma mit Gwyneth Paltrow 1996 ebenfalls einen. Seither wurde nicht nur jeder Austen-Roman verfilmt, einige davon mehrfach, es gab auch Filmbiographien wie Becoming Jane, 2007 über die junge und Miss Austen regrets, 2008 über die ältere Austen. Ohne die neue Lust an ihren Romanen gäbe es auch keine modernen Komödien wie Bridget Jones – Schokolade zum Frühstück, samt Colin Firth als dem unsterblichen Mr Darcy, keine Travestien wie Lost in Austen, in der Elizabeth Bennet und eine orientierungslose junge Frau aus dem 21. Jahrhundert die Plätze tauschen, und sicher auch keine von ihr inspirierten exotischen Blüten wie die Fernsehserie Bridgerton, die voll unübersetzbarer Geräusche ist.
Literarisch hat das Fortschreiben eine lange Tradition. An der Vollendung von Sanditon, Austens letztem Roman, den zu schreiben sie am Ende zu krank war, haben sich nach ihrem Tod bereits ihre Nichte Anna und in der Folge ein knappes Dutzend Autorinnen versucht. P.D. James dachte sich einen Mord aus (Death comes to Pemberley), Joan Aiken nahm sich eine Protagonistin aus Emma für einen eigenen Roman heraus (Jane Fairfax). Eine neue Generation von Janeites ist um Tante Janes guten Ruf ebenso wenig besorgt wie um die Aneignung ihrer Plots und Personen. Die Bewegung hat ein eigenes Kürzel: JAFF, Jane Austen Fan Fiction. Allein über Pride and Prejudice gibt es annähernd 6000 Kapitel von Menschen, die im Internet ihrem schönen Hobby nachgehen. Familie Darcy in dritter Generation und kein Ende in Sicht.
Was also ist so zeitlos hinreißend an Austens Leben und Werk? Es kann ja wohl nicht sein, dass wir uns nach Pferdekutschen, Nachttöpfen und Quadrillen zurücksehnen. Nach einer Zeit, in der unverheiratete Frauen nicht allein verreisen, geschweige denn eine eigene Wohnung beziehen durften. Oder doch nach Mäßigung, Geduld, Zurückhaltung, Aufrichtigkeit, Eleganz und guten Manieren?
»Jane Austen ist sexuell«, sagt Emma Thompson, die das Drehbuch zu Sense and Sensibility schrieb. Ein verstohlener Blick, eine zögernde Hand verraten das Herz, und hinter dem Austausch höflicher Floskeln spritzen die erotischen Lunten. »Wir gehen nicht in Gesellschaft, weil wir Vergnügen am Gespräch, sondern weil wir, direkt oder indirekt, Vergnügen am Sex suchen. Wie hätten wir das ohne Miss Austens Hilfe herausgefunden?«, erkannte George Moore schon vor über 100 Jahren. Der Film zeigt uns das Vergnügen in Großaufnahme. Was er nicht kann, weil er in seinem Ausstattungseifer zu viel des Guten tut, ist die Abbildung von Austens erotischer Ökonomie. Ihre Liebesszenen werden mit Worten, nicht mit Griffen vorangetrieben; Szenen, deren Intensität und schnelle Stimmungswechsel an den Satz einer Schubert-Sonate erinnern, die man auch nicht verfilmen kann.
Denn der Film traut den Worten nicht; sie sind nicht sein Medium. Dafür lädt er sein Publikum zum Schwelgen ein. Gedreht wurde in Bath mit seinen lückenlosen Regencyfassaden, in den Prachtkulissen von Chatsworth, Wilton House, Flete Estate, Dyrham Park, im Dorf Lacock in den Cotswolds mit seinen Häusern aus mürben Ziegeln und Tudorfachwerk, in Lyme Regis und an der Kanalküste; tiefe Sonne, großes Wolkentheater, drinnen zarter Schmelz noch auf der verwohntesten Täfelung.
Die Persuasion-Verfilmung von 2022, über die der Independent schreibt, es herrschten Zweifel daran, dass einer der Beteiligten das Buch gelesen habe, nimmt für sich in Anspruch, in Sprache und Gestus die Generation der Millennials zu erreichen und für Jane Austen zu gewinnen, also eine Art betreutes Entdecken einer fremden Welt, als sei es nicht auszuhalten, dass Menschen vor 200 Jahren anders gesprochen und sich anders verhalten haben; eine Welt, in der Frauen nicht die Rotweinflasche an den Hals gesetzt und nicht »Hallo« gesagt haben und »Er bringt mich zum Lachen« kein Heiratsgrund war.
»Es wird höchste Zeit, dass wir das Korsett sprengen!«, schrieb eine Filmkritikerin bereits 1995 und spendete Beifall für den Filmkuss von Anne Elliot und Kapitän Wentworth in Bath auf offener Straße. Ein bewegendes Bild, ein romantischer Augenblick, aber nicht von Austen, die in einer streng reglementierten Welt lebte. Man kann sich einen eigenen Reim auf ihre Bücher machen, sie umkrempeln, modernisieren, transponieren, die Haare im Wind fliegen lassen und die Rolle der Lady Russel mit einer farbigen Schauspielerin besetzen. Das sind künstlerische Freiheiten, aber man sollte auch wissen, dass Suff, Sex und Krakeel nur in Austens Geschichten vorkommen, die sie als kleines Mädchen schrieb, und zwar in der Absicht, ihre Geschwister und Cousinen zum Lachen zu bringen. Sie wusste durchaus Bescheid, aber als Autorin verzichtete sie darauf, das Korsett zu sprengen.
