Das Lied des roten Landes - Patricia Matthews - E-Book

Das Lied des roten Landes E-Book

Patricia Matthews

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Beschreibung

Im Land der Hoffnung und Gefahren … Ende des 18. Jahrhunderts. Bereits als Kind muss Hope Blackstock die beschwerliche Reise auf einem Sträflingsschiff in das ferne Australien antreten. Nur dank der Hilfe des jungen Christopher Starke gelingt es ihr, hier mit ihrer Mutter und ihrer Schwester Charity ein neues Leben zu beginnen. Einige Jahre später stürzt ein erbitterter Kampf zwischen dem Gouverneur und der englischen Krone um das Alkohol-Monopol das Land ins Chaos. Um für sich und Charity eine bessere Zukunft zu sichern, soll Hope, die inzwischen zu einer schönen jungen Frau herangewachsen ist, einen reichen Mann heiraten – doch insgeheim schlägt ihr Herz schon seit Langem für Christopher. Als dieser im Krieg zwischen die Fronten gerät, muss Hope eine schwere Entscheidung treffen …  Ein mitreißender Australienroman für alle Fans von Elizabeth Haran und Ulrike Renk.

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Seitenzahl: 441

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Über dieses Buch:

Ende des 18. Jahrhunderts. Bereits als Kind muss Hope Blackstock die beschwerliche Reise auf einem Sträflingsschiff in das ferne Australien antreten. Nur dank der Hilfe des jungen Christopher Starke gelingt es ihr, hier mit ihrer Mutter und ihrer Schwester Charity ein neues Leben zu beginnen. Einige Jahre später stürzt ein erbitterter Kampf zwischen dem Gouverneur und der englischen Krone um das Alkohol-Monopol das Land ins Chaos. Um für sich und Charity eine bessere Zukunft zu sichern, soll Hope, die inzwischen zu einer schönen jungen Frau herangewachsen ist, einen reichen Mann heiraten – doch insgeheim schlägt ihr Herz schon seit Langem für Christopher. Als dieser im Krieg zwischen die Fronten gerät, muss Hope eine schwere Entscheidung treffen …

Über die Autorin:

Patricia Matthews (1927–2006) wurde in San Francisco geboren, studierte in Los Angeles und lebte später viele Jahre in Prescott, Arizona. Nach dem Scheitern ihrer ersten Ehe begann sie, sich intensiv dem Schreiben zu widmen – so lernte sie nicht nur ihren zweiten Ehemann, den Schriftsteller Clayton Matthews kennen, sondern legte auch den Grundstein zu einer internationalen Karriere. Patricia Matthews, die unter zahlreichen Pseudonymen veröffentlichte, schrieb zwischen 1959 und 2004 über 50 Bücher, vom Liebesroman bis zum Krimi. Für ihr Werk wurde sie mit dem »Reviewers Choice Award« und dem »Affaire de Coeur Silver Pen Readers Award« ausgezeichnet.

Bei dotbooks erschienen Patricia Matthews Romane »Wenn die Magnolien blühen«, »Der Wind in den Zypressen«, »Der Traum des wilden, weiten Landes«, »Der Stern von Mexiko«, »Das Lied der Mandelblüten«, »Der Himmel über Alaska«, »Die Brandung von Cape Cod«, »Der Duft von Hibiskusblüten«, »Die Jasmininsel«, »Wo die Anemonen blühen«, »Das Lied des roten Landes« und die »Virginia Love«-Saga mit den Einzelbänden »Der Traum von Malvern Hall« und »Das Vermächtnis von Malvern Hall«.

***

eBook-Neuausgabe Oktober 2024

Die amerikanische Originalausgabe erschien erstmals 1989 unter dem Originaltitel »The Dreaming Tree« bei Worldwide Library, Toronto. Die deutsche Erstausgabe erschien 1991 unter dem Titel »Schatten der Angst« im CORA Verlag.

Copyright © der amerikanischen Originalausgabe 1989 by Pyewacket Corporation

Copyright © 2023 Robert Thixton

Copyright © der deutschen Erstausgabe 1991 by CORA Verlag GmbH, Berlin

Copyright © der Neuausgabe 2024 dotbooks GmbH, München

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur

Pinder Lane & Garon-Brooke Associates, Kontakt: [email protected].

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Nele Schütz Design unter Verwendung von shutterstock/CHARNUSHEVICH TATSIANA, Kathy SG, Sara Winter, kwest und AdobeStock/Aghavni

eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH (lj)

ISBN 978-3-98952-420-0

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dotbooks ist ein Verlagslabel der dotbooks GmbH, einem Unternehmen der Egmont-Gruppe. Egmont ist Dänemarks größter Medienkonzern und gehört der Egmont-Stiftung, die jährlich Kinder aus schwierigen Verhältnissen mit fast 13,4 Millionen Euro unterstützt: www.egmont.com/support-children-and-young-people. Danke, dass Sie mit dem Kauf dieses eBooks dazu beitragen!

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Bei diesem Roman handelt es sich um ein rein fiktives Werk, das vor dem Hintergrund einer bestimmten Zeit spielt oder geschrieben wurde – und als solches Dokument seiner Zeit von uns ohne nachträgliche Eingriffe neu veröffentlicht wird. In diesem eBook begegnen Sie daher möglicherweise Begrifflichkeiten, Weltanschauungen und Verhaltensweisen, die wir heute als unzeitgemäß oder diskriminierend verstehen. Diese Fiktion spiegelt nicht automatisch die Überzeugungen des Verlags wider oder die heutige Überzeugung der Autorinnen und Autoren, da sich diese seit der Erstveröffentlichung verändert haben können. Es ist außerdem möglich, dass dieses eBook Themenschilderungen enthält, die als belastend oder triggernd empfunden werden können. Bei genaueren Fragen zum Inhalt wenden Sie sich bitte an [email protected].

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Patricia Matthews

Das Lied des roten Landes

Australienroman

Aus dem Amerikanischen von Riette Wiesner

dotbooks.

Kapitel 1

Botany Bay, New South Wales, 1791

Der Hafen war unbestreitbar großartig. Die Bucht bestand aus vielen kleinen Einschnitten, in denen das Wasser vor der Meeresbrandung geschützt ruhte. Von der Küstenlinie stiegen sanfte Hügel zum Landesinneren an. Langsam näherte sich das Schiff der felsigen Landzunge von Sydney Cove.

Faith Blackstock drückte die zweijährige Charity enger an sich, die in ihren Armen schlief. Die fünfjährige Hope stand neben ihrer Mutter und zitterte vor Aufregung. Ein scharfer Wind trug die ersehnten Gerüche des Festlandes nach Erde, Feldfrüchten, Rauch von Holzfeuer heran. Trotz der tiefen Erschöpfung und der Niedergeschlagenheit fühlte Faith Blackstock, wie sich ihre Lebensgeister regten. Was auch immer sie in New South Wales erwarten mochte, es mußte besser sein als das, was sie während der scheinbar endlosen Seereise an Bord des Sträflingsschiffes erduldet hatten. Zum mindesten würden sie endlich wieder festen Boden unter den Füßen haben.

Faith Blackstock legte die Hand auf Hopes blondes Haar und betrachtete die Bucht, der sie immer näher kamen. Ein Felsvorsprung wies wie ein ausgestreckter Finger in die See hinaus. Zu seiner Linken ergoß sich ein Strom in die Bucht. Dahinter wurden mehrere Hütten von absonderlichem Aussehen sichtbar. Sie schienen aus Rinde, Blättern und Schlamm gebaut, im Gegensatz zu einigen größeren Gebäuden aus Holz, Stein und Ziegeln im Hintergrund. Gummibäume wuchsen bis zur Küste herunter. Buntgefiederte Vögel, wahrscheinlich Papageien, flogen kreischend von Ast zu Ast.

»Mama?«

Eine kleine Hand zupfte an Faith Blackstocks Kleid. Sie schaute in das Gesicht ihrer älteren Tochter, die zu ihr aufsah. Aschblondes Haar ringelte sich um das herzförmige Antlitz. Jetzt waren die Locken verfilzt und glanzlos, die Haut schmutzig und noch blasser als sonst. Die grünen Augen jedoch strahlten, und Freude erfüllte das Herz der Mutter. Inmitten der hungernden, unter elenden Bedingungen an Bord lebenden Menschen glich dieses Kind einer Blume, die sich zielstrebig durch die Dunkelheit ans Licht kämpfte, ohne etwas von der aufblühenden Schönheit zu verlieren. Acht Monate lang hatte die kleine Hope heftige Stürme, karge oft verdorbene Nahrung und den Mangel an Schlaf ertragen, ohne sich zu beklagen.

