Verlag: Heyne Kategorie: Abenteuer, Thriller, Horror Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2014

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E-Book-Beschreibung Mr. Mercedes - Stephen King

Schneller, gefährlicher, tödlicher – Mr. MercedesEin Mercedes S 600 – »zwei Tonnen deutsche Ingenieurskunst« – rast in eine Menschenmenge. Es gibt viele Todesopfer, der Fahrer entkommt. Der Wagen wird später gefunden. Auf dem Beifahrersitz liegt eine Clownsmaske, das Lenkrad ziert ein grinsender Smiley. Monate später meldet sich der Massenmörder und droht ein Inferno mit Tausenden Opfern an. Stephen King, der Meister des Schreckens, verschafft uns in Mr. Mercedes beunruhigende Einblicke in den Geist eines besessenen Mörders bar jeglichen Gewissens.Eine wirtschaftlich geplagte Großstadt im Mittleren Westen der USA. In den frühen Morgenstunden haben sich auf dem Parkplatz vor der Stadthalle Hunderte verzweifelte Arbeitsuchende eingefunden. Jeder will der Erste sein, wenn die Jobbörse ihre Tore öffnet. Im Morgendunst blendet ein Autofahrer auf. Ohne Vorwarnung pflügt er mit einem gestohlenen Mercedes durch die wartende Menge, setzt zurück und nimmt erneut Anlauf. Es gibt viele Tote und Verletzte. Der Mörder entkommt. Noch Monate später quält den inzwischen pensionierten Detective Bill Hodges, dass er den Fall des Mercedes-Killers nicht aufklären konnte. Auf einmal bekommt er Post von jemand, der sich selbst der Tat bezichtigt und ein noch diabolischeres Verbrechen ankündigt. Hodges erwacht aus seiner Rentnerlethargie. Im Verein mit ein paar merkwürdigen Verbündeten setzt er alles daran, den geisteskranken Killer zu stoppen. Aber der ist seinen Verfolgern immer einen Schritt voraus.

Meinungen über das E-Book Mr. Mercedes - Stephen King

E-Book-Leseprobe Mr. Mercedes - Stephen King

STEPHEN KING

MR. MERCEDES

ROMAN

Aus dem Amerikanischen von Bernhard Kleinschmidt

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen. Der Verlag weist ausdrücklich darauf hin, dass im Text enthaltene externe Links vom Verlag nur bis zum Zeitpunkt der Buchveröffentlichung eingesehen werden konnten. Auf spätere Veränderungen hat der Verlag keinerlei Einfluss. Eine Haftung des Verlags ist daher ausgeschlossen. Die Originalausgabe erschien unter dem Titel

MR. MERCEDES

bei Scribner, New York

»Kisses on the Midway«(Stephen King/Shooter Jennings),

mit freundlicher Genehmigung von Bad Nineteen Music © 2012

Copyright © 2014 by Stephen King

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe by

Wilhelm Heyne Verlag, München

in der Verlagsgruppe Random House GmbH,Neumarkter Str. 28, 81673 München.  

Redaktion: Lothar Strüh

Covergestaltung: Hauptmann und Kompanie Werbeagentur, Zürich

Herstellung: Helga Schörnig

Artwork: Copyright © by Sam Weber

Satz: Schaber Datentechnik, Wels

ISBN 978-3-641-14293-3V005

In Erinnerung an James M. Cain

»Gegen Mittag warfen sie mich vom Heuwagen …«

Ein grauer Mercedes

9.–10. April 2009

Augie Odenkirk besaß einen Datsun Baujahr 1997, der noch ziemlich gut lief, obwohl er allerhand Meilen auf dem Buckel hatte, aber Benzin war teuer, vor allem wenn man keinen Job hatte, und das City Center stand am anderen Ende der Stadt, weshalb er beschloss, den letzten Bus des Abends zu nehmen. Um zwanzig nach elf stieg er aus, seinen Rucksack auf dem Rücken und den zusammengerollten Schlafsack unter dem Arm. Wenn es auf drei Uhr morgens zuging, würde er für das mit Daunen gefüllte Teil sicher dankbar sein. Die Nacht war neblig und kühl.

»Viel Glück, Mann«, sagte der Fahrer, als Augie auf die Straße trat. »Eigentlich solltest du schon dafür was kriegen, dass du als Erster kommst.«

Bloß war das gar nicht der Fall. Als er am oberen Ende der breiten, steilen Rampe angelangt war, die zu dem großen Veranstaltungssaal führte, sah er vor der Türreihe bereits eine Schar von Leuten warten, mindestens zwei Dutzend. Manche standen da, die meisten hockten auf dem Boden. Man hatte Ständer aufgestellt und so mit gelbem Absperrband verbunden, dass sie einen Korridor mit labyrinthartigen Kehrtwendungen bildeten. Augie kannte so etwas aus Kinos und aus der Bank, bei der er derzeit sein Konto überzogen hatte, und begriff den Zweck: möglichst viele Leute auf möglichst kleinem Raum unterzubringen.

Als er sich dem Ende dessen näherte, was sich bald zu einer langen Schlange von Jobsuchenden entwickeln sollte, stellte er ebenso erstaunt wie verärgert fest, dass die Frau vor ihm eine Bauchtrage mit einem schlafenden Baby umgeschnallt hatte. Die Wangen des Babys waren von der Kälte gerötet; ein leises Rasseln begleitete jedes Ausatmen.

Die Frau hörte, wie Augie sich ein wenig außer Puste von hinten näherte, und drehte sich um. Sie war jung und ziemlich hübsch, obwohl sie dunkle Ringe unter den Augen hatte. Vor ihren Füßen stand eine Henkeltasche mit Steppbezug. Wahrscheinlich enthielt sie Sachen für das Baby.

»Hi«, sagte sie.»Willkommen im Club der frühen Vögel.«

»Hoffentlich fangen wir einen Wurm.« Er rang mit sich, dachteWas soll’sund streckte ihr die Hand hin. »August Odenkirk. Augie. Man hat mich neulich downgesizt. So heißt das im 21. Jahrhundert, wenn man gefeuert wird.«

Sie schüttelte ihm die Hand. Ihr Händedruck war gut, fest und kein bisschen schüchtern. »Ich bin Janice Cray, und die kleine Süße da heißt Patti. Mich hat man wohl auch downgesizt. Ich war Haushälterin bei einer netten Familie in Sugar Heights. Der Mann … äh … ist Autohausbesitzer.«

Augie zuckte zusammen.

Janice nickte.»Tja. Er hat gesagt, es tut ihm leid, dass sie mich gehen lassen müssen, aber sie müssten den Gürtel enger schnallen.«

»Das hört man jetzt oft«, sagte Augie und dachte:Hast du tatsächlich niemand zum Babysitten gefunden? Absolut niemand?

»Ich musste sie mitnehmen.« Wahrscheinlich musste Janice Cray nicht mal besonders gut Gedanken lesen können, um zu wissen, was er dachte. »Ich hab sonst niemand. Buchstäblich niemand. Da gibt’s zwar ein Mädchen aus der Nachbarschaft, aber die dürfte nicht die ganze Nacht bleiben, selbst wenn ich sie bezahlen könnte, und das kann ich sowieso nicht. Wenn ich keinen Job bekomme, weiß ich auch nicht, was wir tun.«

»Können Ihre Eltern nicht auf die Kleine aufpassen?«, fragte Augie.

»Die wohnen in Vermont. Wenn ich ein bisschen Grips hätte, würde ich mit Patti hinfahren. Es ist hübsch dort, bloß haben die beiden ihre eigenen Probleme. Dad sagt, ihr Haus wär Land unter. Aber nicht wirklich, sie sind nämlich nicht vom Fluss oder so überschwemmt worden, es hat eher mit den Finanzen zu tun.«

Augie nickte. Auch das hörte man jetzt oft.

Einige Autos kamen die steile Rampe hochgefahren, die von der Marlborough Street, wo Augie aus dem Bus gestiegen war, heraufführte. Sie bogen nach links auf die riesige, leere Fläche des Parkplatzes ab, der bei Tagesanbruch zweifellos voll sein würde … Stunden bevor die erste jährliche Jobbörse der Stadt ihre Tore öffnete. Keiner der Wagen sah neu aus. Sie parkten, und aus den meisten stiegen drei oder vier Arbeitsuchende und marschierten auf die Türen des Saals zu. Nun stand Augie nicht mehr am Ende der Schlange. Sie hatte schon fast die erste Biegung erreicht.

»Wenn ich einen Job bekomme, kann ich einen Babysitter bezahlen«, fuhr Janice fort. »Aber heute Nacht müssen ich und Patti einfach durchhalten.«

Das Baby gab ein bellendes Husten von sich, das Augie gar nicht passte. Es regte sich in seiner Trage und beruhigte sich dann wieder. Wenigstens war es gut eingepackt; es hatte sogar winzige Fäustlinge an den Händen.

Kinder überstehen noch viel Schlimmeres,sagte Augie sich mit einem unbehaglichen Gefühl. Er dachte an die Staubstürme im Mittleren Westen zur Zeit der Weltwirtschaftskrise. Na, die jetzige Krise reichte ihm völlig. Vor zwei Jahren war alles in bester Ordnung gewesen. Er hatte zwar nicht gerade auf großem Fuß gelebt, aber er war gut über die Runden gekommen und hatte am Monatsende meistens noch etwas übrig gehabt. Inzwischen war alles den Bach runtergegangen. Irgendwas war mit dem Geld passiert. Was, kapierte er nicht; er hatte einen Schreibtischjob in der Versandabteilung von Great Lakes Transport gehabt, und womit er sich auskannte, waren Rechnungen und das Computerprogramm, mit dem man Waren per Schiff, Eisenbahn und Flugzeug durch die Gegend schickte.

