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Seine Liebe macht sie zur Königin – sein Hass wird ihr Untergang sein England, 16. Jahrhundert. Als Tochter einer unbedeutenden Adelsfamilie weiß die junge Anne Boleyn, dass ihr Schicksal von einer vorteilhaften Heirat abhängt. Am Hof zieht ihre Schönheit schon bald die Blicke vieler Männer auf sich – so auch die des Königs selbst. Aber Heinrich VIII. ist bereits verheiratet und Anne weiß, dass diese Liebe ihren Ruf für immer zerstören würde. Fest entschlossen, sich nicht zur Mätresse machen zu lassen, widersteht sie Heinrichs Avancen – und stellt ihn vor die Wahl: Entweder er geht mit ihr den Bund der Ehe ein oder sie heiratet einen anderen. Noch ahnt Anne nicht, dass sie damit eine eine unaufhaltsame Kette von Ereignissen in Gang gesetzt hat, die das Schicksal des englischen Königreichs für immer verändern wird – und welchen Preis sie dafür zahlen muss … »Jean Plaidy versteht es hervorragend, Geschichte mit Romantik und Drama zu verbinden.« New York Times Ein fulminanter Historienroman über eine der berühmtesten Königinnen der englischen Geschichte – für alle Fans von Alison Weir.
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Veröffentlichungsjahr: 2025
Über dieses Buch:
England, 16. Jahrhundert. Als Tochter einer unbedeutenden Adelsfamilie weiß die junge Anne Boleyn, dass ihr Schicksal von einer vorteilhaften Heirat abhängt. Am Hof zieht ihre Schönheit schon bald die Blicke vieler Männer auf sich – so auch die des Königs selbst. Aber Heinrich VIII. ist bereits verheiratet und Anne weiß, dass diese Liebe ihren Ruf für immer zerstören würde. Fest entschlossen, sich nicht zur Mätresse machen zu lassen, widersteht sie Heinrichs Avancen – und stellt ihn vor die Wahl: Entweder er geht mit ihr den Bund der Ehe ein oder sie heiratet einen anderen. Noch ahnt Anne nicht, dass sie damit eine eine unaufhaltsame Kette von Ereignissen in Gang gesetzt hat, die das Schicksal des englischen Königreichs für immer verändern wird – und welchen Preis sie dafür zahlen muss …
Über die Autorin:
Jean Plaidy – wie auch Philippa Carr und Victoria Holt – ist ein Pseudonym der britischen Autorin Eleanor Alice Burford (1906–1993). Schon in ihrer Jugend begann sie, sich für Geschichte zu begeistern: »Ich besuchte Hampton Court Palace mit seiner beeindruckenden Atmosphäre, ging durch dasselbe Tor wie Anne Boleyn und sah die Räume, durch die Katherine Howard gelaufen war. Das hat mich inspiriert, damit begann für mich alles.« 1941 veröffentlichte sie ihren ersten Roman, dem in den nächsten 50 Jahren zahlreiche folgten, die sich schon zu ihren Lebzeiten über 90 Millionen Mal verkauften. 1989 wurde Eleanor Alice Burford mit dem »Golden Treasure Award« der Romance Writers of America ausgezeichnet.
Jean Plaidy veröffentlichte bei dotbooks ihre historische Romanreihe »Queens of England« mit den Einzeltiteln »Königreich des Herzens«, »Krone der Liebe«, »Im Schatten der Krone«, »Die Gefangene des Throns« und »Die Tochter der Krone«.
Unter dem Pseudonym Victoria Holt erschien ihr historischer Roman »Das Geheimnis der Engländerin«.
Als Philippa Carr veröffentlichte die Autorin ihren großen neunzehnbändigen Roman-Zyklus »Die Töchter Englands«, der in mehreren Sammelbänden erschienen ist.
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eBook-Neuausgabe April 2025
Die englische Originalausgabe erschien erstmals 1986 unter dem Originaltitel »The Lady in the Tower« bei Robert Hale Ltd., London.
Copyright © der englischen Originalausgabe Jean Plaidy 1986
Copyright © der deutschen Erstausgabe 1990 by
Wilhelm Heyne Verlag GmbH & Co. KG, München
Copyright © der Neuausgabe 2025 dotbooks GmbH, München
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.
Titelbildgestaltung: Wildes Blut – Atelier für Gestaltung Stephanie Weischer unter Verwendung mehrerer Bildmotive von © shutterstock
eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH (mm)
ISBN 978-3-98952-648-8
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dotbooks ist ein Verlagslabel der dotbooks GmbH, einem Unternehmen der Egmont-Gruppe. Egmont ist Dänemarks größter Medienkonzern und gehört der Egmont-Stiftung, die jährlich Kinder aus schwierigen Verhältnissen mit fast 13,4 Millionen Euro unterstützt: www.egmont.com/support-children-and-young-people. Danke, dass Sie mit dem Kauf dieses eBooks dazu beitragen!
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Jean Plaidy
Im Schatten der Krone
Queens of England Serie 3
Aus dem Englischen von Dr. Maria Rauschenberg
dotbooks.
Kapitel 1: Die Gefangene
Kapitel 2: Der Tod eines Königs
Kapitel 3: Der französische Hof
Kapitel 4: Ein Besuch in Hever
Kapitel 5: Eine Liebesgeschichte
Kapitel 6: Die Ausgestoßene
Kapitel 7: Die Verfolgung beginnt
Kapitel 8: Die Geheimsache
Kapitel 9: Das Gericht von Blackfriars
Kapitel 10: Das Ende eines Kardinals
Kapitel 11: Die Erfüllung
Kapitel 12: Dem Verderben entgegen
Kapitel 13: Die Dame im Tower
Lesetipps
Hier liege ich in meinem düsteren Gefängnis. In der Nacht höre ich Stimmen – die Stimmen derer, die vor mir hier waren, die gelitten haben, wie ich jetzt leide, starr vor Furcht, ohne Hoffnung, Gefangene des Königs.
Gestern haben sie mich geholt, und wir sind über den Fluß geglitten bis hin zu dem großen, grauen Tower. Viele Male zuvor schon hatte ich ihn gesehen, doch noch nie mit solch erschreckender Klarheit. Einst war ich in großer Pracht und Herrlichkeit hierhergekommen – erst drei Jahre sind seitdem vergangen –, und nicht einen Augenblick lang hätte ich es damals für möglich gehalten, daß ich eines Tages als Gefangene hierhergebracht werden würde.
Es war Mai damals, wie heute, und die Menschen drängten sich an den Flußufern, um mich vorbeifahren zu sehen. Ich war stolz, so zuversichtlich, meiner Macht so sicher. Am Bug meiner Staatsbarkasse prangte der goldene Stiel mit Zweigen roter und weißer Rosen, Symbol der Häuser York und Lancaster, die der König bei jeder Gelegenheit zur Schau stellte, um das Volk daran zu erinnern, daß die Tudorherrscher die sich befehdenden Parteien vereint hatten. Und unter diesen Rosen befand sich mein ganz persönliches Symbol, der weiße Falke, mit dem Motto Mir und den Meinen.
Was war geschehen, daß ich im Laufe dreier kurzer Jahre Schmeichelei und bittere Ablehnung erfahren hatte? War es meine Schuld? In gewissem Maße muß ich mir wohl selbst die Schuld geben. Wann hörte ich auf, die Angebetete zu sein? Wann wurde ich zur Ausgestoßenen?
Selbst zur Zeit meines Triumpfes hatten mir die Menschen nicht zugejubelt. Sie mochten mich nicht. Ihre ganze Zuneigung galt Königin Katharine. Mich akzeptierten sie nicht. »Wir wollen sie nicht«, riefen sie, »Königin Katharine ist unsere wirkliche Königin.« Sie hätten mich beschimpft, wenn sie es gewagt hätten. Das Volk stand mir feindlich gegenüber, aber ich hatte noch größere und mächtigere Feinde.
Jetzt würden sie sich offen gegen mich zusammenrotten. Selbst in den Tagen meines Triumphes hatten sie versucht, mich zu vernichten; um wieviel eifriger würden sie nun gegen mich vorgehen! Und sie hatten es geschafft, denn ich war ja nun die Gefangene des Königs.
Als ich das Tor passierte, schlug die Uhr gerade fünf, und jeder Schlag war wie das Läuten der Totenglocke.
Sir William Kingston, der Kommandant des Tower, erwartete mich bereits. Ich sagte leise: »O mein Herrgott, hilf mir, denn ich bin des Verbrechens unschuldig, dessen ich angeklagt werde.«
Dann wandte ich mich William Kingston zu und sagte: »Herr Kingston, komme ich nun in ein Verlies?«
Und er antwortete: »Nein, Madame, in Euer Quartier, das Ihr anläßlich Eurer Krönung bewohnt hattet.«
Dorthin brachten sie mich, und ich mußte lachen. Ich konnte gar nicht aufhören zu lachen, denn ich, die ich vor gerade drei Jahren in solcher Pracht und Herrlichkeit hierhergekommen war, war nun wieder in demselben Gemach – als Gefangene.
