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„Ich will nicht, dass sie Angst vor mir hat. Ich bin doch immer noch dieselbe!“ Auch nach etlichen Monaten hat Sonja die Ereignisse, durch die sie ihre beste Freundin verloren hat, noch nicht verarbeiten können. Um alles in der Welt wünscht sie sich, noch einmal mit Charly sprechen zu können. Dann passiert, was sie sich in ihren schlimmsten Albträumen nicht hätte ausmalen können: Das Greifenamulett taucht wieder auf, in der Welt der Menschen und in zwei Teile gespalten. Bei dem Versuch, es zu verstecken, landet Sonja in Aréa – als Mensch. Und mit ihr ist noch etwas Anderes hinübergelangt, eine grausame Schattenkreatur, die nicht nur Sonja in höchste Gefahr bringt …
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Veröffentlichungsjahr: 2026
Janika Hoffmann
Das Versprechen der Greife
Copyright © 2025 by Janika Hoffmann. Janika Hoffmann – Autorin, Gebrüder-Grimm-Straße 6, 63322 Rödermark Coverillustration & Design: kritzelpixel.de Lektorat & Korrektorat: Buchgezeiten Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil dieses Buches darf in irgendeiner Form (auch auszugsweise) ohne schriftliche Genehmigung der Autorin reproduziert, vervielfältigt oder verbreitet werden.Die Nutzung zum Training generativer KI ohne ausdrückliche Lizensierung ist untersagt.
Für meine Mates vom Sydney Write Club. Euch ist zu verdanken, dass diese Geschichte innerhalb von 30 Tagen aufs Papier floss und ich überhaupt eine wundervolle Zeit in Sydney verbracht habe.
For my Sydney Write Club mates. It’s thanks to you that I wrote this story within 30 days, and you made my time in Sydney one of the most amazing experiences of my life.
Kapitelübersicht
Prolog
Ein fataler Fund
Wiedersehen
Eine düstere Vision
Als Mensch in Aréa
Entfremdet
Ein Weinen im Wald
Unsichtbare Mauern
Schatten
Unerwartete Begegnung
Annäherung
Traumbotschaft
Ausgefahrene Krallen
Familie
Vergangenheit
Schwärze
Aréas Magie
Epilog
Danksagung
Content Notes
Die Autorin
Die Sonne stand bereits tief am Horizont, doch Charlys Körper war erfüllt von Hitze. Es war kein unangenehmes Gefühl; das Feuer verbrannte sie nicht. Vielmehr fühlte sie sich geborgen.
»Charly aus der Welt der Menschen«, drang eine Stimme an ihre Ohren. Vor ihr, auf einem großen, flachen Felsbrocken, stand eine Greifin mit einem raubkatzenartigen Kopf und blickte zu ihr herab. »Bist du bereit, dein letztes Ritual zu durchlaufen, um voll und ganz eine von uns zu werden?«
Ein aufgeregtes Kribbeln durchlief Charlys Körper, und sie musste den Drang unterdrücken, das Gefieder auszuschütteln. Sie spürte, dass ihr langer Schwanz zuckte, was die Federreihen an beiden Seiten leise rascheln ließ, doch ansonsten hatte sie sich unter Kontrolle. »Das bin ich, Lavira«, antwortete sie so ruhig wie möglich.
»Dann komm zu mir und empfang die Magie«, forderte die Felide sie auf.
Charly ließ sich nicht lange bitten. Sie machte einige möglichst würdevolle Schritte auf den Felsbrocken zu, dann drückte sie sich mit ihren muskulösen Hinterbeinen vom Boden ab. Wie von selbst fanden ihre Vorderkrallen Halt auf der Oberfläche des Steins und ihr Körper sein Gleichgewicht, und von einem Moment auf den nächsten stand sie vor der anderen Greifin.
Insgeheim war sie erleichtert. Feliden waren für ihre Anmut und Eleganz bekannt, und sie selbst war nun eine solche katzenartige Greifin. Eine Leopardengreifin, um genau zu sein, auch wenn die Tupfen ihres Fells erst jetzt im Sommer sichtbar geworden waren, und auch da nur ganz leicht und bei bestimmtem Lichteinfall.
Ihr Gegenüber hingegen hatte viel eine stärkere Zeichnung. Deutlich hob das Schwarz der großen, unregelmäßigen Flecken sich von Laviras rostbraunem Fell ab. Ebenso auffällig war das anthrazitfarbene Gefieder, das den Vorderkörper der Leopardengreifin bis zu den kräftigen Schulterblättern bedeckte. Im Abendlicht glänzte es regelrecht silbern. Dazu kamen leuchtend goldene Augen, als habe sie die letzten Sonnenstrahlen eingefangen. Die Seherin war wirklich eine beeindruckende Erscheinung, nicht nur wegen ihres für ihre Art ungewöhnlich kräftigen Körperbaus.
Charly schob ihre Gedanken beiseite und konzentrierte sich auf das Geschehen, als die Felide ihr gegenüber huldvoll die Flügel in die Höhe reckte, einen Moment so verharrte und sie dann wieder senkte.
»Das Schicksal Zyrions brachte dich einst zu uns, doch letztendlich hast du selbst die Entscheidung getroffen, nach Aréa zurückzukehren und dein Leben als Felide fortführen zu wollen. Zur Magiewende bist du in den Kreislauf unserer Welt eingetreten, und nun, zur Magiefülle, wird deine Wahl dich endgültig binden.«
Die Worte, die Lavira benutzte, waren Charly nicht mehr fremd. Sie hatte sich längst daran gewöhnt, dass die Winter- und die Sommersonnenwende hier anders bezeichnet wurden. Auch war ihr klar, dass es keinen Weg zurück in die Menschenwelt gab, selbst wenn sie das gewollt hätte. Doch zum Glück wusste sie tief in ihrem Herzen, dass sie genau hierher gehörte.
»Als Seherin des Goldfleckenrudels werde ich dich in den Strom der Magie leiten, auf dass du verstehen und zu deinem vollen Selbst finden mögest. Du wirst nicht länger eine Menschengreifin sein, dein Körper nicht länger nur eine Hülle. Stattdessen wirst du eine von uns sein, eine vollwertige, respektierte Felide.«
Lavira verstummte und hob den Kopf ein Stück an, den Blick fest mit Charlys verschränkt. Die wusste, was zu tun war. Ehrerbietig senkte sie den Kopf, schlug die Augen nieder und kauerte sich auf den Felsen. Diesmal durfte sie mit keinem einzigen Muskel zucken, sondern musste geduldig warten und ›die Gabe erhalten‹, wie die Durchführung des Rituals genannt wurde. Bei ihrem ersten Ritual, zur Magiewende, war ihr die Gabe umgekehrt genommen worden.
Natürlich wurde ihr nicht wirklich irgendeine besondere Fähigkeit verliehen. Vielmehr half Lavira ihr, sich auf die Magieströme der Greifenwelt Aréa zu fokussieren. Diese schwanden im Winter bis zu ihrem Tiefpunkt in der Nacht der Magiewende, nur um sich in den darauffolgenden Monaten zu erneuern. In der Nacht der Magiefülle – der Sommersonnenwende – erreichten sie dann ihren stärksten Punkt.
Charly hatte bei ihrer Ankunft in Aréa schnell gelernt, dass die Magie dieser Welt nicht greifbar war, aber dennoch zum Alltag gehörte wie die Luft zum Atmen. Sie fügte sich in das Gebilde allen Lebens ein. Und ganz selten ließ sie sich auch lenken – so zum Beispiel durch Zyrion, das Amulett, das Charly beinahe das Leben gekostet hätte.
Charlys Gedanken kehrten ins Hier und Jetzt zurück, als sie spürte, dass die Felidenseherin die Schnauze sanft auf ihren Kopf legte. Ihre Schnurrhaare kitzelten Charlys Ohren, doch sie verharrte reglos.
Im nächsten Moment fühlte sie, wie eine Energie sich von Laviras Körper auf ihren ausbreitete und sie mit sich zog. Sie blickte noch immer auf den Felsen unter ihren Klauen, doch das Bild wurde überlagert. Sie konnte nichts Genaues erkennen; es waren eher vorbeiziehende Eindrücke. Doch sie brachten alles in Charly zum Klingen, ließen die Haut unter ihrem Fell und Gefieder kribbeln und prickeln. Sie wusste, dass das die Magieströme waren.
Bei ihrem Ritual zur Magiewende hatte sie sich gefühlt, als würde alle Energie aus ihrem Körper gesogen, und sie hatte mit aller Entschlossenheit darum kämpfen müssen, wieder auf die Pfoten zu kommen. Diesmal war das anders: Die Magieströme donnerten regelrecht auf Charly ein, brandeten durch sie hindurch und wollten sie mitreißen. Sie spürte, wie sich jede einzelne Feder, jedes Haar an ihrem Körper aufstellte, als die Magie ihr Inneres flutete.
Immer stärker wurde das Gefühl, bis sie glaubte, jeden Moment platzen zu müssen. Sie konnte nicht verhindern, dass sich ihrer Kehle ein überwältigtes Stöhnen entrang.
»Ganz ruhig, kleine Menschengreifin«, erklang Laviras Stimme, auch wenn Charly nicht zu erkennen vermochte, ob die Worte laut oder im Geiste ausgesprochen worden waren. »Halt nur weiter still und widerstehe. Sei stark.«
Charly presste den Kiefer zusammen und kämpfte darum, von dem mächtigen Strom an Magie nicht fortgerissen zu werden. Es war ein beängstigendes Erlebnis, doch sie würde nicht nachgeben. Dieses Ritual war ihr Tor in die Zukunft. Für ihr Leben in Aréa, an Leros Seite.