In sieben vollendeten und zwei unvollendeten Romanen beschrieb sie am Ende des 18. Jahrhunderts diese Welt: der englische Landadel mit seinen Trabanten: Pfarrern, Anwälten, Offizieren, Glücksrittern und Damen von zweifelhafter Ehre –, keine großen Tableaus, sondern »ein Elfenbein-Täfelchen«, das sie ritzte und polierte. Weder Krieg noch Revolution, weder Elend noch Verbrechen kommen in ihren Büchern vor – in einer Zeit, in der Amerika seine Unabhängigkeit erkämpfte, die Bastille gestürmt wurde, England gegen Napoleon in den Krieg zog (zwei von Janes Brüdern fuhren zur See), der Sklavenhandel florierte, die Landbevölkerung sich krumm schuftete und Kinder deportiert werden konnten, wenn sie ein Brot gestohlen hatten. Aber die Welt bricht zusammen, wenn Lydia Bennet mit Mr Wickham durchbrennt, der sie nicht einmal heiraten will.
Es ist ein sozial und geographisch begrenztes Terrain, doch mit einem weiten Ausblick auf die menschliche Natur. »Eine Teegesellschaft entlarvt Egoismus, Freundlichkeit, Selbstkontrolle und schlechte Laune ebenso gut wie ein Luftangriff«, schreibt Austens Biograph David Cecil. Und so macht sich Emma, die auf einem Picknick der unaufhörlich plappernden Miss Bates über den Mund fährt, nicht nur einer Taktlosigkeit schuldig, sie führt auch in einer winzigen Szene vor, wie ungnädig arme alte Fräuleins in guter Gesellschaft gelitten waren. Doch zugleich ist Miss Bates eine von Jane Austens entzückendsten Gestalten. Rührung mischt sich mit Erheiterung. »Schönheit erleuchtet diese Narren«, schrieb Virginia Woolf über Austens gerechte Satire. Keine andere verstand es wie sie, mit leichter Hand das scheinbar Widersprüchliche zu verbinden: scharfe Beobachtung und zartes Verstehen, Farce und Drama, Wortwitz und Moral. Und da sie niemals sentimental wird und sich niemals ereifert, sondern die Menschen beschreibt, wie sie sie kennt, sind auch ihre Figuren unsterblich.
Da ist Mrs Musgrove, die »breite, fette Seufzer« ihrem toten Sohn hinterherschickt, »um den sich zeit seines Lebens niemand gekümmert hatte.« Mr Collins, der eine sehr gute Meinung von sich selbst hat und sich den Damen durch zarte Schmeicheleien angenehm zu machen wünscht. »Kann er eigentlich ein vernünftiger Mann sein, Vater?« »Nein, mein liebes Kind; ich glaube nicht.« Lady Catherine, die das Wetter von morgen bestimmt, und Mrs Bennet, die gerne sprechen würde, der aber nichts einfällt.
Hinter dem Sofa stehen die Austenschen Helden in Kniehosen, weißen Seidenstrümpfen und gedämpft lodernder Erotik: der stolze Mr Darcy, der gekränkte Kapitän Wentworth, der feinfühlige Mr Knightley, der waidwunde Oberst Brandon – Herren von Stand, nicht makellos, aber lernfähig; die meisten erfreulicherweise mit Haus- und Grundbesitz. Und alle denken an das eine: die Liebe – aber vor allem an die vorteilhafte Verbindung. Jüngere Söhne suchten die reiche Erbin zu ergattern, jungen Damen blieb wenig Auswahl. Sie fanden einen Ehemann oder lagen ihren Familien auf der Tasche. Aber sitzen zu bleiben war peinlich; und hatten sie kein Vermögen, war auf die Liebe kaum Verlass. So gewinnt die verheerende kupplerische Tätigkeit von Mrs Bennet (und die unbeteiligte Ironie von Mr Bennet) eine andere Dimension, wenn man versteht, dass Madame bis zum Ableben ihres Mannes fünf Mädchen unter die Haube zu bringen hatte, die Mr Collins als Erbe sonst nach Belieben aus dem Haus treiben konnte. (Wo Mrs Bennet selbst abbliebe, wird nie erörtert).
Auch die Heldinnen sind auf der Suche nach der passenden Partie, abhängig von Familienbanden und eingeschränkt von dem Kreislauf aus Besuchen und Gegenbesuchen, Spazierfahrten und Bällen, von endlosen Abenden bei Handarbeiten, Whist und Geschwätz. Aber die besten von ihnen bringen es doch zu einem Solo in einer Gesellschaft, die wenig Wert auf die Tugenden tapferer, vernünftiger Frauen legte und überhaupt keinen auf ihre Wünsche. Und sie bekommen ihren Mann, nicht nur weil wahre Liebe stärker ist als gekränkter Stolz und raffgierige Verwandte, sondern oft aus ganz naheliegenden Gründen: Weil sie wie Catherine Morland so schrecklich verliebt sind, dass kein Henry auf Erden widerstehen kann; oder weil sie wie Fanny Price lange genug gewartet haben und die Konkurrenz sich als unwürdig erwies.