Hatten sie mich absichtlich hierhergebracht, um Erinnerungen in mir wachzurufen? War das eine Kostprobe jener ausgeklügelten Folter, die so viele meiner Feinde so gut anzuwenden verstanden?
Meine Hofdamen versuchten, mich zu beruhigen. Sie kannten dieses wilde Gelächter, und bald darauf war ich still.
Ich dachte: Ich werde ihm schreiben, ich werde ihn mit meinen Worten rühren, ich werde ihn daran erinnern, wie es einst zwischen uns stand.
Ich schrieb und vernichtete, was ich geschrieben hatte. Immer wieder griff ich zur Feder und versuchte, ihn anzuflehen.
»Euer Gnaden Unwille und meine Verhaftung sind mir so unerklärlich, daß ich ganz und gar nicht weiß, was ich schreiben oder welche Entschuldigung ich vorbringen soll ...«
Das stimmte nicht. Ich wußte es sehr wohl, und ich wollte es ihm nicht leicht machen. Ich kannte ihn genau – seine Gedankengänge, seine scheinheiligen Ausreden, sein gemeines, heuchlerisches Wesen, seine leidenschaftlichen Begierden, verborgen unter dem Deckmantel der Frömmigkeit. Nein, ich würde es ihm nicht leicht machen.
Zornig flog meine Feder über das Papier. Meine Unbesonnenheit hatte mir oft Feinde gemacht, aber ich war nun einmal leichtsinnig. Jetzt kämpfte ich um mein Leben. Ich wollte ihn wissen lassen, daß ich den wahren Grund kannte, weshalb er mich loswerden wollte.
»... damit Euer Gnaden sowohl vor Gott als auch den Menschen das Recht erlange, nicht nur mich als untreue Ehefrau angemessen zu bestrafen, sondern auch Euch selbst zu Eurer Liebe zu bekennen, die bereits derjenigen zuteil geworden ist, derentwegen ich mich in meiner jetzigen Lage befinde ...«
Ich schrieb voller Zorn – umso leidenschaftlicher vielleicht, weil nun ich es war, die sich in der Lage der verstoßenen Ehefrau befand.
Er würde wütend sein. Er würde versuchen, so zu tun, als sei der Grund, weshalb er mich loswerden wollte, nicht der, daß er eine andere Frau begehrte. Er war ein Könner – nicht im Täuschen anderer, denn die Menschen seiner Umgebung durchschauten seine Äußerungen und sein eitles Gehabe ebenso klar wie ich, sondern in der Täuschung seiner selbst.
Er war abergläubisch und fürchtete sich vor Unglück. Wenn er sündigte, hielt er stets ein wachsames Auge auf den Himmel, denn er hoffte, Gott und seine Engel genauso hinters Licht zu führen wie – so glaubte er – seine Minister und Höflinge.
»Doch falls ihr bereits beschlossen habt, daß nicht nur mein Tod, sondern niederträchtige Verleumdung Euch in den Genuß Eures ersehnten Glücks bringen soll, dann bitte ich Gott, er möge Euch Eure große Sünde verzeihen und ebenso die meiner Feinde, Eurer Werkzeuge in dieser Sache, und er möge Euch nicht strenge Rechenschaft darüber abverlangen, daß Ihr mich grausam und in einer Weise behandelt, die eines Fürsten unwürdig ist ...«
Ich war erneut am Rande des hysterischen Gelächters. Ich mußte mich beruhigen. Andere hatten vor mir genauso gelitten. Dieser Ort war erfüllt von den Geistern der Märtyrer. Was zählte da einer mehr?
Ich versiegelte den Brief. Ich würde ihn dem König schicken. Als Absender schrieb ich: »Von der Dame im Tower«.
Ich mußte ihm Gewissensbisse beibringen. Sein Gewissen war ihm wichtig. Er erwähnte es ständig, und da ich ihn gut kannte, war ich sicher, daß es dieses Gewissen gab.
Ich konnte ihn vor meinem geistigen Auge so deutlich sehen – damals in Hever und bei Hofe – seine kleinen Augen, die vor Verlangen nach mir leuchteten, seinen grausamen Mund, der mir zuliebe plötzlich sanft und zärtlich werden konnte. Wie sehr er mich doch begehrt hatte! Er hatte mit der Zähigkeit um mich gekämpft, die Teil seiner Natur war; er war entschlossen gewesen, mich zu bekommen. Um meinetwillen hatte er die Kirche in ihren Grundfesten erschüttert. Und wie oft er auch erklärt hatte, aus Gewissensgründen so zu handeln – die ganze Welt wußte, daß er es für mich getan hatte.
Wann änderte sich dann seine Einstellung? Es muß einen Zeitpunkt gegeben haben, von dem an es mit mir bergab ging. Doch wann? Vielleicht hätte ich diesen Sturz verhindern können.
Ich erinnerte mich an längst vergangene Tage in Buckling und Hever und später dann am königlichen Hof, wo ich von Menschen umgeben war, die mich liebten. Mein geliebter Bruder George, meine Freunde Thomas und Mary Wyatt, Norris, Weston, Brereton – die geistreichen Hofdichter. Wir hatten über Leben und Tod, über Ehrgeiz und Erfüllung gesprochen und waren zu dem Schluß gelangt, daß wir alle selbst Herr unseres Schicksals seien. Der Kluge verstehe es, die Gefahr zu erkennen, bevor sie ihn erreiche, und ihr aus dem Wege zu gehen. Wir seien das, wozu wir uns machten.
Das war Georges Theorie. Einige der anderen bestritten sie, und an einem Hof, an dem das Leben gefährlich war und ehemals Große innerhalb einer Stunde zu Fall gebracht werden konnten, war dies in der Tat eine anfechtbare Schlußfolgerung.
Aber im Grunde meines Herzens glaubte ich, daß sie einen wahren Kern enthielt, denn wenn ein Mann oder eine Frau sich keiner Gefahr aussetzen wollten, brauchten sie nur dem Ort fernzubleiben, an dem die Gefahr mit größter Wahrscheinlichkeit anzutreffen war – und das war nirgendwo im Lande wahrscheinlicher als am königlichen Hofe.
Wo also habe ich einen Fehler gemacht? Wann war dieser Augenblick, in dem ich die Gefahr hätte abwenden können?
Ich hätte einen Sohn zur Welt bringen können, aber das lag nicht in meiner Macht. Ich hatte meine niedliche Tochter Elizabeth, und ich liebte sie von Herzen, obgleich ich nicht an sie denken wollte, denn ich machte mir große Sorgen, was aus ihr werden würde. Sie hatte ihre Erzieherin, eine gute Freundin von mir. Ich vertraute Lady Bryan, denn sie hatte das Kind gern, und ihr Mann war außerdem ein Verwandter meiner Familie. Solange ich im Besitz der Macht war, hatte ich mich immer um meine Familie gekümmert.
Aber ich durfte jetzt nicht an Elizabeth denken. Es war zu kummervoll und führte zu nichts.
Aber wenn ich einen Sohn bekommen hätte, wäre das alles nicht geschehen. Henry wäre zwar untreu geworden, aber den ehrgeizigen Brüdern Seymour wäre es nicht gelungen, den Aufstieg ihrer albernen Schwester in dem Maße voranzutreiben. Sie wäre zweifellos Henrys Geliebte geworden und von mir wäre erwartete worden, das hinzunehmen. Ich hätte vor Wut getobt. Ich hätte mich beleidigt und gedemütigt gefühlt. Aber ich säße jetzt nicht in diesem trostlosen Gefängnis im Tower.
Nein. Irgendwo hatte ich einen falschen Schritt getan. Während all der Jahre des Wartens war es mir – mit äußerstem Geschick, wie mir alle versicherten – gelungen, ihn mir vom Leibe zu halten, mich ihm so lange zu verweigern, bis ich eine ehrbare Rolle an seiner Seite spielen konnte. Angenommen, ich hätte das nicht getan? Dann wäre ich jetzt eine verstoßene Geliebte und nicht eine Königin in einem Gefängnis des Tower.
Ich berührte mit den Fingern meinen Hals. Er war lang und schlank. Er verlieh meiner Erscheinung zusätzliche Eleganz. Ich betonte ihn, wie ich alle meine Vorzüge betonte und meine Schwächen verbarg, mit Erfolg, glaube ich. Ich konnte fast schon das Schwert dort spüren.
Während all der Jahre des Wartens war mir klar gewesen, daß ich Henry hinhalten mußte. Ich kannte ihn als Jäger und wußte von seiner Freude an der Verfolgung. Solange die Jagd andauerte, war er entschlossen zu siegen. Die Freuden der Eroberung jedoch waren von kurzer Dauer.
Ich hätte es wissen müssen. Selbst in dem Moment, als mir die Krone aufgesetzt wurde, hätte ich wissen müssen, daß sie unsicheren Ruhm versprach.
