Zwischen Nacht und Dunkel - Stephen King - E-Book
Beschreibung

Schuld, Sühne, Rache, Gerechtigkeit -
Stephen King at his best!

Stephen King gilt als größter Geschichtenerzähler unserer Zeit. Nun legt er vier große Novellen vor, die alle ein Thema haben: Vergeltung! Ob als Täter oder Opfer, unschuldig oder schuldig, durch Schicksal oder Absicht – wir kommen in Situationen, die uns eine Entscheidung abverlangen: Wie weit muss ich gehen, bis mir Gerechtigkeit widerfährt? Manchmal muss man sehr weit gehen ...

„1922”: Ein Vater überredet seinen Sohn auf perfide Weise, gemeinsam mit ihm die Ehefrau/Mutter umzubringen – und der Horror für den Rest des Lebens der beiden nimmt seinen Anfang.

„Big Driver”: Die Schriftstellerin Tess wird nach einer Lesung brutal vergewaltigt. Sie will auf eigene Faust Vergeltung üben ...

„Faire Verlängerung”: Der schwer krebskranke Streeter geht einen teuflischen Pakt ein. Seine Genesung und sein Glück scheinen fortan Unglück und Untergang für andere zu sein. Kann er dem Einhalt gebieten? Will er das überhaupt?

„Eine gute Ehe”: Zufällig entdeckt Darcy, dass der Mann, mit dem sie 27 Jahre lang glücklich verheiratet ist, ein Doppelleben als wahres Ungeheuer führt. Bis dass der Tod euch scheidet ... ist das der einzige Ausweg?

Vier grandiose, bislang unveröffentlichte Novellen.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl:683


Inhaltsverzeichnis
Widmung
Inschrift
1922
BIG DRIVER
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Kapitel 44
Kapitel 45
Kapitel 46
Kapitel 47
Kapitel 48
FAIRE VERLÄNGERUNG
EINE GUTE EHE
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
NACHWORT
Copyright
Für Tabby Immer noch.
That’s why I say hey man nice shot what a good shot, man.
Filter
1922
11. April 1930
Hotel Magnolia Omaha, Nebraska
AN ALLE, DIE ES ANGEHT!
Mein Name ist Wilfred Leland James, und dies ist mein Geständnis. Im Juni 1922 habe ich meine Frau Arlette Christina Winters James ermordet und ihre Leiche versteckt, indem ich sie in einen alten Brunnen gekippt habe. Mein Sohn Henry Freeman James hat mir bei diesem Verbrechen geholfen, war aber mit 14 noch nicht strafmündig; ich habe ihn dazu verleitet, indem ich seine Ängste geschürt und seine verständlichen Einwände über einen Zeitraum von 2 Monaten hinweg niedergemacht habe. Das ist etwas, was ich aus Gründen, die dieses Schriftstück aufzeigen wird, sogar noch mehr bereue als mein Verbrechen.
Der Grund für mein Verbrechen und meine Verdammnis waren 40 Hektar gutes Land in Hemingford Home, Nebraska. Es wurde meiner Frau von ihrem Vater John Henry Winters vermacht. Ich wollte dieses Land unserer Farm zuschlagen, die im Jahr 1922 insgesamt 30 Hektar groß war. Meine Frau, die sich nie recht an das Leben auf einer Farm (oder als Farmersfrau) gewöhnen konnte, wollte es gegen bar an die Farrington Company verkaufen. Als ich sie fragte, ob sie wirklich im Windschatten eines Schweineschlachthauses von Farrington leben wolle, erklärte sie mir, wir könnten nicht nur das Land ihres Vaters, sondern gleich auch unsere Farm verkaufen – die Farm meines Vaters und seines Vaters vor ihm! Als ich sie fragte, was wir mit Geld, aber ohne Land anfangen sollten, sagte sie, wir könnten nach Omaha oder vielleicht sogar nach St. Louis ziehen und einen Laden aufmachen.
»Ich werde niemals in Omaha leben«, sagte ich. »Städte sind was für Dummköpfe.«
Eine Ironie des Schicksals, wenn man bedenkt, wo ich jetzt lebe, aber ich werde nicht mehr lange hier leben; das weiß ich so gut, wie ich weiß, was die Geräusche macht, die ich in den Wänden höre. Und ich weiß, wo ich mich wiederfinden werde, wenn dieses irdische Leben abgeschlossen ist. Ich frage mich nur, ob die Hölle schlimmer sein kann als die Stadt Omaha. Vielleicht ist sie die Stadt Omaha, nur nicht von gutem Land umgeben, sondern von einer rauchenden, nach Schwefel stinkenden Leere voller verlorener Seelen wie meiner.
