Das Lächeln des Drachen - Elisabeth Büchle - E-Book
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Das Lächeln des Drachen E-Book

Elisabeth Büchle

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Beschreibung

Kanada, 2013: Falk Jäger reist auf Bitten seiner Eltern auf die als Schiffsfriedhof bekannte Insel Sable Island. Er ist hocherfreut, dort auf Junia zu treffen, doch die junge Frau ist von einem dunklen Geheimnis umgeben, und Falk soll ihr helfen, die Wahrheit über ihre Vergangenheit ans Licht zu bringen. Mit Hilfe seiner Freunde macht sich Falk daran, das Rätsel um Junia zu lösen. Die Spur führt zurück ins England des 19. Jahrhunderts, zu einer britischen Adelsfamilie, einer unkonventionellen jungen Lady und einem geheimnisvollen Schatz. Doch was hat es mit dem mysteriösen Ninja auf sich, der ständig in Junias Nähe auftaucht? Schon bald schweben die Freunde in großer Gefahr ... Ein spannender und vielschichtiger Roman - und ein Wiedersehen mit liebgewonnenen Freunden aus "Das Mädchen aus Herrnhut" und "Skarabäus und Schmetterling".

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Seitenzahl: 653

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Über die Autorin

Elisabeth Büchle hat zahlreiche Bücher veröffentlicht und wurde für ihre Arbeit schon mehrfach ausgezeichnet. Ihr Markenzeichen ist die Mischung aus gründlich recherchiertem historischen Hintergrund, abwechslungsreicher Handlung und einem guten Schuss Romantik. Sie ist verheiratet, Mutter von fünf Kindern und lebt im süddeutschen Raum. www.elisabeth-buechle.de

Für Nathanael

Liebe Leserinnen und Leser,

nun liegt also endlich auch „Falks Geschichte“ in Buchform vor. Wie bei Das Mädchen aus Herrnhut (Emma) und Skarabäus und Schmetterling (Rahel) gibt es auch in diesem Roman zwei Teile, einen historischen und einen zeitgenössischen, die am Ende eine zusammenhängende Geschichte erzählen. Und wie schon bei den ersten beiden Bänden dieser losen Reihe (die Bücher können völlig unabhängig voneinander gelesen werden) habe ich Das Lächeln des Drachen mit einem fröhlichen Augenzwinkern geschrieben. Demnach darf der Roman gern auch mit einem solchen gelesen werden.

Beim Verfassen des Manuskripts stellte sich mir natürlich die Frage, wie ich das übertrumpfen kann, was Falk und seine Freunde in Skarabäus und Schmetterling „angestellt“ haben. Bis mir ein Zeitungsartikel in die Hände fiel …

Am Ende des Buches befindet sich ein Anhang, in dem ich kurz auf einige historische Fakten und Begebenheiten eingehe, die im vorliegenden Roman eine Rolle spielen. Ich habe sie bewusst dorthin gestellt, da sie Teile der Handlung vorwegnehmen würden (also: nicht spicken!).

Viel Vergnügen beim Schmökern wünscht

Elisabeth Büchle

Prolog

1839

Der Regen peitschte ihm ins Gesicht. Das Segelschiff, an dessen Schanzkleid er sich verzweifelt festklammerte, schütterte, kreischte und knarrte. Eine Welle drückte den einst stolzen Zweimaster erneut zur Seite, als wolle sie sicherstellen, dass weder die Brigg noch die Menschen darauf eine Überlebenschance hatten.

Ein Krachen über ihm ließ ihn aufschreien. Er duckte sich. Holzstücke, aus dem dichten Nebel kommend, prasselten auf ihn herunter, schlugen wütend auf ihn ein. Zu Recht? Hatte er einen unverzeihlichen Fehler begangen? War er, ähnlich wie damals der biblische Jona, auf dem falschen Schiff und in die verkehrte Richtung unterwegs? Würde sich auch dieses Meer beruhigen, wenn er freiwillig hineinsprang?

Er hob den Kopf. Ein Tau peitschte seinen Körper. Der Rumpf des Zweimasters krängte noch weiter nach Backbord. Dunkle Schatten rutschten über die Planken und stürzten ins aufgewühlte, weiß schäumende Meer. Jenseits des Nebels verdunkelte sich abermals der Himmel, wieder zuckte ein gleißender Blitz über den Horizont.

Ich bin verloren. Diese Erkenntnis traf ihn, als wäre jener Blitz direkt in ihn gefahren. Sein Vorhaben: zu Ende, noch ehe es richtig begonnen hatte. Seine Hoffnungen: davongeschwemmt von Regen und Wassermassen. Seine Liebe: umschlungen vom tosenden Meer. Er würde alles verlieren. Einschließlich seines Lebens.

Die Brigg richtete sich auf. Sie gebärdete sich widerborstig und verlor doch gegen die wütend aufbegehrenden Naturgewalten. Der Rumpf brach unter ihm weg. Er stürzte und schnappte nach Luft. Ergab sich seinem Schicksal.

Teil 1

Seid froehlich in Hoffnung, geduldig in Truebsal, beharrlich im Gebet.

Römer 12,12

Kapitel 1

Winter 1859

Olivia hob erschrocken den Kopf. Das schabende Geräusch, das sie seit geraumer Zeit umgab, wandelte sich in ein lautes Knarren und Knacken. Eiskalt pfiff der Januarwind über die See. Schäumende Wellen kletterten die Hafenmauern hinauf, rollten an die Sandstrände und klatschten gegen die Klippen. Als wären sie auf der Flucht, fegten die grauen Wolken über den Himmel. Gelegentlich offenbarten sie ein schmutziges Blau und ließen zu, dass einzelne Sonnenstrahlen wie Silberfäden auf das stahlgraue Meer herabfielen. Die Bäume auf den Hügeln rauschten mit dem tosenden Wasser um die Wette und schüttelten sich unter den kräftigen Böen. Die Welt schien in Aufruhr zu sein.

In Lynmouth hatte Olivia noch vor Eiseskälte gezittert, mittlerweile war ihr überaus warm vom Gehen auf der schmalen und nur unzureichend befestigten Straße, die sich den Hügel hinaufschlängelte. Entsprechend froh war sie über ihre gut eingelaufenen Schnürstiefel, und sie erlaubte es sich, den Rock ihres dunkelblauen Reisekleids weit hochzuraffen. Wer sollte sie hier schon sehen, war sie doch von knarrenden Bäumen, undurchdringlichem Buschwerk und schroffen Felsen förmlich eingeschlossen.

Andererseits … Sie hielt inne und drehte sich um. Etwas bewegte sich zwischen den Stämmen. Ein Schatten, schmächtig wie der eines Kindes, huschte davon.

Olivia runzelte die Stirn. Folgte ihr jemand? Sollte sie das Opfer eines Raubüberfalls werden? Der Gedanke jagte ihr einen kalten Schauer über den schweißnassen Rücken.

Eilig setzte sie ihren Weg fort. Ihr Atem ging schnell, die Reisetasche, die sie bei sich trug, schien inzwischen mehrere Zentner zu wiegen. Dennoch war sie nicht gewillt, eine Pause einzulegen. Sie hoffte, ihr Ziel noch vor dem nächsten Regenguss zu erreichen. Also lenkte sie sich damit ab, die – wenn auch nur trübe beleuchtete – Landschaft zu bewundern. Im Sommer erfreuten die bewaldeten Berge den Betrachter vermutlich mit ihrem frischen Grün, heute jedoch waren sie in ein unheimliches Schwarz gekleidet. Landeinwärts sprudelten Flüsse durch die Schluchten, auf der gegenüberliegenden Seite erhaschte Olivia immer wieder einen Blick auf das wütend anmutende Meer, das in den Bristolkanal drängte.

Einige von Olivias hellbraunen Haarsträhnen lösten sich aus dem Knoten an ihrem Hinterkopf, wippten vor ihren Augen auf und ab und kitzelten ihre kalten Wangen. Da sie keine Hand frei hatte, versuchte sie, die Strähnen fortzublasen, jedoch ohne großen Erfolg. Sie beschloss, sie einfach zu ignorieren.

Als die junge Frau eine von schwankenden und laut brausenden Bäumen gesäumte Weggabelung erreichte, hielt sie inne. Im Fischerdorf hatte man ihr gesagt, dass sie den linken Weg nehmen müsse. Erleichtert stellte sie fest, dass dieser, im Gegensatz zum rechten, nach einigen Metern abwärts führte. Allerdings verlief er anschließend entlang einer steilen Klippe und verschwand dann hinter einer überhängenden und dicht bewaldeten Landzunge aus ihrem Blickfeld. Dies war eindeutig der gefährlichere Weg.

Dennoch schritt Olivia kräftig aus, die Augen besorgt auf die tief hängenden grauen Wolken gerichtet. Vermutlich hatte sie kaum mehr als ein paar Minuten, ehe ein kalter Regenschauer sie bis auf die Haut durchnässte. Und dabei war es doch ihr Bestreben, keinesfalls wie eine getunkte Katze auf Broomglade Manor anzukommen.

Von einer erneuten Welle der Trauer übermannt, eilte Olivia voran. Vor nicht einmal drei Wochen war ihr Vater verstorben. Auf dem Sterbebett hatte er sie gebeten, ins britische Devonshire zu ihrer Patentante – einer früheren Freundin ihrer Mutter – zu reisen, deren Vornamen sie sogar trug. Offenbar waren Olivias Mutter Anna, die bereits seit einigen Jahren nicht mehr lebte, und Lady Olivia Matthews einst übereingekommen, dass sie, Olivia Kramer, sich im Notfall dorthin wenden könne. Jedenfalls hatte Olivia außer ihren Eltern keine weiteren Verwandten vorzuweisen gehabt.

Die Erinnerung an ihren Vater trieb ihr die Tränen in die Augen. Sie vermisste ihn unsagbar! Seine sanfte Stimme, seine weisen Ratschläge, sein aufmunterndes Lächeln und seine gütige Zuneigung.

