Doctor Sleep - Stephen King - E-Book
Beschreibung

Die große Fortsetzung von »Shining«

Auf Amerikas Highways ist eine mörderische Sekte unterwegs. Sie hat es auf Kinder abgesehen, die das Shining haben. Stephen King kehrt zu den Figuren und Szenarien eines seiner berühmtesten Romane zurück: Der Dreirad fahrende kleine Danny, der im Hotel Overlook so unter seinem besessenen Vater hat leiden müssen, ist erwachsen geworden. Aber die Vergangenheit lässt ihn nicht los, und wieder gerät er in einen Kampf zwischen Gut und Böse. Die zwölfjährige Abra hat das Shining. Kann er sie retten?

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Seitenzahl:918

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Copyright © 2013 by Stephen King

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe by

Wilhelm Heyne Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München.

Umschlaggestaltung und Motiv: Hauptmann & Kompanie Werbeagentur, Zürich

Satz: C. Schaber Datentechnik, Wels

ISBN 978-3-641-10611-9V005

Als ich bei einer Gruppe mit NamenRock Bottom Remaindersin meinem simplen Stil die Rhythmusgitarre spielte, trat manchmal Warren Zevon mit uns auf. Warren liebte graue T-Shirts und Filme wieMörderspinnen. Er wollte, dass ich mich bei»Werewolves of London«, seinem bekanntesten Song, als Leadsänger produzierte, wenn die Zugaben dran waren. Ich wehrte ab, dass ich dessen nicht würdig sei, aber er bestand darauf. »G-Dur«, sagte Warren. »Und heul einfach aus voller Kehle. Vor allem aber:Spiel wie Keith!«

Wie Keith Richards werde ich zwar mein Lebtag nicht spielen können, aber ich habe immer versucht, mein Bestes zu geben, und mit Warren neben mir, der mich bei jedem Ton begleitete und dabei lachend seinen Narrenkopf schüttelte, ist mir das auch irgendwie gelungen.

Warren, dieses Heulen ist für dich, wo immer du jetzt bist. Ich vermisse dich, Kumpel.

»Halbe Sachen nützten uns nichts. Wir standen am Wendepunkt.«

Aus demBlauen Buchder Anonymen Alkoholiker

»Wenn wir leben wollen, müssen wir uns von Zorn befreien. […] Andere Menschen können sich diesen zweifelhaften Luxus leisten […]«

Aus demBlauen Buchder Anonymen Alkoholiker

VORBEREITUNG

»FEARsteht für Fuck Everything And Run (Scheiß auf alles und hau ab).«

Alter AA-Spruch

SCHLIESSFACH

1

Am zweiten Dezember eines Jahres, in dem ein Erdnussfarmer aus Georgia die Geschäfte im Weißen Haus führte, brannte das Overlook, eines der großen Urlaubshotels von Colorado, bis auf die Grundmauern nieder. Es wurde zum Totalverlust erklärt. Nach seiner Untersuchung stellte der Brandinspektor von Jicarilla County fest, die Ursache sei ein defekter Heizkessel gewesen. Zur Zeit des Vorfalls war das Hotel über Winter geschlossen, und nur vier Personen waren vor Ort. Drei überlebten. John Torrance, der für die Schließungszeit eingestellte Hausmeister des Hotels, kam bei dem erfolglosen (und heroischen) Versuch ums Leben, den Dampfdruck des Kessels zu senken, der wegen einem nicht funktionierenden Überdruckventil katastrophal angestiegen war.

Zwei der Überlebenden waren die Frau und der kleine Sohn des Hausmeisters. Der dritte war Richard Hallorann, der Küchenchef des Overlooks, der seine Saisonstelle in Florida verlassen hatte, um nach den Torrances zu sehen, weil ihn, wie er sagte, eine starke Ahnung ergriffen habe, dass die Familie in Schwierigkeiten stecke. Die beiden überlebenden Erwachsenen wurden bei der Explosion ziemlich schwer verletzt. Nur das Kind blieb unversehrt.

Zumindest körperlich.

2

Wendy Torrance und ihr Sohn erhielten von der Firma, der das Hotel Overlook gehörte, eine Abfindung. Die war zwar nicht riesig, reichte aber aus, die drei Jahre zu überstehen, in denen Wendy wegen ihren Rückenverletzungen nicht arbeiten konnte. Der Anwalt, von dem sie sich beraten ließ, hatte ihr gesagt, wenn sie bereit sei, durchzuhalten und sich stur zu stellen, könne sie wesentlich mehr herausschlagen, weil die Besitzerfirma unbedingt ein Gerichtsverfahren vermeiden wolle. Doch wie die Firma wollte auch Wendy jenen verheerenden Winter in Colorado hinter sich lassen. Sie werde schon wieder gesund werden, sagte sie, und dem war auch so, wenngleich ihre Rückenverletzungen sie bis an ihr Lebensende plagten. Zertrümmerte Wirbel und gebrochene Rippen heilten zwar, aber sie hörten nie auf, sich zu melden.

Eine Weile lebten Winifred und Daniel Torrance im mittleren Süden, dann zogen sie nach Tampa weiter. Gelegentlich kam Dick Hallorann (der Mann mit den starken Ahnungen) aus Key West angefahren und besuchte sie. Vor allem wegen dem jungen Danny. Zwischen den beiden bestand eine besondere Verbindung.

Eines frühen Morgens im März 1981 rief Wendy bei Dick an und bat ihn zu kommen. Danny, sagte sie, habe sie mitten in der Nacht aufgeweckt und ihr gesagt, sie solle nicht ins Bad gehen.

Danach habe er sich geweigert, auch nur ein einziges weiteres Wort von sich zu geben.

3

Er wachte auf, weil er pinkeln musste. Draußen wehte ein starker Wind. Es war warm – in Florida war es das fast immer –, aber er mochte das Geräusch nicht, und daran würde sich wahrscheinlich auch nie etwas ändern. Es erinnerte ihn an die Zeit im Hotel Overlook, wo der defekte Kessel die geringste Gefahr dargestellt hatte.

Danny und seine Mutter lebten in einer engen Wohnung im ersten Stock eines Mietshauses. Er verließ sein kleines Zimmer neben dem seiner Mutter und überquerte den Flur. Eine Windbö fuhr in die sterbende Palme neben dem Haus und ließ die Blätter rascheln, was wie das Klappern von Knochen klang. Wenn niemand die Dusche oder die Toilette benutzte, stand die Badezimmertür immer offen, weil das Schloss kaputt war. In dieser Nacht war die Tür geschlossen. Allerdings nicht weil seine Mutter drinnen war. Wegen den Gesichtsverletzungen, die sie im Overlook erlitten hatte, schnarchte sie beim Schlafen immer – ein leises, pfeifendes Geräusch, das er aus ihrem Zimmer kommen hörte.

Ach, bestimmt hat sie die Tür versehentlich geschlossen,dachte er.Das ist alles.

Er wusste es besser, schon damals (auch er hatte starke Ahnungen und Eingebungen), aber manchmal musste man es eben ganz genau wissen. Manchmal musste man essehen. Das hatte er im Hotel Overlook herausgefunden, in einem Zimmer im ersten Stock.

Mit einem Arm, der ihm viel zu lang vorkam, zu dehnbar, zuknochenlos,drehte er den Knauf und öffnete die Tür.

Da war die Frau aus Zimmer 217, womit er auch gerechnet hatte. Sie saß mit gespreizten Beinen und prallen, bleichen Oberschenkeln nackt auf der Toilette. Ihre grünlichen Brüste hingen wie schlaffe Luftballons herab. Das Haarbüschel unter ihrem Bauch war grau. Auch die Augen waren grau, wie Aluminiumspiegel. Als sie ihn sah, verzog sie die Lippen zu einem Grinsen.

Mach die Augen zu,hatte Dick Hallorann ihm einmal geraten.Wenn du etwas Schlimmes siehst, mach einfach die Augen zu, und sag dir, dass es nicht da ist, und wenn du sie wieder aufmachst, ist es fort.

Aber das hatte schon damals, als er fünf Jahre alt gewesen war, in ebenjenem Zimmer 217 nicht funktioniert, und jetzt funktionierte es sicherlich auch nicht. Das wusste er. Er konnte die Frauriechen. Sie verweste gerade.

Die Frau – er kannte ihren Namen, es war Mrs. Massey – erhob sich schwerfällig auf ihre violetten Beine und streckte die Hände nach ihm aus. Das Fleisch an den Armen hing herab, als würde es heruntertropfen. Sie lächelte, als sähe sie einen alten Freund. Oder vielleicht etwas Gutes zu essen.

Mit einem Ausdruck, den man fälschlich für Gelassenheit hätte halten können, schloss Danny leise die Tür und trat einen Schritt zurück. Er sah, wie der Knauf sich drehte, nach rechts … nach links … wieder nach rechts … und dann innehielt.

Inzwischen war er acht Jahre alt und trotz diesem Horror zumindest einiger rationaler Gedanken fähig. Teilweise deshalb, weil er so etwas in einem tiefen Winkel seines Denkens erwartet hatte. Allerdings hatte er immer gedacht, wenn irgendwann jemand auftauchte, würde es Horace Derwent sein. Oder vielleicht der Barkeeper, den sein Vater Lloyd genannt hatte. Aber schon bevor es endlich so weit war, hätte er wissen müssen, dass es Mrs. Massey sein würde. Weil sie von allen untoten Dingen im Overlook am schlimmsten gewesen war.