Im Winter und im Frühjahr 1922 stritten wir uns erbittert wegen dieser 40 Hektar. Henry geriet ins Kreuzfeuer, neigte jedoch mehr zu meiner Auffassung; er ähnelte seiner Mutter, was ihr Aussehen betraf, aber mir in seiner Liebe zum Land. Er war ein fügsamer Junge, der nichts von der Überheblichkeit seiner Mutter an sich hatte. Immer wieder erklärte er ihr, er wolle weder in Omaha noch in irgendeiner anderen Stadt leben und werde nur mitgehen, wenn sie und ich uns einigten, was aber nie der Fall war.
Ich überlegte, ob ich mich an die Justiz wenden sollte, weil ich davon überzeugt war, jedes Gericht des Landes werde mein Recht bestätigen, als Ehemann über die zweckmäßige Verwendung dieses Stück Landes zu entscheiden. Etwas hielt mich jedoch zurück. Es war nicht die Angst, die Nachbarn könnten tratschen, den ländlichen Klatsch fürchtete ich überhaupt nicht; es war etwas anderes. Ich hatte sie nämlich hassen gelernt. Ich wünschte mir, sie wäre tot, und das hielt mich zurück.
Ich glaube, dass in jedem Mann ein weiterer Mann steckt: ein Fremder, ein hinterhältiger Kerl. Und ich glaube, dass der Hinterhältige in Farmer Wilfred James im März 1922, als der Himmel über der Hemingford County weiß und alle Felder mit Schnee gesprenkelte Schlammflächen waren, bereits sein Urteil über meine Frau gefällt und über ihr Schicksal entschieden hatte. Und es war ein Urteil von der Art, die unter schwarzen Baretten gesprochen wird. Bei Shakespeare heißt es, ein undankbares Kind nage schärfer als ein Schlangenzahn, aber eine nörgelnde und undankbare Ehefrau nagt noch viel schärfer.
Ich bin kein Ungeheuer; ich habe versucht, sie vor dem Hinterhältigen zu retten. Ich erklärte ihr, wenn wir uns nicht einigen könnten, solle sie zu ihrer Mutter nach Lincoln ziehen, das sechzig Meilen weiter westlich liegt – eine gute Entfernung für eine Trennung, die nicht ganz eine Scheidung ist, aber doch eine Auflösung der ehelichen Gemeinschaft signalisiert.
»Und dir das Land meines Vaters überlassen, meinst du?«, sagte sie und warf den Kopf zurück. Wie ich dieses kecke Kopfhochwerfen, das an ein schlecht dressiertes Pony erinnerte, und das Schnauben, von dem es stets begleitet wurde, hassen gelernt hatte! »Dazu kommt es nie, Wilf.«
Ich bot ihr an, ihr das Land abzukaufen, wenn sie darauf bestehe. Das würde einige Zeit dauern – acht Jahre, vielleicht zehn -, aber ich würde ihr jeden Cent zahlen.
»Kleine Einnahmen sind schlechter als gar keine«, antwortete sie (mit einem weiteren Schnauben und Kopfhochwerfen). »Das weiß jede Frau. Die Farrington Company zahlt alles auf einmal, und denen ihre Vorstellung von einem guten Preis ist bestimmt großzügiger als deine. Und in Lincoln will ich auf gar keinen Fall leben. Das ist keine Stadt, sondern bloß ein Kuhdorf mit mehr Kirchen als Häusern.«
Begreifen Sie meine Situation? Verstehen Sie nicht, in welche »Klemme« sie mich gebracht hat? Darf ich nicht wenigstens auf etwas Sympathie von Ihrer Seite hoffen? Nein? Dann hören Sie sich Folgendes an.
Anfang April jenes Jahres – meines Wissens auf den Tag genau vor acht Jahren – kam sie ganz fröhlich und heiter zu mir. Sie hatte den größten Teil des Tages im »Schönheitssalon« in McCook verbracht, und ihr Haar hing auf beiden Seiten ihres Gesichts in dicken Locken herab, die mich an die Klopapierrollen erinnerten, die man in Hotels und Gaststätten findet. Sie sagte, sie habe eine Idee. Wir sollten nicht nur die 40 Hektar, sondern tatsächlich auch die Farm an die Farrington Company verkaufen. Ihrer Überzeugung nach würde die beides kaufen, nur um das Stück Land ihres Vaters zu bekommen, das in der Nähe der Bahnlinie lag (und damit hatte sie wahrscheinlich recht).