»Wenn man mich mit dem Baby sieht, hält man mich bestimmt für unverantwortlich«, sagte Janice Cray bedrückt. »Das weiß ich, hab ich schließlich schon auf den Gesichtern hier gesehen. Auf Ihrem auch. Aber was soll ich sonst tun? Selbst wenn das Mädchen aus der Nachbarschaft die ganze Nacht aufbleiben dürfte, hätte das vierundachtzig Dollar gekostet.Vierundachtzig!Ich hab die Miete für nächsten Monat beiseitegelegt, und abgesehen davon bin ich pleite.« Sie lächelte, und im Licht der hohen Natriumdampflampen des Parkplatzes sah Augie Tränen auf ihren Wimpern.»Was plappere ich da bloß vor mich hin!«

»Sie brauchen sich nicht zu entschuldigen, falls Sie das tun wollten.« Inzwischen war die Schlange um die erste Ecke gebogen und dort angekommen, wo Augie stand. Die Frau hatte recht. Er sah allerhand Leute auf das schlafende Kind in der Trage starren.

»Ach, ist schon in Ordnung. Ich bin eine alleinstehende Mutter ohne Job. Da will ich mich bei jedem und für alles entschuldigen.« Sie drehte sich um und warf einen Blick auf das über der Türreihe angebrachte Transparent.GARANTIERT 1000JOBS!stand dort. Und darunter:»Wir halten zu den Bürgern unserer Stadt!«BÜRGERMEISTER RALPH KINSLER.

»Manchmal will ich mich für das Massaker in Columbine entschuldigen, für Nine-Eleven und dafür, dass Barry Bonds gedopt hat.« Sie stieß ein leicht hysterisches Kichern aus. »Sogar dafür, dass mal ein Spaceshuttle explodiert ist, will ich mich manchmal entschuldigen, und als das passiert ist, hab ich gerade laufen gelernt.«

»Machen Sie sich keine Sorgen«, sagte Augie zu ihr. »Es wird schon werden.« Das war einer der Sprüche, die man so von sich gab.

»Wenn es bloß nicht so feucht wäre! Ich hab sie gut eingepackt, falls es richtig kalt wird, aber diese Feuchtigkeit …« Sie schüttelte den Kopf. »Aber wir schaffen es, oder, Patti?« Sie schenkte Augie ein kleines Lächeln, aus dem wenig Zuversicht sprach. »Hoffentlich regnet es wenigstens nicht.«

Das tat es tatsächlich nicht, aber die Feuchtigkeit nahm zu, bis im Licht der Natriumdampflampen feine Tröpfchen sichtbar wurden. Irgendwann wurde Augie klar, dass Janice Cray im Stehen schlief. Ihre Hüften standen schief, die Schultern waren eingefallen, die Haare hingen ihr in feuchten Strähnen ins Gesicht, und ihr Kinn war fast bis aufs Brustbein gesunken. Er warf einen Blick auf seine Armbanduhr und sah, dass es Viertel vor drei war.

Zehn Minuten später wachte die kleine Patti Cray auf und fing zu weinen an. Ihre Mutter – unwillkürlich kam Augie der Ausdruckmit Kind sitzengelassenin den Sinn – zuckte zusammen, gab ein pferdeähnliches Schnauben von sich, hob den Kopf und versuchte, den Säugling aus der Trage zu ziehen. Zuerst klappte das nicht; die Beine der Kleinen hingen fest. Augie half, indem er die Seiten der Trage festhielt. Als Patti, inzwischen heulend, herausglitt, sah er auf ihrer winzigen, rosa Jacke und dem farblich passenden Mützchen überall Wassertropfen glitzern.

»Sie hat Hunger«, sagte Janice. »Ich kann ihr die Brust geben, aber sie hat auch eine nasse Windel. Das spür ich durch das Höschen. Du lieber Himmel, hier kann ich sie doch nicht wickeln – sehen Sie mal, wie neblig es geworden ist!«

Augie fragte sich, welche komisch veranlagte Gottheit wohl dafür gesorgt hatte, dass er in der Schlange hinter ihr stand. Außerdem fragte er sich, wie zum Teufel diese Frau wohl ihr restliches Leben überstehen würde – dasganzeLeben, nicht nur die nächsten achtzehn Jahre, in denen sie für ihr Kind verantwortlich war. In einer Nacht wie dieser hierherzukommen mit nichts als einer Tasche voller Windeln! Wie konnte man nur derart verzweifelt sein!

Er hatte seinen Schlafsack neben Pattis Windeltasche gelegt. Nun hockte er sich hin, löste die Bänder, rollte den Schlafsack auseinander und zog den Reißverschluss auf. »Leg dich da rein«, sagte er unter Verzicht auf weitere Höflichkeitsfloskeln.»Wärm dich und sie erst mal auf. Dann gebe ich dir alles aus der Tasche, was du brauchst.«

Sie blickte ihn an, das zappelnde, weinende Baby in den Händen. »Bist du verheiratet, Augie?«

»Geschieden.«

»Kinder?«

Er schüttelte den Kopf.

»Wieso bist du so nett zu uns?«

»Weil wir gemeinsam hier sind«, sagte er und zuckte die Achseln.

Sie betrachtete ihn noch einen Moment, fasste offenbar einen Entschluss und reichte ihm das Baby. Fasziniert von dem roten, wütenden Gesicht, dem Rotzbröckchen auf dem winzigen Stupsnäschenund den zappelnden Beinchen im Flanellstrampler, hielt Augie die Kleine auf Armeslänge in der Luft. Janice kroch in den Schlafsack und streckte ihm die Hände entgegen. »Gib sie mir, bitte.«

Augie gehorchte, und die Frau vergrub sich tiefer in den Schlafsack. Neben ihnen, wo die Schlange die erste Schlaufe in Gegenrichtung bildete, standen zwei junge Männer und starrten herüber.

»Kümmert euch um euren eigenen Kram, Leute«, sagte Augie, worauf die beiden den Blick abwandten.

»Gibst du mir bitte eine Windel?«, sagte Janice. »Ich muss sie wickeln, bevor ich ihr die Brust gebe.«

Er ließ sich auf dem nassen Pflaster auf ein Knie nieder und zog den Reißverschluss der Stepptasche auf. Im ersten Augenblick war er überrascht, Stoffwindeln statt Pampers vorzufinden, dann begriff er. Solche Windeln konnte man längerfristig verwenden. Vielleicht war die Frau doch nicht ganz ohne Zuversicht auf die Zukunft.

»Was ist mit der Flasche Babylotion da drin?«, fragte er. »Brauchst du die auch?«

Aus dem Innern des Schlafsacks, in dem nur noch ein brauner Haarschopf sichtbar war, hörte er: »Ja, bitte.«

Er reichte eine Windel und die Lotion hinein. Der Schlafsack begann sich zu wölben und zu bewegen. Zuerst wurde das Weinen lauter. Irgendwo in der Schlange, ein Stück weit entfernt, sagte jemand im immer dichter werdenden Nebel: »Könnt ihr dem Balg nicht das Maul stopfen?« Eine zweite Stimme fügte hinzu: »Eigentlich sollte man das Jugendamt informieren.«

Augie stand da und beobachtete den Schlafsack. Endlich hörte der auf sich zu bewegen, und eine Hand kam zum Vorschein. Sie hielt eine Windel. »Steckst du die bitte in die Tasche? Da ist ein Plastikbeutel für die schmutzigen drin.« Wie ein Maulwurf in seinem Loch spähte sie zu ihm hoch. »Keine Angst, die ist bloß nass, da ist kein Kacka drin.«

Er nahm die Windel, steckte sie in den Plastikbeutel, auf dessen SeiteCOSTCOstand, und zog dann den Reißverschluss der Windeltasche zu. Das Weinen im Innern des Schlafsacks ging noch etwa eine Minute weiter, bis es abrupt verstummte, weil Patti auf dem Parkplatz des City Centers zu nuckeln begann. Über der Reihe von Türen, die sich erst in sechs Stunden öffnen würden, gab das Banner ein einzelnes, lustloses Flattern von sich.GARANTIERT 1000 JOBS!

Klar,dachte Augie.Schließlich kriegt man auch kein Aids, wenn man ordentlich Vitamin C schluckt.

Zwanzig Minuten vergingen. Weitere Autos kamen die Rampe von der Marlborough Street heraufgefahren. Die Schlange wuchs beständig an. Augie schätzte, dass jetzt bereits vierhundert Leute warteten. In diesem Tempo würden es um neun, wenn die Türen aufgingen, zweitausend sein, und das war eine vorsichtige Schätzung.

Wenn mir jemand eine Stelle als Grillkoch bei McDonald’s anbietet, nehme ich die dann an?

Wahrscheinlich.

Und einen Job als Grüßaugust bei Walmart?

Aber selbstverständlich! Ein strahlendes Lächeln und einWie geht es Ihnen heute.Augie war überzeugt, so einen Job mit links erledigen zu können.

Schließlich kann ich gut mit Menschen,dachte er. Und lachte.

Aus dem Schlafsack:»Was ist so lustig?«

»Nichts«, sagte er. »Kuschel schön mit der Kleinen.«

»Mach ich.« In ihrer Stimme war ein Lächeln.

Um halb vier kniete er sich hin, hob die Klappe des Schlafsacks an und spähte hinein. Da lag Janice Cray zusammengerollt und schlief tief und fest, das Baby an der Brust. Der Anblick erinnerte ihn anDie Früchte des Zorns. Wie hieß noch mal das Mädchen in dem Buch, das dem Mann die Brust gegeben hatte? Ein Blumenname, dachte er. Lily? Nein. Pansy? Bestimmt nicht. Am liebsten hätte er die Hände trichterförmig um den Mund gelegt und den Leuten ringsum die Frage zugebrüllt:HAT EINER VON EUCH VIELLEICHTDIE FRÜCHTE DES ZORNSGELESEN?

