Das Leben hatte andere Pläne - Toni Flohr - E-Book

Das Leben hatte andere Pläne E-Book

Toni Flohr

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Beschreibung

Amy hatte alles, was sie sich erträumte, die perfekte Liebe, den perfekten Mann, ein Leben in eingeschworener Zweisamkeit. Bis zu dem Tag, als Nicolas tödlich verunglückte. Amy kämpfte, kämpfte darum, zu leben. Sie erkannte, dass sie den Kampf verloren hat, dass ihre Kraft nicht reichte. Sie war lebendig tot. Erst der Schmerz des Messers, das sie in ihren Arm stach und nach unten zog, brachte sie halbwegs zur Besinnung. Sie wählte die einzige Nummer, die einen Ausweg versprach. "Hello?" seine Stimme klang schlaftrunken. Glücklicherweise sagte Ed, siebentausend Kilometer entfernt, auf der anderen Seite der Welt, das einzig Richtige.

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Seitenzahl: 535

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Sie saß am Küchentisch ihrer Wohnung ein blutiges, spitzes Messer in ihrer Hand. Ihr Blick war leer. Sie spürte nichts, nicht die blutende Wunde an ihrem Arm, keine Regung, nichts.

Die Küche war nicht klein genug, um die Stille und Einsamkeit der Wohnung zu vertreiben. Ein Ruck durchzuckte sie. Amy stand auf. Sie beobachtete sich selbst im Spiegel über der Küchenarbeitsplatte. Wer ist diese Frau?

Die Küche sah aus wie immer. Sauber, die Bilder an den Wänden, die Fotos am Kühlschrank, alles genauso wie immer.

Aber diese Stille schrie so laut in ihren Ohren. Während sie sich gedankenverloren das Blut vom Arm abwusch und die Wunde mit einem sauberen Spültuch trocknete, fiel ihr Blick auf die beiden Näpfe, die auf dem Boden neben der Tür standen. Das Wasser war etwas trübe, die letzten Trockenfutterbrocken waren unangetastet. Jetzt endlich spürte sie etwas. Heiß und nass auf ihren Wangen, die Tränen liefen und sie drehte sich langsam um und rutschte an der Küchenzeile herunter. Klein, wie ein Embryo, rollte sie sich zusammen. Die Tränen flossen, aber ihre innere Regungslosigkeit löste sich nicht. Der Tod von Charlie, ihrem langhaarigen Mischling setzte den Punkt hinter die schlimmsten zwei Jahre ihres Lebens.

Das vor lauter Gefühlen ein Mensch irgendwann gar nichts mehr fühlte, war ihr nicht bewusst gewesen. Bis jetzt, da sie dachte, in ihrer Trauer zu ersticken. Eingemauert in sich selbst, bewegungslos, tot?

Sie hatten sich Liebe bis ans Ende ihrer Tage geschworen. Doch was, wenn das Leben des anderen weitergeht? Ihre Liebe war da, Nicolas nicht.

Der Unfall auf der A 41 vor zwei Jahren hatte ihre Uhren zum Stehen gebracht. Nichts in ihr regte sich, wenn sie darüber nachdachte. Kalte, bleierne Leere brannte sich in ihre Eingeweide.

Die Beerdigung, die Monate danach, der Versuch, für seine Familie da zu sein, zu trösten, wobei es keinen Trost gab. Ihren Job hatte sie vor vier Monaten aufgegeben. In gegenseitigem Einverständnis, angeblich. Ihre Chefs legten ihr nahe, dass als Personalcoach von ihr erwartet würde, dass sie die Emotionen anderer kanalisiere, ihre eigenen hingegen im Griff habe. Dazu war sie nicht fähig. Als herauskam, dass sie einen Psychologen aufsuchte, war alles Verständnis dahin. Die letzten Wochen hatte sie zu Hause verbracht. Dinge geordnet, hundertmal die gleichen. Anträge waren gestellt und bewilligt worden. Nicolas hatte gut für sie vorgesorgt.

Er war nicht mehr da. Sein Leben war vorbei – und sie verdammt zum Weiterleben.

Als sie Charlie heute Morgen tot vor dem Schlafzimmer liegend fand, war sie zuerst ganz ruhig gewesen. In ihrem T-Shirt hatte sie sich auf die kalten Fliesen gelegt und ihr Gesicht in seinem Fell vergraben. Sie fühlte sich ohnmächtig, verlassen. Dann begrub sie Charlie zusammen mit ihrem Neffen Nic im Garten.

Den restlichen Vormittag verharrte sie starrend auf dem Sofa. Unfähig an etwas anderes zu denken, als zu sterben. Erst der Schmerz des Messers, das sie in ihren Arm stach und nach unten zog, brachte sie halbwegs zur Besinnung.

Sie wählte die einzige Nummer, die einen Ausweg versprach.

„Hello?“ Seine Stimme klang schlaftrunken.

„Hab ich Dich geweckt? Sorry, Du hast gesagt, ich könne mich melden, sorry, vergiss es,... schlaf weiter.“, sie sprach hastig, verhaspelte sich und wollte schon wieder auflegen.

„Hey, was ist los? Warte!“

Sie schluchzte. Sein Atem am Ende der Leitung war ruhig und regelmäßig, aber jetzt war er hellwach.

„Ich muss hier raus, ich muss hier weg, ich kann nicht mehr...“

„Mmh, ok.“

Der Gedanke formte sich erst in ihrem Kopf, als sie hörte, dass er schon wusste, was sie planen würde.

„Melde Dich, ich hol Dich dann ab.“

„Ok.“

„Paß auf Dich auf, Babe.“, seine Stimme war warm und legte sich um sie, wie eine Decke.

Der Hörer lag stumm in ihrer Hand und sie sah sich im Spiegel am Küchentisch sitzen. Sie erkannte sich kaum. Vor dieser Zeit war sie leicht übergewichtig gewesen, kurzer Haarschnitt und immer ein Lächeln auf den Lippen. Ihre Lachkrämpfe waren legendär und unaufhaltsam. Ihre gesunde Gesichtsfarbe wies immer auf eine südländische Herkunft hin, für die es keine Erklärung gab. Ihre Augen waren verwirrend blau, Augen die man nicht gerne zu lange betrachtete, da man nicht wusste, ob sie einen in die Tiefe ziehen konnten.

Die blasse Frau im Spiegel war ihr fremd. Die Haare unordentlich zu einem kleinen Zopf gebunden, die Augen gerötet, die Wangen eingefallen. Ihre Kleider hingen freudlos und zu weit an ihr herum. Trotz der Lampe über dem Tisch war alles in ihr und um sie in fahles Grau getaucht. Die Bilder an den Wänden schienen ihre Farbe verloren zu haben, und die Stille brach sich eiskalt an den Spiegelfliesen.

Flucht war ihre einzige Hoffnung. Weg von allem hier, weg von ihrem gemeinsamen Leben, seiner Familie, ihrer gemeinsamen Wohnung, weg von dieser Einsamkeit, die ihr die Luft zum Atmen nahm. Weit weg.

Sie kannte Edmund Zack seit ihrer jüngsten Kindheit. Sie waren zusammen aufgewachsen. Besser gesagt, war Amy von Eds Familie adoptiert worden – bildlich gesprochen. Sie verbrachten Stunden, Monate und Jahre gemeinsam bei der Tierpflege und bei der Familie Engels. Als Amy langsam erwachsen wurde, verloren sie sich aus den Augen. Irgendwann erfuhr Amy, dass Ed nach Kanada ausgewandert war. Er hatte sich da seinen Lebenstraum erfüllt und eine Gästeranch aufgemacht. Er nannte 100 Rinder und 22 Pferde sein Eigen. Er, der immer mundfaul und schweigsam gewesen war, hatte sich zum Animateur von Stadtleuten gemausert, denen er das echte Cowboy Leben zeigte.

Vor drei Jahren hatten sie sich das letzte Mal gesehen, zu einer Party, die er für seine deutschen Besucher hier ausrichtete. Der Tag war harmonisch gewesen. Sie hatten nicht viel gesprochen, wie immer eigentlich. Worte waren nicht das, was sie verband. Es war die tiefe Zuneigung zwischen Menschen, vor denen man keine Geheimnisse hat.

In den folgenden Tagen plante Amy ihren Weggang. Sie erzählte allen, sie würde sich eine kurze Auszeit nehmen, wohin, sagte sie niemandem. Die Überweisungsaufträge für ihre Wohnung liefen weiter, ihre Schwägerin würde nach den Blumen schauen. Der Abschied von Nicolas` Familie fiel ihr schwer. Bevor sie das Taxi bestellte, war sie bei seiner Schwester gewesen und hatte sich verabschiedet. Niemand sollte sie zum Flughafen bringen. Auf Verständnis hoffte sie nicht, obwohl sie es bekam. Ihrer Schwiegermutter war aufgefallen, dass sie sich aus eigener Kraft nicht aus ihrer Trauer befreien konnte. Die Worte klangen hohl in Amys Körper wieder. Hier in den Bergen, den Wegen, die sie mit Nicolas gemeinsam gegangen war, im Haus seines Vaters, in dem er so gerne in der Werkstatt Selbstgespräche geführt hatte, war sie überzeugt, hätte jedes aufkeimende Gefühl den unmittelbaren Bruch ihres Herzens bedeutet. Dass es schlug, war für Amy selbst das größte Geheimnis. Es erinnerte Amy daran, dass sie weiterlebte, ohne ihn, jeden Tag, jede Stunde, jede Minute und mit jedem Schlag.

