Verlag: Heyne Kategorie: Abenteuer, Thriller, Horror Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2013

Der Buick E-Book

Stephen King

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E-Book-Beschreibung Der Buick - Stephen King

Faszination des UnbekanntenEines Morgens taucht an einer Tankstelle ein alter Buick auf. Der geheimnisvolle Fahrer verschwindet, und schließlich zeigt es sich, dass der Straßenkreuzer genauso wenig ein Buick ist wie der schwarzgekleidete Fahrer ein Mensch. Der Wagen entwickelt ein ungewöhnliches Eigenleben …

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E-Book-Leseprobe Der Buick - Stephen King

Das Buch

Der junge Ned Wilcox, dessen Vater ein Jahr zuvor im Polizeidienst ums Leben gekommen ist, jobbt im Sommer 2002 bei derselben Polizeieinheit. Er fühlt sich im Kreis der ehemaligen Kollegen seines Vaters wohl, weil sie ihm dabei helfen, den schmerzlichen Verlust zu verarbeiten. Doch schon bald beschäftigen Ned andere Dinge: Als er durch die Fenster eines alten Schuppens blickt, entdeckt er darin einen mit einer Plane abgedeckten Wagen, der offenbar schon lange dort steht. Plötzlich hört er ein schleifendes Geräusch und traut seinen Augen nicht: Die Plane ist wie von allein vom Wagen gerutscht. Ned wird das komische Gefühl nicht los, dass der alte Buick, der darunter zum Vorschein gekommen ist, die Plane selbst abgeschüttelt hat, um ihn beobachten zu können ...

Der Autor

Stephen King, geboren 1947, ist einer der erfolgreichsten amerikanischen Schriftsteller. Er hat weltweit über 400 Millionen Bücher in mehr als 40 Sprachen verkauft und erhielt den Sonderpreis der National Book Foundation für sein Lebenswerk.

DERBUICK

Roman

Aus dem Amerikanischen von Jochen Schwarzer

Wilhelm Heyne VerlagMünchen

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Die Originalausgabe

From a Buick 8

erschien 2002 bei Scribner, New York

Vollständige überarbeitete deutsche Taschenbuchausgabe 08/2013

Copyright © 2002 by Stephen King

Copyright © 2002 der deutschsprachigen Ausgabe by Econ Ullstein List Verlag GmbH & Co.KG, München

Copyright © 2013 dieser Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag,

München in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Umschlaggestaltung und Motiv: Hauptmann und Kompanie Werbeagentur, Zürich unter Verwendung einer Illustration von © Anja Filler

Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling

ISBN: 978-3-641-10527-3V002

www.heyne.de

Für

Surendra und Geeta Patel

Jetzt: Sandy

Curt Wilcox’ Sohn kam in dem Jahr nach dem Tod seines Vaters oft zu uns in die Polizeikaserne, wirklich oft, aber nie hat ihm jemand gesagt, er solle nicht im Wege stehen, oder ihn gefragt, was zum Teufel er denn hier schon wieder zu suchen habe. Uns war klar, was er hier wollte: Er klammerte sich an die Erinnerung an seinen Vater. Polizisten verstehen eine ganze Menge von Trauer; ja, die meisten von uns kennen sich damit besser aus, als uns lieb ist.

Es war Ned Wilcox’ letztes Jahr auf der Statler Highschool. Aus der Footballmannschaft war er ausgestiegen; als er sich entscheiden musste, entschied er sich für die Troop D. Kaum zu glauben, dass ein junger Mann so was macht: statt der Spiele am Freitag- und der Partys am Samstagabend lieber unbezahlte Arbeit zu leisten, aber genau das hat er getan. Ich glaube, niemand von uns hat mit ihm über diese Entscheidung gesprochen; aber er nötigte uns Respekt damit ab. Er hatte eben einfach beschlossen, dass die Zeit der Spiele für ihn vorbei war. Erwachsene Männer sind zu solchen Entscheidungen oft nicht fähig; Ned aber traf sie in einem Alter, in dem er noch nicht mal legal an alkoholische Getränke oder Zigaretten kam. Ich vermute, sein Dad wäre stolz auf ihn gewesen. Nein, das vermute ich nicht nur, das weiß ich.

Da der Junge so oft bei uns war, war es wohl unvermeidlich, dass er sah, was draußen im Schuppen B steht, und jemand fragte, was das sei und was es dort zu suchen habe. Und es war nur wahrscheinlich, dass er damit zu mir kam, denn ich war der beste Freund seines Vaters gewesen, zumindest sein bester Freund bei der Polizei. Vielleicht wollte ich sogar, dass es so kam. Was einen nicht umbringt, macht einen nur härter, heißt es ja immer. Sollte die Katze ihre Neugier doch stillen.

Was mit Curtis Wilcox passiert war, ist schnell erzählt. Ein altbekannter Suffkopf hier aus dem County, den Curt schon sechs- oder achtmal festgenommen hatte, hatte ihn auf dem Gewissen. Der Alki, Bradley Roach, wollte keinem was zuleide tun; das wollen Alkis meistens nicht. Dennoch würde man sie natürlich am liebsten den ganzen Weg bis Rocksburg in ihren dummen Arsch treten.

An einem heißen Spätnachmittag im Juli 2001 winkte Curtis einen großen Sattelzug rechts ran, der vom vierspurigen I-87 abgefahren war, weil der Trucker den Raststättenfraß von Burger King und Taco Bell nicht mehr sehen konnte und rechtzeitig zum Abendessen zu Hause sein wollte. Curt hatte sich vor der stillgelegten Jenny-Tankstelle an der Kreuzung State Road 32 und Humboldt Road postiert– also genau an der Stelle, an der viele Jahre zuvor dieser verdammte alte Buick Roadmaster in unserem Teil des bekannten Universums aufgetaucht war. Man kann das natürlich als Zufall bezeichnen, wenn man will, aber ich als Polizist glaube nicht an Zufälle, nur an Verkettungen von Ereignissen, die immer länger und brüchiger werden, bis sie dann durch ein Missgeschick oder schlichte menschliche Niedertracht irgendwann abreißen.

Neds Vater folgte dem Sattelzug, weil der einen »Schlapper« hatte. Als er vorbeifuhr, sah Curt, dass sich von einem der hinteren Reifen Gummi löste wie von einem großen, schwarzen Feuerrad. Viele selbständige Fernfahrer verwenden runderneuerte Reifen– bei den Dieselpreisen heutzutage bleibt ihnen auch kaum etwas anderes übrig–, und manchmal löst sich bei denen das Profil. Man sieht ständig Kringel und Brocken davon auf dem Highway liegen, entweder direkt auf der Fahrbahn oder auf den Standstreifen geweht– wie die abgelegte Haut riesiger, prähistorischer, schwarzer Schlangen. Es ist gefährlich, hinter so einem Schlapper herzufahren, vor allem auf einer zweispurigen Straße wie der SR-32, einem hübschen, aber vernachlässigten Highway-Abschnitt zwischen Rocksburg und Statler. Curt wollte dafür sorgen, dass der Fahrer des Sattelzugs den Reifen wechselte, ehe ein Stück vom Profil einem nichts ahnenden Autofahrer hinter ihm die Windschutzscheibe einschlug. Auch wenn es nur daran abprallte, konnte sich der Fahrer doch so erschrecken, dass er von der Straße abkam, an einen Baum fuhr oder sogar die Böschung hinab in den Redfern Stream stürzte, der Kurve um Kurve fast sechs Meilen lang an der SR-32 entlangfließt.

Curt schaltete sein Blaulicht an, und der Trucker fuhr wie ein braver Junge rechts ran. Curt hielt direkt hinter ihm, meldete über Funk seinen Standort, gab dann durch, worum es ging, und wartete, bis Shirley das bestätigt hatte. Dann stieg er aus und ging zu dem Laster.

Wäre er direkt zu dem Fahrer gegangen, der sich aus dem Seitenfenster lehnte und sich zu ihm umsah, dann würde er heute vermutlich noch auf Erden weilen. Doch er blieb stehen und betrachtete das lose Profil an dem letzten Reifen hinten links, zog sogar daran, um zu sehen, ob er es abbekam. Der Trucker sah das alles und bezeugte es später vor Gericht. Dass Curt dort stehen blieb, war das vorletzte Glied in einer Verkettung von Ereignissen, die seinen Sohn zur Troop D führten und schließlich dafür sorgten, dass er einer von uns wurde. Das allerletzte Ereignis bestand darin, dass sich Bradley Roach nach rechts beugte, um sich noch ein Bier aus dem Sixpack zu nehmen, das vor dem Beifahrersitz seines alten Buick Regals stand (nicht der Buick, sondern ein anderer Buick– ja, es ist schon komisch, wie sich die Dinge, wenn man auf Katastrophen oder Liebesaffären zurückblickt, aufzureihen scheinen wie die Planeten in einem persönlichen Horoskop). Keine Minute später hatten Ned Wilcox und seine Schwestern keinen Daddy und Michelle Wilcox keinen Ehemann mehr.

