Der Bergpfarrer 311 – Heimatroman - Toni Waidacher - E-Book

Der Bergpfarrer 311 – Heimatroman E-Book

Toni Waidacher

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Beschreibung

Mit dem Bergpfarrer hat der bekannte Heimatromanautor Toni Waidacher einen wahrhaft unverwechselbaren Charakter geschaffen. Die Romanserie läuft seit über 10 Jahren, hat sich in ihren Themen stets weiterentwickelt und ist interessant für Jung und Alt! Unter anderem gingen auch mehrere Spielfilme im ZDF mit Millionen Zuschauern daraus hervor. Sein größtes Lebenswerk ist die Romanserie, die er geschaffen hat. Seit Jahrzehnten entwickelt er die Romanfigur, die ihm ans Herz gewachsen ist, kontinuierlich weiter. "Der Bergpfarrer" wurde nicht von ungefähr in zwei erfolgreichen TV-Spielfilmen im ZDF zur Hauptsendezeit ausgestrahlt mit jeweils 6 Millionen erreichten Zuschauern. Toni Waidacher versteht es meisterhaft, die Welt um seinen Bergpfarrer herum lebendig, eben lebenswirklich zu gestalten. Er vermittelt heimatliche Gefühle, Sinn, Orientierung, Bodenständigkeit. Zugleich ist er ein Genie der Vielseitigkeit, wovon seine bereits weit über 400 Romane zeugen. In Spannungsreihen wie "Irrlicht" und "Gaslicht" erzählt er von überrealen Phänomenen, markiert er als Suchender Diesseits und Jenseits mit bewundernswerter Eleganz. Lisa Römisch saß eine ganze Weile auf der Kante des Bettes ihrer Tochter und starrte blicklos vor sich hin. Sie konnte nur einen ein-zigen Gedanken fassen: Jonas und Emilia waren weg, und die Schuld daran trug sie. Es war die Schrift ihres Sohnes auf dem Zettel, den ihre Kinder ihr hinterlassen hatten: 'Werde glücklich mit deinem Lover! Aber oh-ne uns! Nur ein paar Worte, mit Bleistift aufs Papier gekritzelt, aber niederschmetternd. Lisa entrang sich ein trockenes Schluchzen. Sie konnte nicht ein-fach tatenlos herumsitzen. Es war Nacht, und die Kinder waren ir-gendwo unterwegs. Ein schier unerträglicher Zustand. Wie in Trance erhob sie sich, verließ das Zimmer und ging zu der Kommode im Flur, auf der das Telefon stand. Nach und nach rief sie alle Bekannten und fernen Verwandten an, zu denen die Kinder mög-licherweise geflohen sein konnten. Niemand wusste etwas, und man riet ihr, die Polizei einzuschalten. Zuletzt kontaktierte Lisa ihre Schwiegermutter. Elisabeth Römisch meldete sich. "Was willst du? ", fragte die Ältere ohne die Spur von Freundlichkeit und kurz angebunden. "Sind der Jonas und die Emilia bei dir? ", erkundigte sich Lisa. Alles in ihr hatte sich dagegen gesträubt, diesen Anruf zu tätigen, wusste sie doch, wie ihre Schwiegermutter zu ihr stand. Sie war vom ersten Tag an gegen sie eingestellt gewesen.

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Der Bergpfarrer – 311 –

Es ist dein Recht zu lieben, Lisa

Darf die junge Frau wieder Hoffnung schöpfen?

Toni Waidacher

Lisa Römisch saß eine ganze Weile auf der Kante des Bettes ihrer Tochter und starrte blicklos vor sich hin. Sie konnte nur einen ein-zigen Gedanken fassen: Jonas und Emilia waren weg, und die Schuld daran trug sie.

Es war die Schrift ihres Sohnes auf dem Zettel, den ihre Kinder ihr hinterlassen hatten: ‚Werde glücklich mit deinem Lover! Aber oh-ne uns!’

Nur ein paar Worte, mit Bleistift aufs Papier gekritzelt, aber niederschmetternd.