Während er sich wieder aufrichtete (und über seinen absurden Einfall grinste), fiel ihm der Name ein. Rose. So hieß das Mädchen in denFrüchten des Zorns. Aber nicht einfach nur Rose, sondern RosevonSharon. Das hörte sich biblisch an, auch wenn er sich da nicht ganz sicher war; er war nie ein großer Bibelleser gewesen.

Er blickte auf den Schlafsack hinab, in dem er die frühen Morgenstunden hatte verbringen wollen, und dachte an Janice Crays Bemerkung, dass sie sich für Columbine, Nine-Eleven und Barry Bonds entschuldigen wollte. Wahrscheinlich würde sie sich auch die Schuld an der Erderwärmung geben. Wenn das hier vorbei war und sie beide einen Job ergattert hatten – oder nicht, was wohl genauso wahrscheinlich war –, dann würde er sie vielleicht zum Frühstück einladen. Nicht wie bei einem Date, absolut nicht, bloß Rührei und Schinken. Anschließend würden sie sich nie wiedersehen.

Es trafen weiter Leute ein. Die Schlange näherte sich bereits dem Ende des Labyrinths aus Pfosten und dem wichtigtuerischen gelben Band. Als sie es erreicht hatte, erstreckte sie sich weiter auf den Parkplatz. Was Augie überraschte – und ihn beunruhigte –, war, wiestillalle waren. Als wüssten sie, dass diese Unternehmung ein Fehlschlag war, und als ob sie nur auf die offizielle Bestätigung warteten.

Das Banner gab wieder ein träges Flattern von sich.

Der Nebel wurde immer dichter.

Kurz vor fünf Uhr morgens erwachte Augie aus seinem halben Dämmerschlaf, trampelte mit den Füßen, um sie in Gang zu bringen, und merkte, dass ein unangenehm eisernes Licht in die Luft gekrochen war. Von der rosenfingrigen Morgenröte der Poesie und alter Technicolor-Filme war es so weit entfernt wie irgend möglich; dies war eine Anti-Dämmerung, feucht und so bleich wie die Wange einer einen Tag alten Leiche.

Er sah, wie der Veranstaltungssaal des City Centers langsam in all seinem schäbigen Siebzigerjahreprotz zum Vorschein kam. Außerdem sah er die Schlange der Wartenden, die etwa zwei Dutzend Windungen machte, um dann im Nebel zu verschwinden. Inzwischen waren einige Gespräche im Gange, und als ein Hausmeister in grauer Arbeitsuniform durch die Eingangshalle auf der anderen Seite der Türen ging, erhob sich ein leiser, ironischer Jubel.

»Leben auf fernen Planeten entdeckt!«, rief einer der jungen Männer, die Janice Cray angestarrt hatten – es war Keith Frias, dem bald der linke Arm vom Körper gerissen werden würde.

Der Spruch wurde mit leichtem Gelächter quittiert, und man wechselte ein paar Worte. Die Nacht war vorüber. Das trübe Licht war zwar nicht besonders ermutigend, aber doch minimal besser als die langen, dunklen Stunden, die gerade vergangen waren.

Augie kniete sich wieder neben seinen Schlafsack und spitzte die Ohren. Das leise, regelmäßige Schnarchen, das er hörte, brachte ihn zum Lächeln. Vielleicht waren seine Sorgen grundlos gewesen. Es gab wohl Leute, die auf die Güte von Fremden angewiesen waren, während sie durchs Leben gingen. Eventuell ging es ihnen sogar ganz gut dabei. Die junge Frau, die gerade mit ihrem Baby in seinem Schlafsack döste, mochte dazugehören.

Er kam auf die Idee, dass er und Janice Cray sich an den verschiedenen Bewerbungstischen als Paar ausgeben könnten. So würde die Anwesenheit des Babys vielleicht nicht als Verantwortungslosigkeit ausgelegt, sondern als gemeinsames Engagement. Sicher war er sich da zwar nicht, weil die menschliche Natur ihm ziemlich geheimnisvoll vorkam, aber für möglich hielt er es durchaus. Er beschloss, Janice von der Idee zu erzählen, wenn sie aufwachte. Mal sehen, was sie darüber dachte. Als Ehepaar konnten sie zwar nicht auftreten – Janice trug keinen Ehering, und er hatte seinen vor drei Jahren endgültig abgelegt –, aber sie konnten behaupten, sie seien … wie sagte man heutzutage? Partner.

In Abständen, die so regelmäßig waren wie das Ticken einer Uhr, kamen weitere Autos die steile Rampe von der Marlborough Street hochgefahren. Bald würden auch Fußgänger kommen, die den ersten Morgenbus genommen hatten. Augie war sich ziemlich sicher, dass die ab sechs wieder fuhren. Weil der Nebel so dicht war, bestanden die ankommenden Fahrzeuge nur aus Scheinwerfern und Windschutzscheiben, hinter denen undeutliche Schatten lauerten. Manche der Fahrer drehten beim Anblick der riesigen Menge gleich wieder entmutigt ab, aber die meisten fuhren weiter zu den wenigen verbliebenen Parkplätzen. Ihre Rücklichter verschwanden im Nebel.

Da bemerkte Augie den Umriss eines Wagens, der weder umdrehte noch zum Ende des Parkplatzes weiterfuhr. Seine ungewöhnlich hellen Scheinwerfer wurden von gelben Nebelleuchten flankiert.HID-Lampen,dachte Augie.Das ist ein Mercedes-Benz. Was macht ein Benz bei einer Jobbörse?

Wahrscheinlich war es Bürgermeister Kinsler, der vor dem Club der frühen Vögel eine Rede halten wollte. Um allen zu ihrer Entschlossenheit zu gratulieren, zu ihrer guten alten amerikanischen Haltung, in die Hände zu spucken und sich ans Werk zu machen. Dass er in seinem Mercedes kam – selbst wenn es nicht das neueste Modell war –, fand Augie ziemlich geschmacklos.

Ein älterer Kerl, der vor Augie in der Schlange stand (Wayne Welland, nun in den letzten Momenten seiner irdischen Existenz), sagte: »Ist das ein Benz? Sieht ganz wie einer aus.«

Augie wollte schon sagen, klar, natürlich, die Scheinwerfer eines Mercedes seien unverwechselbar, aber da drückte der Fahrer des Wagens direkt hinter dem Schatten auf die Hupe – ein langes, ungeduldiges Tröten. Die Scheinwerfer bohrten grelle, weiße Kegel durch die in der Luft schwebenden Nebeltröpfchen, während der Mercedes vorwärtsschoss, als hätte ihm das Hupen ins Heck getreten.

»He!«, sagte Wayne Welland überrascht. Es war sein letztes Wort.

Mit immer größerer Beschleunigung raste der Wagen direkt auf die Stelle zu, an der die Arbeitsuchenden am dichtesten gedrängt standen, zusammengepfercht von dem gelben Kunststoffband. Einige versuchten wegzurennen, aber nur die am hinteren Ende der Menge kamen davon. Alle, die näher an den Türen standen – die wahren frühen Vögel –, hatten keine Chance. Sie taumelten an die Pfosten und stießen sie um, sie verfingen sich in dem gelben Band, sie prallten gegeneinander. Die Menge schwankte wellenförmig hin und her. Wer älter und kleiner war, stürzte zu Boden und wurde niedergetrampelt.

Augie wurde brutal nach links gestoßen, stolperte, fing sich und wurde nach vorn gedrückt. Ein fliegender Ellbogen traf seinen Wangenknochen direkt unter dem rechten Auge, das sich im Nu mit glitzernden Funken füllte. Mit dem anderen Auge sah er, dass der Mercedes nicht einfach aus dem Nebel auftauchte – er schien sich daraus zuerschaffen. Eine große, graue Limousine, vielleicht einS 600mit zwölf Zylindern, und jetzt jaulten alle zwölf auf Hochtouren.

Direkt neben dem Schlafsack wurde Augie auf die Knie gedrückt, und während er versuchte, wieder auf die Beine zu kommen, steckte er mehrere Tritte ein: am Arm, an der Schulter, am Hals. Die Leute schrien. Er hörte eine Frau kreischen:»Passt auf, passt auf, er hält nicht an!«

Er sah, wie Janice Cray den Kopf aus dem Schlafsack steckte und vor Verwirrung blinzelte. Wieder erinnerte sie ihn an einen Maulwurf, der scheu aus seinem Loch lugte. Eine Maulwurfsdame mit vom Schlaf verstrubbeltem Kopf.

Auf Händen und Knien kroch Augie vorwärts und legte sich auf den Schlafsack mit der Frau und dem Baby, als hätte er sie dadurch erfolgreich vor einem zwei Tonnen schweren Stück deutscher Ingenieurskunst beschützen können. Er hörte Menschen schreien, deren Stimmen fast von dem immer näher kommenden Motorengebrüll der großen, grauen Limousine übertönt wurden. Jemand verpasste ihm einen furchtbaren Schlag auf den Hinterkopf, was er jedoch kaum spürte.

Er hatte Zeit zu denken:Ich wollte Rose von Sharon zum Frühstück einladen.

Er hatte Zeit zu denken:Vielleicht lenkt er zur Seite.