Recht bald nach der Beerdigung begann Curts Sohn sich hier in unserer Basis blicken zu lassen. Wenn ich in diesem Herbst nachmittags zur Schicht kam oder auch nur mal nach dem Rechten sah (wenn man das Sagen hat, fällt’s einem schwer, einfach mal wegzubleiben), sah ich den Jungen meistens zuallererst. Während seine Freunde drüben auf dem Floyd B. Clouse Field hinter der Highschool Football spielten, gegen Dummys anrannten und einander Fünf gaben, kehrte Ned in seiner grüngoldfarbenen Highschool-Jacke auf dem Rasen vor der Kaserne ganz allein das Laub zu großen Haufen zusammen. Er winkte mir zu, und ich winkte zurück: Grüß dich, Junge. Wenn ich geparkt hatte, ging ich manchmal vorn herum und schwatzte kurz mit ihm. Dann erzählte er mir etwa, wie blöde sich seine Schwestern in letzter Zeit aufführten, und lachte darüber. Aber auch wenn er über sie lachte, merkte man, dass er sie liebte. Manchmal ging ich aber auch gleich hinten rein und erkundigte mich bei Shirley nach dem Stand der Dinge. Ohne Shirley Pasternak würde die Verbrechensbekämpfung hier im westlichen Pennsylvania zusammenbrechen, das steht mal fest.

Im Winter sah man Ned dann oft mit dem Schneegebläse hinten auf dem Parkplatz, auf dem die Trooper ihre Privatfahrzeuge abstellen. Eigentlich sind die Gebrüder Dadier, zwei Gauner hier aus der Gegend, für unseren Parkplatz zuständig, aber die Troop D befindet sich im Lande der Amish, am Rande der Short Hills, und bei einem schweren Sturm versinkt der Parkplatz gleich wieder unter Schnee, wenn sie mit ihrem Pflug weggefahren sind. Diese Schneewehen sehen aus wie ein riesiger weißer Brustkorb. Aber Ned bekam sie in den Griff. Da stand er dann, auch bei fünfzehn Grad unter null, wenn der Sturm von den Hügeln her toste, in einem Schneemobilanzug, mit seiner Highschool-Jacke drüber, gefütterten Polizeihandschuhen aus Leder an den Händen und einer Sturmhaube über dem Gesicht. Ich winkte ihm zu. Er winkte kurz zurück und machte sich dann wieder mit dem Gebläse über die Schneewehen her. Anschließend kam er oft auf einen Kaffee oder eine heiße Schokolade herein. Die Kollegen gingen hin und unterhielten sich mit ihm, fragten ihn nach der Schule und ob er die Zwillinge denn auch im Griff habe (seine Schwestern waren im Winter 2001 zehn Jahre alt, glaube ich). Sie fragten, ob seine Mutter irgendwas brauchte. Manchmal war ich auch dabei, wenn es ruhig war in der Kaserne und nicht allzu viele Schreibarbeiten anlagen. Bei diesen Gesprächen ging es nie um seinen Vater, obwohl es bei diesen Gesprächen eigentlich nur um seinen Vater ging. Sie verstehen schon.

Das Laubharken und Schneeräumen war eigentlich Arky Arkanians Aufgabe. Arky war der Hausmeister. Aber er war auch einer von uns und wurde nie sauer deswegen und war nicht eigen mit seinem Job. Und was die Schneewehen anging, war Arky bestimmt drauf und dran, Gott auf Knien für diesen Jungen zu danken. Arky war damals schon sechzig, und auch seine Footballzeit war längst vorbei– wie auch die Zeit, als er noch bei minus fünfzehn Grad (minus dreißig, wenn man den Windchillfaktor mitrechnete) anderthalb Stunden draußen zubringen konnte, ohne dass es ihm groß was ausgemacht hätte.

Und dann freundete sich der Junge mit Shirley an, also mit Police Communications Officer Pasternak. Als dann der Frühling kam, saß Ned immer häufiger bei ihr in ihrer kleinen Leitstelle mit den Telefonen, dem Gehörlosentelefon, der Standortübersichtskarte (auch »D-Karte« genannt) und dem Computerterminal, das den Mittelpunkt unserer hektischen kleinen Welt bildet. Sie zeigte ihm die einzelnen Telefone (das wichtigste ist das rote, über das die Notrufe eingehen). Sie erklärte ihm, dass die Anrufrückverfolgung einmal wöchentlich überprüft werden musste und wie das gemacht wurde, und dass der Dienstplan jeden Tag bestätigt werden musste, damit man wusste, wer auf den Straßen von Statler, Lassburg und Pogus City Streife fuhr, wer vor Gericht erscheinen musste und wer dienstfrei hatte.

»Mein schlimmster Albtraum wäre es, einen Officer zu verlieren, ohne dass ich es mitbekäme«, hörte ich sie eines Tages zu Ned sagen.

»Ist das schon mal passiert?«, fragte Ned. »Dass man… einfach jemand verliert?«

»Ja, einmal«, sagte sie. »Vor meiner Zeit. Schau mal her, Ned. Ich hab dir die Funk-Codes kopiert. Wir verwenden die nicht mehr, aber die Trooper schon noch. Wenn du in der Leitstelle arbeiten willst, musst du die kennen.«

Dann kam sie wieder auf die vier Grundfragen bei ihrem Job zu sprechen und zählte sie ihm noch einmal auf: Ort und Art des Vorfalls, gegebenenfalls Anzahl der Verletzten und Art der Verletzungen und der nächste verfügbare Wagen. Wo, was, Verletzungen, wen schicken– das war ihr Mantra.

Ich dachte: Demnächst übernimmt er das noch. Sie will, dass er die Leitstelle übernimmt. Ihr ist klar, dass sie ihren Job los ist, wenn Colonel Teague oder sonst einer aus Scranton reinkommt und sieht, was er da macht, und trotzdem will sie, dass er es übernehmen kann.

Und ob man’s glaubt oder nicht: Eine Woche später saß Ned doch tatsächlich am Pult von PCO Pasternak in der Leitstelle, erst nur, wenn sie mal auf Toilette war, dann aber immer häufiger und auch länger, wenn sie sich einen Kaffee holte oder auf dem Hof eine rauchen war.

Als der Junge zum ersten Mal merkte, dass ich ihn ganz allein da sitzen sah, zuckte er zusammen und lächelte mich dann schuldbewusst an, als wäre ich seine Mutter und hätte ihn dabei erwischt, wie er die Hand unter dem Pulli seiner Freundin hatte. Ich nickte ihm zu und ging, ohne zu überlegen, weiter meiner Wege. Shirley hatte die Leitstelle der Statler Troop D einem Jungen überlassen, der sich gerade dreimal pro Woche rasieren musste, und fast ein Dutzend Trooper draußen im Einsatz wurden in diesem Moment von hier aus dirigiert, aber deshalb verlangsamte ich meinen Schritt nicht und blieb schon gar nicht stehen. Wir sprachen ja immer noch über seinen Vater. Shirley und Arky ebenso wie ich und die anderen State Trooper, mit denen Curtis Wilcox über zwanzig Jahre lang gedient hatte. Auch wenn wir nicht über ihn sprachen, war er immer gegenwärtig. Und manchmal ist es besser, sich das einfach nur anmerken zu lassen, statt viele Worte darum zu machen.

Als er mich nicht mehr sehen konnte, blieb ich aber doch stehen. Und stand dann da. Und lauschte. Am anderen Ende des Raums, vor den Fenstern zur Straße hinaus, stand Shirley Pasternak mit einem Styroporbecher Kaffee in der Hand und sah mich an. Neben ihr stand Phil Candleton, der gerade Dienstschluss hatte und schon in Zivil war. Auch er sah mich an.

In der Leitstelle meldete sich das Funkgerät. »Zwölf für Statler«, sagte eine Stimme. Sprechfunk verzerrt die Stimmen, aber ich kenne meine Männer. Es war Eddie Jacubois.

»Hier Statler, ich höre«, antwortete Ned ganz ruhig und gelassen. Falls er Angst hatte, Mist zu bauen, war es ihm nicht anzuhören.

»Statler, ich habe hier einen VW Jetta, Kennzeichen vierzehn-null-sieben-drei-neun-Foxtrott aus PA, an der County Road 99 angehalten. Ich brauche einen 10-28, verstanden?«

Shirley lief hinüber. Ein wenig Kaffee schwappte ihr aus dem Becher. Ich hielt sie am Ellbogen zurück. Eddie Jacubois war da draußen auf einer County Road, hatte gerade wegen irgendeines Vergehens– vermutlich überhöhte Geschwindigkeit– einen Jetta angehalten und wollte nun wissen, ob über Wagen oder Halter irgendwas vorlag. Er wollte das wissen, weil er gleich aus dem Streifenwagen steigen und zu dem Jetta gehen würde. Er wollte es wissen, weil er, wie jeden Tag, sein Leben aufs Spiel setzen würde. War der Jetta vielleicht gestohlen? War er im Verlauf des vergangenen halben Jahres an einem Unfall beteiligt gewesen? Hatte der Halter wegen häuslicher Gewalt vor Gericht gestanden? Hatte er jemand erschossen, beraubt oder vergewaltigt? Stand da auch nur ein einziger Strafzettel noch aus?