Lero.
Der Name huschte durch ihren Kopf, und schon der Gedanke an seinen Träger schien sie schlagartig zu stärken. Ihre Zuversicht wuchs. Ja, für Lero tat sie das alles hier. Nicht, um ihn zu beeindrucken, sondern weil sie um alles in der Welt – oder besser gesagt beiden Welten – bei ihm bleiben wollte. Seinetwegen hatte sie sich für die Greifenwelt entschieden.
Ihr Herz konnte wieder freier schlagen. Der Druck auf ihr Inneres ließ nach, und auch wenn die Magie weiter auf sie einströmte, war sie nicht länger unangenehm. Vielmehr hatte Charly den Eindruck, warm davon umflossen und erfüllt zu werden. Sie badete darin, genoss die Wärme und hatte zugleich das Gefühl, höher als jemals zuvor zu fliegen.
Ein Raunen ließ sie zu sich kommen. Das Gestein vor ihr rückte wieder in den Fokus, und da sie sich nicht bewegen durfte, versuchte sie aus dem Augenwinkel etwas zu erkennen. Die Mitglieder des Goldfleckenrudels, die sich für das Ritual um den Felsen versammelt hatten, blickten sie allesamt an. In ihrer aller Augen lag ein besonderes Leuchten; auch sie mussten die Stärke der Magieströme spüren. Dennoch schien es Charly, als wäre etwas anders als wenige Sekunden zuvor.
Und dann fiel ihr Blick auf Lero. Mitten zwischen den Feliden stand er und hob sich dadurch nur umso extremer von ihnen ab. Er war nicht schlank gebaut wie die meisten der Katzenartigen, sondern deutlich muskulöser, aber dabei auch sehnig. Im Vergleich zu den umstehenden Greifen wirkte sein wolfsartiger Kopf bullig. Sein graues Fell war in den letzten Monaten glänzender geworden – vermutlich, weil es nun häufiger und umsichtiger geputzt wurde –, und auch sein dunkelgraues Gefieder war ordentlich gepflegt. Beinahe schwarz wirkten seine Augen, dennoch waren sie voller Wärme. Stolz leuchtete daraus, und er nickte ihr zu.
Nun endlich wagte Charly es, kurz den Kopf zu drehen. Obwohl sie es nicht bemerkt hatte, musste sie sich zuvor doch bewegt haben: Ihre Schwingen waren ausgebreitet und in die Luft erhoben, als wolle sie das ganze Rudel schützend darunter bergen. Die rotbraunen Federn waren gespreizt und schimmerten im letzten Licht der Sonne beinahe so rot wie Laviras.
Sie richtete den Kopf wieder nach vorn und nahm Blickkontakt mit der Seherin auf. Die gab ein kurzes Schnurren von sich. »Du hast es geschafft, eins mit der Magie zu werden und in ihrem Strom zu gleiten«, bestätigte sie leise die unausgesprochene Frage, dann erhob sie die Stimme. »Erhebe dich, Charly, und steh mir gegenüber als vollwertige Greifin und Felide unter dem Himmel Aréas.«
Beim Klang dieser Worte fuhr die Aufregung erneut kribbelnd durch Charlys Körper. Sie konnte sich kaum zurückhalten, richtete sich etwas zu schnell auf. In den Augen der Seherin las sie Amüsement, doch ein Kommentar zu ihrem Verhalten blieb aus. Stattdessen verneigte Lavira sich vor ihr. Dabei spreizte sie die Federn ihrer Halskrause so sehr, dass die darunterliegende Haut sichtbar wurde, und entblößte ihre Kehle.
Einst hatte Charly diese Geste bei Akera gesehen, der ersten Leopardengreifin des Goldfleckenrudels, die ihr begegnet war. Damals hatte sie nicht gewusst, wie ihr geschah, und sie hatte dadurch einen stummen Test nicht bestanden.
Dieses Mal zögerte sie nicht. Stattdessen machte sie zielsicher einen Schritt vorwärts, um symbolisch die Vorderläufe mit Lavira kreuzen zu können. Dann legte sie ihre Schnauze auf die entblößte Stelle, packte die nackte Haut hauchzart mit den Zähnen und stieß ein leichtes, leicht rollendes Schnaufen aus. Einen Moment lang verharrte sie so, dann zog sie sich zurück.
Sobald die Seherin sich erhob, verneigte Charly sich ihrerseits und bot ihre Kehle dar. Sie musste sich konzentrieren, um ihr Gefieder auf die richtige Weise zu spreizen, doch es schien zu funktionieren. Mit aufgeregt pochendem Herzen ließ sie geschehen, dass die ältere Leopardengreifin die Unterordnung anerkannte. Es war ein Zeichen tiefen Respekts, eine wortlose Versicherung, nur gute Absichten zu hegen und die eigene Deckung dafür aufzugeben.
Damit war das Ritual endgültig abgeschlossen und Lavira hatte sie vor den Augen der anderen akzeptiert. Sobald die Seherin sich einige Schritte von ihr zurückgezogen hatte, richtete Charly sich wieder auf.
»Geh«, raunte Lavira ihr gutmütig zu. »Lass dich von ihnen begrüßen.«
Das ließ Charly sich kein zweites Mal sagen. Ohne auch nur einen Herzschlag lang zu zögern, wandte sie sich den Versammelten zu und sprang von dem Felsen.
Die Mitglieder des Goldfleckenrudels machten ihr Platz, dann kamen sie wieder näher und umringten sie. Beifällige Kommentare erklangen. Einige Feliden riefen Charlys Namen, andere schnurrten oder maunzten anerkennend. Alle miteinander hießen sie Charly im Kreise der Feliden willkommen.
Nun war sie wirklich eine von ihnen. Eine Greifin. Und mehr als nur eine Felide unter ihresgleichen: Als Charly sich wieder in Bewegung setzte, öffneten die Mitglieder des Rudels ihr bereitwillig eine Gasse, an deren Ende Lero wartete.
Der Canide sah ihr voller Wärme entgegen. Die meisten Greife mieden die Gesellschaft anderer Arten, doch für Charly war das nicht von Belang. Lero war derjenige, dem ihr Herz gehörte, der sie kannte und in sie hineinsah. Und sie wusste, dass es ihm genauso ging. Voller Zuneigung rieb sie ihren Kopf an seinem, dann den Hals, als sie noch einen Schritt näher machte.
»Gut gemacht, Flausch«, brummelte er, und die pure Erwähnung des Kosenamens, den er ihr gegeben hatte, ließ ihr Herz flattern. Sie antwortete nicht, doch in ihrer Brust stieg ein Schnurren auf.
Hinter ihnen verstummte das Gemurmel der anderen Greife, doch das hätte es gar nicht gebraucht. Auch so wusste Charly, dass Lavira zu ihnen getreten war. Sie spürte es mit ihren feinen Sinnen. So löste sie sich von ihrem Gefährten, blickte ihm noch einmal tief in die Augen und wandte sich dann um, während er einen Schritt vorwärts machte und sich somit direkt an ihre Seite brachte.
»Ich freue mich, dass du auch das zweite und abschließende Ritual gemeistert hast«, meinte die Seherin und neigte anerkennend den Kopf. »Auch ich heiße dich willkommen in unserem Kreise. Du bist nun eine unserer Art, und doch bist du auch mehr.« Sie nickte vielsagend in Leros Richtung.
Charly benötigte keine Erklärung. Sie wusste selbst, wie ungewöhnlich, ja regelrecht undenkbar die Verbindung mit einem Wolfsgreifen war. Die drei Greifenrassen – Feliden, Caniden und Aviden – hielten sich seit ewigen Zeiten voneinander fern und hegten den anderen Arten gegenüber großes Misstrauen.
Doch Charly hatte von Anfang an einen ungewöhnlichen Weg beschritten. Immerhin war sie ursprünglich ein Mensch gewesen. Sie war seinerzeit unfreiwillig in Aréa gelandet und dabei in eine Leopardengreifin verwandelt worden. Lero, der sie nur zufällig als Erster gefunden hatte, war damals ruppig und absolut nicht begeistert gewesen, von einem Seher seiner eigenen Gattung als ihr Leibwächter und Führer abgestellt zu werden. Doch im Laufe der Reise, die Charly eigentlich das Leben retten und sie zurück in ihre Welt hatte bringen sollen, hatte sie die raue Schale ihres Begleiters nach und nach geknackt und sich in ihn verliebt, ohne es selbst zu merken – genau wie er sein Herz an sie verloren hatte.
Er hatte sie in die Menschenwelt begleitet, um das Amulett, mit dem alles begonnen hatte, zurück nach Aréa zu bringen. Doch als er inmitten einer Auseinandersetzung mit der Polizei schließlich durch das Portal gesprungen war, hatte Charly den Gedanken nicht ertragen, ihn zu verlieren. Verletzt und entkräftet war sie ihm gefolgt, hatte ihn und seine Welt über ihre eigene gewählt und sich für immer für das Dasein als Greif entschieden.
All das war nun schon sieben Mondwechsel her, über ein halbes Jahr. Manchmal sprang sie noch immer zwischen den verschiedenen Namen der Zeitrechnung hin und her. Die Wunden, von denen auch ihr Greifenkörper noch Spuren getragen hatte, waren längst verheilt, und ihr Fell und ihr Gefieder waren wieder dicht und glänzend geworden. Und dank der Hilfe der Seherin war ihre Verwandlung in eine Felide nun endgültig vollbracht.
