Das Lebewohl - Franziska König - E-Book

Das Lebewohl E-Book

Franziska König

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Beschreibung

Eine Realdoku in Tagebuchform. Der Leser ist dazu eingeladen, eine Geigerin drei Monate lang auf ihrem Lebenswege zu begleiten, und an den Freuden und Dramen zu partizipieren, die das dritte Quartal 1999 zu einem Wimmelbild, einem Lied oder gar einer Symphonie machen. Das Leben selber diktiert die Handlung.

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Erinnerungen

Für meine liebe Freundin Veronika!

Franziska (Kika) mit ihrer Violine – fotografiert von ihrer lieben Freundin Ute Bott aus Rottweil.

„Wenn ich dereinst verstorben bin, so schweigt auch meine Violine!“ sagt sie.

Und drum bringt Franziska alle vier Wochen ein schlankes bis vollschlankes Taschenbuch heraus.

Erzählt werden Geschichten aus ihrem Leben, die von erhöhtem Interesse sein dürften.

Jeden vierten Dienstag um 18.05 wird das fertige Manuskript in die Umlaufbahn entsandt.

Die meisten Vorkömmlinge

finden sich im Personenverzeichnis

am Ende des Buches

Hier die Familie vorweg:

Opa (Künstlername: Pannonius), (*1909) Opa

mütterlicherseits in Ofenbach (Niederösterreich)

Omi Mobbl, (*1910) Oma mütterlicherseits

Oma Ella, (*1913) Omi väterlicherseits in Hessen

Buz (Wolfram), unser Papa (*1938) Professor für

Violine an der Musikhochschule in Trossingen

Rehlein (Erika), meine Mutter (*1939)

Ming (Iwan), mein Bruder (*1964)

(Fast alle wurden im Laufe der Jahre umbenannt. Wie das so ist im Leben.)

Ein Buch ohne Vorwort.

Sie können gleich anfangen zu lesen…

Inhaltsverzeichnis

Juli 1999

Donnerstag, 1. Juli

Freitag, 2. Juli

Samstag, 3. Juli

Sonntag, 4. Juli

Montag, 5. Juli

Dienstag, 6. Juli

Mittwoch, 7. Juli

Donnerstag, 8. Juli

Freitag, 9. Juli

Samstag, 10. Juli

Sonntag, 11. Juli

Montag, 12. Juli

Dienstag, 13. Juli

Mittwoch, 14. Juli

Donnerstag, 15. Juli

Freitag, 16. Juli

Samstag, 17. Juli

Sonntag, 18. Juli

Montag, 19. Juli

Dienstag, 20. Juli

Mittwoch, 21. Juli

Donnerstag, 22. Juli

Freitag, 23. Juli

Samstag, 24. Juli

Sonntag, 25. Juli

Montag, 26. Juli

Dienstag, 27. Juli

Mittwoch, 28. Juli

Donnerstag, 29. Juli

Freitag, 30. Juli

Samstag, 31. Juli

August 1999

Sonntag, 1. August

Montag, 2. August

Dienstag, 3. August

Mittwoch, 4. August

Donnerstag, 5. August

Freitag, 6. August

Samstag, 7. August

Sonntag, 8. August

Montag, 9. August

Dienstag, 10. August

Mittwoch, 11. August

Donnerstag, 12. August

Freitag, 13. August

Samstag, 14. August

Sonntag, 15. August

Montag, 16. August

Dienstag, 17. August

Donnerstag, 19. August

Samstag, 21. August

Sonntag, 22. August

Montag, 23. August

Dienstag, 24. August

Mittwoch 25. August

Donnerstag, 26. August

Freitag, 27. August

Samstag, 28. August

Sonntag, 29. August

Montag, 30. August

Dienstag, 31. August

September 1999

Mittwoch, 1. September

Donnerstag, 2. September

Freitag, 3. September

Samstag, 4. September

Sonntag, 5. September

Montag, 6. September

Dienstag, 7. September

Mittwoch, 8. September

Donnerstag, 9. September

Freitag, 10. September

Samstag, 11. September

Sonntag, 12. September

Montag, 13. September

Dienstag, 14. September

Mittwoch, 15. September

Donnerstag, 16. September

Freitag, 17. September

Samstag, 18. September

Sonntag, 19. September

Montag, 20. September

Dienstag, 21. September

Mittwoch, 22. September

Donnerstag, 23. September

Freitag, 24. September

Samstag, 25. September

Sonntag, 26. September

Montag, 27. September

Dienstag, 28. September

Mittwoch, 29. September

Donnerstag, 30. September

Personenverzeichnis:

Juli 1999

Donnerstag, 1. Juli

Überirdisch schöne Wetterlage!

