Die helle Wanderin - Markus D. Mühleisen - E-Book

Die helle Wanderin E-Book

Markus D. Mühleisen

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Beschreibung

Auf Kahlía, der Hauptwelt des Lichtwächterimperiums, kündigen sich große Umwälzungen an. Denn Lichtbruder, der zusammen mit Lichtschwester die Geschicke des Imperiums leitet, ist schwer krank. Die Gilde der Lichtheiler scheint die Krankheit nicht aufhalten zu können. Und immer noch warten die Gilden auf das Dunkle Zeichen, mit dem seit Anbeginn der Zeiten die Nachfolge der Lichtgeschwister verkündet wird. Da trifft die junge Wanderin Kkhil T~es M`aru auf ihrer Reise durch den großen Gehrbaumwald weit im Norden von Kahlía auf einen Mann aus der Lichtwelt. Kann sie mit ihm die dunklen Pläne der im Geheimen arbeitenden Kräfte auf Khalía aufhalten und so den Fortbestand des Lichtwächterimperiums retten?

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Seitenzahl: 446

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Inhalt

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Vorgedanken

I

smarana

स्मरणम्

~ Gedenken ~

II

cancalatā

चञ्चलता

~ Unruhe ~

III

anuvittiḥ

अनुवित्तिः

~ Finden ~

IV

anubhavah

अनुभवः

~ Erfahren ~

V

tamas

तमः

~ Dunkelheit ~

VI

viśrama

विश्रमः

~ Rast ~

VII

smukto deśaḥ

मुक्तोदेशः

~ offenes Land ~

VIII

himaparvatāh

हिमपर्वताः

~ Schneeberge ~

IX

pathikāśrame

पथिकाश्रमे

~ In der Herberge ~

X

ekā kridā ārabhyate

एकाक्रीडा आरभ्यते

~ Ein Spiel beginnt ~

XI

vañcanam

वञ्चनम्

~ Täuschung ~

XII

vic

āraḥ

विचारः

~ Reflexion ~

XIII

śikṣaṇaṃ jīvanam

अन्धकाराणिनिश्चितानि

~ Lernen ist Leben ~

XIV

andhakārāṇi niścitāni

अन्धकाराणिनिश्चितानि

~ Dunkle Pläne ~

XV

sammukhīkaraṇam

सम्मुखीकरणम्

~ Konfrontation ~

XVI

gabhīratāyā jñānam

गभीरतायाज्ञानम्

~ Erkenntnis der Tiefe ~

XVII

bhūmyadhastāt

भूम्यधस्तात्

~ Im Untergrund ~

XVIII

satyaṃ sahayyam

सत्यंसाहाय्यम्

~ Wahre Hilfe ~

XIX

dīrghāṇi padāni

दीर्घानि पदानि

~ Weite Schritte ~

XX

rakshaṇe

रक्षणे

~ Auf der Hut - En Garde ~

XXI

darśanam

दर्शनं

~ Beobachtung ~

XXII

vātyā prādurbhavati

वात्याप्रादुर्भवति

~ Ein Sturm zieht auf ~

XXIII

nīhāreṇa

नीहारस्यमाध्यमेन

~ Durch den Nebel ~

XXIV

agrataḥ

अग्रतः

~ Vorwärts ~

XXV

uddharaṇam

उद्धरणम्

~ Erhebung ~

XXVI

parivartanam

रिवर्तनम्

~ Veränderung ~

XXVII

upaśamanam

उपशमनम्

~ Heilung ~

XXVIII

samyak sthānaṃ prati

सम्यक्स्थानं प्रति

~ Zum richtigen Ort ~

XXIX

maitryāḥ prakarāḥ

मैत्र्याः प्रकराः

~ Wege der Freundschaft ~

XXX

taraṅgasya bhaṅgaḥ

तरङ्गस्य भङ्गः

~ Das Brechen der Welle ~

XXXI

vātyāśāntiḥ

वात्याशान्तिः

~ Sturmruhe ~

XXXII

upakalpanam

उपकल्पनम्

~ Vorbereitung ~

XXXIII

ālambanam

आलम्बनम्

~ Unterstützung ~

XXXIV

nirnayah

निर्णयः

~ Entscheidung ~

XXXV

prasthanam

प्रस्थानं

~ Aufbruch ~

XXXVI

ekam antimam karyam

एकंअन्तिमं कार्यम्

~ Eine letze Aufgabe ~

XXXVII

kridakanam gatih

क्रीडकानांगतिः

~ Bewegung der Spieler ~

XXXVIII

viyojanam

वियोजनम्

~ Entfesselung ~

XXXIX

pratham upasanhar

प्रथम उपसंहार

~ Erster Epilog ~

XL

dvitiyah upasanharah

द्वितीयः उपसंहारः

~ Zweiter Epilog ~

XLI

Personen und Institutionen

XLII

Begriffe

XLIII

Zeitliche Einordnung

XLIV

Buchvorschläge

0

Vorgedanken

Liebe Leserin, lieber Leser, ich lade Sie ein, mit mir auf eine Reise zu gehen. Auf eine Reise in die Welt der Fantasie. Lassen Sie uns gemeinsam aufbrechen in eine andere Welt!

Was wäre, wenn die Welt, wie wir sie kennen und normal finden, nicht die einzige, mögliche Form der Existenz wäre - es also noch zumindest eine andere gäbe? Vielleicht ist diese andere Welt der unsrigen in manchen oder sogar vielen Dingen ähnlich. So könnte ein zufälliger Besucher aus unserer Welt dort in dieser anderen Welt vielleicht problemlos existieren. Er könnte dort sogar das ein oder andere Bekannte vorfinden. Nur um dann doch festzustellen, dass eben dort, in dieser anderen Welt, so vieles sich von dem unterscheidet, was uns bekannt vorkommt.

Dieser Gedanke ist sicher nicht neu, und trotzdem hat er mich, als ich dieser Idee ein wenig nachgegangen bin, immer weiter in seinen Bann gezogen und sehr fasziniert. So ist dieses Buch entstanden.

Arthur C. Clark hat 1962 festgestellt:

»Jede hinreichend fortschrittliche Technologie ist von Magie nicht zu unterscheiden.«

Natürlich kann man diesen Gedanken auch umkehren. Man stelle sich eine Gesellschaft vor, in der der Umgang mit nicht technologischen Fähigkeiten eine Selbstverständlichkeit ist. Eine Gesellschaft, in der die Wesen durch geistige Fähigkeiten den Zugang zu übergeordneten Strukturen entwickelt haben. Wir würden diese Fähigkeiten vielleicht als Magie bezeichnen. Hat diese Gesellschaft diese Magie inzwischen so fortschrittlich entwickelt, dass sie diese alltäglich und nutzbar einsetzen können, könnte man formulieren:

»Jede hinreichend fortschrittliche, geistige Fähigkeit ist von Magie nicht zu unterscheiden.«

Für dieses Buch habe ich all meine Fantasie eingesetzt und mir viele Dinge einfallen lassen, die es bei uns nicht gibt. Dabei ist ein ganzes und neues Universum entstanden. Außerdem wollte ich meine Erzählung in ein größeres Bild, eine andere Form der Existenz, einbetten. So habe ich das Lichtwächterimperium erschaffen.

Nein, dort gibt es keine kämpfenden Raumstreitkräfte, keine Laserstrahlen, die gegnerische Raumschiffe verdampfen sollen. Das Lichtwächterimperium unterscheidet sich damit grundsätzlich von gängigen Vorstellungen über fremde Zivilisationen und weltenumspannenden Herrschaftsbereichen auf anderen Planeten in den Weiten des Weltalls.

In dieser Erzählung gibt es die Lichtwelt und die

Möglichkeiten, die sich daraus ergeben, sind vielfältig. Sowohl die Lichtwelt als auch die Möglichkeiten sind ein selbstverständlicher Teil des Lebens aller Wesen. Wären wir dort zu Besuch, würde so vieles auf uns wie Magie und Zauberei wirken.

Wenn man eine Geschichte so erzählen will, hat das natürlich auch so seine Tücken. Denn ich muss meinen Lesern zumuten, dass sie mit einer Unmenge an neuen Begriffen und Konzepten klarkommen. Um genau dies zu erleichtern, habe ich am Ende des Buches mehrere Kapitel mit Begriffserklärungen gesetzt. Es werden Personen und Institutionen beschrieben und viele der in dieser Erzählung verwendeten Begriffe erläutert. Falls Sie also beim Lesen über etwas stolpern, das Ihnen fremd und unverständlich erscheint, bitte ich darum, diese Kapitel am Buchende zum Nachschlagen zu verwenden. Oder Sie lassen sich beim Lesen einfach von der Geschichte mittragen, denn viele der Zusammenhänge erklären sich im weiteren Verlauf der Erzählung zumindest teilweise aus dem Kontext.