Überleben, das war die einzige Devise auf dem Schiff gewesen. Schlechtes Wetter hatte vorgeherrscht, Frischwasser war immer knapp gewesen, und die Ratten tummelten sich in den Schlafräumen. Zum Waschen mußten sie Salzwasser verwenden, das wie Feuer auf der Haut brannte. An die Säuberung der Kleider war nicht zu denken gewesen.

Viele Menschen waren auf der Überfahrt gestorben. Das Gerücht hielt sich hartnäckig, daß dies sogar den Kapitänen der dritten Flotte sehr gelegen käme. Es gäbe ihnen die Gelegenheit, die restlichen Rationen in Sydney Town mit hohem Gewinn zu verkaufen.

Während Faith und die kleine Charity gleich zahllosen anderen Passagieren unter der Seekrankheit und den anderen häufigen Übeln an Bord gelitten hatten, von denen kaum jemand verschont worden war, war Hope während der ganzen Reise gesund und munter geblieben.

»Mama«, wiederholte die Kleine, »werden wir hier an Land gehen und hier leben?«

Faith Blackstock lächelte. Sie versuchte, sich hoffnungsvoll zu geben, so wenig sie auch davon empfinden mochte. »Ja, Liebling, dies wird unsere neue Heimat werden. Natürlich wird alles hier für dich und Charity am Anfang ungewohnt sein und sonderbar. Aber das ist schnell vorbei. Laß dich nur nicht entmutigen.«

»O nein, Mama«, sagte das Kind beherzt. »Ich werde ganz tapfer sein, wie du es uns gesagt hast, als wir von zu Hause weggegangen sind.«

Die Mutter zog das kleine Mädchen enger an sich heran. Tränen trübten ihr den Blick, während sie auf die Küstenlinie blickte, die immer näher rückte. Faith Blackstock wußte nur zu gut, daß es mit Tapferkeit allein noch lange nicht getan sein würde.

Nun bewegte sich auch Charity und wimmerte leise. Faith streifte die Wangen des Kindes mit den Lippen, redete ihm zärtlich zu. Charity war gerade zwei Jahre alt gewesen, als sie England verlassen hatten. Faith Blackstock hatte gebangt, ihre Jüngere würde die äußerst anstrengende Überfahrt gar nicht überleben. Doch überraschenderweise war Hope eine große Hilfe gewesen. Immer, wenn die Mutter zu erschöpft war oder sich zu elend fühlte, sich um die Kleine zu kümmern, versorgte Hope ihre Schwester. Auch klagte Hope nie, wenn die Jüngere den größeren Anteil der überaus kargen Kost bekam. Nur so hatte Charity überleben können.

Faith Blackstock spürte, wie ihr die Tränen in die Augen stiegen. Sie liebte ihre beiden kleinen Töchter über alles. Wenn sie ihnen nur ein besseres Schicksal hätte bieten können als dieses. Aus der Heimat vertrieben, wurde Faith Blackstock mit ihren Kindern übers Meer zu einer Sträflingssiedlung in einem fremden, fernen Land gebracht. Ein Leben lang würden die Schwestern gebrandmarkt sein als Töchter einer überführten Diebin, die in die Verbannung geschickt worden war.

Wann nur hatte diese unglückselige Verkettung unheilvoller Ereignisse überhaupt begonnen? Gewiß nicht erst, nachdem Luther Blackstock sie verlassen hatte. Wahrscheinlich war alles schon entschieden gewesen, als Faith ihn geheiratet hatte.

Jetzt noch klangen Faith die warnenden Worte ihres Vaters in den Ohren. Dabei fiel es ihr schwer, sich sein zorniges Gesicht vorzustellen.

»Hör mir gut zu, Mädchen«, hatte er hart gesagt, »heirate diesen Mann, aber du wirst diesen Tag noch einmal verfluchen. Wer aus der Gosse kommt, aus den Elendsvierteln von London, an dem bleibt für immer etwas hängen. Jetzt will er dich nur haben, um nach oben zu gelangen. Später wird er dich schwängern und dich verlassen, ohne dir auch nur einen Penny zu geben. Glaube ja nicht, daß du dann zu mir zurückkehren kannst. Ich habe dich gewarnt. Du hast nicht hören wollen. Alles andere ist einzig und allein deine Sache!«

Ein trauriges Lächeln huschte jetzt über Faiths Gesicht. Bis zu dieser Stunde wußte sie nicht, ob ihr Vater wirklich eine so tiefe Menschenkenntnis besessen hatte oder einfach nur pessimistisch gewesen war. Jedenfalls war alles genauso gekommen, wie er es vorausgesehen hatte. Als Tochter eines wohlhabenden Kaufmannes in Bath war Faith mit einem gewissen Komfort aufgewachsen. Ihre Mutter war an den Pocken gestorben, als Faith gerade fünfzehn Jahre alt gewesen war. Danach hatte Faith es fertiggebracht, ihrem verwitweten Vater die Wirtschaft zu führen. Er hatte keine Anstalten gemacht, ein zweites Mal zu heiraten. Faiths einziger Bruder, mit dem sie sich nie recht verstanden hatte, war zur See gegangen. Das Leben im Haus des Vaters war somit ruhig verlaufen, geprägt von bescheidenem Wohlstand.

Nach der Hochzeit mit Luther Blackstock freilich hatte sich alles schlagartig verändert. Dieser Mann hatte die unerfahrene Faith mit seinem guten Aussehen geblendet, mit seinem Charme für sich eingenommen. Als er sie verließ, trug Faith ihr zweites Kind unter dem Herzen. Er gab ganz ungeniert zu, daß er immer damit gerechnet hatte, ihr Vater würde ihr eines Tages verzeihen. Luther Blackstock war ganz sicher gewesen, daß der alte Mann nach geraumer Zeit einlenken und seiner Tochter ein zwar verspätetes, doch beachtliches Einkommen aussetzen würde. Darin hatte sich Luther Blackstock freilich geirrt. Der unversöhnliche Vater starb zwei Jahre später an einem Blutsturz, ohne seiner Tochter einen Penny zu hinterlassen.

Faiths Ehemann hatte sie sitzenlassen, ohne auch nur einen Moment zu zögern. Es hatte keinen Ort gegeben, wohin sie sich hätte flüchten, kein Geld, von dem sie sich und die Kinder hätte ernähren können.

Faith schüttelte den Kopf, als könnte sie damit die Erinnerung aus jenen Tagen verscheuchen. Doch das würde ihr nie gelingen, und sie wußte es auch. Niemals konnte Faith die schmutzige, entwürdigende Fron vergessen, wenn sie Arbeit gefunden hatte, niemals die Zeit, als sie schwanger gewesen, und später als Mutter zweier hungriger Kinder gestohlen hatte, um überleben zu können.

Heißer Zorn stieg jetzt noch in ihr auf, wenn sie daran dachte, welchen Preis sie dafür hatte bezahlen müssen. Sie hatte nicht gestohlen, um sich zu bereichern oder ihre Gier zu stillen, sondern nur, um ihre kleinen Töchter nicht verhungern zu sehen. Ein einziger Laib Brot, der beinahe nichts gekostet hätte, hatte Faith Blackstock der Freiheit beraubt.

Nie würde sie die Worte jenes strengen Richters mit dem geröteten Gesicht vergessen. »Faith Blackstock, schuldig und zur Deportation für fünfzehn Jahre verurteilt.«

Ein Laib Brot! Verbannung aus der Heimat war der Preis gewesen, den eine Mutter dafür bezahlen mußte, daß sie ihre Kinder vor dem Hungertod hatte retten wollen. Immer noch quälte sie die Scham, wenn sie an die Stunden dachte, die sie mit ihren Töchtern an den Docks gewartet hatte, bevor sie an Bord des Sträflingsschiffes gehen konnten, umgeben von johlenden Gassenbuben, die sie mitleidlos verspottet und verhöhnt hatten. Diebesgesindel, Räuber, Verbrecher, dafür bestimmt, über das Meer zu segeln in die Strafkolonie von Botany Bay in New South Wales.

