Königliche Rivalin - Jean Plaidy - E-Book

Königliche Rivalin E-Book

Jean Plaidy

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Beschreibung

Die Krone war ihre Bestimmung … Im Alter von sechs Tagen machte das Schicksal Maria Stuart zur Königin von Schottland – doch während die Highland-Clans und Adeligen um die Vormacht im Land kämpfen, wächst sie in der Sicherheit des französischen Hofes auf. Schon früh wird die junge Frau für ihre Schönheit und ihr künstlerisches Talent bewundert – doch bald holen die Pflichten ihrer Krone sie ein: Mit zwanzig Jahren kehrt Maria als junge Witwe und Königin von Schottland und Frankreich in ihre Heimat zurück. Aber das Land ihrer Geburt ist ihr vollkommen fremd und das Volk beginnt bald gegen die junge Regentin zu rebellieren. Noch dazu hat in ihrer Abwesenheit eine Gruppe machthungriger Lords die Hände nach der Krone ausgestreckt und Maria muss schnell lernen, wem sie vertrauen kann, um ihren Thron – und ihr Leben – zu verteidigen …  »Niemand mischt Romantik und Drama auf so fesselnde Weise wie Jean Plaidy.« New York Times Ein ergreifender Historienroman der englischen Bestsellerautorin – für alle Fans von Alison Weir und Philippa Gregory.

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Seitenzahl: 702

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Über dieses Buch:

Im Alter von sechs Tagen machte das Schicksal Maria Stuart zur Königin von Schottland – doch während die Highland-Clans und Adeligen um die Vormacht im Land kämpfen, wächst sie in der Sicherheit des französischen Hofes auf. Schon früh wird die junge Frau für ihre Schönheit und ihr künstlerisches Talent bewundert – doch bald holen die Pflichten ihrer Krone sie ein: Mit zwanzig Jahren kehrt Maria als junge Witwe und Königin von Schottland und Frankreich in ihre Heimat zurück. Aber das Land ihrer Geburt ist ihr vollkommen fremd und das Volk beginnt bald gegen die junge Regentin zu rebellieren. Noch dazu hat in ihrer Abwesenheit eine Gruppe machthungriger Lords die Hände nach der Krone ausgestreckt und Maria muss schnell lernen, wem sie vertrauen kann, um ihren Thron – und ihr Leben – zu verteidigen …

Über die Autorin:

Jean Plaidy – wie auch Philippa Carr und Victoria Holt – ist ein Pseudonym der britischen Autorin Eleanor Alice Burford (1906–1993). Schon in ihrer Jugend begann sie, sich für Geschichte zu begeistern: »Ich besuchte Hampton Court Palace mit seiner beeindruckenden Atmosphäre, ging durch dasselbe Tor wie Anne Boleyn und sah die Räume, durch die Katherine Howard gelaufen war. Das hat mich inspiriert, damit begann für mich alles.« 1941 veröffentlichte sie ihren ersten Roman, dem in den nächsten 50 Jahren zahlreiche folgten, die sich schon zu ihren Lebzeiten über 90 Millionen Mal verkauften. 1989 wurde Eleanor Alice Burford mit dem »Golden Treasure Award« der Romance Writers of America ausgezeichnet.

Jean Plaidy veröffentlichte bei dotbooks ihre historische Romanreihe »Queens of England« mit den Einzeltiteln »Königreich des Herzens«, »Krone der Liebe«, »Im Schatten der Krone«, »Die Gefangene des Throns« und »Die Tochter der Krone«.

Außerdem erschien ihre dreibändige »Die Tudors«-Saga mit den Einzelbänden »Die erste Königin«, »Die Konkubine der Krone« und »Die Tochter des Verräters«.

Ihre historischen Romane »Königliche Rivalin« und »Die Erben der Medici« sind ebenfalls bei dotbooks erhältlich.

Unter dem Pseudonym Victoria Holt veröffentlichte sie ihren historischen Roman »Das Geheimnis der Engländerin«.

Als Philippa Carr veröffentlichte die Autorin ihren großen neunzehnbändigen Roman-Zyklus »Die Töchter Englands«, die der in mehreren Sammelbänden erschienen ist.

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eBook-Neuausgabe Mai 2025

Die englische Originalausgabe erschien erstmals 1955 unter dem Originaltitel »Royal Road to Fotheringay – Maria Stuart« bei Verlag Robert Hale, London.

Copyright © der englischen Originalausgabe 1955 Jean Plaidy

Copyright © der deutschen Erstausgabe Verlag Herder KG Freiburg im Breisgau 1976

Copyright © der Neuausgabe 2025 dotbooks GmbH, München

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Wildes Blut – Atelier für Gestaltung Stephanie Weischer unter Verwendung eines Motives von © Kathy / Adobe Stock sowie mehrerer Bildmotive von © shutterstock

eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH (mm)

ISBN 978-3-98952-957-1

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dotbooks ist ein Verlagslabel der dotbooks GmbH, einem Unternehmen der Egmont-Gruppe. Egmont ist Dänemarks größter Medienkonzern und gehört der Egmont-Stiftung, die jährlich Kinder aus schwierigen Verhältnissen mit fast 13,4 Millionen Euro unterstützt: www.egmont.com/support-children-and-young-people. Danke, dass Sie mit dem Kauf dieses eBooks dazu beitragen!

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Bei diesem Roman handelt es sich um ein rein fiktives Werk, das vor dem Hintergrund einer bestimmten Zeit spielt oder geschrieben wurde – und als solches Dokument seiner Zeit von uns ohne nachträgliche Eingriffe neu veröffentlicht wird. In diesem eBook begegnen Sie daher möglicherweise Begrifflichkeiten, Weltanschauungen und Verhaltensweisen, die wir heute als unzeitgemäß oder diskriminierend verstehen. Diese Fiktion spiegelt nicht automatisch die Überzeugungen des Verlags wider oder die heutige Überzeugung der Autorinnen und Autoren, da sich diese seit der Erstveröffentlichung verändert haben können. Es ist außerdem möglich, dass dieses eBook Themenschilderungen enthält, die als belastend oder triggernd empfunden werden können. Bei genaueren Fragen zum Inhalt wenden Sie sich bitte an [email protected].

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Jean Plaidy

Königliche Rivalin

Historischer Roman

Aus dem Englischen von Lotte von Schaukal

dotbooks.

TEIL I: MARY DIE KÖNIGIN

Kapitel 1: Die kleine Königin der Schotten

Kapitel 2: Am französischen Hof

Kapitel 3: Die Braut des Dauphins

Kapitel 4: Dauphine

Kapitel 5: Königin von Frankreich

Kapitel 6: Die junge Witwe

Kapitel 7: Zurück nach Schottland

TEIL II: MARY DIE FRAU

Kapitel 8: Rauhes Willkommen

Kapitel 9: Fehde über Fehde

Kapitel 10: Henry Darnley: der Prinzgemahl

Kapitel 11: Lord James Earl of Bothwell

Kapitel 12: Der Sturz

Kapitel 13: Tod in Fotheringhay

NACHWORT

LESETIPPS

TEIL I:MARY DIE KÖNIGIN

Kapitel 1: Die kleine Königin der Schotten

In den großen Räumen von Schloß Stirling spielten fünf kleine Mädchen Verstecken. Alle waren sie in ihrem fünften Jahr, und alle hießen Mary.

Die, die an der Reihe war zu suchen, stand mit fest geschlossenen Augen an der Wand, lauschte auf das Geräusch der trappelnden Füße und zählte leise vor sich hin: »Zehn ... elf ... zwölf ...«

Jetzt durfte sie die Augen öffnen, denn nun würden wohl alle schon außer Sicht sein. Noch bis zwanzig zählen ... dann würde sie zu suchen beginnen. Livy würde sich gleich durch ihr Kichern verraten – das tat sie immer –, Flem ihr Versteck preisgeben, weil sie gefällig sein wollte und es nicht in Ordnung fand, wenn ihrer geliebten Mary nicht alles, was sie unternahm, sofort gelang. Die flinke Beaton und die ruhige Seton würden nicht so leicht zu finden sein.

»Fünfzehn ... sechzehn ...«

Sie schaute zu den seidenen Wandteppichen auf. Sie waren so weich und so schön, weil sie aus Frankreich kamen. Ihre Mutter sprach oft von Frankreich, diesem schönsten aller Länder. Wenn sie von Frankreich sprach, wurde ihre Stimme zärtlich. In Frankreich, so schien es, gab es keinen Nebel und keinen Regen; französische Blumen waren schöner als schottische Blumen, und alle Männer waren hübsch.

In Frankreich hatte Mary einen Großvater, eine Großmutter und sechs Onkel. Es gab dort auch ein paar Tanten, aber die waren nicht so wichtig. Die Onkel waren alle große, schöne Männer, die tun konnten, was ihnen gefiel. »Einmal«, so sagte ihre Mutter oft, »wirst du sie sehen. Sie sollen sich deiner nicht schämen müssen.«

»Achtzehn ... neunzehn ... zwanzig ...« Sie hatte ja das Spiel ganz vergessen ... Sie stieß einen Warnruf aus und begann zu suchen.

Wie still die Räume waren! Sie hatten diesen Teil des Schlosses für ihr Versteckspiel gewählt, weil zu dieser Tagesstunde niemand zu erwarten war.