Eddie hatte ein Recht, das zu erfahren, wenn die Datenbank es hergab. Aber Eddie hatte auch ein Recht zu erfahren, warum sich da eben ein Highschool-Schüler mit den Worten Hier Statler, ich höre gemeldet hatte. Ich fand, es war Eddies Entscheidung. Hätte er entgegnet Wo zum Teufel steckt Shirley?, dann hätte ich ihren Arm losgelassen. Aber wenn Eddie mitspielte, wollte ich sehen, was der Kleine tat, wie er sich schlug.

»Wagen zwölf, bleiben Sie dran.« Falls Ned jetzt ins Schwitzen geriet, war es ihm immer noch nicht anzuhören. Er wandte sich zum Computermonitor und rief Uniscope auf, die Suchmaschine, die wir bei der Pennsylvania State Police verwendeten. Er tippte schnell, aber sauber, und drückte dann auf ENTER.

Es folgte eine kurze Stille, und Shirley und ich standen schweigend Seite an Seite und hofften, dass der Junge nicht plötzlich erstarrte, vom Pult aufsprang und aus dem Raum stürmte. Vor allem aber hofften wir, dass er an den richtigen Stellen den richtigen Code eingegeben hatte. Es schien sehr lange zu dauern. Ich weiß noch, dass ich draußen einen Vogel zwitschern hörte und in der Ferne ein Flugzeug dröhnen. Es blieb Zeit, an die Verkettungen von Ereignissen zu denken, von denen manche Leute behaupten, sie ergäben sich rein zufällig. Eine dieser Verkettungen war gerissen, als Neds Vater auf der Route 32 umgekommen war, und hier bildete sich nun gerade eine neue. Eddie Jacubois– nicht eben einer der Hellsten, wie ich leider sagen muss– war nun über so eine Verkettung mit Ned Wilcox verbunden. Und ebenso verbunden damit war ein VW Jetta. Und der Fahrer dieses Jettas.

Dann: »Statler für zwölf.«

»Zwölf, ich höre.«

»Der Jetta ist zugelassen auf William Kirk Frady aus Pittsburgh. Frady ist… äh… Augenblick…«

Es war sein einziger Aussetzer, und ich hörte ihn hastig in Papieren blättern, während er nach der Karte suchte, die Shirley ihm gegeben hatte, der Karte mit den Funk-Codes drauf. Er fand sie, überflog sie und warf sie mit einem ungeduldigen Seufzer beiseite. Währenddessen wartete Eddie geduldig in seinem Streifenwagen zwölf Meilen weiter westlich. Er sah vielleicht Einspänner der Amish oder ein Farmhaus, bei dem an einem Vorderfenster die Gardine beiseite gezogen war, was bedeutete, dass die dort wohnende Amishfamilie eine Tochter in heiratsfähigem Alter hatte, oder er schaute hinüber zu den dunstverhangenen Hügeln Ohios. Aber deutlich sah er wohl nichts von all dem. Deutlich sah Eddie in diesem Moment einzig und allein den Jetta, der vor ihm auf dem Seitenstreifen der Straße stand und dessen Fahrer für ihn weiter nichts als eine Silhouette vor dem Lenkrad war. Wer war dieser Fahrer? Ein Reicher? Ein Armer? Ein Bettler? Ein Dieb?

Schließlich sagte Ned es einfach, und das war genau richtig so. »Wagen zwölf, Frady ist dreifach vorbestraft wegen Alkohol am Steuer. Verstanden?«

Ein Trinker– das war der Jetta-Fahrer. Vielleicht war er gerade mal nüchtern, aber wenn er zu schnell gefahren war, war das eher unwahrscheinlich.

»Verstanden, Statler.« Vollkommen lakonisch. »Hat er grade ’ne gültige Pappe?«

»Äh…« Ned starrte wie gebannt die weißen Buchstaben auf dem blauen Monitorhintergrund an. Direkt vor deiner Nase, Kleiner, siehst du’s denn nicht? Ich hielt den Atem an.

Dann: »Bestätige, Wagen zwölf. Er hat seit drei Monaten seine Fahrerlaubnis wieder.«

Ich atmete aus. Auch Shirley atmete weiter. Das waren gute Neuigkeiten für Eddie. Frady durfte fahren und war daher wahrscheinlich eher nicht durchgeknallt. So jedenfalls die Faustregel.

»Zwölf«, sagte Eddie. »Ich schreite jetzt ein. Verstanden?«

»Verstanden«, sagte Ned. »Bitte Eigensicherheit beachten. Ich bleibe dran.« Ich hörte ein Klicken und dann einen lauten, gedehnten Seufzer. Ich nickte Shirley zu, und sie setzte sich wieder in Bewegung. Dann strich ich mir über die Stirn und war nicht gerade verwundert, dass sie schweißnass war.

»Na, wie läuft’s denn so?«, fragte Shirley in ruhigem, normalem Ton, um auszudrücken, dass es, soweit sie wusste, im Westen nichts Neues gab.

»Eddie Jacubois hat sich gemeldet«, sagte Ned. »Ein 10-28.« Das bedeutet: Anfrage bei der Zentrale. Als Trooper weiß man, dass es in neun von zehn Fällen auch bedeutet, dass der Zentrale irgendein Vergehen gemeldet wird. Neds Stimme klang jetzt nicht mehr so ruhig, aber na und? Jetzt durfte sie ein wenig zittern. »Er hat da auf der County Road 99 jemand in einem Jetta. Ich habe das geklärt.«

»Erzähl mir, wie«, sagte Shirley. »Wie hast du das gemacht? Schritt für Schritt, Ned. So schnell du kannst.«

Ich ging weiter. Phil Candleton fing mich an meiner Bürotür ab. Mit einer Kopfbewegung deutete er auf die Leitstelle. »Wie hat der Kleine das gemacht?«

»Gut hat er das gemacht«, sagte ich und ging an ihm vorbei in mein Büro. Erst als ich mich setzte, merkte ich, dass mir die Beine zitterten.

Seine Schwestern Joan und Janet waren eineiige Zwillinge. Sie hatten einander, und in ihnen hatte ihre Mutter auch etwas von ihrem verstorbenen Mann: Curtis’ blaue, leicht nach oben geneigte Augen, sein blondes Haar und seine vollen Lippen (auf der Highschool hatte Curt den Spitznamen »Elvis« gehabt). Und auch in ihrem Sohn, bei dem die Ähnlichkeit noch auffälliger war, hatte Michelle etwas von ihrem Mann. Ein paar Fältchen um die Augen, und Ned hätte ausgesehen wie sein Vater, als der damals bei der Polizei angefangen hatte.

Das war es, was sie hatten. Und Ned hatte uns.

Eines Tages im April kam er übers ganze Gesicht strahlend in die Kaserne. Dieses Strahlen ließ ihn jünger und liebenswerter aussehen. Ich weiß noch, wie ich dachte, dass wir alle jünger und liebenswerter aussehen, wenn wir unser wahres Lächeln zeigen– wenn wir uns wirklich freuen und nicht nur aus Höflichkeit lächeln. Das fiel mir an diesem Tag auf, weil Ned nicht oft lächelte, und schon gar nicht so strahlend. Ich hatte das vermutlich bis dahin nicht bemerkt, weil er stets höflich, zuvorkommend und aufmerksam war, mit anderen Worten: jemand, den man gern um sich hatte. Doch erst als er an diesem seltenen Tag so freudestrahlend lächelte, fiel einem auf, wie ernst er eigentlich sonst war.

Er stellte sich mitten in den Raum, und alle Gespräche verstummten. Er hatte ein Blatt Papier in der Hand. Obendrauf prangte ein kompliziert aussehendes goldenes Siegel. »Pitt!«, sagte er und hielt das Blatt mit beiden Händen hoch wie ein Kampfrichter bei der Olympiade die Wertung. »Ich bin an der Pitt angenommen! Und ich kriege sogar ein Stipendium! Es reicht nicht ganz, aber fast!«

Alle applaudierten. Shirley drückte ihm einen dicken Schmatz auf den Mund, und der Junge errötete bis zu den Haarspitzen. Huddie Royer, der an diesem Tag freihatte und nur so bei uns rumhockte und sich über einen Fall aufregte, in dem er vor Gericht aussagen musste, ging los und kam mit einer Packung Little-Debbie-Törtchen wieder. Arky schloss den Limoautomaten auf, und wir schmissen eine Party. Es ging nur eine Stunde lang oder so, aber dennoch war es schön. Alle schüttelten Ned die Hand, das Annahmeschreiben der Pitt wurde (zweimal, glaube ich) im Raum herumgereicht, und ein paar Kollegen, die gerade zu Hause waren, kamen vorbei, nur um mit ihm zu reden und ihm zu gratulieren.