Das schien die beste Chance der drei zu sein, wahrscheinlich ihre einzige Chance. Er hob den Kopf, um zu sehen, ob das tatsächlich geschah, und da verschlang ein riesiger, schwarzer Reifen seine Sicht. Augie spürte, wie eine Frauenhand sich in seinen Unterarm krallte. Er hatte genügend Zeit zu hoffen, dass das Baby noch schlief. Dann lief die Zeit ab.

Im Ruhestand

1

Hodges kommt mit einer Dose Bier aus der Küche, pflanzt sich auf den Fernsehsessel und stellt die Dose auf das Tischchen zu seiner Linken neben die Waffe. Es ist ein .38er Revolver Marke Smith & Wesson, AusführungM&P. Letzteres steht für Militär und Polizei. Gedankenverloren tätschelt er ihn wie einen alten Hund, dann greift er nach der Fernbedienung und schaltet Channel Seven ein. Er ist ein wenig spät dran, und das Studiopublikum applaudiert bereits.

Er denkt an eine Mode, die während der späten Achtziger in der Stadt geherrscht hat, kurz und beklagenswert. Man könnte auch sagen, die Stadt war davon infiziert, denn es war wie ein flüchtiger Fieberschub. Einen Sommer lang haben die drei Lokalzeitungen Leitartikel darüber geschrieben. Jetzt sind zwei dieser Zeitungen hinüber, und die dritte hängt am seidenen Faden.

In einem schicken Anzug schreitet der Moderator auf die Bühne und winkt dem Publikum zu. Seit Hodges den Polizeidienst quittiert hat, sieht er sich diese Show fast an jedem Werktag an, und er denkt, der Mann da ist eigentlich zu helle für diesen Job, der ein wenig so ist, wie ohne Neoprenanzug in einer Kloake auf Tauchgang zu gehen. Er hält den Moderator für den Typ Mann, der manchmal Selbstmord begeht, und nachher behaupten alle seine Freunde und Verwandten, sie hätten nie die leiseste Ahnung gehabt, dass etwas nicht stimme; sie reden davon, wie vergnügt er gewesen sei, als sie ihn das letzte Mal gesehen hätten.

Bei diesem Gedanken klopft Hodges wieder unwillkürlich auf den Revolver. Es ist das Modell Victory, alt, aber gut. Als er noch im Dienst war, trug er eine Glock .40. Die hatte er von seinem eigenen Geld gekauft – von den Polizeibeamten dieser Stadt wird erwartet, dass sie ihre Dienstwaffe selbst kaufen –, und jetzt liegt sie in dem Safe in seinem Schlafzimmer. Sicher ist sicher. Nach der Abschiedsfeier hat er sie entladen und dort reingelegt, und seither hat er keinen Blick mehr darauf geworfen. Kein Interesse. Den .38er mag er allerdings. Er ist ihm sentimental verbunden, aber es ist mehr als das. Ein Revolver hat nie Ladehemmung.

Da kommt der erste Gast, eine junge Frau in einem kurzen, blauen Kleid. Ihr Gesicht ist relativ nichtssagend, aber sie ist fantastisch gebaut. Irgendwo unter diesem Kleid, da ist sich Hodges sicher, ist eins von diesen Tattoos verborgen, die man heutzutage als Arschgeweih oder Schlampenstempel bezeichnet. Vielleicht auch zwei oder drei. Die Männer im Publikum pfeifen und trampeln mit den Füßen. Die Frauen im Publikum applaudieren dezenter. Manche verdrehen die Augen. Bei dieser Art von Frau erwischt man seinen Gatten nicht gern dabei, wie er sie anstarrt.

Die Frau ist von Anfang an stinksauer. Sie berichtet dem Moderator, dass ihr Freund ein Baby mit einer anderen Frau hat und die beiden jetzt ständig besucht. Sie liebt ihn immer noch, sagt sie, aber sie hasst diese …

Die nächsten zwei Wörter werden ausgepiept, aber von den Lippen liest Hodgesverfickte Schlampeab. Das Publikum klatscht wie besessen. Hodges nimmt einen Schluck Bier. Er weiß, was als Nächstes passiert. Diese Show ist so voraussagbar wie eine Soap am Freitagnachmittag.

Der Moderator lässt die Frau eine Weile weiterplappern, und dann präsentiert er …DIE ANDERE FRAU!Auch die ist fantastisch gebaut und hat meterlanges dichtes, blondes Haar. An einem Bein trägt sie einen Schlampenstempel über dem Knöchel. Sie geht auf die erste Frau zu und sagt: »Ich weiß, wie du dich fühlst, aber ich liebe ihn eben auch.«

Sie will noch mehr von sich geben, aber weiter kommt sie nicht, bevor Nummer eins in Aktion tritt. Irgendjemand, der nicht zu sehen ist, läutet eine Glocke, als wäre das die erste Runde eines Boxkampfes, bei dem es um eine anständige Gage geht. Wahrscheinlich tut es das auch, denkt Hodges, schließlich müssen alle Gäste dieser Show für ihr Erscheinen entschädigt werden; wieso würden sie sonst kommen? Die beiden Frauen fahren die Krallen aus und kloppen sich kurz, bevor die zwei Muskelprotze mit demSECURITY-Aufdruck auf ihrem T-Shirt dazwischengehen.

Anschließend brüllen die Frauen sich eine Weile an – es ist ein ehrlicher Gedankenaustausch (größtenteils ausgepiept), den der Moderator mit mildem Blick betrachtet –, und diesmal ist es Nummer zwei, die den Kampf beginnt. Sie landet einen anständigen Schwinger, bei dem der Kopf von Nummer eins in den Nacken schnalzt. Wieder ertönt die Glocke. Die beiden gehen zu Boden, ihre Kleider rutschen hoch, sie kratzen und boxen und ohrfeigen sich. Das Publikum flippt aus. Die Muskelmänner trennen sie wieder, und dann tritt der Moderator dazwischen. Seine Stimme klingt oberflächlich besänftigend, unterschwellig stachelt sie an. Die beiden Frauen verkünden die Tiefe ihrer Liebe, speien es sich förmlich gegenseitig ins Gesicht. Der Moderator sagt, man solle bitte dranbleiben, und dann preist eine drittklassige Schauspielerin eine Diätpille an.

Hodges nimmt noch einen Schluck Bier und weiß, dass er nicht mal die halbe Dose trinken wird. Irgendwie komisch, denn als er im Dienst war, war er verflucht nahe dran, zum Alkoholiker zu werden. Als das Saufen schließlich seine Ehe zerstört hatte, glaubte er, tatsächlich einer zusein. Also nahm er seine ganze Willenskraft zusammen, um die Trinkerei einzudämmen, und gab sich selbst das Versprechen, so viel zu saufen, wie er verdammt noch mal wollte, sobald er seine vierzig Dienstjahre auf dem Buckel hatte – ein ziemlich erstaunliches Vorhaben, da fünfzig Prozent aller städtischen Polizeibeamten nach fünfundzwanzig Jahren in Pension gehen. Nach dreißig Jahren sind nur noch dreißig Prozent im Dienst. Nur dass ihn der Alkohol jetzt, da er seine vierzig Jahre hinter sich hat, nicht mehr besonders interessiert. Er hat sich ein paarmal gezwungen, sich zu besaufen, bloß um zu sehen, ob er das immer noch schafft, und das tut er auch, aber besoffen zu sein ist auch nicht besser, als nüchtern zu sein. Eigentlich ist es sogar ein wenig schlechter. Merkwürdig.

Die Show kommt wieder auf den Bildschirm. Der Moderator sagt, er habe noch einen Gast in petto, und Hodges weiß, wer das sein wird. Das Publikum weiß es auch. Es jault vor freudiger Erwartung. Hodges greift nach dem Revolver seines Vaters, blickt in den Lauf und legt die Waffe wieder auf die Fernsehzeitschrift.

Der Mann, der der Grund dafür ist, dass Nummer eins und Nummer zwei in einen derart strapaziösen Konflikt geraten sind, kommt von rechts auf die Bühne. Schon bevor er daherstolziert, weiß man, wie er aussehen wird, und klar, so ein Typ ist er auch: ein Tankwart oder ein Regaleinräumer im Kaufhaus oder vielleicht auch der Bursche, der für die (schlechte) professionelle Reinigung deines Wagens zuständig war. Er ist mager und bleich, ein Büschel schwarzer Haare hängt ihm in die Stirn. Er trägt Chinos und eine aberwitzige grün-gelbe Krawatte, die seinen Hals direkt unter dem hervorstehenden Adamsapfel im Würgegriff hält. Unter seinen Hosenbeinen ragen die Spitzen von Wildlederstiefeln hervor. Es war klar, dass die Frauen Tattoos hatten, und jetzt ist klar, dass dieser Mann ein Ding wie ein Hengst hat und dass sein Sperma kraftvoller als eine Lokomotive und schneller als eine Revolverkugel durch die Gegend schießt; wenn eine jungfräuliche Maid sich auf eine Toilette hockt, nachdem der Typ dort gewichst hat, wird sie schwanger werden. Wahrscheinlich mit Zwillingen. Über sein Gesicht breitet sich das überschlaue Grinsen eines coolen Typen aus, der voll locker drauf ist. Traumjob: lebenslange Berufsunfähigkeit. Bald wird die Glocke läuten, und die Frauen werden abermals übereinander herfallen. Später, wenn sie genug von den blöden Kommentaren des Typen haben, werden sie sich ansehen, kurz nicken und ihn gemeinsam attackieren. Diesmal wird das Sicherheitspersonal ein bisschen länger warten, denn diese letzte Schlacht ist das, was das Publikum im Studio und zu Hause wirklich sehen will: wie die Hennen dem Hahn ans Gefieder gehen.