»Ich komme!« rief sie. »Ich komme!«

Sie blieb stehen, lauschte auf den Ton ihrer Stimme. Auf welche Seite waren sie wohl gegangen? Nach rechts oder nach links?

Sie wanderte durch die Zimmer, scharf nach allen Seiten spähend. War da ein Schatten hinter dem Lehnstuhl? Dort eine Ausbuchtung im Vorhang?

Sie hatte jetzt eines der Schlafzimmer erreicht, blieb stehen und sah sich um. Sie war sicher, etwas gehört zu haben, jemand war in diesem Raum. Ja, kein Zweifel.

»Wer bist du?« rief sie. »Wo bist du? Komm heraus! Du bist gefunden!«

Keine Antwort. Sie lief durch das Zimmer, dahin und dorthin, hob die Vorhänge auf, schaute hinter alle Möbelstücke. Ganz sicher war jemand hier.

Sie lüftete die Bettvorhänge, und da war die kleine MaryBeaton.

»Komm heraus, Beaton!« befahl die kleine Königin.

Aber Beaton rührte sich nicht. Sie lag auf dem Bauch, die Ellbogen aufgestützt, das Gesicht in den Händen.

Mary rief ungeduldig: »Komm heraus, hab’ ich gesagt.«

Beaton rührte sich noch immer nicht.

Das Blut schoß Mary in die Wangen. Sie war die Königin von Schottland und den Inseln. Große Männer knieten vor ihr und küßten ihr die Hand. Ihre Vormünder, die großen Earls – Moray, Huntley und Argyle –, sprachen nie ein Wort zu ihr, ohne zuerst niederzuknien und ihre Hand zu küssen, und jetzt weigerte sich die dicke kleine Beaton zu tun, was ihr befohlen war.

»Beaton, du hast mich gehört! Du bist gefunden. Komm sofort heraus. Die Königin befiehlt es dir.«

Jetzt erst verstand Mary, denn Beaton konnte nicht mehr an sich halten, streckte sich der Länge nach auf dem Boden aus und begann herzbrechend zu schluchzen.

Marys Ärger war weggeblasen. Sie kniete sich augenblicklich nieder und kroch unters Bett.

»Beaton ... liebe Beaton ... warum weinst du?«

Beaton schüttelte den Kopf und wandte sich ab; aber Mary hatte ihre Arme um die kleine Freundin geschlungen.

»Liebe Mary«, sagte die Königin.

»Liebe Mary«, schluchzte Beaton.

Selten nannte die Königin eine ihrer Freundinnen beim Taufnamen. Das geschah nur in Augenblicken besonderer Zärtlichkeit und wenn eine mit ihr allein war, denn Mary, die Königin, hatte gesagt: »Wie sollen wir wissen, wen wir meinen, da wir alle Marys sind?«

Eine Weile sprachen sie kein Wort; sie lagen beide unter dem Bett, jede hatte einen Arm um die Freundin gelegt. Die kleine Königin konnte hochmütig, konnte eingebildet sein; sie war aufbrausend, aber wenn die, die sie liebte, Kummer hatten, wollte sie immer den Kummer mit ihnen teilen und alles tun, was in ihrer Macht stand, um sie zu trösten. Die kleinen Mädchen liebten sie, nicht weil sie ihre Königin war, der zu dienen, die zu lieben ihre Eltern und Erzieher ihnen befohlen hatten, sondern weil sie ihre kleinen Sorgen zu den ihren machte. Es dauerte nicht lange, und sie schluchzte so herzbrechend wie Beaton selber, obwohl sie keine Ahnung hatte, worüber Beaton so traurig war.

Endlich flüsterte MaryBeaton: »Mein lieber Onkel ... ich werde ihn nie mehr wiedersehen.«

»Warum?« fragte Mary.

»Weil Männer gekommen sind und ihn erstochen haben. Er ist tot.«

»Wieso weißt du das? Wer hat dir das erzählt?«

»Niemand hat es mir erzählt. Ich habe gehorcht.«

»Sie sagen, man soll nicht horchen.«

Beaton nickte traurig. Aber die Königin machte ihr keinen Vorwurf daraus, daß sie gehorcht hatte. Wie sollte sie auch? Sie horchte ja selbst oft.

»Er ist tot«, wiederholte MaryBeaton, »und ich werde ihn nie mehr sehen.« Sie begann wieder zu weinen, und die zwei kleinen Mädchen drückten sich fest aneinander.

Es war heiß unter dem Bett, aber sie dachten nicht daran, herauszukommen. Hier waren sie beieinander, eingeschlossen in ihrem Leid. Mary weinte um Beatons willen, nicht um deren Onkel, den Kardinal, einen strengen Mann, der ihr oft gesagt hatte, wie brav sie sein müsse, wieviel von ihr abhinge und was es für eine wichtige Sache wäre, Königin von Schottland zu sein. Mary hatte diese ewige Rederei schon satt.

Jetzt sah sie ein anderes Bild des Kardinals vor sich: einen Mann, der auf dem Boden lag und dessen Körper von Messern durchbohrt war. Aber sie konnte nicht lange so an ihn denken. Sie erinnerte sich nur an den strengen Kardinal, der immerfort von ihren Pflichten gegenüber der Kirche zu ihr gesprochen hatte.

Sie waren noch immer unter dem Bett, als die andern sie fanden. Jetzt krochen sie heraus, die Gesichter von Tränen verschmiert. MaryFleming begann auch gleich aus Mitgefühl zu weinen.

»Männer haben Beatons Onkel erstochen«, verkündete Mary.

Alle vier kleinen Mädchen sahen traurig drein.

»Ich habe es gewußt«, sagte Flem.

»Warum hast du’s dann nicht gesagt?«

»Euer Majestät haben nicht danach gefragt«, war die Antwort.

Seton sagte sehr sachlich: »Nicht alle werden weinen. Der König von England wird sich freuen. Ich habe gehört, wie mein Vater das gesagt hat.«

»Ich hasse den König von England!« rief Mary.

Seton ergriff die Hand der Königin und sah sie mit einem ihrer feierlich-besorgten Blicke an: »Du darfst ihn nicht hassen«, sagte sie.

»Mary kann hassen, wen sie will«, erklärte Flem.

»Du solltest nicht deinen eigenen Vater hassen«, beharrte Seton.

»Er ist nicht mein Vater. Mein Vater ist tot; er ist gestorben, als ich noch in der Wiege lag, und darum bin ich die Königin.«

Seton gab nicht nach: »Wenn du einen Mann hast«, sagte sie, »ist sein Vater dein Vater. Meine Amme hat mir das gesagt. Sie hat mir gesagt, daß du den englischen Prinzen Edward heiraten wirst, und dann wird der König von England dein Vater sein.«

Marys Augen schossen Blitze. »Ich will nicht!« schrie sie. »Die Engländer haben meinen Vater getötet. Ich will den englischen Prinzen nicht heiraten.« Doch sie wußte, daß es leicht war, vor ihren Marys mutig zu sein und zu sagen, was sie tun und nicht tun wolle; sie war eine Königin und hatte doch schon mancherlei tun müssen, was nicht ihr Wunsch und Wille war. Sie wechselte das Thema, denn bei Unangenehmem verweilte sie nicht gern. »Kommt«, sagte sie, »wir wollen lesen und Geschichten erzählen, damit die arme Beaton vergißt.«

Sie gingen zu dem Fenstersitz. Mary nahm zuerst Platz, und die andern setzten sich um sie herum. Aber es war, als geisterten unheimliche Schatten durch den großen Raum. Es gelang nicht so leicht, die unguten Gedanken zu verscheuchen. Sie mochten lesen und Geschichten erzählen, aber sie konnten nicht ganz vergessen, daß MaryBeatons Onkel erdolcht worden war und daß eines Tages die Königin ihre Kindheit hinter sich lassen und die Frau irgendeines großen Fürsten werden würde, den andere für sie wählten ...

Die Königinmutter bemerkte sogleich die Spuren von Tränen auf dem Gesicht ihrer Tochter. Sie runzelte die Stirn. Mary war zu gefühlsbetont. Das mußte anders werden. Die Vormünder der kleinen Königin hatten bestimmt auch die Tränenspuren bemerkt. Nach der Ermordung des Kardinals waren es nur mehr drei: Moray, Huntley und Argyle.

Die Königinmutter hätte selbst Tränen vergießen können, wenn sie die Frau gewesen wäre, ihren Gefühlen freien Lauf zu lassen. Der Kardinal war der einzige Mann in diesem aufrührerischen Land, dem sie hatte vertrauen können.

Sie blickte sich in der Versammlung um. Da war der Regent, Arran, das Haupt des Hauses Hamilton und von königlichem Blut, der davon träumte, die Krone Schottlands zu tragen. Dieser Arran, dem man nicht trauen konnte, den sie für einen heimlichen Freund der Engländer hielt und der gehofft hatte, seinen Sohn mit Elisabeth, der Tochter des englischen Königs, zu vermählen und ihn dereinst nicht nur mit der Krone Schottlands, sondern auch mit der Englands gekrönt zu sehen. Da war der falsche Douglas, der so lange in England in der Verbannung gelebt hatte und erst nach dem Tod König Jakobs nach Schottland zurückzukehren wagte, Douglas, der mit dem König von England konspiriert hatte. Er war es, der, als er sich in der Gewalt der Engländer befand, die Heirat der kleinen Königin und Prinz Edwards empfohlen hatte. Er war es, der mit glatten Worten zu der Königinmutter gekommen war, um ihr die Vorteile dieser Verbindung auseinanderzusetzen.