Dann ging natürlich der Alltag weiter. Es ist zwar ruhig hier im westlichen Pennsylvania, aber tot ist es nicht. In Pogus City (wenn das eine City ist, bin ich der Erzherzog Franz Ferdinand) brannte ein Farmhaus, und auf dem Highway 20 war ein Einspänner der Amish umgekippt. Die Amish bleiben zwar lieber unter sich, aber in solchen Fällen nehmen sie gern etwas Hilfe von außen an. Dem Pferd war nichts passiert; das war schon mal die Hauptsache. Die schlimmsten Kutschenunfälle ereignen sich freitag- und samstagnachts, wenn die jüngeren Amish gern mal hinter dem Stall einen picheln. Manchmal lassen sie sich von einer »weltlichen Person« eine Flasche Schnaps oder eine Kiste Iron-City-Bier kaufen, und manchmal trinken sie auch ihr eigenes Zeug, einen wirklich mörderischen Maiswhiskey, den man seinem schlimmsten Feind nicht einschenken würde. Das gehört eben dazu; das ist unsere Welt, und größtenteils mögen wir sie, auch die Amish mit ihren großen, gepflegten Farmen und den orangefarbenen Warndreiecken hinten an ihren kleinen, gepflegten Einspännern.

Und es liegen immer Schreibarbeiten an– der übliche Stapel in doppelter und dreifacher Ausfertigung in meinem Büro. Das wird jedes Jahr schlimmer. Ich weiß überhaupt nicht mehr, warum ich mich mal für diesen Posten beworben habe. Die Prüfung zum Sergeant Commanding habe ich auf Tony Schoondists Vorschlag hin abgelegt, also muss ich damals wohl einen Grund dafür gehabt haben, aber mittlerweile fällt mir der nicht mehr ein.

Gegen sechs ging ich auf den Hof, eine rauchen. Wir haben da am Parkplatz eine Bank, von der man einen hübschen Ausblick nach Westen hat. Ned Wilcox saß schon auf der Bank, sein Schreiben von der Pitt in Händen, und Tränen liefen ihm übers Gesicht. Er sah mich kurz an, schaute dann wieder weg und rieb sich mit der Hand die Augen.

Ich setzte mich zu ihm, wollte ihm schon einen Arm um die Schultern legen und ließ es dann doch bleiben. Wenn man bei so was erst überlegen muss, kommt es einem meistens geheuchelt vor, es auch zu tun. Ich habe nie geheiratet, und was ich über das Vatersein weiß, könnte man auf einen Nagelkopf schreiben, und dann wäre da noch Platz für das Vaterunser. Ich steckte mir eine Zigarette an und nahm ein paar Züge. »Es ist schon gut, Ned«, sagte ich schließlich. Das war das Einzige, was mir einfiel, und ich hatte keine Ahnung, was ich damit sagen wollte.

»Ich weiß«, sagte er sofort mit gedämpfter, tränenerstickter Stimme und dann gleich hinterher: »Nein, ist es nicht.«

Statt »No, it isn’t« sagte er »No, it ain’t«, und als ich ihn dieses Wort, dieses ain’t verwenden hörte, wurde mir klar, wie sehr er litt. Irgendetwas hatte ihn zutiefst getroffen. Es war ein Wort, das er sich eigentlich längst abgewöhnt hatte, damit man ihn nicht in einen Topf warf mit den Hinterwäldlern von Statler County, den Assis von Patchin und Pogus City. Selbst seine Schwestern, die acht Jahre jünger waren als er, sagten wahrscheinlich nicht mehr ain’t, und zwar aus den gleichen Gründen. Ain’t– mein Kind, das sagt man nicht; sonst macht dein Dad ein bös’ Gesicht. Ach ja, was denn für ein Dad?

Ich rauchte und schwieg. Am anderen Ende des Parkplatzes standen hinter einem gemeindeeigenen Streusalzhügel eine Reihe von Holzgebäuden, die entweder mal auf Vordermann gebracht oder abgerissen gehörten. Dort war früher der Maschinen- und Fuhrpark der Gemeinde untergebracht gewesen. Statler County hatte seine Schneepflüge, Straßenhobel, Bulldozer und Planierraupen zehn Jahre zuvor gut eine Meile weiter in ein neues Backsteingebäude verlegt, das wie ein Hochsicherheitstrakt aussah. Geblieben waren nur der Salzhügel (den wir nun selber peu à peu abtrugen– früher war dieser Hügel ein richtiger Berg gewesen) und ein paar baufällige Holzgebäude. Eines davon war der Schuppen B. Die schwarzen Lettern über dem Tor– so ein breites Garagentor, das sich an einer Schiene hochfahren ließ– waren verblichen, aber noch lesbar. Dachte ich an den Buick Roadmaster darin, als ich dort neben dem weinenden Jungen saß, ihn am liebsten in den Arm genommen hätte und nicht wusste, wie ich das anstellen sollte? Ich weiß es nicht. Aber man weiß ja schließlich auch nicht immer, woran man so alles denkt. Freud mag viel Quatsch verzapft haben, aber damit hatte er recht. Ich weiß nicht, ob es so was wie ein Unterbewusstsein gibt, aber auf jeden Fall schlägt in unserem Kopf ein Puls genau wie in unserer Brust, und dieser Puls trägt ungeformte, nichtsprachliche Gedanken mit sich, die wir meist selbst nicht verstehen, die aber oft sehr wichtig sind.

Ned wedelte mit dem Brief. »Ihm will ich das zeigen. Er wollte auf die Pitt, als er jung war, aber er konnte es sich nicht leisten. Er ist der Grund dafür, dass ich mich da überhaupt beworben habe!« Schweigen. Und dann, so leise, dass ich es fast nicht hörte: »So eine verdammte Scheiße, Sandy.«

»Was hat deine Mutter gesagt, als du ihr den Brief gezeigt hast?«

Da lachte er, unter Tränen, aber aufrichtig. »Gesagt hat sie nichts. Geschrien hat sie, wie die Frauen im Fernsehen immer, wenn sie gerade eine Reise auf die Bermudas gewonnen haben. Und dann hat sie geweint.« Ned sah mich an. Er weinte nicht mehr, aber seine Augen waren rot und verquollen. In diesem Moment sah er viel jünger aus als achtzehn. Das reizende Lächeln war für einen Moment wieder da. »Also, sie hat sich toll verhalten. Sogar J&J haben sich toll verhalten. Und ihr auch. Als Shirley mich geküsst hat… Mann, da ist mir heiß und kalt geworden.«

Ich lachte und dachte, dass es Shirley eventuell genauso ergangen war. Sie mochte ihn, er war ein hübscher Junge, und vielleicht hatte sie schon mit dem Gedanken gespielt, einen auf Mrs. Robinson zu machen. Es war eher unwahrscheinlich, aber undenkbar war es nicht. Von ihrem Mann war damals schon seit fast fünf Jahren keine Rede mehr.

Neds Lächeln schwand. Er wedelte wieder mit dem Annahmeschreiben. »Ich wusste schon, dass es eine Zusage ist, als ich’s aus dem Briefkasten genommen habe. Irgendwie wusste ich das einfach. Und da habe ich ihn wieder so vermisst. So richtig schlimm.«

»Ich weiß, wie das ist«, sagte ich, wusste es aber natürlich nicht. Mein Vater war noch am Leben, war ein rüstiges, stets gut gelauntes Lästermaul von vierundsiebzig Jahren. Und meine Mutter war mit ihren siebzig Jahren auch noch mopsfidel.

Ned seufzte und schaute zu den Hügeln hinüber. »Es ist einfach so dumm, wie er umgekommen ist«, sagte er. »Wenn ich mal Kinder habe, kann ich ihnen nicht mal erzählen, dass ihr Opa bei einer Schießerei gestorben ist, als er Bankräuber gestellt oder verhindert hat, dass die Miliz das Gerichtsgebäude in die Luft sprengt. Nichts in der Richtung.«

»Nein«, pflichtete ich bei. »Nichts in der Richtung.«

»Ich kann nicht mal erzählen, dass er achtlos war. Er hat einfach nur… Da kam einfach nur ein Besoffener vorbei und hat…«

Er beugte sich vor und keuchte wie ein alter Mann mit Bauchkrämpfen. Jetzt legte ich ihm wenigstens eine Hand auf den Rücken. Er gab sich solche Mühe, nicht zu weinen, und das ging mir nah. Er gab sich solche Mühe, ein Mann zu sein, was auch immer das für einen achtzehnjährigen Jungen bedeuten mag.