Olivia atmete mehrmals tief ein und aus, um dem Schmerz, der in ihrem Herzen tobte, Einhalt zu gebieten. Dies gelang ihr zwar halbwegs, dafür schwemmten erneut Zweifel und Furcht ihr Inneres.

Sie erinnerte sich gut an Tante Olivia, da die britische Lady Jahr für Jahr drei Wochen im Frühsommer bei ihnen in Schlesien verbracht hatte. Das letzte Mal im Jahr 1851. Warum die regelmäßigen Besuche dann so plötzlich geendet hatten, entzog sich Olivias Kenntnis. Jedenfalls konnte es nicht am Tod ihrer Mutter im Herbst des Folgejahres gelegen haben, denn da hatte man bereits mit der Tradition gebrochen.

Ob ihr Vater gut daran getan hatte zu verfügen, dass seine Tochter nun der Abmachung nachkam, die ihre Mutter und Tante Olivia vor so vielen Jahren getroffen hatten? Wer wusste schon, ob die Adelige sich überhaupt noch an jene Übereinkunft erinnerte? Oder vielmehr: sich an das einst gegebene Versprechen erinnern wollte? Immerhin bestand seit nahezu acht Jahren kein Kontakt mehr zwischen ihren Familien.

Olivia ließ den Rocksaum fallen, nahm die Tasche in die andere Hand und raffte den Saum erneut unanständig weit hoch. Sie würde in Kürze herausfinden, wie es um Tante Olivias Zuneigung zu ihr stand – vorausgesetzt, sie fand das einsam gelegene Anwesen.

Hinter einer scharfen Wegbiegung blieb sie überrascht stehen. Von ihrer erhöhten Position aus blickte sie auf ein aus grauen und roten Natursteinen erbautes zweistöckiges Gutshaus. Es lag auf einem schmalen grünen Wiesenstreifen, der an drei Seiten von bewaldeten Hügeln umgeben war. An der verbleibenden Flanke donnerte der Nordatlantik gegen die schroff geformte Steilküste. Hinter dem Haupthaus duckten sich zwei Nebengebäude an den Waldrand; eine Remise und ein Stall, vermutete Olivia.

Der Kontrast zwischen den grauschwarzen Wolkenungetümen und dem tosenden Meer einerseits und der Sanftheit der Lichtung andererseits war ebenso überraschend wie die eher bescheidenen Ausmaße des Landhauses. Olivia hatte mit einem erhabenen, eher prunkvollen Gebäude gerechnet, nicht mit einem schlichten Bau, dessen einziger Schmuck die weißen Sprossenfenster, das Reetdach und eine halbrunde Freitreppe war. Letztere wurde durch ein ebenfalls halbrundes Vordach geschützt, das sich auf vier schlanke Säulen stützte.

Entschlossen, wenngleich mit heftig klopfendem Herzen, machte Olivia sich an den Abstieg. In dem Augenblick, als sie zu dem kleinen Torhaus gelangte und durch das schmiedeeiserne Tor trat, das, gemeinsam mit wuchernden Ginsterhecken, das Grundstück von dem trennte, was sich eine Straße zu nennen wagte, öffnete der Himmel seine Schleusen. Eiskalter Regen, dem einige Schneeflocken beigemengt waren, prasselte auf sie herunter. Der Wind pfiff über die Klippe und zerrte an ihrem Rock, ihrem Cape und ihrem Haar.

Olivia begann zu laufen und atmete auf, als sie den gepflasterten Hof erreichte und endlich in den Windschutz des Gebäudes gelangte. Sie stolperte über die erste Stufe und fiel auf die Knie. Ein scharfer Schmerz durchzuckte sie, doch sie ignorierte ihn und hastete die Treppe hinauf unter das säulengetragene Vordach. Keuchend und frierend stellte sie ihre Reisetasche ab und griff nach dem runden Türklopfer. Es hatte keinen Sinn, das Unvermeidbare hinauszuzögern, und an ihrem derangierten Erscheinungsbild konnte sie ohnehin nichts mehr ändern.

Es dauerte nicht lange, bis der linke Flügel der stabilen Eichenholztür nach innen aufschwang. Ein Mann, Olivia schätzte ihn auf Mitte fünfzig, in einem steifen Anzug und einem leuchtend weißen und sorgfältig geplätteten Hemd, das braune Haar tadellos frisiert, blickte sie mit hochgezogenen Augenbrauen abschätzend an. „Wie kann ich Ihnen helfen?“

Die Frage klang nicht unhöflich, dennoch schwang darin unüberhörbar der Zweifel mit, ob eine Hilfestellung seinerseits überhaupt möglich war.

„Entschuldigen Sie bitte“, begann Olivia und strich mit einer Hand über ihren nassen und zerknitterten Rock. Doch der Butler, denn diesen vermutete sie vor sich zu haben, kam ihr zuvor. „Man hat mich nicht darüber informiert, dass eine der Hausangestellten Besuch erwartet. Wenn Sie bitte hier rechts um das Haus herumgehen würden? Dort finden Sie den Eingang für das Personal und die Lieferanten.“

Olivia straffte die Schultern. „Mein Name ist Olivia Kramer. Würden Sie bitte meiner Patentante, Lady Matthews, meine Ankunft melden?“

Die Stirn des Mannes furchte sich, doch schließlich nickte er, trat beiseite und lud Olivia mit einer huldvollen Bewegung zum Eintreten ein. Sie folgte der Aufforderung zügig, zitterte sie vor Kälte inzwischen doch am ganzen Leib. Sie stellte ihre Tasche auf den grauen Steinboden und ließ sich den tropfenden Umhang abnehmen.

Neugierig sah sie sich um. Die Eingangshalle reichte über beide Stockwerke. Links von ihr führte eine breite geschwungene Holztreppe zu einer Galerie, von der mehrere Türen abgingen. Sie sah eine Sitzgruppe mit Couch, Sesseln und einem Tisch, dazu abzweigende Türen und einige Garderobenmöbel. An den Wänden hingen Wandteppiche, Gemälde und mehrere Waffen, darunter auch Schwerter mit asiatischen Schriftzeichen und Bögen samt Pfeilen, die, so vermutete Olivia, aus Afrika stammten. Tageslicht fiel nur durch die Fenster links und rechts der Tür sowie die entsprechenden Gegenstücke im Stockwerk darüber. Da sich der Landstrich heute allerdings in ein unansehnliches Grau kleidete, war der ohnehin wenig einladende Raum in ein kaltes Fluidum getaucht.

Olivia fröstelte und fragte sich erneut, ob es nicht doch ein Fehler gewesen war, dermaßen überstürzt hierherzureisen. Aber was hätte sie sonst tun sollen? Ihr Vater, der Landpfarrer Wolfram Kramer, hatte wegen seiner schweren Erkrankung vor zwei Jahren von seinem geliebten Dienst zurücktreten müssen. Anfangs hatten sie noch Hilfe erfahren, doch schließlich hatten sie das hübsche Pfarrhaus räumen müssen und waren in einer winzigen Kate am Dorfrand untergekommen. Olivia hatte ihren Vater bis zu seinem Tod gepflegt, aber ihr Erspartes und die geringe Pension waren ihnen dabei wie Sand durch die Finger gerieselt. Dies hatte ihr Vater durchaus noch mitverfolgen können und ihr deshalb geraten, dass sie nach seinem Tod ihre Patentante in England aufsuchen solle.

Olivia hatte bereits während der Pflege ihres Vaters versucht, eine Arbeit zu finden, schließlich hatte sie eine gute Schulbildung genossen. Allerdings hatte sich dies als unmöglich herausgestellt. Sie besaß keine speziellen Kenntnisse, und zudem … Wer wollte schon eine junge Frau einstellen, deren Arbeitszeit stark eingeschränkt war, da ihr Vater viel Zuwendung und Hilfe benötigte? Jetzt hatte sie zwar mehr als genug Zeit, dennoch hatte sie beschlossen, zuerst einmal dem eindringlich vorgebrachten letzten Wunsch ihres Vaters nachzukommen.

Sie sah zu, wie der Butler auf die dem Eingang gegenüberliegende Tür zuging, sie öffnete und Olivia bedeutete, vor ihm einzutreten. Eilig durchschritt sie das Foyer, betrat einen angenehm hell eingerichteten Wohnraum und zuckte zusammen, als die Tür hinter ihr zufiel.

Sie war allein. In einem ihr fremden Haus, ohne zu wissen, ob sie hier überhaupt willkommen war. Unruhig nagte Olivia an ihrer Unterlippe und konnte nur mühsam das Bedürfnis unterdrücken, heimlich – und vor allem rasch – wieder zu gehen. Dabei war sie nun wirklich nicht übermäßig ängstlich veranlagt.

Langsam hob sie den Blick vom gemusterten Holzboden. Ihr gegenüber befand sich eine Fensterfront mit einer Glastür, die in den Garten führte. Jetzt im Winter wirkte dieser trist und traurig. Auf den rustikalen Kommoden und in den Regalen standen unzählige Erinnerungsstücke von Reisen, bauchige Vasen, Kerzenständer in allen Variationen und ungewöhnlich geformte Holzstücke, die vielleicht der Sammelleidenschaft einer der beiden Söhne entstammten. Dazwischen sah Olivia wertvolle Bücher mit goldverzierten Lederrücken, Tischuhren und ansehnlich gestaltete Winterbuketts. Goldgerahmte Gemälde hingen an den mit cremefarbenen Tapeten versehenen Wänden, und vor den zwei wuchtigen Kaminen links und rechts von Olivia thronte je eine samtbezogene Bank. Die Polstermöbel im Raum waren allesamt in hellem Rosé, Sand oder einem blassen Blau gehalten. Das gleiche Blau wiesen auch die Vorhänge auf.

Olivia blieb nahe bei der Tür stehen, wollte sie doch mit ihren schmutzigen Schuhen nicht auf einen der Teppiche treten, und wartete. Worauf, das wusste sie nicht.

* * *

Simon Matthews lehnte mit der linken Schulter an einem Bücherregal und blickte durch den Spalt der leicht geöffneten Tür, die die Bibliothek mit dem Salon verband, auf die nasse und zerzauste Erscheinung. Er konnte es kaum glauben: Olivia Anna Kramer war hier in Devonshire. Liv!