Tiefblauer Himmel in glitzerndem Gold

Der Opa leidet sehr darunter, daß ich – mit 36 Jahren an der Schwelle zum Herbst des Lebens stehend - noch immer nicht unter der Haube bin. Drum erzählte ich dem Opa von den japanischen Partnerschaftsvermittlungs-Tamagochis, die sich ein unverehelichter Mensch um den Hals hängen kann, um damit in die überfüllte U-Bahn von Tokyo zu steigen, die eine Fülle an passenden Partnern birgt.

Shigeru, 29, höflich, arbeitsam, genügsam und sauber, sucht eine Frau mit folgenden Wesenszügen: Hübsch, sauber, höflich, gehorsam.

Gelegentlich piepst irgendwo ein Tamagochi mit seiner Melodie auf. Da aber die Pendler ölsardinenartig zusammengepfercht, und hinzu immer in Eile sind, fällt´s zuweilen schwer den passenden Piepston zu orten.

„In Ikebukuro hätte heute jemand zu mir gepasst. Doch diese Dame ist mir schon wieder durch die Lappen gegangen!“ erzählt er daheim beim Mittagessen.

„Verlier Deinen frischen Mut nicht!“ rät der Vater, „eines Tages wirst auch du fündig, mein Sohn!“

Knapp und bündig sind im Tamagochi 16 Eigenbzw. Nichteigenschaften einprogrammiert: Vier Wesensmerkmale oder Eigenschaften die man mitbringt (a), vier die man vom Gegenüber erwartet (b), vier die man NICHT wünscht (c), und vier mit denen man nicht aufwarten kann (d).

In meinem Fall sähe die Programmierung folgendermaßen aus:

a) Humorvoll, anschmiegsam, verständnisvoll, gemütlich

b) Herzlich, Plauderschwung auslösend, auf Humor ansprechend, sich den Gegebenheiten anzupassen verstehend

c.) Religiös, fußballfanatisch, rauchend, von grämlichem oder gar grantlerischem Grundcharakter!

d.) Politisch etwas zu sagen habend, modebewusst, sportlich, zupackend.

Abends schien es mit Omi Mobbl zuende zu gehen. Der Opa telefonierte mit den Verwandten:

Auf rührende Weise unterhielt er sich mit seiner Exschwiegertochter Antje in Bonn.

Warm und liebevoll sagte er: „Mir geht´s so gut, daß ich der Mutti gern die Hälfte von meinem Wohlbefinden abgeben würde!“

Deutlich weniger warm sprach er zu seinem jüngsten Sprössling, dem Onkel Andi, der in Brandenburg, am Vorabend zu seinem 50. Geburtstag stehend, auf eine große fröhliche Gästeschwemme eingestellt war:

„Um es knapp zu formulieren: Die Mutti liegt im Sterben!“ formulierte der Opa knapp.

Ich selber saß an Mobblns Bett und weinte, aber meine Anteilnahme erreichte die Mobbl nicht mehr.

Der Opa versuchte sich nützlich zu machen, und drosch vergebens mit der Klatsche auf eine Mücke ein, die jedoch hinter der Fensterscheibe auf dem Fliegengitter herumturnte, so daß ihr die ungestüme Drescherei des alten Mannes nichts anhaben konnte.

Bedrückt nahmen Ming und ich ein kleines Abendessen auf der Terrasse ein.

Ich dachte darüber nach, wie das wohl sei, ständig mit Leichenbittermiene neben Mobblns Bett zu sitzen und zittrig besorgte Plattitüden vorzutragen. Wäre es nicht angebrachter, Mobbl mit warmen und fröhlichen Worten auf´s Paradies einzustimmen?

„Und grüße mir meinen Großonkel Karl!“

Auf dem Abendspaziergang mit Ming sprach ich darüber, wie schön das jetzt wäre, wenn ein Tagebuch über die 66 Ehejahre von Opa und Mobbl existierte! Ich rechnete mir aus, wie lange man daran herum lesen müsse, und kam auf dreihundert Tage à zehn Stunden! (Gesetzt den Fall, das Diarium wäre so ausfürlich wie das Meinige.)

