Das Wiedersehen - Franziska König - E-Book

Das Wiedersehen E-Book

Franziska König

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Beschreibung

Realdoku in Tagebuchform. Der Leser ist dazu eingeladen, eine Geigerin zwei Monate lang auf ihrem Lebenswege zu begleiten, und an den Schicksals-verknüpfungen und Dramen zu partizipieren, die den Herbst 2002 zu einem Wimmelbild, einem Lied oder gar einer Symphonie machen. Das Leben selber diktiert die Handlung.

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Für meine liebe Freundin Ulla

Franziska (Kika) mit ihrer Violine – fotografiert von ihrer lieben Freundin Ute Bott aus Rottweil.

„Wenn ich dereinst verstorben bin, so schweigt auch meine Violine!“ sagt sie.

Und drum bringt Franziska alle vier Wochen ein schlankes bis vollschlankes Taschenbuch heraus.

Erzählt werden Geschichten aus ihrem Leben, die von erhöhtem Interesse sein dürften.

Jeden vierten Dienstag um 18.05 wird das fertige Manuskript in die Umlaufbahn entsandt.

Die meisten Vorkömmlinge finden sich im Personenverzeichnis

Hier die engste Familie vorweg:

Oma Ella, (*1913) Omi väterlicherseits in Hessen

Buz (Wolfram), mein Papa (*1938) Professor für

Violine an der Musikhochschule in Trossingen

Rehlein (Erika), meine Mutter (*1939)

Ming (Iwan), mein Bruder (*1964)

Ein Buch ohne Vorwort. Sie können gleich anfangen zu lesen…

Inhaltsverzeichnis

Oktober 2002

Dienstag, 1. Oktober

Mittwoch, 2. Oktober

Donnerstag, 3. Oktober

Freitag, 4. Oktober

Samstag, 5. Oktober

Sonntag, 6. Oktober

Montag, 7. Oktober

Dienstag, 8. Oktober

Mittwoch, 9. Oktober

Donnerstag, 10. Oktober

Freitag, 11. Oktober

Samstag, 12. Oktober

Sonntag, 13. Oktober

Montag, 14. Oktober

Dienstag, 15. Oktober

Mittwoch, 16. Oktober

Donnerstag, 17. Oktober

Freitag, 18. Oktober

Samstag, 19. Oktober

Sonntag, 20. Oktober

Montag, 21. Oktober

Dienstag, 22. Oktober

Mittwoch, 23. Oktober

Donnerstag, 24. Oktober

Freitag, 25. Oktober

Samstag, 26. Oktober

Sonntag, 27. Oktober

Montag, 28. Oktober

Dienstag, 29. Oktober

Mittwoch, 30. Oktober

Donnerstag, 31. Oktober

November 2002

Freitag, 1. November

Samstag, 2. November

Sonntag, 3. November

Montag, 4. November

Dienstag, 5. November

Mittwoch, 6. November

Donnerstag, 7. November

Freitag, 8. November

Samstag, 9. November

Sonntag, 10. November

Nachtrag 2021:

Montag, 11. November

Dienstag, 12. November

Mittwoch, 13. November

Donnerstag, 14. November

Samstag, 16. November

Sonntag, 17. November

Montag, 18. November

Dienstag, 19. November

Dienstag, 20. November

Donnerstag, 21. November

Freitag, 22. November

Samstag, 23. November

Sonntag, 24. November

Montag, 25. November

Dienstag, 26. November

Mittwoch, 27. November

Donnerstag 28. November

Freitag, 29. November

Samstag, 30. November

Oktober 2002

Dienstag, 1. Oktober

Aurich

Zunächst zart-sonnig. Beinah hätte ich am Nachmittag ein Friedhofspicknick abgehalten, doch dann zogen weiße Wolkenschleier auf

Als ich das Fahrrad aus unserem Grundstück in den nachsichtig lächelnden Morgen hinausschob, dachte ich über Frau Priwitz´s Tochter Bärbel nach, die zum 91. Geburtstag ihrer Mutter aus Bern herbeigereist, nun einige Tage in Ostfriesland verbringt. Eine Variante von Ingrid van Bergen.