Die Farbe ihres Haares erinnerte ihn noch immer an den hiesigen Küstensand, gleichgültig, ob beide trocken oder wie jetzt nass waren. Olivia stand zu weit von ihm entfernt, als dass er ihre Augen hätte sehen können. Dennoch wusste er, dass sie der keltischen See an einem kalten, stürmischen Wintertag glichen, wenn sich die Sonne hinter einer dünnen Wolkendecke verbarg.

Simons Gedanken wanderten unwillkürlich zu jenen Frühsommertagen zurück, die seine Mutter, sein jüngerer Bruder Charles und er im Pfarrhaus der Familie Kramer verbracht hatten. An das Haus selbst konnte er sich nur dunkel erinnern, doch umso farbenfroher sah er den weitläufigen Garten mit seinen blühenden Flieder- und Jasminsträuchern vor sich. Ebenso wie die unzähligen Kinder und Jugendlichen, die, angelockt von „Tante Annas“herzlichem Wesen, den Pfarrgarten belagert hatten. Er erinnerte sich an das saftige grüne Gras und den kleinen Bach, der durch den Garten perlte und durch eines der angrenzenden Felder weiterfloss.

Der schwere Duft der Blüten und das Brummen der Bienen und Hummeln – all das war Simon plötzlich wieder präsent, ebenso wie das Aufblitzen der tanzenden Libellen. Wehmütige Erinnerungen an unbeschwerte, fröhliche Kindheits- und Jugendtage nahmen seine Gedanken gefangen. Er sah sich mit Jungen, deren Namen er längst vergessen hatte, durch die Felder streifen; erinnerte sich daran, wie sie die Mädchen aufzogen, während sie sich mit Saft und Gebäck von ihnen verwöhnen ließen. Charles, Simon und ihre Freunde waren die Könige des Frühsommers gewesen! Mutig, ja, übermütig. Vor Kraft strotzend. Frei!

Noch heute hörte er das Kichern der Mädchen, sah ihre koketten Blicke, die ihn, den Teenager, reizten. Und dazwischen: Liv.

In ihrem letzten gemeinsamen Frühjahr zählte sie süße 13 Jahre. Sie stand zwischen Kindsein und Erwachsenwerden. Ihre einst pummelige Figur hatte sich seit dem Vorjahr zu einer schlanken gewandelt, ihre Brüste waren unter den sanft fließenden, hellen Sommerkleidern zu erahnen. Noch immer war sie derselbe Wildfang, der auf Bäume kletterte und mit dem Hund der Nachbarskinder am Bach herumtobte, wobei sie niemals trocken oder sauber blieb. Und natürlich war da dieses hinreißende Lächeln, mit dem Olivia jeden um den Finger zu wickeln verstand – abgesehen von den wilden Jungen vielleicht.

Aber dennoch hatte sich etwas verändert. Sie hatte sich verändert. Sie bettelte nicht mehr darum, auf die Streifzüge der Jungen mitgehen zu dürfen. Zwar ging sie weiterhin am liebsten barfuß, doch ihr Rock war jetzt züchtig lang, und sie sah sich prüfend um, ehe sie den Saum anhob und in den Bach watete. Sie wusste nicht, dass Simon gelegentlich hinter einem der alten, knorrigen Obstbäume stand und ihr dabei zusah. Die in ihm aufkeimende Bewunderung und Zuneigung für Olivia verwirrte ihn. Und diese Gefühle – Schwärmerei und Verwirrung – hielten über Jahre hinweg an, obwohl die Matthews fortan nicht mehr nach Schlesien reisten.

Als er erfuhr, dass Anna verstorben war, litt er aus der Ferne mit Olivia. Nicht nur, weil auch er Tante Anna sehr gern gehabt hatte; er wusste um die enge Bindung zwischen Olivia und ihrer Mutter. Er hatte das Gefühl, Olivias Verzweiflung und Trauer über die Landesgrenzen und das Meer hinweg spüren zu können.

Simon rieb sich das Kinn. Bei seinem letzten Besuch in Schlesien war er bereits achtzehn Jahre alt gewesen. Im Grunde hätte nichts dagegengesprochen, in den Jahren darauf allein zu reisen. Zu Olivia. Dennoch hatte er es nicht getan. Schließlich war sie fast noch ein Kind gewesen und er zu vernünftig, um seiner jugendlichen Schwärmerei nachzugeben.

Die Enge in seiner Brust, die er meist dann verspürte, wenn er an verpasste Chancen dachte, raubte ihm für einen Moment den Atem. Er war immer noch mutig, wenngleich sicher nicht mehr übermütig. Er war immer noch stark. Aber nicht mehr frei. Jenes unbeschwerte Leben gehörte längst der Vergangenheit an. Ob es mit Tante Annas plötzlichem Tod geendet hatte? An jenem Tag, als seine Eltern verunglückt waren und er die Verantwortung für Broomglade Manor hatte übernehmen müssen? Oder mit dem Verlust seiner Verlobten und der zunehmenden Entfremdung von seinem Bruder Charles?

Und jetzt war ganz unerwartet Liv aufgetaucht und stand in seinem Salon. Vom Wind zerzaust, vom Schneeregen durchnässt und in einem Reisekleid, das so jämmerlich an ihr herunterhing, als habe sie in den vergangenen Wochen erheblich an Gewicht verloren. Wilde Liv. Herzensgute Liv. Wunderschöne Liv.

Ob sie jemals darüber nachgedacht hatte, weshalb Simon Matthews ihr in jenem Frühjahr 1851 so völlig anders begegnet war als in den Jahren zuvor? Wahrscheinlich nicht. Und das war vermutlich auch besser so.

Nur, was sollte er jetzt tun? William Pembroke, sein Butler, hatte ihm gesagt, sie wünsche ihre Patentante zu sprechen …

Simon beschloss, dass er lange genug durch den Türspalt geschaut hatte. Er stieß sich von dem Bücherregal ab, öffnete die Tür und betrat den Salon.

Olivia neigte den Kopf, als müsse sie überlegen, wen sie da vor sich hatte. Ob er ihr damals so unwichtig erschienen war, dass sie sich nicht einmal mehr an ihn erinnerte? Die Erkenntnis schmerzte Simon überraschend heftig.

„Miss Kramer!“ Liv! Er wollte sie so ansprechen, wie er es früher getan hatte, wagte es aber nicht. Vor ihm stand eine junge Dame, kein wildes Mädchen, auch wenn sie ihm einen unsicheren Blick zuwarf und nervös auf ihrer Unterlippe kaute, einem Kind gar nicht mal so unähnlich. Und diese Augen … Ihre wunderschönen eisblauen Augen!

Simon rief sich zur Vernunft. Ja, er hatte sich damals ein wenig in Olivia verliebt, doch zwischen jenem Frühsommer und dem Heute lagen acht lange Jahre des Getrenntseins. Dass er sich nach wie vor zu ihr hingezogen fühlte, lag vermutlich nur an den Erinnerungen an eine verflossene, für ihn jedoch wunderbare Zeit. Er verneigte sich leicht, woraufhin sie einen Knicks andeutete.

„Entschuldigen Sie bitte …?“ Ihre Stimme, voll und warm, erinnerte ihn auf angenehme Weise an die ihrer Mutter.

„Simon Matthews“, stellte er sich knapp vor und unterschlug wie meist das „Sir“ und den Titel des Baronets.

Olivias Augen blitzten auf, dann folgte ihr einnehmendes Lächeln, an das er sich nur allzu gut erinnerte. Eine Erinnerung, die ein Kaleidoskop von Empfindungen im Schlepptau hatte. Erstaunt darüber, rieb er sich erneut das Kinn. Sie schien dieses intensiv zu betrachten, nachdem er seine Hand wieder gesenkt hatte. Ob ihr gefiel, was sie da sah? Das markante Kinn, das damals noch nicht ausgeprägt gewesen war? Die kleine Kerbe darin, ein Vermächtnis seines Vaters?

Simon verschränkte die Hände hinter dem Rücken und sah die Frau vor sich unsicher an. Was sollte er jetzt tun oder sagen? Er wusste es nicht. Offenbar hatte er entschieden zu lange keine hübschen Damen mehr gesehen, wenn er wie ein unreifer Pennäler auf Olivias Anblick reagierte.

„Ich erinnere mich an Sie, Mr Matthews“, sagte sie leise in das Schweigen hinein. „Sie waren einer von den Jungen, die mich nie bei ihren Unternehmungen dabeihaben wollten und uns Mädchen immerzu aufzogen.“

Simon schenkte ihr ein schiefes Lächeln. Das waren nicht unbedingt die Erinnerungen, die er in ihr hatte wecken wollen.

„Was führt Sie hierher?“, fragte er und erkannte am Zusammenziehen ihrer Augenbrauen, dass er weder den angemessenen Tonfall getroffen noch die richtigen Worte gewählt hatte. Seine Manieren waren entschieden zu eingerostet.

„Eigentlich“, begann sie, zögerte und straffte dann die Schultern. Sie war nicht groß, maß kaum mehr als einen Meter sechzig, dennoch hatte ihre Erscheinung etwas Einnehmendes. Die Verunsicherung, die Simon zuvor bei ihr gesehen hatte, war verflogen. Sie wirkte selbstsicher, als wisse sie genau, was sie wollte und wie sie es erreichen konnte. Im Gegensatz zu ihrer zierlichen Statur füllte ihre Präsenz den ganzen Raum.

„Ich bat darum, Ihre Mutter zu sprechen, Mr Matthews. Es tut mir sehr leid, dass … der …“

„Mr Pembroke“, nannte Simon ihr den Namen des Butlers. Olivia nickte, lächelte und fuhr mit freundlicher Stimme fort. „… Mr Pembroke Sie meinetwegen gestört hat.“

Simon atmete tief durch. „Miss Kramer, meine Eltern sind verstorben.“ Der Verlust schmerzte ihn noch immer, und zwar mehr, als er bereit war zuzugeben.

