Das Verborgene in mir - Alexis Runa - E-Book

Das Verborgene in mir E-Book

Alexis Runa

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Beschreibung

Fast vierzig und von der grossen Liebe verlassen – Dela Kleeberg, Direktorin einer renommierten Beraterfirma, steht vor dem Scherbenhaufen ihrer zerbrochenen Träume. Tief verletzt, tauscht sie ihr wohlgeordnetes Leben gegen eine neue Wohnung und ein Online-Profil auf der Singlebörse ein. Solide und treu soll ihr neuer Mann sein. Doch ihr Herz höherschlagen lässt ausgerechnet ein Aktfotograf. Mars geniesst den weiblichen Körper mit all seinen Mysterien. Seinen Models gesteht er maximal eine Nacht mit ihm zu, denn zwei wäre eine zu viel. Der Reiz jedes neuen Abenteuers gibt ihm das Gefühl zu leben. Eine feste Beziehung? Auf keinen Fall. Vor seine Kamera aber gehört Dela zweifellos. Eine prickelnde Affäre beginnt, die beiden zeigt, dass man manchmal einem ganz besonderen Menschen begegnen muss, um zu erkennen, wie besonders man selbst ist.

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Alexis Runa

Roman

OriginalausgabeErste Auflage Herbst 2021Alle Rechte vorbehaltenCopyright © 2021 by Dea Media AG, Feusisberg1. Lektorat: Christiane Saathoff, www.lektorat-saathoff.de2. Lektorat: Sabine Maria Steck Gestaltung: Saskia NobirBildnachweis: Irene E. Bizic FotografieE-Book-Konvertierung: ebokks.deISBN 978-3-9525457-0-6eISBN 978-3-9525457-1-3edition federtanz ist ein Imprint der Dea Media AGWeitere Informationen unter www.federtanz.ch

Inhalt
Prolog
Mehr vom Leben
Entgleist
Spieglein, Spieglein an der Wand
Eiskristalle
Lila Sofakissen
Hard to get
Herrenbesuch
Schach im zweiten Zug
Träume leben
Picasso
Online-Traummann
Nachricht von Mars!
(K)ein Date
Spielplatz der Sinne
Nägel einschlagen
Runde Kugel
Angeschossenes Reh
Dinner for two
Zwei Stunden
Kap der Guten Hoffnung
Gaskocher
Dr. Xander
Sprung vom Zehnmeterturm
Weltauszeit
Hier und Jetzt
Frühstücksflocken
Naturspektakel
Rosa und Rot
Jahrhundertsommer
Putzen
Spritztour
Sekundenfall
Zauberhände
Auf Sandbauen
Bescherung
Epilog
Delas Essentials – Playlist
Biografie
Interview mit dem Autorenduo

Prolog

Sachte dreht sie sich nach links.

Eine Nuance nur.

Gerade genug, damit sich das Schattenspiel auf ihrer hellen Haut verändert.

Zwei gedimmte Scheinwerfer sind auf sie gerichtet und tauchen das Fotostudio in ein surreales Licht. Die Dunkelheit, die ihre Silhouette umfängt, hebt ihre schlichte Schönheit eindrucksvoll hervor. Den Rücken hat sie durchgedrückt, sodass ihre Brüste einen sanften Bogen zu ihrem schlanken Hals zeichnen. Ihr Kopf schmiegt sich an einen ihrer Arme, die er zuvor in Schlingen an der Decke festgebunden hat. Wie ein samtener Schleier fällt ihr Haar seitlich über ihre Schultern und verdeckt einen Teil ihres Gesichts. Die Augen hat er ihr verbunden, sie der Macht der inneren Bilder überlassen.

»Noch ein klein wenig weiter nach links«, flüstert er und richtet seine Kamera auf sie.

Sie dreht sich, und ihre Brüste schieben sich aus der Dunkelheit hervor, werfen winzige Schatten auf ihren Torso.

»Perfekt.« Er drückt den Auslöser. »Dreh dich jetzt auf die andere Seite … ja, genau … Heb das Kinn etwas an.« Fasziniert betrachtet er sie durch den Sucher.

Die Hingabe, mit der sie ihm ihren Körper präsentiert, zieht ihn in den Bann. Unzählige Frauen hat er schon fotografiert; doch keine inspiriert ihn wie sie. Spielen will er mit ihr. Sie mit seiner Kamera einfangen und inszenieren. Die Grenze ist einzig seine Fantasie.

»Tanze für mich«, bittet er sie leise.

Sie zögert.

Er geht zur Musikanlage, dreht die Lautstärke hoch, bevor er die Kamera wieder auf sie richtet. »Gib dich der Musik hin«, fordert er sie auf.

Sie bewegt sich. Zaghaft zuerst, doch dann verliert sie sich in der Stimme von Rihanna. Die emotionsgeladene Mischung aus R&B und Reggae reißt sie mit.

Im Spiel von Licht und Schatten formt ihr Körper immer neue Kunstwerke. Die Dunkelheit leitet ihren Tanz, bis der Kamerablitz in einem Sekundenbruchteil die Einzigartigkeit des Moments festzuhalten sucht. Mit ihren Händen in den Schlingen wirkt sie wie ein Grashalm im Wind. Ein selbstvergessenes Lächeln huscht über ihr Gesicht.

»Wunderschön«, murmelt er und kann den Blick nicht von ihr lösen.

Sie legt den Kopf in den Nacken und fährt sich mit der Zunge über die Lippen.

Erregt hält er den Atem an. Diese Frau bringt ihn noch um den Verstand. Er schraubt die Kamera aufs Stativ, stellt sie auf Automatik und nähert sich seiner Muse. Sanft berührt er sie am Bauch. Mit den Fingerspitzen gleitet er über ihre kühle Haut, und sie erschauert.

»Komm näher«, lockt sie, ihre Stimme betörend wie die einer griechischen Sirene. Ihre Brustwarzen sind hart aufgerichtet und bilden einen verführerischen Kontrast zu ihren weichen Rundungen. »Berühr mich«, bittet sie und reckt sich ihm entgegen.

Er streckt seine Hand aus, streicht über ihre Brust. Ihr Verlangen erregt ihn – und dass er allein darüber bestimmt, wann er es stillen wird.

Mehr vom Leben

Montag, 14. August

♪–Masterpiece, Jessie J

DELA

Mein Leben ist perfekt!

Mit einem Schwung lasse ich die Wohnungstür ins Schloss fallen und kicke die High Heels von den Füßen. Was für ein Tag. Ab heute also: Frau Direktorin! Genüsslich lasse ich mir den Titel auf der Zunge zergehen. Er schmeckt besser als jede Schokolade – und ich liebe Schokolade.

Ausgelassen hüpfe ich durch den Korridor ins Wohnzimmer zur Musikanlage. Jessie J muss jetzt einfach sein, und zwar laut. Zu ihrer souligen Powerstimme drehe ich mich um die eigene Achse und wiege die Hüften im Takt. Mein Kleid wiegt mit. Ich tanze zur Vitrine, strecke mich und nehme die Champagnergläser vom obersten Regal – die teuren, die wir uns für besondere Anlässe aufheben. Bald kommt Robert nach Hause, und ich will feiern mit ihm. Mit der rechten Hüfte gebe ich der Vitrinentür einen Stoß, halte mir eine der langstieligen Champagnerflöten vor den Mund und schmettere meine Version von Masterpiece ins Glas. Auch frischgebackene Direktorinnen müssen ab und zu singen. Ich werfe den Kopf in den Nacken, trällere in voller Lautstärke und sonne mich im Glanz des imaginären Scheinwerferlichts. Mitten im Refrain halte ich inne. Was meine Arbeitskollegen wohl zu dieser Show sagen würden? Kichernd drehe ich die Musik leiser, gehe in die Küche und stelle die beiden Champagnergläser ordentlich nebeneinander auf die Anrichte.

