Der Ave Maria Moment - Markus D. Mühleisen - E-Book

Der Ave Maria Moment E-Book

Markus D. Mühleisen

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Beschreibung

Mailand, Italien Als Henry Morgenfahrt eine Kirche in Mailand betritt, tut er dies mit den müden Augen eines Mannes, der seit Langem vom Glauben entfremdet ist. Doch dann geschieht es: Ein kleiner Junge singt das Ave Maria - nicht als Darbietung, sondern als Darbringung. Und etwas Ewiges regt sich. Dieser flüchtige Moment wird zum Funken: der Ehrfurcht, der Veränderung, des Neubeginns. Durch Begegnungen voller Geheimnisse, Erleben und Erkennen beginnt sich Henrys Leben dem Licht zuzuneigen. Lyrisch, kontemplativ und reich an Symbolik ist "Der Ave-Maria-Moment" eine literarische Meditation über göttliche Fügung - darüber, wie das Ewige in das Zeitliche einbrechen kann, nicht mit Donner, sondern mit einem Lied. "Manche Wunder kommen nicht, um den Körper zu retten, sondern um die Seele zu wecken. Dies ist eines davon."

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Seitenzahl: 491

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Inhalt

0 Vorwort

1 Don Informatico

2 Ein spontaner Entschluss

3 Um Hilfe wird gebeten

4 Körper und Geist

5 Schnelles Handeln

6 Reflexion

7 Contusio Capitis

8 Il miracolo della musica

9 Ins Große, weit Offene

10 Spurensuche

11 Presbyterium

12 Wegsuche

13 Ankunft

14 Wendung und Wandlung

15 Examen essentiae

16 Demolitio et Visio

17 Viae Discendi

18 Geister der Vergangenheit

19 Convivium

20 Der Zorn Gottes

21 Der Bogen des Versprechens

22 Ungewollte Berühmtheit

23 Reversio ad Ecclesiam

24 Recreatio

25 Sacramentum Remissionis

26 Psalm 121,8

27 Weihe

28 Liebet die Gerechtigkeit, Ihr Richter auf Erden

29 Eine zweite Chance

30 Er prüft sie wie Gold im Schmelzofen

31 Zwölf Körbe Brot

32 Die Stimme der Intuition

33 Der Weg, den du gehen sollst

34 Wer die Weisheit besitzt, baut ein Haus

35 Denn Hunde umgeben mich

36 So will ich dich erretten

37 Wir ziehen zum Haus des HERRN

38 Und es ist gut

39 Wo Wissen ist, entsteht Verständnis

40 Doch bei dir ist Vergebung, damit man dich fürchte

41 Epilog

42 Personen und Institutionen

43 Kochen mit Schwester Eva

44 Buchvorschläge

0 Vorwort

Es gibt diese besonderen Augenblicke: Man erlebt, hört oder sieht etwas – und plötzlich entfaltet sich im Kopf eine ganze Kaskade von Ideen und Gedanken..

So war es an einem völlig unspektakulären Abend, spät auf der Heimfahrt. Ich suchte nach passender Musik und fand – wie durch einen Wink des Schicksals – in den Tiefen meiner Mediathek genau dieses Lied: Ave Maria von Franz Schubert, komponiert im Jahr 1825. Gesungen von einem Knabenchor mit Solisten, deren glockenklare Stimmen mich durch die Nacht begleiteten.

In meiner Fantasie stellte ich mir vor, welche Wirkung dieses Lied wohl auf andere Christen haben mag. Ich fragte mich: Könnte ein so eindrucksvolles Werk vielleicht auch jemanden bewegen, sich mit seiner eigenen Spiritualität auseinanderzusetzen – besonders dann, wenn diese noch nicht bewusst wahrgenommen wurde?

So entstand die Idee zu 'Der Ave Maria Moment'. Solche Einfälle sind hartnäckig. Sie lassen mich nicht mehr los, bis ich mich schließlich ergebe und die Geschichte aufschreibe, die mich so sehr beschäftigt.

Auf dem Weg zu diesem Buch begleiteten und unterstützten mich viele wunderbare Menschen. Allen voran danke ich meiner Familie, die mit mildem Spott überzogen haben, wenn ich mich sonntags zum Schreiben zurückzog.

Ein besonders großer Dank gilt meiner guten Fee für all ihre wertvolle Unterstützung – ohne sie wäre dieses Buch wohl niemals erschienen.

Einige Kapitel entstanden auf der schönsten Insel der Welt. Herzlichen Dank, Iris und Harry, dass ihr mir diese Zeit ermöglicht habt. Ebenso danke ich Janine und Stefan für eure liebevolle Gastfreundschaft. Jeder Moment bei euch auf der Finca war besonders, und ich fühlte mich nicht nur als Gast, sondern beinahe wie ein Teil eurer Familie.

Meine Hoffnung ist, dass es mir gelungen ist, die innere Welt eines gläubigen Menschen so zu beschreiben, dass sie nachvollziehbar und lebendig wird. Der Weg, den mein Protagonist Henry einschlägt, ist gewiss kein einfacher. Lassen Sie sich mitnehmen, auf seinem ganz einzigartigen Weg zum Glauben an Gott und einem Leben mit Jesus Christus.

Um es deutlich zu sagen: Natürlich sind alle Handlungen, Personen und Ereignisse frei erfunden. Ob es eine Congregatio pro Praesidio tatsächlich gibt, kann ich nicht sagen.

Die Salesianer Don Boscos hingegen existieren sehr wohl. Als ich mich über diesen Orden informierte, empfand ich tiefen Respekt für das dort gelebte Engagement und die inspirierende Vision. Menschen, die sich täglich für junge Menschen einsetzen – besonders dort, wo diese allein und ohne Hoffnung wären –, verdienen höchste Anerkennung. Vielleicht trägt mein Buch dazu bei, dass dieses wertvolle Engagement stärker wahrgenommen und unterstützt wird. Das würde mich sehr freuen, und ich danke allen von Herzen, die solche guten Werke fördern. Gerne spende ich von jedem verkauften Buch den 10. Teil an die Salesianer Don Boscos.

Doch nun genug der Vorrede. Liebe Leserin, lieber Leser – ich wünsche Ihnen viel Freude, ein wenig Spannung und gute Unterhaltung beim Eintauchen in meine Geschichte über einen

Ave Maria Moment

P.S. Wenn Sie beim Lesen Appetit bekommen haben, lohnt sich ein Blick in das Kapitel ‚Kochen mit Schwester Eva‘ am Ende des Buches.

1 Don Informatico

Siobhán O'Leary stellt erschöpft den kleinen Rollkoffer auf den Gehweg. Die junge Irin ist zum ersten Mal in Italien – und für ihre Reise hat sie sich ausgerechnet den Süden ausgesucht, genauer gesagt das unter der glühenden Sommersonne liegende Neapel. Gleich am Flughafen hatte sie sich einen großen, gelben Strohhut gekauft. Den trägt sie nun zu ihrem leichten Sommerkleid. Mit gerunzelter Stirn muss Siobhán erkennen, dass die Vorstellung eines 'leichten Sommerkleides' bei irischen Modehändlern sich offensichtlich stark von den luftigen Kleidern unterscheidet, die italienische Designer für ihre Kundinnen entworfen haben. So steht sie nun an der Bushaltestelle irgendwo in der Innenstadt und leidet erbärmlich unter der Mittagshitze.

Schon als ihr Flugzeug auf dem Flughafen Neapel „Ugo Niutta“ gelandet war und sie die Boeing über die Gangway auf das glühend heiße Vorfeld verlassen hatte, ahnte sie, dass dieser Besuch ihre Vorstellung von 'warmer Witterung' gründlich verändern würde. Um die Wartezeit am Kofferband zu überbrücken, hatte sie in der leidlich gekühlten Halle auf ihrem Smartphone recherchiert, wer der Namensgeber des Flughafens war: ein im Einsatz verstorbener Luftfahrtpionier, postum mit einer Goldmedaille für Tapferkeit ausgezeichnet. Seufzend hatte sie den euphorischen Artikel auf der Homepage des Flughafens geschlossen und sich dabei vorgenommen, dass ihre eigene journalistische Arbeit mehr Tiefgang haben sollte als dieser Text vermuten ließ.

Währenddessen dachte sie darüber nach, dass die Italiener offenbar große Schwierigkeiten mit der Aussprache ihres Namens hatten. Dabei müsste den Menschen im katholisch geprägten Süden doch gerade die Bedeutung ihres Namens gefallen – eigentlich wird er wie „Schiwon“ ausgesprochen. Ihrer Mutter jedenfalls war der christliche Bezug des Namens sehr wichtig gewesen, schließlich bedeutet er: Gott ist gnädig.

Mit neuer Begeisterung hatte sich Siobhán nach Erhalt ihres kleinen Rollkoffers zur richtigen Bushaltestelle durchgefragt – und wie durch ein Wunder war sie schon eine knappe halbe Stunde später auf dem Weg ins Herz der Metropole. Zum Glück war der Bus deutlich besser klimatisiert als die Halle mit dem Kofferband, und endlich konnte sie durchatmen. Neugierig betrachtet sie durch die getönten Scheiben die vor Hitze flirrende Landschaft entlang der Autostrada – oder Mótarbhealach, wie sie in Irland denken würde. Siobhán ist stolz darauf, Gälisch so gut zu beherrschen, und sie bemüht sich, möglichst viele Begriffe und Redewendungen dieser von ihr so geliebten Sprache in ihren Alltag einzubauen.