Ich kannte den Mann genau, von dem mein Schicksal abhing. Niemand kannte ihn besser. Ich hätte erkennen müssen, daß mein Leben von jemandem abhing, auf den kein Verlaß war. Die Zuneigungen, die er faßte, verloschen so schnell, wie sie entstanden. Ich war betört gewesen, weil er mich so leidenschaftlich und so hartnäckig verfolgt hatte. Die Jahre der Jagd waren lang gewesen, die des Genusses kurz. Wann hatte er begonnen, meiner überdrüssig zu werden? Wann hatte er begonnen, sich darüber klar zu werden, was er alles für mich getan hatte, und sich zu fragen, ob es sich gelohnt hatte? Wie dachte er nun über seinen öffentlichen Streit mit dem Papst und der Macht Roms – all das für eine Frau, die aufgehört hatte, ihn zu interessieren?
Ich hätte mich nie mit ihm einlassen sollen. Ich hätte fliehen sollen, solange noch Zeit war. Ich hätte Henry Percy heiraten sollen. Ich hätte am Schweißfieber sterben sollen. Dann hätte sich alles niemals ereignet.
Irgendwo in der Reihe der Jahre, die meinen bisherigen Lebensweg darstellten, mußte die Schuld bei mir liegen. Wo? Ich würde sie suchen. Es würde mich in meinem Gefängnis beschäftigen. Es würde meinen Gedanken erlauben, in der Vergangenheit zu verweilen, weit weg von der Auseinandersetzung mit der schrecklichen Zukunft.
Ich würde jene glücklichen Tage in Buckling und Hever noch einmal erleben, den Glanz des französischen Hofes, meine Rückkehr nach England als junges Mädchen, das am kultiviertesten und elegantesten Königshof der Welt erzogen worden und gemessen an seinem Alter ungewöhnlich klug war. Das war es, was mich zu dem gemacht hatte, was ich war, und letztendlich zu meiner jetzigen Lage geführt hatte. Ich wollte es mir in allen Einzelheiten vergegenwärtigen, und das würde ich tun, während ich hier in meinem Gefängnis wartete.
Zum ersten Mal sah ich den König in der Kavalkade auf dem Weg nach Dover, wo seine Schwester, Prinzessin Mary, die Reise nach Frankreich antreten sollte, um den König jenes Landes zu heiraten. Zu meiner Überraschung war ich – wenn auch ein ganz unbedeutendes – Mitglied dieser glanzvollen Gesellschaft. Es war bislang das aufregendste Erlebnis meines jungen Lebens, und ich schwebte in ständiger Angst, etwas zu tun, das gegen die Anstandsregeln verstoßen und dazu führen könnte, daß ich noch vor Auslaufen des Schiffes nach Hause geschickt würde, weil man irgendwelche Unzulänglichkeiten – meine Jugend, meine Unerfahrenheit – an mir entdeckt hatte oder weil ich mich in Anwesenheit der Herrschaften von Rang nicht mit dem erforderlichen Sinn für die Etikette benehmen konnte. Sicher, ich war von meiner Erzieherin Simonette gründlich vorbereitet worden und sprach auch einigermaßen fließend Französisch. Aber ich erkannte, daß der schützende Kokon, der mich in Buckling und Hever umgeben hatte, hier nicht mehr existierte. Ich hatte meine Kindheit für immer zurückgelassen.
Und da war ich nun in unmittelbarer Nähe des Königs selbst. Er war stattlich – gewiß der stattlichste Mann, den ich jemals gesehen hatte, eben so, wie ein König sein sollte. Damals war er dreiundzwanzig Jahre alt. Sein Haar glänzte golden im Septembersonnenschein; er trug es kurz und glatt nach einer Mode, die aus Frankreich gekommen war, von wo Simonette mir sagte, die besten Modeschöpfungen kamen. Niemandem hätte gesagt werden müssen, daß er der König war; alle hätten es bei seinem bloßen Anblick gewußt. Er glitzerte. Die Juwelen an seiner Robe blendeten das Auge. Er lachte und scherzte, als er daherritt, und das Lachen der Menschen, die ihn begleiteten, schien jede seiner Bemerkungen zu unterstreichen.
An seiner einen Seite ritt die Königin und an der anderen die Prinzessin Mary. Neben ihm sah die Königin fast farblos aus – eine Pfauhenne neben einem prächtigen Pfau. Sie hatte ein ernstes, freundliches Gesicht, und das Kreuz, das sie an einer Halskette trug, lenkte die Aufmerksamkeit auf ihre Frömmigkeit, die, wie wir alle wußten, ihre herausragende Eigenschaft war.
Prinzessin Mary sah ihrem Bruder sehr ähnlich. Sie war von beeindruckender Schönheit, hatte jedoch zur Zeit einen eher mürrischen Gesichtsausdruck, der zu erkennen gab, daß sie über Ihre Heirat nicht gerade entzückt war, so sehr sich andere auch dafür begeistern mochten.
Ich dachte daran, wie beängstigend es sein mußte, zu einem Ehemann geschickt zu werden, den man noch nie gesehen hatte und der schon zwei Frauen gehabt hatte, von denen die letzte noch nicht lange tot und die erste verstoßen worden war, weil sie verwachsen und unansehnlich war und keine Kinder zur Welt bringen konnte. Ich wußte darüber Bescheid, weil Simonette es für notwendig gehalten hatte, mich über alles aufzuklären, was um mich herum in der Welt geschah, und da ich als altklug galt und, wie Simonette sagte, für mein Alter eine erstaunliche Reife besaß, hörte ich genau zu, was man mir erzählte, und prägte es mir ein.
Die Heirat der Prinzessin war arrangiert worden, um die Freundschaft zwischen den Ländern Frankreich und England zu besiegeln, die bis vor kurzem noch Krieg miteinander geführt hatten. Englands Verbündete waren Kaiser Maximilian und Ferdinand von Spanien gewesen, aber Maximilian und Ferdinand waren unsichere Verbündete und Louis von Frankreich war ein kluger Mann, der die Unnötigkeit des Krieges erkannte und bemüht war, ihn zu beenden. Er tat dies, indem er seine Tochter Renée Maximilians Enkel als Braut anbot und dadurch das Bündnis auflöste; Ferdinand bot er Navarra an, auf das jener seit langem ein Auge geworfen hatte. Damit blieb England als Frankreichs einziger Gegner übrig, doch Louis war darauf vorbereitet. Warum heiratete er nicht Henrys Schwester und verwandelte so eine Feindschaft in Freundschaft? Es muß unserem König schwergefallen sein, einen so verlockenden Preis auszuschlagen. Seine Schwester Königin von Frankreich! Also stimmte er zu, zumal er noch unter der Demütigung litt, die der Verrat Maximilians und Ferdinands ihm zugefügt hatte, und er ein gutes Geschäft erkannte, wenn sich ihm ein solches bot. Es war zu reizvoll, als daß er ihm hätte widerstehen können, und so wurde eine äußerst widerstrebende Prinzessin Mary zum Traualtar geführt. Es war kein Wunder, daß sie mürrisch aussah.
Als wir in Dover eintrafen, tat sich ein stürmischer Wind auf, und ein Gefühl von Besorgnis ergriff die Reisegesellschaft. Niemand von uns freute sich darauf, jene Meerenge zu durchqueren, die uns vom europäischen Festland trennte. Stürme entstanden ganz plötzlich, und ich hatte Menschen voll Entsetzen berichten hören, was man auf einem sturmgepeitschten Schiff durchmachen mußte.
So kamen wir zu der Burg, in der wir uns aufhalten sollten, bis die See wieder so ruhig wäre, daß wir die Überfahrt würden antreten können.
Die große Festung mit ihren in den massiven Felsen eingegrabenen Fundamenten ragte vor uns auf. Sie war als das »Tor Englands« bekannt – ein gewaltiges Bauwerk, das zweitausend Soldaten beherbergen konnte und seit Jahrhunderten dem Meer zugewandt dort stand. Man sagte, bereits der legendäre König Arthur habe die Burg bewohnt und William der Eroberer habe Mühe gehabt, sie einzunehmen. Natürlich hatte sie sich seit jenen Tagen verändert; sie war restauriert und erweitert und so zu der großen Festung gemacht worden, die sie heute war. Und hier mußten wir nun bleiben, um des Königs und Meeres Willen abzuwarten.
Als ich im Bett lag und dem Wind lauschte, der um die Burgmauern heulte, mußte ich daran denken, wie schnell sich mein Leben verändert hatte. Mit dem Tod meiner Mutter vor zwei Jahren hatte es angefangen.
Ich glaubte, ich würde jenen Tag in Buckling nie vergessen. Die Wyatts, Thomas und Mary, waren zusammen mit meiner Schwester Mary, meinem Bruder George und mir im Garten. Wir trafen uns oft mit den Wyatts, weil unser Vater und ihr Vater gemeinsam zu Constables des Schlosses von Norwich ernannt worden waren; und wenn wir in Kent waren – sie in Allington und wir in Hever –, waren wir nächste Nachbarn. Wir waren enge Freunde. Ich fand Thomas’ Gesellschaft aufregend und Marys wohltuend.
Thomas war ein lebensprühender Mensch. Er schrieb Gedichte, die er uns vorzulesen pflegte; manchmal brachten sie uns zum Lachen, manchmal stimmten sie uns auch nachdenklich. Ich war immer froh, Thomas zu sehen, und seine Schwester Mary war ein Mädchen, das nie ein unfreundliches Wort über andere verlor; sie war ernst und recht klug. Ich glaube, ich mochte Thomas lieber als irgendjemanden sonst, mit Ausnahme meines Bruders George, der ebenfalls Dichter war und großes Redetalent besaß.