Meine Kollegen haben keinen blassen Schimmer, dass Frau Direktorin morgens in der S-Bahn nicht das Handelsblatt liest, sondern lieber nach neuen Songs für ihre Essentials-Playlist sucht. Dass sie mittags allein im Wald laufen geht, anstatt ihr berufliches Netzwerk bei einem Businesslunch zu vertiefen, und sich mit fast vierzig abends im Bett noch Märchen ausdenkt, damit sie besser einschlafen kann. Sie sehen nur die Businessfrau, die rasche Entscheidungen fällt und keine Konsequenzen scheut. Wir benötigen für die bevorstehende Vertriebsaktion mehr Budget? Sparen wir doch einfach bei den Werbekosten. Ein Projekt kommt nur schleppend voran? Das holen wir auf. Jemand soll die neue Social-Media-Strategie zweihundert Zuhörern präsentieren? Gern, ich mach das. Obwohl ich noch im selben Moment Lampenfieber kriege. Die mutige Version von Dela Kleeberg täuscht darüber hinweg, wie introvertiert sie in Wirklichkeit ist. Dela ist eine Träumerin, die sich in ihren Gedanken am wohlsten fühlt. Nicht einmal Robert weiß das.

Ich nehme den Champagner aus dem Kühlschrank, suche Kerzen für unsere Windlichter und trage alles nach draußen auf die Terrasse. Ich bin bereit für einen romantischen Abend zu zweit.

Zufrieden falle ich in die weichen Kissen des Loungesofas. Ich lege den Kopf in den Nacken, schließe die Augen und lasse mich vom lauen Sommerabend verzaubern, der meine Sinne umschmeichelt wie ein Liebhaber seine Angebetete. Die letzten Sonnenstrahlen dieses heißen Spätsommertages wärmen meine Haut. Ein sanfter Luftzug spielt mit dem Saum meines Kleides und streichelt über meine Beine. Ich rutsche tiefer in die Kissen und löse mein zusammengebundenes Haar. Meine Kopfhaut kribbelt erleichtert. Feierabend.

Träge öffne ich die Augen und beobachte einen Schmetterling, der seine ganz eigene Choreografie eines zauberhaften Sommerabendtanzes vollführt. Was das Leben wohl morgen und übermorgen für mich bereithält? Wäre jetzt der richtige Zeitpunkt für Kinder? Beruflich habe ich mehr erreicht, als ich mir je zugetraut hätte. Ich bin eine Direktorin, die die Marketingabteilung einer renommierten Beraterfirma führt, und mit achtunddreißig Jahren tickt die biologische Uhr immer lauter. Wenn nicht jetzt, wann dann?

»Hallo, Krümel«, ruft es von drinnen, und ich höre die Wohnungstür ins Schloss fallen.

Ich richte mich auf.

Vor Jahren schon habe ich damit aufgehört, mich gegen den unliebsamen Kosenamen zu wehren, den ich an unserem ersten Morgen danach erhalten habe. Ich sähe wie ein süßes, gefräßiges Krümelmonster aus, hat Robert damals gesagt, während wir Cornflakes mit Milch aßen.

»Hey, mein Großer«, begrüße ich ihn, als er die Terrasse betritt. Zugegeben, sein Kosename, den er seiner Körpergröße von einem Meter neunzig zu verdanken hat, ist auch nicht sehr originell.

Robert drückt mir einen Kuss auf die Stirn und deutet auf die Champagnerflasche. »Gibt es was zu feiern?«

Ich nicke stolz.

»Du bist befördert worden!«, stellt er erfreut fest, weiß er doch, dass ich seit Tagen auf die offizielle Nominierung warte. »Gut gemacht, Krümel«, lobt er mich und beugt sich zu mir nieder, um mich kurz an sich zu drücken. Dann nimmt er die Flasche und lässt den Korken in die Luft knallen. Nachdem er beide Gläser gefüllt hat, setzt er sich neben mich auf die Lounge und prostet mir zu.

Ich lasse die prickelnd kühle Flüssigkeit über die Zunge in die Kehle gleiten. Köstlich. Champagner schmeckt am besten, wenn man ihn sich selbst erarbeitet hat. »Wie war dein Tag?«, stelle ich ihm die Frage, die wir uns jeden Abend stellen und deren Antwort ich bereits kenne. Zahlreiche Meetings, komplexe Aufgaben, nervige Pendlererlebnisse, bei ihm wie bei mir. Ich höre trotzdem gern zu. Behagliche Vertrautheit, die einzig mit jemandem wachsen kann, den man lange kennt.

»Viel zu heiß. Zu allem Übel ist die Klimaanlage in der S-Bahn ausgefallen«, antwortet Robert prompt.

Mitfühlend streiche ich ihm durchs Haar, das am Ansatz verschwitzt ist.

»Sag mal, riecht es hier nach goldbraun gebratenen Würsten?«, fragt er und schaut zur Nachbarterrasse.

»Hmmm …« Ich schnuppere in die Luft. »Es könnte auch ein würziges Steak sein. Zeit, dass du dich hinter den Grill stellst.«

»Geht klar, Frau Direktorin.« Er deutet eine salutierende Geste an. »Wie hätten Sie es denn heute gern? Medium wie immer? Oder zur Feier des Tages mal well done?«

»Well done!« Beseelt springe ich auf und hüpfe in die Küche, um den Salat vorzubereiten, dazu das Dressing mit sehr viel Essig und einem Schuss Sherry. So mag es mein Allerliebster.

Seit acht Jahren sind Robert und ich ein Paar. Ich liebe ihn. Und ich liebe das Leben mit ihm – auch wenn ich französische Salatsoße lieber mag.

Ich blicke zur Terrasse, wo Robert sich am Grill zu schaffen macht. Gleich wird der Duft unserer Steaks mit den Düften aus den Nachbargärten konkurrieren. Klischee, aber beruhigend irgendwie – Banalität in der Komplexität des Lebens. Ich mag die Vorstadtidylle, das beschauliche Viertel, in das wir erst vor Kurzem gezogen sind und uns nahtlos eingereiht haben. Hier will ich bleiben. Hier will ich Wurzeln schlagen.

MARS

Ein Mann braucht Geheimnisse. Und ich habe mehrere.

Für das weibliche Gegenüber wie ein offenes Buch zu sein führt selten zum Ziel. Eine Frau erobert man mit dem Ohr. Zuhören zählt deshalb zu meinen goldenen Regeln des Eroberungsspiels – ein Spiel, das ich liebe.

Heute werde ich Annabella erobern. Alle dafür nötigen Vorbereitungen habe ich getroffen. Ich habe Pasta mit Tomatensoße und frischem Basilikum gekocht und eine Flasche Rotwein dekantiert. Klaviermusik erfüllt mein Wohnzimmer, und für später, wenn es draußen dunkel wird, stehen Kerzen bereit.

Mein aktuelles Objekt der Begierde sitzt direkt vor mir. Annabella stochert in der Pasta und pickt sich ein Stück Tomate aus der Soße. Sie lächelt mich über den Tisch hinweg an und schiebt sich die Gabel in den Mund. »Du bist ein sehr kreativer Fotograf. Ich mag deine Bildideen«, schmeichelt sie mir.

»Mit schönen Beinen und geschickt ausgewählter Tiefenschärfe lassen sich eben eindrucksvolle Bilder machen«, gebe ich ihr ein Kompliment zurück.

Annabellas Beine lassen Männerherzen eindeutig höherschlagen. Erst kürzlich habe ich sie und ihren sechsundzwanzig Jahre jungen Körper im schönsten aller Kleider – im Evaskostüm – abgelichtet.

»Deine Fotos sind toll. Sehr sinnlich, finde ich.« Sie schiebt sich ein weiteres Stück Tomate in den Mund.

Fasziniert beobachte ich, wie das kleine rote Ding zwischen ihren Lippen verschwindet. Ich lasse meinen Blick von ihrem Mund über ihr wild gelocktes Haar zu ihren Brüsten und ihrer Taille gleiten. Annabellas hauchdünne Bluse lässt neckisch ihren schlanken Körper durchblitzen.

»Warum hast du dich eigentlich auf die weibliche Aktfotografie spezialisiert?«, fragt sie.

»Warum nicht?« Ich versenke meinen Blick in ihre Augen. »Der Frauenkörper ist das schönste Kunstwerk der Welt. Wie kann man das nicht festhalten wollen?«

Sie nickt zustimmend. »Da hast du absolut recht.«

»Warum arbeitest du als Model?«, will ich wissen.

»Hmmmm …« Geübt wirft sie den Kopf zurück und drückt ihren Rücken durch.