Bei den meisten Liebeserklärungen sind Austens Leser nicht dabei und das Happy End ist manchmal von der wenig schmeichelhaften Sorte. Die Autorin weiß, was jede ihrer Heldinnen verdient hat: Elizabeth den edlen Mr Darcy, die törichte Lydia den Lügenbold Wickham, und Maria Bertram, die ihre Ehe bricht, wird in die Verbannung geschickt zur fürchterlichsten aller Tanten. »Und was die romantischsten Menschen auch immer sagen mögen, ohne Geld geht es nun einmal nicht«, weiß die praktische Isabella Thorpe in Die Abtei von Northanger. Es geht nicht ohne »brass«, nicht ohne den passenden Stand und nicht, bis Gefühl und Verstand gesprochen haben. Wirbelwind-Romanzen gehen bei Austen immer schief.
Und obwohl alle ihre Romane mit mindestens einem Jawort enden, stiften sie wenig Vertrauen in die Ehe schlechthin. Sie sind bewohnt von schauerlichen Paaren wie den Bennets, den Dashwoods, den Allens, den Palmers, den Prices oder ungenügenden Elternteilen wie Mr Woodhouse, Sir Walter Elliot, Mrs Ferrars und General Tilney. Nur die Marine – immer fesch – bringt ein so glückliches altes Ehepaar wie Admiral und Mrs Croft hervor.
»Einmal im Leben sollte jede das Recht haben, aus Liebe zu heiraten«, schreibt Jane Austen an ihre Schwester Cassandra, »und vorausgesetzt, dass Lady S. nun mit ihren Kopfschmerzen und ihrem pathetischen Getue ein Ende macht, kann ich ihr gestatten, kann ich ihr wünschen, glücklich zu sein.« Ein Satz wie ein Hieb. Danach kann man sich wieder über die Nadelarbeit beugen. Nur Lady S. hält sich die Wange.
Jane Austen, 1775 als siebtes von acht Kindern eines Geistlichen geboren, hat nie geheiratet, obwohl es ihr an Verehrern offenbar nicht gemangelt hat und eine Besucherin das junge Ding als »den hübschesten, albernsten, affektiertesten Schmetterling auf Gattenjagd« in Erinnerung behielt. Sie hatte schöne Augen und runde Wangen, Geschmack, Witz, und sie tanzte gern. Mit zwölf begann sie zu schreiben, erheiterte ihre Familie mit saugroben Parodien auf den empfindsamen Moderoman und spielte mit ihren Brüdern in der Scheune Theater. Wenig später entstanden ihre ersten Romane Lady Susan, Elinor and Marianne (ein Vorläufer von Verstand und Gefühl), Die Abtei von Northanger. Eine erste Fassung von Stolz und Vorurteil bot der Vater einem Verleger an. Sie musste 17 Jahre auf sein Erscheinen warten.
Jane Austens einziges authentisches Porträt zeigt eine junge Frau, die bereits eine Haube trägt – ein Zeichen, dass sie sich jenseits des heiratsfähigen Alters betrachtete –, mit schmalen Lippen, kritischem Blick und vor der Brust verschränkten Armen. Die Haube war praktisch, weil man sich nicht jeden Tag großartig frisieren musste, und sie war nun so frei, bei Hausbällen auf dem Sofa zu sitzen »und so viel Wein zu trinken, wie mir schmeckte«.
Als Autorin hat Jane Austen sich stets bedeckt gehalten – »by a Lady« stand auf den Büchern – und erst wenige Jahre vor ihrem Tod ihren literarischen Ruhm genossen. Tatsächlich trat sie eher als Tante denn als Schriftstellerin in Erscheinung, und man wünschte, es wären in ihrem Leben ein paar Neffen und Nichten weniger und ein paar Romane mehr erschienen. Eingebunden in einen großen Familienclan, der sie uns als friedfertige alte Jungfer überlieferte und alles aus ihren Briefen herausschnitt, das auf das Gegenteil verwiesen hätte, wurden auch ihre »lieben Bücher« als ungefährlich, pastoral und von kultiviertem Witz geschätzt.
Aber Austen war kein zahmes Huhn, das in seinem literarischen Vorgärtchen pickte, sondern das eleganteste satirische Talent des ausgehenden 18. Jahrhunderts. Schwester Cassandras alten Augen sind ein paar Brief-Sätze entwischt, die unter dem ganzen Hütchen-Schühchen-Spitzen-Geplauder von Janes Gabe zeugen, auch mit der Stickschere zustechen zu können. »Mrs Hall kam gestern sechs Wochen vor der Zeit mit einer Totgeburt nieder, verursacht durch einen Schock. Ich vermute, sie hat aus Versehen ihren Mann angeguckt.« Und über eine andere: »Arme Frau, sie wird doch nicht allen Ernstes schon wieder brüten wollen.« Oder: »Wir haben die Anzeige von Mrs W.K.s Tod gesehen. Ich hatte ja keine Ahnung, dass irgendjemand sie leiden konnte.« Dies alles entre nous, liebe Cassandra. Am Teetisch war man dann wieder sehr höflich und schweigsam. Nur die braunen Augen wanderten herum und später die Feder übers Papier.