Ich liebte die Gesellschaft beider, obwohl man von mir erwartete, daß ich nur zuhörte; ich durfte nicht viel sagen, da sie um so vieles älter waren als ich.
Meine Schwester Mary hingegen gab freimütig zu, daß sie nie zuhörte, wenn George und Thomas etwas sagten. Ihre Gedanken schweiften gewöhnlich ab, um sich leichteren Themen zuzuwenden, zum Beispiel der Frage, welches Haarband sie tragen oder ob sie ein blaues oder ein rosarotes Kleid anziehen solle. Das war Mary – weniger dumm als vielmehr unfähig sich zu konzentrieren. Aber sie war gutmütig, und wir alle hatten sie gern.
Ich war noch nicht ganz sechs Jahre alt, aber ich wirkte wesentlich älter, vielleicht, weil mein Vater darauf bestanden hatte, daß Mary und ich eine bessere Erziehung als die meisten Mädchen unseres Standes genießen sollten, und ich zog Nutzen daraus, auch wenn Mary es nicht tat. Töchter aus niederen Adelsfamilien wurden gewöhnlich in ganz jungen Jahren aus ihrem Elternhaus fort zu einer Familie des Hochadels geschickt, wo sie Lesen und Schreiben, Singen, Tanzen und das Lautenspiel, das Reiten im Damensattel und den Hofknicks ebenso lernten wir vor und nach einer Mahlzeit die Hände zu waschen, anmutig mit einem Messer umzugehen, es geschickt in das Salzfäßchen einzutunken und eine bescheidene Portion Fleisch{i}zu nehmen, ohne sie mit den Fingern anzufassen. Das war meinem Vater nicht gut genug. Also wurden wir so lange zu Hause behalten, bis sich der richtige Platz für uns fände, was nicht so einfach war, da die Ziele meines Vaters hochfliegend und günstige Gelegenheiten rar waren.
Ich wußte natürlich, warum das so war. Ich hatte mitbekommen, wie George sich mit Thomas Wyatt unterhalten hatte. Wir brauchten in der Familiengeschichte nicht weit zurückzublättern um festzustellen, welch große Fortschritte wir gemacht hatten. Unser Urgroßvater, der Begründer unseres Wohlstandes, war ein einfacher Kaufmann gewesen, der mit Seide und Wollstoffen handelte. Er war allerdings ein ganz besonderer Kaufmann, denn er hatte einen Titel erworben und war Oberbürgermeister von London geworden. Seine größte Klugheit hatte er jedoch bei seiner Eheschließung bewiesen, denn seine Frau war die Tochter von Lord Hoo – und ihres Vaters Erbin obendrein. Sie hatten einen Sohn, William, der mein Großvater war und der die Tochter des Grafen von Ormond geheiratet hatte; auf diese Weise mischte sich noch mehr blaues Blut dem Kreislauf der Boleyns bei. Mein Vater hatte es am besten von ihnen allen gemacht, denn er hatte Elizabeth Howard, die Tochter des Grafen von Surrey, geheiratet, der zu gegebener Zeit Herzog von Norfolk wurde; und die Herzöge von Norfolk waren der – äußerst gefährlichen – Ansicht, sie seien königlicher als die Tudors.
Das sei das Prinzip, sagte George, und unser Vater plane für uns alle, damit fortzufahren. Deshalb müsse seinen Kindern auch eine besondere Erziehung zuteilwerden. Sie müßten darauf vorbereitet werden, den Höchsten im Lande gleichgestellt zu sein. Sie sollten daher nicht nur gute Umgangsformen erlernen, sondern auch die Ausbildung genießen, die im allgemeinen königlichen Kindern vorbehalten war.
Unsere Erzieherin, Simonette, wußte das. Sie war eine weltzugewandte Frau und besaß sowohl die Schicksalsgläubigkeit als auch den Realitätssinn ihres Volkes. Ich war ihr Liebling, was seltsam war, weil Mary nicht nur liebenswerter als ich, sondern auch außergewöhnlich hübsch war. Sie war jedoch ein hoffnungsloser Fall, was die Unterrichtsstunden betraf, weil sie sich einfach nicht auf sie konzentrieren wollte – oder konnte. Daher vermutete ich, daß das der Grund sei, weshalb Simonette mich vorzog.
Ich mußte tanzen, wie die Franzosen tanzten, mich bewegen, wie man sich in Frankreich bewegte, und Französisch so sprechen, wie es in jenem Land gesprochen wurde. Ich mochte Simonette gern, weil sie mich bewunderte und ich mich schon immer danach gesehnt hatte, bewundert zu werden. Ich war mir durchaus bewußt, daß ich weniger hübsch als Mary war, und ich gestand dies Simonette.
»Nein, nein, nein«, rief sie, »du hast die Anmut, du hast den Charme! Du wirst es einmal weit bringen, kleine Anne. Mary – o ja ... sehr hübsch ... man liebt sie eine Zeitlang, weil sie großzügig ist ... zu großzügig ... und das kann fade werden. Oh, mon amour, ich möchte dich erleben, wenn du älter bist ... ein wenig älter, ja. Diese Augen – sie sind magnifique ... ja, magnifique. Und ich sage dir eins: Du verstehst es, sie zu gebrauchen. Das ist etwas, das dir in die Wiege gelegt worden ist, denn das brauche ich dich nicht zu lehren ... Sie werden verführerisch sein, diese Augen.«
Ich sah sie mir kritisch an. Sie waren groß und ließen das übrige Gesicht verhältnismäßig klein erscheinen. Sie und mein dickes, dunkles Haar waren die Entschädigung für das Muttermal vorne an meinem Hals und für den Ansatz eines Nagels seitlich an meinem kleinen Finger, der mich zu der Vermutung veranlaßte, Gott habe ursprünglich die Absicht gehabt, mir einen sechsten Finger zu geben, dann aber seine Meinung geändert und mir nur den Nagel gelassen.
Ich haßte diesen Nagel. Ich begriff nicht, wieso ich ihn hatte. Ich ertappte mich dabei, daß ich fasziniert auf anderer Leute Hände starrte.
Mein Bruder George sagte: »Mach dir nichts daraus. Es macht dich anders als andere. Wer will schon genauso sein wie jeder andere?«
»Ich«, erwiderte ich mit Inbrunst.
Simonette versuchte ebenfalls, mich zu trösten. »Manchmal ist es geradezu chic, eine kleine Unvollkommenheit zu haben ..., menschlicher ..., aufregender ..., faszinierender. Du wirst schon sehen.«
Dann kam jener Sommertag, an dem wir alle im Garten waren. Ich erinnere mich noch so genau an das Gefühl drohenden Unheils. Ich wußte, daß etwas Furchtbares geschehen würde. Im ganzen Haushalt wurde im Flüsterton gesprochen. Sogar George und Thomas Wyatt waren still, Mary versuchte, die Bedrohung abzuwehren, indem sie – wie gewöhnlich – so tat, als gäbe es sie nicht.
Aber wir wußten, daß etwas nicht stimmte, denn man hatte nach meinem Vater geschickt und ihn vom königlichen Hof nach Hause geholt, und das war etwas, das niemand wagen würde, es sei denn, es ging um etwas sehr Wichtiges.
Meine Mutter lag im Sterben. Diese Krankheit war nicht bloß eine jener Krankheiten, die ihr jährlich zu schaffen machten. Es war auch nicht das, was sie so oft eine »erneute Enttäuschung« nannten. Dies war mehr. Die Ärzte waren mit der Hebamme da.
Ich mußte an meine Mutter denken. Sie war zärtlich und liebevoll zu uns Kindern, aber wir hatten sie selten gesehen. Wenn es ihr gut ging, begleitete sie unseren Vater an den Hof, und nur wenn er sich auf diplomatischer Mission im Ausland aufhielt, kehrte sie zu ihrer Familie zurück. In den letzten Monaten ihrer Schwangerschaften war sie gewöhnlich bei uns; dann kam die Niederkunft und die kurze Ruhepause, bevor sie wieder unseren Vater aufsuchte. Es war ein Ablauf, der sich endlos zu wiederholen schien.
Weder George noch Thomas Wyatt konnten an jenem Tag wie gewohnt reden. Wir warteten und blickten von Zeit zu Zeit nur stumm zum Haus hinüber.
Es war Simonette, die kam, um es uns mitzuteilen. Ich wußte Bescheid, sobald ich sie über den Rasen kommen sah, zögernd, als erreiche sie uns nur ungern.
Seine Mutter zu verlieren, wenn man noch keine sechs Jahre alt ist, ist nicht nur eine tragische, sondern auch eine lehrreiche Erfahrung. Es lehrt einen, daß das Leben nicht so erfreulich berechenbar ist, wie man geglaubt hatte. Es überkommt einen ein schreckliches Gefühl der Einsamkeit und die beängstigende Einsicht, daß nichts je wieder so sein wird, wie es vorher war.