Charity stieß einen spitzen Schrei aus, und die Mutter begriff, daß sie wohl unwillkürlich das Kind zu heftig an sich gedrückt hatte. Sie versuchte, die Kleine zu beruhigen. Im Gegensatz zu Faith und Hope, die beide blond waren und regelmäßig geschnittene Gesichter hatten, war Charity dunkel wie der Vater. Die Züge erinnerten Faith an ihre eigene Mutter, die hübsch, doch schwach und hinfällig gewesen war. Obwohl Charity recht klein war für ihr Alter, spürte die erschöpfte Faith doch das Gewicht des Kindes. Sie stützte sich auf die Reling und sah wieder hinüber zur Küste, der sie nun schon sehr nahe waren.

»Schau doch, Mama«, rief Hope aus. »Diese sonderbaren Männer!« Faith Blackstock blickte in die Richtung, in die der ausgestreckte Finger ihrer Tochter wies, und bemerkte einige dunkelhäutige Männer auf den steilen Felsen, die den Hafen säumten. Sie hatten Angelruten in den Händen und waren beinahe nackt.

»Gott der Gerechte«, rief eine rotgesichtige schlampig aussehende Frau, die neben Faith an der Reling stand. »Ich hab’ zu meiner Zeit viel Nigger zu Gesicht gekriegt, aber die waren nicht so schwarz gewesen. Wenn die so gemein sind, wie sie aussehn, möcht ich nicht so gern unter sie leben.«

Ein Mann neben ihr lachte spöttisch und hustete trocken. »Hab’ gehört, daß sie bei dem ersten Transport manch einen Kerl abgemurkst haben«, verriet er mit heiserer Stimme, »nu sind sie wohl so ziemlich angepaßt.«

»Gott, guck mal, kaum einen Fetzen haben sie am Leib, haben die denn keine Scham nicht?«

Der Mann hüstelte wieder.

»Was willst du denn? Sind doch bloß dreckige Wilde, oder?«

Faith führte Hope an der Hand mit sich von dem Pärchen weg und schob das Bündel, in dem alle Habseligkeiten der drei waren, mit dem Fuß nach. Sie wollte nicht in das Gespräch mit einbezogen werden. Einige der Sträflinge an Bord waren keine schlechten Leute. Ähnlich wie Faith Blackstock waren sie für geringe Vergehen hart bestraft worden. Die Mehrzahl freilich war eine üble Gesellschaft, die vulgäre Reden führte, vor allem Frauen. Die waren entweder auffallend herausgeputzt oder steckten in schmutzigen, zerrissenen Kleidern. Zudem erwiesen sie sich als zänkisch und gewöhnlich. Faith hatte versucht, sich und ihre beiden Mädchen unauffällig abseits zu halten, um nicht Mißbilligung oder gar Zorn zu wecken.

Wieder zupfte Hope ihre Mutter am Rock. »Schau doch, Mama, die sonderbaren Frauen dort in den Booten!«

Faith verlagerte Charitys Gewicht auf einen Arm und legte die freie Hand schützend über die Augen. In der Nähe des Schiffes waren einige wenige Kanus aufgetaucht. Sie schienen aus Rinde gefertigt und wirkten nicht sehr widerstandsfähig. Zu Faith’ großer Überraschung waren die Mädchen dunkelhäutig und nackt wie die Fischer. Diese Menschen glichen keineswegs den Schwarzen, die Faith von England her kannte. Auch die Frauen schienen zu fischen. Aus den Booten stieg in dünnen Schwaden Rauch auf und zog sich um die Köpfe der Verurteilten auf dem Schiff.

»Brennen diese Boote«, fragte Hope aufgeregt.

»Ich weiß es nicht; Liebes, aber ich glaube es nicht. Vielleicht braten sie die Fische gleich nach dem Fang dort?«

Hope drängte sich scheu an ihre Mutter, als der Segler jetzt an einem der Kanus vorbeiglitt. Das Gesicht einer Frau in dem Boot unterschied sich von denen ihrer Begleiterinnen. Sie hatte vorspringend gewölbte Brauen über tiefliegenden Augen, der Mund war breit, das Kinn rund. Ihr schwarzes Haar stand verfilzt und wirr vom Kopf ab. Sie war klein, korpulent, aber sie hatte schlanke, muskulöse Beine und kleine feste Brüste.

Als das große Schiff vorbeiglitt, schaute die Fremde Faith Blackstock in die Augen. Ein freundliches Lächeln huschte über das schwarze Gesicht. Verblüfft lächelte Faith zurück. Seit sie mit ihren Kindern in London an Bord gegangen war, war dies das erste Zeichen von Sympathie, das ihr ein fremder Mensch entgegenbrachte.

Inzwischen hatten sie die Küste erreicht, und die Ankerkette rasselte hinunter. Es mußte schwierig sein, in unmittelbarer Nähe des Ufers das Schiff festzumachen. Die kleine Charity war jetzt hellwach und quengelte. Deshalb ließ Faith das Kind zu Boden und hielt es nur an der Hand. Auf Deck tummelten sich nun viele Menschen, als die ersten Beiboote zu Wasser gelassen wurden. Die britischen Matrosen, die den Gefangenentransport überwacht hatten, standen nun in Reih und Glied und wiesen die Leute zum Fallreep. Es war warm, obschon in New South Wales Winter herrschte. Die Soldaten in ihren dicken roten Uniformjacken und weißen Hosen fühlten sich sichtlich unbehaglich.

Da sie recht nah bei der Jakobsleiter gestanden hätten, wurden Faith und ihre beiden Kinder schon im zweiten Boot an Land gerudert. Charity fing zu weinen an, als sie die steil abfallenden Sprossen sah. Hopes weitgeöffnete Augen verrieten Erstaunen und Neugier. Im Westen der Bucht stieß das Beiboot endlich auf Grund, die Leute stiegen aus.

Nach so vielen Monaten auf See stolperte Faith und schwankte, sobald sie den Fuß auf festen Boden setzte. Dennoch war es ein gutes Gefühl. Am liebsten hätte sie sich gebückt und die Erde mit den Händen berührt. Doch die Matrosen ließen das nicht zu, sondern bedeuteten ihnen, sich zu beeilen.

Eine Schar von Leuten in Kleidern aus groben Stoffen umgab die Ankömmlinge sofort. Stimmen wurden von allen Seiten laut, sie klangen zornig, ungeduldig.

»Habt ihr wenigstens auch Lebensmittel mitgebracht? Wir verhungern hier beinahe!«

»Wir essen schon Wurzeln und Rinde und jeden Fisch, den wir nur kriegen können!«

»Die Rinder und die Schafe sind tot, viele hat der Blitz erschlagen!«

»Feldmäuse fressen uns das Saatgut beim Säen schon weg!«

»An unsere Vorräte machen sich die Ratten, und das Versorgungsschiff ist vor Kapstadt auf einen Eisberg aufgelaufen und untergegangen.«

Angesichts dieser heftigen Ausbrüche, die über ihn hereinprasselten, bedeutete der diensthabende Offizier den Gefangenen stehenzubleiben und versuchte, die aufgebrachten Siedler erst einmal zu beruhigen.

Faith hob Charity wieder auf den Arm, und Hope klammerte sich an die Röcke ihrer Mutter. Diese hörte den Zorn und die Angst aus den Rufen heraus und verlor den Mut. Sollten sie etwa nun hier verhungern statt in London?

»So wartet doch«, überschrie der Offizier die Menge. »Wir haben ja Lebensmittel mitgebracht, ihr bekommt zu essen. Sobald wir die Gefangenen ausgeladen haben, bringen wir euch die Waren an Land.«

Bei diesen Worten beruhigte sich die Meute und verlief sich. Nur einige Neugierige blieben zurück, um die Ankömmlinge zu mustern.

***

Sobald die Leute verschwunden waren, ließ Hope die Hand ihrer Mutter los und betrachtete einen etwa zwölfjährigen Jungen, der wenige Meter von ihr entfernt stand. Schmal und drahtig, das braune Haar im Nacken zusammengebunden, beobachtete er die Ankommenden aufmerksam, stellte da und dort eine Frage.

Faith Blackstock hatte sich auf eine leere Kiste gesetzt, Charity auf den Knien. Ihr zu Füßen lag das Bündel mit den wenigen Habseligkeiten. Einen Moment lang fühlte Hope etwas wie Neid. Alle Aufmerksamkeit der Mutter galt der jüngeren Schwester. So war es schon an Bord gewesen. Für gewöhnlich hatte Hope es nicht wirklich gestört. Sie wußte, daß Charity noch mehr Fürsorge brauchte als sie. Dennoch gab es ihr manchmal einen schmerzlichen Stich, wenn Charity quengelte oder trotzte und die Mutter sich ihr trotzdem liebevoll widmete.