„Wenn sie es denn mal nicht überhaupt ist?“ wurden in meinem Kopf bereits die Mutmaßungsschräubchen gelockert. „Hört man nicht immer wieder, daß einem nach einem Knastaufenthalt eine neue Identität überstülpt wird?“

Kaum war ich um die Ecke gebogen, da stand sie auch schon da.

Der Gedanke hatte Gestalt angenommen.

Sehr elegant herausgeputzt stand sie inmitten einer kleinen Gruppe erlebnishungriger Jungsenioren. Man wartete auf den Abholdienst und freute sich auf einen Urlaubstag am Meer.

Ich erzählte, daß unser Papa uns heute in eine ungewisse Zukunft Richtung Korea verlässt, und auch wenn Buz in 15 Tagen wiederkehren will, so schien´s mir nun, als hätten sich Äonen vor das Wiedersehen gestemmt.

„Gestern ist uns eine schwarze Katze über den Weg gelaufen“, berichtete ich, „doch wir hoffen, daß das zu erwartende Unheil mit dem unerwarteten Schnupfen, der den Papa gestern abend im Supermarkt jäh befallen hatte, abgegolten ist!“

Ich solle ihm eine Art "Wundertüte" mit Aufmerksamkeiten zusammenkaufen, regte die Bärbel an, und empfahl einen Kriminalroman von Henning Mankell für den langen Flug.

Beim Zuradeln sagte ich mir, daß es in der Tat sehr nett gewesen wäre, Buzen lauter Aufmerksamkeiten für die Reise zu kaufen, doch die Zeit kniff bereits.

Wenigstens kaufte ich ihm eine riesengroße Tafel köstlicher Nußschokolade. Jedes einzelne Stückchen solle er auf der Zunge zergehen lassen, und als Küßchen seiner Lieben umdeuten.

Das war alles, was ich noch für Buz tun konnte. Dann war ich allein.

Abends erfuhr man, daß der kleine Jakob aus Frankfurt tot ist, und nach den Nachrichten wurde eine Extra-Sendung zum Thema gebracht.

Man sah seine erschütterten Klassenkameraden und darunter las man die traurigen Worte:

"Zum Tode vom kleinen Jakob"

Jakobs Nachhilfelehrer, ein 27-jähriger Jura-Student habe ihn entführt und ermordet.

Ein junger Mann, der dringend viel Geld brauchte, um seine minderjährige Freundin halten zu können.

Ein 15-jähriges junges Fräulein aus der Schicki-Micki-Szene, das er sich mit vollmundigen Versprechungen gefügig gemacht hatte..

Mittwoch, 2. Oktober

Zuerst hellgrau und strenge. Am Nachmittag ein milchiges Waschküchenwetter

Ich erhob mich, und das schwer zu entwirrende Tagesgestaltungskonzept das mir vorschwebte saß mir erst einmal – ähnelnd einem Knäuel ungekämmter Haare auf einem Seniorinnenhaupt - ganz wirr im Kopf, denn alles was mir so in den Sinn trat, hatte einen müßiggängerischen Beigeschmack.

Ein Bestreben, das von meinem besseren „Ich“ gleich bekämpft wurde, so daß ich unverzüglich mit der Arbeit an meiner Violine begann.

Entzückend fand ich, daß Richter Guido Neumann in der 500. Folge seiner Sendung – verkleidet und mit einem falschen Bärtchen beklebt - vor sich selber als Zeuge aussagen mußte, und dabei schauspielerisch sehr gefordert wurde, da er einen gänzlich anderen Grundtypus darstellen mußte, den er als Richter dann selber anschnauzen durfte!