Da war der gewaltige Earl von Bothwell, der seine Heiratswünsche auf sie selbst, die Königinmutter, gerichtet hatte. War er ihr ergeben? Wie konnte sie wissen, wer unter diesen Männern ihr Freund war? Schottland war ein zerrissenes Land, ein wildes Land von Clans. Hier gab es nicht jene Treue zur Krone wie in England und Frankreich.

Und ich, dachte sie, bin eine Frau, eine Französin, und mein Kind, noch nicht fünf Jahre alt, ist die Königin dieses fremden Landes.

Aller Augen waren auf das kleine Mädchen gerichtet. Welche Grazie! Welche Schönheit schon in diesem zarten Alter! Selbst diese grauhaarigen alten Clanhäuptlinge waren von ihrem Anblick bewegt. Wie anmutig sie dastand! Wie stolz sie den Kopf trug! Sie besaß die ganze Schönheit der Stuarts mit dem leichten fremdländischen Einschlag, der von ihren französischen Ahnen kam und die Stuartsche Schönheit noch erhöhte.

»Gott beschütze sie in allem, was sie tut«, betete ihre Mutter.

Aufschauend begegnete sie dem Blick von Lord James Stuart – Stuartaugen, dachte sie: dieser funkelnde Blick unter den schweren Lidern, schöne Augen ... sie erkannte Marys Augen darin; und die stolze Haltung des Kopfes verriet den Stuartschen Ehrgeiz. Lord James war noch nicht fünfzehn Jahre alt, und schon lauerte dieser Ehrgeiz in seinem Blick. Dachte er wohl jetzt: Hätte mein Vater meine Mutter geheiratet, säße ich auf dem Thron und es wäre meine Hand, die diese Männer küßten?

»Gott beschütze meine Tochter vor diesen Schotten«, betete die Königinmutter.

Die kleine Königin stand, während die großen Barone vortraten, um ihre Hand zu küssen – Arran, Douglas, sie lächelte sie an: sie sahen so freundlich aus ... Dann kam Jamie, der liebe Jamie. Jamie kniete vor ihr nieder, aber als er den Blick zu ihrem Gesicht erhob, zwinkerte er ihr heimlich zu, und sie hätte beinahe losgelacht. Es war eher komisch, daß der große, stattliche Jamie vor seiner kleinen Schwester kniete. Sie wußte freilich warum, denn sie hatte verlangt, es zu erfahren. Der Grund war der, daß der König, ihr Vater, zwar auch Jamies Vater, seine Mutter aber nicht die Königin gewesen war. Mary hatte noch andere Brüder und Schwestern. Wie schade, hatte sie zu ihren Marys gesagt, daß deren Mütter keine Königinnen waren, denn es wäre so lustig gewesen, eine große Familie um sich zu haben – auch wenn sie selbst um vieles jünger war.

Ihre Mutter wollte sie nicht länger aufbleiben lassen und sagte:

»Die Königin ist sehr müde; es ist Zeit, daß sie zu Bett geht.«

Mary wäre gerne geblieben, sie hätte so gerne mit Jamie geplaudert, ihn nach dem ermordeten Kardinal gefragt. Aber obwohl ihr alle die Hand küßten und schworen, ihr mit ihrem Leben zu dienen, wollte man sie nicht aufbleiben lassen, wenn sie Lust dazu hatte. Sie wußte, daß sie keinen Ärger zeigen durfte. Eine Königin zeigt ihre Gefühle nicht. Das hatte ihre Mutter ihr eingeschärft.

Alle verharrten in achtungsvoller Haltung, als sie den Saal verließ, um in ihr Schlafzimmer zu gehen, wo ihre Erzieherin, Lady Fleming, auf sie wartete.

»Unsere kleine Königin scheint nicht viel Freude mit ihren Höflingen zu haben«, sagte JanetFleming mit einer ihrer gewöhnlichen Lachsalven.

»Nein«, gab Mary zurück. »Ich wollte aufbleiben und mit Jamie reden. Er hat gezwinkert, als er meine Hand küßte.«

»Oh, Herren zwinkern dir schon zu, der Königin!« rief Janet. Mary lachte. Sie hatte ihre Erzieherin, die zugleich ihre Tante war, sehr gern. Von anderem abgesehen, war die rothaarige Janet sehr schön und, obgleich nicht mehr in ihrer ersten Jugend, immer zu Scherz und Lachen aufgelegt wie ihr kleiner Schützling. Sie war ebenfalls eine Stuart, die natürliche Tochter von Marys Großvater, und die kleine MaryFleming war ihre Tochter. Mary konnte durch Schmeicheln viel von ihr erreichen, was sonst nicht erlaubt war – auch ein Grund, sie innig zu lieben.

»Er ist doch nur mein Bruder«, sagte sie.

»Und sollte dankbar dafür sein«, ergänzte Janet. »Wäre er’s nicht, es wäre eine Beleidigung für das Königshaus gewesen.«

So plauderten sie fort, während Janet die kleine Königin zu Bett brachte; immer ging es um Tanzen, Kleider, Spiel und Unterhaltung, und als ihre Mutter ins Zimmer kam, hatte Mary für eine Weile den Kummer vergessen, den Beaton in ihrem weichen Gemüt erregt hatte.

Die Königinmutter schickte alle aufwartenden Frauen weg, und das war für Mary ein Zeichen, daß eine Rüge bevorstand. Es war eine sonderbare Sache, eine Königin zu sein. In der Öffentlichkeit durfte niemand sie schelten, aber unter vier Augen geschah das oft genug.

»Du hast geweint«, sagte ihre Mutter streng. »Tränenspuren waren auf deinen Wangen, als du die Lords empfingst.«

Frische Tränen traten in Marys Augen bei dieser Erinnerung. Arme Beaton! Sie dachte an ihr verzweifeltes Schluchzen.

»Haben deine Frauen dir nicht das Gesicht gewaschen, bevor du zur Audienz kamst?«

»Ja, Mama, aber es war ein so großer Kummer, daß es nicht weggegangen ist.«

Auf einmal war die Strenge verflogen, und die Königinmutter bückte sich, um das kleine Gesicht zu küssen. Mary lachte und schlang die Arme um ihren Hals.

Marie von Guise war beunruhigt. Mary trug zu deutlich ihre Gefühle zur Schau. Es war ein reizender Zug an ihr, aber nicht richtig bei einem Mädchen in ihrer Stellung.

»Jetzt ist es genug«, ermahnte sie. »Sag mir, warum du geweint hast.«

»Beatons Onkel ist erstochen worden.«

So wußte sie es also! Wie sollte es auch möglich sein, solche schreckliche Nachrichten von den Kindern fernzuhalten? Mary hatte allen Grund, Tränen zu vergießen. Kardinal Beaton, Verteidiger der Kirche in einem Land voll Ketzerei, war wirklich ihr Freund gewesen. Wer würde sie jetzt vor diesen ehrgeizigen Männern beschützen?

»So hast du den Kardinal sehr liebgehabt, Kind?«

»Nein.« Mary war ehrlich und sprach immer, ohne die Wirkung ihrer Worte zu bedenken. »Ich habe ihn nicht sehr gern gehabt. Ich habe wegen Beaton geweint.«

Ihre Mutter strich über ihr weiches, volles, kastanienbraunes Haar. Immer würde Mary aus dem falschen Grunde weinen.

»Ich teile den Schmerz der kleinen Beaton«, sagte die Königinmutter, »denn der Kardinal war nicht nur ein guter Mann, er war ein guter Freund.«

»Warum haben sie ihn getötet, Mama?«

»Wegen Wisharts Tod ... so heißt es.«

»Wishart, Mama? Wer ist das?«

Was habe ich da gesagt? dachte Marie von Guise erschrocken. Ich vergesse, daß sie noch ein Kind ist. Ich muß diese Geschichten von Blut und Mord von ihr fernhalten, solange ich kann.

Aber Mary brannte jetzt vor Neugierde. Sie würde es ja doch irgendwie herausbekommen. Hinter diesen tiefliegenden schönen Augen verbarg sich ein wacher Geist, der nach Wissen dürstete.

»Wishart war ein Ketzer, mein Kind, und hat die Strafe der Ketzer erhalten.«

»Was war das für eine Strafe, Mama?«

»Er hat den Tod erlitten, der den Ketzern gebührt.«

»Mama ... den Scheiterhaufen!«

Wieso wußte sie das? Hatte eine ihrer kleinen Freundinnen es ihr erzählt? Hatte sie Bilder in den Religionsbüchern gesehen? Die Königinmutter bedeckte ihr Gesicht mit beiden Händen, und Tränen rannen ihr aus den Augen.

»Mama, es ist so schrecklich. Er war ein Schotte, und sie haben ihn verbrannt ... sie haben ihn ganz einfach verbrannt!«

Ihre Mutter war zutiefst besorgt. Wie gefährlich konnte schon ein wenig Wissen sein, und ihre Tochter war so leicht erregbar. Was würde sie nächstens sagen? Sie war frühreif. Wie schnell konnte es geschehen, daß einer dieser Männer ihren Glauben zerstörte. Sie würden alles tun, was ihnen möglich war, um eine Ketzerin aus ihr zu machen. Das durfte nicht sein. Um der Ehre der Guisen, um des Glaubens willen durfte das nicht sein.