Lisa entrang sich ein trockenes Schluchzen. Sie konnte nicht ein-fach tatenlos herumsitzen. Es war Nacht, und die Kinder waren ir-gendwo unterwegs. Ein schier unerträglicher Zustand.

Wie in Trance erhob sie sich, verließ das Zimmer und ging zu der Kommode im Flur, auf der das Telefon stand. Nach und nach rief sie alle Bekannten und fernen Verwandten an, zu denen die Kinder mög-licherweise geflohen sein konnten. Niemand wusste etwas, und man riet ihr, die Polizei einzuschalten.

Zuletzt kontaktierte Lisa ihre Schwiegermutter. Elisabeth Römisch meldete sich. „Was willst du?“, fragte die Ältere ohne die Spur von Freundlichkeit und kurz angebunden.

„Sind der Jonas und die Emilia bei dir?“, erkundigte sich Lisa. Alles in ihr hatte sich dagegen gesträubt, diesen Anruf zu tätigen, wusste sie doch, wie ihre Schwiegermutter zu ihr stand. Sie war vom ersten Tag an gegen sie eingestellt gewesen. ‚Xaver hätte was Besse-res verdient’, war der gängige Spruch, den Elisabeth Römisch stets auf den Lippen gehabt hatte.

„Wieso?“, kam die Gegenfrage. „Sind die beiden denn net zu Hause? Hast du eigentlich schon mal auf die Uhr geschaut?“

„Ich war fort, mit einem Bekannten. Als ich vorhin heimgekommen bin, waren die beiden verschwunden. Sie haben mir eine Nachricht hinterlassen …“

„So, so, mit einem Bekannten“, echote Elisabeth Römisch mit ät-zendem Unterton. „Vielleicht solltest du Liebhaber sagen.“

„Selbst wenn’s so wär’, es würd’ dich nix angehen“, wehrte sich Lisa. Die Art und Weise, wie ihre Schwiegermutter mit ihr umging, ließ ihren Widerspruchsgeist erwachen.

„Es geht mich was an. Du bist mit meinem Sohn verheiratet.“

„Der Xaver ist seit einem Jahr spurlos verschwunden, und die letzten beiden Jahre mit ihm davor waren auch net gerade erfreulich. Der ist doch nur noch hinter dem Alkohol hergehechelt.“

„Vielleicht denkst du mal drüber nach, warum er getrunken hat“, keifte Elisabeth Römisch. „Er war net eine Minute lang glücklich mit dir. Drum hat er getrunken. Letztendlich hast du ihn aus dem Haus getrieben. Das, scheint mir, ist dir jetzt bei deinen Kindern auch gelungen.“

„Ich hör’ mir das net länger an“, stieß Lisa hervor. Sie vibrier-te innerlich. Zu ihren Sorgen wegen der Kinder, zu den Schuldgefüh-len, die sie sich selber einredete, gesellten sich nun die gehässi-gen Tiraden ihrer Schwiegermutter. „Sag mir jetzt klipp und klar: Sind die Kinder bei dir oder net?“

„Nein, sie sind net hier. Ich hoff’ nur, dass …“

Ehe sie eine weitere Gehässigkeit äußern konnte, unterbrach Lisa die Verbindung. Sie legte das Telefon weg, ging in die Küche und stellte sich, ohne das Licht anzumachen, ans Fenster. Die Seiten-straße von St. Johann, in der ihre Wohnung lag, war von Straßenla-ternen beleuchtet. Etwa alle hundert Meter stand eine und warf ihr gelbes Licht auf den Asphalt.

Lisa fühlte sich von Gott und der Welt verlassen. Die Finsternis im Raum umschloss sie und machte ihr die Verlorenheit bewusst, die sie tief in sich fühlte. Mit brennenden Augen starrte sie hinaus in die Nacht und stellte sich unablässig die Frage, wo Emilia und Jonas gerade sein mochten.

Sie lehnte die Stirn an die Fensterscheibe. Ihre Gefühle drohten sie zu überwältigen. Um nicht in Tränen auszubrechen, biss sie sich auf die Lippen. Das alles erschien ihr plötzlich wie ein schreckli-cher Albtraum, doch es war Realität. Die zitternde Anspannung ihrer Nerven entlud sich in einem Stöhnen.