Er spielte einen alten "Schmeckefuchs" mit zwielichtem Charakter, den er unter einem aufgesetzten Zuckerguss zu verbergen trachtete.

Die Speichertreppe knarzte: Mit dem Waschzuber im Arm stieg ich in den Speicher hinauf und hängte die Wäsche auf.

Unter den Wäschestücken befand sich Buzens verzwirbelter Schlafanzug, und dadurch, daß Buz nun so weit weg ist und ich gar nichts mehr von ihm weiß, fühlte ich mich wie jemand, der ein noch ofenwarmes Wäschestück eines frisch Verstorbenen aufhängt.

Den kleinen Schneiderladen gegenüber von Illing betrete ich nur ungern, weil ich die tranige Russin in mittlerem Alter nicht so mag. Sagt man nett und volkstümlich: "Moin!", so schaut sie einen bloß so an, als wolle sie sagen: „Was quatscht dieser Mensch?“

Einmal lachte sie allerdings freudlos, weil sie meinen kleinen roten Rock nicht gleich gefunden hat.

Vom Garten aus sah ich meine neue Freundin Bärbel auf dem Balkon stehen.

Ich öffnete das Fenster, und wir erwogen einen baldigen Besuch bei ihr, obwohl, oder vielleicht auch gerade weil leider konstatiert werden muß, daß die alte Frau Priwitz selber nicht mehr besonders lebhaft ist? Mit 91 Jahren setzte jäh und unerwartet heftig „das Alter“ ein. Es griff mit gierigen Fingern nach der alten Dame und quetschte alle Frische heraus, bis kein Funke jugendlichen Elans mehr übrig war.

Die Bärbel nennt ihre Mutter immer "die Mutti", dieweil sie sehr natürlich und persönlich ist.

Sie entschwand kurz ins Haus um zu fragen, ob ich morgen zum Frühstück kommen dürfe, und die alte Frau Priwitz habe daraufhin nur gegenfragend gebrummt, warum sie überhaupt frage?

"Machst Du nicht ohnehin immer nur das was DU willst??"

Wahrscheinlich sind Mutter und Tochter im alltäglichen Zusammenleben nicht so ganz kompatibel, und ein Gast als Zwischenpuffer bei den quälenden gemeinsamen Mahlzeiten („..das hast Du von deinem Vater….“) wäre in diesem Falle womöglich ein echtes Geschenk?

Ich erfuhr, daß der Besuch an der Küste leider nicht so besonders war:

Die dreijährige Tochter ihrer Nichte bekam Ohrensausen und schrie zwei Stunden lang wie am Spieß, so daß der feinkultürlichen Bärbel bei der Erinnerung an dies´ grausige Geschrei noch jetzt schauderte!

Donnerstag, 3. Oktober

Hell und doch feucht bewölkt. Hie und da Sprenkelregen

Gestern hatte ich mich noch so auf den Besuch bei Frau Priwitz und ihrer Tochter Bärbel gefreut, doch am Morgen war die Freude einfach verpufft, ohne daß es eine vernünftige Erklärung für diese Verpuffung gäbe.

Ich hatte das Gefühl vielleicht nach Knoblauch zu müffeln, und doch begab ich mich nun mit meinem schönen schwarzroten Zweithandladenpulli leicht verschönt auf den Weg.

Die Bärbel stand bereits auf dem Balkon, da sich durch die unschöne Wellenlänge zwischen Mutter und Tochter in der Wohnung selber immer ein leichtes Engegefühl auszubreiten droht.

Kaum hatte ich die Priwitzsche Haustür erreicht, da summte auch bereits die Tür – so als könne man den spannungsabpuffernden Gast kaum erwarten.

In der Küche war der Tisch mit schönem bunten Geschirr so liebevoll gedeckt wie in einem Pfarrhaus an einem Sonntag.

Sogar ein Ei gab´s, und ich fühlte mich dankbar und froh.