Er sah, wie sich Olivias hübsche Augen mit Tränen füllten und sie einen Schritt nach hinten taumelte. Schnell trat er vor und ergriff sie fürsorglich am Ellenbogen. Dabei spürte er die Feuchtigkeit im Stoff ihres langärmeligen Kleides. Besorgt betrachtete er ihre leicht blau angelaufenen Lippen und bemerkte die Kälte, die von ihr ausging.

„Das tut mir sehr leid“, sagte sie leise, wich zurück und entkam damit seiner Berührung.

Simon wollte ihr sagen, dass der Tod seiner Eltern bereits einige Jahre zurücklag, dass sie sich seinetwegen nicht aufzuregen brauchte, aber er ließ es bleiben. Sie zitterte jetzt, was erneut die Frage in ihm aufwarf, was er nun mit ihr anfangen sollte. Offenbar wusste sie das ebenfalls nicht, wanderte ihr Blick doch unstet zur Fensterfront, gleich darauf zum linken Kamin, in dem ein kleines Feuer flackerte, schließlich zu einem Gemälde, das seine Mutter zeigte, und dann wieder zurück zu ihm.

„Ich bitte um Entschuldigung für mein unangemeldetes Auftauchen.“ Sie nickte ihm zu, drehte sich um und ging zur Tür Richtung Foyer. Kaum dass sie die Klinke heruntergedrückt hatte, schob Pembroke von außen den Türflügel auf und ließ sie hinaus. Anstatt Olivia zu folgen, um ihr ihren Umhang zu reichen, richtete der Butler seine von buschigen Brauen beschatteten Augen auf Simon. Täuschte dieser sich oder lag tatsächlich eine Spur Missbilligung darin?

Hilflos wie selten zog Simon die Schultern hoch.

„Es regnet und stürmt noch immer, Sir“, erklärte ihm der Mann, ehe er, die Tür offen lassend, Olivia nun doch nacheilte.

„Rufen Sie Everett. Er soll Miss Kramer kutschieren“, rief Simon ihm nach und schalt sich gleichzeitig, dass er nicht selbst auf den Gedanken gekommen war.

„Wie Sie wünschen“, lautete die eher gebrummte als gesprochene Antwort, die in Simons Ohren erstaunlich widerwillig klang. Er presste irritiert die Lippen zusammen. Was war nur in Pembroke gefahren?

Simon eilte zurück in die Bibliothek und öffnete leise die Tür zum Foyer.

„Es tut mir leid, Mr Pembroke“, hörte er Olivia sagen. „Ich wusste ja nicht, dass Sir und Lady Matthews nicht mehr am Leben sind.“

„Wie sollten Sie das auch?“

„Ich hätte mir gewünscht, dass wir darüber unterrichtet worden wären.“

„Ein Versehen vielleicht?“, versuchte Pembroke Simons und Charles’ Versäumnis zu entschuldigen. „Ich bedauere sehr, dass Sie den weiten Weg vergeblich auf sich genommen haben.“

„Mein Vater wies mich kurz vor seinem Tod an, hierher zu meiner Patentante zu reisen“, verriet Olivia den Grund ihres überraschenden Besuchs.

Simon schloss für einen Moment die Augen. Demnach war nun auch ihr Vater verstorben.

„Verstehe ich Sie richtig, Miss Kramer? Sie wissen nicht, wohin Sie jetzt gehen sollen?“

Erstaunt über Pembrokes Interesse an der fremden Frau, vergrößerte Simon vorsichtig den Spalt zwischen Türblatt und Zarge.

„Bitte, Mr Pembroke, machen Sie sich darüber keine Gedanken. Es gibt noch mehr Frauen wie mich, die sich nach dem Tod der Eltern eine neue Existenz aufbauen müssen. Das wird mir schon gelingen.“

„Davon bin ich überzeugt.“ Pembrokes Worte waren höflich und sollten Zuversicht vermitteln, doch Simon, der den Mann bereits sein ganzes Leben lang kannte, vernahm deutliche Zweifel in seiner Stimme.

„Jedenfalls danke ich Ihnen für den freundlichen Empfang. Und dafür, dass ich für den Rückweg nach Lynmouth eine Kutsche gestellt bekomme. Das ist sehr aufmerksam.“

Simon zwickte das schlechte Gewissen. Dieser Einfall war ihm erst nach Pembrokes unzureichend versteckter Aufforderung gekommen, und Olivia hatte das vermutlich durchschaut.

„Nach Lynmouth also? Sie sind demnach im Besitz einer Fahrkarte für die Rückreise auf einem Schiff?“

Olivia zögerte einen Augenblick zu lange. Pembroke, der ihr gerade das Cape umlegen wollte, ließ die Arme sinken, schüttelte den Kopf und hängte das noch immer tropfende Kleidungsstück zurück an den Haken.

„Ich denke, wir können Sie getrost für eine Nacht in einem der leerstehenden Dienstmädchenzimmer unterbringen.“

„Liegt das denn in Ihrer Entscheidungsgewalt, Mr Pembroke? Ich möchte nur ungern dafür verantwortlich sein, dass Sie sich Unannehmlichkeiten aufbürden.“

In diesem Moment geschah etwas, was Simon gewaltig imponierte: Pembroke lächelte. Simon konnte es an einer Hand abzählen, wann er bei dem überkorrekten Butler einmal ein Lächeln gesehen hatte. Olivia jedoch war es innerhalb weniger Minuten gelungen, ihm diese offenkundige Gefühlsregung zu entlocken.

Simons Faszination für die junge Frau flackerte erneut auf – und offenbar ging es dem alten Pembroke nicht anders.

Eilig entfernte sich Simon von der Tür, setzte sich in einen der braunen Ledersessel und ergriff die Zeitung, die er vor Olivias Ankunft gelesen hatte. Dann rief er laut: „Ach, Mr Pembroke?“

„Sir?“ Der Butler erschien in der schmalen Verbindungstür.

„Befindet sich Miss Kramer noch im Haus?“

„Jawohl, Sir.“

„Es wäre unverantwortlich, sie bei diesem Wetter weiterreisen zu lassen.“

„Dem stimme ich zu, Sir.“

Simon warf dem Mann einen Blick zu. Dieser neigte leicht den Kopf, seine Art, ihm Anerkennung zu zollen und gleichzeitig auf eine neue Anweisung zu warten.

„Lassen Sie ein Gästezimmer herrichten.“

„Aber natürlich, Sir.“ Pembroke ließ Simon allein, wobei er, was ungewöhnlich war, abermals die Tür offen ließ.

„Miss? Sir Simon besteht darauf, dass Sie als Gast im Hause bleiben. Wir bereiten ein Zimmer für Sie vor. Wenn Sie bitte einige Minuten im Salon warten möchten? Ich lasse ihnen derweil eine Tasse heißen Tee bringen.“

„Das … ist sehr freundlich von Ihnen. Und natürlich von Sir Simon.“

Simon nickte gewichtig, ohne die Augen von der Zeitung zu heben, in der er allerdings nicht las.

„Aber ich möchte niemandem Umstände bereiten. Ich komme zurecht. Schließlich werde ich mir ohnehin eine Anstellung suchen müssen. Da kann ich auch sofort damit beginnen.“

„Sie möchten demnach in England bleiben?“

„Also … Nein. Doch die Kosten für die Überfahrt …“

„Miss, bitte setzen Sie sich in den Salon.“

Simon kannte Pembrokes Befehlston seinen Untergebenen gegenüber. Dass er ihn, wenngleich in leicht abgeschwächter Form, bei einem Gast anwendete, war ihm neu. Offenbar fürchtete der Mann, dass Olivia ihm weiter widersprechen und ihren Kopf durchsetzen könnte.

„Glauben Sie mir, ich bin nicht aus Zucker.“

„Dessen bin ich mir gewiss. Dennoch werde ich es nicht wagen, der Bitte des Baronets nicht nachzukommen.“

Simon nickte wieder, stutzte dann jedoch. Warum nur überfiel ihn das Gefühl, dass all diese Anweisungen nicht seinen eigenen Wünschen entsprungen waren, sondern vielmehr Pembrokes? Der Mann verriet sich gerade als äußerst geschickter Manipulator. So hatte Simon seinen übermäßig peniblen Butler noch nie erlebt.

Kapitel 2

William Pembroke trat im Foyer durch die Tür, die sich unter der Treppe versteckte. Über die Steinstufen gelangte er nach unten in das Reich der Bediensteten. Nachdem er den gefliesten Flur betreten hatte, ging er an seinem Arbeitszimmer vorbei und betrat den Aufenthaltsraum der Angestellten. Aus der Küche, die noch ein halbes Stockwerk tiefer lag, konnte er das schrecklich schiefe Pfeifen von Mulberry, dem Koch des Hauses, hören. Everett, der Kutscher des Baronets, den Pembroke erst gar nicht benachrichtigt hatte, um den Gast wieder aus Broomglade Manor hinausbugsieren zu lassen, erhob sich. Lucille und Meghan, die beiden einzigen Dienstmädchen, die es auf dem Landgut der Familie Matthews noch gab, taten es ihm gleich.

Broomglade Manor hatte nie viele Bedienstete gehabt, dafür war es schlicht zu klein, dennoch vermisste Pembroke neben einer Haushälterin, die ihm einiges an Verantwortung würde abnehmen können, auch das mal fröhliche, mal streitende Beisammensein einer größeren Dienerschaft. Seit dem Tod des alten Baronets und dessen Ehefrau sowie dem Weggang des jüngsten Matthews-Sohnes wirkte das Haus traurig und leer. Wie … tot.

„Gut, dass Sie alle hier sind. Wir haben einen Gast.“

„Einen Gast?“ Lucille schien wie elektrisiert, was Pembroke nur zu gut verstand. Gäste galten hier als Rarität.

„Gedulde dich bitte einen Moment. Ich muss zuerst Mulberry informieren.“

„Wir haben einen Gast, der zum Dinner bleibt? Und sogar über Nacht?“, hakte Lucille dennoch nach.

Pembroke strafte sie mit einem strengen Blick ab, der sie erröten ließ, gleichzeitig winkte er, dass sie sich alle wieder setzen durften, was unter lautem Stuhlrücken geschah. In früheren Jahren hätte Pembroke Lucilles überschäumendes Temperament gerügt und versucht, sie ein wenig zu mäßigen. Derzeit war er jedoch froh über jeden Hauch von Leben im Haus.