Sie weiß sich nicht nur vor der Kamera in Szene zu setzen. Ihre Silhouette präsentiert sich in einem eleganten S, dabei stechen ihre Brustwarzen provozierend unter der dünnen Bluse hervor. Eine Haarlocke, mit welcher sie nicht zum ersten Mal an diesem Abend spielt, fällt über ihr Gesicht. Neben dem Tisch winken mir die rot lackierten Zehen ihres linken Fußes zu.

»Ich bin Model, weil mir der Glamour und das Reisen gefallen«, antwortet sie. »Und die interessanten Kontakte, die dabei entstehen. Mit Männern wie dir, Mars. Attraktiv, erfahren und erfolgreich.«

»Das geht runter wie Öl«, bedanke ich mich grinsend.

»Wie viele Frauen hast du eigentlich schon fotografiert?«, will sie unvermittelt wissen.

»Ich bin leider ganz schlecht mit Zahlen.« Ich senke meinen Blick auf ihre Brüste. »Formen sind mir sehr viel lieber.«

Kichernd wendet sie sich ihrem Teller zu und pickt sich eine Nudel heraus, die sie eingehend beäugt. »Kennst du Shona?«, fragt sie, ohne mich anzusehen.

»Die Große mit den hüftlangen Haaren, die ständig ihr Handy sucht?«, stelle ich eine rein rhetorische Frage, denn natürlich kenne ich Shona.

Annabella nickt und sieht mich abwartend an.

Ich bemühe mich um einen neutralen Gesichtsausdruck. »Ja, die habe ich auch schon fotografiert.«

Das Shooting mit Shona werde ich so schnell nicht vergessen. Sie bestand darauf, dass ich, und nicht sie selbst, ihren Körper für die Bodyparts-Aufnahmen mit Öl einreibe, was gegen sämtliche Regeln der Branche verstößt. Eine professionelle Distanz zwischen Fotograf und Model ist das A und O einer erfolgreichen Karriere. Als Shona aber mit beiden Händen ihr Haar in die Höhe hob und mir ihre Brüste entgegenstreckte, verabschiedete sich mein Großhirn. Gibt mir eine attraktive Frau das Signal, dass sie mich will, lasse ich nichts anbrennen.

Annabella lässt die Nudel wieder auf ihren Teller fallen. »Und Veruska?«, fragt sie weiter.

Ich greife zur Weinflasche. Verdammt, jetzt wird es heikel. Auch Veruska hat bei mir schon einen Extraservice genossen. Hat Annabella die zwei Namen zufällig ausgewählt oder haben die beiden Damen über mich geredet? Ich versuche, Zeit zu gewinnen, und schenke ihr nach. »Bella«, antworte ich dann mit meinem charmantesten Lächeln, »leider bin ich mit Namen noch viel schlechter als mit Zahlen.«

»Waren die beiden auch schon bei dir zu Hause?«, löchert sie mich unbeeindruckt weiter.

»Gut möglich. Ich benutze hin und wieder mein Wohnzimmer als Set.« Ich deute auf die Fensterfront. »Besonders für Gegenlichtaufnahmen. Dafür ist das unterirdische Studio nicht geeignet.«

Annabellas Miene zeigt mir, dass dies nicht die Antwort ist, die sie hören wollte. Sie will wissen, ob ich üblicherweise mit meinen Models im Bett lande. Obwohl die Frauen, die sich mit mir einlassen, selbst nicht wie Nonnen leben, möchten sie sich bei ihrem Liebhaber stets als die Einzige fühlen. Ich muss Annabella auf andere Gedanken bringen. Interessiert beuge ich mich vor. »Was reden wir eigentlich die ganze Zeit von mir, Bella. Wie unhöflich. Du bist doch die Hauptdarstellerin, erzähl von deinen Shootings.«

Sie reckt sich stolz. »Letzte Woche war ich in London.«

Ich nicke beeindruckt. »Big Ben ist sicher aus dem Takt geraten, als du dich nackt an ihn gelehnt hast.«

Sie kichert und schlängelt ihre Locken um ihren Zeigefinger. »Das Shooting hat im Studio stattgefunden. Aber lass uns doch mal zusammen nach London fliegen. Dann können wir deine verrückten Bildideen umsetzen.«

»Wenn du dich das traust?«

»Klar. Würde ich den Nervenkitzel nicht lieben, wäre ich heute nicht bei dir zu Hause …«

»In der Höhle des Löwen. Sehr mutig.«

»Ich kann mich wehren. Wenn ich will.«

Ich lache auf. »Das glaube ich dir sofort. Unterschätze nie die Waffen einer Frau.«

Annabella nickt bestätigend.

Sie ist kein unbeschriebenes Blatt. Wenn man ihren Erzählungen Glauben schenken darf, hat sie mit ihren sechsundzwanzig Jahren mehr sexuelle Erfahrungen gesammelt als viele Frauen in ihrem ganzen Leben. Gut möglich, dass sie ihren Seidenschal bei unserem letzten Shooting absichtlich im Studio hat liegen lassen, um genau dieses Abendessen hier zu provozieren. Zumindest hat sie mein Angebot, das Kleidungsstück bei mir zu Hause abzuholen, nicht ausgeschlagen, obwohl die Post den Dienst sicher schneller hätte erledigen können. Sollte ich recht haben, lasse ich sie gern in dem Glauben, dass nicht ich sie erobere, sondern sie mich.

»Wieso hast du eigentlich fast keine Dekoration in deiner Höhle?« Sie schaut sich in meinem zugegeben minimalistisch eingerichteten Wohnzimmer um. Dabei klopft sie mit ihren künstlichen Fingernägeln rhythmisch gegen ihr Weinglas, einen scheinbar ungeduldigen Takt vorgebend, den sie heute Abend sicher nicht selbst bestimmen wird.

Ich zucke mit den Schultern. »Da sammelt sich nur Staub an.«

»Ach was, deine Wohnung ist viel zu kahl und leer. Da fehlt eindeutig eine weibliche Hand.«

Im Geheimen gebe ich ihr recht. Eine Frau darf in dieser Wohnung durchaus mal wieder Hand anlegen. Allerdings nicht an meiner Wohnungseinrichtung. Ich berühre Annabellas trommelnde Finger und streiche über ihren Handrücken. »Alles eine Frage der Betrachtungsweise. Man kann sie als leer bezeichnen. Oder als Raum für viel Kreativität.«

Mit ihrer freien Hand schiebt sie den Teller zur Seite, beugt sich vor und schenkt mir einen direkten Blick auf ihre Brüste. Sie trägt keinen BH. Als Aktmodell kennt sie die unschönen Abdrücke, die Unterwäsche stundenlang auf der Haut hinterlassen kann.

»Dessert gefällig?«, frage ich, ohne meine Augen von ihrem Dekolleté zu lösen.

Sie beugt sich noch ein Stückchen weiter vor. »Was hast du zu bieten?«

DELA

Satt und zufrieden lege ich das Besteck in den Teller und lehne mich im Terrassenstuhl zurück.

Wir sitzen wie immer, Robert mit dem Rücken und ich mit dem Gesicht zur Sonne. Diese verschwindet soeben hinter dem Horizont und hinterlässt ein kitschig orangerotes Farbenmeer.

Ein tiefes Glücksgefühl macht sich in mir breit. Wie schnell die Alltagshektik doch verblasst, wenn die Sonne strahlend Gute Nacht sagt. Lächelnd schaue ich Robert zu, wie er mit einem Stück Brot die Reste des Salatdressings aufdippt.

Gleich wird er sich eine zweite Portion nehmen. Er isst meist die doppelte Menge, was seinem drahtigen Körper mit keinem Gramm anzusehen ist.

»Das Wochenende wird heiß. Wollen wir in die Berge fahren?«, frage ich und greife zu den Kerzen, um sie anzuzünden. Vielleicht bietet ein Tag an der frischen Luft fernab vom Alltag auch eine gute Gelegenheit, das Kinderthema mal wieder aufs Tapet zu bringen.

»Gute Idee«, stimmt Robert zu. »Sofern wir rechtzeitig zurück sind.«

»Rechtzeitig zurück? Hast du eine Überraschung für mich geplant?«, scherze ich und platziere die Kerzen im Windlicht.