Schließlich erreichte der Bus die Stadt. Sorgfältig hatte sie die Fahrt auf ihrem Smartphone verfolgt und so rechtzeitig erkannt, dass die nächste Haltestelle ihr Ziel sein würde: „Molo Angioino / Beverello“. Der Bus hielt – und Siobhán war die einzige, die ausstieg.

Nun steht sie also mitten in Neapel. Ein Blick auf ihr Smartphone verrät: Es ist Punkt zwölf Uhr mittags. Und so sehr sie sich auch umsieht, an diesem heißen Dienstag im August scheint um diese Uhrzeit niemand sonst unterwegs zu sein.

Entschlossen studiert sie die Informationstafeln am dünnen Metallmast der Haltestelle. Doch sie muss sich eingestehen, dass sie so nicht weiterkommt. Da fällt ihr ein, dass sie ja noch ihre Sonnenbrille dabei hat. Sofort bückt sie sich und kramt in ihrem Rucksack nach dem Brillenetui. Mit einem zufriedenen Seufzer setzt sie schließlich die Brille auf. Tatsächlich: Mit abgedunkeltem Blick wirkt der grelle Platz erträglicher. Doch die Hitze bleibt dieselbe, wie sie ärgerlich feststellt.

Plötzlich bemerkt sie Bewegung auf der anderen Straßenseite. Energisch setzt sie den Rucksack auf, greift nach dem Rollkoffer und macht sich auf den Weg.

Dort stehen drei Taxis. Eigentlich hatte Siobhán sich vorgenommen, sparsam mit ihren Spesen umzugehen – doch der Plan, die Strecke nur mit öffentlichen Verkehrsmitteln zurückzulegen, ist in der Mittagshitze kläglich geschmolzen.

Der routinierte Blick des Taxifahrers, eines Mannes mittleren Alters mit dunklem Teint und obligatorischer Sonnenbrille, fällt ein klares Urteil: »Ah, Signora, tu sei inglese, vero?«

Obwohl Siobhán kein Italienisch spricht, versteht sie sofort: Er hält sie für eine Engländerin. Kurz überlegt sie, ihn zu korrigieren und auf ihre irische Herkunft hinzuweisen. Doch die Hitze dämpft diesen Impuls, und sie nickt nur erschöpft.

Der Fahrer nimmt ihr galant den Koffer ab und verstaut ihn im Kofferraum. Den Rucksack behält Siobhán fest vor der Brust. Mit einer eleganten Bewegung öffnet er die Fondtür, und sie steigt ein. Als sie den Rucksack neben sich ablegt und sich anschnallt, startet der Fahrer den Motor. Bald strömt herrlich kühle Luft aus den Düsen. Dankbar atmet Siobhán tief ein.

»Dove?«

Sie tut, als hätte sie verstanden, und ruft die Zieladresse auf ihrem Smartphone auf. Dann hält sie dem Fahrer den Bildschirm hin.

»Sì, sì, certo. Lo so. Lo sanno tutti qui! Don Informatico.«

Zufrieden legt er den Gang ein – der letzte Abschnitt ihrer Reise beginnt.

Endlich im Kühlen spürt sie, wie die Erschöpfung in ihr aufsteigt. Sie versinkt in Gedanken. Als ihr Redakteur von einem neuen Projekt für junge Menschen in Neapel erzählt hatte – geleitet von einem Mann, der vor Jahren eine Art Internetberühmtheit gewesen sein soll – hatte sie sich sofort begeistert für die Reportage gemeldet. Dass damit eine Reise ins sonnige Italien verbunden war, war ihr erst später bewusst geworden. Doch sie hatte diese göttliche Fügung dankbar angenommen.

Nun sitzt sie also verschwitzt auf dem Rücksitz eines Taxis, das durch die Altstadt von Neapel rumpelt, neben sich ihren Rucksack und den übergroßen Strohhut.

Die Fahrt dauert fast eine Stunde und führt sie schließlich aus der Stadt hinaus. Der Fahrer biegt von der Landstraße ab und rollt einen kleinen Hang hinauf zu einem landwirtschaftlichen Anwesen. Siobhán ist verblüfft. Natürlich sehen die Gebäude hier anders aus als in Irland – doch ein Bauernhof bleibt ein Bauernhof. Lediglich die modern renovierte Scheune und die vielen jungen Menschen im Innenhof passen nicht zu ihrem Bild.

Sie bezahlt den Fahrer und stellt dabei betrübt fest, dass damit die ersten fünfzig Euro ihrer Spesen den Besitzer gewechselt haben. Seufzend steigt sie aus – und wappnet sich innerlich gegen die Hitze.

Doch sie stellt überrascht fest: Hier im schattigen Innenhof, gesäumt von Blumenkübeln und Oleanderbäumen, bewegt eine angenehme Brise die Luft. Es riecht wunderbar mediterran.

Das Taxi fährt ab. Siobhán bleibt einen Moment mit geschlossenen Augen stehen und genießt den Augenblick. Dies ist ein wunderbarer Ort, gesteht sie sich ein.

»Benvenuto. Sie müssen Siobhán O'Leary sein, habe ich recht?«

Erschrocken wendet sie sich um. Eine Nonne mit freundlichem Gesicht, dessen Falten die Jahre ihres Dienstes erahnen lassen, hat sie auf Englisch angesprochen – und sogar ihren Namen korrekt betont: „Schiwon“.

Siobhán wundert sich über den Akzent, den sie als eher nord- und mitteleuropäisch einordnet. Mit dankbarem Lächeln nickt sie: »Oh ja, vielen Dank! Es ist so wunderschön hier.«

Genießerisch holt sie tief Luft.

Die Nonne nickt zustimmend. »Kommen Sie. Sie müssen völlig erschöpft sein. Zur Mittagszeit in Neapel anzukommen, ist für jeden eine Herausforderung.«

Siobhán greift nach dem Rollkoffer und wirft sich den Rucksack über die Schulter. Zufrieden nickt die Nonne, und die beiden so unterschiedlichen Frauen machen sich auf den Weg.

»Wir gehen zuerst ins Haupthaus. Dort sind die Küche und der Speisesaal und es gibt kühle Getränke.«

Siobhán bemerkt, wie sie aus den Augenwinkeln von der Nonne gemustert wird. Mutig gesteht sie: »Ich bin so gespannt, ihn zu treffen. Sie wissen, wen ich meine?«

Mit einem amüsierten Lachen antwortet die Nonne: »Natürlich. Deshalb sind Sie ja her gekommen. Aber es dauert noch – der letzte Kurs heute endet erst in einer Stunde.«

Gemeinsam betreten sie das Haupthaus. Siobhán zieht ihren Rollkoffer die drei steinernen Stufen hinauf ins Halbdunkel der Diele.

Bevor sie durch die Eingangstür tritt, wendet sie sich noch einmal um. Die große Scheune wurde zu einem Schulungszentrum umgebaut, so viel weiß sie bereits. Doch es wirkt nicht wie eine Schule. Gedankenverloren murmelt sie: »Dieser Ort ist mehr. Es scheint so, als bietet man Wissen an – ohne es aufzuzwingen.«

Die Nonne nickt ihr zu, denn genau das macht diesen Ort aus. »Das war ihm sehr wichtig: Die Begeisterung der jungen Menschen zu fördern, statt sie zum Lernen zu verpflichten.«

Gedankenverloren nickt Siobhán. »Das spürt man. Man hat sofort das Gefühl, dass man hier bleiben möchte. Dass es gut für einen ist.«

Die Nonne lächelt zufrieden. Ja, das war sein Streben gewesen, so lange sie ihn kannte. Ohne es zu wollen, erinnert sie sich im Stillen an die Anfänge dieses Ortes. Sie lächelt – es war ein wunderbares Stück Weg auf ihrer Lebensreise gewesen.

2 Ein spontaner Entschluss

Aufatmend steigt Henry Morgenfahrt die drei Stufen hinab. Im Haus war es kühl gewesen, doch nun steht er auf dem Bürgersteig und spürt die kräftigen Strahlen der Sonne auf seinem Kopf. Mit einem milden Lächeln greift er in den Stoffbeutel, den er bei sich trägt, und holt eine rote Schildmütze hervor. Das Rot ist inzwischen stark ausgebleicht – kein Wunder, begleitet ihn diese Mütze doch auf nahezu jeder Reise. Ursprünglich hatte er sie an einem regnerischen Morgen in einer kleinen Stadt der mitteldeutschen Provinz gekauft, um sich vor dem ersten Herbstniesel zu schützen. Seither ist sie sein ständiger Begleiter.

Jetzt, da er die Mütze aufsetzt und der Schirm seine Augen vor der Sonne schützt, kann er in Ruhe die Straße entlangblicken. Wie immer, wenn er privat unterwegs ist, trägt Henry eine einfache Jeans, bequeme, schon leicht ausgetretene Turnschuhe und ein weißes Leinenhemd. Das Wetter in Mailand meint es gut mit ihm: Ende Juni ist es angenehm warm, und ein laues Lüftchen sorgt für das richtige Maß an Frische.

Mit einem zufriedenen Seufzer wählt er auf gut Glück eine Richtung und setzt sich in Bewegung. Er hat vor, die Stadt ein wenig zu erkunden. So macht er es eigentlich immer, wenn ihn seine Beratertätigkeit in eine fremde Stadt führt. Heute Abend sucht er Zerstreuung – und freut sich vor allem auf ein gutes Essen.