Oder aber, man müsse fünf Jahre lang täglich eine Stunde lesen. Dies lohne die Mühen, denn hernach hätte man die ganzen 66 Jahre intus – grad so, als hätte man sie selber erlebt!

Freitag, 2. Juli

Zur Mittagsstund´ etwas diesig und stickig,

so als wisse das Wetter nach Mobbls Exitus

nicht mehr so recht, was es wolle…

abends sehr sommerlich und schön

Leider war es uns nicht vergönnt, die Oma nochmals zu erwecken, aber anders als dereinst Frau Schütz mit dem Opa in Bangkok hab ich´s nicht mit Brachialgewalt versucht.

Damals im Jahre 1971 war der Opa (61 Jahre jung) derart tief in einen todesähnlichen Schlummer versunken, daß man ihn nur noch mit Brachialgewalt zu wecken vermochte

Wir standen an Mobblns Bett, blickte auf sie hinab, doch man erreichte unsere süße Omi nimmer.

Ich lief durch den Wald und stellte mir vor, daß sich jetzt, da Mobbl in einen todesartigen Schlummer versunken war, das ganze Leben nochmals von hinten in ihrem Gehirn aufblättert?

Immer wieder überlegte ich, wo sie jetzt wohl angelangt sein mag? Wie der Opa immer hübscher und jünger wird, und immer besser hört, die Liebe immer mehr aufblüht, und wie Rehlein „dabinse!“ sagt, bis hin zu dem Sommertag im Jahre 1910 in Stuttgart, als der Storch uns die damals ofenfrische Mobbl gebracht hat.

Nun war man wieder am ersten Kapitel angelangt.

Daheim wirkte der Opa ganz klar, gefasst und vernünftig.

„Da kann man nichts machen!“ sagte er. „Niemand in ihrer Familie ist so alt geworden!“

Doch beim Telefonat mit Rehlein münzte der Opa hohndurchsetzte Worte auf den Dr. Bogad, der sich nicht erreichen ließ, da der Opa außerhalb der Ordinationszeit anrief.

„Die Herren müssen ja alle schwimmen gehen, nicht wahr?“ sagte er, und wenig später hörte man ihn noch durch´s Telefon wüten: „Die Ärzte haben auch den Hagi auf dem G´wissö!“Gewissen

Ming war so pietätvoll, und legte Mobbln die Goldbergvariationen ein.

Wenig später kam die Schwester Christine, die mit so einem sympathischen Tiroler Akzent spricht, und die wir alle sehr ins Herz geschlossen haben.

Die Schwester hat eine ganz blasse Ausstrahlung bekommen, als man mit ansehen mußte, daß es mit Mobbln nun tatsächlich zuende geht.

Immer wenn man nach der Oma schaute, lag sie in unverändertem Zustand da. Die Batterie war leer – Mobbls Hände waren schon ganz blau angelaufen, und ich weinte immer mehr. Die Schwester nahm mich so freundlich in den Arm, und drückte mich voll Mitgefühl an ihren weichen Busen.

Dann telefonierte sie eine andere Schwester herbei: Die Schwester Gabi, die ebenfalls so freundlich war. Obwohl sie Mobbl gar nicht gekannt hatte, weinte sie später an unserem kleinen Tischlein, und sagte so rührend: „Ich bin auch net so broufessionell!“ Ich bin auch nicht so professionell

Heute um 10 Uhr 58 verstarb Mobbl.

Mobbl lag ganz blass mit geöffnetem Mund auf dem zum Katafalk mutierten Nobelbett.

Der Opa saß zunächst nach Art von Hiob im grünen Sorgenstuhl, und als Ming ihn liebevoll an den Schulterblättern anfasste, sagte er: „Laß mi nur!“ und schlurfte in sein Zimmer, so daß man ihm gar nicht gescheit beistehen konnte.

Mir war zumute, als sei mir ein riesiges Stück Fleisch hinweggesägt worden. Ab und zu saß ich stumm neben dem Opa, nicht wissend, was ich für eine Plattitüde von mir geben solle, doch erstaunlicherweise war es der Opa selber, der sich trotz seiner Glatze immer wieder an den eigenen Haaren aus dem Sumpf des Grams, in den man zu versinken droht, herauszuziehen verstand.