Auch wenn ich leider sagen muß, daß ich fast alle Besuche der letzten eineinhalb Jahre bereut hab - dieser eine hat mich gefreut, denn ich schaffte es, eine ausgezeichnete Balance zwischen Höflichkeit und Unterhaltsamkeit zu schaffen.

Die Rede wurde bald schon auf die Untermieterin Frau Rautenberg geschwenkt, und ich rechnete eigentlich mit einem Schwall an verbinden Empörendem.

Doch Frau Priwitz, die sich in diesem irdischen Leben nicht mehr aufregen möchte, hält sich mit dererlei auf einmal äußerst bedeckt.

Ich erfuhr lediglich, daß Frau Rautenberg nie die Tür zu öffnen pflege. Selbst dann nicht, wenn der Paketbote schellt.

Man kennt es schon:

Frau Priwitz öffnet ihm zwar die Tür, sagt dann aber wohl:

"Ich unterschreibe grundsätzlich nichts!"

Ich hätte gerne eingeworfen, daß ich zu wissen glaube, warum Frau Rautenberg die Tür nicht öffnet:

Weil sie nämlich um elf Uhr vormittags noch immer im Negligée zu stecken pflegt!

Doch aus einem freundlichen Taktempfinden heraus verkniff ich mir das psychologisch-Brisante…

Hie und da schubste mich Frau Priwitz verbal mit Worten an, die sogar leicht an die Omi Mobbl erinnerten: Daß ich mehr essen müsse, und nicht so viel reden solle - und dabei entspannte mich die lose Plauderei mit der Bärbel doch so gut.

"Sie müssen jetzt mal ein schönes Brötchen mit Schinken essen!" sagte Frau Priwitz fast resolut, und die Bärbel erklärte, daß die Muddi immer allen vorschreibe, was zu tun sei.

"Was darf ich denn jetzt nehmen, Mutti?" frug sie mehr um mich zu belustigen und in den Zügen von Frau Priwitz las man eine leicht pikierte Anspannung.

Für einen kurzen Moment schien es gar, als wolle sie sich erheben um sich beleidigt zu entfernen, doch es war nur, um nach dem Kaffee zu schauen.

"Sie schreien, wenn die Tasse leer ist!" befahl sie freundlich und doch auch ein wenig schroff, auf Art einer pensionierten Geschichtslehrerin.

"Sie ist leer!" sagte ich in gespielter Bärsche.

Obwohl mir Kaffee doch eigentlich überhaupt nicht schmeckt, könnte ich mich stundenlang an einer Tasse festhalten.

Ich schaute auf die alte Frau Priwitz drauf und hatte das Gefühl, es sei eine Verwandte. Ich dachte mir einen Goldrahmen um ihren Kopf herum, und hängte sie mir im Geiste an die Wand im Wohnzimmer.

Bald erfuhr ich, daß Frau Priwitz´ Erstling Dieter, 66 Jahre alt, an einer beginnenden Demenz laboriert, und in einem Heim untergebracht wurde.

Von dort aus ruft er jeden Tag seine alte Mutter an, und auch die Bärbel plauderte jetzt mit ihrem Bruder.

"Ich hab das Gefühl, er hat mir gar nicht zugehört!" sagte sie hernach, und sah dabei süß aus – wie das Beätchen, wenn es etwas ganz besonders Lustiges und Geistreiches von sich gegeben hat, und mit einem entzückenden Gesichtsausdruck in der wohlverdienten Belustigung zu baden sucht.

Am Nachmittag übte ich nochmals zwei Stunden lang auf meiner Violine, und dadurch, daß ich es gar nicht mehr gewohnt bin, vier Stunden zu üben, bedankte sich meine Geigerei, und ich hatte das Gefühl, viel besser geworden zu sein.

Mittags kam ein Anruf, den ich allerdings nicht abhob, da meine innere Stringenz bereits auf die nächste sinnvolle Tätigkeit abzielte.