Henry Morgenfahrt ist, wie seine Tante Johanna gern sagte, ein medizinisches Wunder. Obwohl er mit großer Hingabe genießt und sicher auch das eine oder andere Glas Wein zu viel trinkt, ist er mit seinen fünfunddreißig Jahren immer noch schlank, fast athletisch. Natürlich nutzt er die Fitnessräume dieser austauschbaren Businesshotels, in denen er oft absteigt – irgendwo versteckt zwischen grauen Fluren und Spa-Bereichen. Doch vor allem, so denkt Henry schmunzelnd, ist es wohl einfach Mutter Natur, die ihm erlaubt, einen durchaus hedonistischen Lebensstil zu pflegen.

Ganz anders seine berufliche Philosophie: Als Berater für Datenverarbeitung – oder mondän gesagt 'IT-Consultant' – geht er mit äußerster Konsequenz und Stringenz vor. Seine Kunden sind anfangs oft irritiert über die schonungslose Analyse, mit der er ihre Ist-Zustände durchleuchtet. Doch die Ergebnisse sprechen für sich, und am Ende seiner Arbeit hört er regelmäßig erleichterte Sätze wie: „Wir haben den Richtigen für den Job gefunden.“

Henry schlendert die Straße entlang. Er ist in Italien. Wer die Augen schließt, kann das schon an den Geräuschen erkennen: Fetzen italienischer Telefonate, die Menschen lauthals führen, während sie ihr Handy wie ein Brötchen vor sich halten. Der Verkehr quält sich hupend an den eng geparkten Autos vorbei, und natürlich das unüberhörbare Surren und Knattern der Motorroller – für Henry immer noch untrennbar mit der Marke Vespa und dem süßen Leben, dem Dolce Vita, verbunden.

So spaziert er durch das frühsommerliche Mailand und lässt seinen Gedanken freien Lauf.

Irgendwann erreicht er – tatsächlich ohne es bewusst geplant zu haben – die weltberühmte Einkaufspassage. Andächtig hebt er den Blick zu der Glas- und Stahlkonstruktion. Natürlich ist auch dieses Gebäude, wie fast alle in Mailand, von einer Patina aus Schmutz und Abgasen gezeichnet. Doch Henry erkennt sofort, dass ein mutiger Geist etwas Besonderes gewagt hat: einen Komplex zu errichten, der durch seine harmonischen Jugendstilformen einzigartig bleibt.

Er wandelt durch die Passage, bewundert die Auslagen der Modegeschäfte. Italienische Mode hat eben ihre ganz eigene Sprache: Einzigartigkeit und Eleganz.

Unter der großen Kuppel bleibt er stehen und blickt nach oben. Die Sonne scheint nicht mehr direkt durch die Glaselemente, aber er hat den perfekten Moment erwischt: Die warmen Strahlen des späten Nachmittags fluten den Raum mit goldenem Licht.

Plötzlich klirrt hinter ihm Glas. Er fährt erschrocken herum, beobachtet dann schmunzelnd das typisch italienische Schauspiel: Lautstarke Diskussionen, Rufe, hektische Besenbewegungen – und am Ende ein gemeinsames Lachen. Dolce Vita eben, denkt Henry.

Sein Blick fällt auf den Boden unter der Kuppel. Die Mosaikarbeiten sind wunderschön, auch wenn die Jahre ihre Spuren hinterlassen haben. Nachdenklich streifen seine Gedanken ab: Die Entropie, diese unerbittliche Kraft des Universums, macht auch vor den schönsten Dingen nicht Halt. Er schüttelt leicht den Kopf. Woher kommt dieser Gedanke an einem so herrlichen Freitagabend?

Er schiebt die Grübelei beiseite und verlässt die Passage.

Seine Beine tragen ihn ohne Anstrengung durch den wuseligen Abendverkehr. Staunend stellt er fest, dass er nun vor dem Mailänder Dom steht. Bewundernd betrachtet er die riesige Kirche. Ein Lieferant hatte ihm beim Mittagessen wortreich erklärt, dass die Cattedrale Metropolitana della Natività della Beata Vergine Maria – der Mailänder Dom – die flächenmäßig größte Kirche der Welt sei. Nun, da er vor der imposanten Fassade steht, glaubt Henry ihm sofort.

Er denkt daran, dass in Mailand auch Da Vincis Abendmahl zu besichtigen ist – allerdings nicht hier. Der Name der Kirche will ihm nicht einfallen. Santa Maria … irgendwas, erinnert er sich.

Er geht am Dom vorbei, genießt die warme Abendsonne, die das strahlende Weiß der Fassade leuchten lässt – ein wohltuender Kontrast zu den schmutzig-graubraunen Häusern, die er zuvor passiert hat.

Seine Gedanken wandern, während ihn seine Beine weiter tragen. Henry mag die moderne italienische Architektur: ultramoderne Gebäude neben jahrhundertealten Steinhäusern.

Sein Weg führt ihn nach Süden. Über den Dächern erkennt er die Türme des Doms – und entdeckt daneben einen achteckigen Turm aus roten Ziegeln, verbunden mit einem ebenfalls achteckigen Gebäude. Neugierig überquert er die Straße und nähert sich dem Bauwerk.

Vor der Chiesa di San Gottardo in Corte haben sich viele Menschen versammelt, fröhlich plaudernd. Henry schiebt sich interessiert durch die Menge, bis er vor einer Stele steht, die ihm erklärt, wo er ist.

Am Eingang begrüßt ein sehr junger Priester mit sonnengebräuntem Gesicht und freundlichem Lächeln die Besucher. Weiter hinten diskutiert eine Gruppe Nonnen mit ernsten Mienen. An einem Klapptisch verkaufen zwei Mädchen Eintrittskarten.

Ohne lange nachzudenken, beschließt Henry, eine zu kaufen. Für seine spärlichen Italienischkenntnisse muss er sich dabei kaum anstrengen. Kurz stutzt er über den stolzen Preis von 23 Euro, doch dann nimmt er lächelnd die Abrisskarte und den Flyer entgegen. Der rötliche Papierschnipsel erinnert ihn an die Kinokarten seiner Jugend.

»Prego, Signore!

»Grazie mille.«

Die Mädchen wenden sich bereits dem nächsten Besucher zu.

Henry hebt den Blick und begegnet dem jungen Priester. Dieser nickt ihm aufmunternd zu. Henry geht zu ihm, reicht ihm die Karte. Mit großem Ernst trennt der Priester an der Perforation ein Stück ab und gibt Henry den Rest zurück.

»Grazie!«

»Di niente, e grazie per essere venuto. Spero che vi piaccia – non vediamo l'ora di iniziare il concerto!«

Lächelnd nickt Henry Morgenfahrt zur Antwort, obwohl er sich innerlich eingestehen muss, dass er kein Wort des freundlichen Priesters verstanden hat.

Dann betritt er die Kirche – und ist angenehm überrascht, wie hell es im Kirchenschiff ist. Weiße Wände und Säulen rahmen den Raum, der helle Boden schimmert warm im Licht. Die Bestuhlung ist eng, und nun versteht Henry, was der Priester wohl angedeutet hatte: Offenbar findet heute Abend ein Konzert statt.

Grinsend sucht er sich einen Platz. In der vierten Reihe ist noch ein Stuhl am Gang frei. Höflich blickt er das ältere Ehepaar daneben an und hebt fragend die Augenbrauen. Der Mann versteht sofort und flüstert in schnellem Italienisch: »Il posto è ancora libero! Siediti, siediti!«

Henry setzt sich auf den weißen Bistrostuhl – ein Sitzmöbel, das er in einer katholischen Kirche nicht erwartet hätte. Doch er bemerkt, wie sehr diese hellen Stühle dem Raum Leichtigkeit verleihen, wie es schwere dunkle Bänke nie könnten. Italienisches Design, denkt er schmunzelnd, ein sicheres Gespür für Form und Stil.

Er stellt seine Stofftasche rechts neben sich auf den Boden. Darin trägt er einen schmalen Bildband über die portugiesische Atlantikküste, den er sich beim Abendessen ansehen wollte. Dann wendet er sich den Nachbarn zu und bedankt sich: »Grazie mille!«

Die Frau nickt freundlich und beginnt sofort, leise auf Italienisch auf ihn einzusprechen – offenbar in der Überzeugung, dass jemand, der sich italienisch bedankt, auch fließend versteht: »Siamo così emozionati. Oggi si esibirà nostro nipote Matteo. È la voce solista – ha una voce meravigliosa!«

Henry nickt nur, Verständnis vortäuschend, und greift zum Flyer, den er beim Ticketkauf erhalten hat. Vorne ist die Kirche abgebildet: Chiesa di San Gottardo in Corte. Daneben die Ankündigung des Konzerts. Auf der Innenseite sieht er ein Foto eines Knabenchors – ernste junge Gesichter, gekleidet wie Messdiener.

Noch bevor die Frau weiterreden kann, rettet ihn ein kleiner Tumult. Die Nonnen, die er vorhin draußen gesehen hat, betreten nun tuschelnd den Raum und nehmen Platz.

Henry blickt sich um. Das Kirchenschiff ist inzwischen voll, jeder Stuhl besetzt. Geflüster, Husten und das Rascheln von Kleidung füllen den Raum mit gespannter Erwartung. Sein Blick fällt auf die Nonnen rechts von ihm. Ganz außen sitzt eine sehr junge Schwester mit sonnengebräuntem Gesicht – vermutlich aus Süditalien. Er wundert sich über sich selbst, wie automatisch er diese Einschätzung trifft.