»Ned. Es ist schon gut.«

Er schüttelte vehement den Kopf. »Wenn es einen Gott gäbe, dann hätte das irgendeinen Sinn gehabt«, sagte er und sah zu Boden. Meine Hand lag immer noch auf seinem Rücken, und ich spürte, wie sie sich hob und senkte, als hätte Ned gerade einen Wettlauf hinter sich. »Wenn es einen Gott gäbe, hätte das irgendeinen Grund gehabt. Aber es hatte keinen. Ich kann jedenfalls keinen entdecken.«

»Wenn du mal Kinder hast, Ned, dann sag ihnen, dass ihr Großvater bei der Erfüllung seiner Pflicht gestorben ist. Komm mit ihnen her und zeig ihnen, dass sein Name auf unserer Gedenktafel steht.«

Er schien mich nicht zu hören. »Ich habe da diesen Traum. Es ist ein ganz schrecklicher.« Er hielt inne, überlegte, wie er es sagen sollte, und erzählte dann einfach weiter. »Ich träume, dass das alles nur ein Traum war. Weißt du, was ich meine?«

Ich nickte.

»Ich wache weinend auf und schaue mich im Zimmer um, und die Sonne scheint. Die Vögel singen. Es ist Morgen. Ich rieche Kaffee von unten und denke: ›Ihm ist nichts passiert. O danke, lieber Gott, meinem Vater ist nichts passiert.‹ Ich höre ihn nicht reden oder so; ich weiß das nur einfach. Und ich denke, was für ein Blödsinn es war zu glauben, er wäre an einem Laster entlanggegangen, um den Fahrer auf loses Profil hinzuweisen, und dann hätte ihn irgendein Säufer über den Haufen gefahren. So ein Schwachsinn fällt einem doch bloß in einem blöden Traum ein, in dem einem alles so real vorkommt… Und dann schwinge ich die Beine aus dem Bett… manchmal sehe ich meine Fußknöchel noch in einem Lichtfleck… es fühlt sich sogar warm an… und dann erwache ich wirklich, und es ist dunkel, und obwohl ich mich in die Decke gehüllt habe, ist mir kalt, ich zittere vor Kälte, und da weiß ich dann, dass dieser Traum wirklich ein Traum war.«

»Das ist schrecklich«, sagte ich und erinnerte mich daran, dass ich als Junge auch einmal so einen Traum gehabt hatte. Darin ging es um meinen Hund. Ich wollte Ned davon erzählen, ließ es dann aber bleiben. Ein Hund ist kein Vater.

»Es wäre ja nicht so schlimm, wenn ich das jede Nacht träumen würde. Dann würde ich, glaube ich, auch im Schlaf schon wissen, dass es nicht nach Kaffee duftet und dass es nicht mal Morgen ist. Aber dann kommt der Traum nicht… und kommt wieder nicht, und wenn er dann schließlich kommt, lasse ich mich wieder davon reinlegen. Ich bin so froh und erleichtert, dass ich sogar überlege, was ich ihm Gutes tun könnte… ihm zum Beispiel den Golfschläger zu kaufen, den er sich zum Geburtstag gewünscht hat… und dann wache ich auf. Ich lasse mich immer wieder davon reinlegen.« Vielleicht lag es daran, dass er an den Geburtstag seines Vaters dachte, der in diesem Jahr nicht und auch sonst nie wieder gefeiert werden würde, dass ihm nun wieder die Tränen kamen. »Ich hasse es einfach, mich reinlegen zu lassen. Das ist wieder genauso wie damals, als mich Mr. Jones aus dem Geschichtsunterricht geholt hat, um es mir zu sagen– nur noch schlimmer. Denn ich bin allein, wenn ich im Dunkeln aufwache. Mr. Grenville– das ist der Vertrauenslehrer bei uns in der Schule– sagt, die Zeit heilt alle Wunden, aber es ist jetzt fast ein Jahr her, und immer noch habe ich diesen Traum.«

Ich nickte. Ich dachte an Ten-Pound, meinen Hund, den ein Jäger erschossen hatte, und wie er da unter einem weißen Himmel in einer Blutlache lag und steif wurde, als ich ihn fand. Ein weißer Himmel, der einen schneereichen Winter verhieß. In meinem Traum lag da jedes Mal, wenn ich nah genug kam, ein anderer Hund, nicht Ten-Pound, und jedes Mal empfand ich wieder diese Erleichterung. Zumindest bis ich dann erwachte. Und als ich so an Ten-Pound dachte, dachte ich für einen Moment auch an unser ehemaliges Kasernenmaskottchen. Mister Dillon hatte er geheißen, nach dem Sheriff aus der Fernsehserie, den James Arness gespielt hat. Ein guter Hund.

»Das Gefühl kenne ich, Ned.«

»Ja?« Er sah mich hoffnungsvoll an.

»Ja. Und glaub mir: Das wird mit der Zeit besser. Aber er war dein Vater, kein Schulfreund oder Nachbar. Nächstes Jahr um diese Zeit wirst du vielleicht immer noch davon träumen. Vielleicht wird dieser Traum auch in zehn Jahren noch ab und zu wiederkommen.«

»Das ist ja entsetzlich.«

»Nein«, sagte ich. »Das ist die Erinnerung.«

»Wenn es wenigstens einen Grund gehabt hätte.« Er sah mich ernst an. »Irgendeinen Grund. Verstehst du?«

»Natürlich.«

»Gibt es da irgendeinen Grund?«

Ich überlegte, ihm sagen, dass ich mich mit Gründen nicht auskannte, nur mit Verkettungen von Ereignissen und damit, wie sie sich Glied um Glied aus dem Nichts bildeten und sich in die Welt verwoben. Manchmal kann man so eine Verkettung packen und sich daran aus der Dunkelheit ziehen, aber meistens verfängt man sich eher darin. Wenn man Glück hat, bleibt man nur darin hängen. Und wenn man Pech hat, erdrosselt man sich.

Ich ertappte mich dabei, dass ich wieder über den Parkplatz zum Schuppen B sah. Und ich dachte, wenn ich mich an das gewöhnen konnte, was dort in der Dunkelheit stand, konnte sich Ned Wilcox auch an ein Leben ohne Vater gewöhnen. Schließlich kann man sich an fast alles gewöhnen. Das ist das Beste am Leben, schätze ich mal. Und es ist natürlich auch das Entsetzliche daran.

»Sandy? Gibt es einen? Was glaubst du?«

»Ich glaube, dass du da den Falschen fragst. Ich verstehe was von Polizeiarbeit und von Hoffnung und davon, für die GZR was auf die hohe Kante zu legen.«

Er grinste. Bei der Troop D sprachen alle ganz ernsthaft über die GZR, als wäre das irgendeine spezielle Polizeieinheit. In Wirklichkeit stand es für die »goldenen Zeiten des Ruhestands«. Ich glaube, Huddie Royer hat sich das mit den GZR einfallen lassen.

»Und ich verstehe etwas davon, Beweisketten intakt zu erhalten, damit einem kein neunmalkluger Verteidiger vor Gericht die Beine wegtreten kann und man dasteht wie ein Vollidiot. Aber davon mal abgesehen, bin ich auch bloß ein verwirrter Amerikaner.«

»Wenigstens bist du ehrlich«, sagte er.

Aber war ich das denn? Oder wich ich einfach nur dieser verdammten Frage aus? Ich kam mir in diesem Moment nicht besonders ehrlich vor. Ich kam mir vor wie jemand, der nicht schwimmen kann und einen Jungen sieht, der sich in tiefem Wasser abstrampelt. Und wieder fiel mein Blick auf den Schuppen B. Ist es kalt hier drin?, hatte der Vater dieses Jungen damals, vor langer Zeit, gefragt. Ist es kalt hier drin, oder bilde ich mir das nur ein?

Nein, das hatte er sich nicht nur eingebildet.

»Woran denkst du, Sandy?«

»Ach, an nichts Besonderes«, sagte ich. »Was machst du denn diesen Sommer?«

»Hm?«

»Was machst du diesen Sommer?« Golf spielen in Maine oder Boot fahren auf dem Lake Tahoe kam nicht infrage, das war mal klar. Auch mit dem Stipendium würde Ned fürs College so viel Patte brauchen, wie er nur kriegen konnte.

»Wieder Grünanlagen und Sportstätten, schätze ich«, sagte er mit deutlichem Mangel an Begeisterung. »Da hab ich letzten Sommer auch gejobbt, bis… na, du weißt schon.«

Bis sein Dad… Ich nickte.

»Tom McClannahan hat mir letzte Woche geschrieben, dass er mir eine Stelle freihält. Er meinte was von Little League trainieren, aber damit will er mich bloß ködern. Hauptsächlich werd ich einen Spaten schwingen und Rasensprenger installieren, genau wie letztes Jahr. Ich schaufle gern und hab nichts dagegen, mir die Hände schmutzig zu machen, aber Tom…« Statt es auszusprechen, zuckte er mit den Achseln.