Mit 27 Jahren hatte sie den Antrag eines Gentlemans abgelehnt. Er war nett, er war wohlhabend, er lebte in der Nähe, seine Schwestern waren ihre Freundinnen. Konnte sie ihn nicht lieben? Trauerte sie einem anderen nach? Der Vorgang ist ihren Biographen ein Rätsel. Aber vielleicht wusste Miss Austen besser, was sie wollte und was sie als Mrs Bigg Wither nicht haben konnte: Zeit zum Schreiben. Nicht um die Mußestunden zu füllen, sondern weil sie Schriftstellerin war. Zwischen 1811 und ihrem Todesjahr 1817 publizierte sie fünf große Romane und begann einen sechsten. Sie durfte kinderlos bleiben und wusste es zu schätzen. Drei ihrer Schwägerinnen waren im Kindbett gestorben, zwei von ihnen nach der elften Schwangerschaft. Austens Familienpflichten waren bindend genug. Ganze Sommer verbrachte die liebe, mittellose Tante Jane bei einem älteren Bruder als Gast, Kindermädchen und Stütze der Hausfrau. Das Cottage in Chawton teilte sie mit einer Freundin, Schwester Cassandra und ihrer schwer erträglichen alten Mutter. Ein Zimmer für sich allein? Sie hatte einen Tisch, einen kleinen.
Der literarische Erfolg kam wie ein verdienter Segen. Erfreulich war die Anerkennung durch den Prinzregenten, den künftigen George IV., oder Sir Walter Scott, aber ebenso erfreulich war das, was der Neffe Edward »Kies« nannte. Endlich eine eigene Reisekasse! Die Ausflüge nach London führten nicht nur ins Theater, sondern auch in die Geschäfte: Barchent und Bombasin, Tüll, rot getupfter Musselin, karierter Seidentaft, Hüte mit Klatschmohn oder Perlhuhnfedern, Strümpfe, Fächer, Knöpfe, neue Korsetts, Handschuhe, Hermelin-Capes. Die Briefe sind voll davon wie ein Theaterfundus. »Müssen wir schwarze Spitzen kaufen, weil der Herzog von Gloucester gestorben ist, oder tun es auch Bänder?« Das waren Fragen.
Sehr viel weiter als London, Bath, Canterbury und Southampton ist Jane Austen nie gekommen. »Sie führte ein ereignisloses Leben«, schrieb ihr Bruder Henry, der sich nicht vorstellen konnte, dass Frauen überhaupt etwas Interessantes vorhatten. Henry war mit einer kapriziösen Comtesse verheiratet; er war nacheinander Student, Offizier, Banker und Pfarrer; ihr Lieblingsbruder, charmant und eloquent. Aber er hat uns nichts zu erzählen, was nach 200 Jahren noch leuchtete. Das tut Jane Austen, die so viel gewusst und so wenig erlebt hat.
Sie mögen nach Belieben die kleinen Tatsachen vervielfältigen, die man aus Bildern und Dokumenten, Drucken und Gedenkstücken gewinnt – die wahre Sache ist fast unmöglich zu bewerkstelligen, und auf den Kern gebracht, ist die Wirkung gleich Null: Ich spreche von der Erschaffung, der Darstellung des alten Bewusstseins, der Seele, der Verfassung, dem Horizont, der Sicht von Individuen, in deren Kopf es die Hälfte der Dinge, die unsere Sicht ausmachen, die die moderne Welt ausmachen, gar nicht gab. Mit Ihrem modernen Apparat müssen Sie sich einen Mann, eine Frau – oder auch fünfzig – vorstellen, deren Art zu denken vollkommen verschieden eingerichtet war. Sie müssen in einer erstaunlichen tour de force zurückvereinfachen, und selbst dann kommt nur Unfug dabei heraus.
Henry James
Miss Cassandra Leigh hatte ein wenig unter ihrem Stand geheiratet. Der Reverend George Austen war zwar ein gutaussehender, manierlicher junger Mann mit einem gesicherten Einkommen, dazu liebenswürdig und strebsam, gewiss ein Gelehrter, aber streng genommen doch nur der Spross einer Familie von Schneidern, während Miss Cassandra einen Herzog zu ihrer Verwandtschaft zählen konnte – angeheiratet, aber immerhin. Ihr Vater, der Reverend Thomas Leigh, und ihr Onkel Theophilus gehörten zum Lehrkörper der Universität Oxford, und obwohl ihre ältere Schwester Jane die Hübschere von beiden war, hielt sich Miss Cassandra viel auf ihren gesunden Menschenverstand zugute und ihr Talent, selbst erdachte Witze und Geschichten frei vorzutragen.