"Oettken, hallo?" hörte man die verwunderte Stimme unserer Nachbarin auf dem Anrufbeantworter:

Die dumpfen Worte fühlten sich an, als recke eine uralte Schildkröte mit einer kleinen Haube auf dem Kopf selbigen aus dem Panzer um sich verwundert umzusehen.

Dann legte Frau Oettken auf, obwohl sie nachbarinnengemäß sehr wohl wußte, daß ich daheim bin.

Wenn sie mich darauf anspräche, so müsste ich sagen:

"Ich hebe grundsätzlich niemals den Hörer ab. Ich habe keine Bekannten, erwarte auch keinen Anruf und will nur meinen Frieden!"

Doch es arbeitete in mir, und ich frug mich, was die alte Frau Oettken wohl gewollt hat.

Ob sie sich von meiner Geigerei zur Mittagsstund´ molestiert gefühlt hatte?

Einen Tag vor ihrem 55. Geburtstag rief ich Frau Kettler an.

"Ab 55 ist man für mich alt!" sagte ich, "deswegen wollte ich Dich an deinem letzten Tag anrufen, an dem du noch ein ganz kleines bißchen jung bist."

Frau Kettler war sehr nett und meinte beipflichtend, sie sollte den letzten Tag an dem sie noch ein ganz klein bißchen jung ist vielleicht besser genießen. Stattdessen sei sie aber nur nervös, weil morgen 40 Gäste kommen wollen, die sie allesamt nicht leiden kann!

Ihre Geschwister Magdalena und Ottokar kommen je nicht, und zu ihrem Bruder, der - sollte er noch leben - bereits auf die 80 zugeht, hat sie seit Jahrzehnten keinen Kontakt mehr.

Als sie geboren wurde war er längst aus dem Hause, und meldete sich allenfalls noch wenn er Geld brauchte, und heute weiß sie nicht einmal ob er noch lebt, und in welcher Stadt er in diesem Falle wohl beheimatet sei?

Inzwischen ließe sich dies alles über´s Internet herausfinden, erklärte ich weltgewandt - selbst wenn er nach Tschechien zurückgekehrt, oder vielleicht sogar nach Amerika ausgewandert sein sollte.

"Ich finde es heraus, fahre hin und verkaufe ihm einen Staubsauger!" schelmte ich.

"Ja, das tu mal!" sagte Frau Kettler, lachte erheitert, und der Gedanke, daß der alte Mann noch lebt, und man sich tatsächlich nochmals wiedersähe - ein Gedanke, der seit Jahrzehnten ungenutzt in einer Schublade lag - bekam von der einen auf die andere Sekunde plötzlich etwas Elektrisierendes….

Freitag, 4. Oktober

Aurich - Fischerhude - Cremlingen - Wolfenbüttel

Zuerst feuchttropfend. Dann sagenhaft. Am Nachmittag aber ganz grau, und als ich nach dem Konzert aus der Kirche trat, regnete es leicht

Gestern wurde ich noch von einer warmen Woge des Geliebtseins getragen, weil sich der Joachim, mein Gitarrist, wie ein Kind darauf freute, daß ich heute zum Frühstück kommen wollte.

Zu früher Morgenstunde stellte ich einen Beutel mit leicht Verderblichem für Bärbel und Frau Priwitz vor das Haus. Etwas, von dem Frau Rautenberg vielleicht hätte annehmen können, es sei eine Bombe.

("Man kann heutzutage gar nicht vorsichtig genug sein.")

Sogar ein nettes Brieflein an meine beiden neuen Freundinnen, die meinem Leben fast so etwas wie neuen Pepp verleihen, schrieb ich noch und war froh, daß ich zur Bärbel "Bärbel" sagen darf, denn wie hätte man die Anrede sonst formulieren sollen?

"Liebe Frauen Priwitze"! "Liebe Frau Priwitzs!" (?) oder wie???