Er nimmt die Salatschüssel und füllt sich seine zweite Portion auf. »Ich möchte am Samstagabend gern auf die Party einer Bekannten gehen.«

»Welche Bekannte?«

»Also eigentlich ist es die Party einer Bekannten dieser Bekannten. Die hat einen Ausbildungsplatz an einer Schauspielschule gekriegt. Und das will sie feiern.«

»Und du willst da allein hin?«, hake ich nach, gehören Samstagabende per ungeschriebenem Beziehungsgesetz doch eigentlich uns.

Robert zuckt mit den Schultern. »Du kennst dort niemanden, du würdest dich nur langweilen. Ich kenne die Bekannte der Bekannten auch nur flüchtig, aber die Bekannte kenne ich schon etwas länger.« Er greift zur Dressingflasche und tränkt seinen Salat mit Essig. »Was ist daran so außergewöhnlich?«

»Also, eigentlich alles«, antworte ich zögernd.

Fragend sieht er mich an. »Wie, alles?«

»Alles ist außergewöhnlich.« Ich versuche, sachlich zu bleiben. Das ist schließlich eine meiner Stärken. »Du willst auf eine Party gehen. An einem Samstagabend. Bei einer flüchtigen Bekannten einer noch flüchtigeren Bekannten. Und das, obwohl du für gewöhnlich solche Anlässe scheust wie der Teufel das Weihwasser«, zähle ich auf.

Mit einer ruckartigen Bewegung stellt Robert den Essigbehälter zurück auf den Tisch. »Auf dieses Gespräch bin ich jetzt überhaupt nicht vorbereitet!«

»Auf dieses Gespräch? Ich möchte doch nur wissen, wieso du unbedingt auf diese Party willst.«

»Eben.«

»Ich weiß nicht, was du meinst«, sage ich unsicher.

Er zögert, spielt mit seiner Gabel und legt sie dann beiseite. »Ich brauche mehr Freiheit«, platzt es wie ein Sommergewitter aus heiterem Himmel aus ihm heraus.

Ich schüttle verständnislos den Kopf. »Wir sind doch gar kein Paar, das ständig aneinanderklebt. Du gehst doch jeden Freitagabend mit deinen Kumpels aus.«

»Freitag reicht mir nicht.« Seine Antwort klingt wie ein Knurren.

»Und im Juli warst du sogar eine ganze Woche Windsurfen ohne mich«, schiebe ich hinterher.

»Ich bin jetzt vierzig! Das kann doch nicht alles gewesen sein.«

»Wie meinst du das?«

Robert starrt in die Kerze. Unvermittelt beugt er sich vor und bläst sie aus. »Ich will mehr vom Leben …«

Ich beobachte den Rauchfaden, der sich in der Luft auflöst, und wage es nicht, eine weitere Frage zu stellen.

»Ich habe eine Frau kennengelernt«, fährt Robert fort. Er hebt den Blick. »Dela, ich habe mich verliebt. Seit Monaten zerbreche ich mir den Kopf, ob und wie ich es dir sagen soll.«

Entsetzt starre ich ihn an. Habe ich das richtig verstanden? Es gibt eine andere? Er will sie? Und nicht mehr mich? Nein, das kann nicht sein. Bange warte ich darauf, dass Robert mich in die Arme nimmt und mir sagt, dass das alles nur ein blöder Scherz ist.

»Dela?« Er berührt mich am Arm. »Es ist einfach passiert. Verstehst du?«

»Nein. Ich …« Ich weiche zurück. »Seit Monaten triffst du sie schon?«

»Seit acht Jahren gibt es nur noch uns. So kann das doch nicht für den Rest des Lebens bleiben.«

»Wieso denn nicht? Wir haben es doch schön zusammen.«

»Schön ist nicht genug. Ich will wieder Herzklopfen haben. Verstehst du das denn nicht?«

Ich schüttle den Kopf. »Klopft dein Herz denn gar nicht mehr für mich?«, frage ich und fürchte mich gleichzeitig vor der Antwort.

Er senkt den Blick. »Nicht mehr so wie in den ersten fünf Jahren.«

»Aber das ist doch normal, aus Verliebtheit wird Liebe«, sage ich. Wie kann Robert das nicht sehen? Jedes aufgeregte Herzhüpfen weicht irgendwann dem vertrauten Gleichschlag. Das ist doch bei allen Paaren so. Ich greife zur Salatschüssel, um eine zweite Portion zu nehmen. Wenn ich einfach weiteresse, als wäre nichts geschehen, ist vielleicht auch nichts geschehen.

»Meine Gefühle für sie sind anders als bei dir damals. Ich glaube, diesmal stimmt wirklich alles«, sagt Robert und versetzt mir damit einen Dolchstoß mitten ins Herz.

Rasch stelle ich die Schüssel wieder zurück. Mir wird schlecht. Ich atme tief ein und versuche, die Übelkeit zu bekämpfen. Jetzt ist nicht der richtige Zeitpunkt, um über einer Kloschüssel zu hängen. »Was hat sie denn, was ich nicht habe?«, presse ich hervor.

»Sie ist jung und voller Lebensfreude. Anders als du halt«, sagt Robert.

»Wie anders?«

»Sie bewundert mich. Bei ihr fühle ich mich nicht unterlegen.«

»Unterlegen?«

Er sieht mich eindringlich an. »Überall bist du besser als ich. Und jetzt verdienst du auch noch mehr.«

»Wir stehen doch in keinem Wettbewerb. Im Gegenteil: Wir haben doch zusammen entschieden, dass ich die neue Stelle annehme, bevor wir Kinder haben und ich kürzertreten werde.«

»Es hat sich verändert zwischen uns. Überall bin ich dir unterlegen«, beharrt er. Trotz liegt in seinem Blick, als wäre alles meine Schuld.

Auf meine Brust schiebt sich ein zentnerschwerer Stein. Ich will nicht besser sein als er; ich will doch nur, dass Robert stolz auf mich ist. Es kann doch nicht sein, dass er deswegen acht Jahre einfach so wegwirft. »Willst du denn gar nicht mehr für unsere Beziehung kämpfen?«, frage ich leise.

»Wie meinst du kämpfen?«

»Indem du sie nicht mehr triffst?«

»Nein«, antwortet er bestimmt und wendet den Blick ab.

Ich ziehe mein Sommerjäckchen enger um mich. Mir ist plötzlich kalt. Vermutlich hat er sich die Antwort auf diese Frage schon viel früher überlegt. Für sich allein. Ohne mich. Ich betrachte meinen Allerliebsten, von dem ich dachte, dass ich ihn kenne. Nach all den Jahren wirft er mein Herz auf den Müll und demontiert meine Zukunftspläne, und die einzige Regung in seinem Gesicht ist eine Ader, die an seiner Schläfe pocht. Robert hat mich bereits vor Monaten verlassen. In einer riesigen Welle schlägt diese Erkenntnis über mir zusammen. Er ist längst gegangen, ohne dass ich es gemerkt habe. Ich möchte heulen, davonlaufen, mich verkriechen, bleibe jedoch sitzen wie gelähmt.

Stattdessen brechen meine ungeweinten Tränen aus Robert heraus. »Es tut mir leid. Wir hatten eine schöne Zeit zusammen«, schluchzt er. »Ich habe Carina nicht gesucht … Sie ist einfach aufgetaucht, und nun möchte ich nicht mehr ohne sie sein … Du musst jetzt stark sein, Dela … Ich hoffe, du verstehst.«

MARS

Ich stehe auf. Der Moment ist gekommen, um Annabella von ihrem Glas und ihrem Teller zu befreien und ihr zu zeigen, dass man auf meinem Esstisch nicht nur essen kann. Ich trage das Geschirr zur Spüle.

Die Pasta auf ihrem Teller hat sich mittlerweile in ein bizarres Chaos verwandelt. Nichts Neues für mich – Models haben teilweise ein befremdliches Verhältnis zur Nahrung. Ob sie noch hungrig ist? Vermutlich schon. Aber ich bin ja nicht ihr Ernährungsberater, sondern ihr Fotograf. Und heute Nacht will ich ihr Liebhaber sein. Annabellas Hunger werde ich stillen – ganz ohne Messer und Gabel. Ob ihr ausschweifendes Liebesleben wohl ein Mittel ist, dem Frust wegen des fehlenden Essens zu begegnen? Gut möglich, denke ich, als ich die Essensreste im Eimer entsorge. Glaube ich doch auch, dass viele Menschen ihren Mangel an sexueller Befriedigung durch Essen kompensieren.