Ein Blick auf Faith’ blasses, erschöpftes Gesicht ließ Hope jene Anwandlungen von Eifersucht rasch wieder vergessen. Sie mußte der Mutter zur Seite stehen, und sie, Hope, konnte das, denn sie war stark. Trotz ihrer fünf Jahre war sie sich dessen bewußt, schließlich hatten es die Leute oft genug gesagt. Bei aller Bereitschaft mitzuhelfen, war sie doch stets wach und offen für alles Neue. Auch jetzt war es so. Von Natur aus neugierig, fand Hope das Unbekannte faszinierend. Mochte die Reise auch noch so lange und unangenehm gewesen sein, Hope hatte immer etwas entdeckt, was ihre Phantasie entzündete, ihre Aufmerksamkeit erregte.

Jetzt dagegen befand sie sich in einem fremden Land, wo es unendlich viel zu sehen gab, daß sie gar nicht wußte, wohin sie zuerst schauen sollte. Gerade in diesem Moment wurden die männlichen Strafgefangenen von den Matrosen in einem Halbkreis zusammengetrieben. Die Soldaten bewachten die Männer mit Musketen im Anschlag. Ein Uniformierter ging von einem zum anderen Sträfling und heftete ihm eine Nummer auf den Rücken.

Schließlich siegte Hopes Forschungsdrang über das Gebot der Mutter, immer ganz in ihrer Nähe zu bleiben. Nach einem kurzen Blick auf Faith, die sich nur mit der quengelnden Charity beschäftigte, mischte Hope sich unter die Menge auf dem Hafenplatz. Sie hatte nie zuvor ähnliche Hütten gesehen und konnte der Versuchung nicht widerstehen, in einige hineinzugucken. In manchen stank es entsetzlich, und oft war es so dunkel, daß sie kaum etwas erkennen konnte, außer, daß niemand drinnen war. So kam Hope, ohne von jemandem aufgehalten zu werden, immer weiter.

Mutiger geworden, trat sie in eine Hütte und rümpfte die Nase wegen des Geruchs. Langsam gewöhnten sich die Augen an die Finsternis. Da bewegte sich unerwartet etwas in der Ecke. Hope hatte es für ein Bündel Lumpen gehalten, nun hob sich jedoch ein Kopf mit wirrem Haar, und ein Mensch sah das Kind finster an.

Der Mann stützte sich auf einen Ellbogen und bleckte seine Stummelzähne wie ein wildes Tier. »Raus mit dir, raus, aber schnell, sonst freß ich dich zum Abendessen!«

Hope machte auf dem Absatz kehrt und flüchtete ins Freie. Draußen stieß sie in aller Eile mit gesenktem Kopf gegen einen harten Körper, taumelte und verlor das Gleichgewicht. Sie wäre gestürzt, hätte sie nicht jemand aufgefangen und auf die Füße gestellt. Im Aufschauen sah Hope in ein Paar strahlend blaue Augen.

»Immer gucken, wohin du gehst, Kleine!« Der Junge grinste. »Hoppla, da haben wir ja fast noch ein Baby!«

Bestürzt und wütend zugleich, funkelte Hope ihn an und widersprach trotzig: »Das stimmt nicht, ich bin schon fünf.«

Er verbeugte sich spöttisch. »Ist nicht wahr, schon fünf? Verzeihung, daß ich’s nicht gleich gemerkt habe, Mylady.«

Es war der Junge, der ihr vorher schon am Hafen aufgefallen war. Für Hope war er erstaunlich groß, schon fast ein Mann. Natürlich wußte sie, daß er noch nicht erwachsen war.

»Ich heiße Chris Starke«, stellte er sich vor. »Bist du mit dem Sträflingsschiff gekommen?«

Immer noch bestürzt, wenn auch von den Manieren des Jungen etwas beruhigt, wurde Hope mit einem Mal schüchtern und senkte den Kopf.

Chris beugte sich zu ihr hinunter und hob ihr Kinn hoch. Sein Finger war schlank und ziemlich schmutzig. »Nun, nun, du mußt keine Angst haben.«

Langsam blickte Hope zu ihm auf. Sie fand, daß er ein gutes Gesicht hatte, nickte nur und hoffte, es würde genügen. Reden konnte sie nicht.

»Hab’ ich mir doch gleich gedacht. Sträfling oder Siedler?«

Hope wußte nicht genau, was ein Sträfling war, wohl aber, daß es etwas Anrüchiges, Beschämendes sein mußte, und auch, daß ihre Mutter so etwas war. Wieder ließ die Kleine den Kopf hängen.

Erneut hob der Junge ihr Kinn hoch. »Mußt dich nicht dafür schämen, Mädchen, denn die meisten Leute kommen als Sträflinge hierher. Wie heißt du eigentlich?«

Unter dem freundlichen Blick seiner blauen Augen fand sie endlich die Sprache wieder. »Hope«, flüsterte sie.

»Hast du keinen Familiennamen?«

»Doch: Blackstock.«

»Gut so. Und damit du’s weißt, Hope Blackstock, wir sind damals auch als Sträflinge hergekommen, gleich mit den ersten Transporten. Damals hättest du das hier sehen müssen! Außer den Eingeborenen und uns Gefangenen keine anderen Menschen. Das war ’ne harte Sache, kannst du mir glauben. Jetzt ist mein Vater tot, starb voriges Jahr und ließ mich allein zurück.«

Hopes Interesse war geweckt, ihre Schüchternheit verflog, und sie fragte staunend: »Wo ist denn deine Mama?«

»Meine Mutter ist schon in London gestorben, bevor wir abfuhren.« Ein Schatten verdunkelte jäh das Gesicht des Jungen. Gleich darauf aber lächelte er wieder und ergriff Hopes Hand. »Dafür finden wir jetzt besser deine Mama, mein’ ich.«

Fürsorglich begleitete Chris Hope zu den Gefangenen zurück. Sie bemerkte, daß ihre Mutter, Charity auf den Armen, verzweifelt herumschaute. Ein Soldat hielt sie fest. Sofort wußte Hope, daß ihre Mutter sich Sorgen gemacht hatte, und heftige Schuldgefühle erwachten in Hope. Sie liebte ihre Mutter innig und wollte ihr um nichts in der Welt weh tun.

Rasch ließ die Kleine Chris’ Hand los und lief auf Faith zu. »Da bin ich, Mama!«

Faith war zuerst erleichtert, wurde aber gleich darauf zornig. »Wo bist du nur gewesen, Kind, ich war schon ganz verzagt. Schon glaubte ich, dir sei etwas zugestoßen. Von nun an bleibst du in meiner Nähe, verstanden?«

Hope drückte das Gesicht in die Röcke der Mutter und nickte stumm.

In diesem Moment hörte das Mädchen Chris sagen: »Es ist ihr nichts geschehen, Mistress. Sie ist nur erschrocken. Hatte ihren Kopf in eine der Hütten gesteckt.«

Er lachte leise. »Der Alte war heute nicht bei der Arbeit, hatte sich wohl krankgemeldet. Wenn man ihn zum ersten Mal sieht, kann er einem ganz schön Angst einjagen, glaub’ ich.«

Faith Blackstock musterte den Jungen eindringlich. Er schien ziemlich reif für sein Alter und machte einen intelligenten Eindruck. Doch schlechte Erfahrungen auf Londons Straßen hatten Faith gelehrt, Jungen nichts Gutes zuzutrauen. »Wer bist du?« fragte sie ihn.

»Chris Starke, Mistress Blackstock.«

Unwillkürlich zog Faith Hope enger an sich.