Es gibt auch noch eine dritte Möglichkeit: Sie nutzen die Weisheit des Korallenbaumes. Bei allen Kapitelanfängen gibt es einen QR-Code. Dieser führt ohne Umwege zu den Weisheiten des Korallenbaumes. Dort werden in Wort und Sprache die wichtigsten Personen, Institutionen und Begriffe dieses Kapitels erläutert. Wer mag darf also einfach den QR-Code scannen und die Weisheit des Korallenbaumes nutzen, ohne ans Ende des Buches blättern zu müssen!

Ich möchte noch einige Worte zu den Kapitelüberschriften verlieren. Wie in meinen Büchern üblich haben die Kapitel Nummern und hoffentlich neugierig machende Überschriften. In diesem Buch habe ich mich dazu entschieden, diese Überschriften in Sanskrit zu verfassen. Diese alte Sprache wird oft auch als die Sprache der Mantras bezeichnet, schließlich ist ihr Ursprung die Erzählungen und Schriften der Veden und damit einer uralten Sammlung der religiös mündlichen Überlieferungen im Hinduismus. So war mein Gedanke, diese für den Hinduismus so wichtige Sprache zum Symbol für eine Erzählung aus einer für uns fremden, faszinierenden Welt des Lichtwächterimperiums werden zu lassen. Daher sind die Kapitelüberschriften sowohl in Sanskrit in westlicher Schreibweise, in Zeichen der Sanskritschrift, als auch in deutscher Übersetzung aufgeführt. Ich bedanke mich herzlich bei Dr. Frank Köhler vom Asien-Orient-Institut der Eberhard-Karls-Universität Tübingen für seine selbstlose Hilfe bei der Übersetzung der Überschriften nach Sanskrit. Ohne diese wunderbare Unterstützung hätte ich die Idee der Sanskrit-Überschriften niemals umsetzen können. Alle eventuell noch vorhandenen Übersetzungsfehler sind somit einzig mir anzulasten.

Vielleicht nehmen Sie dies beim Lesen auch als Gedanke mit, dass Dinge in anderen Sprachen auch anders benannt werden, weil die Kultur dahinter eine andere ist. Dennoch fühlen und erleben wir die Dinge ähnlich auch wenn es zuerst befremdlich für uns klingt. Im Grunde sind sich die Wesen über die verschiedenen Welten hinweg ähnlich und fühlen in nahezu gleicher Weise.

Nun hoffe ich, Sie haben viel Spaß und Vergnügen beim Lesen dieses Buches. Lassen Sie sich entführen in die Erzählung um die

Die helle Wanderin

~ Der Große Verrat ~

I

smarana

स्मरणम्

~ Gedenken ~

Nutze das Wissen

des Korallenbaumes

Nur noch sporadisch kommt Shirkla-Sva-Ssil hierher. Die große Audienzhalle ist leer. Natürlich ist sie leer, schließlich befindet sie sich im alten Hof der Lichtgeschwister. Nur wenige Gebäude des alten Hofes sind heutzutage noch zugänglich, da sie nicht mehr intakt sind.

Das Hauptgebäude, in dem sich die große Audienzhalle befindet, hat die größten Schäden hinnehmen müssen. Damals, in den letzten Stunden der Katastrophe, die fast das Ende des Lichtwächterimperiums bedeutet hätte. Langsam schwebt er an den Wänden entlang. Immer wieder verharrt er vor einem der großen Bildnisse. Es sind Darstellungen von den bedeutenden Momenten in der Geschichte des Lichtwächterimperiums. Viele dieser Momente hat Shirkla-Sva-Ssil sogar selbst miterlebt. Er gehört der Spezies der Vo-Shirr an. Ursprünglich stammt er von der Gaswelt Sssaarritaiy. Vo-Shirr werden unglaublich alt. Ihre Gestalt gleicht schwebenden Federkugeln, was natürlich eine sehr praktische Körperform für Bewohner einer Gaswelt darstellt. Als junge Vo-Shirr leuchten die Federn, die von ihren Körpern in alle Richtungen hin abgehen, leuchtend weiß. Je älter ein Vo-Shirr wird, desto dunkler wird sein Federkleid.

Das Federkleid Shirkla-Sva-Ssil ist dunkelgrau, fast schwarz. Er ist unglaublich alt. Der Vo-Shirr lässt seine Federn ein Geräusch erzeugen, das wie ein Seufzen klingt. Dann schwebt er weiter. Durch seine ungewöhnlich enge Anbindung an die Lichtwelt hält er auch auf Khalía, der Hauptwelt des Lichtwächterimperiums, seinen wie ein Ball aus Federn aussehenden Körper immer in der Schwebe.

Wie schon so oft sinniert er über die Lichtwelt, diese für alle Welten so bedeutsame Kraft. In all den Sonnenzyklen hat er nach einer verständlichen Beschreibung für die Lichtwelt gesucht. Für ihn als Vo-Shirr ist die Anbindung an diese alles umfassende Verbindung zwischen allen Wesen dieser Welt und allen anderen Welten so selbstverständlich, dass dafür keine weitere Beschreibung nötig wäre. Aber Wesen mit weniger Anbindung an die Lichtwelt bitten ihn oft um Worte der Erklärung, um eine Beschreibung davon. Jedoch hat er in all den Sonnenzyklen seiner Existenz auf diese Frage noch nie eine wirklich gute und umfassende Antwort geben können. Oft stellt sich sein Gegenüber die Lichtwelt als Ort vor. Dabei ist die Anwendung eines Konzeptes einer räumlichen Struktur in der Lichtwelt so unmöglich wie unnötig. Es blieb ihm meistens nur der Begriff einer verbindenden Struktur, die alle Welten und Wesen gleichermaßen in Kontakt hält. In seltenen Fällen konnte er mit seinem Gesprächspartner diese Überlegung vertiefen und so auch alternative Existenzen oder Welten in die Überlegungen zur Lichtwelt einbringen. Er erinnert sich an diesen besonderen Mann, der durch die Lichtwelt nach Khalía kam, als wäre es nur wenige Sonnenläufe her. Er erinnert sich nur zu gut an all die fantastisch anmutenden Dinge, die er dadurch verstehen, lernen durfte.

Shirkla-Sva-Ssil ruft sich zur Ordnung. Mit Bedauern hat er in letzter Zeit bemerkt, dass mit zunehmendem Alter seine Gedanken oft sehr abstrakte Wege beschreiten. Aber an diesem besonderen Tag möchte er den Ereignissen gedenken, die den großen Verrat schließlich aufgedeckt und beendet haben. Eine Zeit lang verweilt er vor dem nächsten Bildnis. Dann gibt er sich einen Ruck. Sosehr er die Geschichten liebt, die diese Bildnisse erzählen, nutzt er heute das Verweilen vor ihnen als Ausrede. Als Ausrede dafür, sich dem letzten Bild zuwenden zu müssen, das in großen Audienzhalle am alten Hof der Lichtgeschwister aufgehängt wurde. Langsam setzt sich die Federkugel in Bewegung. Quer durch den Raum hin zur hinteren Wand. Hier sind die Spuren der Kämpfe noch deutlicher zu sehen. Mit Trauer im Gemüt nimmt er die Szenerie wahr. Vo-Shirr sehen gleichzeitig in alle Richtungen, also müssen sie sich nicht umschauen. Das bedingt jedoch gleichzeitig, dass sie sich nicht abwenden können. Shirkla-Sva-Ssil bewegt sich langsam durch den Raum. Immer wieder verweilt er an einer der Narben im Gemäuer. Der Kampf war fürchterlich, daran kann er sich noch genau erinnern. Diese Fähigkeit, sich ganz genau und detailliert zu erinnern, ist eine weitere Besonderheit, die den Vo-Shirr gegeben ist. Für ihn jedoch ist dies inzwischen oft mehr ein Fluch als eine Gabe. Gerade möchte sich Shirkla-Sva-Ssil auf die Reise in seine Erinnerung machen, als hinter ihm mit lautem Quietschen die großen Torflügel geöffnet werden.