Wieder am Tisch, bleibe ich hinter Annabella stehen, lege meine Hände auf ihre Schultern und massiere sie sanft.

Sie legt den Kopf in den Nacken und schließt die Augen. Ihre erhärteten Brustwarzen stoßen aufreizend gegen das Muster ihrer Bluse.

Ich streichle ihren Hals und arbeite mich langsam zu ihrem Dekolleté vor.

Annabella leckt sich über die Lippen. Knopf für Knopf öffnet sie langsam ihre Bluse und lässt sie effektvoll zu Boden gleiten.

Gierig sauge ich den Anblick in mich auf. Die Natur hat alles richtig gemacht, als sie die sanften Rundungen der Frau erschuf. Ich umfasse ihre Brüste, streichle die zarte Haut und rolle ihre harten Nippel zwischen meinen Fingern. »Ich will dich. Alles von dir«, flüstere ich.

Hitze flammt in ihren Augen auf. »Das kriegst du, Mars. Heute Nacht gehört das alles dir.«

Mitsamt dem Stuhl drehe ich sie zu mir um und küsse sie voller Verlangen.

Sie vergräbt ihre Hände in meinen Haaren. »Und ich will alles von dir«, raunt sie in mein Ohr.

Eine Aufforderung, die sie mir nicht zweimal geben muss. Ich packe sie um die Taille und hebe sie auf den Esstisch hoch. Ihr Röckchen und ihr Höschen fliegen neben die Bluse auf den Boden. Wie eine köstliche Speise liegt Annabella nackt auf meinem Tisch. In Windeseile entledige ich mich meiner eigenen Kleider und streife mir ein Kondom über. Hungrig erforsche ich mit meinen Händen und Lippen jeden Zentimeter ihrer Haut. Als ich tief und heftig in sie eindringe, stöhnt sie auf und umklammert mit einer Hand die Tischkante. Ich koste den Moment aus. Den Moment der Eroberung, in dem sie nur mir gehört.

»Mehr«, drängt sie. »Fester.«

Erregt umschlinge ich ihre Taille und hebe sie hoch. Heute Nacht will ich diesen Körper in Szene setzen. Ganz ohne Blitz und Kamera. In ungeplanter Reihenfolge zeige ich Annabella die vielen leeren Flächen meiner Wohnung. Ich nehme sie nicht nur auf dem Esstisch, sondern setze sie auch auf die Küchenarbeitsplatte und drücke sie an eine meiner weißen kahlen Wände. Ihre lustvollen Schreie feuern mich an und lassen mich die Zeit vergessen.

In meinem Schlafzimmer schließlich falle ich mit Annabella aufs Bett. Ich stoße und liebkose sie, bis ich das Zucken spüre, das ihren Orgasmus ankündigt. Ihr Körper bäumt sich auf. Wie liebe ich diesen Moment! Ich gebe meine Selbstbeherrschung auf und lasse meiner Lust freien Lauf. Eine ganze Weile noch halte ich Annabella fest und spüre ihr Nachzucken.

»Danke«, flüstert sie, als sie sich schließlich von mir löst.

Ich stehe auf. »Ich hol dir eine zweite Decke.«

»Wie spät ist es denn?«

»Zu spät, um nach Hause zu gehen.«

Als ich mit dem Bettzeug zurück ins Schlafzimmer komme, sieht mich Annabella dankbar an. »Sehr fürsorglich.«

Ich lege mich neben sie und streiche ihr übers Haar. »Gute Nacht, Bella. Träum schön.« Zufrieden drehe ich mich auf meine Seite und schließe die Augen.

Alles ist möglich! Mein Leben ist perfekt!

Entgleist

Dienstag, 15. August

♪–Million Reasons, Lady Gaga

DELA

Ich starre auf die eingetrocknete Soße auf Roberts Teller. Er ist längst ins Bett gegangen und um mich herum ist es still geworden. Furchterregend still. Selbst die Musiker der Sommerwiesen haben sich schlafen gelegt, kein einziges Zirpen einer Grille ist mehr zu hören. Ich bin mutterseelenallein.

Einsam.

Verlassen.

Ich hoffe, du verstehst, hat Robert gesagt. Doch wie soll ich ihn verstehen? Ihn, der mir an nur einem einzigen Abend das Fundament, auf das ich acht Jahre lang gebaut habe, entzogen hat. Mehr will er vom Leben. Und den Preis dafür zahle ich.

Seit Monaten schon, und ich hatte keine Ahnung! Ob er an den Abenden, an denen ich ihn bei einem Geschäftsanlass wähnte, mit ihr zusammen war? Verbrachte er die Wochenenden mit mir, sehnte sich aber nach ihr? Carina … Was für einen Kosenamen sie wohl innehat? Ein gefährlicher Wirbel aus Bildern droht mich herunterzuziehen. Unruhig rutsche ich auf meinem Stuhl hin und her. Ich möchte aufstehen und fliehen, nur wohin? Ich wollte doch für immer bleiben. Wie angewurzelt bleibe ich sitzen.

Die Zeit verrinnt, löst sich in Luft auf – wie mein bisheriges Leben. Vom Ausnahmezustand auf meiner Terrasse unbeeindruckt, nimmt der Alltag der Nachbarn langsam seinen Lauf. Garagentore öffnen sich und Autos fahren zur Arbeit. Nur bei mir ist alles anders. Statt behaglicher Routine erwartet mich bange Ungewissheit.

Ein Geräusch schreckt mich auf.

Die Wohnungstür ist ins Schloss gefallen. Robert geht zur Arbeit, um drei viertel sieben, wie jeden Morgen. Dass er nicht einmal nach mir schaut, versetzt mir einen Stich ins Herz. Ob er schon voller Vorfreude auf den heutigen Abend ist, den er mit seiner Neuen verbringen wird? Diesmal der Altlasten entledigt, kein Versteckspiel mehr. Nur noch er und sie. Robert und Carina. Carina und Robert.

Ich schieße aus meinem Stuhl hoch. Ich muss hier weg. Weg von Robert und unserem gemeinsamen Heim. Weg vom Leben, das mir vor ein paar Stunden noch so perfekt erschien – oder mich so perfekt geblendet hat. Ich haste ins Bad, dusche kurz, bessere eilig mein Make-up auf und zerre das erstbeste Kleid aus dem Schrank. Ich renne zum Bahnhof und erwische die Bahn um zwanzig nach sieben.

Eingepfercht zwischen schwarzen und grauen Anzügen tauche ich in die Anonymität und Gleichgültigkeit der Pendlermasse ein. Das Starren auf die ganze Welt im Handy macht sie blind für den Nächsten. Heute bin ich dankbar dafür und fühle mich zugleich unendlich einsam. In meiner Handtasche suche ich nach meinem eigenen Handy und texte meiner besten Freundin.

[An Tina] 07:33

Tina? Robert hat sich von mir getrennt. Es ist nichts mehr so, wie es gestern noch war …

Ich starre auf die Buchstaben. Schwarz auf weiß wird es offiziell. Es ist aus. Acht Jahre im Eimer. Mit einem Mal fließen die Tränen, es hört gar nicht mehr auf. Ausgerechnet jetzt! Hektisch suche ich in meiner Tasche nach einem Taschentuch. Ich hätte doch die ganze Nacht heulen können, im Verborgenen. Wieso um Himmels willen muss sich meine Psyche gerade die S-Bahn für ihre Trauerarbeit aussuchen! Mehr Publikum auf einem Quadratmeter gibt es wohl nirgendwo. Verzweifelt sehe ich mich um.

Alle starren sie weiterhin diskret auf ihre Handys, fahren gleichmütig ihrem Ziel entgegen, während ich entgleise.

Ich schluchze auf und drücke auf senden.

Tina antwortet keine zwei Minuten später.

Tina 07:37

Du wohnst bei mir. Ab sofort! Und so lange du willst.