»Ich danke dir, Lavira.« Charly neigte ehrerbietig den Kopf vor der Feliden. Anschließend blickte sie sich suchend um, auch wenn sie bereits wusste, dass jene Greifin, nach der sie schon den ganzen Tag über Ausschau gehalten hatte, auch jetzt nicht hier sein würde. »Akera ist nicht mehr gekommen«, murmelte sie dennoch. Lero schmiegte sich wortlos an ihre Seite.
Verständnis leuchtete aus den Augen der Felidenseherin. »Sie wird keine Möglichkeit gehabt haben, von ihrer Aufgabe abzulassen, um deinem Ritual beizuwohnen. Es tut mir leid.«
»Wo steckt sie denn überhaupt? Ich weiß, ihr wollt es mir nicht verraten. Aber ich habe nun schon seit über zwei Mondwechseln nichts mehr von ihr gehört!« Charly spürte, dass ihr Schwanz unruhig zuckte; ein Anzeichen ihrer Unruhe. In der geheimnisvollen Leopardengreifin Akera hatte sie eine gute Freundin und Lehrerin gefunden. Auch nach Charlys Rückkehr hatten die beiden sich noch häufig getroffen, damit Charly alle Gepflogenheiten ihrer neuen Heimat kennenlernen konnte. Ihr Wissensdurst war noch nicht ansatzweise gestillt. Doch seit Akera zu einem geheimnisvollen Auftrag entsandt worden war, hatten diese Treffen ein jähes Ende gefunden.
»Ich werde es dir auch heute nicht sagen«, erklärte Lavira sanft. »Du bist eine Freundin unseres Rudels, aber kein Teil davon. Daher gibt es einige Dinge, die wir dir vorenthalten müssen. Aber so viel kann ich dir versichern: Akera ist nicht allein unterwegs, außerdem sie ist stark und klug. Also sorge dich nicht.«
Sorge dich nicht. Das klang vielmehr so, als gäbe es sehr wohl Anlass dazu. Als würde es sich um eine gefährliche Aufgabe handeln. Doch Charly wusste, dass sie nicht mehr aus der Seherin herausbekommen würde als bei den vorhergegangenen Versuchen. Daher seufzte sie einfach und drückte ihre Stirn von unten gegen Leros Kinn und Kehle. »Na gut. Dann werden wir weiter darauf warten, dass sie sich meldet.«
»Wenn sie zurück ist, werde ich dafür sorgen, dass ihr so schnell wie möglich informiert werdet.« Lavira blinzelte milde und neigte den Kopf. »Aber nun kommt. Das Ritual ist beendet und der Tag vorüber. Seid unserem Rudel willkommen, wenn wir in dieser Nacht der Magiefülle im Strom der Energie baden und neue Kraft tanken.«
Sonja schob die Hände tiefer in die Taschen ihrer Shorts, als sie auf den Feldweg einbog. Die Sonne brannte vom Himmel, dennoch fröstelte sie. Die Gänsehaut auf ihren Armen hätte nicht stärker sein können, und ihre Beine zitterten bei jedem Schritt.
Wie lange hatte sie diesen Moment hinausgezögert, obwohl sie gewusst hatte, dass er über kurz oder lang unvermeidbar sein würde. Sie hatte sich gesagt, dass sie besser warten sollte, bis sie nicht länger befragt wurde. Bis die Geschehnisse aus den Nachrichten verschwunden waren. Bis Kommissar Beldmann nach seinem Prozess von der Untersuchungshaft in eine andere Einrichtung verlegt worden war, irgendwo weit weg von Remmingen. Überhaupt, bis alles im Sande verlaufen war.
Aber das war es nicht, zumindest nicht für Sonja. Und eigentlich hatte sie das auch gewusst, die ganze Zeit über. Sie hatte es nur nicht wahrhaben wollen, hatte das Unvermeidliche immer weiter hinausgeschoben.
Doch das ging nicht länger. Sie musste es hinter sich bringen, sonst würde sie früher oder später noch an ihren Erinnerungen ersticken. Womöglich konnte sie ja auf diese Weise damit abschließen. Oder es zumindest akzeptieren.
Wie ein Mantra betete sie diese Sätze im Geiste herunter, immer und immer wieder, flüsterte sie teilweise sogar vor sich hin. Doch es brachte alles nichts – sobald sie die ersten hölzernen Balken zwischen den Bäumen hervorblitzen sah, erstarrte sie. Kälte jagte durch ihren Körper.
Hier hatte alles angefangen. Zumindest für sie. Von den Geschehnissen in der Industriehalle hatte sie nichts mitbekommen. Über einen Monat lang hatte sie gehofft und gebangt, ehe plötzlich das Telefon geklingelt und Charly sie um Hilfe gebeten hatte. Ohne Vorwarnung, als wäre sie nicht einfach verschwunden und selbst für ein Sonderkommando der Polizei unauffindbar gewesen.
Charly hatte Sonja zu ebendieser Scheune gebeten, die nun zwischen dem Grün hervorblitzte. Und Sonja hatte getan, was Freundinnen auch bei abstrusen Hilferufen taten – sie hatte sich so viel Verbandsmaterial geschnappt, wie sie finden konnte, und war gekommen. Sie hatte nicht gewusst, was sie erwarten würde. Und sie hätte es sich auch nicht einmal in ihren kühnsten Träumen ausmalen können.
Greife. Nachdem sie Charlys Wunden gesehen hatte, waren die Greife direkt der nächste Schock gewesen. Drei Wesen, so groß wie Pferde und mit riesigen, gefiederten Schwingen. Die perfekten Raubtiere. Sonja hatte Charly erst nicht glauben wollen, nicht glauben können, dass dies ihre Freunde sein sollten und ihr keine Gefahr drohte. Sie hatte es selbst dann noch nicht annehmen können, als ein Zauber des Greifenamuletts es ihr ermöglicht hatte, die Worte der geflügelten Wesen zu verstehen. Die langen Krallen und spitzen Zähne hatten sie zu sehr in Atem gehalten, auch dann noch, als sie eingewilligt hatte, Charlys Geschichte anzuhören und ihre Wunden zu versorgen. Selbst an jenem Nachmittag, an dem sie allein zu dem Schober geeilt war, weil Charly ins Krankenhaus gebracht worden war und jemand dafür hatte sorgen müssen, dass die Greife davon erfuhren und etwas zu fressen fanden, hatte sie sich gefürchtet.
Und auch jetzt hatte sie Angst. Nicht vor den Greifen – die waren nicht länger hier. Sie waren durch ein schimmerndes Portal in ihre Welt zurückgekehrt. Und nicht nur sie …
Nein, was Sonja Angst machte, war die Scheune kaum zweihundert Meter entfernt. Und noch viel mehr die Wiese, die dahinter lag und die sie in Kürze betreten würde – zumindest, wenn sie es schaffte, sich aus ihrer Starre zu lösen.
Es würde das erste Mal sein, dass sie den direkten Schauplatz der Ereignisse wieder betrat. Jetzt, im Sommer, würde alles etwas anders aussehen, doch das, was hier geschehen war, hatte sich viel zu tief in ihr Gedächtnis eingebrannt. Sie hatte Angst, es noch einmal zu durchleben, doch nach sieben Monaten musste sie sich diesen Dämonen endlich stellen, wenn sie nicht von ihnen verschlungen werden wollte.
Dämonen. Abermals erschauderte sie. Die Wesen, die Charly so übel verletzt hatten, waren Dämonen gewesen, auch wenn sie in der Welt der Greife einen anderen Namen trugen, der Sonja nicht im Gedächtnis haften geblieben war. Der Vergleich kam ihr auf einen Schlag makaber vor und ließ eine leichte Übelkeit in ihr aufwallen. Sie blinzelte, weil Schwärze nach ihrem Sichtfeld greifen wollte, dann stolperte sie unsicher weiter vorwärts. Dabei versuchte sie das stetig hektischer werdende Klopfen ihres Herzens zu ignorieren, ihren Atem wieder zu verlangsamen. Immerhin schaffte sie es so, einfach weiterzulaufen. Doch das Unwohlsein in ihrem Inneren wurde stetig größer und setzte ihren ganzen Körper unter Spannung.
Und dann stand sie direkt vor dem Tor. Das Gras, das selbst im November noch welk den Boden um die Scheune herum bedeckt hatte, war mittlerweile verschwunden. Zu viele Füße hatten es kaputtgetrampelt. An und neben dem breiten Rolltor klebten einige Überreste des gelben Siegelbands, mit dem der Schober Monate zuvor abgesperrt worden war. Das Siegel war längst nicht mehr vorhanden, aber selbst die letzten Überbleibsel erzeugten den Eindruck, etwas Verbotenes zu tun, wenn man das Tor öffnete.
Sonja wusste natürlich, dass das Unsinn war. Die Polizei interessierte sich nicht länger für den Schober. Es gab hier nichts mehr zu finden. Der Einzige, der noch etwas dagegen einzuwenden haben könnte, dass sie hineinging, war der Eigentümer, doch jener Bauer hatte das Gebäude seit den Vorkommnissen gemieden und nicht weiter genutzt.
Niemand würde ihr Probleme machen, wenn sie jetzt eintrat. Niemand – außer ihr selbst und den sie plagenden Erinnerungen. Sie atmete tief durch, dann packte sie den hölzernen Griff des Tors und hängte sich mit ihrem ganzen Körpergewicht daran. Mit einem lauten Knarren ließ es sich beiseiteziehen.