»Woher kennst du meinen Namen?«

»Ihre Kleine da hat’s mir gesagt.«

»Bist du auch mit uns gekommen?«

»Nein, Mistress, mein Vater und ich, wir kamen mit dem ersten Transport.«

Sie zögerte und sah sich ängstlich um. »Ist ... ist das Leben hier ... sehr hart? Ich meine, für die Sträflinge.«

»Das Leben hier ist hart, Mistress, für die Sträflinge genauso wie für die freien Siedler. Die Lebensmittel werden oft knapp. Man hat uns Nachschub versprochen, aber bis jetzt hat sich nichts getan. Angeblich sind die Schiffe hier nicht angekommen. Viele Leute sind verhungert, viele an den Pocken gestorben.«

Faith sah ihn zweifelnd an. »Du scheinst mir aber doch recht gesund, Chris.«

Er lachte breit. »Ich hab’ gelernt, wie man für sich selbst sorgt. Schnell muß man sein und sich nicht erwischen lassen, das ist alles.«

Sie schrak zusammen. »Heißt das, du bist ein Taschendieb?«

Er grinste immer noch, als er zurückgab: »O nein, Mistress Blackstock, in ganz Sydney Town gibt’s nicht genug volle Taschen dafür. Aber wenn ein Mann nur Köpfchen hat, sieht er die vielen anderen Möglichkeiten.«

»Hältst du dich schon für einen Mann, Chris?«

Er straffte stolz die Schultern. »Hier in New South Wales, vor allem in den Rocks, wird einer schneller ein Mann, als er schauen kann.«

Faith Blackstock wandte sich ab. »Das kann ich mir gut vorstellen. Außerdem hätte ich kein Recht, dich einen Dieb zu schimpfen, denn ich bin selbst eine Diebin. Deshalb bin ich hier.«

»So geht’s doch den meisten von uns, viele haben irgendetwas gestohlen oder Schlimmeres gemacht.«

Faith blickte hinüber zur Ostflanke der Bucht und fragte: »Was ist das dort, dieses Ziegelgebäude am Rand, das ganz allein steht?«

»Ah, das ist Bennelongs Hütte.«

Sie runzelte die Stirn. »Und wer ist Bennelong?«

Eben tauchte wieder ein Beiboot am Kai auf.

Chris überlegte flüchtig. »Nun, das ist nicht gerade eine kurze Geschichte, Mistress. Aber da noch ausgeladen wird, haben wir, denk’ ich, noch Zeit. Wollen Sie sich nicht besser wieder setzen? Die Kleine auf Ihrem Arm muß Ihnen ganz schön schwer werden.«

Faith Blackstock ließ sich auf der Kiste nieder, und sofort begann Charity zu quengeln. »Will runter«, sagte sie bestimmt, und schon verzog sie das Gesicht.

Chris kauerte sich nieder und schaute der Kleinen fest in die Augen. »Aber, aber«, sagte er beschwichtigend, »ein so hübsches Mädchen wie du sollte doch nicht solche Grimassen schneiden und immer gleich losheulen. Nun hör mir mal zu, dann wird dir Chris auch eine Geschichte erzählen.«

Charity sah den Jungen hingerissen an und vergaß zu weinen.

Auch Hope kam näher heran und schaute bewundernd zu Chris auf. Faith stieß einen Seufzer der Erleichterung aus. Sie war todmüde und hatte keine Ahnung, wie alles nun weitergehen würde. Alles, was in irgendeiner Weise Ablenkung von Erschöpfung und Kummer bringen mochte, war mehr als willkommen. Es zeigte sich zudem deutlich, daß Chris gut mit kleinen Kindern umzugehen verstand.

»Erzähl uns die Geschichte, Chris«, bat Hope eindringlich.

Er lächelte. »Gut, dann hört mir mal alle zu … «

»Bennelong ist ein Schwarzer, ein Eingeborener. Der Gouverneur Phillip wollte mit den Bewohnern hier in Kontakt kommen, aber das klappte wohl nicht gleich so gut, und der Gouverneur nahm einige von ihnen gefangen. Darunter waren auch Bennelong und Colbee, ein Häuptling. Man hat sie alle in Ketten gelegt, doch dieser Colbee hat sich davon befreien können und ist weggelaufen.

Bennelong ist nun freilich ein sehr gelassener Mensch und ziemlich klug, also hat er erst gar nicht versucht zu flüchten. Er wollte dableiben und unsere Lebensart kennenlernen. Der Gouverneur wurde sein Freund, und Bennelong aß sogar mit ihm. Es heißt, Bennelong ißt schrecklich gern.«

Chris grinste, und Faith Blackstock bemerkte, daß Hopes Blick andächtig am Erzähler hing. Auch Charity hatte nur Augen für ihn und schien vollkommen hingerissen.

»Es wird sogar gesagt, daß Bennelong soviel auf einmal verzehren kann wie sechs andere Männer zusammen. Irgendwann aber wurden die Nahrungsmittel knapp, die Leute beklagten sich, und Bennelong ging weg. Nachdem später ein Eingeborener den Gouverneur mit einem Speer verletzt hatte, kam Bennelong zurück und blieb da.«

»Und das Haus dort drüben?« fragte Faith.

»Das hat der Gouverneur für Bennelong bauen lassen, damit er seine Freunde zu sich einladen kann, wenn sie ihn besuchen.«

»Warum aber steht das Haus ganz allein?« Faith war noch nicht zufrieden.

Chris verdrehte ungeduldig die Augen. »Hab ich doch gesagt, Bennelong ist ein Schwarzer. Und die Weißen hier haben’s nicht so gern, wenn einer von den Eingeborenen so nah wohnt … «

»Heda, aufstehen, alle, bewegt euch ein bißchen!«

Faith schaute hoch. Die Soldaten trieben nun die Sträflinge auseinander, die inzwischen eine dichte Menschentraube gebildet hatten.

»Scheint, daß nun alle an Land sind«, meinte Chris, »Man wird Ihre Namen aufrufen und Sie einem Herrn zuteilen. Wenn es Ihnen recht ist, halte ich die Kleine solange für Sie.«

Behutsam übergab Faith Blackstock Charity, die sofort wieder zu quengeln begann, dem Jungen und stand mühsam auf. Sie war nicht nur müde, sondern völlig geschwächt. Es war schon eine Weile her, daß sie gegessen hatte, und Hunger wie auch Angst ließen ihr Herz rascher klopfen. Welch einen Herrn würde sie wohl bekommen? Es war sinnlos, darüber nachzudenken, denn sie hatte keine Möglichkeit, etwas dagegen zu tun.

Die Hände auf Hopes Schultern gestützt, fragte Faith Blackstock: »Und du, Chris, hast du einen guten Herrn?«

Er ließ die ungeduldige Charity sich in seinen Armen winden und schüttelte den Kopf. »Ich habe keinen Herrn, Mistress Blackstock. Ich bin frei, so frei, wie man an einem solchen Ort überhaupt nur sein kann.«

Faith sah furchtsam zu den Soldaten hinüber, die noch recht weit weg waren. »Du scheinst die Verhältnisse hier gut zu kennen. Kannst du mir vielleicht auch sagen, was mich erwartet? Zum Beispiel möchte ich wissen, ob die Sträflinge bei ihren Herrn wohnen?«

Chris dachte nach, zögerte, verneinte dann. »Ich glaube nicht, für gewöhnlich jedenfalls nicht. Und da ihr zu dritt seid, nehme ich es schon gar nicht an. Die Siedler haben in ihren Hütten kaum Platz für die eigene Familie.«

»Aber wo sollen wir denn dann bloß wohnen«, fragte Faith entsetzt.

»Nun, da in letzter Zeit viele Sträflinge gestorben sind, ließe sich vielleicht eine leere Hütte finden. Andererseits sind wohl die meisten Neuankömmlinge Männer und werden die leeren Hütten sofort mit Beschlag belegen. Dann müßten Sie sich eine bauen.«

Faith stand kurz vor einem Nervenzusammenbruch. Sie wußten nicht, wo sie leben sollten, würden vielleicht kein Dach über dem Kopf haben. Das war einfach zuviel! »Eine Hütte bauen? Wie kann eine Frau mit zwei kleinen Kindern eine Hütte bauen? Ich habe keine Ahnung, wie man das macht.«

Chris lächelte ihr tröstend zu. »Das ist ganz einfach, Mistress, und ich werde Ihnen sehr gern dabei helfen. Man baut sie aus Palmenstämmen und klebt die Verbindungsstücke mit Lehm zusammen. Den findet man dort drüben in der Bucht, wo der Strom mündet. Das Dach ist aus Stroh oder Röhricht.«

Faith musterte ihn nachdenklich. »Ich wäre sehr dankbar, wenn du uns helfen könntest, Chris. Sag mir nur eines: Warum bist du so freundlich zu Fremden, die du nie zuvor gesehen hast?«

Ihre Frage traf den Jungen unvorbereitet. Ja, warum eigentlich nahm er sich dieser Leute überhaupt an? Er hatte früh gelernt, daß einer, um in den Rocks zu überleben, zuerst an sich selber denken mußte. Und Freunde hatte er keine. Sollte dies etwa der Grund sein? War Chris Starke einsam?