Plötzlich merkt er, wie sie ihn – genauer: seine Stofftasche – fixiert. Aufgeregt wendet sie sich ihrer älteren Nachbarin zu, deutet immer wieder auf die Tasche. Die Ältere, ein faltiges Gesicht mit klugen Augen, mustert Henry eindringlich. Er spürt genau, wie er taxiert wird – und hat keine Ahnung, was an seinem alten, längst verwaschenen Stoffbeutel so interessant ist. Vielleicht das aufgedruckte Bild: ein Apple IIe mit Diskettenlaufwerken und Monitor, Sinnbild seiner Faszination für die Ursprünge der Datenverarbeitung.

Dann tut sich vorne am Altar etwas. Henry wendet sich ab. Die Jungen des Knabenchors nehmen ihre Plätze ein.

»Quello lassù, in mezzo, è il nostro Matteo. È davvero emozionante!« Die ältere Dame neben ihm tippt ihn aufgeregt an und zeigt auf einen kleineren Jungen, der etwas abseits vor dem Chor steht.

Dann betritt ein junger Mann im schwarzen Anzug den Raum. Der Taktstock in seiner Hand verrät: der Dirigent. Er schenkt dem Chor ein kurzes, aufmunterndes Lächeln, verweilt einen Moment bei Matteo, der verkrampft zurücknickt. Schließlich verbeugt sich der Dirigent zum Publikum. Leiser Applaus brandet auf.

Es wird still.

Der Dirigent dreht sich um, hebt die Arme. Mit einem entschlossenen Senken des Taktstocks beginnt das Konzert.

In den nächsten fünfundzwanzig Minuten wird Henry in eine andere Welt entführt. Die klaren, hellen Stimmen des Chors dringen in sein Innerstes, lassen es jubeln, und er verliert sich in den Melodien. Noch nie zuvor hat ihn Musik so berührt.

Als die letzten Töne verklingen, verharrt der Dirigent mit erhobenen Armen, dann senkt er sie langsam und nickt dem Chor zufrieden zu. Er dreht sich um und verbeugt sich.

Einen Augenblick bleibt es still, dann bricht tosender Applaus los. Bravo-Rufe hallen durch das Kirchenschiff. Alle springen auf – auch Henry klatscht begeistert. Dankbar denkt er daran, dass ihn der Zufall heute hierher geführt hat. Dieses Erlebnis, so unerwartet und so tief bewegend, erfüllt ihn mit einer neuen Lebensfreude.

»Ancora! Ancora!«

Die Rufe nach einer Zugabe werden lauter. Schließlich gibt sich der Dirigent geschlagen, hebt beschwichtigend die Hände und bittet die Zuschauer, sich wieder zu setzen.

Henry lässt sich nieder. Zufrieden nickt der Dirigent ins Publikum und wendet sich wieder dem Chor zu. Ein Zeichen seiner linken Hand – offenbar die Ankündigung des nächsten Stücks. Dann wendet er sich Matteo zu, dem kleinen Solisten, der bisher schon mit glockenheller Stimme verzaubert hat. Der Junge schluckt, seine Anspannung ist spürbar.

Der Dirigent schenkt ihm ein letztes ermutigendes Nicken und hebt die Arme.

Leise setzt ein Klavier ein. Henry erkennt die Melodie sofort: Ave Maria von Franz Schubert.

Dann singt Matteo. Mit geschlossenen Augen und voller Hingabe trägt er das Lied vor. Henry spürt, wie der Junge mit jeder Faser seines Wesens singt. Noch nie hat er so reine, klare Töne gehört. Der Gesang durchdringt ihn, bringt etwas in ihm zum Schwingen, von dem er nicht einmal wusste, dass es existiert.

Er spürt, wie bedeutsam dieser Moment ist. Die Tränen, die ihm über die Wangen laufen, bemerkt er kaum.

Dann endet das Stück.

Stille.

Sekundenlang rührt sich niemand. Kein Husten, kein Räuspern – sogar der allgegenwärtige Straßenlärm Mailands scheint verstummt zu sein. Für Henry sind es Sekunden der Erkenntnis, einer tiefen, fundamentalen Empfindung, die er noch nicht in Worte fassen kann.

Dann bricht der Applaus los. Ein Jubel, eine Begeisterung, die alle teilen. Begeistert klatscht Henry, wie alle anderen springt er auf.

Der Junge – Matteo, daran erinnert sich Henry Morgenfahrt – steht noch immer mit geschlossenen Augen da. Er ist eins mit sich, der Welt und dem Universum. Henry erkennt sofort: Dieser Augenblick ist für den Jungen erfüllend.

Völlig reglos steht Matteo und genießt den Moment – den Applaus, die Begeisterung, die auf ihn niederprasselt. Dann öffnet er die Augen und lächelt. Aus dem eben noch in sich gekehrten Knaben wird ein fröhlicher Junge, dessen blitzende Augen suchend durch die Reihen wandern. Er wendet sich seinen Chorbrüdern zu, die ihm begeistert applaudieren.

Henry blickt sich um. Jetzt, hier in dieser Kirche, in diesem Moment, ist die Welt für alle in Ordnung.

Sein Blick fällt auf die Nonnen rechts neben ihm auf der anderen Gangseite. Auch sie applaudieren. Doch die ältere Nonne sieht nicht zum Chor nach vorn – sie sieht zu ihm hin.

Henry spürt, dass sie ihn die ganze Zeit über beobachtet hat. Nun nickt sie ihm zu. Es ist ein Nicken, das mehr sagt als Worte.

In diesem Moment versteht er: Dieses Nicken ist ein Urteil. Und mehr noch – es ist eine Bestätigung. Plötzlich weiß er mit absoluter Sicherheit, dass dieser Abend in der Kirche San Gottardo in Corte nicht nur ein Erlebnis war, sondern ein Wendepunkt.

Dieser Augenblick wird seine Zukunft bestimmen.

Und er weiß ebenso sicher, dass diese Zukunft eine Aufgabe bereithält – nein, eine große Herausforderung.

Henry erwidert den Blick der Nonne und nickt langsam, fast feierlich.

Er wird diese Herausforderung annehmen.

3 Um Hilfe wird gebeten

Henry steht etwas abseits. Nachdenklich ruht sein Blick auf den Konzertbesuchern, die sich nach dem überwältigenden Musikerlebnis vor der Chiesa di San Gottardo in der lauen Abendluft Mailands zu kleinen Grüppchen zusammengefunden haben. Obwohl Henry kein Italienisch spricht, kann er an den Gesten und der aufgeregten Tonlage erahnen, dass sich ihre Gespräche um das eben Erlebte drehen.

Immer noch ist er innerlich aufgewühlt. Nie hätte er geglaubt, dass sein analytischer Geist sich von so etwas 'Banalem' wie Chorgesang derart berühren lassen könnte. Wenn er in sich hineinhorcht, spürt er es noch immer: Etwas schwingt in ihm nach, etwas, das er nicht greifen kann.

Sein Blick wandert nach oben. Der achteckige Kirchturm ragt in den Himmel, den die Abendsonne in weiche, warme Farben taucht. Henry steht lange so, bis er eine leise Frauenstimme neben sich hört. »Mi scusi, signore, parla italiano?«

Er dreht sich um. Die Gruppe der Nonnen, die er schon in der Kirche bemerkt hatte, steht nun neben ihm. Eine der Jüngeren hat ihn angesprochen, ihr Gesicht neugierig, aber auch ein wenig sorgenvoll. Henry holt tief Luft und versucht sich an einer Antwort: »Äh … non parlare l’Italia, scusi!«

Eine Nonne weiter hinten kichert. Die Ältere direkt hinter der Fragestellerin dreht sich mit hochgezogener Augenbraue zu ihr um – ein einziger Blick genügt, und das Kichern verstummt. Dann wendet sie sich wieder Henry zu und stößt die Jüngere mit dem Ellbogen an.

Diese räuspert sich und fragt nun in fließendem Englisch:

»Sorry, Sir, I just asked if you speak Italian. Can I speak to you in English?«

Henry nickt erleichtert. »Aber natürlich. Wie kann ich Ihnen helfen?«

Die junge Nonne atmet hörbar auf und beginnt sofort, in einem schnellen Wortschwall ihr Anliegen zu erklären. Dabei deutet sie immer wieder auf die Stofftasche in Henrys Hand, genauer gesagt auf das Bild des alten Computers, das darauf abgedruckt ist. Schließlich hält sie inne, sieht ihn mit offener, fast flehender Miene an.

Henry lächelt, um sie zu beruhigen, und fasst zusammen: »Wenn ich Sie richtig verstanden habe, haben Sie irgendwo einen Computer, der so aussieht wie dieser hier?«

Er hebt die Tasche an und tippt auf das Bild des Apple Iie.

Die Nonne nickt eifrig. »Ja, genau so!«

Henry schmunzelt verständnisvoll. »Das ist ein uralter Apple IIe – einer der ersten Apple-Computer überhaupt. Sie haben so ein Gerät … zu Hause?«

Die Nonne schüttelt den Kopf. »Nein, nicht zu Hause. Ich meine … dort, wo wir leben und arbeiten. Wir alle …« Sie macht eine fahrige Geste, die die ganze Gruppe der Schwestern umfasst. »… im Hospiz. Dort steht der Computer.«

Henry beginnt zu verstehen. »Ah. Dieses Gerät funktioniert nicht mehr – habe ich das richtig verstanden?«

Die Nonne nickt, diesmal mit ernster Miene. »Ja, Signore. Irgendetwas ist kaputt oder verstellt. Wir kennen uns damit überhaupt nicht aus. Aber wir brauchen den Computer dringend. Wenn wir unsere Abrechnung nicht bis morgen bei der Diözese einreichen, bekommen wir kein Geld für den Monat. Dann … dann müssen wir und unsere Kranken hungern. Bitte, Signore – können Sie uns helfen?«

Die Ordensfrauen sehen ihn nun flehend an. Henry runzelt die Stirn, spielt Nachdenklichkeit – doch in Wahrheit hat er sich längst entschieden.