Jane Austens Vater, der Reverend George Austen
Jane Austens Mutter, Cassandra Austen geborene Leigh
George Austen, mit seinen haselnussbraunen Augen, dem feinen Haar und dem kleinen Mund »der schöne Proktor« genannt, erfüllte seine Pflichten als Aufsichtsbeamter am St John’s College in Oxford mit der Gewissenhaftigkeit dessen, der zu Dank verpflichtet ist. Er stammte aus einer respektablen Familie von Tuchfabrikanten, den »Gray Coats of Kent«, war jedoch in eine verarmte Linie geraten. Sein Vater, ein praktischer Arzt – im 18. Jahrhundert keine sehr feine Profession – war, wie seine Mutter, früh gestorben, und der junge George hatte in seiner Familie Gönner gefunden; zwei landbesitzende Onkel, die ihn nach Oxford geschickt und ihm nach dem Studium zu einer Pfarrei und weiteren Pfründen in Hampshire verholfen hatten. Ob er die Theologie aus innerer Berufung gewählt hatte oder als äußere Voraussetzung für das nicht allzu beschwerliche Dasein eines Rektors und Gentleman, lässt sich nach über 200 Jahren nicht mehr entscheiden. Gesichert scheint, da George Austen nicht durch religiösen Enthusiasmus auffiel, wie er zu seiner Zeit die Erneuerer der protestantischen Kirche um John Wesley umtrieb, sondern vielerlei weltliche Interessen pflegte: Jagdsport, Landwirtschaft, Bücher. Er las sogar Romane, ein in den Augen strenger Amtsbrüder nicht ganz tadelsfreier Zeitvertreib.
In Oxford hatte George Austen die gebieterische Miss Cassandra mit ihrer aristokratischen kleinen Hakennase kennengelernt und vier Jahre später geheiratet. Man konnte den Reverend nicht gerade eine glänzende Partie nennen, doch die Braut war mittlerweile 25, eine in allen Regeln des eleganten Haushalts unterrichtete junge Dame, nicht ohne Vermögen, aber auch nicht vollkommen liebenswürdig. Ihre resolute, schlagfertige Art ließ manchmal ein wenig Metall durchschimmern, und bei kleinen Unpässlichkeiten hielt sie sich gerne länger auf. George Austen, 33 Jahre alt und eher von der diskreten Sorte, sah in ihr gleichwohl eine komplementäre Erscheinung: Ihre flinke Zunge entzückte ihn, ihre Unerschrockenheit zeichnete sie in seinen Augen aus, einem ländlichen Haushalt samt Garten, Kuhstall und Hühnerhof vorzustehen. So wurden sie im April 1764 in Bath getraut, und Miss Cassandra tauschte Prestige und Autorität der verheirateten Frau gegen geduldete Altjüngferlichkeit und ständige Verfügbarkeit im Haus ihres Vaters ein.
Sie fand sich ohne viel Etepetete im Landleben zurecht, richtete sich später eine »hübsche Molkerei« ein und schrieb ihrer Verwandtschaft vom Schweineschlachten, von ihren Enten und Gänsen, Rüben und Kartoffeln (sie war eine der ersten, die diese exotische Knolle anpflanzte) und beklagte den Regen, der das Getreide und die Erbsen verdarb. Bis ins hohe Alter – sie wurde 88 – sollte sie in ihrem Garten grubbern; trotz des Gejammers über die schwache Gesundheit eine unzerstörbare Erscheinung in der grünen Kittelschürze, breit geworden und ohne Vorderzähne, aber immer noch mit dieser angriffslustigen Nase im Gesicht.
Die Austens bezogen zunächst die Pfarrei von Deane in Hampshire, da das Haupthaus in Steventon in keinem präsentablen Zustand war. Sechs Jahre lebten sie dort samt Schwiegermutter Leigh und einem kleinen Schüler, und Mrs Austen gebar pünktlich alle ein, zwei Jahre ein Kind. Dann, im Frühjahr 1771, war das Pfarrhaus endlich einzugsbereit.
Steventon in Hampshire ist ein Flecken in undramatischer Landschaft; ländliches, wohlbestelltes Süd-England zwischen Weiden und Hügeln, lichten Wäldern und kleinen Flüssen, über die sich tief die dunklen Erlen neigen. Die nächste Stadt, Basingstoke, ist rund sieben Meilen entfernt, London an die 70, eine 11-Stunden-Reise auf guter Straße. Der Postdienst war zuverlässig, die Chaussee sicher; zweimal am Tag hielt die Postkutsche nach London in Deane, ein Wedgwood Service wurde ohne Bruch von der Hauptstadt aufs Land geliefert. Bis zum heutigen Tag führt nur ein Landsträßchen nach Steventon, ein paar Häuserzeilen, die Kirche auf dem Hügel; man ist schon wieder draußen, ehe man drinnen war. Das Pfarrhaus wurde bereits von einem Enkel George Austens abgerissen, als der die Pfründe übernahm, und an anderer Stelle eleganter und solider wieder aufgebaut. Die eiserne Waschküchenpumpe, die bis in die 1990er-Jahre noch den Standort markierte, ist inzwischen verschwunden.
1771, als der Reverend von Deane hierher übersiedelte, gab es lediglich einen ausgefahrenen Karrenweg zu seinem Anwesen, dessen Furchen ein Mann bei anstehendem höherem Verkehrsaufkommen mit ein paar Schaufeln Schotter auffüllte. Der Umzug musste allerdings in voller Unbequemlichkeit erduldet werden. Die schwangere Mrs Austen reiste an ein Federbett geklammert auf einer der wankenden Fuhren.