Im Büro stürze ich mich in die Arbeit. Die Halbjahresgespräche mit meinen Mitarbeitenden stehen an, eine Verkaufskampagne muss geplant und die Erfolgsmessung der Social-Media-Aktivitäten analysiert werden. Beschäftigung hätte ich mehr als genug; doch nichts vermag das Karussell zu stoppen, das sich in einer Endlosschleife in meinem Kopf dreht: Es gibt eine andere. Sie ist jung und voller Lebensfreude. Sie bewundert mich. Diesmal stimmt wirklich alles. Ich möchte nicht mehr ohne sie sein. Ich will mehr vom Leben!

Brian tippt mir auf die Schulter, und ich schrecke hoch. Er deutet auf mein Telefon. »Soll ich für dich rangehen, oder willst du es den ganzen Morgen klingeln lassen?«

Eilig greife ich zum Hörer.

»Frau Kleeberg! Zwei satte Stunden habe ich gebraucht, um Ihre Fehlbuchung zu korrigieren! Von Pontius zu Pilatus haben sie mich geschickt«, prallt eine männliche Stimme an mein Ohr. »Aber ich habe es hingekriegt. Passen Sie doch bitte das nächste Mal besser auf. Das hätte ins Geld gehen können!«

»Das habe ich nicht absichtlich gemacht«, antworte ich betreten. Ich habe doch nur die falsche Taste erwischt, füge ich in Gedanken hinzu, und zehn Inserate statt einem in Auftrag gegeben.

»Absicht oder nicht, ich habe wirklich keine Zeit, Ihre Fehler auszubaden, ich habe genug andere Probleme!«

»Ich auch …«, murmle ich und lege den Hörer auf. So geht das nicht. Entschlossen fahre ich den Computer runter und stehe auf. Ich kann keine Einzelbuchungen korrigieren lassen, während ich die Summe eines ganzen Lebens neu berechnen muss.

MARS

Gleißendes Sonnenlicht dringt durch die halb geschlossenen Jalousien und weckt mich. Ich drehe mich um. Annabella schläft noch, und ich betrachte ihr Gesicht. Wie jung und unschuldig sie ohne Schminke aussieht. Ihren lächelnden Lippen nach zu urteilen, scheint sie schöne Träume zu haben.

Als ob mein Blick sie wach gekitzelt hätte, öffnet sie die Augen. »Guten Morgen, Süßer. Schon wieder hungrig?« Auffordernd hebt sie ihre Bettdecke.

Eine Einladung, der ich gern folge.

Nach dem gänzlich kalorienlosen und doch sehr sättigenden Frühstück im Bett sitzt mir Annabella mit einer Tasse Kaffee am Esstisch gegenüber. Ihre Frisur ist auf wundersame Weise wieder perfekt gestylt, ihr Gesicht geschminkt, als ob sie gleich ein Shooting hätte. Vom Schweiß und den zerzausten Haaren der vergangenen Nacht ist nichts mehr zu sehen. Schade. Annabella bräuchte keinen Anstrich, um hübsch auszusehen.

»Was hast du heute vor?«, fragt sie und lächelt mich über ihre Tasse hinweg an.

»Ich muss arbeiten.« Verstohlen schaue ich auf die Küchenuhr hinter ihr. Ein Morgen danach gehört dazu, aber ein Tag danach ist dann doch etwas viel verlangt.

»Ich hätte heute frei. Du könntest neue Bildideen mit mir ausprobieren, und dann könnten wir …«

»Liebes, ich muss gleich los«, unterbreche ich sie sanft, bevor sie mir die gesamte gemeinsame Tagesplanung darlegen kann. Ich stehe auf und bringe meine leere Tasse zur Spüle.

»Wohin musst du denn?«

»Ich muss ein Konzept für ein Shooting am kommenden Wochenende erarbeiten. Bildszenen, Locations, du kennst das ja.« Unmissverständlich nehme ich Annabellas Tasse und bringe auch diese zur Spüle.

»Ach so.« Enttäuschung macht sich auf ihrem Gesicht breit.

Ich streiche ihr übers Haar. »Komm, ich begleite dich dafür zum Bahnhof.«

»Ein Gentleman. Immerhin.« Widerwillig steht sie auf und schlendert lässig zur Wohnungstür – der Korridor ihr Catwalk.

Bewundernd schaue ich ihr nach. Den Hüftschwung hat sie echt drauf. »Bella, vergiss diesmal deinen Seidenschal nicht.« Ich halte das Relikt unserer gemeinsamen Nacht in die Höhe und folge ihr.

Sie lächelt vielsagend und schnappt sich das Tuch aus meiner Hand.

Ich begleite Annabella zu Fuß zum Bahnhof. Diesen Service biete ich ihr hauptsächlich, um sicherzugehen, dass sie nicht plötzlich auf dem Absatz kehrtmacht und mich mit einer dritten Halbzeit überraschen will. Zufrieden schaue ich der Bahn nach, wie sie hinter der ersten Kurve verschwindet, da summt mein Handy.

Lea 12:24

Hast du dich schon entschieden?

Ohne ein Hallo oder Wie geht’s. Ich ignoriere die Nachricht. Vorerst. Meine Antwort muss gut überlegt sein, wenn ich bekommen soll, was ich will.

Wieder zu Hause, lasse ich den Geschirrspüler laufen, sauge die Böden, putze die vielen leeren Flächen, wechsle die Bettwäsche und lüfte kräftig durch.

Alles Routine für mich; denn ohne gründliche Säuberungsaktion keine schmutzigen Nächte wie gestern. Annabella ist ein One-Night-Stand und in meinem Geiste hat sie die Türklinke meiner Wohnung bereits der Nächsten in die Hand gedrückt – mir schwebt da Lea vor. Oder Sofia. Ich will nicht, dass die wechselnden Frauen in meinem Leben die Anwesenheit der anderen spüren. Ein One-Night-Stand ist unvergleichlich. Und genauso unvergleichlich soll sich eine Frau mit mir fühlen.

Ich leere sämtliche Mülleimer, und zur Sicherheit kontrolliere ich Schubladen und Schränke auf absichtlich oder unabsichtlich vergessene Kleidungsstücke und Gegenstände. Nach einer Nacht wie dieser findet sich immer alles Mögliche an den unmöglichsten Stellen – ein Nagellackfläschchen im Spiegelschrank im Bad, ein Mascarastift in meinem Zahnputzglas oder ein benutzter Slip zwischen meiner sauberen Unterwäsche. Und siehe da, Annabellas Ladegerät steckt in der Steckdose neben meinem Bett. Ich ziehe es heraus und blicke mich ein letztes Mal prüfend um. Ganz zum Schluss stelle ich die paar Sachen von Josefa, die sich über die letzten Wochen bei mir angesammelt haben, wieder an ihren Platz – eine Zahnbürste, ein Kamm, ein Schminktäschchen und saubere Unterwäsche.

Es wird später Nachmittag, bis ich mich endlich hinter meinen Schreibtisch setze. Jetzt muss ich mich ranhalten, schließlich habe ich mir nicht extra freigenommen, damit der Tag ungenutzt verstreicht. Die Zeit, die ich der Fotografie widmen kann, ist ohnehin knapp bemessen. Motiviert mache ich mich an die Arbeit und frage mich dabei nicht zum ersten Mal, wann ich meinen nüchternen Beruf in der Beraterbranche endlich an den Nagel hängen soll.

Ich will mich als kreativer und experimenteller Fotokünstler in der Aktfotografie etablieren – der Königsdisziplin der Fotografie, wenn das Ergebnis kunstvoll und nicht billig sein soll. Meine wachsende Bekanntheit bei Models und Agenturen und meine damit verbundenen stetig steigenden Honorare sprechen dafür. Zudem kommt der Beruf Fotograf und Künstler bei Frauen um einiges besser an als Unternehmensberater, was in etwa so sexy klingt wie Buchhalter.

Für das Shooting vom nächsten Wochenende wird mir Sofia Modell stehen. Ich studiere die Sedcard der Vierundzwanzigjährigen, die ich vor ein paar Tagen im Internet entdeckt habe. Sie ist eine unbekannte Newcomerin, aber ihre Bilder versprechen viel Potenzial für sinnliche Posen. Wir haben uns auf einen TfP-Vertrag geeinigt: Time for Picture. Dabei erhalte ich kein Honorar und Sofia keine Gage. Wir profitieren jedoch beide von den entstandenen Bildern, sie für die Erweiterung ihrer Sedcard und ich für die Referenzgalerie auf meiner Firmenwebsite.