Der rationale Teil seines Denkens sagte ihm, dass die Frau nur ein Bruchstück irgendeines schlimmen Traums war, an den er sich nicht mehr erinnerte und der ihm aus dem Schlaf durch den Flur bis ins Bad gefolgt war. Dieser Teil behauptete steif und fest, wenn er die Tür wieder öffne, werde nichts dahinter sein. Natürlich nicht, denn jetzt war er ja wach. Ein anderer Teil von ihm, derhellsichtigeTeil, wusste es jedoch besser. Das Overlook war noch längst nicht mit ihm fertig. Mindestens einer der rachsüchtigen Geister aus dem Hotel war ihm bis nach Florida gefolgt. Einmal war er auf die Frau gestoßen, während sie in einer Badewanne gelegen hatte. Sie war herausgestiegen und hatte ihn mit ihren fischigen (aber schrecklich starken) Fingern erwürgen wollen. Wenn er die Badezimmertür jetzt öffnete, würde sie das zu Ende bringen.

Er ging einen Kompromiss ein, indem er das Ohr an die Tür legte. Zuerst war da nichts. Dann hörte er ein leises Geräusch.

Tote Fingernägel, die an Holz kratzten.

Auf nicht vorhandenen Beinen ging Danny in die Küche, wo er sich auf einen Stuhl stellte und ins Spülbecken pinkelte. Dann weckte er seine Mutter und sagte ihr, sie solle nicht ins Bad gehen, weil da etwas Schlimmes drin sei. Sobald das erledigt war, ging er wieder ins Bett und verkroch sich unter der Decke. Dort wollte er für immer bleiben und nur aufstehen, um ins Spülbecken zu pinkeln. Nachdem er seine Mutter gewarnt hatte, war er nicht mehr daran interessiert, mit ihr zu sprechen.

Seine Mutter kannte das bereits. Es war schon einmal geschehen, nämlich nachdem Danny sich ins Zimmer 217 des Overlooks gewagt hatte.

»Aber mit Dick wirst du sprechen, ja?«

In seinem Bett liegend, sah er zu ihr hoch und nickte. Seine Mutter ging ans Telefon, obwohl es vier Uhr morgens war.

Am späten Nachmittag des nächsten Tages kam Dick. Er hatte etwas mitgebracht. Ein Geschenk.

4

Nachdem Wendy Dick angerufen hatte – sie hatte dafür gesorgt, dass Danny das mitbekam –, schlief Danny wieder ein. Obwohl er schon acht Jahre alt war und die dritte Klasse besuchte, nuckelte er noch am Daumen. Es tat ihr weh, das zu sehen. Sie ging zur Badezimmertür und starrte sie an. Sie hatte Angst – Danny hatte ihr Angst gemacht –, aber sie musste aufs Klo, und sie brachte es nicht über sich, wie er in die Spüle zu pinkeln. Bei der Vorstellung, wie sie auf dem Rand der Spüle hocken würde, während ihr Hintern schwankend über dem Becken hing (auch wenn niemand da war, der zusehen konnte), rümpfte sie unwillkürlich die Nase.

In der Hand hielt sie den Hammer aus ihrem kleinen Witwenwerkzeugkasten. Als sie den Knauf drehte und die Badezimmertür aufdrückte, hob sie ihre Waffe. Das Bad war natürlich leer, wenngleich die Klobrille heruntergeklappt war. Wendy ließ sie nie unten, bevor sie zu Bett ging, weil sie wusste, dass Danny irgendwann hereingetappt käme. Nicht mal halb wach, würde er wahrscheinlich vergessen, das Ding hochzuklappen, und es beim Pinkeln vollspritzen. Außerdem roch sie etwas. Etwas Übles. Als wäre zwischen den Wänden eine Ratte krepiert.

Sie tat einen Schritt hinein, dann noch einen. Sie sah eine Bewegung und fuhr herum, den Hammer erhoben, bereit zum Schlag, wer immer

(was immer)

sich hinter der Tür versteckt haben mochte. Aber es war nur ihr Schatten. Was, du hast Angst vor dem eigenen Schatten, fragten manche Leute spöttisch, aber wer hatte mehr Recht dazu als Wendy Torrance? Nach allem, was sie gesehen und durchgemacht hatte, wusste sie, dass Schatten gefährlich sein konnten. Sie konnten Zähne haben.

Im Bad war zwar niemand, aber auf der Klobrille war ein Fleck zu sehen und auf dem Duschvorhang noch einer. Scheißeflecken, dachte sie zuerst, aber die waren nicht gelblich violett. Sie sah genauer hin und erkannte kleine Stücke Fleisch und verweste Haut. Auf der Badematte war mehr von dem Zeug, in Form von Fußabdrücken. Die waren zu klein – zuzierlich–, als dass sie von einem Mann stammten.

»O Gott«, flüsterte sie.

Zu guter Letzt entschied sie sich doch für die Spüle.

5

Gegen Mittag trieb Wendy ihren Sohn aus dem Bett. Es gelang ihr, ihm etwas Suppe und ein halbes Erdnussbuttersandwich aufzudrängen, aber dann ging er wieder ins Bett. Er sprach immer noch nicht. Kurz nach fünf Uhr nachmittags traf Hallorann ein, in seinem inzwischen uralten (aber perfekt gepflegten und auf Hochglanz polierten) roten Cadillac. Wendy hatte am Fenster gestanden und Ausschau gehalten, so wie sie früher auf ihren Mann gewartet hatte, in der Hoffnung, dass Jack in guter Laune nach Hause kam. Und nüchtern.

Sie hastete die Treppe hinab und öffnete die Tür, gerade als Dick auf die Klingel mit der AufschriftTORRANCE 2Adrücken wollte. Er streckte die Arme aus, und sie warf sich sofort hinein. Am liebsten wäre sie mindestens eine Stunde in dieser Umarmung geblieben. Vielleicht sogar zwei.

Er ließ sie los und hielt sie auf Armeslänge an den Schultern. »Gut siehst du aus, Wendy. Wie geht’s dem Kleinen? Sagt er wieder was?«

»Nein, aber mit dir wird er reden. Und wenn er es am Anfang nicht laut tut, kannst du …« Statt den Satz zu vollenden, formte sie mit der Hand eine Pistole und richtete sie auf seine Stirn.

»Nicht nötig«, sagte Dick. Bei seinem Grinsen wurde ein neues Paar falsche Zähne sichtbar. In der Nacht, als der Kessel explodiert war, hatte das Overlook ihm den Großteil seiner ersten Garnitur geraubt. Zwar hatte Jack Torrance den Schläger geschwungen, der Dicks Zähne ruiniert und dafür gesorgt hatte, dass Wendy nur noch leicht hinkend gehen konnte, aber sie wussten beide, dass es in Wirklichkeit das Overlook gewesen war. »Er hat viel Kraft, Wendy. Wenn er mich abblocken will, tut er es. Das weiß ich aus eigener Erfahrung. Außerdem wäre es besser, wenn wir uns mit dem Mund unterhalten. Besser für ihn. Jetzt erzähl mal, was passiert ist. Von Anfang an.«

Nachdem Wendy das getan hatte, führte sie ihn ins Bad. Wie eine Polizistin, die den Tatort eines Verbrechens für die Spurensicherung bewahrte, hatte sie die Flecke gelassen, damit er sie sehen konnte. Schließlich hatte tatsächlich ein Verbrechen stattgefunden. Eines gegen ihren Sohn.

Dick betrachtete alles lange, ohne etwas anzufassen, dann nickte er. »Sehen wir mal nach, ob Danny sich erhoben hat.«

Das war zwar nicht der Fall, aber Wendy wurde trotzdem leichter ums Herz, denn als Danny sah, wer neben ihm auf der Bettkante saß und ihn an der Schulter rüttelte, trat ein freudiger Ausdruck auf sein Gesicht.

(he Danny ich hab dir was mitgebracht)

(aber ich hab doch gar nicht Geburtstag)

Wendy beobachtete die beiden und wusste, dass sie miteinander sprachen, aber nicht, worüber.

»Jetzt steh mal auf, Kleiner«, sagte Dick.»Wir gehen runter zum Strand.«

(Dick sie ist zurückgekommen Mrs. Massey aus Zimmer 217 ist zurückgekommen)

Dick rüttelte ihn noch einmal an der Schulter. »Sag’s laut, Dan. Du machst deiner Mutter Angst.«

»Was hast du denn mitgebracht?«, fragte Danny.

Dick strahlte. »Besser so. Ich will dich nämlich hören, und Wendy will das auch.«

»Ja.« Mehr wagte sie nicht zu sagen. Sonst hätten die beiden das Zittern in ihrer Stimme gehört und sich Sorgen gemacht. Das wollte sie nicht.

»Während wir draußen sind, solltest du wohl das Badezimmer putzen«, sagte Dick zu ihr. »Hast du Küchenhandschuhe?«

Sie nickte.