Als Seelsorger von Deane und Steventon verfügte George Austen über ein Jahreseinkommen von 600 Pfund, das ihm ein ganz behagliches Auskommen bot. Das Pfund hatte 20 Shilling à zwölf Pence; und man darf seine Kaufkraft getrost mal 23 nehmen. Allerdings zahlte man für ein Pfund Lachs vergleichsweise wenig und für Briefporto – vom Empfänger zu entrichten – sehr viel. Jane Austen sah später zu, dass sie oder ihre Post eine Mitfahrgelegenheit fanden. Denn auch öffentliche Verkehrsmittel waren ungefähr 20-mal so teuer wie heute; eine Fahrt von London nach Winchester kostete in der Postkutsche ein halbes Pfund; das war mehr als der Wochenlohn eines Landarbeiters; dafür zahlte man für das Pfund Beefsteak nur acht Pence, für Butter zwölf, Käse neuneinhalb. Um 1790 verdiente die Köchin eines Pfarrers acht Pfund im Jahr, und während manche Geistlichen durch die Ansammlung von Pfründen mehrere Tausend im Jahr einstrichen, mussten sich ihre Kuraten mit 50 Pfund begnügen.
600 Pfund reichten dem Reverend, um Gärtner, Köchin und Dienstmädchen zu bezahlen und später eine Kutsche und zwei Pferde zu halten; keine allzu edlen Rösser, denn sie mussten auch den Pflug ziehen. Außerdem nahm der Pfarrer Knaben aus vornehmen Familien als Zöglinge ins Haus wie den erst dreijährigen Sohn des ersten Generalgouverneurs von Indien, Warren Hastings, eines hohen Herrn, der 1787 wegen Hochverrats vor den Fall kam und möglicherweise George Austens Schwester Philadelphia näher stand, als schicklich war. Der kleine George Hastings starb, ehe er Indien oder seinen Vater wiedersehen konnte, an Diphtherie.
Dass Kinder eine Seele haben, an der sie früh Schaden nehmen können, ist eine relativ neue Erkenntnis; die »Mutterrolle« eine Erfindung des 19. Jahrhunderts. Das 18. machte nicht viel Wesen um die Kindheit, und es entsprach durchaus den Gepflogenheiten des höheren Mittelstands, Säuglinge aus dem Haus in die Pflege einer Amme zu geben, die den kleinen Schreihals durch die ersten besinnungslosen Monate brachte, bis er bildbar war und seinen Eltern Freude machen konnte.
Dem kleinen Mädchen, das den Austens am 16. Dezember 1775 geboren wurde, ging es nicht anders. Da ein bitterkalter Winter über Hampshire hereingebrochen war, konnte das Baby erst im April zur Kirche auf dem Hügel hinaufgetragen und getauft werden; danach trennten sich die Wege von Mutter und Kind. Erst ein Jahr später traf die kleine Jane wirklich im Pfarrhaus von Steventon ein, »ein Spielzeug für ihre Schwester Cassy«, wie der Vater schreibt, »und eine zukünftige Gefährtin«. Doch die drei Jahre ältere Schwester Cassandra war nicht begeistert. Sie trampelte und schrie, bis man sie zur Raison brachte. Cassy lernte schließlich, die Neue – Jenny – mit sich herumzuschleppen und aufzupassen, dass sie nicht in den Ententeich fiel. Sie wurden schließlich gute Freundinnen und Verbündete in einem Haus voller Männer.
Jane hatte bereits vier ältere Brüder – nein, fünf. Aber George, der Zweitgeborene, war bei der Amme geblieben oder sonst wie fortgegeben worden. Er war taubstumm, epileptisch, geistig behindert, so genau weiß das keiner mehr, denn die Familie Austen schwieg sich über ihn aus. Poor George, auf den aufzupassen niemand imstande war, geriet in Vergessenheit. Die Eltern Austen berichteten ihren Verwandten zum letzten Mal, als er vier Jahre alt war und – wieder einmal? – in Steventon lebte: »Gott allein weiß, ob die Besserung anhält, aber ich glaube, wir dürfen nicht zu viel erwarten. Es ist uns jedoch ein Trost, dass er nie ein schlimmes oder bösartiges Kind sein wird« – der Vater. »Mein armer kleiner George kam mich besuchen. Er hatte wieder einen Anfall; seit zwölf Monaten der Erste, und ich hatte gehofft, er wäre darüber hinweg« – die Mutter. Jane, die später so stolz auf ihre zur See fahrenden Brüder Francis und Charles und so entzückt von Henry war, erwähnte ihn niemals. George starb 1838 an der Wassersucht, 72 Jahre alt. Das ist alles.
So war bei Janes Geburt der zehnjährige James unangefochten der Älteste im Pfarrhaus, gefolgt von Edward, sieben, und Henry vier; drei gesunden, unternehmungslustigen Knaben. Nach ihnen kamen Cassandra und im Jahr darauf Francis. 1779, als Jane vier Jahre alt war, wurde ihr kleiner Bruder Charles geboren. Nun waren sie komplett, sechs Brüder und zwei Schwestern. Alle hatten die gescheiten braunen Augen ihres Vaters geerbt, seinen kleinen Mund, und die Jüngeren einen Anflug von aristokratischer Nase.