Es strömt eine fröhliche Menge sehr junger Oh-Khalí herein. Zuerst ist Shirkla-Sva-Ssil verärgert über diese Störung. Gerade heute, am Tag des Gedenkens, wäre er lieber alleine gewesen. Normalerweise kommt auch niemand mehr hierher. Außer ihm, dem uralten Vo-Shirr-Gelehrten. Ausgerechnet heute scheint diese Regel nicht zu gelten. Schwatzend und kichernd verteilen sich die jungen Oh-Khalí im Raum. Dann werden die ersten, begeisterten Rufe laut. Die Rasselbande hat das Bildnis der Eroberung der Sonnentauwelt entdeckt. Die grauschwarze Federkugel des Vo-Shirr dagegen hat noch niemand bemerkt. Jetzt folgen den jüngeren zwei ältere Oh-Khalí. Shirkla-Sva-Ssil erkennt an ihren gelben Roben, dass es Lichtzeiger sind. Er erinnert sich wieder daran, was ihm der engste Berater der amtierenden Lichtgeschwister vor einigen Sonnenläufen hat mitteilen lassen. Heute, wo der Tag des großen Verrates elfmal elfmal elf Sonnenzyklen zurückliegt, wird einer besonders ausgewählten Gruppe von jungen und verdienten Schülern der Gilde der Lichtzeiger die Ehre zuteil, diesen geschichtsträchtigen Ort zu besuchen. Wie es jungen Wesen so zu eigen ist, verbinden diese jungen Oh-Khalí keine Emotionen mit der Geschichte. Für diese fröhliche Gruppe ist diese Geschichte lediglich etwas, das sie zu lernen haben. Es ist nichts, das ihr Inneres berührt. Wieder lässt Shirkla-Sva-Ssil ein Seufzen aus seinem grauschwarzen Federkleid erklingen. Da bemerkt eine der Lichtzeigerinnen den Vo-Shirr. Erschrocken blickt sie ihn an, sogleich wendet sie sich tuschelnd an ihren Begleiter. Die Lichtzeiger-Gilde sind die Lehrer der Wanderer. Diesen beiden Lichtzeigern ist das zweifelhafte Vergnügen gewährt worden, die quirlige Gruppe junger Oh-Khalí, die sich in der Ausbildung zu Wanderern befinden, heute zu begleiten. Shirkla-Sva-Ssil möchte eigentlich ärgerlich werden, schließlich wollte er alleine das Gedenken an den großen Verrat begehen. Aber die Freude und die Neugier, die von der Gruppe der Wanderer-Schüler ausgeht, ist sogar für ihn ansteckend. So besinnt er sich auf eine Tugend, die er schon viele, viele Sonnenzyklen nicht mehr eingesetzt hat. Er wartet geduldig darauf, was weiter geschieht.

Ein weiterer Oh-Khalí betritt den Raum. Resolut schreitet er, gekleidet in die schwarze Robe der Lichtwächter, nach vorn und will gerade die Gruppe der jungen Oh-Khalí zur Ordnung rufen. Da fällt sein Blick auf die schwebende, grauschwarze Federkugel weiter hinten im Raum. Shirkla-Sva-Ssil kann erkennen, dass der junge Lichtwächter nun unsicher wird, wie er sich verhalten soll. Selbstverständlich ist dem Lichtwächter sofort klar, wen er da gerade erblickt. In den Kreisen der Lichtwächter ist der Ruf des Vo-Shirr legendär und er wird noch heute, viele Sonnenzyklen nach dem Großen Verrat, von dieser Gilde verehrt. Außerhalb der Lichtwächter-Gilde ist weder der Vo-Shirr-Gelehrte noch dessen Rolle in den dunklen Zeiten damals während des Großen Verrates bekannt. Die jungen Wanderer haben bemerkt, wohin der Blick des Lichtwächters ging. Neugierig nähern sie sich ihm. Ein lebendes Wesen ist allemal interessanter als langweilige Bildnisse. Ein solches Wesen wie den Vo-Shirr haben sie noch nie gesehen. Der Lichtwächter versucht, sich durch die Gruppe hindurchzuarbeiten, um sich schützend vor dem Vo-Shirr zu positionieren. Aber die Neugier der jungen Oh-Khalí siegt. Schließlich stehen sie staunend um die grauschwarze Federkugel herum, die in knapp einem Vlakstock Höhe vor dem letzten Bildnis schwebt.

Die gerade noch fröhlichen Stimmen werden leiser, ein Tuscheln setzt ein. Eine noch ganz junge Oh-Khalí, sie kann bestenfalls acht oder neun Sonnenzyklen alt sein, steht genau vor Shirkla-Sva-Ssil und blickt ihn aus großen, neugierigen Augen an. Ihr blaues Hautfell schimmert wunderbar gesund. Die braunschwarzen Augen mustern den Vo-Shirr ohne Angst. Schließlich fragt sie ihn mit leiser, kindlicher Stimme: »Wer bist du?«

Da trifft der Vo-Shirr eine Entscheidung. Langsam lässt er sich absinken, sodass er genau vor dem Gesicht des Mädchens schwebt. Er lässt sein Federkleid ein leises Lachen produzieren und schließlich antwortet er dem Mädchen: »Ich bin Shirkla-Sva-Ssil. Und wie nennst du dich, kleine Oh-Khalí?«

Energisch strafft sich das Mädchen und stellt sich mit großem Ernst vor: »Ich heiße Kkhil-Oh T~es M`aru. Ich werde einmal eine große Wanderin sein.«

Bei der Nennung des Namens durchfährt es den uralten Vo-Shirr heiß. Sofort mustert er die junge Oh-Khalí genauer. Nun erkennt er die Verwandtschaft. Das Gefühl der Wehmut, verbunden mit einem fast verloren geglaubten Gefühl der hellen Erinnerung, durchströmt sein Wesen.

Die Lichtzeigerin hat die Gruppe inzwischen ebenfalls erreicht. Sie versucht, die Situation zu retten: »Also, junge Wanderer, was zeigt uns dieses Bildnis? Es zeigt uns...«

Der Vo-Shirr schwebt kurz nach oben und der Lichtzeigerin wird, ohne dass er ein Wort verlieren muss, klar, dass er es sehr begrüßen würde, wenn sie schweigt.

Den jungen Wanderern spüren sofort die natürliche Autorität, über die diese schwebende Federkugel verfügt. Kinder spüren so etwas, das war schon immer so. Das Getuschel wird leiser. Inzwischen hat sich der Lichtwächter hinter den Vo-Shirr gestellt. Auch er schweigt und beobachtet die Szene neugierig. Er scheint zu spüren, dass sich gerade etwas sehr Besonderes ereignet.

Shirkla-Sva-Ssil sinkt wieder auf die Augenhöhe der jungen Wanderin herab. Dann beginnt er, leise zu sprechen: »Es ist mir eine Ehre, Kkhil-Oh T~es M`aru. Ich bin mir sicher, dass du einmal eine besonders große Wanderin wirst. Sage mir, warum seid ihr alle heute hier?«

Eifrig nickt Kkhil-Oh T~es M`aru und antwortet mit einer Stimmlage, die erahnen lässt, dass die Antwort ein auswendig gelernter Text ist: »Wir besuchen den alten Palast der Lichtgeschwister und gedenken des Tages des Großen Verrates, an dem das Lichtwächterimperium aus großer Gefahr gerettet wurde.«

Zufrieden damit, dass sie diesen komplizierten Satz fehlerfrei aufsagen konnte, grinst Kkhil-Oh T~es M`aru den Vo-Shirr fröhlich an. Wieder lässt er sein Federkleid ein leises Lachen produzieren. Dann schwebt er etwas höher, sodass er sich an die ganze Gruppe wenden kann: »Der Große Verrat war wahrlich eine schlimme Sache. Aber sagt mir, wollt ihr eine Geschichte hören? Ich könnte euch zum Beispiel erzählen, was damals wirklich geschah.«

Einen Moment herrscht verdutztes Schweigen. Dann sind begeisterte Rufe zu hören. Natürlich sind diese jungen Wanderer an Geschichten interessiert. Sogar die beiden Lichtzeiger sind jetzt neugierig geworden.

Shirkla-Sva-Ssil ist berührt von dieser Begeisterung. Zum ersten Mal seit unzähligen Sonnenzyklen spürt er, dass er sich gerne daran erinnert, was damals geschah.

So beginnt er zu reden: »Also schön. Ihr setzt euch am besten vor diesem Bild im Halbkreis auf den Boden. Denn es wird eine lange Geschichte, das kann ich euch schon einmal verraten. Wollt ihr sie wirklich hören?«

Laut schallt im die Begeisterung der jungen Wanderer entgegen. Nach einem Moment des Durcheinanders haben sich alle in einem Halbkreis vor das Bildnis gesetzt. Alle blicken ihn erwartungsvoll an.

Shirkla-Sva-Ssil schwebt etwas höher und beginnt zu erzählen: »Dieses Bild dort hinter mir zeigt die beiden Oh-Khalí, die unsere Welt vor dem Verderben bewahren konnten, damals in den Zeiten des Großen Verrats.«

Inzwischen ist es vollkommen still im Raum. Atemlos lauschen die jungen Wanderer seiner Erzählung.