»Gut. Zieh sie an.«

6

Bis zum Strand waren es zwei Meilen. Rund um den Parkplatz standen geschmacklose Buden, in denen Gebäck, Hotdogs und Souvenirs verhökert wurden, doch jetzt zum Ende der Saison war nirgendwo viel los. Die beiden hatten den Strand fast für sich allein. Auf der Herfahrt hatte Danny sein Geschenk – ein längliches Päckchen, ziemlich schwer und in Silberpapier verpackt – auf dem Schoß gehalten.

»Du darfst es aufmachen, nachdem wir uns ein bisschen unterhalten haben«, sagte Dick.

Sie gingen am Rand der Wellen entlang, wo der Sand hart war und glänzte. Danny ging langsam, weil Dick schon ziemlich alt war. Irgendwann würde er sterben. Vielleicht sogar bald.

»Ich werd’s schon noch ein paar Jahre schaffen«, sagte Dick. »Darum brauchst du dir keine Sorgen machen. Und jetzt erzähl mir, was heute Nacht passiert ist. Lass nichts aus.«

Es dauerte nicht lange. Schwer wäre es allerdings gewesen, die richtigen Worte zu finden, um den Schrecken zu erklären, den er jetzt spürte, und das erstickende Gefühl einer Gewissheit, die sich damit verband: Da sie ihn nun gefunden hatte, würde sie nie wieder verschwinden. Aber weil es sich um Dick handelte, brauchte er keine Worte.

»Sie wird wiederkommen«, sagte er am Ende. »Das weiß ich. Sie wird immer, immer wiederkommen, bis sie mich geschnappt hat.«

»Weißt du noch, wie wir uns kennengelernt haben?«

Der Themawechsel überraschte Danny, aber er nickte. Es war Hallorann gewesen, der ihn und seine Eltern am ersten Tag durch das Overlook geführt hatte. Das schien ewig her zu sein.

»Und weißt du noch, wie ich das erste Mal in deinem Kopf gesprochen habe?«

»Na klar.«

»Was hab ich da gesagt?«

»Du hast mich gefragt, ob ich mit dir nach Florida will.«

»Genau. Wie hat sich das angefühlt? Zu wissen, dass du nicht mehr allein warst? Dass du nicht der Einzige bist?«

»Das war toll«, sagte Danny. »Richtig toll.«

»Und ob«, sagte Hallorann. »Und ob es das war!«

Schweigend gingen sie eine Weile weiter. Kleine Vögel – Dannys Mutter nannte sie Piepmatze – rannten in die Wellen hinein und wieder heraus.

»Kam es dir jemals komisch vor, dass ich gerade dann aufgetaucht bin, als du mich gebraucht hast?« Hallorann blickte auf Danny hinunter und grinste. »Nein. Kam es nicht. Wieso auch. Allerdings warst du noch sehr klein, und jetzt bist du ein wenig älter. In mancher Hinsicht sogarvielälter. Deshalb hör mir gut zu, Danny. Die Welt hat es so an sich, die Dinge im Gleichgewicht zu halten. Daran glaube ich jedenfalls. Es gibt da einen Spruch: Wenn der Schüler bereit ist, erscheint der Lehrer. Ich war dein Lehrer.«

»Du warst viel mehr als das«, sagte Danny. Er griff nach Dicks Hand. »Du warst mein Freund. Du hast uns gerettet.«

Dick ignorierte das … jedenfalls tat er so. »Meine Oma hatte auch das Shining – weißt du noch, wie ich dir davon erzählt hab?«

»Klar. Du hast gesagt, ihr hättet euch lange unterhalten, ohne den Mund aufzumachen.«

»Genau. Sie hat mir das beigebracht. Und es war ihreUrgroßmutter, die es ihr beigebracht hatte, damals zur Zeit der Sklaverei. Irgendwann, Danny, wirst du mal der Lehrer sein. Es wird ein Schüler kommen.«

»Wenn Mrs. Massey mich nicht vorher erwischt«, sagte Danny missmutig.

Sie kamen zu einer Bank. Dick setzte sich. »Ich gehe lieber nicht weiter, sonst schaffe ich es womöglich nicht zurück. Setzt dich neben mich. Ich will dir eine Geschichte erzählen.«

»Ich will aber keine Geschichten hören«, sagte Danny. »Sie wird wiederkommen, verstehst du das nicht? Sie wird immer und immer und immer wiederkommen.«

»Halt den Mund und sperr die Ohren auf. Lass dir was sagen.« Dick grinste und stellte seine funkelnden neuen Zähne zur Schau. »Ich glaube, du wirst es kapieren. Du bist nämlich alles andere als dämlich, Kleiner.«

7

Seine Großmutter mütterlicherseits – die mit dem Shining – hatte in Clearwater gelebt. Sie war die Weiße Oma. Natürlich nicht weil sie weiße Haut gehabt hätte, sondern weil siegutwar. Sein Großvater väterlicherseits lebte in Dunbrie, Mississippi, einem ländlichen Kaff nicht weit von Oxford. Seine Frau war schon lange vor Dicks Geburt gestorben. Für einen damals in einer solchen Gegend lebenden Schwarzen war er wohlhabend. Er besaß ein Bestattungsinstitut. Dick und seine Eltern besuchten ihn viermal im Jahr, und der junge Dick Hallorann hasste diese Besuche. Er hatte furchtbare Angst vor Andy Hallorann und nannte ihn – nur für sich, denn hätte er es laut ausgesprochen, hätte man ihm eine Ohrfeige verpasst – den Schwarzen Opa.

»Weißt du über Kinderschänder Bescheid?«, fragte Dick. »Über Kerle, die mit Kindern Sex haben wollen?«

»So in etwa«, sagte Danny vorsichtig. Er wusste auf jeden Fall, dass er nicht mit Fremden sprechen und erst recht nicht zu einem ins Auto steigen sollte. Weil die einem was antun konnten.

»Tja, der alte Andy war nicht bloß ein Kinderschänder. Er war außerdem ein verfluchter Sadist.«

»Was ist das denn?«

»Jemand, dem es Spaß macht, anderen Schmerzen zuzufügen.«

Danny nickte, weil er das sofort begriff.»Wie Frankie Listrone bei mir in der Schule. Der verdreht einem den Arm und nimmt einen in den Schwitzkasten. Wenn er’s nicht schafft, einen zum Weinen zu bringen, hört er auf. Aber wenn er es schafft, hört ernieauf.«

»So was ist schlimm, aber das war schlimmer.«

Dick verfiel in einen Zustand, den ein Passant als Schweigen interpretiert hätte, aber die Geschichte ging weiter, mit einer Reihe von Bildern und Sätzen, die jene miteinander verbanden. Danny sah den Schwarzen Opa, einen hochgewachsenen Mann in einem Anzug, der so schwarz war wie er selbst, und mit einem eigenartigen

(Filzhut)

Hut auf dem Kopf. Er sah, dass dieser Mann immer Speichelbläschen in den Mundwinkeln hatte und dass seine Augen rot gerändert waren, als wäre er müde oder hätte gerade geweint. Danny sah, wie der Mann Dick – jünger, als Danny jetzt war, etwa so alt, wie er in jenem Winter im Overlook gewesen war – auf den Schoß nahm. Wenn die beiden nicht allein waren, beschränkte er sich aufs Kitzeln. Sonst griff er Dick mit der Hand zwischen die Beine und drückte ihm die Eier zusammen, bis Dick dachte, er würde vor Schmerz in Ohnmacht fallen.

»Na, magst du das?«, keuchte der Schwarze Opa Dick ins Ohr. Er roch nach Zigaretten und Whiskey. »Klar magst du das, jeder Junge mag das. Aber selbst wenn du’s nicht magst, erzählst du niemand was, klar? Sonst tu ich dir weh. Ich werde dich verbrennen.«

»Scheiße«, sagte Danny. »Das ist krass.«

»Das ist noch lange nicht alles«, sagte Dick. »Aber ich werd dir nur noch eines erzählen. Nachdem seine Frau gestorben war, hat der Schwarze Opa eine andere Frau angestellt, die ihm im Haushalt helfen sollte. Sie hat geputzt und gekocht. Beim Essen hat sie alles zusammen auf den Tisch geknallt, vom Salat bis zum Nachtisch, das hat dem alten Schwarzen Opa nämlich so gepasst. Zum Nachtisch gab’s immer Kuchen oder Pudding. Der kleine Teller damit stand neben dem großen Teller, damit man ihn ansehen und Hunger drauf bekommen sollte, während man das andere Zeug runtergewürgt hat. Bei Opa galt die eiserne Regel, dass man den Nachtisch zwaransehen,aber nichtessendurfte, bis man jeden Bissen gebratenes Fleisch und gekochtes Gemüse und Kartoffelpüree aufgegessen hatte. Man musste sogar die Soße verputzen, die klumpig war und nach nichts geschmeckt hat. Wenn die nicht ganz weg war, hat der Schwarze Opa mir ein Stück Brot gegeben und gesagt: ›Saug sie damit auf, Dickie-Bird, mach deinen Teller blitzblank, wie wenn der Hund ihn abgeschleckt hätte.‹ So hat er mich genannt, Dickie-Bird.