»Hör mich an, mein Kind. Dieser Mann Wishart hat seinen gerechten Lohn empfangen, aber weil der Kardinal eine Stütze des wahren Glaubens war, haben Wisharts Freunde ihn ermordet.«

»Dann haben sie recht getan. Ich würde die auch ermorden, die meine Freunde verbrennen.«

»Gerade erst hast du um den Kardinal geweint.«

»Nein, nein«, unterbrach Mary sie, »wegen der armen Beaton habe ich geweint.«

Die Königinmutter zögerte weiterzusprechen. Wie konnte sie alles, was in ihr vorging, einem Kind dieses Alters erklären? Wie konnte sie erwarten, daß der Verstand dieses Kindes das alles begreife? Dennoch mußte sie Mary vor dem Einfluß von Ketzern bewahren. Wußte sie denn, was James Stuart dem Kind einflüsterte, während er scheinbar mit ihm scherzte? Wie konnte sie wissen, was Arran und Douglas für Pläne schmiedeten?

»Hör mir zu, Mary«, fuhr sie fort. »Es gibt nur eine wahre Kirche auf dieser Welt. Das ist die römische Kirche. An ihrer Spitze steht der Papst, und es ist Pflicht aller Monarchen, der wahren Religion zu dienen.«

»Und tun sie das?«

»Nein, sie tun es nicht alle. Du mußt achten auf das, was du sagst. Wenn du etwas nicht verstehst, mußt du zu mir kommen. Du darfst zu niemandem über Wishart und den Kardinal sprechen ... zu niemandem ... nicht einmal zu deinen Marys. Du mußt immer daran denken, daß du die Königin bist. Du bist noch klein, aber eine Königin zu sein ist etwas anderes, als ein gewöhnliches kleines Mädchen zu sein, das nur ans Spielen denkt. Wir wissen nicht, wer unsere Freunde sind. Der König von England will dich in England haben und zusammen mit seinem Sohn erziehen lassen.«

»O Mama, könnte ich dann meine Marys mitnehmen?«

»Still! Du gehst nicht nach England.« Die Mutter nahm ihr Kind in die Arme und hielt es eng an sich gedrückt. »Wir wollen nicht, daß du nach England gehst, wir wollen dich hier bei uns behalten.«

Mary hörte mit großen Augen zu: »Könnten sie mich dazu zwingen?«

»Nein, außer ...«

»Außer was?«

»Außer mit Gewalt.«

Mary faltete die Hände: »O Mama, könnten sie das tun?«

»Sie könnten es, wenn sie stärker wären als wir.«

Marys Augen leuchteten unwillkürlich. Sie liebte Aufregung, und sie hatte – die Wahrheit zu sagen – das Schloß schon ein wenig satt, wo alle Räume ihr so vertraut waren. Niemals durfte sie über den Bereich des Schlosses hinausgehen, und wenn sie spielte, waren immer bewaffnete Männer da, die aufpaßten.

Ihre Mutter kam zu einem plötzlichen Entschluß. Das Kind mußte einsehen lernen, worum es ging, wenn nötig durch einen Schock.

»Du bist dumm, Kind«, sagte sie. »Versuch doch zu verstehen. Das Schlimmste, was dir geschehen könnte, wäre für dich, nach England geholt zu werden.«

»Warum?«

»Weil dann dein Leben in Gefahr wäre.«

Mary hielt vor Schreck den Atem an. Nein, das hatte sie nicht erwartet.

Es war der einzige Weg. Zu viele Gefahren lauerten, und das Kind mußte sich dessen bewußt werden.

»Du willst nicht, daß ich Edward heirate?«

»Ich weiß nicht ... noch nicht.«

Die Mutter erhob sich und trat ans Fenster. Sie blickte hinaus über das Land nach Süden und dachte an den alternden Herrscher Englands. Er wünschte die Heirat mit Mary für seinen Sohn und daß sie am englischen Hof als künftige Königin von England erzogen werde. Keine schlechte Aussicht ... wenn man es nur nicht mit diesem König zu tun gehabt hätte. Da gab es nämlich eine bedenkliche Klausel im Vertragsentwurf. Falls die kleine Königin der Schotten im Kindesalter stürbe, sollte die Krone Schottlands an England übergehen ... Nein, der königliche Mörder sollte niemals Gelegenheit haben, über Mary Stuarts Schicksal zu entscheiden! Wie leicht wäre es doch! Das kleine Mädchen konnte das Opfer der Pocken ... oder irgendeiner Krankheit werden. Nein und nochmals nein! Er hatte seine zweite und seine fünfte Frau ermordet, und manche sagten, er bereite die Ermordung der sechsten vor. Er sollte nicht die kleine Königin der Schotten der Liste seiner Opfer hinzufügen!

Aber wie solche Dinge einem Kind von fünf Jahren sagen!

Sie kehrte zum Bett zurück: »Genug, ich erlaube nicht, daß du nach England gehst. Und jetzt sollst du schlafen.«

Aber Mary schlief nicht. Sie lag wach in dem kunstvoll geschnitzten Bett mit den schönen Vorhängen, die ihre berühmten Onkel aus Frankreich ihr geschickt hatten, und dachte an das Scheusal, den König von England, der jeden Augenblick kommen konnte, sie mit Gewalt zu holen.

Mary wußte, daß eine Spannung in der Luft lag; sie kannte den Grund, warum sie nie ohne starke Bewachung über die Schloßmauern hinausdurfte: man fürchtete, sie könnte entführt werden.

Sie rief ihre Marys zusammen. Das Leben war aufregend; sie mußten das auch erfahren. Hier waren sie in Burg Stirling eingeschlossen, spielten Verstecken und Federball, lasen zusammen und kostümierten sich, während die Erwachsenen jenseits der Mauern ganz andere Spiele spielten, die viel gefährlicher waren.

Eines Tages, als sie wieder alle vier beim Spielen waren, rief Flem, die gerade am Fenster stand, alle heran. Ein Bote ritt in den Schloßhof ein, kotbespritzt und mit allen Anzeichen eines langen Ritts, das Pferd erschöpft und schaumbedeckt.

Die Kinder schauten – fünf kleine Gesichter ans Fenster gedrückt. Aber der Bote verweilte lange im Schloß, und sie wurden es müde, zu warten, bis er wieder herauskäme; so erfanden sie ein neues Spiel: das Botenspiel. Der Reihe nach übernahmen sie die Rolle des Boten, der, auf einem Steckenpferd, von weither geritten kam mit aufregenden Nachrichten, den König von England betreffend.

Später bemerkten sie düstere Gesichter um sich herum, einige aus der Dienerschaft waren in Tränen, und die Worte Pinkie Cleugh wurden im ganzen Schloß geflüstert.

Lady Fleming schloß sich in ihrem Zimmer ein, und die fünf Marys hörten sie bitterlich schluchzen. Die kleine Flem klopfte, zu Tode erschrocken, an der Tür und bat mit schriller Stimme, hereingelassen zu werden. Darauf kam JanetFleming heraus und schaute verstört auf die fünf kleinen Mädchen. Ihre eigene Mary lief auf sie zu, und Janet umarmte sie und wiederholte schluchzend wieder und wieder: »Mein Kind, meine Mary ... noch habe ich dich.« Dann ging sie wieder in ihr Zimmer, Flem mit sich nehmend, und schloß die Türe.

Mary, mit ihren drei Gespielinnen allein gelassen, spürte, wie ihr die Tränen auf das Samtkleid tropften. Sie verstand nicht, was geschehen war; sie war unglücklich, weil ihre liebe Tante Janet und die kleine Flem traurig waren.

»Was ist Pinkie?« fragte sie, aber nicht einmal Beaton wußte es.

Es war unmöglich weiterzuspielen. Sie saßen eng aneinandergedrückt auf dem Fenstersitz und warteten, sie wußten nicht auf was. Sie hörten eine Stimme unter dem Fenster sagen: »Es heißt, daß Hertfords Männer nicht mehr als sechs Meilen vom Schloß sind.«

Jetzt wußte Mary, daß Gefahr drohte. Hertford, so hatten ihre Vormünder ihr gesagt, war der Lord-Protektor, der herrschte, bis Edward, der Knabe, der leicht eines Tages ihr Gemahl werden konnte, dafür alt genug wäre: König Heinrich war nämlich vor kurzem gestorben. Für Mary war jetzt Hertford das Ungeheuer, der feuerspeiende Drache, der wie die sengenden und brennenden Männer im Grenzland über die Burg herfallen und die Königin von Schottland als Beute nach England schleppen würde.

Das war ein merkwürdiger Tag. Eine seltsame Spannung lastete über dem Schloß. Jederman wartete darauf, daß etwas geschehen würde. Mary sah ihre Mutter nicht an diesem Abend, und Janet war auch nicht anwesend, als sie zu Bett ging.

Endlich schlief sie ein. Plötzlich wurde sie durch dunkle Gestalten geweckt, die um ihr Bett standen. Sie fuhr auf mit dem Gedanken: Er ist da. Hertford ist da, um mich nach England zu holen.