»Aber wie kam es dazu? Wie konnten zwei einfache Oh-Khalí, ein junger Lichtwächter und eine genauso junge Wanderin, das

Lichtwächterimperium retten?«

Shirkla-Sva-Ssil macht eine Pause. Er muss sich besinnen, denn er lässt es heute zum ersten Mal seit unzähligen Sonnenzyklen zu, dass er sich an die wahre Geschichte erinnert.

Der Vo-Shirr sinkt für einen Moment auf Augenhöhe zu der jungen Wanderin, die ihn als erste angesprochen hat.

»Und stell dir vor, die Oh-Kahlí, von der ich als Erstes erzählen werde, heißt ganz ähnlich wie du!«

Shirkla-Sva-Ssil kann sehen, wie die Augen der jungen Oh-Kahlí größer werden, ihre Neugier ist förmlich greifbar. Zufrieden steigt der Vo-Shirr wieder etwas auf, so dass er nun zu allen sprechen kann.

»Es begann ganz weit weg von hier. Weit oben im Norden, dort, wo der riesige und uralte Gehrbaumwald steht.«

II

cancalatā

चञ्चलता

~ Unruhe ~

Nutze das Wissen

des Korallenbaumes

Kkhil T~es M`aru bewegt sich vorsichtig durch den Wald. Seit vielen Sonnenzyklen wandert sie schon über Khalía. In dieser Zeit hat sie schon so manchen Wald durchquert, auch die großen Gehrbaumwälder ganz weit unten im Süden an den Eisfällen. Aber dieser Wald hier ist anders. Sie blickt vorsichtig nach oben. Die Gehrbäume in diesem Wald sind geradezu gigantisch. Nur noch ein Hauch des roten Lichtes von Sintkana, der roten Sonne von Khalía, erreicht den Boden des Waldes. Aber das macht Kkhil keine Sorgen. Schließlich kann sie die Wahrnehmung ihrer Augen mit einem kleinen Gebetsmantra und einem kurzen Lichtgesang an die Gegebenheiten anpassen. Das ist eine der Fähigkeiten, die sie als Wanderin über die Welten beherrschen muss.

Sie blickt sich immer wieder um im Gefühl, dass etwas oder jemand schon fast bei ihr ist. Aber noch immer kann sie nichts erkennen. Nur ihr Lichtsinn lässt sie glauben, dass da doch etwas ist. Wie immer, wenn sie sich unter Gehrbäumen bewegt, geht ihr Blick regelmäßig nach oben. Die Spürranken dieser Bäume müssen wahrlich mächtig sein, so groß wie die Gehrbäume hier sind. Und tatsächlich kann sie weit oben im vergehenden Licht von Sintkana sehen, wie sich die Spürranken beginnen zu entrollen. Bald verschwindet Sintkana und die grüne Sonne, Kohmatok, wird die Hauptwelt des Lichtwächterimperiums in den unwirklichen Schein ihres grünen Leuchtens tauchen.

Kkhil seufzt und schließt die Augen. Nein, heute wird sie diesen Wald auf ihrer Wanderung nicht mehr hinter sich lassen können. Dafür ist sie einerseits zu müde und andererseits ist es gefährlich, sich im grünen Licht von Kohmatok unter den Gehrbäumen zu bewegen. Selbst für eine erfahrene Wanderin, wie sie es ist. Sie blickt sich um und entscheidet dann spontan, ihr Lager genau hier und jetzt aufzuschlagen.

Nun setzt sie den schweren Rucksack ab und legt die Ssvolyk-Lanze vorsichtig daneben zu Boden. Einmal dreht sie sich im Kreis. Noch immer ist nichts und niemand zu sehen. Wenn sie ihren Augen glauben darf, ist sie alleine mit den Gehrbäumen. Aber ihr Lichtsinn täuscht sie nie. Etwas will zu ihr und will sie erreichen. Sie spürt es genau. Ärgerlich schüttelt sie den Kopf und ruft sich im Geiste zur Ordnung. Wenn etwas in der Lichtwelt geschieht, kann man es nicht beeinflussen. Man kann lediglich beobachten, so man über einen Lichtsinn verfügt. Sie geht der Reihe nach zu den Gehrbäumen, die ihren Lagerplatz umgeben. Sie lehnt den Kopf an jeden Stamm und berührt mit der Stirn die warme Haut des gehrbaumes. Dann rezitiert sie lautlos ein Mantra und schenkt so jedem von ihnen eine winzige Menge Licht. Das ist ihr Obolus dafür, dass die Gehrbäume ihre Anwesenheit hinnehmen und ihre Spürranken von ihr fernhalten.

Als sie den letzten Baum beschenkt hat, wendet sie sich um. Ihr Lichtsinn lässt sie spüren, wie sehr sich etwas in der Lichtwelt wünscht, in ihre Gegenwart einzutreten. Nachdenklich geht sie zurück zu ihrer Ssvolyk-Lanze und nimmt sie auf. Ein letztes Mal blickt sie sich misstrauisch um. Sie ist alleine in diesem Gehrbaumwald. Nach einem tiefen Atemzug beginnt sie zu meditieren. Sie will in die Lichtwelt blicken, um diesem Gefühl ihres Lichtsinns endlich auf den Grund zu gehen.

III

anuvittiḥ

अनुवित्तिः

~ Finden ~

Nutze das Wissen

des Korallenbaumes

Enttäuscht schlägt sie die Augen auf. So etwas ist ihr tatsächlich noch nie passiert. Obwohl ihre Meditation wie üblich weich und elegant gelang, konnte sie keinen Zugang zur Lichtwelt finden. Egal, welchen Farbstrom sie gewählt hat, immer wurde ihr Wunsch auf Eingang zur Lichtwelt höflich, aber bestimmt zurückgewiesen. Natürlich war es ihr noch nie gelungen, weiter als bis knapp über diese Grenze zu blicken. Dorthin jedoch war sie immer gelangt. Nur heute konnte sie keinen Zugang finden. Als ob sie ein kleines Kind wäre, dessen Reife nicht ausreicht für einen Zugang zur Lichtwelt. Sie überlegt, ob sie es erneut versuchen sollte. Nachdenklich umfasst sie das Medaillon, das sie um den Hals trägt. Aber natürlich ist ihr bewusst, dass auch dieser zweite Versuch so kläglich scheitern wird wie der erste. In diesem Moment spürt ihr Lichtsinn, dass dieses Etwas, das sie erreichen will, immer stärker wird. Grimmig schließt sie wieder die Augen. Wenn dieses Unbekannte sie unbedingt erreichen möchte, dann will sie ihm, mutig entgegen schauen. Erneut beginnt sie zu meditieren. Dieses Mal strebt sie nicht den Eingang zur Lichtwelt an. Sie lässt ihren Geist auf die Suche nach dem drängenden Unbekannten schweifen. Sie spürt dieses Etwas deutlich. Zuerst hat sie das Gefühl, dass es dort verharren will, wo es gerade ist. Dann wird ihr schlagartig klar, dass dieses Etwas hilflos ist, ohne Orientierung zwischen der körperlichen Existenz und der Lichtwelt. Sie spürt ein Gefühl der Sorge und Furcht, das von diesem Unbekannten ausgeht. Sie weiß aus den Erzählungen der alten Wanderer, dass so etwas sehr gefährlich werden kann. Aber bei diesem Etwas hat sie das Gefühl, das es ihr nicht schaden will, ja sogar ihre Hilfe benötigt. Sie erinnert sich an den fast verzweifelten Ausdruck ihres Lichtzeigers während ihrer Lernzeit als junge Wanderin. Dieser milde, alte Mann hat diesen immer dann aufgesetzt, wenn wieder einmal die Spontanität ihre Handlungen bestimmt hat und nicht die helle und weise Einschätzung einer Wanderin. Genauso ist es auch jetzt wieder. Sie wendet sich dem Etwas zu und weist ihm den Weg heraus aus der Lichtwelt in die körperliche Existenz. Es zögert zuerst, doch dann spürt ihr Lichtsinn, wie es sich auf den Weg macht, den sie ihm gezeigt hat. Sie öffnet die Augen und blickt sich wachsam um. Unbewusst fasst sie die Ssvolyk-Lanze fester und mit beiden Händen.

Lange Zeit geschieht nichts. Sie vermutet schon, dass dieses Etwas einen anderen Weg genommen hat. Dann bemerkt sie links von sich, ganz dicht bei einem Gehrbaum, ein Flimmern der Luft. Es sieht aus, als ob die Luft in einem kreisförmigen Bereich kurz dunkler würde und sich in Wirbeln bewegt. Der Kreis dehnt sich aus. Er wird oval und verschwindet übergangslos. Zurück bleibt ein Mann, der aus der Höhe eines halben Vlakstock zu Boden plumpst.