Dieser Zustand der absoluten Niedergeschlagenheit hielt mehrere Minuten lang an. Schließlich begriff Lisa, dass es sie nicht weiter-brachte, wenn sie hier am Fenster stand und vor sich hin brütete. Du musst etwas tun!, spornte sie sich aufs Neue an, und es gelang ihr, die Erstarrung abzuschütteln und ihr Denken zu ordnen.

Sie war sich absolut nicht sicher, ob ihre Schwiegermutter die Wahrheit gesagt hatte und ob sie tatsächlich ahnungslos gewesen war. Lisa war geneigt anzunehmen, dass sich die Kinder zu ihrer Oma bege-ben hatten und ihre Schwiegermutter dies aus Gehässigkeit ver-schwieg.

Da waren aber auch tiefschürfende Zweifel. Möglicherweise hatte Elisabeth Römisch wirklich keine Ahnung …

Lisa dachte daran, Konrad anzurufen. Obwohl sie sich liebten, war wegen der ablehnenden Einstellung ihrer Kinder an diesem Abend keine rechte Stimmung aufgekommen. Morgen würde er nach Wolnzach zurück-fahren, wo er lebte und arbeitete. Lisa sah von dem angedachten An-ruf ab, denn sie wollte ihn nicht mit ihren Problemen belasten. Sollte sie in ihm auch noch Schuldgefühle erzeugen? Nein! Es genüg-te, dass sie sich in den bittersten Vorwürfen erging.

Sie kam in diesen Minuten zu dem niederschmetternden Schluss, dass ihre Liebe wohl keine Zukunft hatte. Das hieß für sie, dass sie wieder einmal gezwungen sein würde, zu verzichten. Sie entschloss sich, Konrad, wenn die Kinder wieder zu Hause waren und sie den Auf-ruhr in ihrem Innern einigermaßen unter Kontrolle hatte, anzurufen und ihn zu bitten, nicht mehr nach St. Johann zu kommen und sie zu vergessen. Er würde den Grund wissen wollen, und sie würde ihm er-klären, dass sie gezwungen sei, sich zwischen ihm und ihren Kindern zu entscheiden. Die Entscheidung sei zugunsten von Emilia und Jonas ausgefallen.

Es ließ sie innerlich erbeben. Ihr Herz pochte einen heftigen Rhythmus in ihrer Brust, sie wusste nicht mehr, wo ihr der Kopf stand. Die Enttäuschung und der Frust saßen tief. Warum durfte sie sich ihr Leben nicht nach ihren eigenen Vorstellungen einrichten? Warum sprach man ihr seit Jahren das Recht dazu ab? Alle Menschen hatten das Recht zu lieben. Warum sie nicht?

Sie ging noch einmal in den Flur, suchte auf der Telefonliste, die sie irgendwann einmal angelegt und an eine Pinnwand aus Kork ge-heftet hatte, die Nummer des Polizeireviers und wählte sie an. Das Freizeichen ertönte einige Male, dann erklang der automatische An-rufbeantworter, der ihr mitteilte, dass die Dienststelle nicht be-setzt sei. Max Trenker, der den Anrufbeantworter besprochen hatte, gab für dringende Fälle seine Diensthandynummer bekannt.

Lisa schaute auf die Uhr. Es war halb elf Uhr vorbei, und sie sagte sich, dass die Kinder vielleicht aus eigenem Antrieb wieder heimkämen und sie, wenn sie Max Trenkers Feierabend störte, unter Umständen einen blinden Alarm auslöste. Tief im Inneren wusste sie, dass ihre Hoffnung, die beiden würden wieder nach Hause kommen, sinnlos war. Dennoch klammerte sie sich daran wie eine Ertrinkende an den rettenden Strohhalm.

Nein, die Polizei wollte sie nicht einschalten – noch nicht. Aber sie brauchte jemanden, dem sie ihr Herz ausschütten, dem sie ihre Ängste und Nöte anvertrauen konnte.