Schummriges Dämmerlicht erwartete Sonja, nur unterbrochen von den goldenen Lichtstrahlen, die durch Spalten in den Wänden und einige winzige Fensteröffnungen unter dem Dach hereinfielen. Staubflocken tanzten im hellen Schein, als habe das Öffnen des Tors einen so starken Luftzug erzeugt.
Nur zögerlich wagte Sonja es, einzutreten. Sie tastete sich langsam voran, um sich an die Lichtverhältnisse und vor allem die Atmosphäre zu gewöhnen. Dabei blickte sie sich ununterbrochen um, als könnte jeden Moment ein Greif in der kleinen Halle auftauchen und ihr den Weg versperren.
Sie erinnerte sich noch genau daran, wie zwei von ihnen plötzlich aufgetaucht waren und sie daran gehindert hatten, den Schober wieder zu verlassen. Erst auf mehrmalige Aufforderung von Charly hin waren sie beiseitegetreten, die Raubkatzenartige und der Greif mit dem Adlerkopf, der aussah wie einem Film entsprungen. Fast hatte Sonja das Gefühl, als würde der Staub die Schemen der beiden wieder heraufbeschwören. Wenn sie die Umrisse nur lange genug anstarren und sich anschließend umdrehen würde …
Nein. Charly kam nicht zurück, egal, was für Streiche Sonjas Augen ihr spielten. Sie schüttelte energisch den Kopf und ging weiter, noch ein paar Schritte tiefer in die Scheune. Die Strohballen, auf denen ihre Freundin sie erwartet hatte, waren ohnehin verschwunden. Überhaupt war die Scheune auf den Kopf gestellt worden; keines der Verstecke, die Charly und sie für die Greife errichtet hatten, war noch vorhanden. Selbst die Leiter, die ins obere Stockwerk führte, war konfisziert worden.
Auf einmal erklang hektischer Flügelschlag unter dem Dach. Sonja fuhr kreischend zurück, dann sah sie über sich eine Taube davonflattern und durch eines der winzigen Fenster verschwinden. Kein Greif. Natürlich nicht.
Sonja atmete tief durch, um ihren rasenden Puls zu beruhigen. Da sah sie etwas im Dämmerlicht in ihre Richtung gleiten. Wie in Trance streckte sie die Hand aus und fing das Ding auf. Einen Augenblick lang konnte sie nur daraufstarren. Tatsächlich schlug ihr Herz jetzt stetig langsamer, dafür schien es ihr den Brustkorb durchbrechen zu wollen.
Sonja konnte die Einsamkeit keinen Moment länger ertragen. Wie von Sinnen rannte sie los, sprang durch die Toröffnung und ließ die Scheune hinter sich. Die dunkelgraue, unschuldig wirkende Taubenfeder entglitt ihren Fingern.
Auch draußen hielt sie nicht inne, sie wollte einfach fort von den Erinnerungen. Halb blind vor Emotionen und durch das helle Tageslicht hastete sie vorwärts.
Zu spät bemerkte sie, dass sie nicht die Richtung eingeschlagen hatte, aus der sie gekommen war, sondern genau die entgegengesetzte. Sie wurde langsamer, bewegte sich wie in Zeitlupe und blieb schließlich stehen, um sich umzublicken. Blankes Entsetzen erfasste sie, und sie begann zu zittern. Sie war auf die Wiese hinausgelaufen. Dorthin, wo sie Charly das letzte Mal gesehen hatte. Wo ihre Freundin durch das Portal gesprungen war, nachdem sie …
All die Erinnerungen prasselten erneut auf Sonja ein. Es war wie ein Albtraum, aus dem sie nicht entkommen konnte, der sie wie eine Welle überschwappte und zu ertränken drohte. Ein erstickter Laut löste sich aus ihrer Kehle und sie presste die Augenlider zusammen, so fest sie konnte. Ihre Tränen konnte sie damit nicht zurückhalten. Mit fahrigen Bewegungen umschlang sie ihren Oberkörper mit den Armen, ging in die Knie. Sie merkte kaum, wie sie zur Seite kippte, so sehr hielten die Bilder sie in Atem.
Sie saß vor Charly auf dem Fahrrad, die Polizeistreife hielt sie an. Charly zerstörte den Peilsender, mit dem Kommissar Beldmann sie orten konnte. Sie kehrte zur Scheune zurück, und Sonja hörte bis zum folgenden Morgen nichts mehr von ihr. Besorgt um die Freundin, machte sie sich auf den Weg, nach dem Rechten zu schauen. Als sie beinahe angekommen war, hörte sie einen fernen Schrei, gefolgt von einem zweiten, diesmal eindeutig nicht menschlichen. Sie trat in die Pedale, stürzte mit dem Fahrrad, als sie ein Schlagloch im Weg zu spät sah, rappelte sich auf und rannte weiter. Ihr Herz pochte wild, als würde gerade etwas Schreckliches passieren.
Sie erreichte die Polizisten, drängte sich durch das Chaos. Gerade als sie freien Blick auf die Wiese erhielt und Charly entdeckte, löste sich der erste Schuss aus der Waffe des Kommissars. Deutlich sah Sonja, wie ihre Freundin von dem Aufprall rückwärts gegen den Pfahl gedrückt wurde. Sie schrie und rannte wieder los, auf die Getroffene zu. Was um sie herum passierte, war egal. Sie musste zu Charly. Als sie bei dieser ankam, war sie überzeugt, dass sich ihr ein schrecklicher Anblick bieten würde. Sie weinte hemmungslos, doch wie durch ein Wunder hatte die Patrone genau das Amulett getroffen und Charly selbst kaum verletzt.
Die restlichen Bilder liefen in schnellerer Abfolge ab und waren verschwommen.
Charly, wie sie plötzlich mit jemandem redete, der nicht da oder unsichtbar war. Der Ausdruck im Gesicht ihrer Freundin, dann das Knacken, als ihre Handschellen sich wie von Zauberhand lösten und zu Boden fielen. Die Gewissheit, von der Sonja nicht wusste, woher sie sie nahm: Ihre beste Freundin würde durch das Portal gehen.
Vielleicht hatte sie in diesem Moment verstanden, was das Gespräch zwischen Lero und Charly vor dem Krankenhaus zu bedeuten gehabt hatte, als das tränenüberströmte Mädchen sich nicht ihr, sondern dem Greifen anvertraut hatte. Vielleicht war es aber auch das unsichtbare Wesen gewesen, das ihr die Lösung eingeflüstert hatte, oder der Blick in Charlys Augen.
Jedenfalls hatte Sonja begriffen, und mehr noch: Sie hatte es zugelassen. Sie hatte ihre beste Freundin gehen lassen, hatte ihr unter Tränen die Daumen gedrückt bei ihrem Sprint in Richtung des sich schließenden Portals. Erst einige Tage später war ihr der Gedanke gekommen, dass sie Charly hätte aufhalten können, aufhalten müssen, und ihr war ihr Verlust in voller Tragweite bewusst geworden.
Seitdem hatten die Erinnerungen sie verfolgt, auf Schritt und Tritt, bei Tag und bei Nacht. Es hatte lange gedauert, bis sie wieder hatte schlafen können, und noch länger, bis sie nicht ständig von den Eindrücken überfallen wurde. Doch auch danach war kein Tag vergangen, an dem Sonja sich nicht mit dem Gedanken an das Geschehene beschäftigt hatte, immer mit einzelnen Bruchstücken. Doch nun prasselte das große Ganze auf sie ein, überwältigte sie und presste ihr die Luft aus der Lunge.
Irgendwann holte der Schmerz in ihrer Seite sie zurück in die Realität. Konnten Erinnerungen einem wirklich so heftig zwischen die Rippen stechen? Sie richtete sich auf, und sofort ließ der Schmerz nach. Es waren also nicht ihre unsichtbaren Gespenster gewesen. Benommen drehte sie den Kopf, hoffte auf Ablenkung von den gefürchteten Erinnerungen.
Als Erstes fiel ihr auf, dass das Gras an dieser Stelle sehr spröde aussah, als hätte jemand Unkrautvernichter gesprüht, jedoch nur an dieser einen Stelle. Doch unter den langen, plattgedrückten Halmen zeichnete sich eine kleine Erhebung ab. Sonja griff danach und schob das trübe Grün beiseite. Ihre Finger stießen auf etwas Kaltes, und sie umfasste es und zog es in die Höhe.
Als hätte sie sich verbrannt, ließ sie den Gegenstand fallen und krabbelte unbeholfen ein Stück weit fort, ehe sie wieder in ihre Panikstarre verfiel. Nein. Nein, das konnte nicht sein. Es war einfach unmöglich!
Dort, wenige Meter entfernt, lag das gespaltene Greifenamulett im Gras, als könnte es kein Wässerchen trüben.
Etliche Minuten lang konnte Sonja das zerstörte Artefakt nur anstarren. Am liebsten wäre sie fortgerannt, doch das konnte sie nicht. Sie wusste nicht, ob der Schock einfach zu groß war oder es an etwas anderem lag, aber sie konnte nicht aufstehen.