Laut gab er ruhig zurück: »Sie sind ganz anders als die übrigen weiblichen Sträflinge, Mistress Blackstock. Die meisten Frauen hier sind von der üblen Sorte.«

Nachdenklich schaute er auf Hope nieder. »Ich nehme an, ich vermisse eine Familie, seit meine nicht mehr lebt.«

»Armer Junge.« Mütterlich strich Faith Blackstock ihm über die Wange. »Wie alt bist du eigentlich?«

»Zwölf, Mistress.«

Hope hatte dem Gespräch zwischen ihrer Mutter und Chris Starke zugehört, ohne viel zu verstehen. Eines nur stand fest für sie. Sie mochte Chris gern. Er schien schon so erwachsen. Oft hatte sie sich gefragt, wie es wohl wäre, wenn sie einen Bruder hätte, vor allem einen älteren. Einen Bruder, der sie beschützte und ihr einen Rat geben könnte. Dennoch spürte Hope ganz deutlich, daß das, was sie für diesen Chris empfand, nichts mit geschwisterlichen Gefühlen zu tun hatte. Vertrauensvoll streckte sie die Hand aus und legte sie in die seine.

Verblüfft und beinahe ärgerlich schaute Chris auf Hope hinunter. Im nächsten Moment erhellte sich seine Miene. Er lächelte und umschloß die kleine Kinderhand mit festem Druck.

In diesem Augenblick trat gerade ein Offizier auf die Gruppe zu, bahnte sich einen Weg durch Matrosen und Sträflinge. Jetzt blieb er stehen, sah auf eine Liste und fragte scharf, ohne Faith eines Blickes zu würdigen: »Name?«

»Faith Blackstock«, antwortete sie leise und warf einen schnellen Seitenblick auf Chris, der ihr ermutigend zulächelte.

»Man wird Sie Simon Marsh zuteilen.« Ohne die Frau anzusehen, befahl der Offizier barsch: »Folgen Sie mir!«

Ihr Herz pochte wie wild. Sie ergriff Hopes Hand und ging hinter dem unfreundlichen Offizier her.

Chris Starke trug die kleine Charity. Unter den Wartenden stand ein hochgewachsener Mann mit hängenden Schultern und unwirscher Miene.

»Simon Marsh, diese Frau ist Faith Blackstock. Sie wird ihre fünfzehn Jahre bei Ihnen ableisten.«

Mit deutlichem Mißfallen ließ der Mann den Blick über die verhärmte Frau gleiten und fragte kalt, als er die Kinder bemerkte: »Ist das Ihre Brut, alle drei?«

»Nur die beiden Mädchen«, versetzte der Offizier ungerührt.

»Die Frau scheint mir nicht gerade sehr kräftig«, bemerkte Marsh ungehalten, »und noch dazu die Gören, die wie Kletten an ihr hängen werden. Sie sind noch viel zu jung. Hoffen wir, daß die mir nicht auch so schnell wegstirbt wie ihre Vorgängerin.«

»Wenn sie stirbt, können Sie beim nächsten Transport eine andere haben«, gab der Offizier gelassen zur Antwort. Damit wandte er sich zu Faith herum und leierte sein Sprüchlein herunter: »Sie, Faith Blackstock, gehören nun zu Simon Marsh. Hiermit übergebe ich Sie seiner Obhut. Ich befehle Ihnen, in seinem Dienst fleißig Ihre Arbeit zu verrichten und seinen Anordnungen unter allen Umständen Folge zu leisten. Ungehorsam und Faulheit werden schwer bestraft.« Ohne jedes weitere Wort machte der Offizier auf dem Absatz kehrt und schritt davon.

Müde schaute Faith Marsh an. Er war nicht mehr jung, und die Zeit wie der Charakter hatten Spuren in sein Gesicht gegraben. Der Anblick war nicht sonderlich trostreich. Der kühle Blick der dunklen Augen, die halb zugekniffen waren, und der bittere Zug um den schmallippigen Mund ließen nicht gerade auf einen großzügigen oder freundlichen Herrn schließen. Faith Blackstock hätte sich ein sanfteres Geschick erhofft.

»Stehen Sie doch nicht so herum«, mahnte er mit einer hellen, heiseren Stimme, »Kommen Sie schon! Der Herr bewahre mich vor jemandem, der dauernd trödelt!« Ohne Faiths Antwort abzuwarten, drehte er sich brüsk um.

Vermutlich nahm er an, daß sie ihm wortlos folgen würde. Mit einem Seufzer wollte Faith die kleine Charity wieder auf den Arm nehmen, doch Chris schüttelte den Kopf.

»Ich komme noch mit und leiste Ihnen ein wenig Gesellschaft.«

Sie lächelte verkrampft. Dem Jungen war sie unsäglich dankbar für seine Hilfe. Faith Blackstock hatte inzwischen begriffen, daß sie, um in diesem fremden Land mit ihren Kindern zu überleben, auf Unterstützung angewiesen sein würde. Und dieser Junge schien hier der Einzige, der dazu bereit war.

Erschöpft nahm Faith das Bündel auf und folgte ihrem neuen Herrn. Sie führte Hope an der Hand, und Chris Starke ging neben der Frau her, die kleine Charity auf dem Arm. Zum Glück schienen Simon Marsh die Beine ebenso widerwillig zu gehorchen wie Faith. Sein Gang war steif, und er schritt nicht schnell aus. Einige Male blieb er kurz stehen. Faith war dem Schicksal dafür dankbar.

An einem schmalen Weg angekommen, sah Faith sich um, ihr Unbehagen wuchs. Die Hütten zu beiden Seiten waren in sehr vernachlässigtem Zustand und hätten dringend hergerichtet werden müssen. Die wenigen Leute, denen sie begegneten, schenkten ihnen keinen Blick und verrieten nicht die geringste Neugier. Sie waren halbverhungert und armselig angezogen.

Chris Starke war der Richtung ihres Blickes gefolgt und erklärte: »Da sind wir in Rock’s Row. Die meisten Sträflinge leben hier.«

Stumm schüttelte Faith den Kopf und wandte sich Chris zu.

Seine Miene verriet Anteilnahme und Verständnis.

Er versuchte, die verzagte Frau abzulenken, und sagte: »Sie sind, scheint mir, eine recht gebildete Frau, Mistress.«

Sie hatten Rock’s Row verlassen und stiegen jetzt eine enge, steile Gasse hinauf. Faith Blackstock rang nach Atem, bevor sie etwas erwidern konnte. »Ich bin als Kaufmannstochter in Bath aufgewachsen. Mein Vater war kultiviert, wenn auch ziemlich streng. Trotzdem behandelte er mich gut, als ich noch ein Kind war, und ließ mich lernen, weil es mir Spaß machte.«

»Können Sie vielleicht gar schreiben und lesen?«

Sie wechselte das schwere Bündel in die andere Hand. »Gewiß doch. Freilich hat es mir nachher kaum etwas genützt, als ich verheiratet war.«

»Dann werden Sie doch sicher Ihre Mädchen auch lesen und schreiben lehren, Mistress?«

»Das werde ich. Sie müssen etwas lernen, und vermutlich bin ich hier der einzige Mensch, der ihnen etwas beibringen kann.«

Faith Blackstock atmete stoßweise und heftig. Sie hoffte sehr, daß sie bald am Ziel sein würden. Auf einem Hügel weiter im Norden tauchten nun einige schönere Häuser auf, und auf der Kuppe drehte sich das Rad einer Windmühle langsam in der Brise. Vermutlich würden Sträflinge kaum in jenes Gebiet kommen. Gewiß lebten dort die Offiziere und die wohlhabenden Siedler. Jetzt erst fiel es ihr auf, daß Chris wieder zu sprechen begonnen hatte. Sie schaute schnell zu ihm hinüber und bemerkte, daß er den Blick beharrlich auf den Boden gerichtet hielt.

»Ich bin nie zur Schule gegangen. Schrecklich gern würde ich auch lesen, schreiben und ein wenig rechnen lernen. Ich weiß, daß ein Mann etwas wissen muß, wenn er es im Leben zu etwas bringen will.«

Noch immer hatte Chris den Kopf gesenkt. »Wenn sie Ihren Mädchen das alles beibringen, würden Sie mich auch dazu nehmen? Ich wäre Ihnen sehr dankbar und würde alles tun, um Ihnen sonst irgendwie zu helfen.«

Bitter fügte er hinzu: »Die Leute hier in den Rocks haben keine Verwendung für das, was man so Erziehung nennt, und die Reichen oben auf den Hügeln haben kein Interesse an einem wie mir.«

Simon Marsh verlangsamte nun den Schritt, und Faith versuchte, an ihm vorbeizuspähen, um sich ein Bild von ihrem Ziel zu machen.