Unser Vater reiste in diplomatischer Mission in die Niederlande und war ein ganzes Jahr lang fort, und als er zurückkam, erfolgten weitere Veränderungen in unserem Haushalt. Er war offensichtlich recht zufrieden mit sich. George erzählte uns, er habe den Auftrag gehabt, mit Margarete von Savoyen, der Erzherzogin von Österreich, einen Vertrag abzuschließen, in dem sich Kaiser Maximilian, Papst Julius und Ferdinand von Spanien mit England zum Krieg gegen Frankreich verbündeten. Es war ein Vertrag, der schon bald darauf scheitern sollte; zu jener Zeit war mein Vater noch überzeugt, daß sein Abschluß ein großer Erfolg für ihn war. Noch etwas anderes freute ihn gleichermaßen. Meine Schwester Mary sollte an den Hof in Brüssel geschickt werden, über den Margarete als Regentin der Niederlande herrschte.
George sagte: »Das ist es, was unser Vater immer gewollt hat – seine Kinder in königliche Kreise einführen.«
So verlor ich Mary, und da George – zusammen mit Thomas Wyatt – bald nach Cambridge gehen sollte, schrumpfte unser kleiner Kreis beträchtlich, und Mary Wyatt und ich taten unser Bestes, uns gegenseitig zu trösten.
Ich erinnere mich gut an die langen Sommertage, an denen ich in Hever war oder nach Allington hinüberritt und mit Mary Wyatt die Tauben fütterte. Ich war fasziniert von den Tauben. Sie hatten – im Unterschied zu den gewöhnlichen grauen – hellbraunes Gefieder. Ich fand den Grund dafür, daß sie da waren, so romantisch. Ich hatte die Geschichte zum ersten Mal von Thomas gehört, der sie so schön – wie übrigens alles, was er formulierte – erzählen konnte.
Sein Vater, Sir Henry, war von Richard III., dessen Thronfolge er nicht bereit war zu unterstützen, gefangengenommen und in den Tower geworfen worden. Dort wurde grausam gefoltert, und jedes Mal, wenn er vor Schmerzen in Ohnmacht fiel, flößte man ihm gewaltsam Senf und Essig ein, um ihn wieder zu sich zu bringen. Als er sich dennoch weigerte, seine Standhaftigkeit aufzugeben, wurde er in eine Zelle gesperrt und dem Hungertod überlassen.
Sir Henry hatte schon geglaubt, daß sein Ende nahe sei, aber eines Tages sah er eine Katze auf dem Fensterbrett. Er taumelte zum Fenster, beglückt über die Gesellschaft eines anderen Lebewesens. Er steckte die Hand durch das Gitter, um das Fell der Katze zu streicheln. Statt ihn abzuweisen, schnurrte die Katze. Er fühlte sich dadurch schon besser. Dann lief die Katze fort, kam aber kurz darauf mit einer Taube zurück, die sie gefangen und getötet hatte. Die Taube war für Sir Henry. Es war Nahrung und er war halb verhungert. Also aß er die Taube.
Am nächsten Tag erschien die Katze wieder mit einer neuen Taube, und auf diese Weise hielt die Katze Sir Henry während der ganzen Zeit seiner Gefangenschaft am Leben. Dadurch erlebte er die Niederlage Richards bei Bosworth Field und die Ankunft Henry Tudors, der den Wunsch hatte, ihn für seine Treue zum Hause Lancaster zu belohnen, ihn sogleich befreite und ihm seine Besitztümer zurückgab.
Sir Henry vergaß das nie. Immer wenn ich ihn in Allington sah, hatte er eine Katze bei sich – nicht dieselbe, die ihn am Leben erhalten hatte, aber eine ihrer Nachkommen. Seine Katze war wie ein treuer Hund; sie folgte ihm, wohin er auch ging, schlief auf seinem Bett und war ständig in seiner Gesellschaft. Und um nicht zu vergessen, wie er gerettet worden war, ließ er Tauben nach Allington bringen, und er sagte, sie würden so lange dortbleiben, wie es Wyatts im Schloß gebe. Und das Merkwürdige war, daß die Katze und die Tauben von Allington sich anfreundeten. Sie lebten im Schloß freundschaftlich beieinander – Symbole des Überlebens von Sir Henry, der den Tudorkönigen weiterhin in Treue diente.
Mary Wyatt und ich waren oft zusammen in Allington oder Hever, bis ich erfuhr, daß ich nach Frankreich gehen sollte, um in den Dienst der Schwester des Königs zu treten.
Und hier war ich nun, im Begriff, mich auf dieses große Abenteuer einzulassen.
Als wir in der Burg von Dover ankamen, fegte vom Meer her ein heftiger Sturm über das Land, und mit einer wütenden Hingabe, die mich vor Furcht erschauern ließ, warfen sich die Wogen wie weiße Rösser den weißen Klippen entgegen.
Lady Guildford, der wir anvertraut waren, kam in den Raum, in dem wir untergebracht waren, und teilte uns mit, daß wir zwar noch nicht in See stächen, uns aber darauf einrichten sollten aufzubrechen, sobald die See ruhiger werde, was, so betonte sie, jederzeit der Fall sein könne.
Nachdem sie sich vergewissert hatte, daß wir es uns in unserem Raum bequem gemacht hatten, ging sie wieder zur Prinzessin, und ich blieb in der Gesellschaft der anderen Damen zurück, die dazu neigten, ihre aristokratischen Nasen über mich zu rümpfen. Ich galt als Außenseiterin unter meinen Begleiterinnen Anne und Elizabeth Grey, den beiden Schwestern des Marquis von Dorset, der Schwester von Lord Grey und der Tochter von Lord Dacre. »Wer sind schon diese Boleyns?« sagten sie. Sicher, ich war die Enkelin des Herzogs von Norfolk – des Mannes, der sich für königlicher hielt als die Tudors –, und er war auch tatsächlich zusammen mit seinem Sohn, dem Grafen von Surrey, in der Kavalkade geritten. Aber beide hatten meinen Vater geflissentlich übersehen, als ob sie jede verwandtschaftliche Bindung leugnen wollten, und ich vermutete, daß diese Damen sich nach dem Herzog richteten. Ich hatte immer gewußt, daß er die Einheirat meiner Mutter in eine Familie mißbilligte, die im Handel verwurzelt war. Folglich war ich von geringer Bedeutung – nicht nur wegen meiner Jugend.
Sie unterhielten sich über meinen Kopf hinweg, als sei ihnen meine Gegenwart gar nicht bewußt. Das machte mich wütend. Wer waren sie denn schon, fragte ich mich. Die Greys waren Nachkommen von Elizabeth Woodville, und wer war die, bevor der König sie zur Frau nahm? Mir hatte immer schon die Geschichte gefallen, wie er ihr zufällig im Wald begegnete, sich in sie verliebte und sie heimlich heiratete, und wie er, als die Heirat ein fait accompli war, seine Minister darüber in Kenntnis setzte, was er getan hatte. Das war der großartige Edward IV, der Großvater unseres jetzigen Königs, und wie einige Leute behaupteten, waren sich die zwei sehr ähnlich.
Edward hatte zwar im Rosenkrieg den Sieg davongetragen, war aber als der lasterhafteste Mann Englands bekannt, und seine Mätressen waren zahllos. Unser König hatte noch nicht denselben Erfolg in der Schlacht gehabt und war, wie ich Tom Wyatt hatte sagen hören, seiner Königin einigermaßen treu. Also bezog sich ihre Ähnlichkeit vielleicht nur auf die äußere Erscheinung.
Ich hörte wißbegierig zu, was um mich herum erzählt wurde. »Mir tut die Prinzessin leid«, sagte Anne Grey. »Sie ist so verärgert.«
»Wer wäre das nicht, herumgeschoben zu werden wie eine Schachfigur, erst mit dem einen verlobt, dann mit einem anderen. Und ausgerechnet die Prinzessin! Wir kennen doch ihr Temperament.«
»Ich nahm an, der König werde vielleicht im allerletzten Moment nachgeben. Er ist ja bekanntlich sehr nachsichtig mit ihr.«
»Das ist nun einmal die Politik. Es muß sein. Ich glaube, sie ist sogar ein wenig froh, Karl zu entkommen. Nach allem, was man hört, wäre er kaum der richtige Bräutigam für sie gewesen.«
Gelächter brach aus. »Und du glaubst, der arme alte Louis wäre das?«
»Psst. Lèse majesté. Du sprichst vom König von Frankreich!«
»Nun ja, wenn schon, aber jeder weiß doch, daß er immerhin zweiundfünfzig Jahre alt ist. Stellt euch nur unsere schöne Mary mit dem alten Mann vor.«
»Sie wird ihm schon beibringen, nach ihrer Pfeife zu tanzen.«
»Natürlich wird sie das. Aber wie verärgert sie ist ... und wie sie sich nach Suffolk sehnt!«
»Eine Zeitlang war ich sicher, der König werde ihr nachgeben.«
»O nein, nicht einmal seiner geliebten Schwester. Es ist alles Teil des Vertrages. Das ist das einzige, worum es bei königlichen Heiraten geht.«
»Ich wüßte zu gern, was sie tun wird, wenn sie ihn sieht.«
»Das wirst du schon noch. Sie wird es uns sicher wissen lassen. Sie wird es alle wissen lassen.«
»Wenn ihr Temperament mit ihr durchgeht ...«
»Was sicher der Fall sein wird.«
»Aber der König hat sie gern. Darum wartet er auch hier um sich von ihr zu verabschieden.«
»Vielleicht«, sagte Elizabeth Grey, »befürchtet er auch, daß sie an den Hof zurückkehrt ... oder mit Suffolk durchbrennt, wenn er sich nicht persönlich von ihr verabschiedet.«
»Wie gerne sie das täte.«
»Und meinst du, sie könnte es versuchen? Du kennst sie schließlich.«
Und so setzten sie ihre Unterhaltung fort, nachdem wir längst zu Bett gegangen waren; ich war jedoch so müde, daß ich schon bald fest eingeschlafen war.