Während sie das Amulett anstarrte und zugleich ihre Erinnerungen von Neuem durchlebte, fiel ihr etwas auf: Etwas an dem Amulett sah anders aus, als sie es in Erinnerung hatte. Sie runzelte die Stirn, blinzelte, um wieder klarer sehen zu können. Nur halbherzig hatte sie damals das Schmuckstück um Charlys Hals betrachtet, in dem solch unheimliche Kräfte steckten. Als es ihrer Freundin im Krankenhaus allerdings abgenommen worden war, hatte Sonja es stibitzt, um es ihr später wiedergeben zu können. Und sie war sich sicher, dass es braun gewesen war. Braun mit goldglänzendem Metall und einem braunen Stein in der Mitte. Und an einer langen Kette.
Das alles sah sie vor sich: die Kette, die an einem Ende gerissen war, die nunmehr zwei Hälften des Anhängers, die nur noch an der Kettenöse verbunden waren. Den Stein, der einst den Mittelpunkt des Artefakts dargestellt hatte und nun ebenso zersprungen war wie der breite Ring aus dunklem Holz und das Metall, aus dem der restliche Anhänger bestand. Doch nichts an dem Amulett erinnerte noch an die braun-goldene Färbung von damals. Stattdessen war es schwarz wie Ruß.
Sonja hatte das Gefühl, das Schmuckstück wie im Tunnelblick zu betrachten. Wie hatte Charly es noch mal genannt? Sie hatte erklärt, das Amulett würde einen Namen tragen. Allein die Vorstellung war schon absurd. Ein Anhänger mit einem Namen – wozu? Damit sie benennen konnte, wer ihr ihre Freundin genommen hatte?
Unwillkürlich zuckte Sonja zusammen. Genommen. Sie hatte gerade gedacht, dass Charly ihr genommen worden war. Nicht, dass sie sie durch eigene Schuld verloren hatte.
Ein Stechen schoss durch ihren Kopf und das Rauschen ihres Blutes ließ sie kaum einen klaren Gedanken fassen. Sie verfluchte sich dafür, hergekommen zu sein. Vielleicht hatte es doch seinen guten Grund gehabt, dass sie sich so lange dagegen gesträubt hatte. Vielleicht wäre das Amulett dann einfach verschwunden geblieben. Wie war es überhaupt möglich, dass es hier auf der Wiese lag? Die Polizei hatte alles gründlich durchkämmt. Sie konnten es doch nicht übersehen haben, unmöglich! Und doch lag das zerbrochene Artefakt vor ihr, und trotz der schwarzen Farbe war Sonja sich sicher – es konnte nur das Greifenamulett sein.
Ganz langsam begann ihr Kopf wieder zu arbeiten. Es gelang ihr, die Kontrolle über ihren Körper zurückzuerlangen. Benommen rappelte sie sich auf, blickte sich um. Nach allen Seiten erstreckte sich die Wiese, umrahmt von Bäumen. Weit und breit war niemand zu sehen, nicht einmal irgendwelche Vögel. Sie setzte sich in Bewegung, verharrte aber direkt neben dem Anhänger noch einmal. Nein, sie hätte definitiv nicht herkommen sollen. Sie hatte hier nichts zu suchen.
Und das Amulett auch nicht.
Zitternd beugte sie sich vor und griff nach dem Anhänger. Dabei achtete sie darauf, die beiden Hälften nicht endgültig auseinanderzubrechen. Kühl lag das zerstörte Artefakt in ihrer Hand. Wie hatte es so viel Macht besitzen können?
Sonja schüttelte den Kopf. Nein, das war jetzt nicht wichtig. Aber die wahre Geschichte um Charly und die Greife hatte die Polizei nie erfahren, auch nach den Geschehnissen hier auf der Wiese nicht. Und etwas sagte ihr, dass das auch so bleiben musste, auch wenn das Portal zwischen den Welten sich geschlossen hatte.
Mit einem letzten Schaudern schloss sie die Finger um ihren Fund und machte sich auf den Weg nach Hause.
Kurze Zeit später saß Sonja daheim auf ihrem Bett. Das Amulett hatte sie auf einem Notizbuch auf dem Schreibtisch abgelegt, wo sie es gut betrachten, aber dennoch Abstand wahren konnte. Das Artefakt war ihr nicht geheuer; sie war den ganzen Heimweg über versucht gewesen, es einfach fallenzulassen, irgendwo im Gestrüpp oder über einem Regenabfluss im Rinnstein. Doch sie hatte tapfer ausgehalten, die Finger fest um den kühlen Anhänger gekrampft und ihn vor den Blicken anderer Passanten verborgen. Nun jedoch war es genug, sie wollte das Artefakt nicht mehr in ihrer direkten Nähe haben – eigentlich überhaupt nicht in ihrer Nähe, wenn sie denn eine Wahl gehabt hätte.
Reglos starrte sie zum Schreibtisch hinüber. Ihre Gedanken drehten sich wild im Kreis. Wie nur hatte das Amulett den Blicken der Polizei und Spurensicherung entgehen können? Wieso hatte es sich schwarz verfärbt? Und warum hatte ausgerechnet sie den Anhänger nun finden müssen? Sie hatte keine Ahnung, was sie damit tun sollte.
Vielleicht sollte sie doch zur Polizei gehen. Würden sie ihr glauben, wenn sie sagte, dass sie es gefunden hatte, aber nichts weiter wusste? Im Prinzip war das ja keine Lüge.
Aber sie wusste von den Greifen, und sie hatte vor Monaten schon von ihnen gewusst. Sollten die Befragungen also von Neuem anfangen, würde sie sich womöglich ungewollt verplappern und etwas von Charlys Geheimnis preisgeben. Und damit würde sie sich selbst nur in Schwierigkeiten bringen, ganz gleich, ob man ihr glaubte oder sie für übergeschnappt erklärte wie Marc seinerzeit. Davon einmal ganz abgesehen, dass die Anwesenheit von Polizisten sie seit der Begegnung mit Kommissar Beldmann in Unwohlsein versetzte.
Nein, sie würde den Anhänger nicht zur Wache bringen. Das Risiko würde sie nicht eingehen.
Seufzend lehnte Sonja sich auf dem Bett zurück, bis sie die Wand im Rücken spürte. Einen Moment später wurde ihr bewusst, dass sie offenbar schon eine Weile eine Strähne ihrer langen, braunen Haare zwischen den Fingern drehte, und sie entwirrte sie rasch wieder. Früher hatte Charly ihr häufig gesagt, dass es ein Tick von ihr wäre, an ihren Haaren zu spielen oder sie einzuflechten, wenn sie über etwas nachdachte. Heute machte sie niemand mehr darauf aufmerksam.
›Was hilft es denn, in der Vergangenheit zu versinken?‹, wies sie sich in Gedanken selbst zurecht. ›Denk gefälligst nach. Wohin mit dem vermaledeiten Anhänger?‹
Sie wusste, dass es sinnlos war. Ihre Gedanken waren gerade zu wirr, um nach einer Lösung suchen zu können. Aber verschieben konnte sie das Ganze auch nicht. Das Amulett lag vor ihr, jetzt, in diesem Moment! Sie konnte nicht einfach ein paar Nächte darüber schlafen und hoffen, dass das Problem sich von selbst lösen würde. Oder sollte sie vielleicht doch genau das tun und den Anhänger solange verstecken?
Als habe dieser Gedanke es heraufbeschworen, wurde sie sich erst in diesem Moment der Geräusche außerhalb ihres Zimmers bewusst. Das Knarren der Stufen war schon sehr nah. »Sonja?«, erklang prompt die Stimme ihrer Mutter. »Ich habe frisch gebügelte Wäsche für dich.«
Der Schreck fuhr Sonja in die Glieder. Ihre Mutter war schon beinahe im oberen Stockwerk angekommen, und dann waren es nur noch wenige Schritte zu ihrer Tür! »Ähm, danke«, rief sie stotternd durch die geschlossene Tür. »Stell sie einfach auf den Flur, ich hole sie dann gleich!« Sie lehnte sich zur Bettkante vor und blickte sich hektisch um. Sie musste das Amulett verstecken, sofort! Aber wo?
»Ach Unsinn, wieso denn? Mäuschen, ist alles in Ordnung?«
Sie würde nicht warten. Natürlich würde sie das nicht. Mütter platzten immer in die Zimmer ihrer Kinder, wenn es gerade am wenigsten passte. Und niemals hatte es einen unpassenderen Moment gegeben als diesen.
Die Panik gewann wieder die Oberhand über Sonja. Ohne weiter darüber nachzudenken, drückte sie sich vom Bett ab und machte einen Sprung auf den Schreibtisch zu. Sie musste das Amulett verbergen, um jeden Preis! Im selben Moment stolperte sie über den Fuß ihres Schreibtischstuhls.
Sie hatte keine Chance mehr, ihr Gleichgewicht wiederzuerlangen. Im Fall streckte sie die Hand aus und packte das düstere Artefakt. All ihre Gedanken waren darauf ausgerichtet, dass ihre Mutter es nicht zu Gesicht bekommen durfte. Es gehörte zu Charly. Zu Charly!
Dann presste sie die Augen zusammen und prallte auf dem Boden auf.
»Jetzt komm schon!« Übermütig jagte Charly vorwärts. Freude pulsierte in ihren Adern und verstärkte ihren Flügelschlag. Lachend schoss sie hoch über dem Boden dahin.
»Das sagst du so leicht!«, rief Lero ihr nach, während er ihr in einigem Abstand folgte. »Wenn man dich fliegen sieht, könnte man meinen, du wärst als Felide geboren.« Er seufzte theatralisch, gerade laut genug, dass Charly das Geräusch über den Flugwind hinweg noch hören könnte. Als sie jedoch zu ihm zurückschaute, funkelte in seinen Augen Stolz, gemischt mit einer Spur desselben Übermuts, den auch sie verspürte.