Sie keucht. Damit hat sie nun überhaupt nicht gerechnet. Vorsichtig nähert sie sich dem Mann. Er ist groß und muskulös, soweit sie das aus einigen Schritten Entfernung erkennen kann. Seine Haare sind lang und von heller Farbe. Seine Haut ist seltsam rosa und gänzlich ohne Fell. Er trägt eine Art Hose, die aus einem sehr dicken, blauen Material gefertigt ist. Kkhil hat solch ein Material noch nie gesehen. Das Blau ist nicht gleichmäßig. Es ist heller über den Knien des Mannes. Für einen kurzen Moment befürchtet sie, dass der Mann tot ist. Aber dann kann sie sehen, wie sich seine Brust unter dem weißen Oberkleid, das er trägt, hebt und senkt. Wieder betrachtet sie fasziniert die Haut seiner Arme, die aus den Ärmeln des weißen Brustkleides hervorschauen. Diesen rosigen Farbton hat sie noch nie gesehen. Im Lichtwächterimperium haben alle die Hautfarbe ihres Geburtssonnenzyklus. Ihr Hautfell ist weich und blau, schließlich ist sie im dritten Herindt des Blausonnenzyklus geboren. Aber sie hat noch nie von einem Sonnenzyklus gehört, der einen mit einer solchen Haut versieht. Das ist sehr seltsam. Vorsichtig nähert sie sich dem Mann weiter. Er liegt halb auf der Seite, sodass sie niederknien muss, um sein Gesicht zu betrachten, das ebenfalls einen rosigen Farbton hat. Die Hautfarbe und das fehlende Hautfell sind so seltsam, dass Kkhil sich nicht entscheiden kann, ob dies exotische Attraktivität oder eher abstoßende Hässlichkeit ausstrahlt. Sie sinniert gerade über diesen Umstand, als er übergangslos die Augen öffnet. Sie haben das leuchtende Blau der Sonne UuSintakor'ah, die nur einmal alle einhundert Sonnenzyklen ihre Welt erleuchtet. Kkhil T~es M`aru versinkt in diesen magisch blauen Augen. Dann richtet sich der Mann etwas auf. Sie weicht erschrocken zurück und steht flink auf. Die Ssvolyk-Lanze im Anschlag schüttelt sie warnend den Kopf: »Bleib, wo du bist.«

Der Mann blickt sie verwirrt an. Dann setzt er sich vollends auf und schaut sich um. Sein Gesichtsausdruck zeigt ihr, dass die Umgebung für ihn vollkommen fremd ist. Er wendet sich ihr wieder zu und versucht zu sprechen. Aber kein Laut kommt über seine Lippen. Ärgerlich schüttelt er den Kopf, er versucht erneut zu reden. Es ist noch nicht einmal ein Krächzen zu hören. Der Mann ist stumm. Auch er erkennt das jetzt und seine ganze Haltung zeigt die Verzweiflung darüber. Mit dem Blick eines verletzten Helkamar schaut er zu ihr auf. Sie spürt seine Verzweiflung. Doch plötzlich spürt sie noch etwas: Dieser Mann steht ihr zwar direkt gegenüber, aber er hat eine unglaublich starke Verbindung in die Lichtwelt. Er war es, den sie die ganze Zeit über gefühlt hat. Wieder handelt sie spontan. Sie geht auf den Mann zu und reicht ihm die Hand um ihm beim Aufstehen zu helfen. Zögerlich blickt er auf ihren ausgestreckten Arm. Dann hebt er seinen Arm, hält ihn neben ihren und betrachtet beide lange Zeit. Endlich blickt er auf und schaut sie fragend an. Sie ahnt, was den Mann bewegt, und nickt vorsichtig. Er streckt einen Finger aus und fährt über ihre Haut. Das feine, blaue Hautfell wird kurz hell, dort wo er darüber streicht. Der Mann schüttelt verwundert den Kopf. Schließlich schaut er wieder zu ihr hoch und ergreift ihre Hand. Mit ihrer Hilfe kann er aufstehen, ist aber noch etwas wackelig auf seinen Beinen. Seine Füße sind nackt, bemerkt Kkhil T~es M`aru jetzt erst. Erneut schaut er sich um und wieder kann sie in seinem Blick erkennen, dass ihm alles unbekannt ist, was er sieht. Vorsichtig nimmt sie die Ssvolyk-Lanze in die linke Hand und lässt sie nach oben weisen. Das ist das universelle Symbol dafür, dass sie nicht beabsichtigt, ihm ein Leid zuzufügen. Er lächelt ihr dafür dankbar zu. Die Wanderin schaut ihm in die Augen und wieder hat sie das Gefühl, dass sie in diesem wunderbaren Blau seiner Augen versinkt. Sie will sich sogar darin verlieren. Um auf andere Gedanken zu kommen, klopft sie sich mit der rechten Hand auf die Brust: »Kkhil T~es M`aru«

Er scheint zu verstehen, was sie meint, und dann klopft er sich mit der Hand auf seine Brust. Wieder versagt seine Stimme. So wird das nichts, denkt sie sich und macht einen schnellen Schritt auf den Mann zu. Als sie genau vor ihm steht, fasst sie sich kurz mit drei Fingern der rechten Hand an die Stirn und dann berührt sie ihn mit diesen drei Fingern vorn am Hals. Die Haut ist warm, samtig und vollkommen glatt. Es fühlt sich anders an als ihre Haut mit dem weichen Hautfell. Sie überträgt ein wenig Licht an ihn. Erschrocken spürt er den Übergang und räuspert sich verblüfft. Die Wanderin nickt zufrieden. Einen Moment lang schaut er sie wieder mit seinen wundervoll blauen Augen an, dann lächelt er. Erneut klopft er sich auf die Brust, räuspert er sich ein weiteres Mal. Und dann hört Kkhil zum allerersten Mal seine Stimme.

»Frank«

Sie schließt die Augen. Diese Stimme hat etwas in ihrem Innersten berührt. Wenn ihr zu diesem Zeitpunkt jemand sagt, wie wichtig dieses Gefühl für sie noch werden wird, würde sie ihm nicht glauben. Denn eines kann eine Wanderin sicher nicht: sie kann nicht in die Zukunft blicken.

IV

anubhavah

अनुभवः

~ Erfahren ~

Nutze das Wissen

des Korallenbaumes

Shirkla-Sva-Ssil verharrt ruhig schwebend an der Kreuzung des großen Säulenganges des Lichtwächterpalastes. Obwohl seine Erscheinung selbst am Palast recht ungewöhnlich ist, nimmt keiner der vorbeikommenden Wesen ihn zur Kenntnis. Nur gelegentlich wird im grüßend zugenickt oder im Vorbeigehen höflich mit einer Hand zugewunken. Fast alle Bewohner des Lichtwächterimperiums sind humanoide Zweibeiner. Aber Shirkla-Sva-Ssil ist ein Vo-Shirr. Auf seiner Heimatwelt Sssaarritaiy ist seine Spezies die Einzige mit Fähigkeiten auf höheren Bewusstseinsebenen. Shirkla-Sva-Ssil wird dort als hoher Gelehrter verehrt. Inzwischen dient er seit vielen Sonnenzyklen am Hofe der Lichtgeschwistern, den Führern des Lichtwächterimperiums. Er hat schon viele Lichtgeschwister kommen und, zu seinem Bedauern, auch am Ende ihrer Lebensreise wieder gehen sehen. Schließlich werden Vo-Shirr sehr alt. Während er hier wartet, nach außen hin geduldig aber innerlich aufgewühlt, sinniert er darüber, wie wohl die Zukunft des Lichtwächterimperiums aussehen wird. Die amtierenden Lichtgeschwister sind schon seit über achtmal elf Sonnenzyklen im Amt. Shirkla-Sva-Ssil nimmt Bedauern zur Kenntnis, dass sich die Zeit der Lichtgeschwister in dieser Existenz dem Ende zuneigt. Vor allem der Gesundheitszustand vom Lichtbruder lässt in letzter Zeit zunehmend zu wünschen übrig, obwohl sich die fähigsten Lichtheiler des Lichtwächterimperiums um ihn bemühen. Aber der Lauf der Zeit ist jedoch irgendwann nicht mehr aufzuhalten.