Fünf Austen-Männer verheirateten sich im späteren Leben, vier von ihnen zweimal. Die Schwestern blieben ledig. Als Jane starb, war ihre Verwandtschaft auf 25 Neffen, Nichten und Großnichten angewachsen. Und da man sehr miteinander verbandelt war, gab es darunter einen James Edward, einen Edward, einen Henry, einen Henry Edgar, zwei Georges, je einen Francis und Charles, eine Cassandra Esten, eine Julia Cassandra, eine Cassandra Eliza, eine Cassandra Jane, eine Mary Jane und eine Harriet Jane. Wir müssen sie nicht alle kennenlernen und richten unser Augenmerk im Lauf der Geschichte im Wesentlichen auf Janes Lieblingsnichten, die Anna und Fanny hießen.
Jane Austens Geburtshaus in Steventon, Zeichnung von Anna Lefroy
Das Pfarrhaus, ein geräumiger, einstöckiger Bau mit schlichter Fassade und zwei Flügeln »hintenraus«, lag im Schatten großer Ulmen und Kastanien an einer Kreuzung im Grünen. Ein grasbewachsener Wall trennte den Blumen- und Gemüsegarten von den umliegenden Feldern und Weiden. Dachgauben, ein Spalier um den Eingang und eine breite Auffahrt verliehen ihm einen Anflug von Stattlichkeit, doch scheint es auch nach der Renovierung nicht sehr elegant gewesen zu sein – ein Neffe bemängelte den fehlenden Stuck und die nackten, weißgetünchten Deckenbalken. Cousine Eliza nannte es nach weiteren Maßnahmen »fast hübsch«, doch verglichen mit den Häusern der »besseren« Familien der Umgebung war Jane Austens Geburtshaus wohl eher ein ländliches Anwesen als der Sitz eines Gentlemans.
An die 15 Menschen lebten darin, Familie, Personal und mehrere zahlende Schüler. Esszimmer und Salon lagen im Erdgeschoss mit großen Fenstern zur Auffahrt. Dort saß Mrs Austen, stopfte Strümpfe und wartete, dass etwas geschah: Der Vorarbeiter trat ein, um mit dem Pfarrer zu sprechen, ihre Töchter gingen aus, um im Wheatsheaf Inn an der Hauptstraße die Post zu holen, selten ein Besuch, seltener ein Wagen … Unterm Dach wurde es eng: viele Schlafzimmer, schräge Wände, die Schwestern teilten sich eine Kammer und ein Ankleidezimmer, das zugleich ihre Wohnstube war, mit einem schokoladenbraunen Teppich, einer Kommode mit Bücherbrettern darüber, Cassandras Aquarellkasten, Janes Klavier, ihrem Schreibpult und einem ovalen Spiegel zwischen den Fenstern. An Sonntagen spazierte die Familie im Schutz einer winddichten Hecke neben der Straße zur kleinen Kirche St Nicholas auf den Hügel, einem schmucklosen, 700 Jahre alten Gotteshaus, das heute nicht sehr viel anders aussieht als zu Austens Zeiten. Lediglich der Turm trägt eine Spitze, und die Eibe im Kirchhof hat sich zu einem gewaltigen, dunklen Baum ausgewachsen. Drinnen ist es kühl und still; der Altar geschmückt mit zwei Armen voll Gartenblumen: Pfingstrosen, Phlox, zartgrüner Frauenmantel, Margeriten und Glockenblumen. Unter der Wandtünche zeichnen sich die Mauerfugen wie ein Spalier für die aufgemalten Rosenranken ab. Blaue Knie-Kissen sind auf einer Bank gestapelt; jedes trägt in einem aufgestickten Blumenkränzchen das Bildnis einer Dame mit Federkiel. Als freches kleines Mädchen hatte Jane sich im Kirchenregister als Braut eines Mr Fitzwilliam aus London und als frisch Angetraute eines Mr Mortimer aus Liverpool eingetragen, und der Reverend, der gegen einen kleinen Scherz in der Kirche nichts einzuwenden hatte, hatte einfach weitergeblättert.
St. Nicholas Church in Steventon. Hier wurde Jane Austen getauft.
Der Innenraum der St. Nicholas Church in Steventon. © 2018 by Markus Kirchgessner
Kraft Status und Verwandtschaft mit dem landbesitzenden Onkel Knight, der ihnen die Pfründe und das Nutzrecht an dem benachbarten Hof übertragen hatte, gehörten die Austens zur »Gentry«, dieser leicht flüssigen sozialen Schicht zwischen Aristokratie und Bürgertum. Der Landadel zählte dazu, Geistliche und Offiziere; die Marine wurde sehr schick, nachdem sie Napoleon aufs Haupt geschlagen hatte, Rechtsanwälte sortierten sich in seine Reihen; verarmte Pfarrerswitwen und Schulleiterinnen wurden zu Kartenspiel und Abendessen in die Häuser der Gentry eingeladen, wie wir aus Emma erfahren. Die Grenzen begannen sich zu verwischen, fest standen die gewählten Umgangsformen. Zur Gentry zu gehören bedeutete für die Austens, dass der junge Lord Lymington zwar in ihrer Mansarde logierte – eine angenehme Beziehung, die später Einladungen zum Jahresball in Hurstbourne Park nach sich zog –, dass der Vater seiner Lordschaft jedoch nie den Salon im Pfarrhaus zu einem Familienfest betreten hätte. (Den Kutscher halten lassen, die Hausfrau aufscheuchen, ans Gartentor zitieren und ein paar gnädige Worte aus dem Wagenfenster fallenlassen, das war eher die Sache der Aristokratie.)