Ich fuhr in einer trüben, sich nur widerwillig auflichtenden Dunkelheit los, doch nach einer Weile hatte sich das Wetter ganz erstaunlich gebessert: Gleissendes Gelbgold und faszinierende Farbspektren am Himmel, die durch die Sonnenbrille betrachtet noch atemberaubender ausschauten.

Fischerhude zur Frühstückszeit:

Oben wurde ich sehr warm von Mutti Inga willkommen geheißen. Vati Achim sei unterwegs…

Er brachte die Kleine in den Kindergarten und mit der plauderfreudigen Inga verstand ich mich einfach fantastisch.

Bald darauf kam Hausherr Achim zurück und war so warm.

Natürlich übertrieb er’s auch heute mit seinen Standartsätzen: "Ich versteh was du meinst!" - grölendes Gelächter - und "Mach dich nur lustig!"

Alles was ich so sage, verwandelt sich in seinen Ohren in Ironie – wenn auch eine feine Ironie, die es wert scheint, mit hoch erheiterndem Gelächter bedacht zu werden. Doch es ging mir nicht mehr auf die Nerven, weil ich mich hier so wohl fühlte.

Achim und Inga frugen mich, ob ich wohl lieber Butter oder lieber Margarine esse?

"Lieber Butter!" sagte ich.

"Wir auch!" lachten beide, und auch wenn es nur eine Kleinigkeit war, wirkte es so unerhört verbindend.

"Wir sind Genußmenschen - ohne den nötigen Weitblick!" dozierte ich und freute mich an der Erheiterung meiner neuen Gasteltern, "besser wäre natürlich, wir äßen Margarine."

Ich erfuhr, daß der Achim Rehlein am Telefon kennengelernt habe, wo ein so federleichter und scharmanter Wortabtausch stattgefunden habe.

Glück gehabt! Denn normalerweise klingt das hyperaktive Rehlein am Telefon gestresst und gehetzt.

Der Achim erzählte, wie er immer versucht, sich 40 Konzerte pro Jahr zu organisieren. Er schreibt 40 ganz persönliche, handschriftliche Briefe und bereitet 40 bunte, neugierig stimmen sollende Wundertüten vor. Die verschickt er alle, und 2-3 Tage später ruft er die Angeschriebenen an und ist immer ganz nett und voll ehrlichstem Scharm. (Ich schreibe „Scharm“ so, weil „Charme“ von deutschen Lippen gesprochen – bzw. deutschen Fingern getippt mich immer so an die lachhaften Heiratsgesuche in der „ZEIT“ erinnert.)

Ich stellte uns vor, wie der Veranstalter dem Achim dann ganz sonderbare Fragen stellt. Z.B.:

"Wie viele Stunden üben Sie denn am Tag, junger Mann?"

"Sind Sie mit ihrem eigenen Spiel zufrieden?" oder "spielen Sie präzise, oder klötert es bei Ihnen - sprich: geht viel daneben?"

"Wie halten Sie es mit der Charakterdarstellung der Werke, und vorallem der Texttreue?"

Dann dachte ich uns noch aus, wie man in einem Prospekt eine ganze Seite mit solchen Fragen und den Antworten des Interpreten auflistet.

Überschrift: "Fragen, die uns Musikern häufig gestellt werden" und "Sollten Sie noch weitere Fragen haben, so empfehlen wir Ihnen unsere Hotline."

Dann aber sprachen wir über jenen Aspekt im Leben, wie man wohl daran knabbert, wenn der Abschied nicht herzlich genug war.

Die kleine Judith weist den Achim manchmal brüsk ab, weil er es mit seiner Herzlichkeit übertreibt, und der Achim muß beim Gitarre-Üben zuweilen bekümmert darüber nachdenken.

Auf der Anrichte stand ein kleines Flugzeug, das der Achim extra für die Judith gebastelt hatte.