Jene kurze, beklagenswerte Mode in den späten Achtzigern – die Infektion – trug den Namen »Bum Fighting« –Pennerkampf. Irgendein Gossen-Genie hatte die Idee dafür gehabt, und als sich herausstellte, dass man damit Geld verdienen konnte, sprangen drei oder vier weitere Unternehmer auf den fahrenden Zug auf und verfeinerten die Regeln. Man bezahlte zwei Pennern jeweils dreißig Dollar dafür, dass sie sich zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort verprügelten. Der Ort, an den Hodges sich am besten erinnert, war der Hinterhof eines schmierigen, von Filzläusen wimmelnden Stripclubs namens Bam Ba Lam drüben im Osten der Stadt. Sobald das Programm feststand, machte man Werbung (da die allgemeine Internetnutzung damals noch jenseits des Horizonts war, durch Mundpropaganda) und kassierte von den Zuschauern zwanzig Dollar pro Kopf. Bei dem Kampf, den Hodges zusammen mit Pete Huntley gesprengt hat, waren mehr als zweihundert Leute zugegen. Die meisten hatten Wetten miteinander abgeschlossen wie die Irren. Auch Frauen waren dabei, manche im Abendkleid und üppig mit Schmuck behängt, um zuzusehen, wie die beiden hirnlosen Penner übereinander herfielen, wie sie sich verdroschen, sich traten, wie sie auf den Boden stürzten, sich wieder aufrappelten und irgendwelchen Blödsinn brüllten. Die Menge hat gelacht und geklatscht und die Kontrahenten lautstark angefeuert.

So ist diese Fernsehshow auch, nur wird das Ganze von Diätpillen und Versicherungsgesellschaften finanziert, weshalb die Wettkampfteilnehmer (denn das sind sie, auch wenn der Moderator sie ständig als Gäste bezeichnet hat) wahrscheinlich etwas mehr als dreißig Dollar und eine Flasche billigen Fusel bekommen. Außerdem sind keine Cops da, die einschreiten könnten, denn es ist alles so legal wie Lottoscheine.

Wenn der Kampf vorüber ist, wird die Richterin auftreten, eine erbarmungslose Gestalt, umflossen von der ungeduldigen Selbstgerechtigkeit, die ihr Markenzeichen ist. Sie wird die erbärmlichen Bittsteller, die vor sie an den Richtertisch treten, anhören und dabei kaum ihren Zorn über deren Dummheit und Kleinkariertheit unterdrücken können. Als Nächstes kommt der fette Familienpsychologe, der seine Klienten immer zum Weinen bringt (das nennt er »die Mauer des Leugnens durchbrechen«) und sie auffordert zu verschwinden, wenn sie es wagen sollten, seine Methoden zu hinterfragen. Hodges kann sich gut vorstellen, dass der fette Familienpsychologe sich die Methoden durch alteKGB-Ausbildungsvideos angeeignet hat.

Diese Diät ausTV-Scheiße genehmigt Hodges sich an jedem Werktagnachmittag in seinem Fernsehsessel, die Waffe seines Vaters – die dieser als Streifenpolizist getragen hat – auf dem kleinen Tisch neben ihm. Er nimmt sie dabei immer ein paarmal in die Hand und blickt in den Lauf. Inspiziert diese runde Dunkelheit. Bei mehreren Gelegenheiten hat er sie sich zwischen die Lippen geschoben, nur um festzustellen, wie es sich anfühlt, wenn einem ein geladener Revolver auf der Zunge liegt und auf den Gaumen gerichtet ist. Wie er annimmt, um sich daran zu gewöhnen.

Wenn ich mich erfolgreich besaufen könnte, dann könnte ich es aufschieben, denkt er. Ich könnte es mindestens ein Jahrlang aufschieben. Und wenn mir das zwei Jahre gelänge, dann würde dieser Drang womöglich vorübergehen. Vielleicht interessiere ich mich dann für Gärtnerei, Vogelbeobachtung oder womöglich gar fürs Malen. Tim Quigley hat mit Malen angefangen, unten in Florida. In einer Seniorensiedlung mit massenhaft alten Cops. Allem Anschein nach hat es Quigley richtig Spaß gemacht; einige seiner Werke ist er sogar beim Kunstflohmarkt von Venice losgeworden. Bis zu seinem Schlaganfall jedenfalls. Danach verbrachte er acht oder neun Monate im Bett, rechtsseitig vollständig gelähmt. Keine Malerei mehr für Tim Quigley. Und dann ist er gestorben. Klasse.

Die Glocke läutet, und natürlich stürzen die beiden Frauen sich auf den dürren Kerl mit der aberwitzigen Krawatte. Ihre lackierten Fingernägel blitzen, ihre langen Haare fliegen durch die Luft. Hodges greift wieder nach der Waffe, aber er hat sie gerade erst berührt, als er den Deckel des Briefschlitzes an seiner Haustür klappern hört. Mit einem dumpfen Ton landet die Post auf dem Flurboden.

In dieser Zeit, da E-Mail und Facebook regieren, fällt nichts Wichtiges mehr durch den Briefschlitz, aber er steht trotzdem auf. Er wird die Sachen durchsehen und den .38erM&Pseines Vaters für einen anderen Tag aufheben.

2

Als Hodges mit dem kleinen Stapel Post zu seinem Sessel zurückkommt, verabschiedet sich der Kampfshowmoderator gerade und verspricht seinem Publikum im Fernsehland, morgen würden Zwerge auftreten. Ob es sich um die körperliche oder geistige Sorte handelt, erklärt er nicht.

Neben dem Fernsehsessel stehen zwei kleine Plastikbehälter, einer für Pfandflaschen und Dosen, der andere für Abfall. In Letzteren kommt ein Prospekt von Walmart, der einePREISSCHLACHTverspricht, ein anUNSEREN LIEBEN NACHBARNadressiertes Angebot für eine Bestattungsversicherung, die Ankündigung, nur bei Discount Electronix gebe es eine Woche lang fünfzig Prozent Rabatt auf alleDVDs, und eine postkartengroße Bitte um »Ihre wichtige Stimme« von einem Kerl, der sich um einen Sitz im Stadtrat bewirbt. Von ihm ist ein Foto abgebildet, das Hodges an Dr. Oberlin erinnert, den Zahnarzt, der ihm als Kind immer einen Heidenschrecken eingejagt hat. Außerdem ist ein Prospekt vom Supermarkt Albertsons dabei. Den legt Hodges beiseite (wodurch die Waffe seines Vaters vorübergehend bedeckt ist), weil er allerhand Coupons enthält.

Das Letzte scheint ein richtiger Brief zu sein. Er fühlt sich ziemlich dick an und steckt in einem länglichen Umschlag. Adressiert ist er anDet. K. William Hodges (i. R.), Harper Road 63. Die Absenderangabe fehlt. In der oberen linken Ecke, wo sie normalerweise hingehört, ist das zweite Grinsgesicht der heutigen Post. Nur ist es nicht das zwinkernde Rabatt-Smiley von Walmart, sondern ein E-Mail-Emoticon mit Sonnenbrille und gebleckten Zähnen.

Das weckt eine Erinnerung, und zwar keine gute.

Nein, denkt er. Nein.

Dennoch öffnet er den Brief so rasch und heftig, dass der Umschlag zerreißt und vier Blätter herausfallen – nicht mit einer echten Schreibmaschine geschrieben, sondern mit einer Computerschrift, die diesen Anschein vermittelt.

Lieber Detective Hodgessteht ganz oben.

Ohne hinzusehen, streckt er die Hand aus, stößt den Supermarktprospekt vom Tisch, lässt die Finger über den Revolver wandern, ohne ihn zu spüren, und ergreift die Fernbedienung. Er drückt auf die Austaste, womit er die gnadenlose Richterin mitten im Zetern zum Schweigen bringt, und wendet seine Aufmerksamkeit dem Brief zu.

3

Lieber Detective Hodges,

ich hoffe, Sie haben nichts dagegen, wenn ich Ihren Titel verwende, obwohl Sie schon 6 Monate in Rente sind. Ich bin der Meinung, wenn unfähige Richter, korrupte Politiker und dümmliche Generäle ihren Titel im Ruhestand behalten dürfen, sollte dasselbe auch für einen der Meistdekorierten Polizeibeamten in der Geschichte unserer Stadt gelten.

Daher möge es Detective Hodges heißen!

Sir (ein weiterer Titel, den Sie verdienen, denn Sie sind ein wahrer Ritter der Dienstmarke und Waffe), ich schreibe Ihnen aus vielen Gründen, muss jedoch mit einer Gratulation zur Zahl Ihrer Dienstjahre beginnen, 27 als Detective und 40 insgesamt.Ich habe einen Teil der Abschiedsfeier im Fernsehen gesehen (im 2. Programm der Öffentlichen Anstalt, ein leider von vielen übersehener Sender) und weiß zufällig, dass am folgenden Abend im Raintree Inn draußen am Flughafen eine Party stattgefunden hat.

Ich möchte wetten, das war dieechteAbschiedsfeier!

An einer solchen„Sause“habe ich zwar nie teilgenommen, aber im Fernsehen verfolge ich allerhand Kriminalserien, und obgleich viele gewiss ein recht fiktives Bild vom„Schicksal des Polizisten“präsentieren, hat man in mehreren solche Abschiedspartys gezeigt (NYPDBlue,Homicide,The Wireetc., etc.), und ich stelle mir gern vor, das war eineKORREKTEDarstellung dessen, wie die Ritter der Dienstmarke und Waffe einem der Ihren „Lebewohl“ sagen. Ich halte das für möglich, weil ich zudem Schilderungen von „Abschiedspartyszenen“ aus mindestens zwei Büchern von Joseph Wambaugh kenne, und die sind sehr ähnlich. Der sollte Bescheid wissen, weil er – wie Sie – ein „Det. i. R.“ ist.