Doch die Aussicht auf ihre Flucht weckte ihre Lebensgeister. Sie sah sogar, dass der Frühling zaghaft versuchte den Schnee mit purer Willenskraft zum Schmelzen zu bringen. Wenn Krokusse und Schneeglöckchen die Kraft hatten, den Winter zu vertreiben, und den Schnee zu schmelzen, würde sie hoffentlich die Kraft finden, die Sonne wieder auf der Haut zu spüren.

„Ich lande übermorgen um neun Uhr in Toronto. Um dreizehn Uhr ist die geplante Ankunft in Saskatoon.“

„Gut.“

Was genau er davon hielt, wusste sie nicht. Plötzlich hatte sie Angst, er könne es sich anders überlegen.

„Ich koche, miste die Pferde, spreche Englisch, Deutsch, Spanisch, beziehe Betten, putze ...“

„Hey, ich sagte: gut. Ich freue mich, Dich zu sehen, ok? Ich habe Dir gesagt, ich bin für Dich da, mach Dir keine Gedanken.“

Sie landete in seiner Stimme, wie in einem heimatlichen Hafen nach einem überlebten Sturm. Völlig erschöpft betrachtet sie ihre Hand mit dem Ehering. Der Kloß in ihrem Hals schwoll wieder an.

„Nein, hol nicht Du mich ab, bitte, schick irgendwen mit dem ich nicht auf der Autofahrt reden muss.“

Stille am anderen Ende.

„Ok, dann kommt Brian, er trägt eine LT-Ranch Jacke, Du kennst ihn von den Fotos. Wir sehen uns dann hier ...“

„Ja, bis dann.“ Sie legte auf. Fast sah sie seine besorgten Augen vor sich sehen, schemenhaft wie eine Illusion. Klar und grau blickten sie Amy an.

Dann wurden sich von dunkelbraunen Augen abgelöst, schemenhaft auch, aber immer klarer tauchte Nicolas` Gesicht in der Luft zwischen dem Tisch und der Spüle auf. Die Liebe in seinen Augen war so ehrlich und tief, dass Amy ruckartig die Luft einsog. Nicolas Gesicht wurde immer klarer, er lächelte sie an. Er war ihr nicht oft erschienen in diesen Monaten. So nah und klar war er bisher nie gewesen. Amy schloss die Augen und bewahrte sein Antlitz in sich. Jetzt spürte sie sich. Spürte ihn, seine Schultern wie er sie in die Arme nahm, sie lehnte ihren Kopf an seinen Hals, sie sog seinen vergangenen Duft ein. So saß sie regungslos und still. Als die Luft vor ihr wieder kühler wurde, stand sie auf. Sie nahm die Tickets vom Küchentisch, löschte das Licht und ging im Dunkeln den Flur entlang. Sie hob ihre Taschen auf und nahm den Schlüssel aus der Schublade ihres alten Schränkchens. Die Wohnung hinter ihr erschien ihr wie eine dunkle, gefährliche Höhle, sie drehte sich nicht noch einmal um. Die Wärme, die sie hier einst empfunden hatte, nahm sie mit, tief eingeschlossen in ihrem langsam wieder aufweichendem Herzen. Eine weitere Nacht würde sie hier nicht verbringen. Zum ersten Mal in zwölf Jahren schloss sie hinter sich die Eingangstür ab. Als sie den Schlüssel ein zweites Mal umdrehte, atmete sie tief durch und ließ ihn in den Briefkasten gleiten. Die Straße runter lief sie mit ihren drei Taschen, ohne das beleuchtete Haus noch einmal anzuschauen. Ihre Familie, die Menschen, zu denen sie die ganzen Jahre gehört hatte, saßen im ersten Stock und merkten nicht, wie sie sich langsam aus ihrem Leben entfernte. Das Taxi wartet an der Hauptstraße. Am Flughafen angekommen, setzte sie sich in die Abfertigungshalle vor den Schalter, der erst am nächsten Morgen gegen neun öffnen würde. Sie ließ ihre Gedanken in ihrem Körper widerhallen. Die letzten vierzehn Jahre liefen wie ein Film durch sie hindurch. Vermutlich wunderte sich so mancher Reisende über die junge, magere Frau, die zusammengesunken zwischen ihren drei Taschen saß, ins Leere starrte und abwechselnd auflachte und sich die Tränen aus den Augen wischte.

Amy hatte den ganzen Flug verschlafen.

Wie in einer Blase wandelte sie auf die Officers am Einreiseschalter zu. Ihre Papiere wurden kontrolliert, die Bestätigung des Konsulates, das eine Arbeitserlaubnis bestand, wurde mehrfach überprüft, aber schlussendlich, flog sie, wie vorgesehen in der kleinen Maschine von Toronto nach Saskatoon.

Ihre Taschen auf dem Trolli, ihre Jacke über den Griff gehängt, verließ sie die Gepäckhalle. Geräusche drangen kaum an ihr Ohr, die Menschen, die auf Ankommende warteten, sah sie nicht.

Früher hatte sie die Atmosphäre eines Flughafens immer geliebt. So viele Gefühle, die Spannung in der Luft. Überall blitzt Energie auf, Trauer und Freude stehen nebeneinander und vermischen sich mit Erwartungen und Enttäuschungen. Blumensträuße werden gehalten, zerknittert, Menschen recken ihre Köpfe und ihre Augen sind wachsam geweitet.

All dies empfand sie heute nicht. Mit gemäßigtem Schritt ging sie durch die automatischen Flügeltüren und entfernte sich erst einmal von den Wartenden. Ein Stückchen abseits blieb sie stehen und sah über die Menge.

Brian erkannte sie sofort an seiner Jacke und dem Cowboyhut. Sie lächelte. Ja, dies war eine neue Realität und es fühlte sich befreiend an. Ein Cowboy mitten im 21 Jahrhundert, Cowboystiefel, eine ausgewaschene Jeans, der geknickte Hut und die Aufschrift LT-Ranch auf dem breiten Kreuz. Dieser Schriftzug erfüllte sie mit Stolz, ein etwas merkwürdiges Gefühl, da sie ja mit dem Ganzen – bis jetzt - nichts zu tun hatte. Aber zu wissen, dass Ed seinen Traum erfüllt hatte und geradlinig, wie seine Nase, seinem Weg folgte, war der Hintergrund zu ihrem Stolz. Sie steuerte mit ihrem Trolli auf den Cowboy zu. Hier wurde er nicht bestaunt, er gehörte dazu. In Deutschland wären die neugierigen Blicke sicher nicht ausgeblieben. Brian drehte sich um, kurz bevor sie ihn erreicht hatte. Sein Gesicht hellte sich mit einem Lächeln auf, das ebenmäßige und strahlend weiße Zähne präsentierte. Ein gewinnendes Lächeln, das Amy wärmte. In ihr senkte sich die Gewissheit, die richtige Entscheidung getroffen zu haben.

„Howdy, Lady, you must be Amy, right?“, sein Bariton war sonor und klang nach Holzfeuer und Rauchschwaden. Er strömte einen Duft nach Stroh und Rasierwasser aus. Amy lächelte zurück. Gefangen von seiner Offenheit und in der Erkenntnis, dass sie irgendwann den Menschen gegenüber ihre Mauern einbrechen musste, wenn sie weiterleben wollte. Hier war eine gute Möglichkeit dazu. Brian kannte sie nicht, wusste nichts von der Realität, die sie zurückgelassen hatte.

Sie gingen zum Parkhaus. Er war mit einem Truck gekommen. LT-Ranch war der Seitenaufdruck. Hier gehörte sie jetzt hin, für eine unbestimmte Zeit, ob sie diese Nähe zuzulassen vermochte?

Er schmiss ihre Taschen auf die Ladefläche und sie stieg in den Truck. Brian schien nicht genau zu wissen, ob Konversation erforderlich war. Üblicherweise holte Ed die Touris am Flughafen ab und lullte sie in das Cowboyleben ein. Amy spürte, dass Brian dachte, er müsse sie unterhalten, deshalb fragte sie ihn nach dem Leben auf der Ranch. Hier hatte er seinen Aufhänger und es war, als würde man den Arm eines Schallplattenspielers langsam auf die Scheibe senken und diese drehe sich in einem gleichmäßigen Schwung. Seine sonore Stimme kam ohne große Emotionen aus. Aber wenn er die Nächte beschrieb oder das Zusammentreiben der Rinder für das jährliche Branding, hörte man die tiefe Zufriedenheit heraus, die ihm sein Leben bereitete. Seine Art zu reden ließ Bilder in ihr aufkommen, die sich vor die vorbeiziehende Landschaft legten. Tief in sich fühlte sie langsam, eine Art von Vorfreude aufkeimen. War dies ein Verrat an ihrer Trauer an Nicolas? Ihr eigenes Ich saß ihr im Nacken und verbot jegliche glückliche Regung. Als wäre sie von sich selbst zu einem Leben verdammt, das zwar bewältigt und durchlebt werden sollte, aber ohne die Freude, die sie einst empfunden hatte. Von ihren Schuldgefühlen in die Knie gezwungen, hatte sie nicht bemerkt, dass Brian aufgehört hatte zu sprechen. Sein Blick fiel kurz auf sie, bevor er sich auf die Straße vor sich konzentrierte und an der nächsten Abzweigung den Blinker setzte. Sie fuhren eine staubige Auffahrt entlang. Zu ihrer linken sah man durch die hügelige Landschaft etwas Blaues blitzen. Das musste der Lake Difenbrake sein. Sein Ufer zog sich kilometerlang an der Ranch entlang. Sie waren angekommen.