Zweimal hatte die Judith das Flugzeug schon anmahnen müssen:

"Papi, jetzt haben wir es schon wieder vergessen!" (Vorwurfsvoll, und auch entsetzt über sich selber, wie man dererlei in jungen Jahren nur vergessen kann?!) und Vati Achim hatte gesagt:

"Wenn ich jetzt nach Hause komme, dann mach ich´s! Ganz bestimmt!"

Davon ist die kleine Judith dann so fröhlich geworden, und Vati Achim bekam ein liebes Kinderküßchen.

Die Inga redet sehr gerne über ihre Schwangerschaft.

Beim speziellen Ultraschall für Frauen über 30 wurde festgestellt, daß alles so gut läuft wie es besser gar nicht laufen kann, und das obwohl die Inga zu Beginn der Schwangerschaft bei einer Tanz- und Theaterfreizeit war, und eine Woche lang ganz viel rauchte und trank, weil die Ärztin die Fehldiagnose gestellt hatte, sie sei doch nicht schwanger.

In der Zeitung konnte man über den 27-jährigen Magnus G. nachlesen, der den kleinen Jakob so grausam ermordet hat: Er würgte ein bißchen an ihm rum, packte ihn in einen Plastiksack und warf ihn einfach in den See! Wir Leser erfuhren, daß er einer Schicki-Micki-Clique angehörte, wo alle im Geld schwimmen, oder zumindest zu schwimmen vorgeben, und sich damit brüsten, was sie alles besitzen und machen: Geile Schlitten, tollen Urlaub, Betthäschen mit Schmollmund und hochhackigen Lackschuhen, und vieles mehr.

In seiner Wohnung fand die Polizei Hochglanzprospekte von Mercedes.

Auf meiner neuen Klick-Tel-CD-Rom aus dem Supermarkt hatte ich Frau Kettlers Bruder Ottokar, 80 Jahre alt, ausfindig gemacht, der nahe der tschechischen Grenze im bayrischen Lichtenberg lebt.

Ich erinnerte mich, daß einst auch der Opa mit seiner Schwester Lore verfeindet war. Etwas, was allerdings von einer großen Wiedersehensfreude überschwappt wurde, als er sie am 8. Dezember 1980 in Berlin anläßlich eines Klavierabends überraschend wiedertraf.

Es sollte jedoch das letzte Wiedersehen bleiben…

Man kann ja seine Feindschaft kurz unterbrechen und das frostige Ignorieren, das die Feindschaft feindschaftsgemäß nach sich zieht, hernach wieder fortsetzen.

Auch Frau Kettler ist mit ihrem Bruder verfeindet.

Nur einmal war er nett zu ihr:

Als sie etwa sieben Jahre alt war kam er - gut 25 Jahre älter als seine kleine Schwester - nach Hause, wirbelte sie durch die Luft, küsste sie auf den Kopf, und versteckte ihr ein paar Ostereier.

(Eine wirklich schöne Erinnerung aus den 50er Jahren und für Frau Kettler eine Kostbarkeit im Schatzkästchen der Erinnerungen)

Kleines Picknick auf dem Friedhof in Cremlingen.

Leider war das Wetter harsch-grau und hinzu ganz wirbelig geworden.

Schwärme an Herbstlaub wurden direkt durch die Lüfte gepfiffen.

An einer Stelle im Friedhof gab es nur eine einsame Grünfläche wo kein einziges Grab stand, und wenn man darauf oder darüberhinaus auf die Felder schaute, war es völlig einsam.

Ich setzte mich auf meine Bank zurück und trank heißen Tee, doch bald begann’s zu nieseln. Ein Sprenkelregenpicknick.

Der Himmel war so grau geworden als hätte jemand in wilder Raserei alles über und über mit dem Bleistift besudelt.

Schließlich schrieb ich in der Kirche oben auf der Orgelempore ins Tagebuch, wo ich dann von Pfarrer Rohlfs entdeckt wurde.