Aber es war nicht Hertford. Es war ihre Mutter, und neben ihr standen der Earl von Arran, Lord Erskine und Livys Vater, Lord Livingstone. So wußte sie: Es ging um etwas sehr Wichtiges.

»Wach auf«, sagte ihre Mutter.

»Ist es schon Zeit aufzustehen?«

»Es ist eine Stunde nach Mitternacht, aber du mußt aufstehen, du gehst auf eine Reise.«

»Was! In der Nacht?«

»Sprich nicht soviel. Tu, was man dir sagt.«

Es mußte etwas ganz Wichtiges sein, denn sonst hätte nicht einmal ihre Mutter so zu ihr gesprochen in Gegenwart dieser Lords. Jetzt war sie wieder ein kleines Mädchen und hatte ohne Widerrede zu gehorchen. Es war nicht der Augenblick für das übliche Zeremoniell.

Lady Fleming, die Augen immer noch rot vom Weinen, trat ans Bett mit Marys pelzbesetztem Cape in der Hand.

»Schnell«, sagte sie, »es ist keine Zeit zu verlieren. Wenn Eure Lordschaften sich zurückziehen wollten, würde ich Mylady ankleiden.«

Während Mary in aller Eile angekleidet wurde, stellte sie eine Frage um die andere. »Wohin gehen wir? Warum gehen wir weg? Es ist Nacht ... tiefe Nacht ...«

»Jetzt ist keine Zeit für Fragen.«

Es hätte ein erregendes Abenteuer werden können, aber sie war zu müde, um viel von dieser Reise aufzunehmen. Undeutlich nahm sie die Gerüche der Nacht – eine Mischung aus feuchter Erde und Nebel – wahr. Im Halbschlaf hörte sie das pausenlose Getrappel von Pferdehufen; Stimmen drangen in ihre Träume: »Pinkie ... Pinkie ... Hertford auf unsern Fersen ... Vieh über die Grenze getrieben ... Raub ... Mord ... Feuer ... Blut.«

Worte, die die Erwachsenen schaudern machten, aber für ein Kind von fünf Jahren waren sie nicht viel mehr als Worte.

Jetzt befand sie sich in einem Boot und hörte das Geräusch von Rudern, die ins Wasser getaucht wurden ... Auf einmal wurde es ruhig und friedlich, so, als wäre die verzweifelte Hast nicht mehr nötig.

Der heftige Stoß des Bootes beim Anlegen weckte sie vollends. »Wo sind wir?« rief sie.

»Pst ... pst!« sagte eine Stimme. »Mama ist da.« Es war ihre Mutter, die so zu ihr sprach, als wäre sie wirklich ein Baby.

Sie wurde aufgehoben und in jemandes Arme gelegt, der schwarz gekleidet war. Auf dem Kopf trug er eine Kapuze. Sie hätte sich vor ihm fürchten können, wären nicht seine Augen so gütig und seine Stimme so sanft gewesen.

»Schlaf, meine Kleine«, sagte er, »schlaf weiter, kleine Königin. Du bist wohlbehalten in Inchmahome angekommen.«

Inchmahome! Das klangvolle Wort trat in ihren Träumen an die Stelle von Pinkie Cleugh und Blut ... Mord ... Raub. Inchmahome ... und Frieden.

Es kam ihr vor, als hätte sie schon lange in dem Inselkloster gelebt. Am Anfang vermißte sie viel, aber es dauerte nicht lange, und ihre vier Marys kamen nach, ihr Gesellschaft zu leisten. Lady Fleming blieb bei ihr, und da ihre Tante Trost brauchte, mußte sie selbst gefaßt sein. Lord Fleming war in der schrecklichen Schlacht von Pinkie Cleugh getötet worden. Er war einer von den vierzehntausend Schotten, die an jenem Tag gefallen waren.

Mary weinte bitterlich. Zuerst Beatons Onkel und jetzt Flems Vater. Und beide waren umgebracht worden! Beide hätten nicht sterben müssen. »Warum«, so fragte sie Lady Fleming vorwurfsvoll, »können nicht alle einander lieben und Freunde sein?«

»Das sind die verfluchten Engländer!« rief Lady Fleming. »Sie wollen Schottland für sich haben. Sie haben meinen Malcolm umgebracht. Ich hasse die Engländer.«

»Aber es waren nicht die Engländer, die den Kardinal Beaton umgebracht haben«, wandte Mary ein.

»Sie steckten auch hinter diesem Mord. Es sind Ketzer.« Mary umarmte ihre geliebte Janet und erinnerte sie daran, daß sie fünf Söhne habe und der große James jetzt Lord Fleming werde.

Janet nahm das liebliche Kindergesicht in beide Hände und küßte es. »Wenn du groß bist, werden dich viele lieben. Du hast etwas an dir, das Liebe weckt. Es werden viele Männer dasein, die dich lieben ...«

Janets Augen erhellten sich, und ihr Kummer schwand ein wenig, denn, ob sie wollte oder nicht, ihr Gefühl sagte ihr, daß auch für sie noch Männer dasein würden, sie zu lieben ... Sie war wohl nicht mehr ganz jung, aber ihr Reiz schien alterslos zu sein. Hier im Kloster würden ihre Wunden heilen, ihr Kummer sich legen, und wenn sie wieder in die Welt zurückkehrte, würde sie wieder sie selbst sein, das muntere, dem Vergnügen zugetane Geschöpf, das die Männer anzog – vielleicht weil sie selbst sich so leicht von ihnen angezogen fühlte.

So konnten sie sich gegenseitig trösten, und die kurze Ruhezeit auf der friedlichen Insel war etwas, woran sie in den kommenden Jahren noch mit Sehnsucht zurückdenken sollten.

Mary gewöhnte sich an das Leben auf der Insel; sie hatte bald mit ihren kleinen Freundinnen einen Miniaturhof um sich aufgebaut. Jeder betrachtete sie mit Entzücken – auch die Mönche. In ihrem schwarzen Seidenkleid mit dem in bunten Farben leuchtenden schottischen Halstuch, das von einer goldenen Spange zusammengehalten wurde, das schöne Haar lose um die Schultern, bot sie einen Anblick von seltenem Reiz.

Anfangs hatten ihr die Mönche in ihrem muffigen Schwarz nicht gefallen, ja sie war jedesmal erschrocken, wenn sie auf ihren Wanderungen durch die kahlen, kalten Räume einem von ihnen begegnete. Doch als sie sie näher kennenlernte, entdeckte sie eine milde Güte in ihnen, von der sie sich angezogen fühlte. Die Mönche richteten nur dann das Wort an sie, wenn sie von ihr angesprochen wurden. Sie sprachen aber auch nicht miteinander, außer wenn es unbedingt erforderlich war.

Mary lebte wie in einer Traumwelt, einer kleinen, von steinernen Mauern umschlossenen eigenen Welt. Immerfort läuteten die Glocken, denn das Leben auf der Insel im See Menteith war streng von den Glocken geregelt. Mary ging täglich mit ihren vier Freundinnen in den großen Raum mit den bunten Glasfenstern, dort betete sie zu den Heiligen und bekannte ihre Sünden.

Aber ihre Neugierde mußte befriedigt werden, und sie und ihre vier Marys gaben keine Ruhe, bis sie Lady Fleming das Geheimnis entlockt hatten.

»Warum sind wir hier, Tante Janet?«

»Es ist eine Erholung für mich nach dem, was ich gelitten habe.«

»Deshalb hat man mich mitten in der Nacht aus dem Bett geholt?« fragte Mary spöttisch.

»Es ist wegen der Engländer«, sagte Beaton.

»Hertfords Leute kamen bis nahe ans Schloß heran«, fügte Mary hinzu. »Wir haben davon gehört.«

Arme Janet! Sie konnte nie ein Geheimnis hüten. »Gut, ich weiß es«, gestand sie, »aber nichts und niemand wird es aus mir herauspressen.« Doch die fünf Marys brachten es zuwege; es dauerte nicht lange, und Janet sagte: »Wenn ich es euch sage, dürft ihr niemandem etwas davon erzählen ... niemandem.«

Sie gab zu, daß sie nach Inchmahome geschickt worden waren, um den Engländern zu entfliehen. »Deine Mutter hat ihre Pläne mit dir«, fügte sie hinzu.

»Was für Pläne?«

»Mit den Franzosen, heißt es.«

»Mit meinen Onkeln?«

»Sie schicken dauernd Boten zu ihr. Es gibt Leute, meine kleine Königin, die dich in England sehen möchten, aber deine Mutter hat andere Pläne.«

Lady Fleming konnte nicht dazu gebracht werden zu sagen, was das für Pläne seien, daraus schlossen die fünf kleinen Mädchen, die sie genau kannten, daß sie es nicht wisse und daß es daher nutzlos sei, weiter in sie zu dringen.

Sobald Mary in ihrem Zimmer war, das so kahl aussah wie eine Mönchszelle, kniete sie vor dem kleinen Altar nieder, der dort stand, aber statt zu beten, dachte sie an die Pläne, die mit den Franzosen geschmiedet wurden.