Manchmal hab ich es einfach nicht geschafft aufzuessen, und dann hab ich den Kuchen oder den Pudding nicht bekommen. Er hat das Zeug genommen und selber gegessen. Und manchmal, wenn ich esdochgeschafft hab, hab ich gemerkt, dass er eine Zigarettenkippe in mein Stück Kuchen oder meinen Vanillepudding gesteckt hat. Das konnte er tun, weil er immer neben mir gesessen hat. Er hat es als tollen Scherz ausgegeben. ›Ach, da hab ich wohl den Aschenbecher nicht getroffen‹, hat er gesagt. Meine Mutter und mein Vater haben nie was dagegen unternommen, obwohl ihnen sicher klar war, dass man so was mit einem Kind nicht macht, selbst wenn es ein Scherz sein soll. Stattdessen haben sie einfach mitgespielt und auch getan, als wäre es ein Scherz.«

»Das ist echt schlimm«, sagte Danny. »Deine Eltern hätten dich beschützen sollen. Meine Mama tut das. Mein Daddy würde es auch tun.«

»Sie haben sich vor ihm gefürchtet, und das hatte gute Gründe. Andy Hallorann war ein richtig übler Typ. Er hat gesagt: ›Los, Dickie, iss einfach drum herum, es wird dich schon nicht vergiften.‹ Wenn ich einen Bissen gegessen hab, musste Nonnie – so hieß seine Haushälterin – mir einen neuen Nachtisch bringen. Und wenn nicht, blieb das Zeug einfach stehen. Nach einer Weile konnte ich nie mehr aufessen, weil mir immer ganz übel geworden ist.«

»Du hättest deinen Nachtisch auf die andere Seite von deinem Teller stellen sollen«, sagte Danny.

»Das hab ich schon versucht, ich bin ja nicht blöd. Dann hat er den Teller einfach zurückgestellt und gesagt, der Nachtisch steht immer rechts.« Dick schwieg und blickte aufs Wasser hinaus, wo ein langes, weißes Schiff langsam über die Trennlinie zwischen dem Himmel und dem Golf von Mexiko zog.»Wenn er mich allein erwischt hat, dann hat er mich manchmal gebissen. Und einmal, als ich gesagt hab, wenn er mich nicht in Ruhe lässt, sag ich’s meinem Vater, da hat er seine Zigarette auf meinem nackten Fuß ausgedrückt. ›Erzähl ihm das doch auch gleich, und sieh mal, was dir das bringt‹, hat er gesagt. ›Dein Daddy kennt mich schon, und der sagt nie ein Wort, weil er die Hosen voll hat und weil ich Geld auf der Bank hab. Das will er haben, wenn ich ins Gras beiße, aber da kann er noch ’ne Weile warten.‹«

Danny lauschte mit weit aufgerissenen Augen. Er hatte immer gedacht, die gruseligste Geschichte wäre die von Blaubart, so gruselig, wie es nur sein konnte, aber diese Geschichte war schlimmer. Weil sie wahr war.

»Manchmal hat er gesagt, er kennt einen schlechten Kerl namens Charlie Manx, und wenn ich nicht tue, was er will, dann ruft er ihn an, damit der mit seinem schicken Auto kommt und mich an einen Ort für unartige Kinder bringt. Und dann hat Opa mir wieder mit der Hand zwischen die Beine gegriffen und zugedrückt. ›Deshalb wirst du kein Wort sagen, Dickie-Bird. Wenn du’s doch tust, kommt der alte Charlie und sperrt dich zu den anderen Kindern, die er geklaut hat, bis du stirbst. Außerdem kommst du in die Hölle, wo du für immer brennen musst. Weil du gepetzt hast. Ganz egal ob jemand dir glaubt oder nicht, Petzen ist Petzen.‹

Lange hab ich dem alten Bastard geglaubt. Nicht mal meiner Weißen Oma hab ich was erzählt, der mit dem Shining, weil ich Angst hatte, dass sie glaubt, es ist meine eigene Schuld. Wenn ich älter gewesen wäre, hätte ich’s besser gewusst, aber ich war noch ein Kind.« Er schwieg. »Außerdem war da noch etwas anderes. Weißt du, was es war, Danny?«

Danny blickte Dick lange ins Gesicht, um die Gedanken und Bilder hinter dessen Stirn zu erforschen. Schließlich sagte er: »Du wolltest, dass dein Vater das Geld kriegt. Aber er hat’s nie bekommen.«

»Genau. Der Schwarze Opa hat alles in Alabama einem Waisenheim für Farbige hinterlassen, und ich glaube, ich weiß, warum. Aber das tut nichts zur Sache.«

»Und deine gute Oma hat nie was erfahren? Sie hat’s nie erraten?«

»Sie wusste, dassirgendwaslos ist, aber ich hab’s abgeblockt, also hat sie mich in Ruhe gelassen. Hat mir bloß gesagt, wann immer ich bereit bin zu reden, ist sie bereit, mir zuzuhören. Danny, als Andy Hallorann gestorben ist – nach einem Schlaganfall –, war ich der glücklichste Junge auf Erden. Meine Ma hat gesagt, ich muss nicht zur Beerdigung gehen und kann bei Oma Rose – meiner Weißen Oma – bleiben, wenn ich will, aber ich wollte hin. Auf jeden Fall. Ich wollte auf Nummer sicher gehen, dass der alte Schwarze Opa wirklich tot ist.

An dem Tag hat’s geregnet. Alle standen mit schwarzen Regenschirmen um das Grab herum. Ich hab zugesehen, wie sein Sarg – der größte und beste in seinem Laden, ganz bestimmt – im Boden verschwunden ist, und ich hab an all die Male gedacht, wo er mir die Eier gequetscht hat, an die ganzen Kippen in meinem Nachtisch und an die, die er auf meinem Fuß ausgedrückt hat, und daran, wie er am Esstisch gethront hat wie der irre alte König in diesem Stück von Shakespeare. Aber vor allem hab ich an Charlie Manx gedacht – den er sich mit Sicherheit aus den Fingern gesaugt hatte – und dass er nie mehr bei Charlie Manx anrufen konnte, damit der nachts kam, um mich in seinem schicken Wagen abzuholen und zu den anderen Jungen und Mädchen zu sperren, die er gestohlen hatte.

Ich hab über den Rand vom Grab gespäht – ›Lass den Jungen‹, hat mein Pa gesagt, als meine Ma versucht hat, mich zurückzuziehen –, und da hab ich den Sarg unten in dem feuchten Loch gesehen und gedacht: Da unten bist du zwei Meter näher an der Hölle, Schwarzer Opa, und bald bist du ganz da, und ich hoffe, der Teufel gibt dir tausend Hiebe mit einer Hand, die in Flammen steht.«

Dick griff in die Hosentasche und zog eine Packung Marlboro mit einem Streichholzbriefchen unter der Zellophanhülle hervor. Er steckte sich eine Zigarette in den Mund und musste sie dann mit dem Streichholz verfolgen, weil seine Hand zitterte und seine Lippen ebenfalls. Danny sah erstaunt, dass in Dicks Augen Tränen standen.

Da er nun wusste, wo die Geschichte hinführte, fragte er:»Wann ist er wiedergekommen?«

Dick nahm einen tiefen Zug von seiner Zigarette und lächelte, als er den Rauch ausstieß. »Um das zu kapieren, musstest du mir nicht mal in den Kopf schauen, was?«

»Nein.«

»Sechs Monate später. Irgendwann bin ich von der Schule heimgekommen, und er lag nackt auf meinem Bett. Sein halb verfaulter Schwanz war in die Höhe gereckt. ›Los, komm, setzt dich da drauf, Dickie-Bird‹, hat er gesagt. ›Wenn du mir tausend Hiebe verpasst, kriegst du von mirzweitausend.‹ Ich hab geschrien, aber es war niemand da, der mich gehört hat. Meine Eltern waren beide bei der Arbeit, meine Ma in einem Restaurant und mein Dad in einer Druckerei. Ich bin rausgerannt und hab die Tür zugeknallt. Da hab ich gehört, wie der Schwarze Opa aufsteht …rums… und durchs Zimmer geht …rums-rums-rums… und was ich als Nächstes gehört hab, waren …«

»Fingernägel«, sagte Danny mit kaum vorhandener Stimme. »Die an der Tür gekratzt haben.«

»Genau. Ich bin nicht wieder reingegangen, bis abends, als meine Eltern beide zu Hause waren. Da war er fort, aber es gab … Überreste.«

»Klar. Wie in unserem Bad. Weil er am Verfaulen war.«

»Genau. Ich hab das Bett alleine frisch bezogen. Das konnte ich, weil meine Mutter es mir schon zwei Jahre vorher gezeigt hat. Sie hat gesagt, ich wär zu alt, um noch eine Haushälterin zu brauchen; Haushälterinnen wären bloß was für kleine weiße Jungs und Mädchen wie die, um die sie sich gekümmert hatte, bevor sie den Job in Berkin’s Steak House bekommen hat. Etwa eine Woche später sehe ich den alten Schwarzen Opa im Park auf einer Schaukel sitzen. Er hatte seinen Anzug an, aber der war von oben bis unten mit grauem Zeug bedeckt – wahrscheinlich Schimmel, der in seinem Sarg darauf gewachsen ist.«

»Ja«, sagte Danny. Es war ein schwaches Flüstern. Mehr brachte er nicht heraus.