Am nächsten Tag begegnete ich der Prinzessin persönlich. Sie nahm mein Kinn in ihre Hände und sah mich prüfend an. Offensichtlich war sie wieder guter Laune. »Die kleine Boleyn, nicht wahr?« fragte sie und fügte hinzu: »Schöne Augen hast du, mein Kind.« Und dann gab sie mir einen leichten Klaps auf die Wange. Das, sagten die Damen, sei in der Tat ein Zeichen der Anerkennung! Ich sagte, ich sei erstaunt, daß sie mich überhaupt bemerkt habe. »Ach, das ist nur, weil du so jung bist«, wurde ich von Anne Grey belehrt. »Lady Guildford ist in Wirklichkeit sehr verstimmt darüber, daß du hier bist. Sie sagte, man erwarte wohl von ihr, daß sie Kinder hüte.« Ich hörte, wie eine von ihnen im Flüsterton etwas über Thomas Boleyn sagte, das sich so anhörte, als halte er ständig Ausschau nach Begünstigungen. Trotzdem beunruhigte mich die Tatsache, daß sie meine Anwesenheit übelnahmen, nicht übermäßig. Alles war ja so neu für mich, und ich fand es sehr spannend, hier in der Burg zu sein, darauf zu warten, daß der Wind sich drehte und auf Abruf bereit zu sein, in See zu stechen.
Der Zeitpunkt kam um vier Uhr früh am Morgen des 2. Oktober. Je länger wir in der Burg verweilt hatten, um so unbehaglicher war uns allen zumute geworden, denn das Jahr schritt fort und der Oktober war bekannt für seine Stürme. Eigentlich hätten wir auf das Frühjahr warten sollen, aber Staatsangelegenheiten müssen nun einmal zum Abschluß gebracht werden, zu welcher Jahreszeit auch immer.
Ich werde diese Reise nie vergessen. Ich glaubte schon, das Ende meines Lebens sei gekommen und ich solle Frankreich nie erreichen. Wir waren noch nicht mehr als ein paar Meilen fort, als ein Sturm losbrach, der die Flotte in alle Winde zerstreute. Nicht einmal in meine wildesten Fantasien hatte ich mir so etwas je ausgemalt. Die Damen waren zutiefst verängstigt, und Lady Guildford wich nicht von der Seite der Prinzessin, die jedoch einen weniger bekümmerten Eindruck machte als wir anderen.
Da wurde mir klar, wie sehr ihr vor ihrer Heirat grauen mußte, denn sie rief unter ziemlich wildem Lachen aus: »Ich freue mich, Mutter Guildford, denn vielleicht werde ich nun doch nicht Königin von Frankreich!« Sie nannte Lady Guildford immer ›Mutter‹, weil sie zusammen waren, seit die Prinzessin ein Kind war.
Wie unglücklich muß jemand sein, der den Tod willkommen heißt. Aber später stellte ich fest, daß sie, die so voller Leben war, mit allen Fasern ihres Herzens am Leben hing. Prinzessin Mary konnte einfach nicht still trauern; sie mußte es auf dramatische Art und Weise tun und jeden wissen lassen.
Wir wurden also hin und her geschleudert und hatten solche Angst, daß wir nicht einmal die schreckliche Übelkeit spürten, unter der die meisten von uns begonnen hatten zu leiden. Wir konnten nur an eins denken, an den Tod auf dieser tobenden See.
Wir nahmen gerade Kurs auf Boulogne – später hörte ich, daß einige der Schiffe in Calais eingelaufen waren und es einige sogar nach Flandern verschlagen hatte – und die Qual schien kein Ende zu nehmen, als plötzlich jemand »Land!« rief.
Doch damit waren unsere Nöte nicht vorüber. Der Kapitän konnte das Schiff nicht in den Hafen steuern, und wir liefen außerhalb des Hafens auf. Aber zumindest fühlten wir uns dort verhältnismäßig sicher, denn obwohl wir noch immer vom Meer umgeben waren, konnten wir erkennen, wie vom Ufer aus Leute zusahen.
Wir waren alle an Deck, bis auf die Haut durchnäßt und mit wild wehenden Haaren, und bald darauf schickte man kleine Boote, die uns an Land holen sollten. Ein galanter Herr watete voraus und rief, er werde die Königin ans Ufer tragen. Mary wurde hinabgelassen, und wir verfolgten, wie er sie auf seinen Armen zum Festland trug. Dann waren wir an der Reihe, aber kein Kavalier kam, um uns zu holen. Wir mußten unter großer Mühe in die kleinen Ruderboote klettern und uns erneut den Wellen anvertrauen.
Aber schließlich war die Tortur vorüber. Wir waren angekommen. Es war ein furchterregendes Abenteuer gewesen.
Prinzessin Mary war in Wirklichkeit bereits Königin von Frankreich, denn die Eheschließung war als Ferntrauung in Greenwich vorgenommen worden; der Herzog von Longueville hatte dabei den König von Frankreich vertreten und in Frankreich hatte unpassenderweise der Graf von Worcester Marys Rolle übernommen. Dennoch neigte wir noch immer dazu, sie als unsere Prinzessin zu betrachten und würden es auch weiterhin tun, bis die Zeremonie zwischen ihr und König Louis stattgefunden hätte. Das sollte in zwei Tagen der Fall sein.
Am Tag nach unserer Ankunft sollten wir die Reise nach Abbéville antreten, wo der König warten würde, um seine Braut zu begrüßen.
Es war erstaunlich, wie schnell wir uns von den Strapazen der Überfahrt erholten. Kaum jemand hätte in der bezaubernden Gesellschaft, die sich anschickte, die neue Königin auf ihrem Weg zu ihrem Bräutigam zu begleiten, die schmutzigen und durchnäßten Wesen wiedererkannt, die in den Ruderbooten an Land gekommen waren.
Ich hatte viel über die Prinzessin nachgedacht und darüber, wie tragisch es für eine so schöne Frau war, eine Ehe ohne Liebe eingehen zu müssen, zumal sie – wie ich den Gesprächen entnommen hatte – einen anderen Mann liebte. Wäre ich älter gewesen und hätte ich über die Menschenkenntnis verfügt, die ich mir später aneignen sollte, so hätte ich vielleicht weniger Mitgefühl empfunden. Gewiß war Mary in Suffolk verliebt und, da sie eine Tudor war, extremen Gefühlen unterworfen; sie liebte und haßte intensiver als die meisten Menschen. Gewiß wurde sie zur Ehe mit einem alten Mann gezwungen, den sie möglicherweise abstoßend fand. Aber Mary besaß die glückliche Gabe, jede Situation zu ihrem Vorteil zu nutzen und, entschlossen, letzten Endes doch ihren Willen durchzusetzen, unbeschadet zu überstehen. Was sich dann auch bewahrheitete.
Wie schön sie in ihrem silberweißen Kleid mit der juwelenbesetzen Haube auf ihrem wunderschönen Haar aussah! Ihre Haut war glatt und rosig wie die ihres Bruders. Ich beneidete sie um ihre Blondheit.
Unsere Garderobe, die für diese Gelegenheit sorgfältig ausgewählt worden war, war sicher an Land gebracht worden, wofür wir dankbar waren. Unsere Kleider waren aus rotem Samt. Ich freute mich darüber, denn das war eine Farbe, die besonders gut zu meinen dunklen Haaren und Augen paßte. Ich bemerkte, wie eine oder zwei der Damen mich ansahen; sie sagten nichts, aber ich konnte an ihren Blicken erkennen, daß sie mich – wenn auch widerstrebend – bewunderten, was mir sehr gefiel.
Der König hatte Reiter und Bogenschützen geschickt, die uns begleiten sollten – zweifellos eine Anspielung auf unsere Kampfkraft{ii} obwohl wir durch diese Heirat die freundlichsten Nachbarn geworden waren.
Wir verließen gerade Boulogne, als ein Reitertrupp auf uns zukam. An seiner Spitze ritt einer der beeindruckendsten Männer, die ich je gesehen hatte. Er war groß – so groß wie der König von England, und man traf selten so hochgewachsene Menschen. Aber während Henry strahlend blond war, hatte dieser Mann dunkles Haar. Er war äußerst elegant gekleidet, und an seinem Gewand glitzerte nur hier und da ein Edelstein, was darauf schließen ließ, daß er guten Geschmack protziger Prachtentfaltung vorzog. Seltsamerweise ertappte ich mich dabei, daß ich ihn vom ersten Augenblick an mit dem König von England verglich.