Immer wieder hörte man ihn ausrufen: „90 Jahre! Was will man da machö?“

Ming war die ganze Zeit so tüchtig, und saugte oben so schön für die Verwandtschaft herum.

Ich krümelte auch ein wenig im Haushalt, doch es handelte sich mehr um ein Uromigekrümel, wo man hernach nicht viel sieht.

Der Opa ist noch auf das Bett gestiegen um Mobbl von oben zu fotografieren, doch ich spürte Mobblns Aura schon gar nicht mehr, und jenes Gefühl, das mich früher immer beschlich, wenn´s ums Verabschieden ging, daß ich aus Angst, dies sei vielleicht der letzte Anblick immer wieder hinschauen mußte, blieb aus. Von mir aus hätte ich keine Fotos von Mobbln auf dem Katakalf geschossen.

Zur Mittagsstund´ war der Opa grämlich, da der Doktor Doc kommen mußte, um den Tod amtlich zu bestätigen.

„Den wollen wir gar nicht sehen!“ sagte der Opa, dem die Welt ohne die Mobbl schal geworden war. Einmal sagte er: „das Leben ist vorbei. Auch für mich!“

Worte die mich nachhaltig traurig stimmten.

Davon weinte ich noch viel mehr.

Man konnte mit ansehen, daß sich aus Opas moribunden, wahrscheinlich seit 1960 stillgelegten Trändendrüsen mehrere Tränen wrangen.

Ming hatte einen Rundmail an die Verwandten verfasst:

„Liebe Anverwandte!“ schrieb Ming, „wir weinen. Der Opa weint!“

Der Doktor Doc war nur kurz da, um einen Blick auf die Verblichene zu werfen, jedoch sei er, so Ming, trocken und unpersönlich gewesen.

Mittags kamen zwei pietätvolle, stille Sargträger, die Mobbl hübsch anzogen: Mit einem zierenden, geblümten Kostüm, und sogar mit Korselett und Strümpfen, und schließlich in den Sarg aus einem freundlichen hellen Holz betteten.

Wir waren froh, daß sie Mobbln das Kruzifix nicht in die Hände gedrückt haben.

Am Sarg selber haben weder Ming noch ich Abschied nehmen mögen, da Mobbl ja keine Aura mehr hatte.

Abends um Sieben kam uns die Schwester Christine nochmals besuchen, und tatsächlich gelang es ihr, den Opa ein wenig aufzuheitern, so daß der Opa ein paar Späße riss und lachte.

Im Dorf trafen wir die Gastwirtin Frau Thurner mit der kleinen Caroline. Man stünde vor dem Sommerurlaub, doch Frau Thurner freut sich nicht auf Italien, da ihr rasch langweilig wird, wenn sie nicht arbeitet. Ähnelnd Buzen liebt sie ihre Arbeit, und ist mit dem ganzen Herzen dabei.

Wir liefen weiter, und Ming erzählte mir vom Onkel Rainer, und wie er am Telefon doch relativ sachlich auf Mobblns Ableben reagiert hat.

„Viele Kondouls* von Sharyn und mir!“ soll er gesagt haben.

Kondolierungen? (Rainers Deutsch ist mit den Jahren etwas porös geworden)

Auf dem Heimweg hatte ich vom vielen Weinen Kopfschmerzen bekommen, und außerdem war meine eine Kontaktlinse schleimig und schmierig geworden. Es fühlte sich an, als laboriere ich am grauen Star.

Ich wünschte mir plötzlich so glühend, ich wäre von einer Zecke gebissen worden, bekäme eine Meningitis und verstürbe noch am gleichen Abend.

Oben telefonierte der süße Ming mit Linda und Beate in Sequim über Mobblns Tod, und man hörte die Beate mit ihrer Lilli-Palmerhaften Stimme gefasst reden. Mich wollte sie auch sprechen, doch ich mochte jetzt keine Ratschläge auf amerikanischer Lebenshilfebasis hören. Ich lag auf dem Teppich und weinte.

Ming erzählte der Linda, wie Mobbl zu ihrer letzten Fahrt durch die Kalgasse abgeholt wurde, und der Opa ganz verloren am Gatter stand und ihr nachblickte…

Dann redete Ming so nett zu mir, und erzählte, daß es nicht in Mobblns Sinne gewesen wäre, ewig weiter zu trauern. Ming sprach so schön, daß ich stolz auf ihn war.