Sie entblößte die Zähne zu einem raubtierhaften Grinsen. Als sie den Kopf wieder nach vorn gewandt hatte, stieß sie einen lauten Jubelruf aus und ließ ihre Schwingen noch mehr Luft verdrängen. Mit kräftigen Schlägen gewann sie an Höhe und Geschwindigkeit. Fast glaubte sie, dass sie in den Wolken hätte verschwinden können, wenn sich über ihr nicht der strahlend blaue Himmel ausgebreitet hätte. Die Sonne schien ihr warm auf Fell und Gefieder und trug weiter zu ihrer ausgelassenen Stimmung bei.
Sie trieb sich an ihre Grenzen, stieg immer höher. Dann ließ sie ihre Schwingen mitten in der Bewegung erstarren, neigte sich wie in Zeitlupe in die Waagerechte und dann abwärts.
Vor ihr erstreckte sich der Horizont, und tief unter ihr war die Ebene in warmes Licht getaucht. Vereinzelt waren Bäume und Büsche zu erkennen, doch von hier oben sahen sie winzig aus, genau wie die kleine Gazellenherde, die in nördlicher Richtung davonpreschte. In diesem Moment, schwebend zwischen Himmel und Erde, fühlte Charly sich grenzenlos frei.
Ihre Schnauze neigte sich weiter nach unten. Sie zog die Schwingen eng an den Körper und spürte sofort, wie der Wind an ihrem Gefieder zu spielen begann, sachte zuerst, dann zunehmend stärker, bis er an ihr zerrte. Doch sie verspürte keinerlei Angst, während sie schneller und schneller dem Boden entgegenstürzte. Pure Freude pulsierte durch ihren Körper und ließ ihren Magen euphorische Hopser machen.
Ein grauer Schemen zog ihre Aufmerksamkeit auf sich. Lero, der unter ihr zurückgeblieben war, hatte sie beobachtet. Nun warf er sich mit einem letzten Schlag seiner Flügel vorwärts und legte diese dann ebenfalls an, als auch er sich dem Sturzflug hingab.
Schnell hatte Charly, die bereits eine viel höhere Geschwindigkeit erreicht hatte, ihn eingeholt. Nur wenige Meter trennten die beiden, als sie an ihm vorbeizog, dann breitete sie ihre Schwingen in einer fließenden Bewegung wieder aus. Sie wurde nicht merklich gebremst, weil sie noch immer abwärts geneigt war, wenn auch nicht mehr so steil wie zuvor. Dann fächerte sie auch die zwei Reihen Schwungfedern an ihrem Schwanz auf.
Dicht über ihr ertönte ein flappendes Geräusch. Das war ihr Signal. Sie neigte die rechte Schwingenspitze etwas tiefer und hielt die Flügel dann reglos ausgestreckt, versuchte die äußerste Spitze ihrer Schwinge um einen unsichtbaren Fixpunkt kreisen zu lassen. So beschrieb sie eine Spirale abwärts.
Neben ihr war wieder der graue Schemen erschienen. Auch Lero hatte seine deutlich kürzeren Gleitfedern und seine Schwingen ausgebreitet und ahmte ihre Bewegung nach. Charly justierte ihren Kurs nach, indem sie minimal mit dem Schwanz ruderte, bis sie sich genau auf der gegenüberliegenden Seite des Kreises befand, die sie beide beschrieben. Gemeinsam schraubten sie sich in die Tiefe, dem Erdboden entgegen, dabei kamen sie einander so nah, wie das bei diesem Manöver nur möglich war.
Charly wusste, dass sie Lero mit ihren Flugkünsten mittlerweile ausstach. Mit ihrem langen Schwanz und den schlanken Gleitfedern daran war sie deutlich wendiger als er mit seiner kürzeren Rute und den breiteren Federn. Dennoch war er ein gekonnter Flieger, und noch dazu waren sie bei dieser Figur aufeinander eingespielt: Während er sich ein wenig steiler in die endlose Kurve legte und möglichst gleichmäßige Kreise zog, war sie es, die näher an ihn heranmanövrierte, bis ihre Schwingenspitzen sich beinahe berührten.
Sie wusste genau, wann der Canide die Spiralbewegung abbrechen und seinen Sturz kurz vor dem Boden abfangen würde. Es war, als könne sie den Augenblick in ihrem eigenen Herzschlag spüren. In dem Moment, in dem er seine Flügel wieder kraftvoll abwärts schlug, legte sie ihre leicht an. Kaum war sie dadurch erneut an ihm vorbeigezogen, brachte auch sie sich mit wenigen Schwingenschlägen wieder in die Horizontale und gewann anschließend an Höhe.
Nun wieder im normalen Flug, manövrierte sie an seine Seite. Ihr Herz schlug schnell, aber nicht angestrengt. »Wir waren wieder etwas näher beieinander als beim letzten Mal!«, rief sie begeistert aus.
»Du hast doch Federn im Hirn, Flausch«, antwortete Lero neckend. »Wenn du noch näher an mich herangeflogen wärst, hätten sich unsere Schwingen verhakt!«
»Red nicht so einen Quatsch«, gab Charly schmunzelnd zurück und warf ihm einen liebevollen Blick zu. »Wir wissen doch, was wir tun.«
»Bei dir bin ich mir da manchmal nicht so sicher«, konterte der Canide, auch wenn sein Brummen nicht über die Wärme in seiner Stimme hinwegtäuschen konnte.
Charly blieb keine Zeit, die Antwort gänzlich zu erfassen. Ohne Vorwarnung veränderte sich etwas an der Luft um sie herum. Es fühlte sich an, als würde Charlys Herzschlag für den Bruchteil einer Sekunde ersterben. Eine Druckwelle jagte über das Land, presste ihr das Gefieder eng an den Körper. Voller Schrecken spannte sie die Schwingen auf und drehte sie ein, sodass sie eine Vollbremsung mitten in der Luft hinlegte. Nur mithilfe der Gleitfedern an ihrem Schwanz schaffte sie es, bei diesem Manöver das Gleichgewicht zu halten und anschließend, sobald sie wieder mit den Flügeln zu schlagen begann, beinahe auf der Stelle zu fliegen.
Lero hatte nicht so schnell reagieren können wie sie. Als er ebenfalls abbremste und sich mit einem Ruck herumwarf, war bereits alles wieder vorbei. Sein Blick heftete sich auf sie, als er das Stück zurückflog, um das er sie unfreiwillig abgehängt hatte. »Charly?«, rief er alarmiert. »Flausch, was ist los?«
Sie spürte, dass ihre Pupillen sich geweitet hatten. »Hast du es nicht gespürt?«, fragte sie, während sie mit den Ohren spielte und sich verständnislos umblickte.
»Was soll ich gespürt haben?« Verwirrung zeichnete sich im Blick ihres Gefährten ab. »Das Luftloch?«
»Kein Luftloch«, murmelte sie mit bebender Stimme und schüttelte den Kopf, während sie ihre Gedanken zu sortieren versuchte. »Es war wie eine Druckwelle«, erklärte sie etwas lauter. »Als würde sie direkt durch mich hindurchgehen. Das musst du doch gemerkt haben!«
Lero blickte sie zweifelnd an. Dann wurde sein Blick leer, als er einige Sekunden lang die Schwingen ausstreckte und sich offensichtlich auf die Umgebung konzentrierte. »Flausch, da ist nichts«, versuchte er sie schließlich zu beruhigen. »Sonst würden wir jetzt noch etwas davon erfassen können. Mach dir keine Sorgen, es ist alles gut.«
Doch Charly war nicht überzeugt. Im Gegensatz zu ihrem Gefährten war sie sicher, mit ihren Schnurrhaaren noch leichte Schwingungen als Nachhall auf das gerade Erlebte zu registrieren. Ihre Haut prickelte unangenehm. »Können wir trotzdem etwas schneller fliegen?«, bat sie, getrieben von einer inneren, nicht ganz greifbaren Unruhe.
Sonja ächzte, als Schmerz in ihrer Schulter aufflammte. Dennoch hielt sie nicht inne. Ihr Körper handelte wie von allein. Direkt nach dem Aufprall auf dem Boden zog sie den linken Arm eng an den Körper und verbarg so ihre Hand mit dem Amulett, damit ihre Mutter es nicht sah, wenn sie hereinkam.
Erst danach erlaubte sie es sich, einen Fluch durch die zusammengebissenen Zähne auszustoßen, während sie ihren Oberkörper in die Höhe stemmte. »Boah, shit! Entschuldige, Mama, ich bin gestolpert und –«
Schlagartig verstummte sie. Sie hatte die Augen geöffnet, um hastig nach einem Versteck für den Anhänger Ausschau zu halten – doch ihr Zimmer war nicht mehr da. Unter ihren Händen wuchs Gras; etwa armlange, spröde Halme, die sich in alle Richtungen bis zum Horizont erstreckten. Über ihr spannte sich ein blauer Himmel auf, der nur am Horizont von einigen Wolkenbänken getrübt wurde.
Sonja blinzelte mehrmals, dann stand sie auf und rieb sich die Augen. Nein, die Landschaft verschwand nicht, stattdessen zerzauste ihr eine aufkommende Brise die Haare. Hilflos drehte sie sich einmal um sich selbst. Wo war sie hier, und wie war sie hierhergekommen? »Das kann doch nicht …«, stammelte sie, obwohl da niemand war, der sie hören konnte, um ihr eine Antwort zu geben. »Ich meine, das ist doch nicht …«
Ihre Stimme verebbte, als sich ein erschreckender Gedanke in ihrem Kopf formte. Ganz langsam hob sie die linke Hand und öffnete sie. Das gespaltene Amulett lag darin, rußschwarz wie zuvor. Doch es war nicht mehr kalt, sondern strahlte Hitze aus, so wie der Stecker ihres Handy-Ladekabels manchmal.