Pfarrer Trenker! Er hatte sich immer wieder um sie und die Kinder gekümmert, nachdem Xaver vor einem Jahr aus der Entzugsklinik geflo-hen war und es kein Lebenszeichen mehr von ihm gegeben hatte. Der Bergpfarrer hatte ihr auch in letzter Zeit immer wieder mit Rat und Tat zur Seite gestanden, und jeder im Wachnertal wusste, dass er zu jeder Tages- und Nachtzeit für die Probleme seiner Mitmenschen ein offenes Ohr hatte.

In ihrer Verzweiflung rief ihn Lisa an.

Dreimal erklang das Freizeichen, dann meldete sich die dunkle, ruhige Stimme des Pfarrers. Er sagte: „Guten Abend, Lisa.“ Ihre Num-mer war im digitalen Telefonbuch seines Festnetzanschlusses gespei-chert, und so wurde ihr Name auf dem Display angezeigt. „Wo brennt’s, dass du mich um diese späte Stunde noch anrufst?“

„Ich hoff’, Herr Pfarrer, ich hab’ Sie net aus dem Schlaf geris-sen“, sagte Lisa, ohne auf seine Frage einzugehen. „Aber ich weiß net, an wen ich mich sonst wenden könnt’.“

„Ich hab’ noch net gelegen“, versetzte Sebastian. „Du störst net. Also raus mit der Sprache, Lisa. Was ist der Anlass für deinen An-ruf?“

Lisa berichtete mit stockender Stimme. Als sie geendet hatte, murmelte der Bergpfarrer. „Mir scheint, dass es der Jonas jetzt ziemlich übertreibt. Dass er die treibende Kraft war, dürft’ so gut wie sicher sein. Ich glaub’ nämlich net, dass die Emilia von sich aus von zu Hause weggelaufen wär’. – Du sagst, dass niemand eine Ah-nung hat, wo die beiden sein könnten. Hast du wenigstens meinen Bru-der verständigt?“

„Die Polizeiwache ist net besetzt. Ich weiß net, ob ich net die Pferde scheu mach’, wenn ich Ihren Bruder zu Hause anruf’ und die Kinder als abgängig melde. Vielleicht kommen sie zurück, und alles löst sich in Wohlgefallen auf.“

„Hast du dem Konrad Pfeiffer Bescheid gesagt?“, fragte Sebastian.

„Nein. Ich will ihn net damit belasten, und schon gar net will ich in ihm irgendwelche Schuldgefühle wachrufen. Ich …“ Lisa brach ab. Es kostete sie Mühe, die nächsten Worte auszusprechen. Sie hatte nämlich vor, genau das Gegenteil von dem zu tun, was ihr der Pfarrer vor einigen Tagen geraten hatte.

‚Ich bin der Meinung, dass du dich lang genug verkrochen und nim-mer so recht am Leben teilgenommen hast’, hatte er zum Ausdruck ge-bracht. ‚Ein bissel Freud’ am Leben muss der Mensch jedoch haben, sonst verkümmert er. Du hast dir nix vorzuwerfen. Und du musst auch kein schlechtes Gewissen haben …’

Bei Gott, sie hatte ein denkbar schlechtes Gewissen!

„Was wolltest du sagen, Lisa?“, fragte Sebastian.

Lisa nahm sich ein Herz und antwortete: „Ich werd’ ihn bitten, nimmer zu kommen, Herr Pfarrer. Ich würd’s net verkraften, wenn mei-ne Kinder sich von mir abwenden, nur weil ich mich als stur und ei-genwillig erweis’. Mein Kinder sind mir wichtiger als alles andere.“

„Diese Einstellung ist einerseits nachvollziehbar, andererseits aber net unbedingt zu akzeptieren, Lisa. Was deine Kinder treiben, ist egoistisch. Sie sind stur und eigenwillig und versuchen, dir ih-ren Willen aufzuzwingen.“