»Dann«, sagte dieses freche Weibsbild, »können wir uns das Geld teilen, uns scheiden lassen und jeder für sich ein neues Leben beginnen. Dass du das willst, wissen wir beide.« Als ob das nicht auch ihr Wunsch gewesen wäre.
»Mhm«, sagte ich (als dächte ich ernsthaft über diese Idee nach). »Und bei wem von uns bleibt der Junge?«
»Natürlich bei mir«, sagte sie mit großen Augen. »Ein vierzehnjähriger Junge gehört zu seiner Mutter.«
Gleich am selben Tag fing ich an, Henry zu »bearbeiten«, indem ich ihm den neuesten Plan seiner Mutter schilderte. Wir waren gerade im Heuschober. Ich setzte mein traurigstes Gesicht auf, sprach mit meiner traurigsten Stimme und malte ihm aus, wie sein Leben aussehen würde, wenn seine Mutter diesen Plan verwirklichten dürfte: wie er weder Farm noch Vater haben würde, wie er sich ohne seine Freunde (die meisten aus früher Kindheit) in einer viel größeren Schule wiederfinden würde, wie er in dieser neuen Schule unter Fremden, die ihn auslachen und einen Bauernlümmel nennen würden, um seinen Platz würde kämpfen müssen. Andererseits, sagte ich, wenn wir das Anwesen nicht nur behalten, sondern vergrößern könnten, sei es meiner Überzeugung nach möglich, unsere Hypothek bei der Bank bis 1925 zu tilgen und glücklich und schuldenfrei zu leben und frische Luft zu atmen, statt von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang zu sehen, wie Schweinedärme unseren zuvor sauberen Bach hinuntertrieben. »Was willst du also?«, fragte ich, nachdem ich dieses Bild so detailreich ausgemalt hatte, wie ich nur konnte.
»Hier bei dir bleiben, Papa«, sagte er. Die Tränen liefen ihm nur so übers Gesicht. »Warum muss sie so ein … so ein …«
»Nur weiter«, sagte ich. »Wer die Wahrheit sagt, flucht nicht, mein Sohn.«
»So ein Miststück sein?«
»Weil die meisten Frauen so sind«, sagte ich. »Das ist ein tief sitzender Wesenszug von denen. Fragt sich nur, was wir dagegen tun wollen.«
Aber der Hinterhältige in mir hatte bereits an den alten Brunnen hinter dem Kuhstall gedacht, aus dem wir nur das Wasser fürs Vieh holten, weil er so seicht und schlammig war – bloß 7 Meter tief und kaum mehr als ein Siel. Es ging nur darum, Henry so weit zu bringen. Und ich musste es tun, das sehen Sie bestimmt ein; ich durfte zwar meine Frau umbringen, aber ich musste meinen wundervollen Sohn retten. Wozu nach 70 Hektar Land – oder tausend – streben, wenn man niemanden hat, mit dem man sie teilen, dem man sie vererben kann?
Ich gab vor, über Arlettes verrückten Plan nachzudenken, auf gutem Maisland ein Riesenschlachthaus für Schweine bauen zu lassen. Ich bat sie, mir Zeit zu geben, mich an diese Vorstellung zu gewöhnen. Sie war einverstanden. Und in den folgenden 2 Monaten bearbeitete ich Henry, gewöhnte ihn an eine ganz andere Vorstellung. Das war sogar leichter als gedacht; er hatte zwar das gute Aussehen seiner Mutter (das Aussehen einer Frau ist sozusagen der Honig, der Männer zum Bienenstock lockt, wo’s dann Stiche setzt), aber nicht ihre gottserbärmliche Sturheit geerbt. Es war lediglich nötig, ihm auszumalen, wie sein Leben in Omaha oder St. Louis aussehen würde. Ich sprach die Möglichkeit an, dass selbst diese beiden übervölkerten Ameisenhaufen sie vielleicht nicht befriedigen würden; sie könnte beschließen, nur Chicago sei gut genug. »Dann«, sagte ich, »könntest du erleben, dass du mit schwarzen Niggern auf die Highschool gehen musst.«
Das Verhältnis zu seiner Mutter kühlte zusehends ab; nach einigen Bemühungen, seine Zuneigung wiederzugewinnen – alle unbeholfen, alle zurückgewiesen -, reagierte sie ebenso kalt. Ich (oder vielmehr der Hinterhältige) frohlockte darüber. Anfang Juni teilte ich ihr mit, nach reiflicher Überlegung sei ich entschlossen, sie diese 40 Hektar nie kampflos verkaufen zu lassen; wenn es nicht anders gehe, würde ich uns eben alle in Armut und Ruin stürzen.