Ich stelle mir vor, dass Luftballons von der Decke hängen, viel getrunken wird, allerhand schlüpfrige Witze gerissen werden und man ausgiebig in Erinnerungen an die Alten Tage und die alten Fälle schwelgt. Wahrscheinlich hört man viel laute, fröhliche Musik, und möglicherweise sind ein oder zwei Stripperinnen zugegen, die „mit ihren Schwanzfedern wackeln“. Außerdem werden vermutlich Reden gehalten, die wesentlich lustiger und wahrer sind als die bei der „steifen offiziellen Zeremonie“.

Na, wie schlage ich mich?

Nicht schlecht, denkt Hodges. Gar nicht schlecht.

Laut meinen Recherchen haben Sie in Ihrer Zeit als Detective buchstäblich Hunderte von Fällen gelöst, wovon viele von den Journalisten (die Ted Williams als Ritter der Tastatur titulierthat) als „spektakulär“ bezeichnet wurden. Sie haben Mörder undRäuberbanden und Brandstifter und Vergewaltiger geschnappt. In einem der Artikel (der im Zusammenhang mit Ihrer Abschiedsfeier veröffentlicht wurde) hat Ihr langjähriger Partner(Det. 1st Grade Peter Huntley) Sie als „gleichermaßen vorschriftstreu und intuitiv brillant“ bezeichnet.

Ein hübsches Kompliment!

Falls das stimmen sollte, und ich denke, das ist der Fall, so werden Sie inzwischen herausgefunden haben, dass ich einer der wenigen bin, die Sie nicht geschnappt haben. Tatsächlich bin ich der Mann, den die Presse folgendermaßen bezeichnet hat:

a) Der Joker

b) Der Clown

oder

c) Der Mercedes-Killer.

Ich bevorzuge Letzteres!

Gewiss haben Sie „Ihr Bestes gegeben“, aber leider (aus Ihrer, nicht meiner Perspektive) haben Sie versagt. Ich stelle mir vor, falls es je einen „Gesetzesübeltäter“ gab, den Sie fassen wollten, Detective Hodges, so war es der Mann, der letztes Jahr vor dem City Center in die wartende Menge der Jobsuchenden gerast ist, wobei er acht Personen getötet und viele weitere verwundet hat. (Ich muss sagen, damit habe ich meine wildesten Erwartungen übertroffen.) Kam ich Ihnen wohl in den Sinn, als man Ihnen bei der Offiziellen Abschiedsfeier die Plakette überreicht hat? Kam ich Ihnen in den Sinn, als die anderen Ritter der Dienstmarke und Waffe Geschichten über (hier muss ich raten) Kriminelle erzählten, die mit buchstäblich heruntergelassenerHose geschnappt wurden, und über lustige Streiche, die man einander im guten alten Aufenthaltsraum spielt?

Ich möchte wetten, dem war so!

Ich muss Ihnen sagen, wie viel Spaß es mir gemacht hat. (In dieser Hinsicht bin ich ehrlich.) Als ich „das Pedal bis zum Anschlag durchgedrückt“ und den Mercedes der armen Mrs. Olivia Trelawney in jene Menge gelenkt habe, hatte ich den größten „Ständer“ meines Lebens! Ob mein Herz dabei wohl auf 200 Schläge pro Minute kam? „Aber hallo!“

An dieser Stelle ist ein weiterer Mr. Smiley mit Sonnenbrille eingefügt.

Ich werde Ihnen etwas erzählen, was echtes „Insiderwissen“ ist, und wenn Sie darüber lachen wollen, bitte sehr, denn irgendwie ist es ja lustig (obgleich ich finde, dass es auch zeigt, wie umsichtig ich war). Ich trug ein Kondom! Einen „Gummi“! Weil ich eine Spontane Ejakulation und die eventuell daraus resultierendeDNA-Spur befürchtet habe! Nun, dergleichen ist zwar nicht passiert, aber seither habe ich oftmals onaniert, während ich daran dachte, wie sie wegrennen wollten und es nicht konnten (sie waren eingepfercht wieÖlsardinen) und wie verängstigt sie alle aussahen (das war so lustig) und wie ich nach vorn geschleudert wurde, als der Wagen in sie „hineinpflügte“. So heftig, dass der Sicherheitsgurt blockierte. Meine Güte, war das aufregend!

Um die Wahrheit zu sagen, ich wusste nicht,waspassieren würde. Ich dachte, die Chancen stünden 50/50, dass man mich erwischt. Aber ich bin „ein unverbesserlicher Optimist“, weshalb ich auf einen Erfolg vorbereitet war statt auf ein Scheitern. Das mit dem Kondom ist zwar „Insiderwissen“, aber ich wette, Ihre Kollegen von der Kriminaltechnischen Abteilung (ja, ich sehe mir auchCSIan) waren ganz schön enttäuscht, dass sie innen an der Clownsmaske keineDNAgefunden haben. „Verdammt!“, haben sie da wohl gesagt. „Bestimmt hat dieser clevere Gesetzesübeltäter darunter ein Haarnetz getragen!“

Und so war es auch! Ich habe das Ding sogar mitBLEICHMITTELausgewaschen!

Sie sind in mir immer noch ganz lebendig, die dumpfen Schläge, als ich die Leute vor dem City Center erwischt habe, das Knirschen und Krachen, und wie der Wagen auf seinen Stoßdämpfern schaukelte, als er über die Körper fuhr. Wer Macht und Kontrolle haben will, fährt mit einem Mercedes 12-Zylinder allezeit am besten! Als ich in der Zeitung sah, dass zu meinen Opfern einBabygehörte, war ich begeistert!! Ein so junges Leben auszulöschen! Wenn man sich vorstellt, was es alles versäumt hat, hm? Patricia Cray, R.I.P.! Die Mami habe ich nämlich auch erwischt. Erdbeermarmelade im Schlafsack! Was für einwohliger Schauer, hm? Genussvoll denke ich auch an den Mann,der seinen Arm verloren hat, und noch lieber an die beiden, die gelähmt sind. Der Mann nur von der Hüfte abwärts, aber MartineStover ist jetzt nicht mehr als ein „Kopf am Stiel“! Die beiden sind zwar nicht gestorben, aber sieWÜNSCHENes sich wahrscheinlich!Wie finden Sie das, Detective Hodges?

Jetzt denken Sie wahrscheinlich: „Was für ein kranker und perverser Irrer ist das denn?“ Zwar kann ich Ihnen da keinen Vorwurf machen, aber wir könnten auch darüber streiten! Ich glaube, massenhaft Leute würden genießen, was ich getan habe, und deshalb genießen sie Bücher und Filme (und heutzutage sogar Fernsehsendungen), in denen Folter und Verstümmelung etc., etc., etc. gezeigt werden. Der einzige Unterschied ist, dassich es wirklich getan habe. Allerdings nicht weil ich wahnsinnig bin (in jedem beliebigen Sinne dieses Worts), sondern nur weil ich nicht genau im Voraus wusste, was für eine Erfahrung das sein würde. Dass sie total erregend sein würde, das wusste ich freilich, mit „Erinnerungen für das ganze Leben“, wie man so sagt. Den meisten Menschen montiert man als kleinen Kindern Stiefel aus Blei, und die müssen sie ihr Leben lang tragen. Diese Bleistiefel nennt manDAS GEWISSEN. Ich habe keines, deshalb kann ich mich hoch über die Köpfe der Gewöhnlichen Masse erheben. Und wenn man mich geschnappt hätte? Nun, wenn es gleich an Ort und Stelle gewesen wäre, wenn der Motor von Mrs. Trelawneys Mercedesschlappgemacht hätte (sehr unwahrscheinlich, da mir der Wagensehr gut gewartet vorkam), dann hätte die Menge mich eventuell in Stücke gerissen. Das war mir bewusst, als ich in sie hineingefahren bin, und es hat meine Erregung noch gesteigert. Aber ich nahm nicht an, dass sie das wirklich tun würden, denn die meisten Leute sind Schafe, und Schafe fressen kein Fleisch. (Ich nehme an, ich wäre ein wenig verprügelt worden, aber so was halte ich schon aus.) Wahrscheinlich wäre ich festgenommen und vor Gericht gestellt worden, wo ich auf Unzurechnungsfähigkeit plädiert hätte. Vielleicht bin ich jatatsächlichwahnsinnig (jedenfalls ist mir das schon in den Sinn gekommen), aber es ist einebesondereArt Wahnsinn. Jedenfalls war Fortuna mir gewogen, und ich bin davongekommen.

Der Nebel war recht hilfreich!

Nun noch etwas anderes, was ich gesehen habe, diesmal in einem Film. (An den Titel erinnere ich mich nicht.) Da kam ein Serienkiller vor, der sehr schlau war, und zuerst konnten die Cops (einer war Bruce Willis, als der noch ein paar Haare hatte) ihn nicht erwischen. Da hat Bruce Willis gesagt: „Er wird es wieder tun, weil er nicht anders kann. Dabei wird er früher oder später einen Fehler machen, und dann kriegen wir ihn.“

Was sie auch geschafft haben!

In meinem Fall trifft das nicht zu, Detective Hodges, weil ichabsolut keinen Drangverspüre, es wieder zu tun. In meinem Fallwar ein Mal genug. Ich habe meine Erinnerungen, und die sind glasklar. Aber natürlich hatten die Leute hinterher furchtbare Angst, weil sie sich sicher waren, dass ich eswiedertun würde. Erinnern Sie sich an die öffentlichen Veranstaltungen, die abgesagt wurden? Das hat zwar nicht ganz so viel Spaß gemacht wie das vorher, aber es war durchaus „très amusant“.