Ich wusste, was Ned da lieber nicht aussprach. Es gibt zwei Arten noch arbeitsfähiger Alkoholiker: Die einen brechen vor lauter Bosheit extra nicht zusammen, und die anderen sind einfach so reizend, dass ihnen manche Leute auch dann noch Rückendeckung geben, wenn es eigentlich schon überhaupt nicht mehr zu verantworten ist. Tom war einer von der ersten Sorte und bildete den letzten Spross eines Familienstammbaums voller feister Provinzpromis, der bis weit ins 19. Jahrhundert zurückreichte. Die McClannahans hatten einen Senator hervorgebracht, zwei Repräsentantenhausabgeordnete, ein halbes Dutzend Abgeordnete des Landesparlaments von Pennsylvania und zahllose Sesselpuper in der Verwaltung von Statler County. Tom war, nach allem, was man hörte, ein fieser Boss, der keine Ambitionen hatte, politisch weiter aufzusteigen. Lieber erzählte er Jungs wie Ned, denen man beigebracht hatte, nett und höflich zu sein, dass sie gefälligst gehorchen und mal richtig ranklotzen sollten. Zufriedenzustellen war er dabei natürlich nie.

»Antworte noch nicht auf diesen Brief«, sagte ich. »Ich will erst noch jemand anrufen.«

Ich dachte, das würde ihn neugierig machen, aber er nickte nur. Ich sah ihn mir an, wie er mit seinem Annahmeschreiben auf dem Schoß dasaß, und fand, dass er eher wie ein Junge aussah, der an seinem Wunsch-College keinen Studienplatz bekommen hatte, und nicht wie einer, der auch noch ein üppiges Stipendium erhielt.

Auf den zweiten Blick sah er dann aus wie einer, der nicht nur keinen Platz am College hatte, sondern dem auch ein Platz im Leben verwehrt war. Dem war nicht so– das bewies unter anderem der Brief von der Pitt–, aber ich hatte keinen Zweifel, dass er sich in diesem Moment genauso vorkam. Ich weiß nicht, warum man sich nach einem Erfolg oft niedergeschlagener fühlt als nach einem Misserfolg; ich weiß nur, dass es so ist. Und man bedenke, dass er gerade mal achtzehn war– genau im Hamlet-Alter.

Ich sah wieder zum Schuppen B hinüber und dachte an das, was darin stand. Nicht dass auch nur einer von uns wusste, was es wirklich war.

Am nächsten Morgen rief ich Colonel Teague in unserem regionalen Hauptquartier in Butler an. Ich erläuterte ihm die Lage und wartete dann, während er irgendwo anrief, vermutlich in Scranton, wo die großen Tiere hocken. Teague war bald wieder dran und hatte gute Nachrichten für mich. Dann sprach ich noch mit Shirley, aber das war kaum mehr als eine Formalität; sie hatte den Vater schon sehr gemocht, und an dem Sohn hatte sie nun einen Narren gefressen.

Als Ned an diesem Nachmittag nach der Schule zu uns kam, fragte ich ihn, ob er nicht den Sommer über lieber– gegen Bezahlung– die Arbeit in der Leitstelle erlernen wolle, statt sich Tom McClannahans Gezeter anzuhören. Einen Moment lang schaute er benommen… fast schon wie weggetreten. Dann aber strahlte er übers ganze Gesicht. Ich dachte schon, er würde mich umarmen. Und er hätte es wohl auch getan, wenn ich ihm am Abend zuvor tatsächlich einen Arm um die Schultern gelegt hätte. Doch so ballte er nur die Fäuste, hob sie neben seine Wangen und stieß ein »Ja!« aus.

»Shirley nimmt dich gern als Lehrling an, und Butler hat es offiziell genehmigt. Das ist natürlich was anderes, als für McClannahan einen Spaten zu schwingen, aber…«

Jetzt umarmte er mich tatsächlich und lachte dabei, und ich hatte nichts dagegen. An so was könnte ich mich gewöhnen.

Als er sich umdrehte, stand Shirley da, flankiert von zwei Troopern: Huddie Royer und George Stankowski. In ihrer grauen Uniform wirkten sie alle bierernst. Huddie und George trugen ihren Diensthut und sahen damit mindestens zwei Meter fünfzig groß aus.

»Du hast nichts dagegen?«, fragte Ned Shirley. »Wirklich nicht?«

»Ich werde dir alles beibringen, was ich weiß«, sagte sie.

»Ach ja?«, meinte Huddie. »Und was lernt er dann in der zweiten Woche?«

Shirley verpasste ihm einen Knuff mit dem Ellbogen. Sie traf ihn zielgenau oberhalb des Griffs seiner Beretta. Huddie keuchte übertrieben auf und schwankte hin und her.

»Wir haben da was für dich, Kleiner«, sagte George. Er sprach ganz ruhig und schenkte Ned seinen besten Blick, der »Sie sind vor einem Krankenhaus neunzig gefahren« besagte. Eine Hand hielt er hinter dem Rücken verborgen.

»Was?«, sagte Ned und klang dabei, trotz seiner offensichtlichen Freude, ein wenig ängstlich. Hinter George, Shirley und Huddie hatten sich ein paar weitere Trooper eingefunden.

»Das darfst du nie verlieren«, sagte Huddie ganz ruhig und ernst.

»Was denn? Was?« Noch beklommener.

George holte hinter seinem Rücken eine kleine weiße Schachtel hervor und überreichte sie dem Jungen. Ned betrachtete sie, sah dann die Trooper an, die sich um ihn versammelt hatten, und öffnete sie schließlich. Darin lag ein großer Sheriffstern aus Plastik mit dem Aufdruck DEPUTYDAWG.

»Herzlich willkommen bei der Troop D, Ned«, sagte George. Er gab sich Mühe, weiter ernst zu wirken, aber es gelang ihm nicht. Schallend lachte er los, und bald lachten sie alle und schüttelten Ned die Hand.

»Sehr witzig«, sagte Ned. »Ein echter Brüller.« Er lächelte, war aber, glaube ich, wieder den Tränen nah. Man sah es ihm nicht an, merkte es aber trotzdem. Das war fast wie ein Geruch, der von seiner Haut ausging. Und Shirley Pasternak merkte das wohl auch. Als sich der Junge dann entschuldigte und aufs Klo ging, machte er das vermutlich, um seine Fassung wiederzuerlangen oder sich zu vergewissern, dass er nicht träumte, oder beides. In schwieriger Lage bekommt man manchmal mehr Hilfe, als man je erwartet hätte. Und manchmal reicht es trotzdem nicht.

Es war schön, Ned in diesem Sommer dabeizuhaben. Alle mochten ihn, und ihm gefiel es bei uns. Vor allem liebte er es, mit Shirley in der Leitstelle zu sitzen. Es ging dabei auch um Codes, aber hauptsächlich lernte er, wie er zu reagieren hatte und wie man mit mehreren Anrufen gleichzeitig klarkam. Bald beherrschte er das gut, versorgte die Streifenwagen wie aus der Pistole geschossen mit den angeforderten Informationen, griff virtuos wie ein Barpianist in die Computertastatur und fungierte, wenn nötig, als Verbindungsmann mit anderen Dienststellen, wie zum Beispiel nach den schweren Gewittern, die Ende Juni eines Abends über das westliche Pennsylvania hereinbrachen. Gott sei Dank hatten wir keine Tornados, aber wir hatten Sturmböen, Hagel und Blitzeinschläge.

Ein, zwei Tage darauf geriet er das einzige Mal fast in Panik, als nämlich ein Typ vor dem Friedensrichter von Statler County mit einem Mal ausrastete, im Gerichtssaal herumlief, sich die Kleider vom Leib riss und etwas von wegen »Jesus Penis« brüllte. So nannte er ihn tatsächlich; ich habe das irgendwo in den Akten. Vier einzelne Trooper meldeten sich, zwei, die vor Ort waren, und zwei, die schnellstens hinwollten. Während Ned noch überlegte, wie er das am besten regelte, kam ein Funkspruch von einem Trooper aus Butler, der auf dem Highway 99 die Verfolgung eines… und Blurk! war die Verbindung abgerissen. Ned nahm an, dass der Kollege mit seinem Streifenwagen verunglückt war, und damit behielt er recht (dem Trooper aus Butler, einem Polizeischüler, war nichts passiert, aber den Wagen hatte er zu Schrott gefahren, und der Verdächtige, den er gejagt hatte, war entkommen). Ned rief nach Shirley, wich vor dem Computer, den Telefonen und dem Mikro zurück, als wären sie plötzlich glühend heiß. Sie übernahm schnell, nahm sich aber doch noch die Zeit, ihn kurz zu umarmen und auf die Wange zu küssen, ehe sie sich auf den Stuhl setzte, von dem er aufgesprungen war. Es kam niemand um, und es wurde auch niemand ernstlich verletzt, und Mr. Jesus Penis wurde zur Beobachtung ins Statler Memorial eingewiesen. Es war das einzige Mal, dass ich Ned so nervös und durcheinander erlebte, aber das schüttelte er schnell ab und lernte daraus.

Alles in allem war ich beeindruckt.