Sie blieb ruhig. Sie beschloss, selbst juristischen Rat einzuholen (denn wie wir wissen, ist die Justiz jedermanns Freund, der sie bezahlt). Das hatte ich vorausgesehen. Und lächelte darüber! Sie konnte solchen Rat nämlich nicht bezahlen. Unterdessen hatte ich die Hand auf dem wenigen Bargeld, das wir besaßen. Henry übergab mir sogar sein Sparschwein, als ich es verlangte, damit sie nichts daraus stehlen konnte, so kümmerlich diese Quelle auch sein mochte. Sie suchte natürlich die Farrington Company in Deland auf, weil sie sich (wie ich selbst) sicher war, dass diese Leute, die so viel zu gewinnen hatten, ihr die Anwaltskosten vorstrecken würden.
»Sie werden’s tun, und sie wird gewinnen«, erklärte ich Henry im Heuschober, in dem jetzt alle unsere Gespräche stattfanden. Ich war nicht völlig davon überzeugt, aber mein Entschluss, den ich noch nicht »einen Plan« nennen will, stand bereits fest.
»Aber das ist nicht fair, Papa!«, rief er aus. Wie er so im Heu saß, sah er sehr jung aus, eher wie 10 als 14.
»Das ist das Leben nie«, sagte ich. »Manchmal muss man sich einfach nehmen, was man haben muss. Auch wenn dabei jemand verletzt wird.« Ich machte eine Pause und musterte seinen Gesichtsausdruck. »Auch wenn dabei jemand stirbt.«
Er wurde leichenblass. »Papa!«
»Wäre sie weg«, sagte ich, »wäre wieder alles wie früher. Aller Streit würde aufhören. Wir könnten hier friedlich leben. Ich habe ihr alles Menschenmögliche geboten, damit sie geht, aber sie tut’s nicht. Es gibt nur noch eine Sache, die ich tun kann. Die wir tun können.«
»Aber ich liebe sie!«
»Ich liebe sie auch«, sagte ich. Was sogar stimmte, auch wenn Sie’s vielleicht nicht glauben werden. Der Hass, den ich im Jahr 1922 für sie empfand, war größer als der, den ein Mann für irgendeine Frau empfinden kann, wenn nicht Liebe im Spiel ist. Und obwohl Arlette verbittert und eigensinnig war, war sie von Natur aus warmherzig. Unsere »ehelichen Beziehungen« hatten nie aufgehört, obwohl unsere Handgemenge im Dunkeln seit dem Streit wegen der 40 Hektar immer mehr der Paarung brünstiger Tiere glichen.
»Es muss nicht wehtun«, sagte ich. »Und wenn’s vorbei ist … nun …«
Ich ging mit ihm hinter die Scheune und zeigte ihm den Brunnen, wo er in bittere Tränen ausbrach. »Nein, Papa. Das nicht. Auf keinen Fall.«
Als sie dann aus Deland zurückkam (Harlan Cotterie, unser nächster Nachbar, hatte sie das größte Stück hingefahren, so dass sie nur noch zwei Meilen hatte gehen müssen) und Henry sie anflehte, »aufzuhören, damit wir einfach wieder eine Familie sein können«, geriet sie in Wut, schlug ihm ins Gesicht und forderte ihn auf, nicht wie ein Hund zu winseln.
»Dein Vater hat dich mit seinem Kleinmut angesteckt. Noch schlimmer, er hat dich mit seiner Geldgier angesteckt.«
Als ob sie von dieser Sünde frei gewesen wäre!
»Der Anwalt versichert mir, dass ich mit meinem Land tun kann, was mir gefällt, und ich werde es verkaufen. Was euch zwei betrifft, könnt ihr hier hocken und abgesengte Schweineborsten riechen und euer Essen selbst kochen und eure Betten selbst machen. Du, mein Sohn, kannst den ganzen Tag pflügen und die ganze Nacht seine ewigen Bücher lesen. Ihm haben sie wenig genützt, aber vielleicht kommst du ja besser damit klar. Wer weiß?«
»Mama, das ist nicht fair!«
Sie sah ihren Sohn an, wie eine Frau einen Fremden ansehen würde, der sich herausgenommen hatte, sie am Arm zu berühren. Und wie mein Herz jubelte, als ich ihn ihren Blick ebenso kalt erwidern sah! »Ihr könnt zum Teufel gehen, alle beide. Was mich betrifft, ich gehe nach Omaha und mache da ein Modegeschäft auf. Das ist meine Vorstellung von fair.«
Dieses Gespräch fand in dem staubigen Hof zwischen Haus und Scheune statt, und ihre Idee von fair war das letzte Wort. Sie marschierte über den Hof, wobei sie mit ihren zierlichen Stadtschuhen kleine Staubwolken aufwirbelte, verschwand im Haus und knallte die Tür zu. Henry wandte sich mir zu. Er hatte Blut im Mundwinkel, und seine Unterlippe schwoll an. In seinem Blick lag die rohe, unverfälschte Wut, die nur Jugendliche empfinden können. Eine Wut ohne Rücksicht auf Verluste. Er nickte mir zu. Ich erwiderte sein Nicken ebenso ernst, aber in meinem Inneren grinste der Hinterhältige.