Sie sehen also, wir sindbeide„im Ruhestand“.

Apropos – als Einziges bedaure ich, dass ich nicht an Ihrer Abschiedsparty im Raintree Inn teilnehmen und einen Trinkspruch auf Sie ausbringen konnte, mein guter Sir Detective. Sie haben absolut Ihr Bestes getan. Detective Huntley natürlich auch, aber wenn die Zeitungen und Internetberichte über die Laufbahn von Ihnen beiden zutreffen, dann haben Sie in der Major League gespielt, und er war nur zweitklassig und wird es immer bleiben. Bestimmt hat man den Fall noch nicht zu den Akten gelegt, und wahrscheinlich holt Ihr früherer Kollege ab und an die alten Berichte hervor, um sie zu studieren, aber das wird nichts bringen. Ich glaube, das wissen wir beide.

Darf ich abschließend meiner Besorgnis Ausdruck verleihen?

In manchen von diesen Fernsehserien (und auch in einem der Bücher von Wambaugh, glaube ich, aber vielleicht war es auch eines von James Patterson) folgt auf die große Party mit den Luftballons, dem Trinkgelage und der Musik eine traurige Schlussszene. Der Detective kommt nach Hause und stellt fest, dass sein Leben ohne seine Waffe und seine Dienstmarke sinnlos ist. Was ich verstehen kann. Schließlich ist nichts trauriger als ein Pensionierter Alter Ritter! Jedenfalls erschießt sich der Detective am Ende (immer mit seinem Dienstrevolver). Ich habe im Internet recherchiert und herausgefunden, dass es sich dabei nicht um bloße Fiktion handelt. So was geschieht wirklich!

Pensionierte Polizisten haben eineextrem hohe Selbstmordrate!!

In den meisten Fällen haben die Cops, die so etwas Trauriges tun, keine nahen Angehörigen, von denen die Warnzeichen gesehen werden könnten. Viele sind – wie Sie – geschieden. Viele haben erwachsene Kinder, die weit weg von zu Hause leben. Ich denke daran, wie Sie ganz alleine in Ihrem Haus in der Harper Road sitzen, Detective Hodges, undich mache mir Sorgen. Was für ein Leben führen Sie nun, da das „Jagdfieber“ nicht mehr in Ihnen brennt? Sehen Sie viel fern? Wahrscheinlich. Trinken Sie jetzt mehr als früher? Möglicherweise. Vergehen die Stunden langsamer, weil Ihr Leben jetzt so leer ist? Leiden Sie unter Schlaflosigkeit? Meine Güte, ich hoffe nicht.

Aber ich befürchte, dass es doch der Fall ist!

Wahrscheinlich brauchen Sie ein Hobby, damit Sie an etwas anderes denken können als an den, „der davongekommen ist“, und daran, dass Sie mich nie erwischen werden. Es wäre zu schade, wenn Sie denken würden, dass Ihre ganze Laufbahn reine Zeitvergeudung war, weil der Bursche, der all die Unschuldigen Menschen getötet hat, Ihnen „durch die Lappen gegangen“ ist.

Ich möchte nicht, dass Sie anfangen, an Ihre Waffe zu denken.

Aber an die denken Sietatsächlich, nicht wahr?

Ich möchte mit einem letzten Gedanken von dem schließen, der Ihnen „durch die Lappen ging“. Dieser Gedanke lautet:

FICK DICH INS KNIE, DU VERSAGER.

War nur ein Scherz!

Mit den freundlichsten Grüßen

DER MERCEDES-KILLER

Darunter prangt wieder ein Smiley. Und darunter:

PS!Tut mir leid wegen Mrs. Trelawney, aber wenn Sie Det. Huntley diesen Brief übergeben, sagen Sie ihm, er braucht sich die Fotos, die die Polizei bei ihrer Beerdigung sicherlich aufgenommen hat, gar nicht erst anzusehen. Ich habe daran teilgenommen, aber nur in meiner Fantasie. (Meine Fantasie ist sehr lebhaft.)

PPS:Wollen Sie in Kontakt mit mir treten? Mir Ihr „Feedback“übermitteln? Versuchen Sie es mit Under Debbie’s Blue Umbrella.Ich habe sogar schon einen Benutzernamen für Sie: „froschkermit19“. Eventuell antworte ich zwar nicht, aber „Man weiß ja nie“!

PPPS:Hoffe, dieser Brief hat Sie ein wenig aufgemuntert!

4

Hodges bleibt zwei, vier, sechs, acht Minuten an Ort und Stelle sitzen. Vollkommen reglos. Er hält den Brief in der Hand und betrachtet das Andrew-Wyeth-Poster an der Wand. Endlich legt er die Blätter auf das Tischchen neben seinem Sessel und greift nach dem Umschlag. Der Poststempel stammt direkt aus der Stadt, was ihn nicht überrascht. Sein Briefpartner will ihn wissen lassen, dass er in der Nähe ist. Das gehört zu seiner Stichelei. Wie er sagen würde, ist das …

… ein Teil des Vergnügens!

Mit neuen chemischen, computergestützten Verfahren kann man Fingerabdrücke auf Papier ausgezeichnet erkennen, aber Hodges weiß: Falls er diesen Brief der Kriminaltechnik übergibt, wird man keinerlei Abdrücke darauf finden außer seinen. Dieser Kerl ist zwar wahnsinnig, aber seine Selbsteinschätzung –ein cleverer Gesetzesübertreter– ist absolut korrekt. Nur dass erGesetzesübeltätergeschrieben hat stattGesetzesübertreter,und das gleich zweimal. Also …

Moment mal, Moment mal.

Was meinst du mit:Falls ich diesen Brief der Kriminaltechnik übergebe?

Hodges steht auf, geht mit dem Brief in der Hand zum Fenster und blickt auf die Harper Road hinaus. Die Tochter der Harrisons rattert gerade auf ihrem Moped vorüber. Sie ist eigentlich zu jung, so ein Ding zu fahren, egal was gesetzlich erlaubt ist, aber wenigstens trägt sie ihren Helm. Der Eiswagen kommt bimmelnd an; bei warmem Wetter gondelt er von Schulschluss bis zur Dämmerung durch den Osten der Stadt. Ein schwarzer Smart rollt vorbei. Die angegrauten Haare der Frau am Lenkrad stecken in Lockenwicklern. Oder ist das gar keine Frau? Es könnte ein Mann mit Perücke und Kleid sein. Dann wären die Lockenwickler der perfekte Feinschliff, nicht wahr?

Das soll er jedenfalls denken.

Nein, doch nicht. Jedenfalls nicht genau.

Nichtdassoll er denken.Sosoll er denken. Dazu will ihn der Kerl bringen, der sich als Mercedes-Killer bezeichnet (nein, den Namen hat man ihm in den Zeitungen und Fernsehnachrichten verpasst, da hat er recht).

Es ist der Eismann!

Nein, es ist der als Frau verkleidete Mann im Smart!

Äh-äh, es ist der Typ am Lenkrad des Propangaslasters oder der Stromableser!

Wie hat der Kerl Hodges bloß so paranoid machen können? Zum Beispiel durch die beiläufige Bemerkung, dass er über mehr Bescheid weiß als über die Adresse eines pensionierten Polizisten. Er weiß, dass Hodges geschieden ist, und er deutet zumindest an, von einem oder mehr Kindern irgendwo zu wissen.

Hodges betrachtet inzwischen seinen Rasen und sieht, dass der gemäht werden muss. Wenn Jerome nicht bald mal von selbst vorbeikommt, denkt er, muss ich ihn anrufen.

Eines oder mehrere Kinder? Mach dir nichts vor. Er weiß, dass meine Exfrau Corinne heißt und dass wir ein erwachsenes Kind haben, eine Tochter namens Alison. Er weiß, dass Allie dreißig ist und in San Francisco lebt. Wahrscheinlich weiß er sogar, dass sie eins achtundsechzig groß ist und Tennis spielt. Das ganze Zeug ist problemlos im Internet verfügbar. Heutzutage ist dortallesverfügbar.

Als Nächstes sollte er diesen Brief Pete und dessen neuer Partnerin Isabelle Jaynes übergeben. Als Hodges sich zur Ruhe gesetzt hat, haben die den Mercedes-Fall geerbt, zusammen mit ein paar anderen ungelösten Sachen. Manche Fälle sind wie ein Computer im Energiesparmodus; sie schlafen sozusagen ein. Dieser Brief wird den Mercedes-Fall schleunigst wieder aufwecken.

Er spielt im Geiste durch, welchen Weg der Brief genommen und vor sich hat.

Vom Briefschlitz auf den Boden des Flurs. Von dort zum Fernsehsessel. Vom Sessel hierher ans Fenster, wo Hodges nun sehen kann, wie das Postauto in die Richtung zurückfährt, aus der es gekommen ist – Andy Fenster ist für heute fertig. Von hier in die Küche, wo der Brief völlig unnötigerweise in einen Gefrierbeutel gestopft wird und zwar in einen mit Gleitverschluss, weil alte Gewohnheiten schwer zu ändern sind. Anschließend zu Pete und Isabelle. Von Pete zur Kriminaltechnik zwecks sorgfältiger Untersuchung, bei der die mangelnde Notwendigkeit des Gefrierbeutels schlüssig bewiesen werden wird: keine Fingerabdrücke, keine Haare, keinerleiDNA, Papier, wie man es stapelweise bei jedem Schreibwarenladen der Stadt kaufen kann, und – zu guter Letzt – ein stinknormaler Laserausdruck. Womöglich lässt sich bestimmen, welche Art Computer zum Verfassen des Briefs verwendet wurde (da ist Hodges sich nicht sicher; er weiß wenig über Computer, und wenn er Probleme mit seinem hat, wendet er sich an Jerome, der praktischerweise in der Nähe wohnt). Falls dem so ist, wird sich herausstellen, dass es sich um einen Mac oder einen Windows-PChandelt. Sensationell.