»Sein Hosenladen stand offen, und sein Ding hat rausgeragt. Tut mir leid, dass ich dir das alles erzähle, Danny, du bist eigentlich zu jung, so was zu hören, aber du musst es erfahren.«

»Bist du dann zu deiner Weißen Oma gegangen?«

»Das musste sein. Ich wusste nämlich, was du auch weißt: Er wäre einfach immer wiedergekommen. Nicht wie … Danny, hast du schon mal Tote gesehen?NormaleTote, meine ich.« Er lachte, weil sich das komisch anhörte, für ihn und für Danny ebenfalls. »Geister.«

»Ein paarmal. Einmal standen drei davon an einem Bahnübergang. Zwei Jungen und ein Mädchen. Teenager. Ich glaube … vielleicht sind sie da gestorben.«

Dick nickte. »Meistens bleiben sie in der Nähe von dem Ort, wo sie übergewechselt sind, bis sie sich endlich daran gewöhnt haben, tot zu sein, und weiterziehen. Einige von den Leuten, die du im Overlook gesehen hast, waren auch so.«

»Ich weiß.« Die Erleichterung, über solche Dinge sprechen zu können – mit jemand, der Bescheid wusste –, war unbeschreiblich. »Und dann war einmal eine Frau in einem Restaurant. Also in so einem, wo Tische draußen stehen.«

Wieder nickte Dick.

»Durch die konnte ich nicht hindurchsehen, aber außer mir hat niemand sie gesehen, und als eine Kellnerin den Stuhl, auf dem sie saß, an den Tisch geschoben hat, ist die Geisterfrau verschwunden. Siehst du denn manchmal welche?«

»Schon seit Jahren nicht mehr, aber dein Shining ist stärker, als meins es je war. Außerdem nimmt es ein bisschen ab, wenn man älter wird …«

»Toll«, sagte Danny mit Inbrunst.

»… aber ich glaube, du wirst noch massenhaft davon haben, wenn du erwachsen bist, weil du am Anfang so viel hattest. Normale Geister sind nicht wie die Frau, die du in Zimmer 217und jetzt in eurem Bad gesehen hast. Das stimmt doch, oder?«

»Ja«, sagte Danny. »Mrs. Massey istecht. Sie lässt Stücke von sich selbst zurück. Die hast du ja selber gesehen. Mama auch. Und sie leuchtet nicht.«

»Gehen wir zurück«, sagte Dick. »Du sollst jetzt sehen, was ich dir mitgebracht habe.«

8

Auf dem Rückweg zum Parkplatz gingen sie noch langsamer, weil Dick außer Atem war. »Zigaretten«, sagte er. »Fang bloß nicht damit an, Danny.«

»Mama raucht. Sie glaubt, ich weiß es nicht, aber ich hab’s gemerkt. Dick, was hat deine Weiße Oma getan? Irgendwas muss sie doch getan haben, weil dein Schwarzer Opa dich nie erwischt hat.«

»Sie hat mir ein Geschenk gemacht, dasselbe, das ich auch dir geben werde. Das tut ein Lehrer, wenn der Schüler bereit ist. Zu lernen ist schon ein Geschenk an sich, weißt du? Das Beste, was man machen oder bekommen kann.

Sie hat Opa Andy nicht beim Namen genannt, sie hat ihn bloß« – Dick grinste – »denPreverslinggenannt. Ich hab ihr das erzählt, was du gerade gesagt hast, dass er kein Geist war, sondern echt. Und sie sagt, ja, das stimmt, weil ich ihn echtmache. Mit meinem Shining. Sie hat gesagt, manche Geister – vor allem zornige Geister – ziehen aus dieser Welt nicht weiter, weil sie wissen, dass das, was sie erwartet, noch schlimmer ist. Die meisten verhungern irgendwann, aber manche finden Futter. ›Das ist Shining für die, Dick‹, hat sie zu mir gesagt. ›Futter. Du fütterst diesen Preversling. Das willst du zwar nicht, aber du tust es. Er ist wie eine Stechmücke, die dich ständig umkreist und dann landet, um wieder Blut zu saugen. Daran kannst du nichts ändern. Aber du kannst was tun, nämlich das, wegen dem er gekommen ist, gegen ihn wenden.‹«

Sie waren wieder beim Cadillac. Dick schloss die Türen auf, dann schob er sich mit einem erleichterten Seufzer hinters Lenkrad. »Früher konnte ich zehn Meilen gehen und weitere fünf laufen. Inzwischen braucht’s bloß einen kleinen Strandspaziergang, und mein Rücken fühlt sich an wie nach ’nem Pferdetritt. Los, Danny. Pack dein Geschenk aus!«

Danny riss das Silberpapier auf und entdeckte eine Kassette aus grün lackiertem Metall. Vorn, unter dem Verschluss, befand sich eine kleine Tastatur.

»He, cool!«

»Ja? Gefällt sie dir? Gut. Hab ich bei Western Auto besorgt. Echter amerikanischer Stahl. Das Ding, das ich von meiner Weißen Oma Rose bekommen hab, hatte ein Vorhängeschloss mit einem kleinen Schlüssel, den ich um den Hals getragen hab, aber das ist lange her. Jetzt haben wir die Achtzigerjahre, die moderne Zeit. Siehst du die Tastatur? Also, da drückst du auf fünf Zahlen, die du bestimmt nicht vergessen wirst, und dann drückst du die kleine Taste da. Danach gibst du, jedes Mal wenn du die Kassette öffnen willst, deinen Code ein.«

Danny war begeistert. »Danke, Dick! Da werd ich meine wichtigen Sachen drin aufheben!« Dazu gehörten seine besten Baseballkarten, sein Kompassabzeichen von den Pfadfindern, sein grüner Glücksstein und ein Bild von ihm und seinem Vater, aufgenommen auf dem Rasen vor dem Mietshaus, in dem sie in Boulder gewohnt hatten, in der Zeit vor dem Overlook. Bevor alles eine schlechte Wendung genommen hatte.

»In Ordnung, Danny, das kannst du gern machen, aber du sollst noch etwas anderes tun.«

»Was denn?«

»Ich will, dass du die Kassette so gut kennenlernst wie deine Westentasche. Sieh sie nicht bloß an, berühr sie. Betaste sie überall. Steck dann deine Nase rein, und stell fest, ob du was riechst. Sie muss dein bester Freund werden, zumindest für eine Weile.«

»Warum?«

»Weil du dir eine zweite, genau wie die da, in den Kopf stecken wirst. Eine, die noch spezieller ist, weil du sie nämlich als Schließfach benutzt. Und wenn dieses Miststück das nächste Mal anrückt, bist du bereit dafür. Ich erklär dir, wie du das machst, so wie meine alte Weiße Oma es mir erklärt hat.«

Auf der Rückfahrt zur Wohnung sagte Danny nicht viel. Er musste über allerhand nachdenken. Sein Geschenk – eine Kassette aus starkem Metall – hielt er auf dem Schoß.

9

Eine Woche später kehrte Mrs. Massey zurück. Sie war wieder im Badezimmer, diesmal in der Wanne. Was Danny nicht überraschte, schließlich war sie in einer gestorben. Diesmal lief er nicht davon. Diesmal ging er hinein und schloss die Tür hinter sich. Lächelnd winkte Mrs. Massey ihn zu sich. Danny gehorchte, ebenfalls lächelnd. Aus dem Nebenzimmer hörte er den Fernseher. Seine Mutter sahHerzbube mit zwei Damen.

»Hallo, Mrs. Massey«, sagte Danny. »Ich hab Ihnen was mitgebracht.«

Im letzten Augenblick begriff sie und begann zu schreien.

10

Wenige Momente später klopfte seine Mutter an die Badezimmertür. »Danny? Alles in Ordnung da drin?«

»Klar, Mama.« Die Wanne war leer. Es war etwas Glibber darin, aber von dem würde er sie auch noch befreien. Mit etwas Wasser konnte er ihn einfach in den Abfluss spülen. »Musst du aufs Klo? Ich bin bald fertig.«

»Nein. Ich hab bloß … Ich dachte, ich hab dich rufen hören.«

Danny griff nach seiner Zahnbürste und öffnete die Tür. »Mir geht’s super. Siehst du?« Er strahlte sie an. Was ihm nicht schwerfiel, da Mrs. Massey ja jetzt verschwunden war.

Der besorgte Blick schwand aus ihrem Gesicht. »Gut. Denk dran, auch die ganz hinten zu putzen. Da verstecken sich Essensreste.«

»Mach ich, Mama.«

Aus dem Innern seines Kopfes, tief drinnen, wo der Zwilling seines speziellen Schließfachs auf einem speziellen Regal stand, hörte Danny gedämpfte Schreie. Das machte ihm nichts aus. Das würde bald aufhören, dachte er, und damit lag er richtig.

11

Zwei Jahre später, am Tag vor den Herbstferien, tauchte bei Danny Torrance mitten auf einer verlassenen Treppe der Alafia-Grundschule eine andere Erscheinung auf: Horace Derwent. Auf den Schultern seines Anzugs lag Konfetti. An einer seiner verwesenden Hände hing eine kleine, schwarze Maske. Er stank nach Grab. »Tolle Party, was?«, sagte er.