Mit jedem Atemzug schien sich Sonjas Luftröhre weiter zuzuschnüren. Ihre Gedanken begannen wieder zu rasen. Was hatte Charly ihr damals erzählt, als sie für kurze Zeit wieder aufgetaucht war? Sie war von ihrem vermeintlichen Schwarm Marc verfolgt worden, und als sie von einer Plattform in die Tiefe gestürzt war, war sie absolut panisch gewesen. Und als sie das nächste Mal die Augen aufgeschlagen hatte, war sie in der Greifenwelt gewesen.
»Nein, nein«, wimmerte Sonja mit dünner Stimme. Das konnte nicht passiert sein. Das Amulett war doch zerstört, es konnte keine Energie mehr haben oder Portale öffnen. Oder doch? Wieso war es überhaupt in ihrer Welt gewesen, wo Charly es doch um den Hals hängen gehabt hatte, als sie in die andere Welt zurückgekehrt war? Und wieso war es nun schwarz?
Das war ihr alles zu viel. Die gesamte Situation wuchs ihr über den Kopf! Ihr Herz schlug einen schnellen, unsteten Rhythmus, während Panik mit kalten Klauen nach ihr griff. Sie konnte nicht hierbleiben!
Aufgelöst drehte sie sich noch einmal im Kreis, dann ein drittes und viertes Mal, als würde sich alles als böser Traum entpuppen, wenn sie es nur oft genug versuchte. Als sich nichts veränderte, rannte sie los. Sie wusste nicht, in welche Richtung sie lief oder was sie dort erwartete, aber die Panik machte sie ruhelos. Sie musste sich bewegen, ihre Anspannung in irgendwelche anderen Bahnen lenken.
Zum Glück war sie daheim zu abgelenkt gewesen, ihre Schuhe auszuziehen. So trug sie immer noch die Schnürschuhe, die sie auch zum Joggen anzog. Sie schienen ihr zusätzliche Kräfte zu verleihen, während sie kopflos durch die fremde Gegend rannte.
Irgendwann, als sie zu keuchen begann, hielt sie an, stützte die Arme auf die Oberschenkel und verschnaufte kurz. Sie war Langstreckenläuferin aus Leidenschaft, doch normalerweise rannte sie bei weitem nicht so schnell. Außerdem fühlte ihre Kehle sich noch immer wie zugeschnürt an, und das machte das Atmen nicht einfacher. So gestattete sie sich einen Moment, um wieder zu Atem zu kommen, und sah sich noch einmal um, auch wenn sie wusste, dass es keinen Sinn haben würde. Sie wollte es nur nicht akzeptieren. Es konnte einfach nicht wirklich passiert sein!
Ihr Blick streifte einige Sträucher, einen einzelnen Baum … und dann eine Gestalt. Sonja erstarrte. Dort, vielleicht fünfzig oder sechzig Meter entfernt, stand ein Wesen und starrte sie an. Es war groß, hatte vier Beine und … Flügel. Kein Zweifel, es sah so aus wie die drei Raubtiere, die Charly vor Monaten mit durch das Portal gebracht hatte. Das, was sie da vor sich sah, war ein Greif – und er schenkte ihr seine ungeteilte Aufmerksamkeit.
Ganz langsam ging Sonja halb in die Hocke und zog die Arme vor die Brust. Bloß nicht bedrohlich aussehen. ›Und am besten auch nicht wie die nächste Beute‹, dachte sie beklommen. Wie in Zeitlupe machte sie einen Schritt rückwärts, dann noch einen. Bis jetzt hatte der Greif sich nicht gerührt. Sollte sie eine Chance haben?
Drei Schritte schaffte sie noch, dann kam plötzlich Leben in ihren Beobachter. Er machte einen Schritt vorwärts, wie sie zuvor einen zurück gemacht hatte, dann verfiel er in einen Trott.
Sonja wäre vor Schreck beinahe hintenübergekippt. ›Verdammt, verdammt, verdammt!‹, fluchte sie innerlich, dann tat sie genau das, was man im Angesicht eines Raubtiers eigentlich nicht tun sollte: Sie ließ sich von ihrer Panik überwältigen, wirbelte herum und rannte los. Vergessen waren die Seitenstiche. Jetzt zählte nur noch, ihren Verfolger abzuhängen. Irgendwie! Sie wusste, dass sie nicht wirklich eine Chance hatte, dennoch spornte sie sich weiter an.
Gerade, als sie einen flüchtigen Blick nach hinten warf, geriet sie ins Straucheln. Ihr linker Fuß trat in ein Loch, und ihr Schwung war zu groß, um zu reagieren. Ein Schrei entrang sich ihr, als Schmerz durch ihren linken Knöchel zuckte und sie stürzte. Voller Entsetzen kauerte sie sich zusammen, während sie darauf wartete, dass der Greif sie erreichen würde.
Es dauerte nicht lang, dann hörte sie ihn näherkommen. Ein Wimmern entrang sich ihrer Kehle, während sie versuchte, wenigstens das Schluchzen niederzukämpfen. »Geh weg«, presste sie hervor, auch wenn sie nicht einmal wusste, ob der Greif ihre Sprache verstehen würde. Immerhin war das Amulett zerstört, und nur seine Macht hatte es ihr einst ermöglicht, die drei Greife in ihrer Welt zu verstehen und mit ihnen zu sprechen.
Stille folgte auf ihre Worte. Sonja erwartete, jeden Moment Krallen oder Zähne zu spüren, die sich in ihren Körper bohrten, doch nichts geschah. Als sie es nicht mehr aushielt, riskierte sie einen Blick.
Direkt über sich erblickte sie einen Kopf, der aussah wie der eines Wolfs oder zottigen Hundes. Feine, silbrig-graue Federn bedeckten die lange Schnauze. Dunkelbraune Augen waren auf Sonja gerichtet, doch der Greif rührte sich nicht.
»Friss mich nicht«, versuchte sie es piepsig noch einmal.
Ihr Gegenüber legte den Kopf schief, dann streckte er die Schnauze ein Stück weiter vor und begann zu schnüffeln. Sonja barg entsetzt den Kopf unter den Armen.
»Was hast du da gerade gesagt?«
Die Stimme klang rau, aber nicht unfreundlich. Sonja hörte vor Verwunderung kurz auf zu zittern, dann hob sie vorsichtig die Arme, um wieder etwas sehen zu können. Der Greif hatte sich ein Stück zurückgezogen, doch er betrachtete sie noch immer. Dann öffnete er das Maul, und tatsächlich war er es, dem die Stimme gehörte.
»Du sprichst meine Sprache, woher?«
Sonja schluckte, ehe sie sich vorsichtig aufsetzte. »Du … verstehst mich also?«, fragte sie mit dünner Stimme. »Du wirst mich nicht …« Das letzte Wort blieb ihr im Halse stecken. Sie unterdrückte ein neuerliches Wimmern.
»Ganz ruhig«, hörte sie den Greifen sagen. »Wieso sollte ich mich mit dir unterhalten, wenn ich dich fressen wollte?« Er ließ sich langsam auf sein Hinterteil sinken. Auch seine angelegten Schwingen senkte er dabei ein Stück. Abwartend hielt er den Blick auf sie gerichtet. »Ist es so besser?«, fragte er nach einem Moment.
Sonja glaubte, leicht zu nicken, doch zugleich begann sie wieder am ganzen Körper zu zittern. Auch der Wind hatte aufgefrischt und fuhr ihr kühl über die nackten Arme.
»Na also«, fuhr ihr Gegenüber mit dem Wolfskopf fort. Er sprach langsam, als würde er seine Worte behutsam wählen. »Mein Name ist Derion. Du bist ein Menschenmädchen, nicht wahr?«
»Woher weißt du das?«, brachte Sonja hervor.
Der Gefragte schnaubte und schien amüsiert. »Kleiner Mensch, auch wir haben hier unsere Geschichten. Und ich habe einiges über euresgleichen gehört. Aber irgendwie musst du hierhergekommen sein, und es ist dir möglich, mich zu verstehen, genau wie ich auch dich verstehen kann. Und das ist etwas, das nicht möglich sein sollte.«
»Ich …«, stammelte Sonja. Noch immer schüchterte die Anwesenheit des riesigen Raubtiers sie ein. »Ich weiß nicht, was passiert ist. Ich war zu Hause, und dann plötzlich … Ich glaube, dass ich hier gelandet bin, weil … Ich meine … Ich habe an eine Freundin gedacht.«
Der Greif zuckte mit den Ohren. »Und wieso sollte dich das nach Aréa gebracht haben? Es lässt sich kein Durchgang mehr zwischen den Welten öffnen.«
»Also …« Sonja schluckte. Wie sehr wünschte sie sich, dass das alles nur ein böser Traum wäre! »Ich hatte Angst, und dann habe ich an Charly gedacht und –«
»Charly?« Auf einmal wirkte der Greif wie unter Strom gesetzt. »Du kennst Charly?«
Sonja zog den Kopf zwischen die Schultern. »Sie war meine Freundin, ehe sie …« Ihr Satz verebbte unvollendet. Sie vermochte nicht einzuschätzen, ob die Nennung des Namens nun gut oder schlecht gewesen war.