Von der Kriminaltechnik wird der Brief wieder zu Pete und Isabelle wandern, die zweifellos ein idiotisches Kripokolloquium zusammenrufen werden, wie man es in britischen Kriminalserien wieLutherundHeißer Verdachtsieht (die der psychopathische Briefautor wahrscheinlich heiß und innig liebt). Bei diesem Kolloquium werden ein Whiteboard, vergrößerte Aufnahmen des Briefs und vielleicht sogar ein Laserpointer zum Einsatz kommen. Auch Hodges sieht sich einige dieser britischen Serien an und denkt jedes Mal, Scotland Yard hat irgendwie noch nie etwas von dem alten Spruch gehört, dass zu viele Köche den Brei verderben.

Das Kripokolloquium wird nur ein einziges Resultat zustande bringen, und das ist wahrscheinlich das, was dieser Irre will: Da zehn oder auch ein Dutzend Kriminalbeamte teilnehmen, wird die Existenz des Briefs unweigerlich an die Presse durchsickern. Wahrscheinlich sagt der Irre nicht die Wahrheit, wenn er behauptet, keinerlei Wiederholungsdrang zu verspüren, aber eines ist absolut sicher: Er vermisst es, in den Nachrichten erwähnt zu werden.

Auf dem Rasen sprießt Löwenzahn. Es ist definitiv Zeit, Jerome anzurufen. Abgesehen vom Rasen will Hodges ihn ohnehin gern mal wiedersehen. Cooler Typ.

Noch etwas. Selbst wenn es stimmen sollte, dass der Irre nicht den Drang verspürt, einen weiteren Massenmord zu begehen (unwahrscheinlich, aber nicht ausgeschlossen), so ist er doch weiterhin extrem interessiert am Thema Tod. Die unterschwellige Botschaft des Briefs könnte nicht klarer sein:Bring dich um. Schließlich denkst du schon daran, also tu einfach den nächsten Schritt. Der zufällig auch dein letzter seinwird.

Hat er mich etwa mit Dads .38er herumspielen sehen?

Hat er gesehen, wie ich mir den Lauf in den Mund gesteckt habe?

Möglich ist das, muss Hodges zugeben; es ist ihm nie in den Sinn gekommen, die Jalousien herunterzuziehen. Er hat sich in seinem Wohnzimmer dämlicherweise sicher gefühlt, obwohl ihn dort jeder mit einem Fernglas beobachten kann. Auch Jerome kann es gesehen haben, als er durch den Vorgarten gelaufen kam, um zu fragen, ob es einen Job für ihn gibt.

Aber wenn Jerome ihn mit dem alten Revolver hätte herumspielen sehen, wäre er zu Tode erschrocken. Er hätte etwas gesagt.

Onaniert Mr. Mercedes tatsächlich, wenn er daran denkt, wie er all die Menschen überfahren hat?

In seinen Jahren bei der Polizei hat Hodges Dinge gesehen, über die er nie mit jemand sprechen würde, der sie nicht auch gesehen hat. Aufgrund solcher toxischer Erinnerungen nimmt er an, dass der Briefautor die Wahrheit über sein Verhalten sagt, so wie er auch wahrheitsgemäß erklärt, kein Gewissen zu haben. In Island, hat Hodges gelesen, gibt es Brunnen, die so tief sind, dass man kein Klatschen hört, wenn man einen Stein hineinwirft. So ist seiner Meinung nach auch manche menschliche Seele. Erscheinungen wie Pennerkämpfe befinden sich gerade mal auf halber Tiefe solcher Brunnen.

Er kehrt zu seinem Fernsehsessel zurück, öffnet die Schublade des Tischchens und holt sein Handy heraus. Das tauscht er gegen den .38er, bevor er die Schublade wieder schließt. Er drückt die Kurzwahltaste des Polizeipräsidiums, aber als die Telefonistin ihn fragt, wohin sie seinen Anruf weiterleiten soll, sagt er: »Ach, verflixt. Jetzt hab ich doch wirklich die falsche Taste gedrückt. Tut mir leid.«

»Keine Ursache, Sir«, sagt die Frau mit einem Lächeln in der Stimme.

Keine Anrufe, jedenfalls vorläufig. Überhaupt keinerlei Aktion. Zuerst muss er über die Sache nachdenken.

Er muss unbedingt darüber nachdenken.

Hodges sitzt da und betrachtet seinen Fernseher, der zum ersten Mal seit Monaten an einem Werktagnachmittag ausgeschaltet ist.

5

Am selben Abend fährt er zur Newmarket Plaza und isst dort im thailändischen Restaurant. Mrs. Buramuk bedient ihn persönlich. »Hab Sie lange nicht gesehen, Officer Hodges«, sagt sie. Es klingt wieOffissa Hatschiss.

»Seit ich nicht mehr im Dienst bin, koche ich selber.«

»Ach, lassen Sie lieber mich kochen. Ist viel besser!«

Als er Mrs. Buramuks Tom Yam Gung wieder kostet, wird ihm klar, wie sehr er halb rohe Frikadellen und Spaghetti mit Fertigsoße von Paul Newman satthat. Und der Sangkaya Fak Thong macht ihm klar, wie sehr ihm der Kokoskuchen von Pepperidge Farm zum Hals heraushängt. Wenn ich nie wieder ein Stück Kokoskuchen esse, denkt er, werde ich genauso lange leben und genauso glücklich sterben. Zu seinem Essen trinkt er zwei Dosen Singha, und das ist das beste Bier, das er seit der Abschiedsparty im Raintree getrunken hat. Die ist fast genauso gelaufen, wie Mr. Mercedes sie geschildert hat; es war sogar eine Stripperin da, die »mit ihren Schwanzfedern gewackelt« hat. Und mit allem anderen.

Ob Mr. Mercedes damals wohl irgendwo hinten im Raum gelauert hat? »Gut möglich, Muskie, gut möglich«, hätte Deputy Dawg gesagt.

Nach Hause zurückgekehrt, setzt er sich in seinen Fernsehsessel und greift nach dem Brief. Er weiß, was der nächste Schritt sein muss – jedenfalls wenn er das Ding nicht Pete Huntley überlässt –, aber er weiß auch, dass er das nicht nach ein paar Bieren versuchen sollte. Deshalb legt er den Brief auf den .38er in der Schublade (auf den Gefrierbeutel hat er verzichtet) und holt sich ein weiteres Bier. Das aus dem Kühlschrank ist bloß ein Ivory Special, die lokale Marke, aber es schmeckt genauso gut wie ein Singha.

Als er ausgetrunken hat, fährt Hodges seinen Computer hoch, ruft Firefox auf und googeltUnder Debbie’s Blue Umbrella. Die Information ist nicht sehr informativ:Ein soziales Netzwerk, auf dem interessante Menschen interessante Ansichten austauschen.Er überlegt, ob er weitermachen soll, dann fährt er den Computer wieder herunter. Auch das nicht. Nicht heute Abend.

In letzter Zeit ist er spät zu Bett gegangen, um sich einige Stunden weniger hin und her zu wälzen, während ihm alte Fälle und alte Fehler durch den Sinn gingen, aber heute geht er früher in die Kiste und weiß, er wird fast augenblicklich einschlafen. Ein wunderbares Gefühl.

Sein letzter Gedanke, bevor er versinkt, ist das Ende des anonymen Briefs von Mr. Mercedes. Der will, dass er Suizid begeht. Hodges fragt sich, was er wohl denken würde, wenn er wüsste, dass er einem früheren Ritter der Dienstmarke und Waffe stattdessen einen Grund zu leben geschenkt hat. Zumindest vorübergehend.

Dann übermannt ihn der Schlaf. Er hat erholsame volle sechs Stunden vor sich, bevor seine Blase ihn aufweckt. Daraufhin tastet er sich ins Bad, pinkelt sich leer und geht wieder ins Bett, um weitere drei Stunden zu schlafen. Als er aufwacht, fällt das Sonnenlicht schräg durch die Fenster, und die Vögel zwitschern. Er marschiert in die Küche, wo er sich ein anständiges Frühstück zubereitet. Während er zwei kross gebratene Spiegeleier auf einen bereits mit Bacon und Toast beladenen Teller gleiten lässt, hält er plötzlich erschrocken inne.

Da singt jemand.

Und das ist er selbst.

6

Sobald das Frühstücksgeschirr in der Spülmaschine ist, geht er in sein Arbeitszimmer, um den Brief zu analysieren. So etwas hat er schon mindestens zwei Dutzend Mal gemacht, aber noch nie allein; im Dienst war immer Pete Huntley da, um ihm zu helfen, und vor Pete seine zwei früheren Partner. Die meisten Briefe waren Drohungen von Exehemännern (und von ein oder zwei Exfrauen). Sie stellten keine sonderlich große Herausforderung dar. Manche enthielten Geldforderungen, manche andere Formen der Erpressung. Einer stammte von einem Kidnapper, der sich ein ebenso erbärmliches wie einfallsloses Lösegeld ausgedacht hatte. Und drei – vier, wenn man den von Mr. Mercedes einrechnete – waren von Leuten, die sich als Mörder ausgaben. Zwei dieser Schreiben waren eindeutig reine Fantasie. Einer stammte eventuell von dem Serienmörder, dem man den Namen Turnpike Joe gegeben hat.

Wie verhält es sich mit diesem da? Wahr oder falsch? Realität oder Fantasie?