Amy setzte sich auf. Ihr Herz schlug schneller und eine leichte Übelkeit lag ihr im Magen. Die Gefühle in ihrem Nacken ließen sie fröstelnd zusammenzucken.

Hinter den Holzzäunen säumten wiederkäuende Rinder ihren Weg, Black Angus. Mit den Resten ihres Winterfells sahen sie zottelig und liebenswert aus. Im Winter wurden die Rinder nahe bei der Ranch gehalten, um sie von den Widrigkeiten der kanadischen Winter besser zu schützen. Amy wurde plötzlich bewusst, wie riesig dieses Areal war, auf dem sie sich befanden. Ihre eigene Einsamkeit schien ihr klein gegenüber dem Gedanken, dass Ed seine Winter seit vielen Jahren hier alleine verbrachte.

Vor ihnen erstreckte sich eine lange Auffahrt, die unter einem Bogen endete, mit der Aufschrift: LT-Ranch auf einem alten krummen Balken. Dahinter standen buckeligen Gästehäuser, den Hügel hinauf. Das Haupthaus, wo die gemeinsamen Essen stattfanden und der Saloon angeschlossen war, lag direkt in der Schleife, die die Wagen beim Ein-und Ausfahren fuhren. Aus dem rechten Augenwinkel sah Amy ein kleines, weißes Haus, dass etwas abseits des Geschehens stand. Dort wohnte Ed.

Alles kam ihr so vertraut vor. Von den Bildern, die sie vor drei Jahren gesehen hatte. Seine Erzählungen waren so lebhaft gewesen, dass sie sich jedes Detail eingeprägt hatte. Als sie wieder nach vorne schaute, sah sie den großen Pferdeauslauf. Alle 22 Tiere stoben auseinander, als der Wagen vorbeifuhr. Die Figur eines Mannes machte sie für den Bruchteil einer Sekunde aus, bevor der Truck mit einer Staubwolke hinter sich vor dem Gemeinschaftshaus zum Stehen kam. Als der Motor erstarb, hatte Amy schon den Türgriff in der Hand und sprang aus dem Wagen. Ihre Slipper berührten den staubigen Boden und sie zog die frische Frühlingsluft tief in sich hinein.

Ed hatte die Pferde in den Auslauf gelassen, damit sie ausreichend Bewegung hatten. Er hatte sie etwas gescheucht, damit sie in Gang kamen, aber er war die ganze Zeit nicht bei der Sache gewesen. Es war komisch zu wissen, dass Amy schon seit zwei Stunden in seinem Truck saß, ohne dass er sie sah oder in den Arm nehmen konnte. Seitdem sie vor Monaten nachts weinend angerufen und ihm von Nicolas Tod erzählt hatte, wünschte er sich nichts mehr, als sie zu trösten und in den Arm zu nehmen. Es war schwer, Trauer aufzufangen aus einer so großen Distanz. Er war nervös. Wie sah sie aus, wie fühlte sie sich, würde sie weiter am Boden zerstört sein? Gedankenverloren schwang er das Lasso über seinem Hut, um die Pferde anzutreiben. Sein Blick heftete sich immer wieder auf die Auffahrt, als wenn er sie damit schneller herbeirufen könnte, seine kleine Schwester. Er hatte immer das Bedürfnis gehabt, sie zu beschützen, schon seit ihrer Kindheit.

Amelie Winter war in seine Familie gekommen, wie ein ausgesetzter Welpe. Sein Vater schleppte oft irgendwelche Viecher an, die aufgepäppelt wurden und blieben, bis man ihnen den Gnadenschuss versetzte. Ähnlich war es damals mit Amy gewesen. Sie war fünf oder sechs Jahre alt, als sein Vater sie irgendwann mal mit nach Hause brachte und bei Mine, Eds Mutter, an den Küchentisch setzte. Dort bekam sie frischen Stuten mit dicker Butter und selbstgemachter Beerenmarmelade vorgesetzt, über den sie sich hungrig hermachte. Nichts an ihr erinnerte an einen ausgesetzten Welpen, außer ihren Augen. Sie war normal gekleidet, stallfertig, da sie dem Vater schon seit Monaten bei seiner Arbeit als Tierpfleger wie ein Schatten folgte. Zu ihnen nach Hause brachte er sie ohne Kommentar und so wurde sie empfangen, ohne Kommentar. Als der Vater an diesem ersten Tag das Haus verließ und die Tiere auf dem Berg zu füttern, sprang sie von Tisch auf, bedankte sich kurz und war hinter ihm aus dem Haus gesprungen. Ed registrierte, dass sie irgendwohin gehörte, denn zumindest abends war sie zum Schlafen weg. Es blieben diese beängstigend blauen Augen, die mit einer tiefen Sehnsucht alles um sich herum aufsogen. Wenn Ed an Amy dachte, kam ihm die Angespanntheit in Erinnerung, die sie hatte. Sie schien, zumindest in der ersten Zeit, immer wie ein zu straff gespannter Bogen. Als wenn sie aufspringen und wegrennen würde, wenn man sie nur schief anschaute. So war es auch einige Male gewesen. Ed hatte einen doofen Tag und stapfte in die Küche, da saß dieses verängstigt wirkende Mädchen mal wieder vor einer Schnitte und sah ihn mit einer Mischung aus Furcht und Zutrauen an. Wie ein Hund, der sich aufgrund von Schlägen nicht traute, seine Freude zu zeigen. Kaum brummte Ed dann etwas, schoss sie auf und war weg. Manchmal nur zu seinem Vater auf den Berg, manchmal für den ganzen restlichen Tag. Mit der Zeit legte sich das. Sie ging nicht mehr. Egal was zu unternehmen war, ob Familienfeste, Turniere oder Ausfahrten, wenn Amy da war, wurde sie mitgenommen. Sie war irgendwann genauso selbstverständlich, wie die Küken, die Hasen, die Meerschweinchen oder Hunde, die alle mal als ausgehungerte, verlassene oder verstoßene Kleine bei ihnen zu Hause einen Unterschlupf gefunden hatten. Mit den Jahren gehörte Amy zur Familie. Zwischenzeitlich hatte Ed einen guten Draht zu Amys Eltern und half seinerseits dort des Öfteren mit. Was diesen beunruhigenden Blick in Amys Augen auslöste, oder wie es dazu kam, dass sie kein wirkliches Vertrauen zu ihrer Familie besaß, hatte er nie verstanden. Aber an Amys Augen gewöhnte man sich. Sie waren wie tiefes, blaues Meer. Aber auch wie ein Strudel, eine Spirale, die einen weg und in Untiefen sogen, wenn man zu lange hineinschaute. Als Amy älter wurde, zog sie mit ihren Eltern in eine andere Stadt. Doch sie kam oft zu Besuch. Irgendwann kam Ed in die Küche und dann saß sie wieder da, als wenn sie nie weg gewesen wäre. Selbst als zwischen ihren Wiedersehen Jahre lagen, Amy zwischenzeitlich ein Jahr als Austauschschülerin in den USA verbracht hatte, und sie beide erwachsen wurden, blieb immer diese selbstverständliche Verbundenheit, die mit wenigen Worten auskam.

Die Staubwolke des Wagens riss Ed aus seinen Gedanken. Der Truck stoppte vor dem Dinner, als er das Gatter hinter sich schloss. Die drei Hunde, die ihn begleiteten, stoben nach vorne, um die Ankömmlinge willkommen zu heißen. Ed blieb einige Meter hinter dem Auslauf stehen. Er atmete tief durch, als er die Beifahrertür aufgehen sah. Zwei Füße in Slippern landeten im Staub. Die Stoffhose darüber schlabberte etwas lustlos um zwei dürre Beine. Der graue Pullover hing wie an einem Kleiderbügel an zwei zwar breiten aber knochigen Schultern. Ein langer sehniger Hals kam aus dem Pulloverausschnitt und ein Pferdeschwanz, lustlos und kurz, hielt maulwurfschwarze Haare zusammen. Zumindest ihre Haare glänzten in der Sonne wie früher, aber der Rest der Gestalt war ihm fremd. Amy war immer etwas mollig gewesen, gesund sah sie aus, und wenn sie einmal Zutrauen gefunden hatte, hatte sie das breiteste Lachen, das er kannte. Sie zeigte gleich alle Zähne bis zum Rachen und ließ selbst an den dunkelsten Tagen die Sonne aufgehen. Sie war immer zackig in ihren Bewegungen, aber nie kantig. Ihre Rundungen hatten einen fließenden Eindruck ihrer Bewegungen hinterlassen.

Kleine Amy, es zog ihm das Herz zusammen, als er sah, wie sich ihre Hand mechanisch nach Bobby ausstreckte und in seinem Fell verblieb. Wie langsames Erkennen durchfloss eine Bewegung ihren Körper. Ed sah, wie sie sich fast auf ein Knie fallen ließ, um Bobby zu streicheln.