Papillon wird meine Firma heißen, der flatternde Schmetterling ein Symbol für die Leichtlebigkeit, der ich künftig mehr Bedeutung beimessen möchte. Frei von Zwängen oder Fremdbestimmung will ich mein Leben leben.

Ich beginne mit dem Shootingkonzept, definiere Bildszenen, geeignete Locations, Anfahrtswege und Requisiten. Auch plane ich Verpflegung und genügend Pausen ein, um mit dem Model ins Gespräch zu kommen. Nichts überlasse ich dem Zufall, hätte ich doch gegen eine Nacht wie mit Annabella auch mit Sofia nichts einzuwenden. Meine Chancen stehen nicht schlecht. Den meisten Models bin ich sympathisch, und eine Handvoll findet an meinem Körper genauso viel Gefallen wie ich an ihrem.

DELA

Planlos streife ich durchs Bad, durch Wohn- und Schlafzimmer und packe einige Sachen zusammen. Was nimmt man mit, wenn man nirgendwo hingehen will? Einen Pyjama und die Zahnbürste? Oder soll ich die Winterkleider und den Duschvorhang, den ich gerade erst gekauft habe, ebenfalls einpacken?

Im Schlafzimmer fällt mein Blick auf ein Foto, das auf dem Nachttischchen steht – eine Momentaufnahme von Robert und mir in einem Städtchen auf Korsika. Verliebt und voller Entdeckungsfreude sind wir damals durch die verwinkelten Gässchen gestreift. Ich nehme das Bild in die Hände und betrachte es genauer. Robert, wie er mich lachend in seinen Armen hält. Die Sonne lässt sein rotblondes Haar golden glänzen, während ich mit meinem schulterlangen, fast schwarzen Haar einen unnahbaren Kontrast bilde. Sein strahlendes Lachen habe ich immer gemocht. Traurig streiche ich über sein Gesicht. Ich möchte das Bild in den Arm nehmen, es festhalten – und mit ihm mein ganzes bisheriges Leben mit Robert. Stattdessen stelle ich es zurück, verstaue meine Sachen im Auto und breche auf. Durch den Rückspiegel beobachte ich, wie mein geliebtes Zuhause immer kleiner wird und schließlich ganz verschwindet.

Tina erwartet mich bereits. Sie steht in der Tür, als ich in die Einfahrt biege. Fest schließt sie mich in die Arme und hilft mir dann, mein bis unters Dach vollgepacktes Auto zu entladen – die Winterkleider habe ich mitgenommen, den Duschvorhang nicht.

Meine Freundin, die ich seit der Schulzeit kenne, ist keine Frau der vielen Worte. Umso größer sind ihre Taten und umso sensibler ist ihr Ohr für andere Menschen. Sie würde für mich durchs Feuer gehen, um Roberts Herz zurückzuholen – nur um dann mit einem Achselzucken zur Tagesordnung überzugehen.

Sie führt mich in die unterste Etage ihres Hauses. »Ich habe mein Fernsehzimmer für dich hergerichtet. So hast du das angrenzende Bad und einen kleinen Balkon ganz für dich allein.«

»Wo hast du denn das Sofa hingestellt?«, frage ich und deute in die Zimmerecke, wo nun ein Bett mit blau-weiß karierter Bettwäsche steht. Auf dem Kopfkissen liegt eine Schale gefüllt mit Schokoladenstückchen.

»Auf den Balkon«, antwortet sie.

»Und von wo kommt das Bett?«

»Aus meinem alten Kinderzimmer. Meine Eltern haben es vorhin vorbeigebracht.«

Gerührt greife ich zu einem Schokoladenstückchen – Seelentröster.

»Ach, Tina«, seufze ich. »Es tut mir leid, dass ich dir und deiner Familie zur Last falle.«

»Mach dir keinen Kopf. Mein Haus ist groß genug. Einzig den Kleiderschrank musst du mit mir teilen. Ich habe dir die eine Hälfte freigeräumt. Lass mich wissen, wenn du mehr Platz brauchst. Oder falls wir einen zusätzlichen Schrank kaufen müssen«, meint sie mit einem Blick auf meinen Kofferberg.

Ich schüttle betrübt den Kopf. »Nicht nötig. Ich bin das Teilen von Kleiderschränken gewöhnt …«

Tina drückt meinen Arm. »Dann pack mal aus und richte dich ein. Ich bin in der Küche, wenn du etwas brauchst«, sagt sie und zieht sich zurück. Sie kennt mich gut und weiß, dass ich jetzt allein sein will.

Dankbar schließe ich die Zimmertür und gehe nach draußen auf den Balkon, wo ich mich aufs Sofa sinken lasse. Während ich die sorgsam gepflegte Gartenhecke meiner Freundin betrachte, macht sich die bittere Erkenntnis in mir breit, mit achtunddreißig Jahren kein Zuhause mehr zu haben. Andere gründen eine Familie und verwirklichen ihren Traum vom Eigenheim, und ich habe nicht mal ein eigenes Dach über dem Kopf. Ich bin gestrandet. Zerschellt an den Klippen des Lebens. Ich greife zu meinem Handy und scrolle durch die Musiksammlung.

Musik ist meine beständige, treue Begleiterin; Klänge und Worte, die mich trösten und an denen ich mich festhalten kann, wenn es sonst nichts mehr zum Halten gibt.

Ich schließe die Augen und spiele Million Reasons ab. Wieder und wieder. Ach, Robert. Gib mir nur einen einzigen Grund, damit ich zu dir zurückkommen kann. Und wenn es keinen Grund gibt, dann erfinde einen. Hoffnungsvoll prüfe ich meinen Nachrichteneingang, doch er bleibt leer – wie den ganzen Tag schon.

Robert will mich nicht mehr.

Mein Selbstmitleid vermischt sich mit dem alles überwältigenden Gefühl, von dem einen Menschen, den ich von ganzem Herzen geliebt habe, verlassen worden zu sein. Weggeworfen wie ein altes Paar Schuhe. In nur einer einzigen Nacht ist mein Herz in tausend Stücke zerbrochen, und ich habe keine Ahnung, wie ich es je wieder kitten soll. Ich krümme mich auf dem Sofa zusammen und weine, bis ich keine einzige Träne mehr habe.

MARS

Es klingelt an der Tür.

Überrascht schaue ich auf die Uhr. Schon kurz nach acht. Ich habe vollkommen die Zeit vergessen. Rasch speichere ich meine Notizen ab und gehe zur Wohnungstür.

Kaum geöffnet, fällt mir eine aufgebrachte Josefa um den Hals. Meine Freundin kann sehr impulsiv sein. »Mars, ich bin nicht gut genug für die Ernennung zum Senior Associate«, übergießt sie mich mit ihren Bedenken bezüglich ihrer noch ausstehenden Beförderung.

Ich schiebe sie auf Armlänge zurück. »Wie kommst du denn darauf?«

»Ich werde es nicht schaffen. Alle anderen sind besser.« Sie sieht mich mit ihren großen braunen Augen niedergeschlagen an. Ihre Lippen zittern, und sie ist kurz davor, in Tränen auszubrechen.

»Komm doch erst mal rein.« Ich ziehe sie in die Wohnung und schließe die Tür. »Ich mach uns einen Drink, und dann erzählst du mir, was deine Kollegen alles besser können.«

Josefa setzt sich aufs Sofa ins Wohnzimmer, und ich mixe unsere Drinks. Dabei beobachte ich sie von der Küche aus.

Ihrer Herkunft zum Trotz hat sie mit ihren siebenunddreißig Jahren bereits einen eindrucksvollen Karrierepfad erklommen – von einem überfüllten Klassenzimmer in Venezuela bis in eine renommierte Anwaltskanzlei in der westlichen Welt. Und das alles aus eigener Kraft. Sie ist eine Success-Yourself-Frau, die keinen Mann braucht, um erfolgreich zu sein. Dafür bewundere ich sie. Dennoch hat sie die Tendenz, alle ihre Leistungen zu bagatellisieren, und plagt sich immer wieder mit Selbstzweifeln.

Ich setze mich neben sie aufs Sofa und halte ihr eine Bacardi-Cola hin. »Erzähl, was ist los?«

»Ich bin nicht gut genug.« Sie trinkt einen großen Schluck und schaut betrübt in ihr Glas.