Wieder bestätigte sich meine These, daß der eher unnahbare, graue und wenig greifbare Herr Rohlfs so unglaublich gut ist.

Auf aufmerksame Weise hatte er allerlei bedacht: Vorn an der Straße war ein Reiter mit meinem Plakat aufgestellt, auf das hilfreiche Hände zweimal "Heute!" hingeschrieben hatten.

Später besuchte ich den Pfarrer ohne rechten Grund in seinem Pfarrhaus, denn noch war es mir nicht gelungen, die Fremdheit zwischen uns zu "knacken".

Ich wurde in ein gemütliches Tee- und Fernsehzimmer geführt. An der Wand hing ein Bild von Christian Rohlfs, einem Verwandten und bedeutenden Maler, dessen Gemälde man auch in der Emder Kunsthalle bewundern kann.

(Onkel Christian †). Etwas, wo man doch konversatorisch anknüpfen könnte, dachte ich freudig, denn haben wir nicht auch einen Onkel Christian, der bereits unter der Erde liegt?

Herr Rohlfs schickte sich an, einen Ostfriesentee für mich zuzubereiten und ich überlegte, wie es wohl wäre, blitzschnell aus meinen Kleidern zu steigen und wie eine nackte Schönheit auf einem kunstvollen Ölgemälde in den Sessel hineingegossen dazuliegen, wenn der Geistliche mit dem Tee zurückkehrt?

Etwas, das doppelt befremdlich wäre, da auch die Ehefrau des Geistlichen mittlerweile heimgekehrt war.

Abends fand mein Konzert in der Kirche statt.

Pfarrer Rohlfs hatte ein Tischchen über und über mit meinen blunzefarbenen CDs bebeigt, so daß es direkt ein bißchen unappetitlich ausschaute: So viele quadratische Blutwürste…Doch nur eine wurde verkauft.

Sogar an ein Sträußlein für mich hatten die seelenguten Leute gedacht, auch wenn sie ihr Herz nach Niedersachsenart vielleicht nicht so auf der Zunge tragen.

Frau Rohlfs (mit Zigarette in ihrer Wohnung): "War schön!" (gesprochen mit neutraler, geschäftiger Stimme, aus der nichts herauszuhören war.)

Ich hätte bei den Eheleuten übernachten dürfen, doch meine Verehrerin Frau Lange in Wolfenbüttel fieberte meinem Besuch entgegen, und so fuhr der Geistliche eine Weile vor mir her, um mir den Weg nach Wolfenbüttel zu weisen.

Herr Lange war gar nicht daheim, und ist auch zur Stund, während ich dies hier niederschreibe, noch nicht zurückgekehrt.

Und so war ich mit Frau Lange, einer üppigen, fast quadratförmigen Frau mit einem kleinen, aber sehr eifrig wirkenden Kopf, der immer in Bewegung zu sein scheint, allein.

Wir setzten uns an den Küchentisch, mir wurde ein köstlich würziges Bihuhnsüppchen und ein Knoblauchbaguette offeriert, und es gefiel mir, so dazusitzen und das schöne Süppchen zu verspeisen.

Frau Lange erzählte von ihren beiden Töchtern, von denen die Ältere vom Schicksal mit so viel Glück bedacht wurde, wie die Jüngere mit Pech.

Die Ältere hat zwei süße kleine Kinder: Viktoria und Frederik. Wir schauten uns Fotos an, und die bezaubernden kleinen Kinder sahen so froh und glücklich aus, da diese Familie im Glück zu baden scheint.

Hernach zogen wir ins Wohnzimmer um, und Frau Lange fleezte sich nach Art einer Bohème aufs Sofa.

Einmal kam der 13-jährige Kater Rüdiger, der dauernd an der Türe herumgewinselt hatte ins Zimmer, und mir gefiel es, mit ihm herumzuschmusen.

Ich überlegte, wie es wohl wirken würde, wenn ich plötzlich sagte:

"Frau Lange, Sie langweilen mich!"