Ed ging auf sie zu. Er trug die Radsporen so dass, als er kurz hinter ihr stehen blieb, das Klirren sie aus ihre Umarmung mit dem struppigen, klobigen Hund löste. Langsam stand sie auf, ohne sich umzudrehen. Ed sah, wie sich ihre Schultern strafften und ein tiefer Atemzug ihr den Mut verlieh, sich zu ihm umzudrehen.

Vorfreude und Panik fuhren Karussell mit ihr. Eine neue Realität, ein neuer Anfang, dachte sie, als sich eine nasse Hundeschnauze unter ihre Hand schob und auffordernd nach Liebe stupfte. Das staubige, strubbelige Fell machte ihre Hände matt, ihr Herz war gewonnen. Sie beugte sich zu dem freudig wedelnden Kerl an ihren Füßen, und wäre ihm um dieser Begrüßung Willen am liebsten um den Hals gefallen. Auf Knien begrüßte sie ihren neuen Freund, als sie hinter sich Schritte hörte. Das Klirren der Radsporen sagte ihr, dass sie sich nun umdrehen sollte, sie war angekommen. Mit einem tiefen Atemzug drehte sie sich zu ihm um.

Diese Augen, Ed verlor sich innerhalb von Sekunden darin, sie schwammen in Tränen und glichen so noch mehr den unendlichen Tiefen des Meeres. Mit einem beherzten Schritt trat er auf sie zu und nahm Amy in die Arme. Er umschloss ihre kantigen Schultern und spürte den Widerstand. Sie blieb stocksteif, ihr Atmen raste und ihre Brust hob und senkte sich gegen sein Zwerchfell. Er ließ sie nicht los. Er hielt sie noch fester und jetzt endlich spürte er ihre Arme um seinen Nacken, die Verzweiflung, mit der sie sich an ihm hochzog und dann in seinen Armen schwer wurde und sich fallen ließ. Ed hielt sie, lockerte seinen Griff nicht, bis sie wieder regelmäßig atmete. Dann, langsam und vorsichtig, lösten sie sich voneinander. Ihre Augen schwammen immer noch, sie zeigten tiefe Zuneigung und Dankbarkeit. Entschlossen griff Amy sich mit Daumen und Zeigefinger in die Augen und drückte die aufkeimenden Tränen weg. Ein zaghaftes Lächeln erhellte ihr Gesicht.

„Danke ...“, ihre Stimme kam etwas krachig aus ihrer Kehle.

„Not for ...“ Sie blieben stehen und lächelten sich an. Dann klemmte er sie sich unter die Achsel und wendete mit ausholenden Schritten.

„Komm!“, sagte er mit unverhohlenem Stolz in der Stimme.

Sie liefen zuerst zum Dinner. Brian lehnt an einem Balken und sah Ed und Amy grinsend an. Er hatte ein Glas Wasser in der Hand und nahm einen kräftigen Schluck, als sie auf die Veranda traten.

„Nothing to grin about, Brian.“, Ed`s Stimme lachte.

Brians Grinsen wurde noch breiter: „Little sister, ha, haven`t heard of her yet.“

„Might be `cause it ain`t none of your business, isn`t it?“

Amy spürte, dass die beiden Männer eine tiefe Freundschaft verband. Brian war mit der erste, den Ed hier angestellt hatte. Sie hatte ihn bereits auf den Fotos gesehen, als Ed die ersten Ferienhäuser auf der Ranch aufgebaut hatte.

Sie schlenderten, immer noch Arm in Arm, an Brian vorbei in den Dinner. Es roch lecker nach gebratenem Fleisch und Bohnen.

„Lunch is ready in half an hour.“, erklang es aus der Küche. Eine pausbäckige kleine Frau mit kurzen blonden Locken streckte den Kopf aus der Küche. Ihr Lächeln war warm und einladend.

„God, I have to do some more beans, she is so skinny!“, sprachs und verschwand wieder in der Küche, um dort mit den Töpfen zu hantieren.

Ed lachte.

„Da hat sie leider Recht. Ich hoffe, Du magst Bohnen, Brenda glaubt an die Heilkraft von Bohnen und verordnet jedem, den sie für kränklich hält, eine Extraportion.“

„Ja, ich esse Bohnen, aber ich bin nicht krank ...“

Ed sparte sich hierauf eine Antwort, sondern zog nur eine Augenbraue hoch und sah sie spöttisch an.

„Ok. Ein bisschen kränklich vielleicht – aber ob Bohnen da das richtige Mittel sind?“

Sie lachten beide.

„Komm, wir haben noch Zeit, lass uns zu den Pferden gehen.“, sagte er und zog sie wieder mit sich hinaus. Sie liefen hinüber zu dem Auslauf, den Amy schon bei ihrer Ankunft gesehen hatte. Die Pferde waren alle in einem hervorragenden Zustand. Ihr Fell glänzte in der Mittagssonne, sie schnaubten zufrieden und blickten Ed und Amy neugierig entgegen.

Ed pfiff leise vor sich hin, so wie es Amy von ihm gewohnt war. Eigentlich pfiff er immer, meistens anstatt zu sprechen. Amy sah ihn an. Er hielt sie unter seinem Arm, hatte diesen um ihre Hüfte gelegt und stand da und schaute unter dem Stetson hervor auf die Herde. Seine grauen Augen strahlten, die Fältchen darum waren tiefer geworden, aber es waren Lachfalten, die sich wie kleine Striche aus seinen Augenwinkeln nach außen streckten. Seine gerade Nase endete spitz und richtungsweisend, sein Gesicht war insgesamt männlicher geworden. Trotz der akkuraten Nassrasur sah man schon am Mittag, wie sich die Bartstoppeln dunkel in seinem Gesicht abzeichneten. Obwohl die Sonne bislang nicht viel Kraft hatte, waren sein Gesicht und seine Hände gebräunt. Man sah, dass er den ganzen Tag draußen verbrachte. Er hatte sich die Haare wachsen lassen, anstatt des kurzen Stoppelschnitts, wellte sich sein braunes Haar in seinem Nacken.

Ed drehte sich zu ihr um, und lachte sie breit an, er hatte ihren Blick gespürt und schien es nunmehr für ausreichend zu halten.

„Mich kennst Du doch, sieh die Pferde an.“ Und mit einem durchdringenden Pfiff, sah er erwartungsvoll in die Pferdeherde.

Die Tiere stoben auseinander, als ein schwarzer Hengst durch ihre Mitte schoss. Amy stockte der Atmen. Als sie ihn sah, war es schon um sie geschehen. Ihre Wangen glühten. Ed beobachtete, wie die alte Leidenschaft in Amy`s Augen aufblühte. Die geröteten Wangen setzten sich scharf von ihrer Blässe ab und das verträumte Lächeln, das um ihre Lippen spielte, stimmten ihn für die kommenden Wochen zuversichtlich. Die Tiere und die Arbeit würden Amy gut tun, da war Ed sich sicher.

C.J. kam an das Gatter gelaufen und streckte den massigen Hals darüber. Mit seiner weißen langen Blässe und der Sternennase sah er aus, als hätte man beim Streichen der Stalldecke einen dicken Klecks weißer Farbe heruntertropfen lassen, der sich dann langsam und zäh C.J.s Kopf nach unten ergoss und an der Nase stecken blieb.

Amy befreite sich aus Eds Arm und trat einen Schritt näher an das Gatter. Langsam streckte sie ihre Hand aus und Ed sah, dass sie den Atem anhielt. CJ neigte seinen Kopf zu ihr und beschnupperte sie ausgiebig. Dann stellte er die Ohren entspannt seitlich, als er mit einer hingebungsvollen Bewegung seinen Kopf an ihren Oberkörper lehnte, um sich hinter den Ohren kraulen zu lassen. Instinktiv hatte Amy seine Lieblingsstelle gefunden. Fast schien es als habe CJ die Augen auf halbmast, so drückte er seinen Kopf an Amy.

Ed lachte bei diesem Anblick laut auf.

„Darf ich vorstellen, Amy –CJ, CJ- das ist Amy.“ Bei Eds Stimme erwachte der Hengst aus seiner Haltung und schob Ed seine Nase entgegen, um ihn kräftig in den Bauch zu stupsen.

„Keine Angst, bin nicht eifersüchtig, mein Alter“, Eds Stimme klang wie lauwarme Milch mit Honig. Dann pfiff er leise vor sich hin und an CJs Ohrenspiel sah Amy die tiefe Vertrautheit zwischen Pferd und Reiter. Sie konnte nicht erwarten, CJ unter dem Sattel zu sehen, und spürte regelrecht, wie sich seine Kraft beim Reiten auf sie übertrug. Am liebsten wäre sie direkt aufgesessen und über die sich vor ihnen erstreckende Weite galoppiert.

Eine Schiffsglocke läutete.

„Oh, Lunch is ready.“ Ed gab CJ einen freundschaftlichen Klaps und klemmte sich Amy wieder unter den Arm, um mit ihr zurück zum Dinner zu schlendern.

„Den Rest zeige ich Dir später, wir haben ja Zeit.“

Kurz überkam Amy das Bedürfnis, über den Aspekt Zeit zu reden. Sie hatte keinen Rückflug gebucht, wovon Ed nichts wusste. Aber die Gelassenheit in seiner Stimme überzeugte Amy darin, dass es ihm entweder bewusst oder völlig egal war. So behielt sie ihre Worte für sich.