Und Shirley unterrichtete ihn liebend gern. Das kam eigentlich nicht überraschend: Indem sie es ohne offizielle Erlaubnis getan hatte, hatte sie ja schon bewiesen, dass sie willens war, ihren Job dafür zu riskieren. Ihr– und uns allen– war bewusst, dass Ned nicht vorhatte, eine Polizeilaufbahn einzuschlagen; jedenfalls hatte er nie etwas in der Richtung gesagt; aber das war Shirley egal. Und uns war klar, dass es ihm hier bei uns gefiel. Er mochte den Druck und die Anspannung, genoss das richtig. Da war dieser eine Patzer, ja, klar, aber im Grunde freute es mich, dass das passiert war. Es war gut zu wissen, dass dies für ihn nicht einfach nur ein Computerspiel war. Ihm war klar, dass er auf seinem elektronischen Schachbrett lebendige Menschen hin und her bewegte. Und wenn es auf der Pitt nicht so lief– wer weiß? Er war jedenfalls schon besser als Matt Babicki, Shirleys Vorgänger.

Anfang Juli– ich glaube, es war am ersten Todestag seines Vaters– sprach mich der Junge auf den Schuppen B an. Er klopfte an meine Tür, die ich meistens offen stehen lasse, und als ich hochsah, stand er da in einem ärmellosen Steelers-T-Shirt und einer alten Bluejeans, aus deren Gesäßtaschen Putzlappen baumelten. Ich wusste sofort, worum es ging. Vielleicht wegen der Putzlappen, aber vielleicht sah ich es ihm auch an den Augen an.

»Ich dachte, du hättest heute frei, Ned.«

»Ja«, sagte er und zuckte mit den Achseln. »Da sind bloß noch ein paar Sachen, die ich erledigen wollte. Und… tja… wenn du mit rauskommst, eine rauchen, würde ich dich gern was fragen.« Er hörte sich ziemlich aufgeregt an.

»Na dann mal los«, sagte ich und stand auf.

»Bestimmt? Ich meine, wenn du keine Zeit hast…«

»Ich habe Zeit«, sagte ich, obwohl ich eigentlich keine hatte. »Gehen wir.«

Es war früher Nachmittag an einem ganz normalen Hochsommertag hier im Lande der Short Hills und der Amish: bedeckt und heiß; und die Hitze wurde noch verstärkt durch eine klebrige Schwüle, die den Horizont hinter einem Dunstschleier verbarg und unsere Weltgegend, die mir sonst so weitläufig vorkommt, klein und verblichen wirken ließ wie ein altes, fast verblasstes Foto. Aus dem Westen kam Donnergrollen. Bis zum Abendessen würden weitere Gewitter aufziehen– seit Mitte Juni hatten wir mindestens an drei Tagen pro Woche welche gehabt–, aber jetzt war es nur heiß und schwül, und der Schweiß brach einem aus, sobald man die klimatisierten Räume verließ.

Zwei Gummieimer standen vor dem Tor von Schuppen B, einer mit Seifenlauge und einer mit klarem Wasser. Aus einem ragte der Griff eines Gummi-Wischers. Wenn Curts Sohn etwas anfing, machte er es auch ordentlich. Shirley und Phil Candleton saßen gerade auf der Raucherbank, und beide warfen sie mir einen wissenden Blick zu, als wir an ihnen vorbei auf den Parkplatz gingen.

»Ich hab bei der Kaserne die Fenster geputzt«, erklärte mir Ned. »Und als ich damit fertig war, bin ich mit den Eimern rüber zum Müllplatz.« Er deutete auf die Fläche zwischen den Schuppen B und C, wo zwischen einer Menge Unkraut ein paar rostige Schneepflugscharen und alte Traktorreifen lagen. »Und dann hab ich mir gedacht, was soll’s, putz ich schnell noch die Schuppenfenster, ehe ich das Wasser wegkippe. Die von Schuppen C waren dreckig, aber die von Schuppen B waren eigentlich ziemlich sauber.«

Das erstaunte mich nicht. Durch die kleinen Fenster vorn am Schuppen B hatten zwei (vielleicht gar drei) Generationen Trooper geguckt, von Jackie O’Hara bis Eddie Jacubois. Ich wusste noch, wie die Männer damals an diesen Schuppentoren gestanden hatten wie Kinder vor einem Gruselkabinett. Auch Shirley hatte dort schon gestanden, wie auch ihr Vorgänger Matt Babicki– kommt her, Kinder! Schaut euch dieses lebendige Krokodil an! Seht seine Zähne! Wie sie schimmern!

Neds Dad war damals mit einem Seil um die Taille hineingegangen. Dann Huddie natürlich und Tony Schoondist, der ehemalige Sergeant Commanding. Tony, dessen Nachnamen niemand auf Anhieb richtig schrieb, weil er so merkwürdig ausgesprochen wurde (Shane-dinks), war schon seit vier Jahren in einem Pflegeheim, als Ned offiziell bei uns zu arbeiten anfing. Viele von uns waren im Schuppen B gewesen. Nicht weil wir wollten, sondern weil wir gelegentlich mussten. Curtis Wilcox und Tony Schoondist waren richtige Fachmänner geworden, waschechte Buickologen, und Curt war es auch, der das runde Thermometer mit der großziffrigen Anzeige darin aufgehängt hatte, das man auch von außen ablesen konnte. Um alles zu sehen, musste man nur die Stirn an eine der Glasscheiben lehnen, die in etwa ein Meter siebzig Höhe im Tor eingelassen waren, und die Hände seitlich ans Gesicht legen, um nicht geblendet zu werden. Das war die einzige Form von Reinigung, die diesen Fenstern je widerfahren war, bevor Curts Sohn zu uns kam: das gelegentliche Abwischen mit der Stirn derer, die gekommen waren, das lebendige Krokodil zu sehen. Oder, nüchterner gesagt, den verhüllten Umriss von etwas, was fast aussah wie ein Buick 8. Er war verhüllt, weil wir eine Plane darübergeworfen hatten wie ein Tuch über eine Leiche. Nur dass die Plane gelegentlich herunterglitt. Es gab keinen Grund dafür, aber ab und zu geschah das. Denn das da drin war keine Leiche.

»Guck mal!«, sagte Ned, als wir dort waren. Er sprach es »Guckma« aus, wie ein begeisterter kleiner Junge. »Was für ein schickes altes Auto, hm? Noch hübscher als der Bel-Aire von meinem Dad! Das ist ein Buick– das seh ich an den Bullaugen und dem Kühlergrill. Dürfte so Baujahr 55 sein, oder was meinst du?«

Er war Baujahr 58– jedenfalls laut Tony Schoondist, Curtis Wilcox und Ennis Rafferty. Doch im Grunde genommen war er alles andere als ein 58er. Er war auch kein Buick. Und auch kein Auto. Er war ganz was anderes, wie wir in meiner vergeudeten Jugend zu sagen pflegten.

Währenddessen plapperte Ned weiter.

»Aber er ist tipptopp in Schuss, das sieht man schon von hier. Es war so eigenartig, Sandy! Ich hab reingeguckt, und erst hab ich nur den Umriss gesehen, weil die Plane noch drüber war. Dann hab ich angefangen, die Fenster zu putzen, und dann war da dieses Geräusch, oder eigentlich waren es zwei Geräusche, erst ein Wusch und dann ein Fopp. Die Plane ist von dem Auto gerutscht, während ich die Fenster geputzt habe! Als wollte es, dass ich es sehe, oder so! Ist das nicht wirklich eigenartig?«

»Ja, das ist ziemlich eigenartig«, sagte ich. Ich lehnte die Stirn (wie ich es schon so oft getan hatte) an die Fensterscheibe und schirmte meine Augen mit den Händen ab. Ja, es sah durchaus wie ein alter Buick aus, alt, aber tipptopp in Schuss, genau wie der Junge gesagt hatte. Der unverkennbare Buick-Kühlergrill aus den Fünfzigern, der für mich wie das Maul eines Chromkrokodils aussah. Weißwandreifen. Hintendran die Fenderskirts– Wow, Baby, hieß es früher immer, too cool for school. Wenn man so in den dunklen Schuppen schaute, hätte man wahrscheinlich angenommen, der Wagen sei schwarz. In Wirklichkeit war er nachtblau.

Buick hatte 1958 durchaus nachtblaue Roadmaster hergestellt– Schoondist hatte das überprüft–, bloß eben nicht so einen. Der Lack sah leicht uneben und irgendwie brüchig aus, wie bei einem selbst gebauten Auto.

Das ist ein Erdbebengebiet da drin, sagte Curt Wilcox.

Ich zuckte zurück. Obwohl er seit einem Jahr tot war, hatte er mir direkt ins linke Ohr gesprochen. Er oder irgendwas sonst.

»Was ist?«, sagte Ned. »Du siehst aus, als hättest du einen Geist gesehen.«

Einen gehört habe ich, hätte ich fast gesagt. Doch stattdessen sagte ich: »Ach, nichts.«

»Bestimmt? Du bist zusammengezuckt.«

»Nur ein leichtes Frösteln, weiter nichts.«

»Und was ist jetzt mit diesem Wagen? Wem gehört der?«

Was für eine Frage. »Das weiß ich nicht«, sagte ich.