Er ließ die plötzlich munter diskutierende Runde allein, stapfte die vier Stufen in die Küche hinunter und fand Isaac Mulberry beim Rühren in einem Kochtopf vor. Der Vierzigjährige stellte das Pfeifen ein, als er den Butler entdeckte, wofür Pembroke ihm überaus dankbar war.

„Wir haben einen Gast, Mulberry. Sowohl zum Dinner als auch zum Frühstück.“

„Mr Charles Matthews?“

„Nein, eine Dame.“

„Eine –“ Offenbar hatte es dem Mann die Sprache verschlagen, was Pembroke ihm nicht verdenken konnte. Mulberry wischte seine mächtigen Hände, die ebenso wie sein rundes Gesicht von Sommersprossen übersät waren, an einem Handtuch trocken, stemmte sie dann in die aufgrund seines Körperumfangs nicht vorhandene Taille und starrte Pembroke zweifelnd an.

„Ich scherze nicht, Mulberry.“

„Ich wüsste nicht, dass Sie das jemals getan hätten, Mr Pembroke.“

„Aber?“

„Eine Dame? Über Nacht? In diesem Männerhaushalt? Entweder ist sie keine Dame oder …“ Er ließ den Satz in der Luft hängen, was Pembroke erleichtert zur Kenntnis nahm, wollte er doch vermeiden, dass jemand ihn oder den Lord für nicht zurechnungsfähig hielt.

„Mulberry, ich bin sehr wohl in der Lage, eine Dame von einem Herrn zu unterscheiden. Und was Ihre Zweifel an der Sittsamkeit unseres Gastes angeht, so lassen Sie sich versichern, dass sie durchaus eine ehrenhafte, charmante und überaus reizende Dame ist.“

„Charmant und überaus reizend?“ Jetzt grinste Mulberry, und Pembroke fragte sich, ob er die Miss womöglich eine Spur zu überschwänglich beschrieben hatte.

„Das mag sein, Mr Pembroke. Doch eine Nacht auf Broomglade Manor könnte ihren guten Ruf zunichtemachen. Es genügt schon, wenn sich herumspricht, dass sie allein angereist ist. Oder haben Sie vergessen, mir mitzuteilen, dass es auch eine Zofe, Mutter, Tante oder anderweitige Begleitung zu verköstigen gibt?“

„Was erlauben Sie sich, über Sir Simon zu denken?“, brummte Pembroke, den inzwischen allerdings ähnliche Befürchtungen umtrieben.

„Es geht mir nicht darum, Sir Simon unehrenhafte Absichten nachzusagen, und das wissen Sie sehr genau, Mr Pembroke. Aber Sie wissen um den Hang der Menschen zum Tratsch. Und dass gewisse Kreise es genießen könnten, endlich wieder einmal etwas aus dem Hause Matthews zu hören. Ob das Gehörte nun der Wahrheit entspricht oder nicht.“

„Und was hätten Sie an meiner Stelle getan?“, fuhr Pembroke den Koch an. „Die Dame zurück in den Sturm geschickt? In der Ungewissheit, ob sie überhaupt einen Platz zum Übernachten findet?“

„Man hätte sich in Lynton oder Lynmouth nach einem Hotelzimmer für sie umsehen können.“

Pembroke wusste, dass Mulberry recht hatte. Diese Option war ihm ebenfalls durch den Kopf gegangen. Aber es war ihm zuwider gewesen, das durchnässte und frierende Persönchen erneut in die Kälte, vor allem aber in die bereits hereinbrechende Nacht zu schicken. Und was, wenn es kein freies Hotelzimmer für sie gegeben hätte? Dann wäre er gezwungen gewesen, sie wieder mit hierherzunehmen – womit er dem Tratsch erst recht Vorschub geleistet hätte. Außerdem war ihm nicht entgangen, wie lange Sir Simon die junge Frau beobachtet hatte, nachdem er ihm ihre Ankunft kundgetan hatte. Vielleicht bildete er sich auf seine alten Tage etwas ein, doch er glaubte, vielfältige Gefühle in Sir Simons Blick gesehen zu haben, während dieser den Gast heimlich betrachtet hatte.

Selbstverständlich erinnerte sich Pembroke an die vielen Reisen der Matthews nach Schlesien, die im Jahr 1851 abrupt geendet hatten. Der Name Kramer war hier auf Broomglade Manor ein oft genannter gewesen. Pembroke hatte den Herrn Pastor sogar persönlich kennengelernt, hatte dieser doch während einer Predigtreise für einige Tage Halt auf Broomglade Manor gemacht.

„Miss Kramer ist die Patentochter der verstorbenen Lady. Zu meinem Bedauern ist sie nicht über den Tod des Baronets und der Lady informiert worden. Sie reiste an in der Annahme, hier von ihnen begrüßt und beherbergt zu werden. Genau dieser Sachverhalt ist es, der das Haus verlassen wird – wenn überhaupt irgendetwas die ehrwürdigen Mauern Broomglade Manors verlassen muss.“

Mulberry nickte und warf einen Blick in seinen Topf. „Dann werde ich das sonst so karge Dinner wohl ein wenig aufwerten“, murmelte er halblaut vor sich hin und rieb sich dabei voller Vorfreude die Hände. Er war einer der besten Köche, die Pembroke kannte, und von dem alten Baronet bei einer befreundeten Familie abgeworben worden. Vermutlich bedauerte Mulberry seinen Stellenwechsel seit dem Tod des Ehepaars – und dem damit einhergehenden Sterben von Broomglade Manor.

„Ein hervorragender Gedanke“, lobte Pembroke, machte auf dem Absatz kehrt und betrat wenig später den Gemeinschaftsraum. Er winkte ab, als sich das ihm unterstellte Personal erneut erheben wollte, zog den Stuhl am Kopfende des Eichentisches hervor und ließ sich darauf nieder.

„Tee, Mr Pembroke?“, fragte die stets eilfertige Meghan und stellte ihm zugleich eine Tasse hin, ehe sie nach der Porzellankanne auf dem Stövchen griff.

„Danke, Meghan.“ Pembroke starrte auf den aus Metall gefertigten Untersatz – ein Geschenk von Wolfram und Anna Kramer, das eines Tages aus dem Salon entfernt und der Dienerschaft zum Gebrauch überlassen worden war.

„Wir haben also einen Gast?“ Lucille konnte ihre Neugier nicht länger zügeln.

„Miss Olivia Kramer, die Patentochter von Lady Matthews, ist eingetroffen. Leider wusste sie nicht, dass die Lady verstorben ist.“

„Sie hat bei diesem Wind und Schneetreiben die Kutschfahrt von Lynmouth hier heraufgewagt?“ Everett schüttelte den Kopf. Offenbar hielt er seinen Kollegen in der Hafenstadt für nicht ganz gescheit. Die Wege entlang der Küste waren steil, kaum befestigt und vor allem bei Nässe und starkem Wind überaus gefährlich. Pembroke verschwieg lieber, dass ihr Gast den anstrengenden Aufstieg zu Fuß bewältigt hatte.

„Miss Kramer wartet im Salon, bis Lucille eines der Gästezimmer für sie vorbereitet hat. Meghan, Sie bringen ihr unverzüglich einen heißen Tee und etwas Gebäck.“

Meghan erhob sich und eilte in die Küche, wo, Pembroke schloss vor Erleichterung kurz die Augen, endlich wieder das schreckliche Pfeifen verstummte. Vielleicht sollte er Sir Simon bitten, eine Küchenhilfe einzustellen, was Mulberry dazu zwingen würde, sich mit dieser zu unterhalten. Dadurch gäbe es vermutlich mehr Zeiten, in denen Pembrokes gepeinigte Ohren von den Misstönen verschont blieben.

„An welches Gästezimmer dachten Sie?“ Lucille stand ebenfalls auf.

„Das Grüne Zimmer“, schlug Pembroke vor und sah die Siebzehnjährige nicken, als habe sie mit dieser Antwort gerechnet. Das Grüne Zimmer lag am weitesten von den Privaträumen der Familie und somit von Sir Simon entfernt. Allerdings nicht weit genug, um die junge Dame vor böswilligem Tratsch zu schützen, sollte sich herumsprechen, dass sie ohne Begleitung in einem Haus nächtigte, in dem lediglich ein Junggeselle wohnte – dazu einer, der von der Frauenwelt als eine durchaus attraktive und gute Partie angesehen wurde. Und damit war, zu Pembrokes Bedauern, zu rechnen.

Denn einerseits, so befürchtete er, hatte sich die Miss in Lynmouth nach dem Weg erkundigen müssen, sodass ihre Anwesenheit auf Broomglade Manor dort womöglich bereits bekannt war, andererseits flog ständig, gleich aufgescheuchter Vögel, irgendwelcher Tratsch über die Familie Matthews durch das Land. Weshalb auch immer …

Pembroke tippte nervös mit dem Fuß auf den Boden. Ob es falsch gewesen war, was er getan hatte? Er könnte es sich nie verzeihen, falls das kleine Persönchen unter seinem Handeln zu leiden hätte. Aber ihr unvermutetes Auftauchen war ihm wie eine Gebetserhörung vorgekommen. Wie lange hoffte er nun schon darauf, dass in Broomglade Manor wieder Leben einkehrte und Sir Simon sich nicht ausschließlich in seiner Arbeit vergrub? Der wehmütige Blick, mit dem der Baronet die Miss gemustert hatte, war der Auslöser für Pembroke gewesen, das Mädchen nicht sofort ziehen zu lassen.

Entschlossen erhob er sich und eilte über den schmalen Dienstbotenaufgang in das obere Stockwerk. Durch die unscheinbare Tür gegenüber der Treppe betrat er die Galerie und ging gemessenen Schrittes bis zum Grünen Zimmer. Die Tür stand offen, und er beobachtete, wie Lucille behutsam die weißen Tücher von den Möbeln nahm, um nicht zu viel Staub aufzuwirbeln. Der Raum, obwohl hübsch eingerichtet, wirkte trostlos. Pembroke musste Meghan ebenfalls hochschicken, damit sie Lucille half, einen behaglichen Rückzugsort für Olivia zu schaffen.