Die Gelassenheit an Ed war neu für Amy. Sie hatten sich offensichtlich sehr lange nicht mehr gesehen und das kurze Zusammentreffen auf der Party in Deutschland hatte ebenfalls nicht gereicht, um sich auf den aktuellen Stand ihrer beider Entwicklung zu bringen. Früher war Ed immer in Eile, er hatte ständig etwas zu tun, selbst nach Feierabend hatte er irgendwelche Jobs, die er erledigte, oder irgendeinen Gefallen, den er jemandem nicht abschlagen konnte. Entspannt hatte Amy ihn selten erlebt, außer manchmal, wenn er nach einer Dusche abends kurz mit zum Fernsehen ins Wohnzimmer kam. Aber so wie hier hatte sie ihn nie erlebt, kein angespannter Zug um den Mund, keine skeptische Stirn und dass, obwohl die Größe der Ranch die unermessliche Arbeit, die hier jeden Tag auf einen wartete, nur vermuten ließ. Aber Ed hatte seine Bestimmung gefunden. Er lebte seinen Traum und das strahlte er aus.

Amy schritt fröhlich mit ihm aus. Das dunkle Schuldgefühl in ihrem Nacken hatte sich etwas kleinlaut in eine Ecke verzogen und Amy war um diese Verschnaufpause dankbar. Beherzt griff sie Ed um die Taille und hakte sich in seiner Gürtelschlaufe ein. Er war schlank und drahtig geworden. Sehnige Arme und ein enormes Kreuz deuteten auf die schwere körperliche Arbeit, die er leistete. Amy spürte an sich selbst hinunter und in sich hinein. Ihre Muskeln waren unterfordert und klammerten sich mit letzter Kraft an ihre Knochen. Die Hose schlackerte ihr um die Beine, obwohl sie sie erst vor einem Monat gekauft hatte. Sie spürte ihr hervorstehendes Schlüsselbein und wie ihre letzte Rippe sich an Eds Arm stieß. Früher hatte sie sich immer gewünscht, dünn zu sein, aber wenn sie sah, wie mitleidig jeder sie anschaute und alle immer auf ihr Essen achteten, war sie der Meinung, ein paar Kilos zu viel schadeten weniger als etliche zu wenig. Es beschlich sie die Befürchtung, dass sie hier mit dem Pensum an körperlicher Arbeit nicht mithalten könne. Aber sie würde es probieren und sich mit der Zeit steigern. Die Sonne schien ihr auf den Rücken und wärmte sie. Vom Dinner wehte ihnen der laue Wind den Duft von gebratenem Fleisch entgegen und beide hoben schnuppernd die Nase. Amy bekam plötzlich sogar richtigen Hunger.

Ed schob sie durch die Tür in den Dinner. Brenda hatte den Tisch gedeckt und sogar einen kleinen Strauß Wiesenblumen darauf gestellt. Ein Mann kam gerade mit einem dampfenden Blech aus der Küche auf dem Rindersteaks im eigenen Saft vor sich hinbrutzelten und leise zischten. Amy und Ed setzten sich den anderen gegenüber an die lange aber nur halbeingedeckte Tafel. Im Sommer war hier ein riesen Trubel mit zwanzig Gästen und der Belegschaft dazu. Jetzt im April fingen die Vorbereitungen langsam an, damit die Ranch für die ersten Gäste im Mai gerüstet war. Ed stellte Amy allen vor und erzählte kurz die wesentlichen Eckdaten zu jedem.

„Brian kennst Du ja schon. Er ist vor drei Tagen wieder hinten ins Gesindehaus gezogen. Den Winter über war er als Tauchlehrer auf den Seychellen tätig. Er mag sein Leben und das sieht man ihm an.“ Ed lachte heiser und spielte wohl auf Brians sonnengegerbtes Gesicht an, das Amy ja schon am Flughafen aufgefallen war.

„Früher ist er Rodeo geritten und kann deshalb am besten mit den Pferden und Rindern umgehen. Wir treiben sie zusammen und Brian kann eigentlich alles, was eine Ranch von einem fordert, ohne ihn wäre ich schon mehr als einmal aufgeschmissen gewesen. Und da er mein hier ältester Mitarbeiter ist und auf ihn tausendprozentig Verlass ist, bleibt er auch auf der Ranch, wenn ich mal auf eine Messe muss, ... und deshalb hatte er auch die Ehre dich abzuholen!“ Brian lachte sie unter der Krempe seines Hutes an. Er wusste, dass sie über ihn redeten, aber es schien ihm nichts auszumachen, dass Ed deutsch sprach. Auch Brian war diese gewisse Gelassenheit zu eigen. Vielleicht kam das ja vom Ranchleben. Amy lächelte zurück.

„Das dort drüben sind Paul und Peter.“ Die zwei Männer hoben den Stetson kurz zum Gruß, grinsten und machten sich dann über die dampfenden Teller her, die ihnen Brenda geschöpft hatte, Berge von Fleisch und Bohnen türmten sich darauf und eine heiße Kartoffel war mit frischer Cream an den Rand garniert. Glücklich schauten die Männer Brenda an, und man sah förmlich, wie ihnen das Wasser im Mund zusammenlief.

„Paul und Peter sind Brüder. Was unverkennbar ist, findest Du nicht?“ Amy nickte fröhlich und schaute Brenda dabei beängstigt an, die immer größere Portionen zu verteilen schien.

„Paul ist sozusagen mein Mechaniker. Er kümmerte sich um alle Maschinen und Motoren, sowohl an den Autos wie auch an den Traktoren. Er ist Gold wert. Peter ebenfalls, sie arbeiten beide hundertprozentig und sind genauso pingelig wie ich. Peter ist mein Hufschmied, er hat das sicher im Griff und hat auch geholfen die Pferde den Eisen zu entwöhnen, sie sind dadurch sicherer im Schritt, finde ich. –Oh thanks, Brenda.“ Nun türmte sich auch eine riesen Portion vor Ed auf, der hungrig nach seiner Gabel griff und sich an der ersten Schaufel Bohnen fast den Mund verbrannte. Er setzte nochmal kurz ab, da ihm die Tränen vor Hitze und Schärfe in die Augen stiegen.

„Wow, ich glaube, Brenda meint, es sei immer noch Winter und sie müsse uns mit Chili erwärmen.“ Ed grinste. Schnell zählte Amy die Teller auf dem Tisch, es fehlten nur noch zwei und Brenda nahm gerade noch mal eine extra Kelle, um sie auf den schon überlaufenden Teller zu schaufeln.

„Please Brenda, that`s too much for me“, rief Amy verzweifelt aus und alle schauten auf und lachten als Brenda den riesigen Teller vor Amy postierte, als wenn sie keine Widerworte akzeptieren würde. Amy schienen fast die Augen herauszufallen, so dass Ed neben ihr zu prusten anfing und dabei kleine Bohnenbrocken über dem Tisch versprühte.

„Lach nur, meinen Rest darfst Du dann aufessen.“ Amy lachte auch, denn der Gedanke schien Ed ebenso wenig zu verlocken, wie Amy die Vorstellung alles aufessen zu müssen. Sie fühlte sich an die Besuche bei Ihren Großeltern in ihrer Kindheit erinnert. Sie hatten auch immer gedacht, Amy würde vom Fleisch fallen und sie regelrecht gemästet. Brenda setzte sich mit einem ähnlich gefüllten Teller auf ihre Seite und faltete die Hände genauso wie es der Mann, der vorher die Bleche getragen hatte, ihr gegenüber tat.

„Das ist Skip. Er ist Brenda`s Mann und hier unser Mädchen für alles. Früher war er Zimmermann, ist jetzt schon in Rente, aber auch Klempnerarbeiten, kaputte Zäune oder abgedeckte Dächer sind für ihn kein Problem. Er ist gerade dabei die Cabbins für die Gäste zu überprüfen und die notwendigen Arbeiten durchzuführen. Skip und Brenda wohnen drüben in Jownestown und kommen im Sommer jeden Morgen herübergefahren – um 5.00! So oft habe ich ihnen angeboten, dass sie sich hier auf der Ranch ein Häuschen bauen können, dann hätten sie es im Sommer nicht so weit und ich hätte im Winter etwas Gesellschaft, aber sie wohnen in dem Haus, das Brendas Großeltern gebaut haben und sie lieben ihr Haus.“

Es waren weniger seine Worte als sein Tonfall, der Amy am Herzen zog. Egal wie beiläufig und verständnisvoll Ed erzählte, die Einsamkeit des Winters, die in seiner Stimme mitschwang, berührte Amy. Sie nahm den ersten Bissen der dampfenden Bohnen, es schmeckte herrlich. Die Bohnen bissen sich weich, waren mit Chilli und frischen Kräutern abgeschmeckt und mit Speck angebraten. Amy aß mit so viel Appetit, wie schon seit Monaten nicht mehr. Das Fleisch war zart gebraten, leicht krustig und nicht blutig. Eds war blutig und Amy fragte sich kurz, wie Brenda das so gut timen konnte. Sie freute sich schon darauf, Brenda in der Küche zu Hand zu gehen und von ihr zu lernen. Daran, wann sie das letzte Mal selbst gekocht hatte, konnte sich Amy fast nicht erinnern. Sie wollte auch nicht weiter in ihrer Erinnerung wühlen, da sich sofort der Kloß in ihrem Magen wieder auszubreiten begann.