»Und wieso steht er da im Dunkeln? Mann, wenn ich so einen schönen Oldtimer hätte, würde ich den doch nicht in so einen dreckigen, alten Schuppen stellen.« Dann fiel ihm etwas ein. »Ist das, äh, das Auto von einem Verbrecher? Ein Beweisstück?«

»Man könnte es als beschlagnahmt bezeichnen. Wegen Treibstoffdiebstahls.« So nannten wir das. Das war nicht viel, aber wie Curtis immer gesagt hatte, reichte ein einziger Nagel, wenn man seinen Hut aufhängen wollte.

»Treibstoffdiebstahl?«

»Benzin im Wert von elf Dollar.« Ich brachte es nicht übers Herz, ihm zu sagen, wer dieses Benzin gezapft hatte.

»Elf Dollar? Weiter nichts?«

»Tja«, sagte ich. »Wenn man seinen Hut aufhängen will, reicht dafür ein einziger Nagel.«

Er sah mich verdutzt an. Ich erwiderte den Blick stumm.

»Können wir da reingehen?«, fragte er schließlich. »Uns das mal näher ansehen?«

Ich lehnte die Stirn an die Fensterscheibe und las das Thermometer ab, das vom Deckenbalken hing, so rund und fahl wie das Gesicht des Monds. Tony Schoondist hatte es bei Tru-Value in Statler gekauft und selbst bezahlt, nicht aus der Portokasse der Troop D, und Neds Vater hatte es an den Balken gehängt.

Obwohl es hier draußen, wo wir standen, mindestens dreißig Grad waren und jedermann weiß, dass es in einem schlecht gelüfteten Schuppen dann eigentlich noch heißer sein müsste, zeigte die große rote Nadel des Thermometers dreizehn Grad Celsius an.

»Das geht jetzt nicht«, sagte ich.

»Wieso denn nicht?« Und dann, als hätte er gemerkt, dass es unhöflich, vielleicht gar unverschämt gewesen war, so zu fragen: »Was ist denn damit?«

»Das wäre jetzt gefährlich.«

Mehrere Sekunden lang sah er mich aufmerksam an. Dabei wichen das Interesse und die lebhafte Neugier aus seinem Blick, und er wurde wieder zu dem Jungen, den ich so oft gesehen hatte, seit er zu uns in die Kaserne kam– am deutlichsten an dem Tag, als die Pitt ihn angenommen hatte: der Junge, der da weinend auf der Raucherbank gesessen hatte und wissen wollte, was jeder Junge wissen will, wenn plötzlich ein geliebter Mensch von der Bühne des Lebens gezerrt wird: Warum ist das passiert? Warum ist es mir passiert? Hatte das alles einen Grund, oder war es nur ein schrecklicher Zufall? Und wenn es einen Grund hatte– was mache ich dann? Und wenn es keinen hatte– wie ertrage ich das?

»Geht es um meinen Vater?«, fragte er. »War das der Wagen von meinem Dad?«

Seine Intuition war unheimlich. Nein, es war nicht das Auto seines Vaters gewesen… wie hätte es das auch sein können, da es überhaupt kein Auto war? Ja, es war der Wagen seines Vaters gewesen. Und meiner auch… und Huddie Royers… und Tony Schoondists… und Ennis Raffertys. Ja, vielleicht vor allem der von Ennis– auf eine Weise, die wir nie verstanden haben, nie verstehen wollten. Ned hatte gefragt, wem der Wagen gehörte, und ich nehme mal an, die korrekte Antwort wäre gewesen: der Troop D der Pennsylvania State Police. Er gehörte allen gegenwärtigen und ehemaligen Kollegen, die wussten oder gewusst hatten, was da im Schuppen B unter einer Plane stand. (Nur dass der Buick die Plane gelegentlich abschüttelte.) Doch fast die ganzen Jahre, die wir den Buick in unserem Gewahrsam hatten, hatte er vor allem Tony und Neds Dad gehört. Sie waren seine Kuratoren gewesen. Sie waren die Buickologen.

»Nein, er hat nicht direkt deinem Dad gehört«, sagte ich und wusste schon, dass ich mit der Antwort zu lange gezögert hatte. »Aber er wusste davon.«

»Was gibt es denn da zu wissen? Wusste meine Mama auch davon?«

»Heute wissen nur noch wir davon«, sagte ich.

»Die Troop D, meinst du?«

»Ja. Und dabei bleibt es auch.« Ich hielt eine Zigarette in der Hand und konnte mich kaum erinnern, sie angesteckt zu haben. Ich ließ sie fallen und trat sie aus. »Das ist allein unsere Sache.«

Ich atmete tief durch.

»Aber wenn du’s wirklich wissen willst, werd ich’s dir erzählen. Du bist jetzt einer von uns… stehst uns jedenfalls nah genug für ’n kleines Geheimnis.« Sein Vater hatte das immer gesagt, und solche Sprüche bleiben irgendwie hängen. »Du darfst sogar reingehen und ihn dir anschauen.«

»Und wann?«

»Wenn es da drin wärmer wird.«

»Das verstehe ich nicht. Was hat denn die Temperatur da drin damit zu tun?«

»Ich habe heute um drei Feierabend«, sagte ich und zeigte auf die Raucherbank. »Treffen wir uns da, wenn es nicht regnet. Und wenn es regnet, gehen wir nach oben oder in den Country Way Diner, wenn du Hunger hast. Ich glaube, dein Vater hätte gewollt, dass du davon erfährst.«

Stimmte das? Ich hatte eigentlich keinen Schimmer. Aber der Drang, es ihm zu erzählen, war stark genug, um als intuitive Ahnung durchzugehen, vielleicht sogar als Befehl aus dem Jenseits. Ich bin nicht religiös, aber irgendwie glaube ich an solche Dinge. Und ich dachte auch an den alten Spruch: Was dich nicht umbringt, macht dich härter. Sollte die Katze ihre Neugier doch stillen.

Aber ist man denn je zufrieden, wenn die Neugier gestillt ist? Meiner Erfahrung nach eher selten. Aber ich wollte nicht, dass Ned im September so auf die Pitt ging, wie er im Juli war, als sein im Grunde sonniges Gemüt nur ab und zu aufblitzte wie eine Glühbirne, die nicht richtig eingeschraubt war. Ich fand, er hatte das Recht, ein paar Antworten zu bekommen. Auf manche Fragen gibt es keine Antwort, das ist mir klar, aber mir war danach, es zu probieren. Mir war, als müsste ich es probieren, trotz allen Risiken.

Erdbebengebiet, hatte mir Curtis Wilcox ins Ohr geflüstert. Das ist ein Erdbebengebiet da drin. Pass bloß auf.

»Wieder so ein Frösteln, Sandy?«, fragte mich der Junge.

»Es war wohl doch kein Frösteln«, sagte ich. »Aber irgendwas war da.«

Es regnete nicht. Als ich nach draußen ging, um mich mit Ned auf der Bank mit Blick auf den Parkplatz und den Schuppen B zu treffen, saß Arky Arkanian dort, rauchte eine Zigarette und plauderte mit dem Jungen über die Pittsburgh Pirates. Als er mich sah, machte Arky Anstalten zu gehen, aber ich sagte ihm, er solle bleiben. »Ich will Ned von dem Buick erzählen, den wir da drüben haben«, sagte ich zu Arky und deutete mit einer Kopfbewegung auf den baufälligen Schuppen. »Und wenn er dann die Männer in den weißen Kitteln rufen will, weil der Sergeant Commanding der Troop D nicht mehr alle Tassen im Schrank hat, kannst du mir beistehen. Du warst schließlich dabei.«

Arkys Lächeln schwand. Die schwache, heiße Brise, die aufgekommen war, verwuschelte sein stahlgraues Haar. »Und du meinst, das ist ’ne gute Idee, Sarge?«

»Neugier bringt die Katze um«, sagte ich. »Aber…«

»…gestillte Neugier bringt sie wieder«, sagte Shirley hinter mir. »Darf ich mich dazusetzen? Oder ist hier heute Männerrunde?«

»Keine Frauendiskriminierung auf der Raucherbank«, sagte ich. »Komm, setz dich.«

Sie setzte sich neben Ned, lächelte ihm zu und nahm ein Päckchen Parliament aus ihrer Handtasche. Wir schrieben das Jahr Zwei-Null-Null-Zwei, und wir wussten es alle besser, und das schon seit Jahren, und trotzdem rauchten wir weiter einen Sargnagel nach dem anderen. Erstaunlich. Oder vielleicht auch nicht so erstaunlich, wenn man bedenkt, dass wir in einer Welt lebten, in der State Trooper von Betrunkenen an Sattelzügen zermalmt wurden und in der an ganz realen Tankstellen hin und wieder alles andere als reale Buicks auftauchten. Aber darum ging es mir in diesem Moment nicht.

Ich hatte eine Geschichte zu erzählen.