Abends sagte der Opa noch so rührend: „Weißt du, die Mobbi war ein Teil von mir!“

Der Opa saß im Sorgenstuhl und murmelte immerzu vor sich hin: „Ja Mobbl…“

Samstag, 3. Juli

Wunderschön

Mich fühlend, wie ein vollgesogenes, schweres altes Wäschestück erwachte ich in den frühen Morgenstunden. Meine Augen fühlten sich vom vielen Weinen ganz geschwollen an, und die Sonne stahl sich ein bißchen durch das kleine Dachfensterlein. Doch ich dachte nur:

Lacht froh die Sonn´ mir ins Gesicht.

Die Seelenpein verlässt mich nicht.

„Wenigstens die Parte könnte ich doch in Angriff nehmen!“ dachte ich, wohlwissend daß mir wohl kaum die passenden Worte zum Unfaßbaren einfallen würden.

Oben im Erdgeschoss wurde bereits für die bevorstehende Besucherschwemme geräumt und gerumpelt. Die Maria, eine Reinmachefee aus Rumänien war zum Putzen erschienen, und vom Opa hieß es, er sei den ganzen Morgen schon so unerträglich gewesen.

In der Nacht hatte der Opa überhaupt nicht geschlafen. Er sei net müd, sagte er kurzangebunden.

Ming und ich hängten im Duett im so wunderschön sonnigen Garten die Wäsche auf, unter anderem Mobblns Nachtgewand.

Der Opa steckte mich mit seinem Dalton-Syndrom an. In hilflosem Aktionismus wackelt man durchs Haus und bringt doch nichts zustande. Einmal sagte er: „Komm setz di zu mir!“

Dann saßen wir aber bloß so da. Der Opa grüblerisch und fern versunken, und ich immer auf dem Sprung, dem alten Mann eine Freude zu bereiten, während die Maria hilflos und traurig dazu geputzt hat.

Ich wollte den Opa auf die Terrasse in die Sonne locken, doch der Opa sagte nur grantig: “Ich bleib jetzt hier sitzen. Die Sonne interessiert mi net….“

Später saß er dann aber doch auf der Terrasse, oder er schlurfte grämlich herum. Nur manchmal wurde er ganz kurz ein bißchen lustig.

Einmal frug ich den Opa, der schon wieder aufstand, um irgendwo hinzuschlurfen, wo er hinstrebe? „Ich muß schaun, wo die Kika ist?“ murmelte er. Dann mußte er aber doch kurz lachen, weil´s sonst so überverkalkt gewesen wäre.

Die Maria pflückte zwei Blumensträuße für die Verwandtschaft, und als lästig empfinde ich´s, daß man beim Opa immer Angst haben muß, er könne vielleicht ausrasten, wenn jemand was in seinem Garten abrupft? Doch er schlurfte nur grämlich hinterdrein und frug, wo sie die hinstellö wollö, statt mal was Nettes oder Bedankendes von sich zu geben.

Der süße Ming hat dem Opa so nett die vier Mails, die heut gekommen sind, auf ein einzelnes Blatt ausgedruckt, doch der Opa war grätelig und sagte: „Die willi net lesö!“ Die will ich nicht lesen

Zur Mittagsstund lasen wir die Mails von Rainer, Ric, und Antje aber doch.

Der Rainer schrieb in nachlassendem Deutsch, von welchem dem Feinkultürlichen ganz blümerant werden dürfte, Dinge wie: „66 Jahre waren eine lange Zeit, die heuer von kaum jemandem mehr erreicht wird!“

Man hat gespürt, wie uns der Onkel durch sein Leben in Kanada fern geworden ist, und wie er sich hat abmühen müssen, ein paar aufmunternde Zeilen hinzuhämmern.

Heut erwarteten wir eine Flut an Gästen: Dölein, Debbie, David aus Amerika, eventuell Andi, Lisel und Rehlein, und ferner hatten sich Heiner und Melanie mit dem kleinen Marius angekündigt. Obwohl ihr Kommen erst „in den Lüften lag“, schien´s uns doch, als sei das ganze Haus bereits voll, und man spürte den Stress und das Mitgehangen- Mitgefangengefühl schon im Vornherein.

Am Nachmittag war´s sehr heiß, und ich saß mit dem Mathematik lernenden Ming vor dem Hause, und ließ mein Magnum-Mandel zart anschmelzen.