„Mmh und wer ist das?“, fragte sie mit vollem Mund und deutete mit dem Ende ihres Messers auf einen jungen Mann Anfang zwanzig, der zwischen Skip und Peter saß und seinen Kopf weit über seinen Teller beugte und das Essen mit der Gabel in seinen Mund schaufelte.

„Oh, das ist Philip. Sag „Hallo“, Philip!“

„Hallo!“, sagte der junge Mann ohne den Blick von seinem Teller zu heben.

„Philip ist aus Deutschland, er war letztes Jahr mit seinen Eltern auf der Ranch und wollte jetzt, da er sein Abi hat, mal eine Saison bei uns arbeiten, stimmt`s Philip?“

„Stimmt, Ed.“

„Gesprächig wie ein Cowboy ist er ja schon“, warf Amy amüsiert ein.

Jetzt sah der Junge grinsend auf und seine giftgrünen Augen trafen Amys Blick. Amy schaute ganz erstaunt diese Augen an und konnte sich die Frage nicht verkneifen:

„Sag mal, sind das Kontaktlinsen?“

„Das Gleiche könnte ich Dich auch fragen ...“

Ed lachte laut auf.

„Auf den Mund gefallen ist er auf jeden Fall nicht, wie Du merkst. Aber Du hast recht, er passt gut hierher und hat sich besonders in punkto Frauen diesen Sommer so einiges vorgenommen, also nimm Dich lieber in Acht, Amy.“

Die anderen Cowboys lachten, offensichtlich konnten sie bereits an Eds spöttischen Unterton das Thema heraushören, auch ohne die Worte zu verstehen. Philips Reaktion folgte prompt, er wurde knallrot und senkte seinen Kopf noch mehr über den Teller. Aber grinsen musste er trotzdem. Die Stimmung im Dinner war ansteckend und ausgelassen. Amy fing an ihr Essen auf dem Teller herum zuschieben. Sie war so pappsatt, dass auch nur noch ein Bissen ihr im Hals stecken geblieben wäre. Ed registrierte es mit einem Seitenblick. Leider fiel es auch Brenda sofort auf, die Amys Nahrungsaufnahme mit Argusaugen überwachte.

„Come on girl, you need strength. Look at you, you are so skinny, that doesn`t work on a ranch like that.“

„I did my very best.“

„Oh ...“

Ed unterbrach Brenda liebevoll, aber bestimmt.

„ Let her some time, ok Brenda? She is gonna be fine, we all look after her, yeah?!“

„Ok then, but you should make her porridge for breakfast,...“

„Yes, Mum, I will, promise!“.

Brenda blickte Amy noch mal besorgt an, sagte aber nichts mehr. Entschlossen griff sie nach der Kelle und gleichzeitig nach Philips Teller. Er bekam eine weitere Extraportion Bohnen, obwohl er protestierend die Hände hob. Aber Brendas Blick duldete keine Widerrede, so dass Philip schnell seinen Kopf senkte und, zwar zögerlich aber entschlossen, die Gabel wieder in die dampfenden Bohnen stieß.

„Porridge zum Frühstück???“ Amy drohte sich der Magen umzudrehen. Ihre Mundwinkel zogen sich am Kinn zusammen und sie sah Ed ängstlich an. Sein Kopf war gesengt und er drehte ihn so, dass Brenda durch seinen Hut der Blick versperrt war. Dann zwinkerte er ihr zu und Amy atmete erleichtert auf. Bei ihren Großeltern hatte es immer noch vor dem Frühstück heißen Haferschleim für Amy gegeben. Damit das Kind zu Kräften kam. Seither konnte sie gar nicht mehr frühstücken und begnügte sich mit einer großen Schale Milchkaffee mit Honig.

Alle waren mit dem Essen fertig. Philip hatte sogar seine zweite Portion geschafft. Amy half Brenda und Skip beim Abräumen und betrat damit zum ersten Mal Brendas Heiligtum. Die Küche war groß und geräumig. Es standen zwei übergroße Herde in der Mitte, über ihnen hingen Töpfe und Pfannen nach Größe sortiert an Haken von der Decke. Ebenfalls von der Decke hing ein ca. 50 auf 50cm großer Rost, auf dem sich Gemüse und Obst türmte. Die Küche war äußerst funktional. Die Wege zwischen Vorratsschränken, Spülbecken und Herd waren kurz. Das gesamte Geschirr war sauber und geschützt vor Fettspritzern auf der gegenüberliegenden Seite untergebracht. Nach hinten, gegenüber der Küchentür öffnete sich eine weitere Tür zu einer dunklen Speisekammer. Diese war komplett mit Regalen ausgebaut, die alle eine verschiedene Höhe hatten und fein säuberlich mit Schönschreibschrift beschriftet waren. Bohnen in Dosen, eingemachte rote Beete, eingemachter Kürbis, gemahlene Chilischoten, alles stand in Reih und Glied, sauber geordnet und wunderschön anzusehen. Amy fühlte sich sofort wohl in dieser Speisekammer. Man konnte fühlen, dass diese von einem Menschen geführt wurde, der Essen und Lebensmittel liebt und ehrfürchtig behandelte. Die Regale waren sogar nach Tageszeit geordnet. Unmengen von selbstgemachten Marmeladegläsern, mit verschiedenen Stoffhäubchen, standen in drei übereinander liegenden Regalfächern. Amy strahlte. In alten Strohkisten lagerten Kartoffeln, die ebenfalls, obwohl sie noch Erdkrusten hatten, einen so sauberen Eindruck machten, wie der Rest der Küche. Brenda beobachtete Amy, wie sie sich alles genau ansah und ein Lächeln umspielte ihre Lippen, denn sie konnte in Amys Augen die Liebe sehen, die nur Menschen beim Anblick einer Speisekammer erfüllt, die Essen und Kochen lieben. Also, dachte Brenda für sich, sie würde dieser kleinen dünnen Person etwas Zeit lassen, denn das Ranchleben brachte sie sicher wieder zu altem Appetit. Insgeheim freute sich Brenda sehr, als Amy sie ansprach und beim Spülen bat, sie doch in ihre Kochgeheimnisse einzuweihen. Brenda hatte Amy bereits ins Herz geschlossen. Diese offene und freundliche Art, die sie hatte, passte gut hierher. Auch die beherzte Art, mit der sie ohne Scheu und viel zu fragen mit dem Spülen anfing, gefiel Brenda. Einträchtig standen sie nebeneinander und tratschten, wie es Frauen gerne bei gemeinsamer Hausarbeit taten. Brenda wollte von Amy wissen, woher sie Ed kannte und wie es kam, dass er sie als seine Little sister angekündigt hätte, obwohl Brenda meinte, Eds zwei Schwestern bereits zu kennen. Amy erzählte die Kurzfassung ihres gemeinsamen Lebens und von der familiären Verbindung, die zwischen ihnen bestand und gleich – ohne dass Brenda gefragt hatte, erzählte sie auch den Grund, weshalb sie hier war. Während ihre Hände im warmen Spülwasser mechanisch die Teller und Gabeln putzten, kamen ihr die Wörter leichter von der Seele und die Tränen, die ihr in die Augen traten, störten sie nicht. Brenda schwieg, und trocknete langsam ab. Amys Körper ließ erkennen, wie schwer ihr diese Worte fielen und dass sie kein Mitleid vertragen würde. Bereits dass sie dies Brenda jetzt schon erzählt hatte, empfand diese als großes Vertrauen und sie bewunderte Amys Offenheit. Plötzlich wurde aus ihrem mütterlichen Gefühl der jungen Frau gegenüber ein Gefühl der Anerkennung und des Respektes für ihre innere Kraft und weibliche Stärke. Auf dem Herd hinter ihnen kochte der Kaffee. Sein Duft durchdrang die Küche und setzte sich über den Duft der Bohnen. Brenda kochte ihren Kaffee anders, als Amy es kannte. Das Pulver wurde lose in einen Topf gegeben und dann mit Wasser aufgefüllte. Alles wurde zum Kochen gebracht und köchelte so ca. 15 Minuten vor sich hin. Brendas Kaffee machte schon allein mit seinem Duft Müde munter, denn wenn Amy nach den Essen eine Schwere empfunden hatte, war diese mit einer Nase Kaffee völlig verflogen.

Amy holte große Becher aus dem Schrank, der über der alten Arbeitsplatte hing. Dabei fuhr sie mit den Händen liebkosend über die Holzplatte, die speckig und abgeschafft aber weich und samtig war. Die Einritze zeigten, dass hier viel und energisch gearbeitet wurde. Mit einem sehr feinen Sieb seihten sie den Kaffee ab. Brenda stellte aus dem überdimensionalen, doppeltürigen, amerikanischen Kühlschrank Milch und Sahne auf das Tablett, sowie Honig und Zucker. Amy balancierte das schwere Tablett in den Dinner, der gefüllt war von donnernden Männerstimmen.