Sie erhob sich von den Knien und betrachtete das Schmuckstück genau, das ihre Mutter ihr gegeben hatte und das sie immer trug, um ihr Halstuch zu befestigen. Ihre Mutter hatte ihr die Bedeutung der auf der Agraffe eingravierten Bilder erklärt. Die Silberadler versinnbildlichten Lothringen, das Doppelkreuz Jerusalem und die Lilien Anjou und Sizilien. Ihre Mutter hatte gesagt: »Denke immer daran, wenn du in Angst bist oder im Begriff, etwas zu tun, wofür du dich schämen müßtest. Es ist das Zeichen des Hauses Guise und Lothringen.«

Guise und Lothringen waren Frankreich! Was hatte Lady Fleming mit den Plänen gemeint, die mit den Franzosen geschmiedet wurden?

Wohin ich auch immer gehe, sagte Mary zu sich, ich werde meine vier Marys mit mir nehmen. Ich werde mich nie, nie von ihnen trennen.

Nach einer gewissen Zeit begann sie das Leben im Kloster zu lieben. Es gab hier soviel zu entdecken, und die schwarzgekleideten Männer waren so willige Lehrer. Hier lernte sie Französisch, Spanisch, Italienisch und auch Lateinisch sprechen und lesen. Sie konnte in den Gartenanlagen um das Kloster spielen, soviel sie wollte, und niemand war da, der sie und ihre Freundinnen bewachte. Sie konnten gehen, wohin sie wollten, solange sie nur auf der Insel blieben.

Die Tage flossen geruhsam dahin, und allen kleinen Mädchen schien es, als lebten sie schon sehr lange auf Inchmahome.

Eines Tages, als sie am Seeufer entlangwanderten, sahen sie Männer auf die Insel zurudern. Sie liefen zurück, um Lady Fleming zu erzählen, was sie gesehen hatten. Mary war in großer Erregung, denn sie glaubte, die Engländer seien gekommen, um sie mitzunehmen.

Der Abt selbst eilte bestürzt zum Ufer. Janet hatte die Mädchen ins Kloster genommen, aber sie ließen sich’s nicht nehmen, die Dinge vom Fenster aus zu beobachten.

Sie sahen, daß der Abt lächelte und sich vor den Männern verbeugte.

»Engländer?« rief Janet aufgeregt. »Das sind keine Engländer, das sind schottische Edelleute. Verlaß dich drauf, die sind gekommen, uns heimzuholen.«

Sie hatte recht.

Janet legte das Cape um die zarte kleine Gestalt und rief Flem zu, die Agraffe zu bringen, die mit dem Wappen von Guise und Lothringen geziert war.

»Zurück zu etwas mehr Heiterkeit! Der Himmel sei gelobt!« rief Lady Fleming aus.

Aber merkwürdigerweise war Mary gar nicht so sicher, ob sie sich wirklich wünschte, von hier fortzugehen. Sie hatte jetzt schon so viele Freunde in dieser stillen Einsamkeit. Sie dachte an den großen, ruhigen Gemeinschaftsraum, in dem sie und ihre vier Marys so oft zusammen beim Unterricht gesessen hatten, sie dachte an die Freiheit, die sie bei ihren Wanderungen auf der Insel genießen konnten, an den Frieden und die Ruhe hier, die sie zuerst erschreckt hatten und die ihnen so lieb geworden waren.

Sie weinte beim Abschied von manchen der Brüder, ihren Lieblingen; sie schlang in ganz unköniglicher Weise ihre Arme um sie und barg ihr Gesicht in den muffigen Gewändern, die sie am Anfang so abgestoßen hatten.

»Lebt wohl, alle!« rief sie. »Lebt wohl, liebe Brüder, leb wohl, lieber Abt, leb wohl, du liebes Inchmahome!«

Sie stand und winkte ihnen, während das Boot sie mit ihrer Begleitung über das Wasser entführte.

Ihre Mutter erwartete sie in Schloß Stirling. Bei ihr waren die Lords Lindsay, Livingstone, Montrose und Erskine, und dann war noch ein Mann da, ein Fremder.

Er war groß, trug einen gelockten Bart, wie sie noch nie einen Bart gesehen hatte, die Bewegungen seiner Hände waren ausdrucksvoll, seine Augen funkelten und blitzten, wenn er die kleine Königin ansah.

»Das ist ein Abgesandter des Königs von Frankreich«, erklärte ihr die Mutter, und während sie diese Worte sprach, schien sie Mary größer und stolzer als je zuvor. »Er kommt mit Grüßen vom König und von meinen Brüdern.«

Mary war entzückt von dem Ankömmling; sie entschied bei sich, daß er sehr hübsch und ganz anders sei als alle Männer, die sie bisher gesehen hatte.

Er ließ sich sehr anmutig auf ein Knie nieder, nicht so wie die schottischen Edelleute; er nahm ihre Hand und hob sie zu seinen Lippen. »Euer Majestät ergebenster Diener«, sagte er und behielt ihre Hand in der seinen.

Dann erhob er sich und wandte sich zur Königinmutter. »Verzeihung, Madame«, sagte er auf französisch, aber Mary konnte genug Französisch, um ihn zu verstehen. »Ich bin sprachlos vor solcher Schönheit.«

Die Königinmutter lächelte. Sie nannte ihn »Herr Admiral«. Es wurde viel und laut gesprochen und gelacht. Die kleine Königin sah auch andere Fremde in den Saal kommen, auch sie hatten gelockte Bärte und waren fröhlich und sprachen schnell – viel zu schnell – Französisch.

Nach einer Weile zog sie sich in ihr Zimmer zurück, aber kaum war sie dort, trat auch schon ihre Mutter ein. Mary hatte sie noch nie so aufgeregt gesehen.

Auch sie redete französisch und so schnell, daß Mary sie bitten mußte, langsamer zu sprechen.

»Was werden deine Oheime sagen«, rief Marie von Guise, »wenn du nicht fließend Französisch sprechen kannst? Das mußt du können, bevor du französischen Boden betrittst.«

Dabei hatten sich die Augen der Mutter mit Tränen gefüllt, und ungeachtet der Tatsache, daß andere Personen anwesend waren, ließ sie das Zeremoniell fallen, schloß ihre Tochter in die Arme und drückte sie fest an sich.

Da wußte Mary, daß sie nach Frankreich zu gehen hatte – und nicht erst in ferner Zukunft – und daß diese fremden Männer gekommen waren, sie dorthin zu bringen.

Nun begannen emsige Vorbereitungen; es wurde geschneidert und gepackt, und alles geschah in höchster Eile.

Ab und zu fand die Königinmutter Zeit, mit ihrer Tochter zu sprechen, ihr von der wundervollen Zukunft zu erzählen, die ihr bereitet werden sollte. »Du gehst zu meinen Verwandten. Der Allerchristlichste König selbst wird dein Vater sein, die Königin von Frankreich wird sein wie deine Mutter, und dein Großvater, der große Herzog von Guise, und deine Großmutter, eine Bourbon, bevor sie Madame de Guise wurde, warten mit deinen Oheimen darauf, dich zu begrüßen.«

Sie mußte diesem Kind die Bedeutung dessen klarmachen, wozu es bestimmt war. Mary war die Königin von Schottland, aber ein größerer Thron erwartete sie. Seine Allerchristlichste Majestät bot ihr durch die Heirat mit seinem Sohn die Krone Frankreichs an. Eine große, glanzvolle Zukunft stand ihr bevor, und das Kind würde sich auch, daran zweifelte sie nicht, ihrer würdig erweisen. Seine Schönheit mußte auch die Franzosen in Entzücken versetzen.

»Hör mir gut zu. Die Engländer sind ganz nahe, sie haben einige unserer Städte erobert. Sie wissen, daß unser lieber Freund, der König von Frankreich, dir die Heirat mit seinem Sohn anbietet, und das ist es, was nach ihrem Willen unter keinen Umständen geschehen darf, weil sie dich für ihren König Edward haben wollen. Heinrich II., der König von Frankreich, hat Schiffe nach Schottland geschickt. Wenn wir nach Dumbarton kommen, wirst du diese mächtigen Schiffe sehen, sie haben den Stürmen und der englischen Flotte getrotzt, um zu uns zu kommen. König Heinrich ist unser Freund. Er will, daß eine große Freundschaft sein Land und das unsere verbindet. Er hat diese Schiffe geschickt, um dich nach Frankreich zu holen.«

»Und kommen Sie mit mir, Mama?«

»Ich kann nicht mitkommen, mein Kind. Ich muß hierbleiben. Aber du wirst viele von deinen Vertrauten bei dir haben. Alle deine kleinen Marys werden mit dir gehen. Ich werde dich besuchen kommen. Der König, dein neuer Vater, will nicht, daß du einsam bist. Sein Wunsch ist, daß du sehr glücklich wirst.«

Mary war zu erregt, um Angst zu empfinden. Sie war im Begriff, in das schönste Land der Welt zu fahren. Aber wenn sie das Gesicht ihrer Mutter ansah, wurde sie sogleich wieder traurig. Arme Mama, sie würde zurückbleiben. Arme Mama, die auch noch ihre Tochter verlieren mußte.

Mary umarmte ihre Mutter stürmisch.