„Mr Pembroke?“ Das Dienstmädchen hatte ihn entdeckt. Sie presste die Laken an sich und schaute fragend zu ihm auf.

„Ich möchte, dass du Miss Kramer als Zofe aufwartest, Lucille.“

„Als Zofe? Aber, Mr Pembroke, ich habe noch nie als Zofe gearbeitet! Ich weiß gar nicht genau, was ich da tun muss.“

„Sei unbesorgt, Lucille. Ich nehme nicht an, dass Miss Kramer in dem Pfarrhaus, in dem sie aufgewachsen ist, eine Zofe hatte. Es geht nur darum, dass sie sich hier wohlfühlt und eine Ansprechperson hat. Jemanden, der sich um sie kümmert.“

„Sie bleibt doch nur eine Nacht.“ Lucille klang verschüchtert.

„Ich kann an deiner statt auch Meghan damit beauftragen. Sie ist vielleicht eher bereit, sich einer neuen Herausforderung zu stellen und für die Zukunft zu lernen.“

„Ist schon gut, Mr Pembroke. Ich kann das bestimmt“, beeilte sich Lucille zu beteuern. „Zumal Miss Kramer vermutlich ebenfalls nicht weiß, was eine Zofe so alles zu erledigen hat, nicht wahr?“

„Kümmere dich einfach um sie. Sei für sie da, wenn sie eine Frage hat oder Hilfe benötigt. Aus diesem Grund wirst du auch das Gelbe Zimmer bewohnen – für die Dauer von Miss Kramers Aufenthalt.“

Lucille schnappte nach Luft. Obwohl sie nicht wusste, welche Aufgaben eine persönliche Zofe für gewöhnlich übernahm, war ihr doch bewusst, dass jene Bediensteten niemals im Nebenzimmer der Herrschaften schliefen. Aber außergewöhnlichen Situationen musste man gelegentlich mit nicht minder außergewöhnlichen Maßnahmen begegnen. Pembroke hoffte nur, dass Sir Simon das ebenso sah.

„Sieh zu, dass du vorankommst, Mädchen. Die Dame sollte sich dringend umziehen, sonst wird sie sich erkälten.“ Ohne die wie erstarrt dastehende Lucille weiter zu beachten, drehte der Butler sich um und schritt durch den Flur davon.

* * *

Olivia war dankbar, endlich die klammen Kleider ablegen zu können. Sie reichte Lucille, die ihr sofort unverblümt erzählt hatte, dass sie eigentlich keine Kammerzofe war, sondern ein einfaches Dienstmädchen, das Reisekleid und ihr Hemdchen.

„Könntest du das Kleid bitte zum Trocknen aufhängen? Das wäre sehr freundlich.“

„Ich sollte es besser waschen.“ Lucille betrachtete zweifelnd den verschmutzten Saum und die dunklen Spritzer auf dem Rock.

„Dann wird es bis morgen früh nicht trocknen“, widersprach Olivia.

Lucille nickte, legte das feuchte Kleid vorsichtig über eine Stuhllehne und öffnete Olivias Reisetasche.

„Sie haben keine große Auswahl an Abendgarderobe mit auf Reisen genommen“, murmelte sie. Olivia lachte leise. Ihr gefiel das offenherzige Mädchen. „Ich besitze nicht einmal annähernd das, was du eine große Abendgarderobe nennen würdest.“

„Was möchten Sie zum Dinner anziehen?“

„Das blaue Kleid.“

Während sich Olivia in das angewärmte Handtuch wickelte, an das Sprossenfenster trat und auf das tosende Meer am Fuße der Klippen blickte, packte Lucille ihre Tasche aus. Schließlich hielt sie ein schimmerndes marineblaues Moirékleid hoch.

„Sie haben keine Krinoline dabei?“

„Würdest du so ein Gestell auf Reisen mitnehmen?“

„Die Ladys tun das. Glaube ich jedenfalls. Ich arbeite noch nicht so lange hier, als dass ich eine Gesellschaft miterlebt hätte.“

„Diese Ladys reisen allerdings nicht nur mit einer Tasche, sondern mit mehreren Schrankkoffern.“

Lucille stimmte ihr mit einem Lächeln und einem Nicken zu. Offenbar war dem Mädchen das Ensemble trotz der vielen Lagen Unterröcke und der weiten, ab dem Ellenbogen wieder schmal geschnittenen Ärmel zu schlicht. Doch Olivia besaß nichts Exquisiteres. Seit ihr Vater erkrankt war, hatte sie sich keine neue Garderobe angeschafft, und auch davor hatten sich ihr nur wenige Gelegenheiten geboten, einem Fest der gehobenen Gesellschaft beizuwohnen.

Ohnehin würde sie die Abendmahlzeit am liebsten hier in ihrem Zimmer einnehmen, aber das wäre wohl zu unhöflich. Also ließ sie zu, dass Lucille ihr in den Rock und die dazugehörige Bluse half. Sie war froh über die ihr zuteilwerdende Hilfestellung, denn beide Kleidungsstücke wurden im Rücken geknöpft. Das streng gescheitelte Haar schlang Olivia zu dem für sie üblichen einfachen Knoten am Hinterkopf hoch. Lucille hatte es zuvor ausgiebig gebürstet und sich dabei über ihre eigene schwarze Krause beschwert. Das Mädchen hatte hingebungsvoll gejammert, bis Olivia ihr versichert hatte, dass sie die kleinen Korkenzieherlöckchen, die aus Lucilles gestärkter Haube gerutscht waren und fröhlich neben ihren Wangen auf und ab wippten, bezaubernd fand.

Schließlich stand Olivia – endlich wieder trocken und warm, jedoch mit einem vehement schmerzenden Knie – vor dem mannshohen Spiegel. Sie betrachtete darin allerdings weniger sich selbst als Lucille, die flink das Zimmer aufräumte. Das sanfte Grün der Tapete mit den silberfarbenen Lilien verlieh dem Raum ein angenehm warmes Ambiente. Die hellen Möbel mit den verspielten Insignienschnitzereien, die sorgsam gewählten Ziergegenstände, wie Muscheln und außergewöhnlich geformte Steine, gefielen Olivia ebenso wie der geflochtene Weidenkorb, in dem einige Äpfel lagen. Die Porzellankanne und Waschschüssel in Weiß und der Strauß mit winterhartem Grün harmonierten mit den dunkelgrünen Vorhängen und dem gleichfarbigen Bettüberwurf.

„Ich denke, Mulberry hat das Dinner inzwischen fertig. Sie können hinuntergehen, Miss.“

„Mulberry? Ist das der Koch beziehungsweise die Köchin?“

„Der Koch. Ein gescheiter kleiner Mann. Wir alle mögen ihn sehr“, plapperte Lucille und wollte mit Olivias Reisekleid über dem Arm den Raum verlassen.

„Warte bitte. Ich … Wo muss ich denn nun hingehen?“

Das Mädchen drehte sich wieder um und schenkte ihr ein fröhliches Lächeln. Olivia hatte den Eindruck, als sei ihr Ansehen bei Lucille allein dadurch, dass sie ihre Unsicherheit preisgab, ein wenig gestiegen.

„Mr Pembroke wird Sie unten an der Treppe empfangen. Es ist seine Aufgabe, Familienangehörige und Gäste zum Dinner zu führen.“ Dann räumte sie offen ein: „Wobei ich das noch nie erlebt habe.“

Ehe Olivia fragen konnte, ob dies seit dem Tod des Baronets und ihrer Patentante nicht mehr vorgekommen sei – und wie lange dieser überhaupt zurückliege –, war Lucille bereits davongehuscht.

* * *

Olivia atmete tief durch, raffte den bauschigen Rock und trat auf die oberste Stufe, wobei sie sich vorsichtshalber mit der freien Hand am Handlauf festhielt. Ihr Knie sandte bei jeder Bewegung unangenehme Schmerzen aus, die sich nicht länger verdrängen ließen. Langsam nahm sie eine Stufe nach der anderen. Als sie den quadratischen Treppenabsatz erreichte und sich für die letzten Stufen wappnete, entdeckte sie Pembroke. Der Butler stand aufrecht und steif mitten in der Halle, der Statue eines Kriegsherrn nicht unähnlich. Er wurde vom sanften Kerzenschein einiger Kandelaber beleuchtet, die auf den Garderobenmöbeln und dem Tisch in der Sitzecke thronten.

Der Mann sah nicht zu ihr hinauf, doch sie ahnte, dass er sie aus dem Augenwinkel beobachtete. Ihr Verdacht bestätigte sich, als sie den ersten Fuß auf die grauen Steinfliesen setzte, denn plötzlich kam Leben in die zuvor reglose Gestalt. Gemessenen Schrittes näherte er sich ihr, verbeugte sich leicht und deutete dann einladend auf die Tür zum Salon.

„Wenn Sie mir bitte folgen würden, Miss Kramer.“

„Sehr gern, Mr Pembroke. Vielen Dank, dass Sie mich hier erwartet haben.“

„Es ist mir eine Ehre.“

Olivia lächelte den Butler an, war sie von seiner Korrektheit und fürsorglichen Aufmerksamkeit doch überaus angetan. Sie folgte ihm und betrat, nachdem er ihr die Tür geöffnet hatte, vor ihm den ihr bereits bekannten Salon. Pembroke schritt eilfertig an ihr vorüber und öffnete eine Tür, die jener gegenüberlag, aus der vor einer Stunde Simon getreten war.

Olivia bedankte sich mit einem weiteren Lächeln. Pembroke quittierte ihren Dank mit dem Neigen seines Kopfes, ehe er sie zu einer Tafel führte, die fast die gesamte Länge des Raumes einnahm. Der Tisch war mit einer weißen Damastdecke versehen und mit drei bauchigen dunkelblauen Vasen dekoriert, die Winterbouquets beherbergten. Zwei sich gegenüberliegende Gedecke waren liebevoll arrangiert und warteten darauf, benutzt zu werden. Waren sie ein kleiner Hinweis dahin gehend, dass Olivia hier doch willkommen war? Wie in der Liebe, wo vermeintliche Kleinigkeiten oder geschenkte Aufmerksamkeit die Zuneigung eines Menschen manchmal deutlicher bekundeten als Worte?