Er wirft der Gruppe ein aufmunterndes Lächeln zu, seine Augen suchen die Älteste, die schweigend im Hintergrund steht. Sie wirkt wie die Verantwortliche – und Henry ist sich sicher, dass sie es auch wirklich ist. Er nickt ihr zu.

»Ich werde es gerne versuchen. Hoffentlich kann ich Ihnen helfen.«

Die junge Schwester übersetzt seine Worte, worauf die Ältere, die Henry inzwischen in Gedanken nur noch „Mutter Oberin“ nennt, ernst nickt und mit ruhiger, tiefer Stimme sagt: »Grazie mille. Il ringraziamento di Dio per voi!«

Sie hält seinen Blick noch einen Moment fest, dann wendet sie sich ab und gibt in resolutem Ton Anweisungen.

Was nun folgt, ist für Henry eine neue Erfahrung: Er erlebt, wie in Italien etwas organisiert wird. Zuerst erscheint der Priester, der ihm vorhin am Eingang das Ticket entwertet hatte. Mit einem wissenden Lächeln tritt er zu ihnen und beginnt sofort eine rasante Diskussion mit der Mutter Oberin. Henry ist beeindruckt von der Energie, mit der die Nonne ihre Vorstellungen durchsetzt. Am Ende gibt der Priester seufzend nach – und Henry ist sich sicher, dass nun genau das geschehen wird, was die Oberin beschlossen hat.

Weitere Gemeindemitglieder treten hinzu, äußern Vorschläge und Ideen. Die Oberin bedankt sich freundlich bei jedem, doch Henry ahnt: Der Plan steht fest.

Dann ist alles geregelt. Die Oberin wirft ihm einen ernsten Blick zu, der in ein energisches Nicken übergeht.

Henry erwidert es automatisch – und muss dann grinsen.

Offenbar erkennt die Oberin in diesem Moment, dass er sie ein wenig durchschaut hat, und für einen Augenblick huscht ein keckes Lächeln über ihr Gesicht.

Kurz darauf hält mit quietschenden Bremsen ein klappriger Kleinbus neben ihnen. Mit geübter Behändigkeit scheucht die Oberin ihre Schwestern hinein. Henry wird höflich, aber bestimmt auf den letzten freien Platz neben der Schiebetür gelotst. Sie selbst setzt sich auf den Beifahrersitz.

Der Priester am Steuer vergewissert sich, dass alle sitzen und angeschnallt sind, legt dann einen Gang ein und reiht den Bus mit sicherer Hand in den chaotischen Verkehr ein.

Überraschend schnell gewöhnt Henry sich an den erratischen Fahrstil des jungen Pastors. Mailand im Freitagabendverkehr bietet alles auf, was man sich für eine Verkehrskatastrophe vorstellen kann: unzählige Baustellen – perfekt abgesichert, aber menschenleer. Lieferwagen, die mitten auf der Straße stehen, deren Fahrer mit seelenruhiger Gelassenheit Laderampen bedienen oder mit ihren Kunden palavern. Und natürlich Motorroller, die zwischen allem hindurchschlängeln, ergänzt von waghalsigen Fahrradfahrern.

Mit jedem Kilometer wächst Henrys Respekt für den Priester, der mit stoischer Ruhe durch das Gewühl steuert und dabei entspannt mit der Oberin plaudert.

Henry lehnt sich zurück und beobachtet, wie Mailand sich verändert. Wo eben noch die Innenstadt mit Straßenlaternen, Leuchtreklamen und Schaufenstern ein buntes, vibrierendes Bild abgab, breitet sich nun Dunkelheit aus. Sie sind in den Randbezirken angekommen.

Hier gibt es keine flanierenden Menschen, die den Freitagabend genießen. Stattdessen kämpfen sich Frauen mit schweren Einkaufstüten über schmutzige Gehwege, von Müll übersät. Aus den hohen, grauen Häusern fällt trübes Licht auf die Straße.

Henry spürt: Hier lebt man fernab des funkelnden Glanzes der Stadtmitte.

Noch einmal biegt der Kleinbus schwungvoll links ab. Dann bringt der Priester das Fahrzeug mit einem quietschenden Bremsen zum Stehen.

Henry Morgenfahrt blickt hinaus. Rechts, durch das Fenster der Schiebetür, erkennt er eine dunkle Hofeinfahrt, überspannt von einem hohen Steinbogen. Die Mutter Oberin ist bereits ausgestiegen, ebenso der Priester, dessen Motor nach dem Abstellen ein letztes, enttäuscht klingendes Röcheln von sich gegeben hatte. Nun öffnet der junge Geistliche die Schiebetür neben Henry und nickt ihm auffordernd zu.

Rasch nestelt Henry am Gurt, löst ihn und steigt aus. Er macht ein paar Schritte zur Seite, während die Nonnen aus dem Kleinbus strömen. Die Mutter Oberin spricht noch ein paar schnelle, stakkatoartige Sätze mit dem Priester, dann nickt sie Henry und den Schwestern kurz zu. Der Priester klettert zurück in den Bus, startet den Motor, legt einen Gang ein – und verschwindet, nicht ohne zweimal kurz die Hupe zu betätigen. Für Henry wirkt es wie ein kleiner Moment jugendlichen Überschwangs: Für diesen Augenblick war der junge Geistliche nicht Priester, sondern einfach nur ein junger Mann, der gerade seine Familie abgesetzt hat und sich nun auf die Freuden des Freitagabends freut.

Jetzt kehrt Ruhe in die Straße ein. Nur leise Küchengeräusche dringen aus den halb geöffneten Fenstern, dazu Sprachfetzen und hin und wieder Musik aus zu laut eingestellten Fernsehern.

Henry schaut sich suchend um – und trifft erneut auf den Blick der Mutter Oberin. Wieder mustert sie ihn wie zuvor nach dem Konzert in der Kirche. Und wieder, nach kurzem Abwägen, kommt sie zu einem Entschluss. Sie nickt ihm zu, und Henry meint sogar, einen Anflug eines Lächelns zu erkennen – oder ist es nur ein Spiel des trüben Lichts der schiefen Straßenlaterne, die weiter vorn heroisch gegen die Dunkelheit ankämpft?

Die Oberin dreht sich zu der jungen Nonne neben Henry.

Ein kurzer Blick genügt, und die Schwester versteht sofort, was von ihr erwartet wird.

»Wir sind angekommen,« erklärt sie Henry in flüssigem Englisch. »Das ist unser Ordenshaus. Hier leben und arbeiten wir.«

Henry räuspert sich – er hat schon lange nichts mehr gesagt – und fragt: »Ah, interessant. Worin besteht Ihre Arbeit?«

Die Nonne sieht ihn mit traurigen Augen an. »Wir versuchen, alte und kranke Menschen zu pflegen, die sonst nirgendwohin können. Wenn Sie so wollen, sind wir Pflegeheim und Hospiz in einem.«

Henry beginnt zu begreifen, wie wenig er sich jemals damit beschäftigt hat, was es bedeutet, als Nonne zu leben. Sein Blick wandert über die Frauen, die ihn neugierig ansehen. Diese Frauen haben ihr Leben dem Dienst an anderen verschrieben. Er kann kaum ermessen, wie viel Kraft und Überzeugung es erfordert, einen solchen Weg zu gehen. In ihm wächst Achtung – auch, weil er weiß, dass er selbst nie zu solcher Selbstlosigkeit fähig wäre.

Die junge Nonne scheint seine Gedanken zu erkennen. In ihren Augen blitzt Verständnis auf – und ein Hauch von Bedauern, dass er diesen Weg nicht gehen kann. Dann hebt sie leicht lächelnd den Kopf. »Lassen Sie uns hineingehen. Hier draußen wird es kühl.«

Sie folgt der Mutter Oberin, die inzwischen eine kleine Holztür aufgeschlossen hat. Ein sattes Klacken kündigt an, dass drinnen ein Lichtschalter betätigt wurde. Henry staunt: Ein alter Drehschalter, schwarz emailliert, mit einem länglichen Knebel – er schätzt ihn auf die frühen 1950er Jahre. Sein Blick folgt sorgenvoll dem rissigen Kabel nach oben zu den an der Decke flackernden Leuchtstoffröhren.

Mit einer knappen Kopfbewegung bedeutet ihm die junge Schwester, ihr zu folgen.

Henry tritt ein in einen vom kalten Neonlicht erhellten Flur. Das Gebäude ist alt – sehr alt. Das spürt er sofort.

Der Boden war einst ein prächtiges Mosaik, heute ist es nur noch eine abgetretene Steinebene. Lediglich an den Rändern, abseits des durch tausende Schritte verbrauchten Mittelteils, schimmert noch die frühere Pracht.

Sie überqueren einen großen Innenhof, der im nächtlichen Dunkel unheilvoll wirkt, und betreten ein weiteres Gebäude gegenüber. Hier ist die Elektroinstallation etwas neuer, doch auch dieser Ort atmet Bedürftigkeit und knappe Mittel.

Henry fragt sich, wo er gelandet ist – und spürt zugleich etwas, das ihn überrascht: eine Wärme. Eine unerklärliche Zufriedenheit. Ein Gefühl des Ankommens, das ihn verwirrt zurücklässt.

Viele Jahre später noch wird er sich dankbar an diesen Moment erinnern. Heute aber kann er ihn nur staunend und ratlos fühlen.