»Ich würde dich natürlich sehr gern unterrichten, Chris«, sagte sie bekümmert, »doch ich habe nur ganz wenige Bücher«, und wies auf das Bündel.

»Bücher kann ich auftreiben«, versicherte er aufgeregt.

Faith war gerührt und vergaß ein wenig die Erschöpfung und die Ungewißheit. »Wenn du uns wirklich helfen kannst, Chris, eine Bleibe zu finden, werde ich dich lehren, was ich weiß, sobald ich meine Mädchen unterrichten kann. Einverstanden, Chris?«

»Einverstanden, Mistress Blackstock«, lachte der Junge glücklich. »Und nun zu diesem Mr. Marsh!« Faith senkte die Stimme und musterte den Mann, der vor ihnen herging. »Wie denkst du wird er wohl zu uns sein?«

Chris zögerte. »Nicht schlechter als andere Herren auch, will ich meinen. Eines freilich … « Er flüsterte ihr die folgenden Worte ins Ohr: »Bei ihm brauchen Sie nicht zu befürchten, daß Sie sein Bett teilen müssen.«

Faith’ Blick verriet ihr Erschrecken. »Ist das denn so üblich?«

»Keine Sorge, nicht bei ihm, wie ich schon sagte. Aber hier gibt es nicht genug Frauen, Mistress Blackstock. Deshalb werden die meisten weiblichen Sträflinge auch gleich die Geliebten ihrer Herren.«

»Es gab zwar einige wenige Annäherungsversuche auf dem Schiff, doch die meisten Männer ließen mich in Ruhe, als sie die Kinder sahen. Hier an Land, meinte ich, würde ich sicher sein.«

»Bei Master Marsh sind Sie das auch.«

Offensichtlich war dem Jungen das Thema peinlich. »Er ist ein gottesfürchtiger Mann und würde nie ein Gebot brechen, wenigstens nicht dieses eine! Von Beruf ist er ein Weber. Nun ist es schwierig, hier in New South Wales Wolle zu bekommen. Die meisten Schafe, die mit dem ersten Sträflingstransport herübergekommen sind, sind eingegangen, und selten kriegen wir Wolle aus England.«

»Wozu braucht er mich denn, wenn er keine Arbeit hat?«

»Wahrscheinlich hat man ihm versprochen, daß er Wolle bekommt. Vielleicht ist schon mit diesem Schiff eine Ladung dabei. Außerdem kosten Sie ihn so gut wie nichts. Vermutlich zahlt er Ihnen keinen Lohn, sorgt nur für das Essen und die Kleidung. Und das wieder ersetzt ihm die Regierung, die Sie ihm zugeteilt hat.«

»Überhaupt kein Geld«, fragte Faith Blackstock verzagt.

Chris schüttelte den Kopf und lächelte. »Es liegt ganz bei dem Herrn, ob er bezahlt oder nicht. Und die wenigsten Leute haben überhaupt Bargeld genug dafür. Das wenige aber geht eher drauf für den Rum. Damit wird hier gehandelt. Denn nur wer im Dienst der Regierung steht, hat bares Geld, mit dem er etwas Richtiges kaufen kann.«

Simon Marshs Schritte waren schon sehr langsam geworden, und Faith konnte deshalb mehr von der Umgebung wahrnehmen als vorher. Am Straßenrand stand ein Wegweiser, große Buchstaben waren ins Holz geritzt.

Verwundert las sie: »China liegt nicht hinter den Blauen Bergen!« Während sie auf die sonderbare Inschrift deutete, fragte sie: »Was soll das bedeuten, Chris?«

Er lachte kurz auf. Es klang nicht fröhlich. »Kein Scherz, Mistress Blackstock, sondern eher eine Art Warnung. Vor allem geht sie die Sträflinge an. Viele glauben, sie könnten dem Leben hier entkommen, wenn sie nur nach Westen gehen. Sie denken, daß gleich hinter den Blauen Bergen China anfangt.«

Faith blieb stehen und holte tief Luft. »Versuchen viele zu fliehen?«

Chris nickte. »Viele haben es riskiert, doch die meisten verhungerten oder wurden von den Eingeborenen im Busch umgebracht.«

»Aber einigen gelang es doch?«

»Naja, hin und wieder einmal schon. Zum Beispiel Peter Myers, ein Freund meines Vaters, ist geflohen, kurz nachdem wir hier angekommen waren. Später haben Leute, die das Land erforschten, Gerüchte erzählt von einem Weißen, der mit den Eingeborenen im Busch leben soll, ganz wie einer von ihnen. Sie sind zwar nicht nahe genug herangekommen, um ihn genau zu sehen, aber sie meinten, es könnte Peter Myers sein. Ich weiß nicht, was daran wahr ist und was nicht.«

Faith Blackstock zuckte zusammen, als sie nun Simon Marshs Fistelstimme hörte. »Wollen Sie vielleicht hier herumstehen und Maulaffen feilhalten? Rühren Sie sich, Frau, der Laden ist dort vorne!«

Kapitel 2

Auszüge aus Peter Myers’ Tagebuch

Mai 1787

Am bittersten Tag meines Lebens beginne ich, dieses Tagebuch zu schreiben. Im Augenblick kann ich mir unmöglich vorstellen, daß ich jemals etwas Angenehmes auf diese Seiten bringen werde. Ich schreibe nur, weil ich hoffe, damit in den Wochen und Monaten, die vor mir liegen, nicht den Verstand zu verlieren. Sollte ich überleben, wird meine Familie wenigstens erfahren, was mir zugestoßen ist.

Ich sitze im Laderaum eines Schiffes, das nach der Sträflingskolonie in New South Wales Segel gesetzt hat. Dorthin werde ich deportiert. Das Urteil lautete: lebenslänglich. Das ist die Strafe dafür, daß ich geliehenes Geld nicht zurückzahlen konnte. Mein Gläubiger ist ein völlig gewissenloser und unbarmherziger Mann. Seinetwegen hat man mich von meiner geliebten Familie getrennt. Verbannt in ein fernes Land, das noch so neu ist, daß nur ganz wenig darüber bekannt ist. Unser Transport besteht aus einem Konvoi von elf Schiffen. An Bord befinden sich über tausend Menschen, Männer, Frauen und eine Menge Kinder und Säuglinge. Es gibt auch Pferde, Rinder, Schafe, Ziegen, Schweine, Hühner, Kaninchen und Enten. So hat es den Anschein, daß wir alles mitbringen, was man braucht, um eine englische Siedlung an jener fernen Küste zu gründen, die wir ansteuern.

Ungefähr dreihundert Männer sind Offiziere, Matrosen und Soldaten, die uns in König Georges Auftrag bewachen sollen. Einige wenige Freiwillige sind ebenfalls an Bord, die dort drüben Pionierarbeit leisten wollen. Alle anderen sind abgeurteilte, überführte Sträflinge, eine üble Gesellschaft größtenteils. Es sind vor allem Diebe, auch Straßenräuber, Taschendiebe und Einbrecher. Obwohl die Männer weitaus in der Überzahl sind, gebärden sich die wenigen Frauen um so schlimmer, sind schamlos, zänkisch und gewalttätig. Meist sind es Dirnen oder Taschendiebinnen.

Zum Glück sind diese Weiber von den männlichen Mithäftlingen getrennt, wenn auch nicht, wie man hört, von den Matrosen und den Soldaten, die sich ziemlich ungeniert der Gunst der käuflichen Huren erfreuen. Unter diesen zum Teil hartgesottenen Verbrechern gibt es einige wenige Menschen wie mich, die eher unglücklich als gefährlich zu nennen wären. Da hat einer ein Kaninchen gestohlen, um seine hungrigen Kinder zu sättigen, die Strafe: sieben Jahre Deportation. Solche Tatsachen machen mich so unsagbar verzweifelt. In welcher Gesellschaft leben wir bloß zu dieser Zeit, da das Gesetz solche Vergehen so überaus grausam ahndet, die doch jeder Christenmensch gütig verzeihen müßte?! Nach und nach verliere ich das Verlangen, in dieser Welt zu leben

Juli 1787

Nun sind wir schon mehr als dreißig Tage auf See, und ich habe eine erste Ahnung, wie diese Reise vonstatten gehen wird. Wenn ich meine Lage so nüchtern, wie dies bei aller Verzagtheit möglich ist, überdenke, habe ich nur geringe Chancen zu überleben. Körperlich bin ich kaum geeignet, mich mit den Männern auseinanderzusetzen, mit denen ich täglich und stündlich zusammensein muß. Denn wie bösartige Kinder neigen diese Leute dazu, jeden, der anders ist als sie, zu drangsalieren.