Hochadel und Gentry – ihre gebildeten, kunstinteressierten Vertreter – waren so etwas wie die Trendsetter des ausgehenden 18. Jahrhunderts. Ihr Geschmack war tonangebend und – vom 21. Jahrhundert aus betrachtet – erlesen, funktional und ästhetisch hochbefriedigend: klassische Fassaden im Stil von Palladio, Stühle und Anrichten von Chippendale, Hepplewhite und Sheraton, Geländer, denen die Brüder Adam Schwung verliehen hatten, und Teetassen aus dem Musterbuch von Josiah Wedgwood. Wer er sich leisten konnte, bestellte das Familienportrait bei Romney oder Lawrence; die Kühneren schätzten bereits den wilden Wolkenschieber Constable, sogar den völlig farbberauschten Turner. Der Mummenschanz der Viktorianer lag noch fern; es sah aus, als gäbe es wenig Überflüssiges unter dem englischen Himmel.
Die Natur hatte im 18. Jahrhundert erst ihre Schrecken und dann ihre Förmlichkeit verloren. Das Pittoreske war in Mode. Der Gartenarchitekt Lancelot »Capability« Brown und sein Nachfolger Humphry Repton schichteten im Auftrag ihrer aristokratischen Klientel halbe Grafschaften im Sinne einer »idealen Landschaft« um, rodeten Wälder, weiteten Horizonte, evakuierten Dörfer, pflanzten Baumgruppen und fluteten Täler für den schönen Blick aus hohen Fenstern. In Mansfield Park ist der junge Mr Rushworth ganz erfüllt von dem Gedanken, sein elisabethanisches Anwesen von Repton »verbessern« zu lassen, und da es ihm zwar nicht an Geld, aber an Geschmack gebricht, holt er den Rat weltläufigerer Wichtigtuer ein. Dass auf solchen Unternehmen kein Segen ruht, wusste auch Jane Austen schon: »Eine Allee fällen! Wie schade!«, sagt ihre Heldin Fanny Price, die niemand um ihre Meinung gebeten hat, und zitiert mit Einverständnis der Autorin ein Dichterwort von Cowper: »Ihr gefällten Alleen, noch einmal klag ich euer unverdientes Los.« Umsonst.
Dem freien Blick öffnete sich auch die Mode. Um die Jahrhundertwende schüttelte man die Perücken ab (die der Reverend Austen noch in mittleren Jahren getragen hatte), bürstete den Puder aus und zupfte sich die Locken à la Titus in die Stirn. Stoffe begannen zu fließen, und die tief dekolletierten, hochtaillierten »griechischen« Gewänder der Damen enthüllten bei Wind sehr viel mehr, als verflossene Reifröcke und zukünftige Krinolinen vorsahen. (Aber selbst à la grecque ging es nicht ohne Fischbein. Austens Nichten bekamen mit sieben und neun Jahren »neue Korsetts« angepasst.) Auch die Herren waren der unbarmherzigen Anschmiegsamkeit enger Hosen und Strümpfe unter kurzen Westen und sich teilenden Rockschößen ausgeliefert. Es war ein Interim erstaunlicher Nacktheit – noch ganz frei vom Drang nachfolgender Generationen, alles zu verhängen, zu umhäkeln, aus- und vollzustopfen.
Großbritannien lag auf der Sonnenseite. Seit Beginn des Jahrhunderts und unter der Regentschaft des Hauses Hannover – Jane Austens Lebensspanne fällt fast gänzlich unter die Regierung Georg III. – stieg das Land trotz des Verlusts der amerikanischen Besitzungen 1783 zur größten Kolonialmacht und zur führenden Industrie- und Handelsnation auf (wozu der Sklavenhandel ein Vermögen beitrug). Die Kriegsmarine schlug Frankreich zur See. Zu Hause wurde es en vogue, das Teetässchen aus bone china zu erheben, statt den Bierhumpen auf den Tisch zu knallen. Wer mitreden wollte, durfte das nicht mit vollem Mund tun. Lag Paris nun in Frankreich, oder Frankreich in Paris? – der Reverend Austen konnte es seinem Nachbarn sagen. Junge Herren brachen zur Grand Tour auf, um nachzusehen: Italien, die Alpen und der Rhein – Kulturreisen, aber auch Schnäppchenjagden nach Kunst und Antiquitäten. In idealer Landschaft, an römische Tempelreste gelehnt, ließen sich die »Milordi« malen. Die Säule nahmen sie anschließend mit.