»Ich will nicht fortgehen, liebste Mama, ich will bei dir bleiben.«

»Unsinn, Kind.«

»Aber Sie werden unglücklich sein, wenn ich fortgehe. Lieber möchte ich Frankreich niemals sehen als Sie unglücklich machen.«

»Aber, du dummes Kind, es macht mich zur glücklichsten Königin der Welt zu wissen, daß du nach Frankreich gehst. Das ist es, was ich mir für dich wünsche. Ich werde dich bald besuchen. Der König sagt, ich muß kommen. Er ist sehr gütig.«

»Wie wohl der Dauphin ist?«

»François? Er ist so alt wie du ... oder fast. Dein Geburtstag ist im Dezember, seiner im Januar. Manche Königinnen müssen Männer heiraten, die alt genug sind, um ihre Großväter zu sein, manche wieder so junge, daß sie ihre Kinder sein könnten.«

Mary lachte. »Das muß sehr lustig sein.«

»Königliche Heiraten sind nie lustig.«

»Nein, Mama«, sagte Mary ernsthaft.

»Der Dauphin ist nicht sehr kräftig. Du wirst sehr darauf achtgeben müssen, ihn beim Spiel nicht zu ermüden.«

»Ja, Mama.«

Schon hatte Mary beschlossen, die Sorge für den Dauphin zu ihrer besonderen Aufgabe zu machen.

Ihre Mutter brachte sie aufs Schiff. Die vier Marys begleiteten sie; sie sahen ernst und feierlich aus in ihren schwarzen Capes. Lady Fleming machte sich um sie zu schaffen; ihr hübsches Gesicht war vor Erregung gerötet, denn ungeachtet ihrer Witwenschaft nahm sie mit Freude die auf sie selbst gerichteten Blicke der Bewunderung wahr, auch wenn sie von den einfachsten Matrosen kamen.

Die Königinmutter ließ ihre Tochter vor sich die königliche Galeere betreten. Hinter ihnen kamen alle, die die Umgebung der kleinen Königin in ihrer neuen Heimat bilden sollten – so viele, dachte Mary, daß sie sich beinahe wie zu Hause fühlen würde.

Als sie, begleitet von Admiral Villegaignon, das Deck betraten, kam ein großer Mann auf sie zu und kniete vor der Königin nieder, so daß seine Augen mit den ihren in derselben Höhe waren. Mary kannte ihn, denn er war der Gesandte des französischen Königs am schottischen Hof, der Sieur de Brézé.

»Euer Majestät ergebener Diener. Mein Herr hat mir befohlen, Ihr französischer Mentor zu sein, bis ich Euer Majestät sicher zu ihm geleitet habe.«

Sie antwortete in ihrem piepsenden Französisch, das mit seinem leichten schottischen Akzent alle Franzosen entzückte:

»Stehen Sie auf, Monsieur de Brézé. Es ist mir eine Freude, Sie zu begrüßen.«

Sie streckte ihre Hand aus, von deren Gelenk die kindlichen Fettpolster noch nicht ganz verschwunden waren. Er küßte die Hand, und wieder bemerkte sie die Bewunderung, die alle Franzosen in ihren Blicken verrieten.

Er stand auf, und sie sagte: »Was soll das bedeuten? Was wollen Sie als mein französischer Mentor tun? Wollen Sie mir Unterricht geben?«

»Es gibt nur eines, worüber ich Sie unterrichten will, Majestät, und das ist, daß ganz Frankreich nach einem einzigen Blick auf Sie sich in Sie verlieben wird.«

Das war eine ungewohnte Sprache, und Mary war etwas verwirrt, aber zugleich entzückt. Die Franzosen waren also wirklich so, wie sie sich sie vorgestellt hatte.

Ihre Mutter lächelte. So hatte also ihr Französisch die Probe bestanden.

Jetzt sprach die Königinmutter. »Monsieur de Brézé, ich wünsche alles zu erfahren, was sich auf der Reise zugetragen hat. Ich wünsche, so schnell wie möglich zu erfahren, daß meine Tochter sicher in Frankreich angelangt ist.«

Er verneigte sich elegant. »Madame, ich werde Ihre Tochter mit meinem Leben beschützen. Boten werden an Sie abgehen; sie werden Sie erreichen, und wenn sie jedes englische Schiff zu dem Zweck versenken müßten.«

Wie feurig sie sprechen, dachte Mary. Wie sie lächeln! Wie ihre Augen blitzen und wie sie ihre Hände bewegen, um ihre Worte zu unterstreichen! Seltsame Leute! Monsieur de Brézé roch nach Veilchen, oder waren es Rosen? Sein goldblonder Bart kräuselte sich bezaubernd. Sie bewunderte alles an ihm, so wie er sie bewunderte.

Wie glücklich sie hätte sein können, wenn sie sich nicht von ihrer Mutter hätte trennen müssen! Aber die Königin lächelte tapfer, wenn sie auch zum Schluß die Mutterliebe über das Zeremoniell triumphieren ließ. Sie drückte ihre Tochter fest an sich, und Mary sah Tränen in ihren Augen glänzen.

»Die Heiligen mögen dich beschützen!« waren ihre letzten Worte. »Denk an alles, was ich dich gelehrt habe, vergiß nie, daß du eine Königin bist, und alles wird gut sein.«

»Leben Sie wohl, liebste Mama.«

»Ich werde dich bald besuchen, ganz sicher. Und jetzt ... leb wohl.«

Die Königinmutter wurde vom Schiff geleitet. Sie stand an der Küste und blickte der französischen Flotte nach, der wehenden Flagge, die das Wappen der Valois trug. Wie klein das Kind aussah in seinem schwarzen Umhang, die Augen fest auf die Mutter gerichtet, die sie zurückließ.

Tue ich recht, wenn ich sie gehen lasse? fragte sich Marie von Guise bekümmert. Was wird aus meiner Kleinen werden? Der König hat versprochen, daß sie sein wird wie seine eigene Tochter, aber kann man Königen trauen? Und der französische Hof? Ist das der richtige Platz, um ein Kind zu erziehen? Es war wohl nicht der tugendhafteste Hof, aber sie hatte von ihren Verwandten gehört, daß seit dem Tod von Franz I. dort etwas strengere Sitten herrschten. Stand immer noch das Liebesgetändel an erster Stelle – scheinbar so reizvoll und sittsam: die parfümierten Brieflein, die eleganten Komplimente, die wüste Ausschweifungen und Orgien wie mit einem feinen Schleier zudeckten? Heinrich war vertrauenswürdiger als sein Vater, gewiß, und Diana von Poitiers war seine treu ergebene Geliebte, aber war Heinrichs Hof so sehr verschieden von dem seines Vaters?

Und Mary – so warmherzig, so begierig, alle Menschen zu lieben, so französisch in vieler Hinsicht –, wie würde es ihr an solch einem Hof ergehen? War es richtig, sie diesem wollüstigen Paris zu überantworten? War es besser, als sie nach London, in dieses Mördernest, zu schicken? Natürlich, besser war es auf alle Fälle! In Frankreich lebten ihre eigenen Verwandten, und die standen dem Thron nahe. Das Haus Guise und Lothringen würde schon sein eigenes Blut beschützen.

Marie von Guise stand hochaufgerichtet und ihre Tränen niederkämpfend am Ufer, während die Schiffe in See stachen. Sie sah ihnen nach, bis auch das letzte ihren Blicken entschwunden war. Dann kehrte sie in ihre Gemächer in Dumbarton zurück und verbrachte lange Stunden auf den Knien, betend, daß das königliche Schiff und sein Geleit heil den Stürmen und den Engländern entkommen möchten.

Es war eine herrliche Fahrt. Ein starker Wind kam auf und trieb das Schiff mit heftigen Stößen vorwärts, aber die fünf Marys, die sich jetzt frei von höfischem Zwang fühlten, wanderten zuerst gemächlich über das Deck, dann begannen sie zu laufen, jauchzten einander zu, lösten ihre Haarbänder und lachten ausgelassen, wenn der Wind ihr Haar ergriff und es ihnen wieder zurück ins Gesicht schleuderte.

Marys Halbbrüder Lord James, Prior von St. Andrews, Lord John, Prior von Coldingham, und Lord Robert, Prior von Holyrood, standen beisammen und sahen den Kindern zu.

»Jamie! Jamie!« rief Mary. »Ist es nicht herrlich, auf dem Meer zu sein? Hallo, Robert! Hallo, John!«

Die Brüder lächelten ihrer kleinen Schwester zu, aber es war ein finsterer, brütender Blick in den Augen von Lord James. Er konnte es nicht verwinden, daß er, ein junger Mann, stark und gesund, auf der Seite zu stehen hatte, weil er ein Bastard war. Er war nur ein reicher Würdenträger der Kirche, statt König zu sein.

Die Lords Livingstone und Erskine gingen in ruhigem Gespräch auf dem Deck auf und ab.

»Es wird nicht gut sein, ihnen allzusehr zu trauen«, sagte Lord Livingstone.

»Bestimmt nicht«, pflichtete Erskine bei.

»Artus von Brézé, der Gesandte und jetzige Reisebegleiter der Königin, was ist das für ein Mann? Eine beringte, parfümierte Marionette!«

»Die Fleming scheint ganz vernarrt in ihn zu sein und kann’s nicht einmal unter den Augen ihres Sohnes verbergen, wo sie doch eben erst ihren Mann verloren hat.«

Artus de Brézé lachte seinerseits über die Schotten. Diese finsteren Gesichter und diese gegerbte Haut! Paris würde sich über diese Leute amüsieren. Und die Frauen waren auch nicht gerade hübsch zu nennen. Die kleinen Mädchen waren reizend, besonders die »Reinette«. Ja, die würde auch den Franzosen gefallen – eine Schönheit, und sie war sich dessen auch schon bewußt. Nein, die Frauen – mit Ausnahme der Lady Fleming – waren wirklich nicht interessant. Da würde es gewiß keine Aufregungen geben.