Im Äquivalent eines lauten Seufzens spreizt er sein gesamtes Federkleid, sodass seine kugelförmige Erscheinung sich kurz aufzublähen scheint. Dann zeigt er sich wieder in seiner üblichen Form: ein heller, weißer Ball, der rundum mit flaumweichen Federn versehen ist. Jede der Federn ist tatsächlich ein sehr feinfühliges Greiforgan und nach allen Richtungen beweglich. Mittels seiner legendär stark ausgeprägten Anbindung an die Lichtwelt hält Shirkla-Sva-Ssil sich ungefähr drei Vlakstocklängen über dem mit feinen Mosaiken gestalteten Boden des Kreuzganges. Durch die Säulen wird er mystisch in das grün schimmernde Licht von Kohmatok, der dritten Sonne von Khalía, getaucht. Trotz der späten Stunde ist reger Betrieb im Lichtwächterpalast. Es herrscht eine unruhige Spannung, deren Ursache jedem klar ist, über die jedoch nahezu niemand spricht. Wenn der Lichtbruder seine Wanderung in dieser Existenz zu Ende bringt, dann ist es Zeit für neue Lichtgeschwister. Aber im Gegensatz zu allen früheren Zeiten hat noch niemand das Dunkle Zeichen gefunden oder auch nur einen Hinweis darauf aus der Lichtwelt entdeckt. Eben genau deshalb schwebt Shirkla-Sva-Ssil hier. Um seinem Ruf als Gelehrter gerecht zu werden, versucht er nach außen hin einen Eindruck von meditativer Ruhe und Erhabenheit zu erwecken. Was für ein Wesen seiner Art ein schwieriges Unterfangen ist, wie er sich wieder einmal eingestehen muss, obwohl er an dieser Stelle an der Kreuzung des großen Säulenganges ruhig in der Luft schwebt. Ein klein wenig schwingt er nach rechts oder links, steigt ein wenig auf und gleitet dann etwas tiefer. Das lässt den Eindruck entstehen, dass diese weiße Federkugel tatsächlich ein lebendes Wesen ist und nicht einfach nur ein dekoratives Objekt. Natürlich hat er die Wirkung des grünen Lichtschimmers, den Kohmatok gerade auf die Welt ergießt, eingeplant.

Dann wird seine Geduld endlich belohnt. Weit hinten ist eine schwarz gekleidete, drahtige Gestalt zu erkennen. Mit festem, sicherem Schritt kommt Uuhrtalon H~es M'ursur durch den Gang auf ihn zu. Mit großem Wohlwollen beobachtet er diesen jungen Mann. Sein tiefblau schimmerndes Hautfell kontrastiert elegant zu der schwarzen Robe, die er seit seiner endgültigen Berufung zum Lichtwächter mit großem Stolz und noch größerer Ernsthaftigkeit trägt.

Uuhrtalon H~es M'ursur ist in Gedanken versunken, das ist offensichtlich. Sein Blick ist trotzdem aufmerksam, er prüft die Umgebung. Schließlich ist er ein Lichtwächter und als solcher ist die Wahrnehmung der Umgebung eine innere Verpflichtung. Shirkla-Sva-Ssil kann jedoch erkennen, dass das Innere dieses jungen Lichtwächters nicht auf das hier und Jetzt fokussiert ist, sondern gänzlich anderen Gedankenpfaden folgt.

Jetzt hat der junge Lichtwächter den schwebenden Vo-Shirr-Gelehrten erreicht. Abrupt bleibt er stehen und blickt die schwebende Federkugel misstrauisch an. Dann besinnt er sich auf seine Manieren.

Er deutet eine Verneigung an: »Shirkla-Sva-Ssil, ich grüße dich.«

Der Vo-Shirr spreizt zur Erwiderung seine seitlichen Federn: »Uuhrtalon, wie gut, dass ich dich treffe!«

Der junge Lichtwächter seufzt. Natürlich ist ihm klar, dass dieses Treffen alles andere als zufällig ist, sondern vom Vo-Shirr-Gelehrten sorgfältig geplant wurde. Obwohl er die Begegnungen und Gespräche mit diesem Wesen voll hellen Verstandes sehr schätzt, so ist er doch gerade in großer Eile. Mit einem entschuldigenden Nicken antwortet er daher dem Vo-Shirr: »Bitte entschuldige, Shirkla, aber ich bin etwas in Eile. Lass uns später darüber reden, in Ordnung?«

Der junge Lichtwächter will sich gerade zum Weitergehen abwenden, aber da lässt Shirkla-Sva-Ssil seine Federn ein raschelndes Geräusch erzeugen, das, mit etwas gutem Willen, als weiches, warmes Lachen durchgehen kann. Der Vo-Shirr schwebt auf den jungen Lichtwächter zu: »Ah, lass mich raten. Die Konklave der Lichtwächter hat dir eine dringende Botschaft geschickt und erwartet dein Kommen, so schnell es dir möglich ist.«

Uuhrtalon H~es M'ursur hält in seiner Bewegung inne und wendet sich jetzt dem vor ihm schwebenden Vo-Shirr zu. Er betrachtet ihn nachdenklich. Shirkla-Sva-Ssil lässt diese Musterung ohne Kommentar über sich ergehen, jedoch beobachtet er die Reaktion des jungen Lichtwächters genau. Innerlich zufrieden registriert er, dass er sich in diesem jungen Wesen nicht getäuscht hat. Ein solch wacher Verstand mit ungewöhnlich starker Anbindung an die Lichtwelt ist ungewöhnlich für einen Lichtwächter. Er wäre eher bei einem Wanderer zu vermuten. Dies ist einer der Gründe dafür, dass Shirkla-Sva-Ssil seit einiger Zeit diesem jungen Lichtwächter seine fürsorgliche Aufmerksamkeit angedeihen ließ.

»Also schön, Shirkla. Du hast mich neugierig gemacht. Was weißt du darüber?«

Shirkla-Sva-Ssil wendet sich nach rechts und schwebt den Gang entlang. Der junge Lichtwächter folgt dem alten Vo-Shirr-Gelehrten mit nachdenklicher Miene. Ihm ist bewusst, dass wahrscheinlich Shirkla hinter dieser dringenden Botschaft der Konklave steckt. Seine Neugier ist endgültig geweckt. Der Vo-Shirr ist sicher dafür bekannt, ungeduldig zu sein, wenn jemand seinen oft bis zur Verwirrung komplexen Ausführungen nicht folgen kann. Aufgrund seines legendär hohen Alters hat er sicher auch beste Verbindungen zu allen Ebenen im Lichtwächterpalast. Der junge Lichtwächter ist sich sicher, dass Shirkla-Sva-Ssil sehr wohl die Geschicke des Lichtwächterimperiums kontrollieren könnte. Er fühlt sich durch die Aufmerksamkeit, die ihm dieses hochstehende und mächtige Wesen seit längerer Zeit zukommen lässt, auch sehr geehrt. Aber Shirkla ist auch dafür bekannt, dass er, gleich einem gewieften Stronia-Spieler, die Dinge sich nach seinen Wünschen entwickeln lassen kann. Deshalb ist es für Uuhrtalon H~es M'ursur durchaus denkbar, ja sogar sehr wahrscheinlich, dass diese Botschaft der Konklave von dem alten Vo-Shirr-Gelehrten angestoßen wurde.

Jetzt hat Shirkla-Sva-Ssil einen Durchgang zwischen den Säulen erreicht und schwebt hinaus in den Gartenbereich des Innenhofes, der von den Säulengängen eingerahmt ist. Das fahlgrüne Licht von Kohmatok lässt die Szenerie unwirklich erscheinen und das leicht grünlich schimmernde Federkleid des Vo-Shirr einen besonderen Kontrast zu den Pflanzen und Wegen bilden. Schließlich haben sie eine kleine Einbuchtung des Wandelganges erreicht und Shirkla-Sva-Ssil hält inne. Der junge Lichtwächter beobachtet ihn aufmerksam.

»Wie du sicher schon vermutet hast, habe ich diese Nachricht an dich veranlasst.«

Uuhrtalon H~es M'ursur nickt einfach und hört weiter aufmerksam zu. Wie er es gewohnt ist, kommt der Vo-Shirr nun ohne Umschweife direkt auf den Punkt. »Tatsächlich habe ich eine Veränderung in der Lichtwelt beobachtet.«

Nach einer kurzen Pause fährt er fort: »Natürlich habe ich diese Beobachtung mit den Lichtzeigern geteilt, schließlich sind diese als Ausbilder der Wanderer die Wesen mit der engsten Anbindung an die Lichtwelt hier im Palast.«

Uuhrtalon H~es M'ursur nickt verwundert. Normalerweise neigt der Vo-Shirr nicht zur Wiederholung von allgemeinen Bekannten.