Derion lehnte sich ein Stück näher. »Wie heißt du, Menschenmädchen? Ich sehe deine Furcht, aber du hast nicht gefragt, wer ich bin. Oder was ich bin, obwohl du keine Greife kennen dürftest.«
»Ich … ich habe die anderen gesehen«, gestand sie erstickt. Als sie sah, dass ihrem Gegenüber diese Antwort nicht ausreichte, setzte sie hinzu: »Ich bin … Sonja.«
»Also wirklich«, murmelte der Greif und richtete den Blick kurz zu Boden, dann sah er ihr wieder in die Augen. »Du bist diejenige, die Lero und den anderen geholfen hat, als sie in der Menschenwelt waren, nicht wahr? Charly hat von dir erzählt.«
»Du kennst Charly?« Nun war es Sonja, der die Frage über die Lippen schlüpfte, ehe sie weiter darüber nachdenken konnte. Sie zuckte vor ihrer eigenen Stimme zurück, doch Derion nickte.
»Ja, ich kenne sie. Ich war damals nach Lero der Erste, der sie getroffen hat. Er hat sie zu mir gebracht. Aber ich frage mich immer noch, wie du nach Aréa gelangen konntest. Es gibt keinen Weg mehr, zwischen den Welten zu wechseln. Du weißt von dem Amulett und dass es zerstört wurde, nicht wahr? Also, wie bist du hierhergekommen?«
»Ich war dabei«, bestätigte Sonja angespannt. »Aber …« Sie biss sich auf die Lippe, während sie zittrig die linke Hand ausstreckte und das Amulett offenbarte.
Der Greif sprang auf, als habe ihn etwas gebissen. Sein Gefieder sträubte sich und ließ ihn schlagartig noch größer wirken. »Unmöglich!«, bellte er rau. »Das kann nicht sein!«
Sonja erschrak so sehr, dass sie den Anhänger fallen ließ. Hektisch begann sie rückwärts zu kriechen, ein neuerliches Wimmern auf den Lippen.
Derion schüttelte heftig den Kopf und kam ihr nach, hielt jedoch nach wenigen Schritten inne. »Nein, Sonja, es tut mir leid! Ich wollte dich nicht erschrecken, es war nur …« Er schnaufte, und Sonja hielt mit angstvoll pochendem Herzen inne. »Ich wusste, dass Zyrion zerstört wurde. Damit war es für unsere Welt verloren, ebenso wie es nicht mehr möglich war, überhaupt zwischen den Welten zu wechseln. Und nun bist du auf einmal hier, hast das zerstörte Amulett dabei, und noch dazu ist es pechschwarz geworden. Was ist damit passiert?«
»Ich weiß es nicht!«, beteuerte Sonja, während ihr erste Tränen über die Wangen liefen. Zyrion. Jetzt erinnerte sie sich wieder an den Namen. »Ich habe es schon so gefunden, wirklich! Ich habe es nur mitgenommen, damit es niemand entdeckt. Und als Mama dann in mein Zimmer kommen wollte, habe ich es gegriffen und war plötzlich …« Ihre Stimme verebbte, da sie nicht weiterwusste und ihr außerdem bewusst wurde, dass sie zum ersten Mal direkt und ohne zu stottern geantwortet hatte. Sie blickte den Greifen mit rasendem Herzen an, doch der nickte ihr nur leicht zu.
»In Ordnung«, sagte er und schien seine Emotionen bewusst zu zügeln. »Noch einmal, es tut mir leid, dich erschreckt zu haben. Das lag nicht in meiner Absicht. Aber ich muss herausfinden, wie das möglich ist. Außerdem kannst du nicht hier in der Ebene bleiben.« Er senkte die Schnauze und beschnüffelte das Amulett vorsichtig, ehe er Sonja wieder ansah. »Ich denke, es ist das Beste, wenn du erst einmal mit mir kommst. Die Nacht der Magiefülle ist vorbei, also müsste Charly bald zur Sonnenebene zurückkehren. Und mit etwas Glück werden Lero und sie dann zu meiner Höhle kommen und mir einen Besuch abstatten. Dort kannst du mir auch ganz genau erzählen, was passiert ist. In Ordnung?«
Sonja starrte ihn an. Ihr Herz pochte heftig, doch in ihrem Kopf fanden sich keine Worte.
»Ein Sturm zieht auf«, fügte Derion hinzu. »Du solltest nicht mehr hier draußen sein, wenn er losbricht. Bei mir ist es trocken. Ich schwöre dir feierlich, dass ich dir nichts zu tun gedenke. Ich werde dafür sorgen, dass du zu Charly kommst.«
Der Name ihrer einstigen Mitschülerin löste ein neuerliches Flattern in Sonjas Brust aus, doch diesmal war es anders – ein wenig hoffnungsvoll. Ohne Charly wäre sie zwar schon damals nicht mit dieser anderen Welt in Berührung gekommen, aber Charly war es auch gewesen, die letztendlich wieder ein Tor zwischen den Welten geöffnet und alles zurück zur Normalität gebracht hatte. Zumindest fast alles.
Langsam beugte sie sich vor. Als der Greif geradezu respektvoll einen Schritt rückwärts machte, krabbelte sie ungelenk zurück zu ihrer Ausgangsposition und schloss die Finger erneut um das Amulett. Das Schmuckstück war ihr Weg zurück nach Hause; es musste einfach so sein! Schwankend rappelte sie sich auf und blickte ihren unfreiwilligen Verbündeten dann unsicher an. Derion bedachte sie mit so etwas wie einem aufmunternden Blick, dann wandte er sich um und lief los.
Sonjas Knöchel schmerzte so stark, dass sie hätte schreien mögen, doch sie riss sich zusammen. Mit unsicheren Schritten folgte sie dem Greifen, tiefer hinein in die fremde Welt.
Eine halbe Stunde ging ins Land, dann eine Dreiviertelstunde. Zumindest schätzte Sonja das. Zu Beginn ihres Marsches hatte sie sich ein wenig beruhigt, als Derion sie nicht attackiert, sondern im Gegenteil immer wieder mit aufbauenden Kommentaren bedacht hatte. Sie hatte noch immer Angst vor ihm, doch ihr Herz raste nicht mehr ganz so schnell.
Dafür flackerte ihre Sicht jetzt immer stärker. Das Amulett hatte sie vorsichtig in eine Tasche ihrer Shorts gesteckt, weil sie nicht mehr sicher war, ob sie es nicht unbeabsichtigt fallen lassen würde. Bei jedem Schritt jagte Schmerz durch ihren Fuß, und ihr verletzter Knöchel vermochte ihr Gewicht kaum noch zu tragen. So kamen sie nur langsam voran.
Derion, der bislang vorausgelaufen war, ließ sich zu ihr zurückfallen. Sie hatte keine Kraft mehr, um vor ihm zurückzuweichen, außerdem erfolgten ihre Reaktionen nur noch verzögert. So ließ sie es geschehen, als er sich bemühte, seine Schritte ihren anzupassen. »Nicht aufgeben«, ermutigte er sie, doch aus seiner Stimme klang Mitgefühl. »Wir haben schon einen Großteil der Strecke geschafft. Brauchst du Hilfe?«
»Geht … noch«, nuschelte sie, sobald die Frage in ihr Gehirn durchgesickert war. Ihre Zunge fühlte sich schwer und taub an, doch sie setzte weiter einen Fuß vor den anderen.
»Sag Bescheid, wenn du deine Meinung –«, hob der Greif an, verstummte dann aber und reckte den Kopf in die Höhe. »Halt!«, zischte er und stellte sich vor sie, sodass sie beinahe in ihn hineingelaufen wäre. Er klang schlagartig wachsam und hatte seine Muskeln angespannt. »Da kommen andere Greife.«
Sonjas Kopf vermochte seine Worte erst nicht zu verarbeiten. Verwirrt blickte sie sich um und versuchte die Schatten aus ihrem Sichtfeld zu vertreiben. »Was?«, fragte sie schwach nach. »Ich sehe keine –«
»Schhht!«, ermahnte Derion sie, dann nickte er mit der Schnauze gen Himmel. »Dort.«
Jetzt erspähte auch sie die beiden Schemen in der Ferne. Vor dem Hintergrund der mittlerweile aufgezogenen Wolkentürme waren sie gut zu erkennen – zwei Greife, die sich mit schnellen Flügelschlägen näherten.
Der Wolfsgreif drängte sich unterdessen näher an sie heran und öffnete eine seiner Schwingen über ihr. »Es wäre besser für uns, wenn sie dich nicht sehen, aber ich fürchte, das wird sich nicht vermeiden lassen. Wir sollten es dennoch so lange wie möglich hinauszögern. Wer weiß, wie sie reagieren. Also, bleib dicht bei mir!« Er setzte sich wieder in Bewegung, den Blick wachsam in den Himmel gerichtet.
Sonja versuchte ihm zu folgen, doch sie war am Ende ihrer Kräfte angelangt. Und nun, verborgen unter seiner Schwinge, musste sie auch noch leicht geduckt laufen. Das genügte, um ihren Gleichgewichtssinn endgültig zu überfordern. Sie strauchelte einmal, zweimal, dann knickten ihre Beine unter ihr weg. Der Schmerz in ihrem Knöchel erreichte ein neues Level und sie konnte einen Aufschrei nicht unterdrücken. Wimmernd schloss sie die Hände um das verletzte Gelenk.