Ed besprach mit den anderen, was jeder heute zu tun hatte. Mit einem kurzen Blick sah er auf und lächelte, als Amy den Kaffee brachte. Er hatte allen Aufgaben zugewiesen und als Amy ihm den Kaffee vorsetzte, lehnte er sich zurück und sagte mit zufriedener Stimme: „Alle haben Arbeit und ich den Nachmittag frei!“

Erstaunt sah Amy ihn an: „Du brauchst mich aber nicht beschäftigen ...“

„Ich weiß, aber zumindest heute möchte ich Zeit mit Dir verbringen. Diese wird jetzt eh knapp, da seit zwei Tagen die Rinder kalben und ich Tag und Nacht zu tun habe. Aber heute Nacht hat sich Brian angeboten bei den Kühen zu bleiben und Philip fährt heute Nachmittag raus und schaut nach den südlichen Zäunen.“

Amy sah die beiden Männer an und nickte dankend. Beide schienen sich zu freuen, Ed und ihr eine Freude machen zu können. Ein Schluck von dem heißen Kaffee trieb Amy erneut die Tränen in die Augen. Er war scharf, dass es einem fast die Zunge wegbrannte.

„Oh je, Du hattest nicht gesehen, dass sie Chili reingemacht hat?“

Amy schüttelte nur schmerzhaft den Kopf.

Ed konnte sich ein Lachen kaum verkneifen.

„Ich habe Dir doch gesagt, im Winter benutzt Brenda Chili zu allem. Hier, nimm viel Sahne und Honig in den Kaffee, dann schmeckt er wirklich vorzüglich.“

Ungläubig sah Amy, wie Ed ihre Tasse mit einem kräftigen Schuss Sahne auffüllte und einen riesigen gehäuften Löffel Honig darauf gab.

„Hier, probier jetzt mal!“, sagte er erwartungsvoll.

„Mmh, besser! Schmeckt wie ein Kaffeesahnebonbon, das in Schärfe gefallen ist.“ Die Chilischärfe wurde von der Sahne ummantelt und kam so, ohne großen Schaden anzurichten, im Bauch an. Erst dort dehnte sie sich in Form von Wärme aus. Amy standen schnell ein paar Schweißperlen auf der Stirn, aber wenn sie in die roten Gesichter der anderen sah, merkte sie, dass sie nicht die Einzige war, auf die der Kaffee seine Wirkung hatte.

Einer nach dem Anderen verabschiedete sich und verließ den Dinner, als er seinen Kaffee getrunken hatte.

Ed und Amy waren die Letzten und Amy fragte Brenda, ob sie ihr noch etwas helfen konnte, aber Brenda schickte die beiden nur mit einer lächelnden Handbewegung nach draußen.

Die Sonne war am Himmel gewandert und begann langsam mit ihrem Sinkflug. Ed zeigte Amy den Rest der Ranch. In einer der Cabbins arbeitet Skip gerade und reparierte ein Bettgestell. Ed führte Amy herein und zeigte ihr das Bad, die kleine Kochnische mit Wasserkocher und deutscher Kaffeemaschine.

„Für den Fall, dass jemand Brendas Kaffee nicht verträgt.“, sagte er entschuldigend.

Die Cabbins waren gemütlich aber doch spartanisch eingerichtet. Die Betten groß und weich, das Bettzeug warm und über dem Bett eine bunte Patchworkdecke.

„Jede Cabbin hat ihre eigenen Farben. So weiß man gleich, wenn man sich vertan hat, falls es im Saloon mal etwas später wurde.“ Sie lachten beide und hörten Skip hinter sich fluchen. Brendas Mann sprach nicht viel, aber der Wortschwall von Schimpfworten, die seinen Mund gerade verließen, versprach Unheilvolles, so dass Amy und Ed schnell nach draußen flüchteten.

„Sollen wir reiten gehen?“

„Oh ja, riesig gerne.“, sagte Amy und strahlte zum ersten Mal seit Monaten. Sie sah an sich herunter.

„Aber leider habe ich nichts Richtiges zum Anziehen. Ich hatte mich zwar so auf das Reiten gefreut, aber ich habe überhaupt keine Klamotten dafür dabei.“

„Das ist doch unwichtig. Die Sachen reichen ja vorerst. Ich hoffe nur, dass Du Dir die Beine nicht aufreibst, da die Stoffhose so weit ist.“

Amy verzog ihr Gesicht zu einer Grimasse.

„Ja, ja ich weiß, aber das ist die Engste, die ich habe ...“

„Na, komm vergiss es, Du kriegst das schon hin.“

Sie gingen rüber zum Schopf. Hier lagerten die großen runden Heu- und Strohballen, die im Herbst von den Feldern geholt worden waren. Es duftete warm und wohlig und zwei Katzen spielten Fangen zwischen den Ballen. Bobby kam plötzlich von der anderen Seite des Schopfes auf sie zu gerannt und gesellte sich schwanzwedelnd zu ihnen. Er lief respektvoll einen halben Schritt hinter Ed und schien zu spüren, dass sie etwas vorhatten, bei dem er sie gerne begleiten wollte. In der Mitte des riesigen Schopfes lag die Sattelkammer. Für Amy war der Duft nach Leder und Pferd so heimelig, dass sie sich kurz in ihre Kindheit versetzt fühlte. Es wurde warm in ihrem Bauch und sie bestaunte die ordentlich nebeneinander aufgehängten schweren Westernsättel, die zu jedem Pferd dazugehörigen Trensen und Halfter hingen daneben und in einem Schrank auf der gegenüberliegenden Seite des Raumes waren nicht minder ordentlich Putzzeug und Peters Arbeitssachen untergebracht. Die verschiedenen Feilen und Raspeln hingen nach Größe sortiert auf der linken Seite des Schrankes, während sich lauter Geräte, die Amy nicht kannte, in Kisten und Koffern stapelte.

„Mich fasziniert die unheimliche Ordnung, die hier überall herrscht. Du warst ja schon immer korrekt, aber dass Du das hier so durchhalten konntest ...“

„Danke, ich nehme es mal als Kompliment, auch wenn es von Dir kommt.“, er grinste sie breit an und erinnerte sie damit daran, dass er ihren Hang zum unüberschaubaren Chaos nicht vergessen hatte.

„Auch ich habe mittlerweile die Vorzüge von Ordnung kennengelernt.“, feixte sie zurück.

„Ja, sie hat halt wirklich Vorteile. Hier muss gewöhnlich alles etwas schneller gehen. Jeder Handgriff sollte sitzen, denn alles, was Du mehrfach tun musst, rächt sich am Abend. Denn eins ist sicher, die Arbeit muss gemacht werden, kein anderer wird sie für Dich tun und es wäre ärgerlich, wenn Du nachts nicht ins Bett kommst, weil Du am Morgen zwei Stunden das zu deinem Pferd gehörige Zaumzeug suchst.“

„Da hast Du sicher recht. Ich hoffe nur, dass ich mich bald auskenne, damit ich eine Hilfe bin.“

„Nimm Dir Zeit, ruh Dich aus. Ich freue mich so sehr, dass Du da bist.“, sagte Ed und nahm Amy ganz spontan in den Arm. Er hielt sie einfach fest, legte seinen Kopf an ihren Hals und genoss es, so einige Minuten zu stehen. Amy versteifte sich im ersten Moment. Sie war Nähe nicht mehr gewöhnt, und hatte immer Angst die Kontrolle zu verlieren. Aber es war auch schön, in den Arm genommen zu werden. Für Amy war dies immer die einfachste und stillste Art gewesen, Zuneigung zu zeigen und jemandem Halt zu geben. Es war, als würde man einen Zauberumhang anhaben und, indem man seine Arme um jemanden schloss, diesen darin einhüllen. Für kurze Zeit hielt man alle negativen Einflüsse von außen ab, um dem Umarmten Ruhe und Frieden zu schenken. In Eds Umarmung spürte sie die Geborgenheit, die sie so lange vermisst hatte.Sie ließ es zu, dass ihre Mauern ein Stück einbrachen, machte es sich in seiner Umarmung bequem und hörte ganz tief unten in sich einen kleinen Funken Frieden sprühen.

Eher unwillig löste sich Ed von ihr. Die Kühle der Luft drängte sich zwischen sie, als sie sich voneinander lösten. Amy fand als erste ihre Stimme wieder.

„Ich bin auch froh, dass ich da bin. Mir geht es schon tausendmal besser.“, sagte sie überzeugt.

„Aber ich möchte wirklich eine Hilfe sein und nicht nur als Gast hier im Weg stehen. Du musst mir versprechen, mir Arbeit zu geben, sonst suche ich mir welche und dann weißt Du nicht, was ich anstelle.“

„Ok, ok, um Arbeit brauchst Du nicht zu betteln.“, lachte Ed. „Aber wir schauen jetzt erst mal die nächsten Tage, was so anfällt. Ich wusste ja nicht, in was für einer Verfassung Du bist ...“

Amy bekam ein schlechtes Gewissen.

„Du hättest dich nicht sorgen müssen, das tut mir leid.“

„Wofür willst du dich gerade entschuldigen? Es gibt überhaupt keinen Grund.“, sagte Ed bestimmt.

„Ich habe hier gelernt, dass man nicht unnötig Worte verschleudern sollte, so wie in Deutschland – und entschuldigen muss man sich nur, wenn man etwas falsch gemacht hat, und bei Dir sehe ich da wirklich keinen Anhaltspunkt.“

Amy holte Luft und wollte etwas sagen, doch seine Worte waren im Prinzip richtig. Sie dachte an die vielen Situationen, in denen sie sich entschuldigte und oftmals nicht wusste, warum sie es eigentlich tat. Es war mehr eine Art von ihr, Dinge wieder ins Lot zu rücken und dem anderen eine Last abzunehmen, indem sie immer die Schuld auf sich nahm. Amy schluckte ihre Worte runter und beschloss nach Cowboymanier zu lernen, nicht zu viele Worte zu gebrauchen. Etwas, wonach sie sich in den letzten Monaten besonders gesehnt hatte.