»Zu meiner Verblüffung aber hat niemand außer mir diese Beobachtung gemacht.«

Jetzt richtet sich der junge Lichtwächter auf: »Was soll das heißen? Du hast etwas in der Lichtwelt bemerkt, das die Lichtzeiger nicht bemerkt haben? Das kann doch nicht sein!«

Der Vo-Shirr lässt sein Federkleid ein seufzendes Geräusch

produzieren, bevor er fortfährt: »Das sollte man meinen. Vielleicht ist derzeit die Aufmerksamkeit der Lichtzeiger durch den Gesundheitszustand des Lichtbruders gebunden. Aber wie, dem auch sei, ich habe die Erlaubnis der Lichtschwester bekommen, der Sache nachzugehen.«

Uuhrtalon H~es M'ursur holt scharf Luft. Er vergisst immer wieder, über welche Verbindungen dieser Vo-Shirr verfügt. Die Lichtschwester selbst hat ihm erlaubt, der Sache nachzugehen. Damit verfügt Shirkla-Sva-Ssil über fast unbegrenzte Handlungsvollmacht. Nachdenklich schaut er den Vo-Shirr-Gelehrten an und stößt überrascht hervor: »Das ist sicher eine große Ehre für dich, Shirkla. Aber ich frage mich, was ein junger Lichtwächter wie ich mit dem allem zu schaffen hat? Schließlich bin ich sicher so unbedeutend, dass die Lichtschwester nicht einmal von meiner Existenz weiß.«

Wieder ertönt das einem leisen Lachen ähnelnde Geräusch aus dem Fellkleid des Vo-Shirr, als er antwortet: »Deine Bescheidenheit ehrt mich. Aber tatsächlich habe ich die Lichtschwester darum gebeten, dass mich ein Lichtwächter auf meiner Suche begleitet.«

Wieder atmet Uuhrtalon H~es M'ursur tief ein. Ihm schwant, dass dieser Moment seinen Lebensweg in gänzlich neue Richtungen lenken würde. Leise antwortet er dem Vo-Shirr: »Soll womöglich ich dieser Lichtwächter sein, der dich begleitet?«

Die Federkugel gleitet indessen ganz dicht an den Uuhrtalon H~es M'ursur heran. Einen Moment verharrt der Vo-Shirr so, dann spricht er leise, aber sehr nachdrücklich weiter: »Das wird eine große Herausforderung. Ich spüre es genau. Des weiteren vermute ich, dass es weder einfach noch ungefährlich ist, mich zu begleiten. Bist du bereit dazu, Uuhrtalon H~es M'ursur?«

Nachdenklich schließt der junge Lichtwächter die Augen. Dann öffnet er sie und blickt die weiße Federkugel vor seinem Gesicht ernst an. Mit ernstem Ton beantwortet er die Frage: »Es ist mir eine Ehre, Shirkla-Sva-Ssil. Ich begleite dich.«

Nach einem weiteren Atemzug spricht er in vorgetäuscht leichtem Umgangston weiter: »Wann soll es losgehen und vor allem wohin?«

Der Vo-Shirr setzt sich wieder in Bewegung. Er schwebt zurück zum Durchgang, durch den sie den Garten betreten haben.

»Es geht natürlich sofort los. Hast du schon einmal den großen Gehrbaumwald im Norden besucht? Nein? Na, dann wird es Zeit dafür.«

Erschrocken folgt der junge Lichtkrieger dem Vo-Shirr-Gelehrten. Ihm wird kalt, als er daran denkt, dass es in einen Gehrbaumwald geht. Normalerweise durchstreifen nur erfahrene Wanderer solche Wälder. Dann strafft er seine Schultern und nimmt sich vor, mit Zuversicht an diese Aufgabe heranzugehen. Die nagende Sorge verbannt er ganz weit nach hinten in seine Gedanken.

V

tamas

तमः

~ Dunkelheit ~

तमः

Nutze das Wissen

des Korallenbaumes

Kkhil T~es M`aru wälzt sich unruhig im Schlaf. Ihre Träume lassen sie nicht zur Ruhe kommen. Als sie diesen Mann endlich etwas beruhigt hatte, er etwas Wasser getrunken und schließlich auch die getrockneten Oohzlima-Beeren als Nahrung angenommen hat, wurde er plötzlich müde und legte sich nieder. Sie haben fast gar nichts gesprochen, obwohl Kkhil T~es M`aru seine Sprachfähigkeit vollständig wiederhergestellt hatte. Die Eindrücke hier im Wald der großen Gehrbäume haben ihn überfordert, da ist sie sich sicher. Sie hatte das sichere Gefühl, dass ihn sein Weg durch die Lichtwelt viel Kraft gekostet hat. Den schlafenden Mann hat sie mit einer ihrer Decken aus ihrem Rucksack zugedeckt, denn im Gehrbaumwald wird es nachts oft kühl und feucht.

Schließlich hat sie selbst etwas getrunken und einige Oohzlima Beeren gekaut. Nach ein wenig Meditation und einem Schlafmantra hat sie sich dann selbst zur Ruhe gelegt und ist im grünlichen Schimmer der wenigen Strahlen von Kohmatok, die es ganz hier herunter bis auf den Boden des Gehrbaumwaldes geschafft haben, eingeschlafen.

Ihr Schlaf ist jedoch äußerst unruhig. Nur halb bewusst ist sie in der Traumwelt, aber sie spürt die Annäherung von dunklen Ereignissen. Normalerweise hat sie selten schlechte Träume, schließlich ist sie als Wanderin in der Lage, ihre Gedanken und Visionen sehr bewusst zu reflektieren. In dieser Nacht jedoch spürt sie, dass die Geschicke der Welt sich entwickeln und sie einen wesentlichen Teil zu dieser Entwicklung beiträgt. Als schließlich dieser Mann, Frank, ihre Träume betritt. Frank, der so seltsam hellrosafarbene Haut hat und diese unendlich tiefen, blauen Augen, in die sie schon bei ihrem ersten Blick versinken wollte, bestimmt jetzt ihren Traum. Nun wird ihr Schlaf so unruhig, dass sie schließlich aufwacht.

Es ist fast dunkel um sie herum. Sie schließt noch einmal die Augen und rezitiert ein kurzes Mantra der Wahrnehmung. Sie kann die Gehrbäume spüren und auch deren Spürranken, die weit oben durch die Luft angeln. Sie kann den Waldboden spüren, das Leben in ihm. Sie spürt sich, wie sie in der kleinen Lichtung, umrundet von den riesigen Gehrbäumen, liegt. Aber sie kann den Mann nicht spüren. Als sie diese Wahrnehmung erreicht, springt sie alarmiert auf und greift instinktiv nach ihrer Ssvolyk-Lanze, die sie wie üblich vor dem Einschlafen griffbereit neben sich abgelegt hatte. Jetzt, wo sie steht, spürt sie ihre Aufregung und ihr schnell schlagendes Herz. Für einen kurzen Moment schließt sie erneut die Augen und beruhigt ihr Inneres. Es droht ihr keine Gefahr. So gestärkt kann sie die Augen wieder öffnen und sich umschauen. Zum Glück ist sie als Wanderin in der Lage, auch bei ganz wenig Licht noch etwas zu erkennen. Ihr Lichtsinn unterstützt sie dabei, ihre Wahrnehmung zu verbessern, das gelingt Kkhil T~es M`aru völlig ohne bewusste Anstrengung. Der Mann ist weg, die Decke, die sie ihm zum Schutz über gelegt hatte, ist zur Seite geschlagen.

Jetzt macht sich die Wanderin Sorgen. Nachts, völlig ohne Erfahrung und ohne Orientierung durch einen Gehrbaumwald zu irren, ist, gelinde gesagt, selbstmörderisch. Die Spürranken der Gehrbäume warten nur darauf, dass sich ein armes Wesen in ihren Sphären verläuft. Selbst für sie als erfahrene Wanderin ist es unglaublich riskant, einen Gehrbaumwald bei Nacht zu durchstreifen. Da hört sie ein Geräusch hinter sich, weit weg zwar, aber eindeutig. Sie ist unentschlossen, was sie tun soll. Dann siegt die Fürsorge, die sie für diesen Mann, der auf wundersame Weise durch die Lichtwelt zu ihr gelangt ist, empfindet. Sie geht zu ihrem Rucksack und zieht ein kleines, geflochtenes Behältnis hervor. Sie rezitiert ein kurzes Mantra und schenkt den Niklamici in dem geflochtenen Behältnis etwas Licht. Sofort beginnen diese mit ihren acht Flügeln zu schlagen. Zuerst zaghaft, dann immer heller glüht eine Leuchtkugel über den Niklamici und verströmt weiß blaues Licht. Zufrieden nimmt Kkhil T~es M`aru das Behältnis mit den Niklamici in die linke Hand, die rechte Hand hält die Ssvolyk-Lanze mit sicherem Griff fest. Sie kann die zustimmende Bereitschaft ihrer Lanze spüren. So gerüstet macht sie sich auf den Weg durch den Gehrbaumwald in Richtung des Geräusches, das sie vorher gehört hat. Als sie ihre Lichtung verlässt, hält sie noch einmal spontan inne. Sie schließt wieder die Augen und rezitiert ein starkes Schenkungsmantra. Dann legt sie, immer noch mit geschlossenen Augen, ihre Stirn an die warme Rinde des Gehrbaumes, der rechts neben ihr so gigantisch in den Himmel ragt. Sie kann spüren, wie ihr Lichtgeschenk in den Gehrbaum übergeht und wie dieser das Geschenk annimmt. Da Gehrbäume eigentlich Staaten bildende Wesen sind, wurde so der gesamte Wald von ihr beschenkt. Sie empfängt mehr als Gefühl, als dass es eine Art Antwort oder Nachricht wäre, die Zustimmung des Gehrbaumwaldes. Zufrieden nickt sie und macht sich auf den Weg.