Bald darauf kam der Heiner mit Familie und ich lernte endlich den süßen kleinen Marius kennen. Die Melanie ist vom Urlaub in Kroatien ganz braungebrannt gewesen.

Der Marius ist genau so süß, wie der Ruf, der ihm vorausgeeilt ist: Man schaut ihn an, und schaut in ein lachendes Gesicht.

Der Heiner hat ihn dem Opa, der auf der kleinen Terrasse vor sich hindurmelte augenblicklich in den Arm gelegt, und schoß eine Salve an Fotos vom malerisch im Sonnenschein sitzenden Uropa mit seinem Urenkel.

Abends sind Dölein, Debbie und David gekommen, und der Opa blühte von diesem Besuch ein wenig auf.

Verbindend sagte ich zum Opa: „Jetzt, wo das Haus so leer ist, ist es auf einmal so voll!“

Onkel Dölein kann mit dem Exitus seiner Mutter aus jenem Grunde so gut umgehen, weil der Tod zum Leben einfach dazugehöre. (Angeblich)

Sonntag, 4. Juli

Wunderschön. Ganz heiß.

Die kleinen Frühäpfel in Opas Garten

kann man bereits essen.

Schmecken tun sie aber nur mäßig

Wir frühstückten auf der Terrasse an einem langen Tisch. Alles schmolz in der Sonne an, und der süße Ming hatte an so vieles gedacht: Z.B. Nutella für den heranwachsenden David.

Ich erzählte, daß Mobbls letzter Wunsch an mich der Folgende gewesen sei: „Heirate den Herwig!“ und wie man sich gegen den letzten Wunsch einer alten Dame nicht sperren dürfe. Ich rufe den Herwig an und sage mit sehr ernster Stimme: „Herwig, ich habe etwas mit Dir zu bereden, was man am Telefon nur schwer ausmachen kann. Passt´s Dir um zwölf Uhr im Café-Diglas?“

Noch sind wir drei Frauen, Debbie, Melanie & ich so frisch ins Zusammenleben eingebunden, daß wir je aus Höflichkeit die Spülerei an uns zu reißen trachteten.

„Ich mach das gern!“ sagten wir alle unabhängig voneinander, doch ich überlegte, wie´s wohl wäre, wenn wir nun ein ganzes Jahr zusammenleben würden? Wir würden zänkisch ausrufen: „Heut bist Duu aber mal dran mit der Spülerei! Ich seh´ nicht ein, warum ich mich immer um alles kümmern muß??“

Onkel Dölein sprach davon, zu seinem alten Freund Lucksteiner, einem tränenbesäckelten, rund-und kahlköpfigen alten Manne in den Wald zu laufen, um zu schauen, wie´s dort wohl ausschaut? Doch der Lucksteiner lebt nicht mehr, und statt seiner wohnt nun der Poppi mit seiner jungen Frau Renate dort. Man könne ja beim Poppi klingeln und nach dem Lucksteiner fragen, und wenn man dann erfährt, er sei verstorben, könnte man in lautes Wehklagen verfallen. Der Poppi würde sich seinem Naturell entsprechend äußerst liebevoll und mitfühlend geben, und so könnte man sich eben mit dem Poppi befreunden, der dem Opa ein wirklich wunderbarer Freund geworden ist – wie man sich einen Besseren gar nicht vorstellen kann.

Ich erzählte Onkel Dölein von einem Callboy namens Rainer, den ich einst im Walde von Trossingen kennengelernt habe, und auf dessen Visitenkarte zu lesen stand: „So wie Rainer, so kann´s keiner!“

Dann erzählte ich von der liebeshungrigen Blockflötenprofessorin Frau Huschinsbett und verästelte mich fast lustvoll in die Details: Wie sie auf ihrem Musenstengel bläst, und kein Mensch mit ihr musizieren mag, weil sie immer falsch einsetzt und Dinge sagt wie: „Kinder, das müsst ihr mal üben!“ Und dies, wenn sie sich doch selber verzählt hat!

Onkel Dölein lacht immer auf seine ungläubig belustigte Art zu meinen Worten, so daß man seine abgenagten Zähne sieht.

Ich zeigte dem Opa, wie sich der kleine Marius beispielsweise beim Klavierspiel mühelos mit dem Fuß im Ohr kratzen könnte, weil die Säuglingsschlegel so weich und geschmeidig sind.