»Stimmt, jetzt, wo du’s sagst …«

Entgeistert sieht sie mich an.

»Eine der besten Kanzleien des Landes hat dich nur genommen, weil du nicht gut bist«, sage ich mit ernster Miene und nippe an meinem Drink.

»Blödmann«, antwortet sie, lächelt aber dabei. »Alle anderen sind aber besser.«

»Klar. Die haben sich auch alle ganz ohne Hilfe aus einem kleinen venezolanischen Kaff in die große Welt gekämpft.«

»Trotzdem. Sie sind intelligenter als ich!« Aufgebracht wirft sie ihre Hände in die Höhe und verschüttet dabei beinahe ihren Drink.

Ich nehme ihr den Drink aus der Hand und stelle ihn auf den Tisch. »Josefa. Und wer hat das Anwaltsstudium mit Summa cum laude abgeschlossen?«

»Ich. Trotzdem sind sie besser«, antwortet sie trotzig.

»Und wer hat erst letzte Woche einen scheinbar aussichtslosen Fall für sich entschieden?«

»Ich.« Sie rollt mit den Augen. Mir entgeht nicht, dass diese schon wieder merklich an Glanz gewonnen haben.

»Was noch? Sag es mir. Was noch können sie alles besser?«

Josefas Mundwinkel zucken verräterisch. »Ach, einfach alles.«

»Zähl es auf.«

»Sie können besser reden.«

»Auch in fünf verschiedenen Sprachen?«

»Nein! In zwanzig! Mindestens!« Sie boxt mich in die Seite. »Ach, Mars, du solltest auch Anwalt werden. Gegen deine Beweisführung kommt man einfach nicht an.«

Grinsend halte ich ihre Hände fest. »Worte sind nun mal meine stärkste Waffe. Aber ernsthaft …« Ich schaue sie eindringlich an. »Du gehst mit dir selbst viel zu hart ins Gericht. Du bist gut. Das merken auch die anderen.«

»Glaubst du?«

»Ja. Denk daran, was du schon alles erreicht hast. Du wirst auch diese kleine Hürde meistern. Und zwischen uns ändert sich nichts, ob du nun Associate oder Senior Associate bist.« Ich nehme ihr schönes dunkelhäutiges Gesicht in meine Hände und küsse sie sanft auf ihre vollen Lippen.

»Schön, dass du an mich glaubst«, flüstert sie und schmiegt sich an mich.

Ich streichle ihren Hals. Meine Finger wandern über ihr Schlüsselbein.

»Mars, ich bin erschöpft.« Josefa entzieht sich mir. »Lass uns schlafen gehen, okay?«

»Klar.« Ich ziehe sie hoch und nehme sie in den Arm. »Vergiss nicht. Ich glaube nicht nur an dich, ich wünsche dir auch, dass du alles schaffst, was du dir vornimmst.«

Josefa ist schnell eingeschlafen, ich selbst hingegen finde keine Ruhe. Ich wälze mich von einer Seite auf die andere. Als ich das Summen meines Handys im Wohnzimmer höre, stehe ich auf und setze mich aufs Sofa, um die eingegangenen Nachrichten zu prüfen.

Lea 23:08

Ich frage in der Regel nicht zweimal.

Triumphierend lese ich die Worte. Soeben hat sie genau das getan und mich zum zweiten Mal gefragt, ob ich mich mit ihr treffen und damit auf sie einlassen will. Und ja, ich will. Aber nach meinen Spielregeln.

Lea ist nicht nur unwiderstehliche fünfundzwanzig Jahre alt, sondern auch atemberaubend schön. Zumindest legen dies die Fotos nahe, die sie mir großzügig zugeschickt hat. Sie gibt sich als Direktionsassistentin aus. Ich weiß gern, mit wem ich es zu tun habe, aber trotz intensiver Recherche habe ich nicht herausgefunden, bei welcher Firma sie arbeitet. Trotzdem will ich sie treffen, und der beste Ort, um sich kennenzulernen, ist das Bett.

Ich schreibe zurück.

[An Lea] 23:12

Vielleicht lohnt sich ja eine Ausnahme ;-)

Gespannt warte ich auf ihre Antwort.

Sie schickt mir einen Smiley zurück.

Ein gutes Zeichen, dass ich noch im Spiel bin. Zufrieden schließe ich den Chat.

Die Hinhaltetaktik leistet seit jeher gute Dienste, wenn es darum geht, sich interessant zu machen. Mit einer sofortigen Zusage würde ich mich kaum von all den anderen Männern unterscheiden, mit denen Lea sich umgibt. Meine Begeisterung für sie werde ich ihr zum richtigen Zeitpunkt schon noch demonstrieren.

Wieder summt mein Handy.

Annabella 23:19

Habe ich zufällig mein Ladegerät bei dir vergessen? :-)

Das beantworte ich morgen. Aktuell scheint Annabellas Handy genug Akkuladung zu haben.

Spieglein, Spieglein an der Wand

Das Leben muss man tanzen!

Jedes Mal, wenn Myrina das Schild an der Eingangstür des Salsakellers sieht, bejaht sie innerlich. Das Leben ist ein Tanz! Mit beschwingten Salsaschritten hüpft sie die Treppe hinunter.

Erst vor wenigen Monaten hat sie zusammen mit Alexander mit diesem vor Lebenslust strotzenden Tanz begonnen, und rasend schnell hat sie dafür Feuer gefangen. Wenn sie in seinen Armen übers Parkett schwebt, schrumpft die Welt auf einen Radius von zwei Metern. Nichts anderes scheint dann wichtig. Es gibt nur sie und ihn und die immer neuen Choreografien in seinem Kopf.

Alexander wartet vor dem Tanzsaal auf sie. Er fasst sie am Handgelenk, zieht sie an sich und küsst sie.

Küsse, von denen sie nie genug kriegt.

»Wo sind denn die anderen?« Erstaunt bleibt Myrina auf der Türschwelle stehen und blickt sich im Saal um.

Wo sonst Musik aus den Lautsprechern dröhnt und Paare dicht gedrängt tanzen, herrscht heute Stille und Leere.

»Wir haben eine Privatveranstaltung.« Alexander geht zur Musikanlage, wo er sein Handy mit einer Selbstverständlichkeit anschließt, als gehöre ihm der Salsakeller.

»Wie, Privatveranstaltung?«, fragt Myrina.

»Ich möchte heute was Neues ausprobieren«, antwortet er vage und widmet sich der Musikanlage.

Myrina mustert sich beiläufig in der Spiegelwand. Dreht sich, um ihre Seitenansicht zu prüfen. Die neue Bluse und die enge Hose stehen ihr gut, stellt sie zufrieden fest. Hochhackige Schuhe würden zwar sehr viel besser dazu passen als die bequemen Sneakers; doch sie will sich bei den Drehungen schließlich nicht das Genick brechen. Die heißen Latina-Rhythmen liegen ihr nicht im Blut.

Unvermittelt hebt Alexander den Kopf und betrachtet Myrina durch den Spiegel. »Deine neue Bluse gefällt mir.«

»Oh, danke.« Ertappt reißt sie sich von ihrem Spiegelbild los. »Und die Hose?«

»Es kommt nicht darauf an, was jemand trägt, sondern was darin ist. Dein süßer kleiner Hintern braucht eigentlich keine Hose, die ihn verhüllt.« Das spitzbübische Grinsen, das sie so sehr an ihm mag, überzieht sein ganzes Gesicht.

Ein leises Lächeln stiehlt sich in ihre Mundwinkel. Wenn er erst sehen wird, was sie darunter trägt! Neue Spitzenunterwäsche, die er ihr später zu Hause mit seinen sanften Händen und unter zärtlichen Küssen Stück um Stück von der Haut streifen darf.

Alexander deutet in die hintere Ecke des Tanzsaals. »Könntest du bitte den Stuhl da in die Mitte des Raumes stellen?«

Sie sieht ihn fragend an, er jedoch hat sich wieder seiner Musiksammlung zugewandt. Was er wohl im Schilde führt? Nun, sie wird es bald erfahren, und bislang mochte sie seine romantischen Überraschungen durchaus.

---ENDE DER LESEPROBE---