Die geschliffenen Gläser auf dem Tisch spiegelten die unruhigen Flammen des Feuers im Kamin, der, so vermutete Olivia, mit dem Kamin im Salon verbunden war. Ein gut durchdachtes bauliches Element, wie sie fand.

Eine Bewegung nahe der Fensterfront ließ sie zusammenzucken. Da draußen bereits dunkle Nacht herrschte und das Zimmer lediglich durch das prasselnde Kaminfeuer und zwei dreiarmige Kandelaber auf dem Tisch beleuchtet wurde, war ihr Simons Anwesenheit bisher entgangen.

„Guten Abend, Miss Kramer. Ich hoffe, Ihr Zimmer entspricht Ihren Ansprüchen.“

Olivia runzelte die Stirn, folgte dem Butler aber zu dem für sie vorgesehenen Gedeck. Ja, sie hatte Simon nicht sofort erkannt, da er vor acht Jahren ein zwar groß gewachsener, aber sehr schlaksiger Achtzehnjähriger gewesen war, der sie gern ein wenig aufgezogen hatte und ihr ansonsten tunlichst aus dem Weg gegangen war. Inzwischen war er zu einem breitschultrigen Mann mit einem auffällig kantigen Gesicht herangereift. Um seine Augen zeigten sich erste kleine Fältchen, obwohl er noch keine dreißig Jahre zählte.

Während Pembroke ihr den Stuhl zurechtrückte, antwortete sie Simon unverblümt, aber mit freundlichem Tonfall. „Sie erinnern sich gewiss, dass mein Elternhaus überaus geräumig und gemütlich war, gleichwohl nicht luxuriös. Ihr Gästezimmer ist wunderschön.“

„Gut“, war alles, was Simon erwiderte, ehe er sich auf dem Platz ihr gegenüber niederließ. Zuvor hatte er jedoch sein dunkelblaues Sakko über der gleichfarbigen Weste geöffnet; Kleidungsstücke, die er vorhin nicht getragen hatte. Etwas enerviert, wie es ihr schien, zupfte er nun an dem schmalen Kragen und der Krawatte. Entweder war er nervös oder es nicht gewohnt, beim Dinner formelle Kleidung zu tragen. Olivia vermutete Letzteres, immerhin hatte sie bereits herausgehört, dass es auf Broomglade Manor schon lange keine Gäste und Gesellschaften mehr gegeben hatte. Ob Simon zudem nur selten das Haus an der zerklüfteten Steilküste und inmitten der urwaldähnlichen Berghänge verließ, um Besuche, Geschäftsreisen oder Einkäufe zu tätigen?

Beim Anblick von Simons Stirnfalten und den zusammengekniffenen Augen konnte Olivia nur mühsam ein Seufzen unterdrücken, musste sie doch befürchten, einen bedrückend schweigsamen und damit unangenehmen Abend vor sich zu haben. Da war es vermutlich wenig hilfreich zu erfragen, wann und unter welchen Umständen die Eltern ihres unfreiwilligen Gastgebers verstorben waren.

Ein Räuspern ließ sie den Kopf drehen. Pembroke stand zwischen der Tür und einer Anrichte und wartete offensichtlich auf ein Zeichen des Hausherrn, dass sie mit der Mahlzeit beginnen konnten.

„Nur zu, Mr Pembroke“, sagte Simon prompt.

Der Butler verneigte sich und verließ den Raum, um wenig später mit Lucille und einem weiteren Dienstmädchen zurückzukommen. Lucille brachte ihnen schimmernden Rotwein in einem bauchigen Dekanter und Weißwein in einer schlanken Glaskaraffe. Das andere Mädchen trug eine weiße Porzellanterrine mit hübschem Rosenmuster herein, die sie auf die Anrichte stellte, ehe beide Mädchen das Zimmer schleunigst wieder verließen, als wollten sie ja nicht gesehen werden.

Pembroke hob den gewölbten Deckel der Terrine, und der Duft des aufsteigenden Dampfes verhieß eine heiße Suppe als Vorspeise, der Olivia mit Freuden entgegensah. Vielleicht würde es dieser gelingen, das zurückgekehrte Gefühl von Kälte in ihr zu vertreiben, das Olivia in der schweigsamen Gegenwart von Simon überfallen hatte.

Pembroke hielt ihr die Suppenschüssel hin, und sie griff nach der Schöpfkelle, um sich aufzutun. Dabei empfand sie eine schreckliche, ja, schmerzliche Leere in sich. Wie sehr fehlte ihr doch ihr Vater, der ihr an guten Tagen gegenübergesessen und dem sie aus dem Topf in der Tischmitte geschöpft hatte! Sie vermisste seinen dankbaren Blick, die lobenden Worte über ihre Kochkünste und den zufriedenen Ausdruck in seinem Gesicht, wenn er sich gesättigt und umsorgt fühlte … Es war erstaunlich, aber in diesem Augenblick glaubte sie sogar, die Enge der kleinen Behausung, in der sie zuletzt gelebt hatten, die rußende Feuerstelle und die zugige Luft, die wie ein heimlicher Dieb durch die Fensterrahmen gedrungen war, zu vermissen. Vor allem jedoch sehnte sie sich nach den Gebeten ihres Vaters, die von tiefem Vertrauen geprägt gewesen waren und immer eine Spur Vorfreude enthalten hatten. Vorfreude darauf, den schwachen und schmerzgepeinigten Körper ablegen zu dürfen, um – wie er sagte – Anna im Himmel wiederzusehen und mit dem einen oder anderen bereits verstorbenen Theologen zu diskutieren.

Mit diesen wehmütigen Erinnerungen in ihrem Herzen faltete Olivia die Hände im Schoß und fragte Simon: „Darf ich das Tischgebet sprechen?“

„Ja … sicher.“ Er legte den silbernen Suppenlöffel zurück neben den Teller und senkte den Kopf.

Olivia schloss die Augen und schwieg einen Augenblick, ehe sie Gott für die behütete Reise und die Gastfreundschaft auf Broomglade Manor dankte, anschließend sprach sie den kurzen Tischsegen, den ihr Vater oft gebetet hatte.

Ohne auf die beiden anwesenden Männer zu warten, wobei Pembroke sich ohnehin unsichtbar zu machen versuchte, tauchte sie den Löffel in die cremige Suppe und kostete davon. „Herrlich!“ Sie wandte sich um, und Pembroke hob fragend die Augenbrauen. „Bitte richten Sie Mulberry aus, dass die Pilzcremesuppe köstlich schmeckt. Und es würde mich interessieren, welche Kräuter es sind, die diese leicht nussige Note zaubern.“

„Ich richte es ihm gern aus, Miss Kramer.“

„Sie kennen den Namen meines Kochs?“ Simon legte den Löffel erneut ab.

„Lucille hat ihn mir verraten.“

„Lucille?“ Simon hob die Hand in Richtung Kinn, senkte sie aber unverzüglich wieder. Sein Blick wanderte zu Pembroke, der mit unbeteiligter Miene Löcher in die Luft starrte.

„Eines Ihrer Dienstmädchen. Mr Pembroke war so freundlich, sie zu mir zu schicken, damit sie mir ein wenig zur Hand geht.“

„Ah, sehr gut, Mr Pembroke.“ Simon griff ein weiteres Mal nach dem Besteck.

„Sie kennen Lucille, Sir Simon“, versuchte Olivia, das Gespräch am Leben zu erhalten. „Das Mädchen von vorhin, mit den hübschen schwarzen Locken.“

„Hm, ja.“

„Ich schweige jetzt lieber, ehe Sie verhungern“, erwiderte Olivia auf seine wenig aussagekräftige Antwort, da er den Löffel zwar wieder in der Hand hielt, jedoch noch nichts zu sich genommen hatte. War der junge Simon ebenfalls ein so stiller Mensch gewesen? Olivia glaubte das eher nicht.

Das Schweigen hing wie eine schwere graue Gewitterwolke über ihnen, und Olivia fühlte sich zunehmend unbehaglicher. Weshalb nur hatte sie vor ihrer Abreise keinen Brief geschrieben, um sich zu vergewissern, dass sie auf Broomglade Manor willkommen war? Aber wie hätte sie auch ahnen sollen, dass man der Familie Kramer den Tod der Patentante vorenthalten hatte?

„Ich habe Ihnen noch gar nicht gesagt, wie sehr mir der Verlust Ihrer Eltern leidtut.“

Simon hob den Blick, und Olivia drängte sich der Gedanke auf, dass er sie gleich rügen würde, da sie doch angeboten hatte zu schweigen. Geselligkeit war für den Mann offenbar ein Fremdwort.

„Das ist bereits fünf Jahre her, Miss Olivia. Da ihr Verlust wesentlich jünger und damit noch schmerzlicher ist, danke ich Ihnen ganz besonders für Ihr Mitgefühl. Auch ich möchte Ihnen mein Beileid ausdrücken.“

Olivia bedankte sich und widmete sich eilig wieder ihrer Suppe. Sie war sich unsicher darüber, ob Simon hatte höflich sein wollen oder ob er sie auf eine recht charmante Art dafür abgestraft hatte, dass sie beim Dinner den Tod seiner Eltern angesprochen hatte.

Ein Seufzen entrang sich ihrer Kehle. Neuer Schmerz wallte in ihr auf, verbündete sich mit ihrem Unwohlsein in Simons Gegenwart und der lebenswichtigen, im Augenblick aber unbeantwortbaren Frage, wohin sie sich am folgenden Tag wenden und womit sie künftig ihren Lebensunterhalt bestreiten sollte.

„Mr Pembroke, Sie können den Hauptgang servieren.“ Offenbar hatte ihr Seufzen Simon nun endgültig den Appetit auf die herrliche Suppe verdorben. Und ihm die Laune verhagelt?