An seinen Beinchen haben sich so possierliche Specktriebe gebildet, und seine Zehlein sind so niedlich angeordnet, daß man die Füßlein sogar falten kann.

Abends wackelte ich mit dem Opa durch´s Dorf. Vor dem einen Haus mit den vielen Blumenkästen an den Fenstern trug ein altes Sahnehaupt posthume Grüße an Mobbln auf, und war ganz erschüttert, als sie von Mobbls überstürztem und im Grunde so surrealistischen Ableben erfuhr. Vor ganz kurzer Zeit saß Mobbl doch noch im Sonnenschein auf der Bank neben dem Gasthof, und hoffte drauf, daß sich jemand zu ihr setzen würde, um ein wenig mit ihr zu plaudern.

Als wir auf dem Heimweg wieder vorüberliefen, rief sie uns die liebenswürdige alte Dame (Frau Frühwirth) noch zu, daß sie für Mobbln eine Messe lesen lassen wolle. Der Opa war gerührt.

Abends verabschiedeten wir uns herzlich von Heiner, Melanie & Marius. Mit dem Opa hatte man sich so, wie einst die jungen Leute mit der Uroma, einen Schabernack erlaubt, und ihm verhohnepipelnd dargelegt, daß wir nun alle weiterziehen würden.

Bloß er müsse mit seinem Urenkel Marius zurückbleiben, weil der Marius noch zu klein für so eine weite Reise sei.

Ich schob die Weitervermissung für die Omi Mobbl ein bißchen auf, bis Dölein und Debbie wieder weg sind, da die Kompatibilität von Mobbln mit diesem Urlaubsgespann leider nie so berauschend war, so daß sich diese Familie mobblfrei direkt besser genießen lässt.

Montag, 5. Juli

Hochsommerlich.

Ein strahlend schöner Morgen umhüllte mich bei meinem Morgenlauf

Ming freute sich so, daß ich wieder lustig bin, und erzählte, daß Lindalein & Beätchen sich schon große Sorgen um mich gemacht, und bereits einen persönlichen Brief an mich geschrieben haben, der zur Stund über den Wolken unterwegs sei, weil´s doch heißt, ich möchte nur persönliche Briefe.

Ich fand das so rührend, und liebte die Verwandten in Sequim unglaublich.

Frühstück:

Stellvertretend für die Debbie dachte ich unabhängig zu meinen eigenen Gedanken:

„Wird denn in dieser Familie immer nur rumgetratscht, und dererlei Unsinn verzapft?? Als wenn es nicht genügend interessante Themen gäbe! Literatur, Musik, Theater, Architektur…“

„Wie sich der Heiner wohl freut, wenn ich demnächst ein ganzes Jahr lang zu ihnen ziehe!“ rief ich in gespielter Einfalt aus.

Onkel Dölein spöttelte gutmütig darüber, daß ich vermutlich dächte, die Mobbl sei aus jenem Grunde verstorben, weil wir ihr keine neue Katze gekauft haben?

Dabei war es eher so, daß Mobbl durch Lindas Zurückwanderung nach Amerika beunruhigt war, da man ja nie weiß, ob sich das böse Orakel um die Dame Gerswin nicht doch noch erfüllt?

„In 40 Jahren gehört hier alles der Gerswin“ – ein Gedanke, der sich einfach so in Mobblns Hirn gebohrt hatte, und keine Ruhe mehr gab.

Über Mings Flamme Dorli sprachen wir auch.

Ihr neuer Freund, der Flori, hat eigentlich Geiger werden wollen, doch nach einer kümmerlichen Prüfung ist er auf halber Höh´ als Babysitter stecken geblieben.

Lustig erkannte Dölein, was Ming wohl gedacht hat, als er die Dorli mit dem Cello zwischen den Knien sah: „Das Cello, das könnte ich jetzt sein!“

Und an Mings verlegenem und dennoch zustimmendem Lachen hat der Kenner gemerkt, daß der Onkel mit seiner Vermutung vermutlich goldrichtig lag?

Dann sprachen wir darüber, daß der Opa gestern am Telefon beim Parlat mit dem Onkel Rainer vollkommen vergessen hatte, daß der Rainer doch geschrieben hat, so daß der Onkel in Übersee vielleicht gedacht haben mag: „Na, soo zuverlässig scheint mir der Iwan wohl nicht! Daß er das Schreiben, mit dem ich mir doch Mühe gegeben habe, einfach nicht weitergeleitet hat?!“

Doch ich beschwichtigte Ming dahingehend, daß der Rainer auch schon ein alter Mann sei, und selber vergessen habe, daß er geschrieben hat.