Dazu kommt, daß ich mich mit der mangelnden Hygiene nur schwer abfinden kann. Es ist so gut wie unmöglich, sich gründlich zu waschen. Das scheint den meisten Sträflingen nicht viel auszumachen. Der Gestank unter Deck ist dementsprechend ekelhaft und unvorstellbar. Es ist eine richtige Erlösung, wenn man uns gestattet, an Deck zu gehen. In der frischen Luft kann man wenigstens tief atmen. Trotzdem haftet der gräßliche Geruch an allem und jedem. Ich fürchte, ihn nie mehr loszuwerden, ebensowenig wie die Erinnerung an diese alptraumhafte Reise.

Die Rotröcke, unsere Wächter auf der Überfahrt, sind an sich gar nicht so übel, abgesehen von einigen wenigen, denen es einfach Vergnügen macht, uns, weil sie sich langweilen, zu drangsalieren. Besonders einer, ein vierschrötiger, grober Kerl namens Wilburne, hat es auf mich abgesehen, weil ich ein gebildeter Mann bin. Er läßt keine Gelegenheit aus, mir das Leben zur Hölle zu machen. Der einzige Vorteil, den ich habe, ist meine Fähigkeit zur Selbstbeherrschung. Ich habe mir vorgenommen, mich so unauffällig wie möglich zu verhalten. Darin liegt meiner Meinung nach die beste Chance zu überleben.

In diesen Tagebuchaufzeichnungen, so habe ich mir geschworen, werde ich so aufrichtig sein, wie ich nur kann. So muß festgehalten werden, daß ganz allgemein die Verhältnisse an Bord nicht einmal so arg sind, wie sie sein könnten. Man gibt sich schon Mühe, uns lebendig nach New South Wales zu bringen. Vor der Abreise hat man uns in London eine Art Uniform aus grobem Tuch verpaßt. Auch durften wir einige persönliche Sachen mitnehmen. Und unsere Essensrationen sind, den Umständen angemessen, ausreichend. Wir bekommen Brot, Pökelfleisch, Hülsenfrüchte, ein wenig Butter, Erbsen, Haferschleim und Käse. In jedem Hafen, den wir anlaufen, wird Frischfleisch an Bord genommen, wenn möglich, auch Gemüse. Die Kranken erhalten Sonderzuteilungen, wenn möglich, auch Gemüse. Manche der Häftlinge, die daheim am Verhungern waren, fühlen sich richtig wohl.

All das verdanken wir, wenn ich es recht verstehe, dem Kapitän Arthur Phillip. Er soll ein gewissenhafter und sehr humaner Mensch sein. Er mag um die Fünfzig sein und ist recht unauffällig. Dennoch gehorchen ihm die Matrosen und Soldaten und verehren ihn.

Trotzdem ist es ein elendes, entbehrungsreiches Leben, das ich führe. Ich vermisse schmerzlich meine geliebte Frau und meine beiden Kinder, die nun vaterlos aufwachsen müssen. Es ist schon bitter, zu denken, daß sie eines Tages erwachsen sein werden, ohne ihren leiblichen Vater richtig zu kennen. Ich tröste mich nur mit dem Wissen, daß meine guten Schwiegereltern die Meinen bei sich aufgenommen haben. So kann ich mich darauf verlassen, daß es ihnen an nichts mangelt. Mir tut das Herz weh beim Anblick der unschuldigen Kinder, die diese Reise mitmachen müssen.

Ein Mann ist darunter, ein gewisser Henry Starke, der seinen Sohn bei sich hat, den achtjährigen Christopher. Wir nennen ihn Chris. Er ist ein kluger, aufgeweckter Junge. Mit etwas guter Erziehung könnte aus ihm etwas Rechtes werden. Wie es freilich jetzt aussieht, schnappt er zwar viel unter den Sträflingen auf, leider selten etwas Anständiges.

Sein Vater ist kein schlechter Mensch, auch wenn er zugibt, daß er seinen Lebensunterhalt nicht gerade mit legalen Mitteln verdient hat. Als Schicksalsgefährten sind wir fast Freunde geworden. Er ist ein schlauer Kopf, wenn er, Henry Starke, auch recht ungebildet ist. Im Gegensatz zu mir weiß er zum Beispiel gut, wie man mit den anderen Häftlingen umgeht, ohne anzuecken. In dieser Hinsicht sorgt er für mich.

Ich kümmere mich dafür um den Jungen und versuche, Chris etwas Geographie und Geschichte zu lehren. Bisher hat er nie mehr als die Hinterhöfe und Gassen der Londoner Elendsviertel gekannt und nun dieses Schiff. Chris scheint an mir zu hängen, und ich muß ehrlich zugeben, daß ich ihn gern um mich habe. Ich frage mich bloß, was wohl aus dem Jungen werden mag, wenn wir das neue Land erreicht haben.

Januar 1788

Heute habe ich viel zu berichten. Diese letzten zehn Tage waren so ausgefüllt, daß ich nicht einmal dazu kam, meine Aufzeichnungen zu machen. Unsere schier endlose Reise ist zu Ende. Nach acht langen Monaten haben wir New South Wales erreicht. Die meisten von uns sind zwar zerlumpt und abgemagert, aber wir leben! Vor allem die Frauen, die in ihren abgerissenen Kleidern halbnackt herumlaufen, sind in einem elenden Zustand. Es gab weder Nadeln noch Faden, deshalb konnte nicht einmal notdürftig geflickt werden.

Am Freitag, dem zehnten Januar, standen wir alle dicht gedrängt an der Reling, um einen ersten Blick auf unser Ziel Botany Bay zu werfen. Doch alles, was wir sehen konnten, war eine sandige und dürre Fläche. Die Hoffnungen, die wir während der langen Seefahrt geschöpft hatten, erloschen. Dazu gab es Schwierigkeiten, einen geeigneten Anlegeplatz zu finden. Wir segelten erst ein paar Meilen an der Küste entlang, bis wir eine geeignete Bucht sichteten.

Jener Platz, so sagte einer der Offiziere, habe ursprünglich Port Jackson geheißen. Aber Kapitän Phillip taufte die Bucht in Sydney Harbor um, Lord Sydney zu Ehren. Endlich gingen wir von Bord. Es ist ein viel besserer Hafen als der von Botany Bay. Das Land freilich ist kaum erschlossen. In Küstennähe erstrecken sich zahlreiche kleine Landzungen. Diese sind alle dicht bewaldet.

Etwas berührte mich sonderbar: Alle Wälder machten den Eindruck gepflegter Wildparks. Die Bäume standen in regelmäßigen Abständen voneinander, es fehlte jedes Unterholz oder Dickicht. Später erfuhr ich den Grund dafür: Die Eingeborenen brennen von Zeit zu Zeit alles ab, was die Jagd behindern könnte.

An jenem ersten Tag ein Lager zu errichten war eine überaus mühsame und schwere Arbeit. Sobald eine ausreichende Anzahl von Zelten aufgeschlagen war, gingen die männlichen Sträflinge mit den Soldaten an Land. Erst zwölf Tage später folgten die Frauen.

Hatte man auch bis zu diesem Augenblick streng darauf geachtet, die Delinquenten nach Geschlechtern getrennt zu halten, so änderte sich dies schlagartig, sobald alle von Bord gegangen waren. Moralischer Verfall war die unmittelbare Folge. Es war den Wachsoldaten nicht länger möglich, Schlägereien und schlimmere Gewalttaten zu verhindern. Indessen kümmerten sich Henry Starke, Chris und ich um unser Zelt und hielten uns von den Mitgefangenen fern, so gut es eben ging.

Am folgenden Morgen war alles wieder ruhig, und Kapitän Phillip nahm die neue Kolonie ganz offiziell in Besitz. Eine Proklamation wurde verlesen, Phillip zum Kapitän mit Generalsbefugnissen erklärt und zum Gouverneur von New South Wales ernannt. Dann folgte eine kurze Rede des Befehlshabers. Er versprach uns Gerechtigkeit, warnte jedoch eindringlich vor weiteren Ausschreitungen.