Ob er wohl die rothaarige Dame verführen könnte, während der Reise? Das würde nicht der Pikanterie entbehren: im Dunkel der Nacht auf hoher See, bedroht von den Engländern, die sie jeden Augenblick überraschen konnten. Eine Schottin und eine Königstochter dazu. Sehr amüsant, dachte der Sieur de Brézé.

Jetzt stand die Kleine neben ihm.

»Monsieur.«

Es war ein Vergnügen, sie sprechen zu hören, eine Wonne, in das emporgewandte kleine Gesicht zu sehen, in diese Augen mit den langen dichten Wimpern, auf den weichen Mund, der für Zärtlichkeit geschaffen war. Er konnte nicht umhin, sie sich vorzustellen in – sagen wir, zehn Jahren.

»Zu Diensten, Majestät. Majestät müssen immer nur sagen, was Sie wünschen, zu jeder Tages- und Nachtzeit. Es wird mir ein Vergnügen sein, dafür zu sorgen, daß Ihr kleinster Wunsch erfüllt wird.«

Sie lachte und zeigte dabei ihre hübschen Zähne.

»Ah, Monsieur de Brézé, Sie sagen so nette Dinge.«

»Ich sage nur, was die Schönheit Eurer Majestät mir zu sagen eingibt.«

»Monsieur de Brézé, wenn Sie mich hinaufheben wollten, könnte ich auf der Reling sitzen, und das möchte ich gerne.«

»Euer Majestät sind eine Magierin, das sehe ich schon.«

»Was ist das, eine Magierin?«

»Das ist, was Euer Majestät sind und immer mehr und mehr sein werden.«

»Ist es gut für eine Königin, das zu sein?«

»Das ist gut für jedermann, für Mann oder Frau, König oder Untertan. Sagen Sie mir, was denken Sie über uns Franzosen?«

»Ich liebe euch alle. Und glauben Sie, daß der König von Frankreich mich lieben wird?«

»Er könnte gar nicht anders.«

»Und die Königin?«

»Auch die Königin. Der König hat gesagt: ›Die kleine Königin wird sein wie meine Tochter.‹ Das hat er gesagt, bevor er Sie gesehen hat. Aber wenn er Sie sieht, meine kleine Königin, wird er noch viel mehr sagen. Wo ist Ihre Erzieherin, Majestät?«

»Sie ist seekrank und will sich nicht zeigen.«

»Sie müssen ihr sagen, daß ich ganz unglücklich bin.«

»Unglücklich, Monsieur? Aber Sie sehen so glücklich aus.«

»Ich bin unglücklich zu wissen, daß sie leidet. Wollen Sie ihr das sagen?«

»Ja. Heben Sie mich herunter, und ich werde es ihr sofort sagen.«

Sobald sie auf den Füßen stand, trat sie ein, zwei Schritte zurück und sagte lächelnd: »Ich werde ihr melden, daß Sie sagen, Sie seien unglücklich, dabei aber glücklich aussehen, wenn Sie das sagen.«

Sie war im Begriff wegzulaufen, aber er rief ihr nach: »Ich will es erklären!«

Sie blieb stehen, drehte sich um und sah ihn mit ernsten Augen an: »Meine Mutter und meine Vormünder haben mir gesagt, daß wir schnell lernen müssen, die Art der Franzosen zu verstehen ... wir alle.«

Er sah ihr nach, wie sie leichtfüßig davonsprang. So schön! So jung! Und schon ein wenig vertraut mit den Schlichen der Welt.

Land war in Sicht, die gefährliche Reise beinahe vorüber. Mary stand mit Lady Fleming, ihren drei Brüdern und den vier Marys an Deck und schaute auf das Land hinüber, das immer näher kam. Niemand war so erleichtert wie Lady Fleming, daß die Reise vorüber war. Sie sagte, sie wäre beinahe gestorben. Sie sei so seekrank gewesen, daß sie Monsieur de Villegaignon wenige Meilen vor der englischen Küste angefleht habe, sie an Land zu setzen. Lieber wäre sie unter den Händen der Engländer gestorben, als ein Opfer der See zu werden. Monsieur de Villegaignon aber habe all seine französische Höflichkeit vergessen und ihr auf ganz diktatorische Weise erklärt, daß er sie nicht an Land setzen werde; sie werde nach Frankreich gelangen oder auf dem Weg dorthin ertrinken. Was sei es doch für ein Glück gewesen, daß sie schottische Seeleute mitgenommen hätten! Diese Männer, gewöhnt an stürmische See und felsige Küsten, seien auf der Reise von unschätzbarem Wert gewesen.

Und jetzt, dem Himmel sei Dank, dachte Lady Fleming, war die Gefahr beinahe vorbei.

Mary war zu erregt, um an Gefahr zu denken. Sie hatte den Schrecken, den ihr das Auftauchen englischer Schiffe am Horizont eingejagt hatte, schon fast vergessen. Es kam ihr vor wie eine Ewigkeit, seit ihre Brüder und die Lords Erskine und Livingstone sie in die Mitte genommen hatten, entschlossen, sie notfalls mit der Waffe in der Hand zu verteidigen. Die Heiligen hatten ihre Gebete erhört, und der Wind hatte sich zu ihrem Vorteil gedreht, so daß sie in rascher Fahrt über die bewegte See gleiten konnten, bis die Engländer hinter dem Horizont verschwanden. Nun lag Frankreichs Küste vor ihnen, und die Galeere fuhr in den kleinen bretonischen Hafen Roscoff ein.

Sobald Mary den Fuß an Land setzte, sah sie, was für ein gewaltiger Empfang ihr bereitet werden sollte.

Der kleine Hafen war mit bunten Fahnen geschmückt, und die Menschen waren meilenweit gekommen, um das Ufer zu säumen und »la Reinette« mit lauten Willkommrufen zu begrüßen. Damit gehorchten sie einer Anordnung des Königs, der gesagt hatte: »Bewillkommt die kleine Königin der Schotten, als ob sie schon meine Tochter wäre.«

Als die Menschen das kleine Mädchen erblickten, so jung und niedlich, mit seinen gleichaltrigen Begleiterinnen, alle in pelzgesäumten Capes, waren sie begeistert.

»Vive la petite Reine!« schrien sie, und Mary, die spürte, wie sie bewundert wurde, lächelte und verneigte sich so charmant, daß die Leute ganz außer sich gerieten über dieses entzückende Kind, das aus dem Land der Wilden zu ihnen gekommen war.

Der Zug durch Frankreich begann. Von Roscoff nahm er seinen Weg nach Nantes. Mary ritt zeitweise auf einem kleinen Pferd, zeitweise wurde sie in einer Sänfte getragen, und jede Stadt, durch die sie kam, bereitete ihr einen neuen Empfang. An die mehr zurückhaltende Art ihrer Landsleute gewöhnt, war Mary entzückt von der Fröhlichkeit der Franzosen, die so gerne bereit waren, auf ihr Wohl zu trinken und einen Festtag aus ihrem kurzen Aufenthalt in den Städten oder Dörfern zu machen.

In Nantes erwartete sie eine prächtig geschmückte Barke. Sie fuhr mit ihrer Begleitung in einem Triumphzug die Loire hinauf, an den Dörfern und Weingärten des Anjou und der Tourraine entlang, und überall drängte sich das Volk an den Flußufern, ihr Willkomm zu bieten. Wenn sie aus der Barke stieg und in ihrer Sänfte an Land getragen wurde, umringten sie die Menschen strahlend und lachend, und sie dachte sich: das ist das lustigste Volk der Welt! Wie konnte sie Heimweh empfinden nach ihren Schlössern, die nichts anderes gewesen waren als Gefängnisse! Hier waren die Menschen nicht nur fröhlich, sondern freundlich. Alle und jeder, die Arbeiter aus den Weinbergen, die Bauern und ihre rundlichen Frauen, beteiligten sich in vergnügtester Laune an diesem Volksfest.

Sie hatte nie etwas Ähnliches erlebt und war so entzückt von den Franzosen wie die Franzosen von ihr.

Doch als sie in Tours die Barke verließen, wurde die Fahrt mehr zur offiziellen Reise einer Herrscherin, denn zu ihrer Begrüßung erwarteten sie ihr Großvater Claudius, Herzog von Guise, und ihre Großmutter, die Herzogin, geborene Antoinette von Bourbon.

Diese hochmögenden Persönlichkeiten empfingen sie mit großem Zeremoniell, doch als sie allein waren, nahm die Großmutter das Kind auf den Schoß und küßte es: »Du bist wirklich ein hübsches Mädchen«, sagte sie; sie war entzückt von ihr, ebenso der Herzog, ihr Gatte, denn das Geschick des mächtigen Hauses Guise und Lothringen ruhte auf den Schultern dieses zarten Kindes.

»Ich werde deinem Onkel François schreiben und ihm von dir erzählen, und er wird dich liebhaben«, fuhr ihre Großmutter fort.

»Ist denn mein Onkel François nicht hier, Großmutter?«