Aufmerksam achtet sie genau darauf, wo sie hintritt. In der Dunkelheit sind am Boden eines Gehrbaumwaldes viele Wesen unterwegs, die im Licht der Morgensonne Sintkana oder der Abendsonne Uuhnikla niemand zu sehen bekommt. Jetzt meint sie weiter vorn eine schemenhafte Erscheinung zu sehen. Sie beschleunigt, obwohl sie weiterhin sehr achtsam und vorsichtig ist, ihre Schritte. Schließlich hat sie die Erscheinung erreicht.

Es ist der Mann, der vollkommen orientierungslos ins Dunkel des Gehrbaumwaldes starrt. Offensichtlich bemerkt er nicht, wie weniger als zehn Vlakstock über ihm die Spürranken gierig über ihm schwingen. Als Kkhil T~es M`aru den Mann erreicht, ziehen sich die Spürranken zurück. Sie hat den Eindruck, dass dieses Zurückziehen eher unwillig geschieht, als ob ihnen die sicher geglaubte Beute im letzten Moment entrissen wurde.

»Was im Namen der Lichtgeschwister machst du hier?«

Kkhil T~es M`aru ist klar, dass ihre Stimme zittert, zum einen aufgrund des Schreckens beim Erwachen aus dem unruhigen Schlaf, aber vor allem aus der Erkenntnis heraus, dass sie den Mann offenbar in letzter Kautka erreicht hat. Ein Tod durch Spürranken wünscht man niemandem, nicht einmal seinem schlimmsten Feind.

Der Mann blickt ihr ärgerlich entgegen: »Was werde ich wohl machen, was denkst du? Ich will nach Hause, einfach raus aus diesem seltsamen Wald.«

Sie schüttelt ärgerlich den Kopf, doch plötzlich besinnt sie sich. Schließlich hätte sie an seiner Stelle wahrscheinlich genauso reagiert, wenn sie aus irgendeinem Grund aus der Lichtwelt heraus in einem ihr unbekannten Wald landen würde. Sie holt tief Luft und geht langsam auf ihn zu, die Ssvolyk-Lanze in ihrer rechten Hand weist nach oben. Als sie ihn erreicht hat, fasst sie ihn vorsichtig bei der Hand. Die Berührung lässt ein wohliges Schaudern durch ihren Körper wandern. Sie ignoriert dies jedoch und nickt ihm zu: »Das verstehe ich, Frank. Aber schau nach oben!«

Er hebt den Blick und blickt in die Richtung, die sie ihm mit ihrer Ssvolyk-Lanze zeigt. Dort oben, ganz am Rande des Lichtscheins der Niklamici sind die Spürranken zu sehen, die nach wie vor gierig bereit sind, sich ihre Beute zu holen. Das Schwingen der Spürranken wirkt sehr bedrohlich. Auch Frank scheint das jetzt zu bemerken. Erschrocken keucht er auf: »Was ist das denn um Gottes willen?«

Kkhil T~es M`aru weiß zwar nicht, wer dieser Gott ist und warum dessen Wille für Frank von Bedeutsamkeit sein könnte. Aber sie versteht, was er meint und versucht ihm mit ruhigen Worten zu erklären, wo sie sind: »Wir sind in einem Gehrbaumwald. Diese Bäume sind viele elf mal elf Sonnenzyklen alt. Gehrbäume ernähren sich zum einen über ihr Wurzelwerk im Waldboden. Aber sie haben auch ihre Spürranken, die du dort oben siehst.«

Er greift ihre Hand fester, was weitere Schauder durch den Körper der Wanderin jagt, als er flüsternd antwortet: »Diese Dinger da oben wollten mich einfangen?«

Sie schaut ihn von der Seite her an. Sein Blick ist inzwischen sorgenvoll, ja fast ängstlich auf die über ihnen schwingenden Spürranken gerichtet: »Natürlich, du bist Beute für die Gehrbäume. Das ist der Weg des Lichtes.«

Einen Moment stehen sie regungslos da, dann geht sein Blick zu Kkhil T~es M`aru: »Was machen wir jetzt?«

Sie muss lachen, als sie die ängstliche Ratlosigkeit in seiner Stimme hört. Mit einem Grinsen nickt sie ihm zu: »Jetzt gehen wir zurück zu unserem Lager und du setzt dich brav wie ein Helkamar auf deinen Schlafplatz. Wenn Sintkana aufgeht, dann schauen wir, dass wir so schnell es geht, aus diesem Wald herauskommen.«

Er zögert einen Moment, dann stiehlt sich ein warmes Lächeln auf sein Gesicht: »Oh, ja, so machen wir das. Danke.«

Nach einem letzten Blick in diese wunderbaren, blauen Augen wendet sich Kkhil T~es M`aru um und macht sich auf den Weg zurück zu ihrem Lagerplatz. Die Hand des Mannes hält sie weiterhin fest, denn sie findet, dass sie sich dieses angenehme Gefühl verdient hat. Schließlich hat sie diesen Frank gerade vor einem grausamen Tod durch Spürranken bewahrt. Auf dem Weg zur Lichtung versucht sie, die dunklen Gedanken aus ihren Träumen zu vergessen, aber so ganz will es ihr nicht gelingen. Ihr ist natürlich gänzlich klar, dass dies nicht einfach nur Träume waren. Es waren Visionen. Als erfahrene Wanderin weiß sie, dass solcherart Visionen die Geschicke der Welt bestimmen können. Wie und warum dies geschehen sollte, versteht sie nicht. Aber sie weiß, dass sowohl sie als auch dieser Frank eine große, und sogar zentrale Bedeutung in diesen Visionen haben. Ein wenig macht ihr das Angst.

VI

viśrama

विश्रमः

~ Rast ~

Nutze das Wissen

des Korallenbaumes

Uuhrtalon H~es M'ursur fühlt sich unwohl. Statt seiner gewohnten Robe in schlichtem Schwarz trägt er die reich verzierte Kleidung eines erfolgreichen Kaufmanns. Er sitzt im Heck des Bootes, das Reisende vom Hof der Lichtgeschwister stromaufwärts transportiert. Es ist ein angenehmer Morgen, Sintkana scheint ihm warm ins Gesicht und er spürt, wie sein Hautfell die Wärme gierig aufnimmt. Uuhrtalon H~es M'ursur seufzt ergeben. Natürlich fühlt er sich geehrt, dass der große Vo-Shirr-Gelehrte gerade ihn ausgewählt hat, einen niederen, wenn nicht sogar den jüngsten, unter den Lichtwächtern. Er fasst sich an das Brustkleid seiner reich verzierten Robe. Dort spürt er sein Medaillon, den einzigen Besitz, den er hat. Er hatte das große Glück, dass er als Waise im Kinderheim am Hof der Lichtgeschwister aufgewachsen ist. Dort wurde ihm fürsorgliche Zuwendung zuteil, gepaart mit einer sehr fundierten Ausbildung zu fast allen wesentlichen Bereichen des Lichtwächterimperiums. Dieser Hintergrund hat es ihm überhaupt erst ermöglicht, dass er sich bei den Lichtwächtern bewerben konnte und nach einer fürchterlich strengen und harten Prüfung für Ausbildung zu diesem ehrenwerten Dienst zugelassen wurde. Die vielen elfmal elf Sonnenläufe der Ausbildung erscheinen ihm nun in der Erinnerung als die beste Zeit seines Lebens. Er hat viele Freunde gefunden und viel gelernt. Wieder seufzt Uuhrtalon H~es M'ursur ergeben. Natürlich hat ihm seine Ausbildung auch gezeigt, wo er noch besser werden kann. Er blickt nachdenklich in die rote Glut