„Ich will nur, dass sie bald wieder bei mir sind“, murmelte Lisa. „Dafür bin ich bereit, zurückzustecken. Meine Bedürfnisse sind un-wichtig. Es geht mir nur um die Kinder.“

„Sie kommen net weit, Lisa. Ich vermut’ ganz stark, dass sie sich bei jemand verstecken, der dir das verschwiegen hat – aus welchem Grund auch immer. Das ist allerdings reine Spekulation, und ich will net darauf vertrauen. Darum werd’ ich meinen Bruder informieren, da-mit er Suchmaßnahmen einleitet. Ich werd’ ihn bitten, dich auf dem Laufenden halten. Ist das für dich in Ordnung?“

„Ja, Herr Pfarrer. Allein das Wissen, dass nach den beiden inten-siv gesucht wird, ist schon ein bissel beruhigend und verleiht Zu-versicht.“

„Ich werd’ das Nötige veranlassen, Lisa“, versicherte der Pfar-rer. „Mein Bruder wird mit dir Verbindung aufnehmen.“

*

Max Trenker hatte schon im Bett gelegen und war am Einschlafen, als ihn das Klingeln des Telefons hochschrecken ließ. Er warf die Zudecke von sich, sprang auf, lief auf den Flur, wo das Telefon auf einem Tischchen stand, und hatte im nächsten Moment seinen Bruder an der Strippe. „Ich hoff’, du hast noch net geschlafen, Bruderherz. Wenn doch, tut’s mir leid. Aber der Anruf ist unabdingbar …“

Er berichtete. Zuletzt sagte er: „Die Lisa denkt, dass die Kinder zu ihrer Oma, der Römisch-Liesl, gegangen sind. Die Liesl bestreitet das allerdings und behauptet, bis zu der Minute, in der die Lisa bei ihr angerufen hat, ahnungslos gewesen zu sein.“

„Das Verhältnis der beiden ist doch eh net das Beste“, gab Max zu verstehen.

„War’s noch nie und wird’s wahrscheinlich auch niemals sein“, pflichtete Sebastian bei. „Ich will dir ja nix dreinreden, Bruder. Aber ich denk’, du musst was unternehmen. Es ist ja net auszuschlie-ßen, dass die beiden Kinder irgendwo herumirren.“

„Ich werd’ zunächst mal zur Lisa fahren und mit ihr reden“, er-klärte Max. „Und dann will ich bei der Großmutter der Kinder vorbei-schauen. Sie ist meiner Meinung nach die erste Adresse, zu der sich der Jonas und seine Schwester möglicherweise begeben haben.“

„Das Ganze kommt der Römisch-Elisabeth natürlich wie gerufen, um der ungeliebten Schwiegertochter eins auszuwischen“, verlieh der Pfarrer seinen Gedanken Ausdruck. „Aber es liegt mir fern, ihr was zu unterstellen.“

„Die Gedanken sind frei …“, gab Max zu verstehen.

„… und wärst du in Ketten geboren“, vollendete Sebastian. „Frei nach Friedrich Schiller. – Gut, Max. Halt’ mich bitte auf dem Lau-fenden.“

„Mach’ ich“, versprach Max und blickte auf Claudia, seine Frau, die jetzt erschien. Sie wirkte schlaftrunken. Max legte den Telefon-hörer fort und klärte sie mit knappen Worten auf, dann verlor er keine Zeit mehr, zog sich an und verabschiedete sich von ihr.

Wenige Minuten später parkte er den Dienstwagen vor dem Haus, in dem Lisa und ihre Kinder wohnten. Und eine weitere Minute später ließ ihn die verhärmte, blasse Fünfunddreißigjährige, die vom Leben noch nie etwas geschenkt bekommen und der das Schicksal wieder ein-mal ein absolutes Tief beschert hatte, in die Wohnung. Sein Kommen überraschte Lisa nicht, denn Pfarrer Sebastian hatte sie gleich nach dem Gespräch mit seinem Bruder entsprechend informiert.