Nach dem Frühstück trat Familienstress auf, und nur der David schlief noch, weil ihn hier doch gar nichts Bestimmtes erwartet.

Die Erwachsenen waren kurz weg, und wenig später saß Ming etwas gestresst an Mobblns Bechstein-Flügel und ließ ein wenig Dampf darüber ab, daß viele Ehefrauen, die man so kennt, so leider auch die Debbie, morgens immer so unzufrieden sind!

Ming grauste der Gedanke, verheiratet zu sein, und sich mit den Launen einer komplizierten Ehefrau abplagen zu müssen:

Morgens bräuche sie immer einen Kaffee und abends ihren Schoppen Wein um zufrieden zu sein, und ansonsten hat man dauernd das Gefühl, ihr etwas bieten zu müssen.

Zur Mittagsstund´ ist die seelengute, tiefgläubige Schwester Susanne zu Besuch gekommen, um persönlich ein kleines Kärtchen mit warmen Tröstungsworten vorbeizubringen. Sie schrieb, daß sie so dankbar sei, Mobbl kennengelernt zu haben, und daß uns Mobbl nun einen Schritt vorausgegangen sei. Worte, die mich persönlich sehr trösteten und berührten. Die Schwester kam und ging bevor der Opa wach wurde, so daß der Opa sie nicht mehr gesehen hat, und sich nicht mehr bedanken konnte.

Rehlein hatte ihren Eltern einen warmen langen Brief geschrieben, doch für Mobbl war er ein wenig zu spät gekommen.

Der Opa bastelte an einer Parte herum. Eine regelrechte Früchtebrotparte wurde draus, weil es so viel unterzubringen gab: Z.B. daß die Urenkel in den USA um Mobbln trauern.

Nachmittags war die Debbie wieder ein richtig süßer Quirl, so daß man sie von Herzen lieb haben konnte. Im Grunde gibt es zwei Debbies die nichts, aber auch gar nichts miteinander zu tun haben: Die Morgendebbie, und die Nachmittags- bzw. Abenddebbie.

In Döleins Leihmerzedes unternahmen wir genau jene Fahrt, die wir vor sechs Tagen mit Rehlein unternommen haben, als die Mutti noch gelebt hatte.

Der David saß zwischen Ming und mir auf der Hinterbank, büffelte deutsch, und frug uns über den Begriff „verhängen“ aus.

Er meinte, es habe etwas mit „hängen“ zu tun, und in gewisser Weise hat er sogar recht: Wenn ein armer Sünder gehängt werden soll, und man hängt ausversehen den Falschen, so hat man sich verhängt!

Einmal malte der David mit Kugelschreiber „David was here!“ auf Mings Rücken, so wie man´s gemeinhin auf eine Klowand oder einen Felsen schreibt. Gutmütig ließ Ming diesen juvenilen Unfug über sich ergehen.

Wir saßen im Garten eines Weinlokals in Rust, und erlebten ein Spektakel: Ein rabiater Herr rannte der schwarzen hauseigenen Katze im Rahmen eines wüsten Tobsuchtsanfalls hinterher, weil sie sich so häßlich mit seinem Hund gezankt hatte. Ming war der Einzige, der den ausgerasteten Herrn verstand: Der kluge Ming ahnte, daß da andere Probleme dahinter stüken.

Die anderen Gäste konnten es alle nicht glauben, daß sich jemand wegen einer Katze so danebenbenehmen kann, und sogar Onkel Dölein rief etwas Fassungsloses hinüber.

Der Herr am Tisch neben uns freundete sich schon fast mit uns an, weil er ebenso fassungslos war wie Onkel Dölein.

„Ein Glück, daß der Herr nicht das Feuer auf uns eröffnet hat!“ sagte Ming verbindend, weil jetzt die Katze, die fauchend vor Entsetzen in die Baumkrone hinaufgeflüchtet war, womöglich einen seelischen Schaden davongetragen hat?

Dienstag, 6. Juli

Morgens und abends wunderschön.

Zur Mittagsstund lag´s ein wenig in der Luft,

daß wohl gleich ein Gewitter lospoltere?