4 Körper und Geist

Die junge Ordensfrau führt ihn ins Gebäude. Dort geht es über eine schmale Stiege hinauf in den zweiten Stock. Das Gebäude ist alt, der Putz an den Wänden rissig und stellenweise schäbig. Trotzdem ist alles vortrefflich sauber. Die Böden sind gewischt, das hölzerne Geländer, obwohl so alt wie der Rest, ist tadellos sauber. Nirgends ist auch nur ein Hauch von Staub oder Schmutz zu sehen.

Henry Morgenfahrt spricht die vor ihm gehende Ordensfrau an:

»Es ist alles so sauber – das ist beeindruckend!«

Die junge Frau hält inne, wendet sich ihm mit einem neutralen Gesichtsausdruck zu und antwortet: »Nun, die Mutter Oberin ist in diesen Dingen sehr genau. Sie sagt immer, es ist wichtig, achtsam mit allem umzugehen, es zu pflegen und wertzuschätzen. Das betrifft nicht nur die Menschen, die wir pflegen, sondern auch die Dinge, die uns der Allmächtige zur Verfügung stellt.«

Henry denkt einen Moment darüber nach. Mit leiser Stimme sagt er das, was ihm durch den Kopf geht »Nun, das gilt dann auch für uns selbst. Das achtsame Umgehen, meine ich. Wir sollten auch mit uns selbst achtsam sein.«

Er erkennt an ihrem Blick, dass sie mit einer solchen Antwort nicht gerechnet hat. Andächtig nickt sie ihm zu, dann wendet sie sich rasch wieder um und geht weiter die Stiege hinauf: »Wir sind gleich da.«

Henry denkt bei sich, dass ihm eigentlich bisher niemand erklärt hat, wohin sie gehen und was dieses 'Da' wohl sein könnte. Beim nächsten Gedanken muss er selbstironisch grinsen. Er denkt sich, dass jener Allmächtige, den die junge Ordensfrau erwähnt hat, wohl auch dafür Sorge tragen wird. Sogleich wird sein Gesichtsausdruck erneut nachdenklich, als er erkennt, wie viel Last diese Einstellung ihm von den Schultern nimmt. Noch bevor er weiter diesen Gedanken der inneren Reflexion nachgehen kann, sind sie an einen Treppenabsatz angekommen. Rechter Hand ist eine Tür, die junge Ordensfrau drückt die abgegriffene Metallklinke und öffnet die alte Türe. Das gelblichweiß lackierte Türblatt schwingt nach innen auf. Mit einem geübten Griff nach links an die Wand schaltet die Ordensfrau das Licht an. Das typische Flackern zusammen mit dem Brummen beim Starten einer Leuchtstofflampe erfüllt den Raum. Dann ist es hell, nüchternes Licht beleuchtet alte Büromöbel aus Holz. Es ist still hier, lediglich das Brummen der Leuchtstofflampe an der Decke ist leise zu hören. Die junge Ordensfrau geht zwei Schritte in den Raum hinein, dann wendet sie sich ihm zu: »Das ist unser Computersystem.«

Mit der ausgestreckten, rechten Hand weist sie auf einen Computer, der auf dem Schreibtisch auf der linken Seite dieses Büros steht. Es ist ein alter PC, wie Henry sofort am kleinen Röhrenbildschirm sieht, der auf dem rechteckigen PC Gehäuse thront. Irgendwas an diesem Anblick kommt Henry Morgenfahrt bekannt vor, aber noch bevor er dieses Wissen aus den Tiefen seiner Erinnerung nach oben holen kann, setzt die junge Ordensfrau ihre Erklärung fort: »Wir benützen das System seit vielen Jahren. Es ist alt, aber für uns ist es mehr als ausreichend. Damit können wir alles machen, was wir brauchen. Wir haben sogar einen Drucker, für die Berichte an die Kongregation, sehen Sie?«

Jetzt hat sie sich etwas nach hinten in den Raum umgewandt und deutet auf etwas, das Henry von seinem Standpunkt aus nicht sehen kann. Trotzdem nickt er ein Verstehen vorgebend.

Die junge Ordensfrau hat sich ihm wieder zugewandt und schaut ihn mit sorgenvollem Blick an: »Können Sie uns helfen?«

Henry Morgenfahrt holt tief Luft, wiegt den Kopf und setzt dann leise an zu fragen: »Nun, vielleicht. Aber zuerst muss ich zwei Dinge wissen.«

Eifrig nickt die Ordensfrau, sie blickt ihn dabei erwartungsvoll an.

»Nun, ich würde gerne wissen, wie ich Sie ansprechen soll. Also, welchen Namen ich verwenden kann.«

Irritiert ob der vermeintlichen Banalität dieser Frage, hält sie den Kopf schief, als sie antwortet: »Oh, ich bin Schwester Sophia.«

Aufmunternd lächelt er ihr zu: »Sehr erfreut, Schwester Sophia. Ich bin Henry Morgenfahrt.«

Sie stutzt kurz, als er seinen Namen nennt. Er kennt diese Art der Reaktion bereits, so dass er umgehend eine Erklärung folgen lässt.

»Sie haben das richtig erkannt, ich stamme aus einer jüdischen Familie. Sie wissen sicher, dass nicht alle Juden damals, nach der schlimmen Zeit, aus Deutschland ausgewandert sind. Meine Großeltern haben sich bei der Befreiung von Buchenau kennengelernt.«

Schwester Sophia hat die Hände vor sich gefaltet. Er kann erkennen, wie sie diese unsicher knotet, daher beschließt er ihre Not zu lindern: »Keine Sorge, das ist lange her. Ich erzähle das nur, damit das nicht immer ungesagt im Raum stehen bleibt. Viele Menschen fühlen sich unsicher, wenn das Thema Shoa aufkommt.«

Sie nickt eilig: »Natürlich, bitte entschuldigen Sie. Aber wir haben selten mit ...«

Lächelnd ergänzt er ihren Satz, der einen Moment unvollendet in der Luft zu hängen scheint: »... mit Juden zu tun. Kein Problem.«

Sie holt tief Luft, dann fragt sie neugierig: »Sind Sie ... Jude?«

Er schüttelt den Kopf und versucht zu erklären: »Nun, meine Mutter war Jüdin, eine strenggläubige, das kann ich Ihnen sagen. Also bin per Definition auch ich Jude. Aber ich denke, Sie wollten fragen, ob ich gläubig bin.«

Versonnen geht sein Blick kurz ins Leere. Dann, nach einem tiefen Atemzug wiegt er bedauernd den Kopf: »Ich denke, ich bin im Sinne der Spiritualität eine Art Niemandsland.«

Ihre Antwort zeugt von festem Überzeugung: »Niemand ist spirituell ein Niemandsland. Gott ist in allen Menschen.«

Nachsichtig gibt er ihr mit einem angedeuteten Grinsen recht: »Natürlich. Aber erzählen Sie mir bitte, wo liegt denn das Problem bei ihrem Computersystem?«

Schwester Sophia strafft sich und schließt die Augen. Sie sammelt sich kurz, um dann mit einer sorgfältig formulierten Erklärung zu beginnen: »Nun, ich kann das System immer noch einschalten. Auch der Bildschirm leuchtet, funktioniert also, denke ich.«

Henry Morgenfahrt denkt bei sich, dass sich dieses Gespräch anfühlt, als wäre er bei einer Anamnese. Als junger Mann hatte er die Vision, Arzt zu werden. Er hat sogar einige, eigentlich sogar viele Semester Humanmedizin studiert und ist in seiner Freizeit als Sanitäter auf Rettungsfahrzeugen mitgefahren. So hat er mehr als genügend Erfahrungen mit der Befragung von Patienten, die krank sind oder unter Schock stehen. Schwester Sophia ist sicher nicht krank, aber das Problem mit ihrem Computer scheint ihr ernsthaft Sorgen zu bereiten. So fragt er verständnisvoll weiter: »Das ist ja schon mal etwas, ich meine, dass der Bildschirm funktioniert.«

Schwester Sophia nickt traurig: »Aber das war es dann auch schon.«

Henry beschließt, in der Rolle der medizinischen Fachkraft zu bleiben, so antwortet er mit dem pastoralen Ton samt dem Plural Medizinalis, den Mediziner so gerne verwenden: »Nun, dann wollen wir uns den Patienten einmal anschauen, was meinen Sie?«

Eifrig wendet sie sich um und geht noch zwei Schritte tiefer in den Raum. So kann Henry um den Schreibtisch herumgehen. Er schiebt mit der rechten Hand den Bürostuhl, der korrekt am Schreibtisch angestellt steht, zurück und setzt sich dann andächtig.

Vor ihm steht eine Rarität. Liebevoll lässt er die Augen über das Gehäuse gleiten, dessen Form und Farbe in eingeweihten Kreisen fast Kultstatus erlangt hat. Es ist unglaublich lange her, dass er ein solches System in Echt gesehen hat. Tief holt er Luft, dann blickt er zu Schwester Sophia hoch, die erwartungsvoll hinter ihm steht und etwas zu ihm heruntergebeugt hat.