Max las die knapp gehaltene Mitteilung, die Jonas verfasst hatte. „Ich schließe net aus, dass deine Kinder zu ihrer Oma gegangen sind, Lisa“, sagte er dann. „Mein Bruder hat mir allerdings erzählt, dass deine Schwiegermutter das bestreitet.“ Wie der Pfarrer kannte er Li-sa, seit sie auf der Welt war, und daher war er mit ihr per du. „Was hast du für ein Gefühl? Hat sie dich belogen, oder ist sie bis zu deinem Anruf wirklich ahnungslos gewesen?“

„Ich weiß es net“, murmelte Lisa, und ihre Stimme klang brüchig. „Um mir zu schaden, würde meine Schwiegermutter wahrscheinlich sogar einen Meineid schwören. Auch ich hab’ den Verdacht, dass sie die Kinder versteckt. Das ist aber reine Vermutung. Ich kann’s net ein-schätzen, wofür sich der Jonas entschieden hat. Er ist fünfzehn und denkt oft schon wie ein Erwachsener. Drum schließ’ ich auch net aus, dass er und die Emilia sich vielleicht in irgendeinem Schober oder in einer der Heuhütten auf den Viehweiden verkrochen haben.“

„Habt ihr euch gestritten?“, wollte Max wissen.

„Eigentlich net“, antwortete Lisa. „Die Kinder haben allerdings unmissverständlich zum Ausdruck gebracht, dass sie meine Gefühle zu Konrad Pfeiffer net akzeptieren.“ Ihre Augen füllten sich mit Trä-nen. „Ich hätt’ die Verabredung am Abend absagen sollen“, murmelte sie mit müder Stimme. „Aber ich wollt’ mich wenigstens einmal in meinem Leben durchsetzen. Mit meiner Sturheit hab’ ich wahrschein-lich sehr viel kaputtgemacht.“

„Du musst die Schuld net bei dir suchen, Lisa“, versuchte Max, die Frau zu trösten. „Nach allem, was ich weiß, ist der Jonas immer noch davon überzeugt, dass der Xaver irgendwann zurückkehrt, und seine Großmutter schürt diese Überzeugung. Der Bursch’ weiß wahr-scheinlich net, wem er mehr Glauben schenken soll. Dir, die du davon überzeugt bist, dass dein Mann gar nimmer lebt, oder seiner Oma, die ihm ständig das Gegenteil einredet. Da er sehr an seinem Vater ge-hangen hat, ist er wahrscheinlich für das, was seine Oma sagt, emp-fänglicher, weil es seine Hoffnung schürt. Du sagst, er denkt manch-mal wie ein Erwachsener.“ Max zuckte mit den Schultern. „Mag sein. Im Grunde aber ist er ein pubertierender Jugendlicher, in dessen Kopf einiges durcheinandergeht. Der Umgang ist net einfach.“

„Ich möcht’, dass die Kinder wieder heimkommen“, murmelte Lisa. „Alles andere ist für mich nebensächlich. Ich will, dass wir uns wieder verstehen und wieder eine Familie sind, in der es friedlich und harmonisch zugeht.“

„Wir finden deine Kinder“, versicherte Max. „Ich werd’ jetzt die Bergrettung in Garmisch anrufen. Die Nacht ist klar, und sie können mit Wärmebildkameras den Ainringer Forst und das Gebiet rund um St. Johann absuchen. Sollten der Jonas und die Emilia in der Zwischen-zeit oder im Laufe der Nacht heimkommen, dann sag mir bitte Be-scheid, Lisa.“

Die Fünfunddreißigjährige versprach es.

Max setzte sich in sein Dienstfahrzeug und telefonierte von dort aus mit der Bergwacht, danach rief er den Bereitschaftsdienst in der Polizeiinspektion Garmisch-Partenkirchen an und meldete, dass in St. Johann zwei Kinder vermisst wurden. Er gab eine Personenbeschreibung durch und informierte den Kollegen, mit dem er sprach, dass die Bergrettung bereits eingeschaltet war.

„Vielleicht können S’ eine Suchaktion starten“, meinte der Beamte in der Inspektion. „In einem kleinen Ort wie St. Johann, wo jeder jeden kennt, lässt sich so etwas doch leicht organisieren.“