Danny drehte sich um und machte sich ganz schnell aus dem Staub.

Als die Schule aus war, rief er Dick in dem Restaurant in Key West an, in dem er arbeitete. »Jetzt hat noch jemand von den Leuten aus dem Hotel Overlook mich gefunden. Wie viele Schließfächer kann ich haben, Dick? In meinem Kopf, meine ich.«

Dick gluckste. »So viele, wie du brauchst, Kleiner. Das ist das Schöne am Shining. Meinst du, mein Schwarzer Opa war der Einzige, denichjemals wegsperren musste?«

»Sterben die eigentlich da drin?«

Diesmal kam kein Glucksen. Diesmal lag in Dicks Stimme eine Kälte, wie sie der Junge noch nie bei ihm gehört hatte. Es störte ihn nicht. »Ist das so wichtig?«

Nein, war es nicht, dachte Danny.

Als der frühere Eigentümer des Overlooks kurz nach Neujahr wiederauftauchte, diesmal im Schrank von Dannys Zimmer, war Danny bereit. Er schlüpfte in den Schrank und zog die Tür zu. Kurze Zeit später kam auf das Regal hoch oben in seinem Kopf ein zweites mentales Schließfach neben das, in dem Mrs. Massey eingesperrt war. Wieder hörte Danny Klopfgeräusche und ein paar einfallsreiche Flüche, die er sich für den späteren Gebrauch merkte. Das Ganze endete jedoch ziemlich bald, worauf in dem Schließfach mit Derwent ebenso Schweigen herrschte wie in dem mit Mrs. Massey. Ob die beiden noch am Leben waren (auf ihre untote Weise), war nicht mehr wichtig.

Wichtig war, dass sie nie mehr herauskonnten. Danny war in Sicherheit.

Das dachte er damals jedenfalls. Natürlich dachte er auch, er würde niemals Alkohol trinken, nachdem er erlebt hatte, was der aus seinem Vater gemacht hatte.

Manchmal kapieren wir es einfach nicht.

KLAPPERSCHLANGE

1

Sie hieß Andrea Steiner, und sie mochte Filme, wohingegen sie Männer nicht mochte. Was nicht weiter überraschend war, da ihr Vater sie im Alter von acht Jahren zum ersten Mal vergewaltigt hatte. Anschließend hatte er sie dieselbe Zahl von Jahren weiter vergewaltigt. Schließlich hatte sie dem ein Ende gemacht, indem sie ihm mit einer aus dem Vorrat ihrer Mutter stammenden Stricknadel zuerst nacheinander die Eier durchbohrt und dann dieselbe Nadel, rot und tropfend, in den linken Augapfel ihres Vergewaltigers und Erzeugers gestochen hatte. Das mit den Eiern war leicht gewesen, weil er gerade geschlafen hatte, doch trotz ihrem besonderen Talent hatte der Schmerz ausgereicht, ihn aufzuwecken. Allerdings war sie ein kräftiges Mädchen, und er war besoffen gewesen. Sie hatte ihn mit ihrem Körper gerade lange genug niederhalten können, dass sie ihm den Gnadenstoß verpassen konnte.

Nun war sie vier mal acht Jahre alt und streifte durch Amerika. Ein früherer Schauspieler hatte den Erdnussfarmer im Weißen Haus abgelöst. Der Neue hatte die unnatürlich schwarzen Haare und das charmante, unglaubwürdige Lächeln eines Hollywood-Mimen. Im Fernsehen hatte Andi einen seiner Filme gesehen. Darin spielte der Mann, der später Präsident werden sollte, einen Kerl, der seine Beine verlor, als ein Zug darüberfuhr. Die Vorstellung eines Mannes ohne Beine gefiel ihr; ein Mann ohne Beine konnte einem nicht nachstellen, um einen zu vergewaltigen.

Filme, die waren ihr Ding. Filme konnten einen woandershin entführen. Bei denen gab es Popcorn und ein Happy End. Wenn man einen Mann dabeihatte, war es ein Rendezvous, und er zahlte. Der Film, den sie gerade sah, war ein guter, mit Kämpfen und Küssen und lauter Musik. Er hießJäger des verlorenen Schatzes. Ihr momentaner Begleiter hatte seine Hand unter ihrem Rock, ganz oben auf ihrem nackten Oberschenkel, aber das war in Ordnung; eine Hand war kein Schwanz. Sie hatte ihn in einer Kneipe kennengelernt. Die meisten Männer, mit denen sie ausging, hatte sie in einer Kneipe getroffen. Er hatte ihr einen Drink spendiert, aber so was war noch kein Rendezvous, das war bloß eine zufällige Bekanntschaft.

Was ist denn das,hatte er sie gefragt und war ihr mit der Fingerspitze über den linken Oberarm gefahren. Sie trug eine ärmellose Bluse, weshalb das Tattoo sichtbar war. Das ließ sie gern aufblitzen, wenn sie es auf einRendezvous abgesehen hatte. Sie wollte, dass die Männer es sahen. Die fanden es nämlich sexy. Sie hatte es sich in San Diego stechen lassen, ein Jahr nachdem sie ihren Vater getötet hatte.

Das ist eine Schlange,sagte sie.Eine Klapperschlange. Siehst du die Zähne nicht?

Natürlich sah er die. Es warengroßeZähne, die in keinem Verhältnis zum Kopf standen. An einem hing ein Tropfen Gift.

Er war vom Typ Geschäftsmann mit teurem Anzug und massenhaft zurückgekämmtem Präsidentenhaar und hatte den Nachmittag frei. Sonst erledigte er wahrscheinlich irgendwelchen Papierkram. Seine Haare waren allerdings eher weiß als schwarz, und dem Aussehen nach war er etwa sechzig. Fast zweimal so alt wie sie. Aber Männern war so was egal. Es hätte ihn nicht mal geschert, wenn sie sechzehn statt zweiunddreißig gewesen wäre. Oder acht. Sie erinnerte sich an etwas, was ihr Vater einmal gesagt hatte:Wer alt genug zum Pinkeln ist, kann auch gefickt werden.

Natürlich sehe ich die,hatte der Mann, der jetzt neben ihr saß, gesagt.Aber was hat das Ding zu bedeuten?

Vielleicht kriegst du’s später ja raus,erwiderte Andi und legte die Zungenspitze an die Oberlippe.Ich hab noch ein zweites Tattoo. Woanders.

Darf ich es sehen?

Vielleicht. Magst du Filme?

Er hatte die Stirn gerunzelt.Wieso?

Du willst doch mit mir ausgehen, oder?

Er wusste, was das bedeutete – oder was es hätte bedeuten sollen. In der Kneipe befanden sich noch andere junge Frauen, und wenn die so etwas sagten, meinten sie etwas ganz Bestimmtes. Aber das war es nicht, was Andi meinte.

Klar. Du bist süß.

Dann geh doch mit mir aus. Aber in echt. Im Rialto läuftJäger des verlorenen Schatzes.

Ich hab eher an das kleine Hotel zwei Straßen weiter gedacht, Süße. Ein Zimmer mit Bar und Balkon, was hältst du davon?

Sie hatte die Lippen nah an sein Ohr gebracht und dafür gesorgt, dass ihre Brüste sich an seinen Arm drückten.Später vielleicht. Geh erst mal mit mir ins Kino. Lad mich ein, und kauf mir Popcorn. Die Dunkelheit bringt mich in Stimmung.

Und da saßen sie und sahen auf der Leinwand Harrison Ford, groß wie ein Wolkenkratzer und mit einer Peitsche, die er im Wüstenstaub krachen ließ. Der alte Typ mit dem Präsidentenhaar hatte seine Hand unter ihrem Rock, aber sie hatte ihren Becher Popcorn so auf dem Schoß platziert, dass er mit der Hand zwar ziemlich weit kam, aber eben doch nicht ganz bis zum Ziel. Trotzdem versuchte er, sich vorbeizumogeln, was ärgerlich war, weil sie den Film zu Ende sehen und herausbekommen wollte, was sich in der Bundeslade befand. Deshalb …

2

Wie üblich an einem Nachmittag mitten in der Woche war das Kino fast leer, aber zwei Reihen hinter Andi Steiner und ihrem Verehrer saßen drei weitere Zuschauer. Zwei Männer, einer ziemlich alt, der andere dem Anschein nach kurz vor dem mittleren Alter (wenngleich der Anschein trügen konnte), dazwischen eine Frau von erstaunlicher Schönheit. Sie hatte hohe Wangenknochen, graue Augen und einen cremefarbenen Teint. Ihr üppiges schwarzes Haar war mit einem breiten Seidenband zurückgebunden. Normalerweise trug sie einen Hut – einen alten, ramponierten Zylinder –, aber den hatte sie an diesem Tag in ihrem Wohnmobil gelassen. Im Kino trug man kein Ofenrohr. Eigentlich hieß sie Rose O’Hara, aber die Familie von Nomaden, mit der sie reiste, nannte sie Rose the Hat.

Der Mann, der allmählich ins mittlere Alter kam, hieß Barry Smith. Er war zwar zu hundert Prozent europäischer Herkunft, in der betreffenden Familie jedoch als Barry the Chinkbekannt, und zwar wegen seinen leicht mandelförmigen Augen, die an einen Chinesen erinnerten.