Olivia straffte die Schultern, legte den Löffel beiseite und taxierte ihr Gegenüber. „Es tut mir leid, dass ich ohne Vorankündigung angereist bin, Sir Simon“, begann sie. Er winkte mit einer Hand ab, doch sie ließ sich nicht davon abhalten, das, was gesagt werden musste, zu äußern. „Leider war mir nicht bekannt, dass Tante Olivia verstorben ist. Hätte ich das gewusst, hätte ich dem Drängen meines Vaters nicht nachgegeben.“

„Pfarrer Kramer schickte Sie hierher?“ Jetzt klang Simon zumindest ein wenig interessiert.

„Offenbar gab es eine Abmachung zwischen meiner und Ihrer Mutter. Falls meinen Eltern etwas zustoßen sollte, war Tante Olivia gern bereit, mich an Kindes statt anzunehmen.“

„Als Ihre Patentante hätte sie das sicher mit Freuden getan. Ich weiß, dass meine Mutter die Ihre sehr schätzte“, erwiderte Simon. Seine Augen, deren Farbe Olivia an reife Haselnüsse erinnerte, waren jetzt aufmerksam auf sie gerichtet. Er räusperte sich, rutschte auf seinem Stuhl ein Stück nach links, dann zurück in die Mitte und griff sich an sein kantiges Kinn. „Es ist wohl unhöflich, wenn ich frage …“

Olivia lachte leise auf. „Der Simon Matthews, an den ich mich erinnere, war mir gegenüber nie von ausgesuchter Höflichkeit.“

Ein verlegenes Grinsen huschte über sein bislang ernstes, ja, regelrecht angespanntes Gesicht, blieb jedoch nicht länger als der Schatten einer Möwe auf dem Sand, ehe eine Windbö den Seevogel davontrug. Aber gut – es war beinahe so etwas wie ein Lächeln gewesen.

„Sind Sie denn noch nicht volljährig?“

Das entsetzte Räuspern kam von der Tür. Offenbar war Pembroke, leise wie ein Geist, gerade wieder eingetreten. Ihm folgten, wie bereits zuvor, die beiden Mädchen.

„Ich werde schon bald einundzwanzig und damit volljährig sein, und ich denke, Mr Pembroke, dass Sir Simon ein Recht auf diese Frage hat“, beruhigte Olivia den korrekten Butler, der daraufhin erneut den Kopf zur Seite neigte und sie mit einem langsamen Nicken bedachte. Sie untersagte sich ein Augenverdrehen. Simon und Pembroke waren wirklich ein unglaublich schweigsames, Ehrfurcht gebietendes und damit anstrengendes Gespann. Wie die Mahlzeiten wohl abliefen, wenn kein Gast anwesend war? Ob sie überhaupt ein Wort miteinander wechselten? Kein Wunder, dass Simon nicht wusste, wer Lucille war, die wie alle Bediensteten dazu angehalten war, in Gegenwart der Herrschaften möglichst nicht in Erscheinung zu treten.

„Ach, Sir Simon? Das Mädchen mit den bezaubernden schwarzen Locken ist übrigens Lucille, von der wir vorhin sprachen. Leider weiß ich nicht, wie die Miss mit den wunderschönen grünen Augen heißt.“

Die Genannte warf Pembroke einen erschrockenen Blick zu, der ihr daraufhin mit einer knappen Handbewegung zu verstehen gab, dass sie sich vorstellen sollte. Also knickste sie und murmelte: „Meghan, Sir.“ Sie wandte sich an Olivia, knickste erneut und fügte hinzu: „Meghan Thornton, Miss Kramer.“

Olivia hätte sie gern gefragt, wie lange sie bereits auf Broomglade Manor arbeitete, befürchtete jedoch, damit sowohl Simons als auch Pembrokes Unmut auf sich zu ziehen. Simons, weil es für ihn noch peinlicher sein könnte, dass er nach all den Jahren Meghans Namen noch nicht kannte, und Pembrokes, weil ihm in seiner Funktion als Butler vermutlich missfiel, wenn einem einfachen Dienstmädchen zu viel Aufmerksamkeit entgegengebracht wurde.

Olivia hatte ausreichend Zeit in Häusern mit Dienstboten verbracht, um zumindest das grobe Gefüge zu durchschauen. Zudem konnte sie sich dunkel entsinnen, dass ihre Mutter eine Zeit lang eine Zofe in Diensten gehabt hatte – später dann nur noch, wenn sie zu besonderen Anlässen eingeladen gewesen war. An ihre Haushälterin erinnerte sich Olivia hingegen mit viel Zuneigung, war diese doch erst vor zwei Jahren zu ihrem Sohn gezogen, wo sie ihren Lebensabend im Kreise der Familie verbringen wollte.

Olivia nahm sich von den gerösteten Kartoffeln, dem Rind- und Lammfleisch und den Erbsen, die Pembroke ihr und Simon darreichte, ehe er wieder mit der Wand neben der Anrichte verschmolz. Die beiden jungen Frauen hatten den Raum bereits leise wie Katzen verlassen.

Abermals legte sich Schweigen zwischen sie, und schließlich war es erneut Olivia, die es zu durchbrechen versuchte. „Sind Ihnen die drei Wochen im Frühjahr auch immer wie eine halbe Ewigkeit vorgekommen? Wenn ich heute an jene Zeit zurückdenke, kann ich kaum glauben, dass es lediglich so wenige Wochen im Jahr waren.“

Simon trank einen Schluck Rotwein, ehe er erwiderte: „Da kann ich Ihnen nur zustimmen. Es waren wunderschöne Tage, und ehrlich gesagt kann ich mich an kaum einen Regentag entsinnen, obwohl meine Mutter, Charles und ich doch so viele Jahre hintereinander zu Besuch im Pfarrhaus waren.“

„Und ich kann mich nicht daran erinnern, wann diese Besuche begannen“, überlegte Olivia laut.

„In Ihrem ersten Lebensjahr. Meine Mutter reiste selbstverständlich zu Ihrer Taufe an.“

„Daran erinnern Sie sich? Sie sind doch kaum älter als ich.“

„Ein paar Jahre sind es schon.“ Er schmunzelte. „Aber an unsere ersten Besuche in Schlesien erinnere ich mich hauptsächlich aufgrund von Gesprächen. Erinnerungen, die wir hier auf Broomglade Manor ausgetauscht haben.“

„Und es gab Regentage“, griff Olivia schnell seine vorherige Bemerkung auf. „Allerdings nicht viele, da stimme ich Ihnen zu. An solchen sind die Jungen meist im Heulager in der angrenzenden Scheune verschwunden.“

„Und wir wollten Sie nicht dabeihaben.“ Wieder erhellte für den Bruchteil einer Sekunde ein Schmunzeln sein Gesicht. Es bewies, wie gut er sich an die kleine Olivia erinnerte, die so oft darum gebettelt hatte, die Abenteuer der Jungen miterleben zu dürfen.

„Diese frechen Jungen wollten mich zu meinem Leidwesen nie dabeihaben!“, lachte sie.

„Heute würden sie das wohl anders sehen.“ Simon presste die Lippen zusammen, als sei ihm unangenehm, was er da gerade gesagt hatte.

„Denken Sie?“

Olivias Gesprächspartner beschäftigte sich überaus intensiv mit dem Schneiden seines Fleisches, erwiderte aber leise: „Sie sind sehr hübsch geworden, Miss Olivia. Das dürfte selbst dem wildesten der Lausbuben auffallen.“

„Danke.“ Olivia sah aus dem Augenwinkel, wie Pembroke die Brauen hob. Offenbar war er nicht minder verwundert, dass das Dinner doch noch gesprächiger wurde und Simon sich sogar an einem Kompliment versuchte.

„Die Regentage in der Scheune, ja. Ich erinnere mich an einen kleinen Jungen mit kupferfarbenen Haaren, die ihm wie die Borsten eines alten Besens vom Kopf abstanden. Ein lustiger Kerl, immer zu Scherzen aufgelegt. An einem dieser Scheunentage hat er sich in seinem Übermut den Arm gebrochen.“

„Sie meinen Johann Weidner.“ Olivia kicherte. „Er ist auf dem besten Wege, ein angesehener Jurist zu werden.“

„Ein Jurist also.“ Anerkennend nickend schob Simon sich ein Stück Kartoffel in den Mund. Da Olivia nun wieder anhaltendes Schweigen befürchtete, fragte sie: „Wie geht es Ihrem Bruder Charles?“

„Gut, soweit ich weiß.“

„Verraten Sie mir auch, wo er ist und was er aus seinem Leben gemacht hat?“

Simons Blick umwölkte sich, sodass Olivia ihr Besteck beiseitelegte. Offenbar war Charles kein Thema, über das ihr Gastgeber sprechen wollte.

„Er lebt in Bristol, im Haus der Eltern seiner Gattin. Gelegentlich ist er in London anzutreffen.“

„Er ist demnach verheiratet. Wie schön!“ Olivia untersagte sich einen prüfenden Blick auf Simon. Er war der ältere der Brüder und noch immer ungebunden. Ob dies an einer Art selbst gewählter Isolation lag? Olivia hatte sich Broomglade Manor stets voller Leben und mit einer ständig wechselnden Gästeschar vorgestellt, nicht zuletzt aufgrund der Erzählungen ihrer Patentante über Jagdgesellschaften, Teekränzchen und Tanzveranstaltungen, denen sie als Kind begeistert gelauscht hatte. Auf einer dieser Veranstaltungen hatten sich Olivias Mutter, damals mit ihren Eltern auf einer Englandreise, und Lady Matthews kennengelernt.

„Wir sehen uns nicht häufig.“ Simon legte die Serviette auf den Tisch und erhob sich. „Mr Pembroke, ich nehme meinen Whiskey in der Bibliothek ein. Miss Olivia, ich hoffe, Sie können sich nach Ihrer anstrengenden Reise hier gut erholen.“ Er verbeugte sich knapp und verließ den Raum durch die Tür zum Salon.

Olivia griff nach ihrem Weinglas, ohne daraus zu trinken. Was für ein trauriges Leben Simon dochführt!,