»Das ist Ihr Computersystem?«

Sie nickt traurig, ihre Miene sagt ihm, dass sie auf die schlimmste aller Nachrichten gefasst ist. Wieder erinnert ihn das an seine kurze, medizinische Karriere. Er wundert sich dabei einen Moment lang, warum ihm gerade heute diese Erinnerungen öfters begegnen, hat er doch tatsächlich viele Jahre lang nie daran gedacht. Dann wird ihm klar, dass die Augen von Schwester Sophia ob seines langen Schweigens immer sorgenvoller blicken. So versucht er, gleich einem Notfallseelsorger, mit weichen Worten zu beruhigen: »Das ist erstaunlich. Das ist ein Apple IIe mit grünem Monochrommonitor, vermute ich.«

Erleichtert atmet Schwester Sophia auf und sofort sprudelt es aus ihr heraus: »Genau. Es war ein Geschenk an unser Haus, das ist jedoch schon einige Jahre her. Aber bis jetzt hat immer alles wunderbar funktioniert, bis ...«

Kurz beißt sie sich auf die Unterlippe, dann setzt sie den begonnenen Satz leise fort: »... na bis er nicht mehr funktioniert hat. Vorgestern war das.«

Sie fixiert ihn sorgenvoll: »Können Sie uns helfen?«

Henry Morgenfahrt ist sich nicht ganz sicher, ob mit diesem 'Uns' die Gemeinschaft der Nonnen oder die Gemeinschaft von Schwester Sophia mit diesem zugegebenermaßen hochbetagten Computer gemeint ist. Der Einfachheit halber fällt er wieder in die Dialogführung des Mediziners zurück, als er ihr antwortet: »Ich tue mein Bestes.«

Dankbar legt sie ihm die Hand auf die Schulter. Nach einem tiefen Atemzug, fast einem Schniefen gleich, richtet sie sich auf: »Ich kann bleiben, wenn Sie mich brauchen.«

Er schüttelt den Kopf: »Nein, kein Problem. Ich melde mich, wenn ich Fragen habe, keine Sorge.«

Bestätigend bewegt sie den Kopf, dann wendet sie sich um und lässt Henry Morgenfahrt alleine zurück. Dieser stellt seine Stofftasche neben den Schreibtisch. Dann versucht er sich, einen Überblick über die Situation zu verschaffen.

Henry kann es immer noch nicht fassen. Ein Apple IIe. Der muss Mitte der 80er Jahre gebaut worden sein. Dumpf erinnert er sich daran, dass dieses Ding der absolute Verkaufsrenner war. Dann ruft er sich zur Ordnung. Mühsam denkt er daran, wie er anlässlich eines Workshops vor vielen Jahren von einem der Altcomputer Enthusiasten in die Technik des Apple IIe eingeführt worden war. Nachdenklich hält er den Kopf schief. Dann steht er auf und geht um den Schreibtisch herum. Das Gerät ist gut gepflegt. Wie alles im Haus ist das Gehäuse sauber und staubfrei. Wäre der weiße Kunststoff nicht etwas vergilbt, könnte man diesen Apple für fast neuwertig halten. Grinsend überlegt sich Henry, ob es für Computer eine Zustandsbeschreibung wie für Autos gibt. Wenn ja, dann wäre das der klassische 'Garagenwagen, nur wenig gefahren'. Der Computer selbst und der Bildschirm haben getrennte Netzzuleitungen. Henry geht zurück zum Bürostuhl und setzt sich erneut. Rechts neben dem Schreibtisch ist ein kleines Beistellregal. Wie der Schreibtisch ist auch dieses aus Holz gefertigt, beide zeigen das typische gelbbraun alter Büromöbel aus Holz. Auf dem Beistellregal steht eine kleine Kunststoffbox. Der Deckel ist aus durchsichtigem, braunen Material gefertigt. Vorsichtig öffnet er die Diskettenbox. Darin werden, sauber getrennt mit einem Register, viele der früher so üblichen Disketten aufbewahrt.

Alle sind mit Etiketten beklebt, die mit einer sauberen Handschrift beschriftet sind. Obwohl die Beschriftung in Italienisch gekennzeichnet sind, kann er sich doch bei fast allen Disketten denken, welche Daten darauf sind.

'Avvio del sistema I', 'Avvio del sistema II', 'Visicalc'.

Bei dieser letzten Diskette muss Henry schmunzeln. Er hält quasi den UrUrUrahn der heutigen Tabellenkalkulationen in Händen. Sicher war den Programmierern dieser Software damals nicht klar gewesen, dass ihre Ideen einmal die gesamte Menschheit, oder zumindest dem Teil der Menschheit, der sich mit Büroarbeiten beschäftigt, beglücken. Energisch ruft er sich zur Ordnung, schließlich geht es um einen Computer und eine Nonne in Not. Da sollten solch abstrakte Gedanken hinten anstehen. Grinsend legt er die Disketten zurück in die Box. Ganz hinten sind noch zwei weitere Disketten. Sie sind ebenfalls etikettiert, aber es wurde eine Schreibmaschine für das Beschriften der Etiketten verwendet. Er nimmt sie heraus. Nachdenklich liest er 'Itinerario uno' auf dem einen Etikett und 'Itinerario due' auf dem anderen Etikett. Nach einem Moment des Nachdenkens vermutet er einen kirchlichen Datenbestand, der auf diesen Disketten gespeichert ist. Viele Daten können das indes nicht sein, schließlich haben die diese Dinger lediglich knapp über einhunderttausend Zeichen gespeichert, genau gesagt nur 114 KB. Das wird in heutiger Zeit mit beiläufiger Selbstverständlich von der Datenmenge eines mit einem Mobiltelefon gemachten Fotos übertroffen, so ein Foto benötigt problemlos auch das zwanzigfache dieser Datenspeichermenge.

Wieder ruft sich Henry zur Ordnung. Auch diese beiden Disketten legt er zurück und dann wendet er sich wieder dem Apple IIe zu. Stumm und bereit steht er vor ihm. Henry spürt genau, dass dieses Gerät immer noch in der Lage ist, seine Aufgaben zu erfüllen. Normalerweise erzählt er niemanden von diesen Empfindungen, lediglich einmal hat er bei einer dieser ewigen Nachtsessions für einen Kunden, seinem damaligen Mitstreiter davon berichtet. Mitten während ihrer Arbeit wollte ihr PC damals keine Daten mehr speichern. Sein Kollege vermutete eine defekte Festplatte, was so ziemlich das Schlimmste für die beiden Kämpfer der Nacht gewesen wäre. Eine defekte Festplatte hätte doch die Macht, die Arbeit von Stunden einfach so vernichten zu können. Aber Henry spürte, dass das Problem nicht so mächtig, so bösartig ist. Und tatsächlich, der Fehler lies sich dann ganz einfach beheben. Aber Henry kann sich noch heute an den zweifelnden Blick des Kollegen erinnern, als er ihm seine Wahrnehmung schilderte. In dessen Augen war klar die Sorge um Henrys Geisteszustand gestanden. So hat Henry seither niemandem mehr von dieser Art Wahrnehmung erzählt.

Mit einem Seufzen greift er zur Diskette mit der Beschriftung 'Avvio del sistema I'. Dann klappt er die schwarze Klappe des linken Diskettenlaufwerkes unter dem Bildschirm hoch und schiebt die Diskette sorgfältig ein. Vorsichtig schließt er die Klappe. Er weiß, dass jetzt der Lesekopf des Diskettenlaufwerks auf der Magnetschicht aufgesetzt ist. Dann drückt er den Netzschalter am Bildschirm. Noch ist nichts auf dem Bildschirm zu erkennen, aber die grüne Statusanzeige neben dem Netzschalter leuchtet nun.

Erneut steht er auf, geht um den Schreibtisch und schaltet mutig den Netzschalter an der Rückseite des Apple IIe ein.

Es passiert nichts. Henry verzieht das Gesicht. Das sieht nicht gut aus. Gar nicht gut, wenn er ehrlich zu sich selbst ist. Er schließt die Augen und versucht auf seine innere Intuition zu hören, jene Intuition, von der er damals vor so vielen Jahren seinem Kollegen erzählt hat. Nach wie vor sagt ihm diese Intuition, dass kein größeres Problem vorliegt. Wieder öffnet er die Augen. Er geht um den Schreibtisch herum. Vorsichtig schaltet er den Netzschalter aus, wartet einen Moment und drückt dann wieder auf die Ein-Position der Schalterwippe. Keine Reaktion. Der Apple IIe ist tot.

Henry blickt hoch und in Richtung Türe. Dann schüttelt er trotzig den Kopf. Nein, so will er den Patienten nicht aufgeben. Es ist noch Leben in ihm, da ist sich Henry sicher. Wieder wendet er sich dem Schreibtisch zu und betrachtet die Rückseite des Apple IIe. Ohne bewusste Anstrengung greifen seine Hände nach den Steckern. Von links nach rechts prüft er den Sitz der Stecker. Es ist alles in Ordnung. Aber als er schließlich beim letzten Kabel auf der rechten Seite angekommen ist, fällt dieses Kabel ihm praktisch in die Hand. Das Netzkabel war nicht richtig eingesteckt! Triumphierend lächelt Henry. Dann mahnt er sich zur Sorgfalt. Er hält das Kabel hoch und leicht schräg, sodass er die in der Buchse vertieft liegenden Kontakte sehen kann. Soweit er das im Licht der Neonröhre an der Decke erkennen kann, ist alles in Ordnung. Sorgfältig schiebt er anschließend den Stecker in die vorgesehene Buchse am Apple IIe. Deutlich kann er spüren, wie der Stecker fest sitzt. Noch einmal rüttelt Henry zärtlich am Kabel, aber jetzt sitzt das Netzkabel fest. Aufatmend richtet er sich auf. Sein Blick fällt auf ein Kreuz an der Wand. Eine Jesusfigur ist daran angebracht, die Holzschnitzarbeit wirkt sehr lebensecht. Leidend hat Jesus den Kopf geneigt. Aus einer Eingebung heraus bittet Henry diesen Jesus um Unterstützung. Dann drückt er resolut den Netzschalter.