»Jetzt seht euch das mal an«, sagte er. »Das ist ja interessant.«

»DerFilmist interessant«, knurrte der alte Mann, Grampa Flick. Aber das lag nur daran, dass er gern widersprach. Auch er beobachtete das Pärchen zwei Reihen weiter vorn.

»Gut so«, sagte Rose. »Die Frau ist nämlich nicht besonders scharf. Ein bisschen schon, aber …«

»Jetzt legt sie los, jetzt legt sie los«, sagte Barry, als Andi sich zur Seite neigte und die Lippen ans Ohr ihres Verehrers brachte. Barry grinste und hatte die Schachtel Gummibären in seiner Hand ganz vergessen. »Da hab ich nun schon dreimal gesehen, wie sie es macht, und hab noch immer meine Freude dran.«

3

Das Ohr von Mr. Geschäftsmann war mit einem Gestrüpp aus drahtigen weißen Härchen gefüllt und mit kackbraunem Ohrenschmalz verstopft, aber davon ließ Andi sich nicht abhalten. Sie wollte aus dieser Stadt verschwinden, und in ihrer Kasse herrschte gefährliche Ebbe. »Bist du nicht müde?«, flüsterte sie in das ekelhafte Ohr.»Willst du denn nicht einschlafen?«

Sofort sank dem Mann der Kopf auf die Brust, und er begann zu schnarchen. Andi griff unter den Rock, nahm die erschlaffte Hand und legte sie auf die Armlehne. Dann griff sie in die teuer aussehende Anzugjacke von Mr. Geschäftsmann und wühlte darin herum. Seine Brieftasche steckte in der linken Innentasche. Das war gut. Sie musste ihn also nicht dazu bringen, sich von seinem fetten Arsch zu erheben. Sobald die Typen schliefen, war es schwierig, sie zu bewegen.

Sie klappte die Brieftasche auf, warf die Kreditkarten auf den Boden und betrachtete die Fotos eine Weile – Mr. Geschäftsmann mit ein paar ebenfalls übergewichtigen Kollegen auf dem Golfplatz, Mr. Geschäftsmann mit seiner Frau, ein wesentlich jüngerer Mr. Geschäftsmann, der mit seinem Sohn und seinen zwei Töchtern vor einem Weihnachtsbaum stand. Die Töchter trugen Weihnachtsmannmützen und passende Kleidchen. Vergewaltigt hatte er sie wahrscheinlich nicht, wenngleich das nicht völlig ausgeschlossen war. Männer neigten zu Vergewaltigungen, wenn sie damit davonkamen, das hatte sie selbst erfahren. Auf den Knien ihres Vaters sozusagen.

Im Scheinfach steckten über zweihundert Dollar. Sie hatte sich noch mehr erhofft – die Bar, in der sie ihn getroffen hatte, wurde von einer besseren Sorte Huren frequentiert als die Kneipen draußen in der Nähe des Flughafens –, aber für einen Donnerstagnachmittag war es nicht schlecht, und es gab immer Männer, die eine gut aussehende Frau ins Kino einladen wollten, wo ein wenig Fummeln nur als Aperitif diente. Das erhofften sie sich jedenfalls.

4

»Okay«, sagte Rose leise und erhob sich. »Jetzt bin ich überzeugt. Probieren wir’s.«

Barry legte ihr die Hand auf den Arm, um sie aufzuhalten. »Nein, wart noch ein bisschen. Schauen wir zu. Jetzt kommt das Beste.«

5

Andi beugte sich wieder nah an das eklige Ohr und flüsterte: »Schlaf tiefer. So tief du kannst. Der Schmerz, den du spürst, wird nur ein Traum sein.« Sie öffnete ihre Handtasche und zog ein Messer mit Perlmuttgriff hervor. Es war zwar klein, aber die Schneide war scharf wie eine Rasierklinge.»Was wird der Schmerz sein?«

»Nur ein Traum«, murmelte Mr. Geschäftsmann in seinen Krawattenknoten.

»Genau, Süßer.« Sie legte den Arm um ihn und schlitzte ohne Umstände ein doppeltes V in seine rechte Wange – eine Wange, die so fett war, dass sie sich bald zur Hängebacke entwickeln würde. Sie gönnte sich einen Moment, ihr Werk in dem launischen Licht zu betrachten, das der farbige Traumstrahl des Projektors verbreitete. Dann strömte das Blut herab. Sobald er aufwachte, würde sein Gesicht wie Feuer brennen, der rechte Ärmel seines teuren Anzugs durchnässt sein und er einen Rettungswagen brauchen.

Und wie wirst du das deiner Frau erklären? Du wirst dir schon was ausdenken, klar. Aber falls du nicht zum Schönheitschirurgen gehst, wirst du bei jedem Blick in den Spiegel mein Zeichen sehen. Und jedes Mal wenn du dich in einer Bar nach einer kleinen Fremden umsiehst, wirst du dich daran erinnern, wie du von einer Klapperschlange gebissen wurdest. Von einer Schlange in einem blauen Rock und einer weißen, ärmellosen Bluse.

Sie steckte die zwei Fünfziger und die fünf Zwanziger in ihre Handtasche, klappte diese zu und wollte schon aufstehen, als sich eine Hand auf ihre Schulter legte und eine Frau ihr ins Ohr murmelte: »Hallo, meine Liebe. Das Ende des Films kannst du ein andermal sehen. Jetzt kommst du erst mal mit uns mit.«

Andi wollte sich umdrehen, aber jemand packte ihren Kopf fest mit den Händen. Das Schreckliche daran war, dass diese Hände in ihremInnernwaren.

Danach – bis sie auf einem verwahrlosten Campingplatz am Rand dieser Stadt im Mittleren Westen in Rose’ EarthCruiser wieder zu sich kam – war alles Dunkelheit.

6

Als sie erwachte, reichte Rose ihr eine Tasse Tee und redete lange auf sie ein. Andi hörte alles, aber ihre Aufmerksamkeit war von der Frau gefesselt, die sie entführt hatte. Die hatte eine besondere Ausstrahlung, vorsichtig ausgedrückt. Rose the Hat war gut ein Meter achtzig groß, hatte lange Beine in taillierten, weißen Hosen und knackig hohe Brüste in einem T-Shirt mit demUNICEF-Logo und dem Motto:Whatever It Takes to Save a Child.Ihr Gesicht war das einer ruhigen Königin, heiter und unbeschwert. Ihr nun gelöstes Haar fiel ihr über den halben Rücken. Der ramponierte Zylinder auf dem Kopf störte das Bild, aber sonst war sie die schönste Frau, die Andi Steiner je zu Gesicht bekommen hatte.

»Verstehst du, was ich dir gesagt habe? Ich biete dir eine Gelegenheit, Andi, und die solltest du nicht einfach ignorieren. Es ist zwanzig oder mehr Jahre her, dass wir jemand das angeboten haben, was ich dir jetzt anbiete.«

»Und wenn ich nein sage? Was dann? Bringt ihr mich dann um? Und nehmt euch den …« Wie hatte Rose das genannt? »DiesenSteam?«

Rose lächelte. Ihre Lippen waren voll und korallenrosa. Andi, die sich für asexuell hielt, fragte sich dennoch, wie dieser Lippenstift wohl schmeckte.

»Du hast nicht genug Steam, als dass es sich lohnen würde, meine Liebe, und der, den du hast, wäre nicht besonders lecker. Er würde so schmecken, wie ’ne zähe alte Kuh ’nem Tölpel schmeckt.«

»Einem was?«

»Nicht weiter wichtig, hör einfach zu. Wir werden dich nicht umbringen. Wenn du nein sagst, werden wir einfach alle Erinnerungen an dieses kleine Gespräch auslöschen. Du wirst dich am Straßenrand in der Nähe irgendeiner Stadt wiederfinden – vielleicht Topeka oder Fargo –, ohne Geld, ohne Ausweis und ohne Erinnerung, wie du dorthin gelangt bist. Das Letzte, woran du dich erinnern wirst, ist der Moment, in dem du mit dem Mann, den du ausgeraubt und entstellt hast, in dieses Kino gegangen bist.«

»Er hatte es verdient, entstellt zu werden!«, stieß Andi hervor.

Rose stellte sich auf die Zehenspitzen und streckte sich, bis sie mit den Fingern das Dach des Wohnmobils berührte. »Das ist deine Sache, Schätzchen, ich bin nicht dein Psychiater.« Sie trug keinenBH; Andi konnte die beweglichen Punkte sehen, die ihre Brustwarzen in das T-Shirt stanzten. »Aber du solltest etwas bedenken: Wir werden dir nicht nur dein Geld und deinen zweifellos gefälschten Ausweis wegnehmen, sondern auch dein Talent. Wenn du das nächste Mal in einem dunklen Kino sitzt und einem Mann sagst, er soll einschlafen, wird er dich ansehen und fragen, was zum Teufel das soll.«

Andi spürte, wie es ihr kalt über den Rücken lief. »Das könnt ihr doch gar nicht«, sagte sie. Aber sie erinnerte sich an die schrecklich starken Hände, die ihr ins Gehirn gegriffen hatten, und war sich ziemlich sicher, dass diese Frau sehr wohl dazu in der Lage war. Vielleicht brauchte sie ein wenig Hilfe von ihren Freunden in den Wohnmobilen, die sich wie Ferkel an den Zitzen einer Sau um ihre Behausung versammelt hatten, aber doch – sie würde es können.