Er war eindeutig eine Person von hohem Rang. Das erkannte man am Verhalten der Menschen, die bei ihm waren. Ich erfuhr bald, wer er war. Er war François von Valois, der Graf von Angoulême – und Frankreichs Thronfolger. Ich hatte schon von ihm gehört, denn Simonette hatte oft mit mir über ihr Land gesprochen. Falls der alte Louis keine Söhne bekommen sollte, würde François König von Frankreich werden.
Ich fragte mich, was wohl in François vorgehen mochte, als er dieses bezaubernde Mädchen sah, das in sein Land kam, um den König zu heiraten. Falls aus der Ehe Kinder hervorgingen, wäre das das Ende von François Hoffnungen.
Er hatte etwas Verschlagenes, fand ich, obwohl seine Manieren so erlesen waren wie seine Kleidung. Er sprang vom Pferd und verneigte sich tief, als er Marys Hand nahm. Seine Augen betrachteten sie genau, und es gelang ihm, mit seinen Blicken eine Menge auszusagen. Wenn er ausgesprochen hätte, daß er sie schön, charmant, aufregend und überaus begehrenswert fand, hätten seine Worte nicht beredter sein können als seine Blicke.
Er sprach sie in wohlklingendem Französisch an und versicherte ihr seine große Freude über ihre Ankunft. Er heiße sie in Frankreich willkommen und sei stolz, die Ehre zu haben, sie nach Abbéville zu geleiten.
Sein Blick schweifte über die Damen und schloß sogar mich ein, obwohl er mich zu jung und uninteressant gefunden haben muß. Dann ritt er an Marys Seite, und wir begaben uns nach Abbéville.
Als wir nicht mehr weit von der Stadt entfernt waren, näherte sich uns ein Trupp von Reitern. Sie hielten abrupt an und einer von ihnen löste sich von der Gruppe und kam auf die Prinzessin zu. Ich erriet, wer er war, denn der Thronfolger war vom Pferd gesprungen, nahm seine Kappe ab, verneigte sich und nahm eine respektvolle Haltung an. Dabei bemerkte ich ein leicht sardonisches Lächeln auf seinem gewinnenden Gesicht. Stellte er sich gerade vor, daß die Braut den König von Frankreich mit dem Thronfolger verglich? Der König sah neben François klein und unscheinbar aus. Seine Augen waren groß und etwas hervortretend; sein Hals war geschwollen – vermutlich infolge irgendeiner Krankheit. Aber er hatte etwas Freundliches an sich und deswegen mochte ich ihn. Er schaute Mary an und nahm uns andere, glaube ich, gar nicht wahr.
Sie saß auf ihrem Pferd, das blühende Leben und die Schönheit in Person, rosig von Gesicht, in Weiß und Gold gekleidet- und mit einem Hauch Tudor-Arroganz. Sie war sehr selbstsicher und, wie mir schien, ein wenig glücklicher angesichts solch offenkundiger Bewunderung.
»Der Kronprinz hat sich hoffentlich zufriedenstellend um Euch gekümmert«, sagte der König.
Mary antwortete in französischer Sprache und mit einem ganz bezaubernden Akzent, daß er das allerdings getan habe und daß alle sich vorbildlich um sie bemüht hätten, seit sie französischen Boden betreten habe.
Der König nahm ihre Hand und küßte sie. »Man hat mich getäuscht«, sagte er. »Man hat mir gesagt, Ihr seiet schön – aber nicht, wie schön.«
Mary entgegnete, Seine Hoheit sei zu liebenswürdig.
Der König fuhr fort, er habe seinen Höflingen angekündigt, er wolle auf die Jagd gehen, habe es dann aber doch nicht fertiggebracht, seine Ungeduld zu zügeln. Daher müsse er sie jetzt verlassen und dem Thronfolger die Aufgabe übertragen, sie nach Abbéville zu begleiten. So könne sie auch sicher sein, daß der Jubel der Menschen ihr allein gelte.
Er ritt fort. François schwang sich in den Sattel und führte sein Pferd dicht an das ihre heran. Es war nicht zu übersehen, daß er sich zu ihr hingezogen fühlte.
Und so kamen wir nach Abbéville.
Am nächsten Tag fand die Hochzeit statt. Mein Großvater, der Herzog von Norfolk, und der Marquis von Dorset ritten mit der Prinzessin zum Hôtel de la Gruthuse.
Ich fragte mich, was sie wohl von ihrem kränklichen Bräutigam mit den hervortretenden Augen und dem geschwollenen Hals halten mochte. Natürlich hatte er ihr eine Krone zu bieten. Ob sie wohl der Ansicht war, daß es sich lohne? Ich wußte, daß dem nicht so war, denn sie sehnte sich nach dem Herzog von Suffolk. Alle wußten es, denn sie machte kein Geheimnis daraus. Ich war froh, daß ich noch nicht zu heiraten brauchte, und ich überlegte, wen man wohl für mich aussuchen würde. Ich würde protestieren, wenn ich mit der Wahl nicht einverstanden wäre. Aber zum Glück war ich nicht königlicher Abstammung. Ich war dankbar dafür, keine Klausel in einem Vertrag sein zu müssen.
Die Zeremonie fand im großen Saal des Hôtel de la Gruthuse statt, der aus diesem Anlaß prächtig hergerichtet worden war. Die Wände waren mit Gold- und Silberstoffen und schönen Wandteppichen ausgekleidet. Die Glasfenster waren nach einem Entwurf gestaltet, der Szenen aus dem Leben des Heiligen der Stadt, Wulfran, darstellte; sie warfen ein getöntes Licht auf den Gold- und Silberstoff und bewirkten ein Schimmern, das die eleganten Möbel, die für diese besondere Gelegenheit eigens in dem Saal aufgestellt worden waren, in eine ganz zauberhafte Atmosphäre hüllte.
Ein Baldachin wurde über die Braut gehalten; einer seiner Träger war der Thronfolger, der andere der Herzog von Alençon, der Ehemann der Schwester des Thronfolgers, Marguerite.
So wurde aus Mary Tudor wirklich die Königin von Frankreich.
Bei dieser Feierlichkeit sah ich zum ersten Mal Prinzessin Claude, die Tochter des Königs; ich hatte zu meiner Verwunderung erfahren, daß sie die Frau des faszinierenden Thronfolgers war. Welch ein ungleiches Paar! Sie hatte eine leichte körperliche Mißbildung, hinkte und sah kränklich aus. Offensichtlich war ihre Ehe durch einen Vertrag zustande gekommen. François, der zukünftige König Frankreichs – vorausgesetzt, Louis zeugte keinen männlichen Erben – war natürlich gezwungen gewesen, die Tochter des derzeit herrschenden Königs zu heiraten. Es war alles sehr logisch, aber ich hätte doch gern gewußt, was in Claude vorging als sie ihren betörenden Mann beobachtete, und noch lieber hätte ich gewußt, was in François vorging. Daß er ehrgeizig war, darüber bestand kein Zweifel. Was empfand er in diesem Augenblick, als er miterlebte, wie der König – offensichtlich verliebt – diesem schönen jungen Mädchen angetraut wurde? Wenn aus der Ehe Kinder hervorgingen, was würde dann aus den Hoffnungen, die François sich auf die Krone machte?
Es war eine interessante Situation, und nun, da ich mich von der schrecklichen Überfahrt erholt hatte, begann ich wieder, ich selbst zu sein und den Aufenthalt hier amüsant zu finden – weit weg von den Provinznestern Buckling und Hever, inmitten der großen Welt, in der außergewöhnliche und spannende Ereignisse stattfanden.
An jenem Abend gab es viel Gekicher und Geflüster in unseren Räumen. Alle redeten über die neue Königin von Frankreich und den alten König.
Lady Guildford war sehr traurig. Sie war seit der Kindheit der Prinzessin mit ihr zusammen gewesen und betrachtete sie praktisch als ihr eigenes Kind. Sie ermahnte die Damen in scharfen Ton, denn sie konnte sich denken, worum es in ihrer Unterhaltung ging, und es empörte sie.
»Sie werden das Bett mit Weihwasser besprengen«, sagte Anne Grey. »Sie werden es segnen und beten, es möge fruchtbar sein.«
»Stell sie dir nur vor ..., wie sie sich das alles anhören wird. Man sagt, es sein ein schönes Bett, mit einem Baldachin aus Samt und reich verziert mit den goldenen Lilien Frankreichs. Die Franzosen verstehen etwas von Eleganz.«
»Das entschädigt nicht für den Mann mit dem sie es teilen muß.«
»Nun ja, wie wäre es mit François ...«
Sie flüsterten miteinander.