Ein Piepser ertönt, ein hörbarer erster Atemzug eines Computers nach dem Einschalten. Erleichtert lässt Henry die Luft aus den Lungen weichen. Eigentlich hat er gar nicht bemerkt, dass er den Atem beim Einschalten angehalten hat. Nun sind klappernde Geräusche zu hören. Eilig geht Henry um den Schreibtisch herum und da ist es. Der Bildschirm zeigt die in grünschimmernden Buchstaben und Zahlen die Systemversion an und ein Cursor blinkt in der untersten Zeile.

Henry steht einige Sekunden lächelnd vor dem Bildschirm. Dann nickt er zufrieden. Er wendet sich zur Tür, die er nach wenigen Schritten erreicht hat. Draußen im Treppenhaus ist es leise, so entschließt er sich hinunter zu gehen anstatt nach der jungen Ordensfrau zu rufen. Gerade als er die ersten Stufen der Holztreppe hinabgegangen ist, kommt ihm eine aufgeregte Schwester Sophia entgegen. Sie will ihn fragen, aber er nickt ihr mit einem souveränen Lächeln gutmütig zu. Auf der Treppe ist wenig Platz, so dreht er sich um und geht einfach wieder nach oben. Dort angekommen lässt er die aufgeregte Nonne vorbei. Diese stürmt zum Schreibtisch und lässt einen frohen Jauchzer hören, als sie den Bildschirm erblickt. Einmal, zweimal atmet sie tief ein, dann hebt sie den Blick: »Gracie, gracie mille, gracie!«

Henry lächelt entschuldigend: »Oh, es war nicht schwierig, lediglich das Netzkabel war etwas locker.«

Die Ordensfrau hört ihn schon nicht mehr. Sie hat die Augen geschlossen und die Hand um das Kreuz gelegt, dass sie um den Hals trägt. Es ist ein einfaches Kreuz. Ihre Lippen bewegen sich flatternd. Ergriffen wird Henry klar, dass Schwester Sophia betet. So wartet er geduldig, bis sie wieder die Augen öffnet. Jetzt ist es wieder da, das jugendliche Blitzen in ihrem Blick. Nochmals ein dankendes Nicken, dann greifen flinke Finger nach den Disketten.

Erstaunt kann Henry Morgenfahrt beobachten, wie Schwester Sophia routiniert arbeitet. Ab und an schnalzt sie mit der Zunge, aber ansonsten ist es still im Raum. Lediglich das Arbeitsgeräusch des Diskettenlaufwerkes ist zu hören. Mal ein schnelles Klopfen, begleitet von einem schleifenden Geräusch, wenn der Lesekopf sich bewegt.

Nach einiger Zeit beschließt Henry die junge Ordensfrau einfach in Ruhe arbeiten zu lassen. Er wendet sich um und verlässt leise den Raum. Nachdenklich geht er die Treppe hinunter, bis ihn der appetitliche Geruch nach Knoblauch aus seinen Gedanken holt. Jetzt stellt er fest, wie hungrig er ist. Kurzentschlossen folgt er dem Geruch hinunter ins Erdgeschoss. Leise Musik ist zu hören. Jazzmusik, wie Henry verblüfft feststellt. Mit jedem Schritt die Treppe hinunter wird die Musik lauter und der appetitanregende Duft nach Essen intensiver.

5 Schnelles Handeln

Musik Cosmic Ray | Milt Jackson & Ray Charles 12. September 1957

Henry hat das Erdgeschoss erreicht.

Er folgt dem spärlich beleuchteten Flur bis ganz zum Ende. Dorther kommt die Musik, und er vermutet, dass auch die Quelle der Essensgerüche dort zu finden ist.

Vorsichtig betritt er den Raum – die Tür steht offen. Er steht in einer großen Küche. Unbewusst hebt sich sein Blick zur Decke. Der Raum ist deutlich höher als der Flur, durch den er gekommen ist. Henry beginnt zu lächeln.

Wenn er sich in seiner Phantasie die Küche eines englischen Herrenhauses vorstellt – so wie sie in diesen Romanen beschrieben wird –, dann sieht er ein ganz bestimmtes Bild vor sich. Diese Romane erzählen pittoreske Geschichten von Liebe und Verwicklungen. Sie spielen in Landschaften, die auf wundersame Weise immer beeindruckend wirken. Genau so würde die Küche eines dieser fiktiven Herrenhauses aussehen.

Ein Steinboden, der den Eindruck erweckt, schon viele Jahrhunderte hier zu liegen. Ein großer Tisch aus dunkelbraunem Holz, dessen Platte vom vielfachen Gebrauch gezeichnet ist. Frisches Gemüse und Schüsseln, die darauf bereitstehen. Alles wirkt so wunderbar perfekt.

Das ist ein warmer Ort. Einer, an dem man gerne verweilt – und der gleichzeitig dazu einlädt, mitzuwirken an der Entstehung von Gaumenfreuden.

Auf einem Bord steht eine alte Stereoanlage. Die zwei kleinen Lautsprecher lassen Jazzmusik durch den Raum schweben.

»Oh, schön, dass Sie da sind. Gleich gibt es Essen!«

Erschrocken wendet sich Henry Morgenfahrt um. Die Mutter Oberin lächelt ihn freundlich an, während sie sich die Hände an einem Geschirrtuch abwischt, das sie in den Gürtel ihrer dunkelblauen Schürze gesteckt hat. Einen Moment lang weiß Henry nicht, was er sagen soll. Dann wird ihm klar, was ihn so verblüfft hat: »Sie sprechen Deutsch?«

Ein fröhliches Lachen der Mutter Oberin erklingt. Dann wendet sie sich um und geht einen Schritt auf den riesenhaft wirkenden Herd aus Gusseisen zu, der hinter ihr steht. Sie greift nach einem weiteren Geschirrtuch und hebt damit vorsichtig den Deckel eines großen Topfes an.

Hellblaues Email ist an vielen Stellen abgeplatzt, sodass der Topf alt und gebraucht wirkt. Doch der Duft, der durch die hohe Küche zieht, ist unbeschreiblich. Henry schließt einen Moment lang genießerisch die Augen.

Mit sicheren Bewegungen schmeckt sie das Essen im Topf ab, setzt mit einem zufriedenen Nicken den Deckel wieder auf und wendet sich ihm erneut zu: »Ich denke, ich sollte mich vorstellen. Ich bin Schwester Eva. Ich habe die Ehre, unserer kleinen Gemeinschaft als Oberin zu dienen.«

Henry erkennt, dass er mit seiner Vermutung über ihre Position recht hatte. Dann besinnt er sich auf seine Manieren: »Sehr erfreut, Schwester Eva. Mein Name ist Henry Morgenfahrt. Nennen Sie mich bitte einfach Henry.«

Sie nickt, und für einen Moment wird ihr Blick, mit dem sie ihn mustert, wieder nüchtern und durchdringend. Dann, mit einem ärgerlichen Schnalzen, ruft Schwester Eva sich selbst zur Ordnung.

»Danke, dass Sie uns so selbstlos helfen wollen. Das ist etwas, was in der heutigen Zeit viel seltener geworden ist, als man es sich wünschen würde.«

Henry nickt verstehend: »Nun, meiner Erfahrung nach liegt das auch daran, dass man heutzutage vielleicht eher davor zurückschreckt, um Hilfe zu bitten.«

Ihr Blick wird nachdenklich: »Da könnten Sie recht haben.«

Dann holt sie energisch Luft und lächelt ihn erneut an. Wie schon vorhin stellt Henry auch jetzt wieder fest, dass diese Ordensfrau so viel sympathischer wirkt, wenn sie lächelt: »Aber jetzt haben Sie sicher Hunger! Setzen Sie sich.«

Geschäftig schiebt sie die Schüsseln auf dem Holztisch beiseite und verfrachtet das Gemüse hinüber zum aus Stein gehauenen Spülbecken. Henry muss innerlich grinsen – das ist dann wohl ein Spülstein.

Schwester Eva zaubert ein sauberes Tischset aus den Untiefen des hellblau lackierten Holzschrankes hervor, der links neben der Tür steht. Sie bugsiert Henry auf einen Stuhl, und im nächsten Moment sitzt er am Tisch, während sie sorgfältig Besteck für ihn bereitlegt. Nun wirbelt sie einige Zeit geschäftig durch die Küche, und so hat er Gelegenheit, diese Ordensfrau in Ruhe zu beobachten.

»Sagen Sie, Schwester Eva, wieso sprechen Sie so gut Deutsch?«

Sie wirft ihm einen verschmitzten Blick zu, antwortet dann, während sie weiter am Herd arbeitet: »Nun, ich bin Deutsche! Zumindest zu zwei Dritteln.«

Verblüfft fragt Henry nach: »Zwei Drittel Deutsche?«

Sie lacht, während sie vorsichtig etwas aus dem hellblauen Topf in eine weiße Porzellanschüssel schöpft:

»Meine Mutter war Deutsche, und mein Vater hatte einen deutschen Vater und eine italienische Mutter. Also bin ich ungefähr zu zwei Dritteln Deutsche!«

Henry ist versucht, ihren Rechenfehler zu korrigieren, doch ermahnt sich gerade noch rechtzeitig. Eigentlich ist es unbedeutend, ob die Mutter Oberin zu zwei Dritteln oder drei Vierteln Deutsche ist. Also nickt er nur bestätigend.

Jetzt stellt sie die Schüssel auf den Tisch und runzelt die