Rose ignorierte die Bemerkung.»Wie alt bist du, Liebes?«

»Achtundzwanzig.« Seit sie die Null hinter der Drei überlebt hatte, schwindelte sie bezüglich ihres Alters.

Rose sah sie lächelnd an, ohne etwas zu sagen. Andi erwiderte den Blick dieser wunderschönen grauen Augen ganze fünf Sekunden lang, dann musste sie nach unten sehen. Doch als sie das tat, fiel ihr Blick auf diese ebenmäßigen Brüste, die trotz fehlendemBHüberhaupt nicht durchhingen. Und als sie wieder aufsah, kam ihr Blick nur bis zu den Lippen der Frau. Bis zu diesen korallenrosa Lippen.

»Du bist zweiunddreißig«, sagte Rose. »Ach, das zeigt sich eben ein bisschen – weil du ein hartes Leben geführt hast. Ein Leben auf der Flucht. Aber du bist immer noch hübsch. Bleib bei uns, leb mit uns zusammen, und in zehn Jahren wirst du wirklich achtundzwanzig sein.«

»Das ist unmöglich.«

Rose lächelte. »In hundert Jahren wirst du in den Spiegel sehen und dich wie fünfunddreißig fühlen. Aber nur, bis du dir wieder Steam nimmst. Dann wirst du wieder achtundzwanzigsein, nur wirst du dich zehn Jahre jünger fühlen. Und du wirst diroft Steam nehmen. Lange zu leben, jung zu bleiben und gut zu essen, das ist es, was ich dir anbiete. Na, wie hört sich das an?«

»Zu schön, um wahr zu sein«, sagte Andi.»Wie diese Anzeigen, die einem sagen, wie man für zehn Dollar eine Lebensversicherung kriegt.«

Damit hatte sie nicht ganz unrecht. Rose hatte zwar nicht gelogen (zumindest vorerst nicht), aber einiges verschwiegen. Zum Beispiel, dass der Steam manchmal knapp war. Und dass nicht jeder die Umwandlung überlebte. Rose war zwar der Ansicht, Andi würde sie überleben, und Walnut, der Quacksalber des Wahren Knotens, hatte ihr vorsichtig zugestimmt, aber eine Garantie gab’s nicht.

»Und du und deine Freunde, ihr nennt euch …?«

»Das sind nicht meine Freunde, das ist meine Familie. Wir sind der Wahre Knoten.« Rose schlang die Finger ineinander und hielt sie Andi vors Gesicht. »Und was gebunden ist, kann nie wieder gelöst werden. Das musst du dir klarmachen.«

Andi, die bereits wusste, dass ein vergewaltigtes Mädchen bis an ihr Lebensende ein vergewaltigtes Mädchen blieb, begriff das vollkommen.

»Habe ich überhaupt irgendeine andere Wahl?«

Rose zuckte die Achseln. »Nicht so richtig, Liebes. Aber es ist besser, wenn du es wirklich willst. Das macht die Umwandlung leichter.«

»Tut sie weh? Diese Umwandlung?«

Rose lächelte und erzählte die erste Lüge. »Überhaupt nicht.«

7

Eine Sommernacht an der Peripherie einer Stadt im Mittleren Westen.

Irgendwo sahen Leute zu, wie Harrison Ford seine Peitsche krachen ließ; irgendwo lächelte der Schauspielerpräsident zweifellos sein wenig vertrauenswürdiges Lächeln; hier auf dem Campingplatz lag Andi Steiner auf einer billigen Gartenliege im Licht der Scheinwerfer von Rose’ EarthCruiser und irgendeinem Winnebago. Rose hatte ihr erklärt, der Wahre Knoten besitze zwar mehrere eigene Campingplätze, dieser gehöre allerdings nicht dazu. Aber der Scout der Gruppe schaffe es, Plätze wie diesen, die am Rande des Bankrotts standen, exklusiv zu mieten. Amerika litt unter einer Rezession, doch für den Knoten war Geld kein Problem.

»Wer ist dieser Scout?«, hatte Andi gefragt.

»Ach, das ist ein sehr einnehmender Kerl«, hatte Rose lächelnd erwidert. »Mit seinem Charme könnte der die Vöglein von den Bäumen herunterlocken. Du wirst ihn bald kennenlernen.«

»Ist er dein Freund?«

Darüber hatte Rose gelacht und Andi anschließend zärtlich über die Wange gestrichen. Die Berührung ihrer Finger hatte in Andis Magen einen kleinen, heißen Wurm der Erregung geweckt. Irre, aber so war es. »Du hast ein Funkeln in den Augen, was? Ich glaube, es wird alles gut laufen.«

Schon möglich, aber während Andi so dalag, war sie nicht mehr erregt, sondern nur noch verängstigt. Storys aus den Nachrichten kamen ihr in den Sinn, Storys über Leichen, die man in Straßengräben, auf Waldlichtungen oder am Grund von ausgetrockneten Brunnen gefunden hatte. Frauen und Mädchen. Fast immer waren es die von Frauen und Mädchen. Angst machte ihr nicht Rose – jedenfalls nicht richtig –, und es waren noch andere Frauen da, aber da waren auch Männer.

Rose kniete sich neben sie. Das grelle Scheinwerferlicht hätte ihr Gesicht eigentlich in eine raue, hässliche Landschaft aus Schwarz und Weiß verwandeln sollen, jedoch das Gegenteil war der Fall: Es machte sie nur noch schöner. Wieder strich sie Andi zärtlich über die Wange. »Keine Angst«, sagte sie. »Keine Angst.«

Sie wandte sich an eine der anderen Frauen, ein bleiches, hübsches und vor allem stilles Wesen, das sie Silent Sarey genannt hatte, und nickte. Sarey erwiderte das Nicken und stieg in Rose’ monströses Wohnmobil. Die anderen bildeten inzwischen einen Kreis rund um die Gartenliege. Das gefiel Andi nicht. Das hatte was von einerOpferung.

»Keine Angst. Bald wirst du eine von uns sein, Andi. Eine, die zu uns gehört.«

Es sei denn,dachte Rose,du kreist aus. In diesem Fall verbrennen wir einfach deine Kleider in dem Müllofen hinter den Toiletten und ziehen morgen weiter. Wer nicht wagt, der nicht gewinnt.

Allerdings hoffte sie, dass es nicht so kam. Sie mochte Andi, und jemand mit einem Schläfertalent zu haben war eindeutig von Nutzen.

Sarey kam mit einem Behälter aus Stahl zurück, der wie eine dieser Trinkflaschen aus Aluminium aussah. Sie gab ihn Rose, die die rote Kappe abnahm. Zum Vorschein kamen eine Düse und ein Ventil. Das Ding erinnerte Andi irgendwie auch an eine Dose Insektenspray ohne Etikett. Sie dachte daran, aufzuspringen und wegzurennen, doch dann fiel ihr das Kino wieder ein. Die Hände, die ihr in den Kopf gegriffen und sie festgehalten hatten.

»Grampa Flick?«, sagte Rose. »Leitest du uns an?«

»Aber gern.« Das war der Alte aus dem Kino. Inzwischen trug er schlabberige, rosa Bermudashorts, weiße Socken, die an seinen dürren Schienbeinen bis zu den Knien hinaufreichten, und Jesuslatschen. Andi fand, dass er aussah wie der Großvater aus denWaltonsnach zwei Jahren im Konzentrationslager. Er hob die Hände, und die anderen taten es ihm nach. So miteinander verbunden, wurden ihre Silhouetten im Licht der sich kreuzenden Scheinwerfer zu einer Kette aus bizarren Papierpuppen.

»Wir sind der Wahre Knoten«, sagte er. Die aus der eingesunkenen Brust kommende Stimme zitterte nicht mehr; sie war die tiefe, tönende Stimme eines wesentlich jüngeren und kräftigeren Mannes.

»Wir sind der Wahre Knoten«,erwiderten die anderen.»Was gebunden ist, darf nie gelöst werden.«

»Hier ist eine Frau«, sagte Grampa Flick.»Will sie sich uns anschließen? Will sie ihr Leben an unser Leben binden und eins mit uns sein?«

»Sag ja«, sagte Rose.

»J-ja«, brachte Andi heraus. Ihr Herz schlug nicht mehr nur, es vibrierte wie ein gespannter Draht.

Rose drehte an dem Ventil ihres Behälters. Man hörte ein leises, klagendes Seufzen, dann entwich eine kleine Wolke aus silbernem Dunst. Statt sich im sanften Abendwind aufzulösen, schwebte sie direkt über dem Behälter, bis Rose sich vorbeugte, ihre faszinierenden Korallenlippen spitzte und behutsam blies. Die Dunstwolke, die ein wenig wie eine Sprechblase ohne Worte aussah, setzte sich in Bewegung, bis sie über Andis nach oben gewandtem Gesicht und deren weit aufgerissenen Augen stehen blieb.

»Wir sind der Wahre Knoten, und wir dauern fort«, verkündete Grampa Flick.

»Sabbatha hanti«,erwiderten die anderen.