„Ich schlage vor, Du nimmst Gus. Er ist unser Appaloosa und hat schon viel Erfahrung. Lass uns die Tiere kurz striegeln und dann reiten wir runter zum Lake, ok?“

„Ja super, Hauptsache ich kann Gus nicht versauen. Ich saß seit fünfzehn Jahren nicht mehr auf einem Pferd.“

„Keine Sorge, das verlernt man nicht, Du warst so begeistert immer vom Reiten, schade, dass Du nie weitergemacht hast.“

„Ja, das habe ich mir auch lange überlegt, aber irgendwie hat es nie so richtig gepasst.“

„Geh es einfach ruhig an. Ich zeige Dir gerne einiges und Du wirst sehen, in null Komma nix bist du wieder so fit wie früher.“

Amy hoffte, dass sie sich nicht zu dämlich anstellen würde, schließlich hatte sie die letzten Tage davon geträumt, wie sie endlich wieder die Freiheit auf einem Pferd spüren würde, und mit Ed und den Anderen die Rinder trieb. Hierbei fiel ihr auf, welch romantische Vorstellungen man gemeinhin vom Cowboyleben hatte. Dass hier Männer aber noch richtige Knochenarbeit leisteten, vergaßen die meisten, die nur an Marlborowerbung und rauchende Männer in Jeans am Lagerfeuer dachten. Amy griff beherzt nach dem Putzzeug, auf dem Gus` Name stand und holte sein Halfter. Ed Griff nach CJ`s Sachen und Amy freute sich, Ed und den Hengst gleich beobachten zu können. Sie gingen gemeinsam aus dem Stall.

„Die Pferde reagieren hier auf Stimme. Versuch Dir gleich anzugewöhnen, sie direkt anzusprechen. Gus ist dazu noch sehr willig, immer etwas zu tun, deshalb reicht es meist, wenn Du ihn ans Gatter rufst.“

Die Sonne blendete sie, als sie aus dem Schopf traten. Sie stieg schnell am Himmel hinab, hatte aber noch Kraft genug, um zu wärmen. Amy hatte ihren Pulli an und fror nicht. Am Gatter angekommen, pfiff Ed nach CJ und Amy rief Gus. Aus der Herde löste sich zuerst wieder der schwarze Hengst und Amy bewunderte erneut seine Schönheit und Kraft. Dabei war er durchaus anmutig, wie er so auf sie zugetrabt kam und den Kopf erhaben nach oben hielt. Hinter ihm kam gemächlich Gus gestapft. Er war ein schönes Tier. Seine Hinterhand war braun-schwarz gesprenkelt, sein Kopf sah durch die Zeichnung etwas ergraut aus und seine Lippe hing relaxed nach unten und wippte mit jedem Schritt. Gus sah ein wenig so aus wie ein älterer Herr, der immer seine Pfeife im Mundwinkel hielt. Er hatte einen breiten muskulösen Rücken, starke Beine und eine voluminöse Brust. Er war ein schickes Pferd mit Erfahrung und der daraus resultierenden Gelassenheit. Ed hatte das Gatter geöffnet und CJ das Halfter übergezogen, der Hengst hatte leicht seinen Kopf geneigt. Gus schritt auf Amy zu und senkte seinen Kopf und Amy nickte ihm zu und zog ihm daraufhin das Halfter an.

„Streck dein Becken etwas vor und richte dich mehr auf, Amy.“

Amy nickte wortlos. Alte Erinnerungen kamen in ihr auf und ihr Körper schien sich langsam wieder an Haltung und Sprache zu erinnern, als sie Gus am Strick führte und am Balken vor der Scheune festmachte.

Schweigend striegelten sie die Pferde. Wie früher, schoss es Amy durch den Kopf, und sie lächelte. An der Reihenfolge und den Striegelstrichen, die Ed und sie identisch ausführten, meinte Amy mit einem Schmunzeln den Geist von Eds Vater nah bei ihnen zu spüren. Sie hatten beiden den gleichen Lehrer gehabt. Mit der Sauberkeit übertrieben sie es nicht, die Sattelfläche musste ordentlich von Staub befreit sein, aber die Lust sich aufs Pferd zu schwingen, hinderte sie daran, alles peinlich genau zu putzen. Ed ging als erster in den Schopf, um den Sattel zu holen. Amy kratzte die letzte Hinterhand von Gus aus und folgte ihm. Als sie die Sattelkammer betrat, hörte sie, wie Ed etwas von Sättel einfetten, vor sich hin murmelte.

Als sie die Kammer betrat, zuckte Ed etwas zusammen und lächelte verlegen:

„Selbstgespräche, das gewöhnt man sich an, wenn man zu viel alleine ist.“

„Mach Dir nichts draus,“, sagte Amy, „ich rede den ganzen Tag mit mir selbst, nur im Kopf. Und das Schlimme ist, die Stimme wird nie still, da oben ...“

Ed sah sie von der Seite an, sagte aber nichts. Er hob CJs Sattel vom Hacken und stellte ihn ab. Er wollte Gus` Sattel herunterheben, aber Amy kam ihm zuvor.

„Wer sein Pferd nicht selbst sattelt, sollte nicht reiten.“, sagte sie.

„Schon richtig, aber die Sättel sind extrem schwer ...“

Amys Blick reichte, um Eds Kommentar abzustrafen. Entschlossen hob sie Sattel und Trense auf den Arm und stapfte aus der Sattelkammer. Schon kurz vor Ende der Scheune wusste sie plötzlich, was schwer bedeutete. Die Westernsättel waren mit Englischen nicht zu vergleichen. Sie waren wirklich schwer. Ihre Körperhaltung sank langsam in sich zusammen und sie schaffte es nur, indem sie sich den Sattel schulterte und auf der Hüfte absetzte. Endlich hatte sie Gus erreicht und stellte erleichtert den Sattel ab. Sie schnaufte, aber Ed tat höflicherweise so, als wenn er es nicht bemerkte. Auch mit dem Auflegen des Sattels hatte Amy zu kämpfen. Gus hatte sicher ein Stockmaß von 168cm und war somit größer als Amy selbst. Aber nach einigem Gehangel gelang es ihr doch, ihn in die richtige Position zu legen. Mit dem Gurt hatte sie ebenfalls Probleme, so dass sie Ed fragte, ob er alles noch mal kontrollieren könnte. Er zog einzelne Riemen etwas fester, schien aber insgesamt mit ihrem Werk nicht unzufrieden zu sein.

„Ok, aufsitzen, my Lady.“, sagte er und blieb neben Gus stehen. Amy nahm die Zügel auf und stellte sich in Position, Gus machte einige Schritte zurück.

„Uep, warte mal, das ist englischer Stil, was Du da machst. Bei uns läuft alles etwas relaxter ab. Lass die Zügel ganz locker. Ein Cowboypferd bleibt ruhig stehen, bis der Reiter aufgesessen ist. Keine Hektik, ja lass ihm allen Zügel, dann wird er stehen bleiben. Von der Bodenarbeit ist er gewöhnt rückwärts zu gehen, wenn Du die Zügel aufnimmst.“ Amy nickte mit dem Kopf und bekam ein flaues Gefühl im Magen. Sie fühlte sich etwas wie bei einer Prüfung. Um es los zu sein, sagte sie, was sie dachte. Ed lachte.

„Ach was, sei nicht albern! Es gibt nichts zu verlieren. Du musst nur ein paar neue Kniffe lernen und dann wirst Du sehen, wie viel mehr Spaß das Westernreiten gegenüber dem englischen Stil macht. Ich zeig Dir das Aufsitzen kurz, dann ist es verständlicher.“

Ed stellte sich zuerst vorne an Gus` Kopf und sprach mit ihm, um ihn auf das Aufsitzen vorzubereiten. Dann ließ er die Zügel locker in den Händen liegen, stellte sich seitlich an Gus` Körper, so dass sie den Kontakt nicht verloren und stieg in den Bügel. Dann lehnte er sich langsam über den Pferderücken und brachte sein Gewicht über den Rist des Tieres. Sein anderes Bein schwang er langsam und ohne Hektik über die Kruppe und saß aufrecht mit verstärktem Becken im Sattel. Mit einem kurzen Blick auf Amy sprang er wieder ab und sie versuchte, es ihm gleich zu tun. Gus ließ die Prozedur entspannt über sich ergehen und als sie endlich die richtige Position eingenommen hatte, setzten sie sich einträchtig nebeneinander in Bewegung.

„Achte auf deinen Mittelpunkt, deine Mitte, Amy und geh mit dem Becken in seine Bewegung rein, ja so, schön. Siehst Du, das ist alles bald wieder da!“, strahlte Ed sie an.

Weniger überzeugt lächelte Amy zurück. Sie hatte einiges vor sich, wenn sie in Kürze wieder fit auf dem Pferd sein wollte.

„Jetzt entspann Dich, genieß die Aussicht und die Bewegung. Trainieren kannst Du auf dem Platz. Es sieht wirklich sehr anständig aus, wie Du da drauf sitzt.“ Ed versuchte, sie aufzulockern, und so schaffte er es.