»Psst. Vergeßt die kleine Boleyn nicht. Warum haben sie uns Babys mitgeschickt!«
»Ihr Vater läßt sich keine Gelegenheit entgehen. Offenbar wittert er hier einen Vorteil.«
»Er ist sehr gerissen. Das hat er von den Seidenhändlern.«
Ich hatte Lust, sie zu schlagen. Ich wünschte, ich hätte es gekonnt. Ich war oft impulsiv und handelte, ohne weiter nachzudenken, aber ich vergaß nicht, daß ich auf der Stelle nach Hause geschickt würde, wenn ich durch unhöfliches Benehmen auffiele. Lady Guildford wäre nur zu froh über einen solchen Grund mich loszuwerden. Simonette hatte mir oft gesagt, daß ich zuerst handelte und dann nachdächte und daß das sehr unklug sei. Folglich, da nach Hause geschickt zu werden das letzte war, was ich mir wünschte, senkte ich bescheiden den Kopf und hörte einfach weg. Ich lag im Bett und dachte über den König von Frankreich und seine neue englische Königin nach.
Am nächsten Tag erwartete uns ein großer Schock. Die Damen, die aus England gekommen waren, um der Königin zu dienen, sollten alle heimgeschickt werden.
In unseren Gemächern herrschte große Bestürzung. Lady Guildford war zu erschüttert, um irgendetwas zu sagen. Die anderen schnatterten und spekulierten.
»Ist das die Art und Weise, wie er sie zu behandeln gedenkt? Das wird sie sich nie gefallen lassen. Sie wird wüten und toben.«
Ich fand, daß sie recht hatten. Aber andererseits besaß der König große Würde und Autorität. Ich hatte früher schon einmal gehört, daß, wenn Angehörige königlicher Familien ins Ausland heirateten, ihre Bedienten ausnahmslos ersetzt würden.
Lady Guildford war erbost, nachdem sie sich von ihrem ersten Schrecken erholt hatte. Betreute sie nicht die Prinzessin schon, seit diese ein Kind war? Wie sollte Mary ohne sie zurechtkommen?
Aber Mary kam ohne sie zurecht. Ihr blieb gar nichts anderes übrig.
Das Seltsamste jedoch war, daß der König Mary gestattet hatte, ein Mitglied ihres Gefolges bei sich zu behalten – das kleine Mädchen. Ich konnte es nicht glauben. Ich war ausgewählt worden, als einzige zu bleiben! Der Grund war natürlich mein sehr jugendliches Alter; man war offenbar der Ansicht, daß ich zu jung sei, um mich an politischen Intrigen zu beteiligen. Und so war ich sicher.
Vielleicht war Mary gar nicht so betrübt, ihre Hofdamen loszuwerden – abgesehen von Lady Guildford, die sie bestimmt von Herzen gern hatte. Mary, die ich nach der Abreise der anderen näher kennenlernen sollte, war von Natur aus stürmisch. Sie konnte wütend aufbrausen und kurz darauf bereits ihren Zorn vergessen haben. Sie war manchmal großzügig, dann wiederum kleinlich. Aber sie besaß einen gewissen Scharfsinn, der sie nie wirklich vergessen ließ, was für sie von Vorteil war; in welch impulsive Handlung sie auch verwickelt wäre, sie würde immer zur Vernunft kommen, bevor es zur Katastrophe käme.
Ich hatte den Eindruck, daß sie zu der Überzeugung gelangt war, der König von Frankreich werde nicht mehr lange leben. Was auch immer ihr bevorstand, konnte nicht von Dauer sein. Aus diesem Grunde war sie umgänglicher, als sie es normalerweise gewesen wäre, denn wenn sie erst ihre Freiheit zurückgewonnen hätte, würde sie selbst über ihre Angelegenheiten bestimmen können. Überdies hatte sie anstelle ihrer Damen die Herzogin von Alençon, die sehr begabte und faszinierende Schwester François, und deren Gesellschaft war, wie ich später erfahren sollte, wesentlich erfreulicher als die der entlassenen Hofdamen. Auch Prinzessin Claude wurde zu ihr geschickt, um sie zu trösten, und ich glaube, Claude mißfiel ihr ebensowenig. Sie war schließlich ihre Stieftochter, und die Tatsache, daß sie mit dem interessanten François verheiratet war, reizte Mary durchaus, sie näher kennenzulernen.
Ich freute mich festzustellen, daß sie so großen Gefallen an mir fand.
»Du bist alles, was sie mir gelassen haben!« rief sie und sah mich seltsam spöttisch an.
»Es tut mir leid, Euer Hoheit«, sagte ich.
»Leid! Daß du mir dienen sollst?«
»O nein, nein ..., leid, daß ich alles bin, was Euch geblieben ist. Ich meine, es tut mir leid für Euer Hoheit – mich freut es.«
Diese Antwort schien sie zu amüsieren.
»Nun, kleine Boleyn, dann müssen wir das Beste daraus machen, nicht wahr?«
Es gab Zeiten, da war sie fast liebevoll zu mir. Da zeigte sie mir die Juwelen, die der König ihr geschenkt hatte.
»Der Arme«, sagte sie, »er bemüht sich so sehr, mir zu gefallen.«
Sie hatte es gern, wenn ich ihr Haar bürstete. Dann lächelte sie mich an und ließ ihren Gedanken freien Lauf. Ich hatte manchmal den Eindruck, daß sie mein Alter ganz vergaß. Es dauerte nicht lange und sie erzählte mir von ihrem Geliebten, dem unvergleichlichen Charles Brandon, dem Herzog von Suffolk.
»Einen vollkommeneren Mann hat es nie auf Erden gegeben«, erklärte sie. Sie gebrauchte ständig überschwängliche Worte. »Er ist immer absolut der Beste beim Turnier.«
»Ist er besser im Turnier als Euer Bruder, der König, Madame?« frage ich unschuldig.
»Nun, für einen Untertan empfiehlt es sich, immer etwas weniger gut als ein König zu sein. Das solltest du wissen.«
»Aber was ist die Wahrheit?«
»Ach, die Wahrheit! Die Wahrheit ist, daß mein Charles der wunderbarste Mensch auf der Welt ist und alles besser macht als irgendjemand sonst.«
»Also – läßt er den König gewinnen?«
»Kleine Boleyn, du verlangst von mir, etwas auszusprechen, das Verrat an meinem Bruder wäre.«
Ich blickte erschrocken drein, daher nahm sie mir die Bürste aus der Hand legte den Arm um mich.
»Ich werde dich nicht verraten«, sagte sie und ihr lachendes Gesicht war dicht an meiner Wange. »Ich werde dich nicht in den Tower werfen lassen. Ich werde dich nicht einmal foltern lassen. Na, na, kleine Boleyn. Ich glaube, nun habe ich dir wirklich Angst gemacht. Nun aber ernsthaft. Unter uns in diesen vier Wänden: Charles ist der großartigste Mensch auf der Welt, und niemand, niemand hält einem Vergleich mit ihm stand.«
Dann saß sie gewöhnlich mit einem verträumten Blick in den Augen da und dachte an ihn, doch dann plötzlich schien sie sich wieder zu erinnern, daß sie mit dem König verheiratet war, und ihre Augen wurden dunkel vor Zorn.
Ich pflegte bei ihr zu sitzen und sie zu beobachten, während ich auf Anweisungen von ihr wartete; aber manchmal schien sie zu vergessen, daß ich anwesend war.
Dennoch hatte sie mich damals auf ihre Art gern; sie schickte oft nach mir. Es gefiel ihr, glaube ich, wenn ich allein kam, so daß sie ungehemmt Selbstgespräche führen konnte – denn genau das war es, was sie tat. Ich war zu jung, um ernsthaft beachtet zu werden. Ich vermute, sie fühlte sich gelegentlich ein wenig einsam in dem fremden Land. Schließlich war ich die einzige englische Bediente, die bei ihr bleiben durfte. Ich hörte gern zu, wenn sie von ihrer Liebe zu Charles Brandon sprach. Ein- oder zweimal, als ich sie verträumt ins Leere starren sah, hatte ich sie sogar ganz vorsichtig dazu gebracht, über ihn zu reden; ich hatte etwas gefragt, was den Herzog von Suffolk betraf, und sie war nur allzu bereit gewesen zu reden.
»Schon als ich ihn zum ersten Mal sah, wußte ich, daß er der Richtige für mich war.«
»Wußte er davon?« fragte ich.
»Er weiß es jetzt.«
Dann wandte sie sich mir zu ergriff meinen Arm.
»Eines Tages, kleine Boleyn, wird Charles mein Ehemann sein. Wenn eine Prinzessin heiratet, verstehst du, geschieht das aus Gründen der Staatsraison ..., aber wenn sie das einmal gemacht hat, sollte sie beim nächsten Mal selbst frei wählen dürfen. Meinst du nicht auch?«
»O ja, Madame.«
»Das werde ich auch ..., wenn ... wenn ...« Sie legte den Finger an die Lippen. »Der König ist schon sehr alt.«
»Ja, Madame.«
»Und ich bin jung. Weißt du, bevor ich an diesen Hof kam, pflegte er um sechs Uhr zu Bett zu gehen ... und jetzt kommt er nie vor Mitternacht ins Bett. Dafür sorge ich schon. Meinst du, ich habe Lust, schon um sechs Uhr zu Bett zu gehen ... mit ihm?«
»Ich glaube nicht, Madame.«