Jener Schlag ins Gesicht war ihr Todesurteil.
Als Henry zwei Tage später im neuen Mais zu mir kam, sah ich, dass er wieder wankend geworden war. Ich war weder bestürzt noch überrascht; die Jahre zwischen Kindheit und Erwachsensein sind stürmische Jahre, und wer sie durchlebt, kreiselt wie die Wetterhähne, die manche Farmer im Mittleren Westen damals auf ihren Getreidesilos anbrachten.
»Wir dürfen nicht«, sagte er. »Papa, sie befindet sich im Irrtum. Und wer im Irrtum stirbt, kommt in die Hölle.«
Zum Teufel mit der Methodistenkirche und ihrem Jugendbund, dachte ich … aber der Hinterhältige lächelte nur. In den folgenden zehn Minuten theologisierten wir im grünen Mais, während die Frühsommerwolken – jene willkommenen Wolken, die wie Schoner schwimmen – langsam über uns hinwegsegelten und ihre Schatten wie Kielwasser hinter sich herzogen. Ich setzte ihm auseinander, dass wir Arlette keineswegs in die Hölle, sondern in den Himmel schicken würden. »Denn«, sagte ich, »ein Ermordeter oder eine Ermordete stirbt nicht auf Geheiß Gottes, sondern durch Menschenhand. Er … oder sie … wird aus dem Leben gerissen, bevor er … oder sie … alle Sünden wiedergutmachen kann. Also müssen alle Irrtümer vergeben werden. Wenn man die Sache so betrachtet, ist jeder Mörder eine Himmelspforte.«
»Aber was ist mit uns, Papa? Würden wir nicht in die Hölle kommen?«
Ich deutete auf die Felder, auf das schöne neue Wachstum. »Wie kannst du das sagen, wo du um uns herum nichts als das Paradies siehst? Trotzdem will sie uns so gewiss daraus vertreiben, wie der Engel mit dem Flammenschwert Adam und Eva aus dem Garten Eden vertrieben hat.«
Er starrte mich beunruhigt an. Finster. Ich bedauerte es, das Wesen meines Sohns solcherart zu verfinstern, aber irgendwie glaubte ich damals – und tue es noch heute -, dass nicht ich ihm das antat, sondern sie.
»Und denk daran«, sagte ich. »Wenn sie nach Omaha geht, dann gräbt sie sich selbst einen noch tieferen Höllenpfuhl. Wenn sie dich mitnimmt, wirst du ein Stadtjunge …«
»Niemals!« Er rief das so laut, dass die Krähen vom Weidezaun aufflogen, um wie verkohltes Papier durch den blauen Himmel davonzuwirbeln.
»Du bist jung, und du wirst einer werden«, sagte ich. »Du wirst all das hier vergessen … du wirst das Stadtleben annehmen … und anfangen, deinen eigenen Höllenpfuhl zu graben.«
Hätte er erwidert, Mörder dürften nicht darauf hoffen, wie ihre Opfer in den Himmel zu kommen, wäre ich vermutlich um eine Antwort verlegen gewesen. Aber entweder reichte sein theologisches Verständnis nicht so weit oder er wollte nicht über solche Dinge nachdenken. Gibt es die Hölle überhaupt, oder erschaffen wir sie uns auf Erden selbst? Wenn ich an die letzten acht Jahre meines Lebens zurückdenke, plädiere ich für Letzteres.
»Wie?«, fragte er. »Wann?«
Ich sagte es ihm.
»Und wir können danach hier weiterleben?«
Ich bejahte es.
»Und es tut ihr nicht weh?«
»Nein«, sagte ich. »Es geht ganz schnell.«
Er wirkte zufrieden. Es hätte allerdings noch immer nicht passieren müssen, hätte Arlette sich anders verhalten.
Wir entschieden uns für einen Donnerstagabend ungefähr in der Mitte eines Junis, der zu den schönsten gehörte, an die ich mich erinnern kann. An Sommerabenden trank Arlette gern einmal ein Glas Wein, jedoch selten mehr. Aus gutem Grund. Sie gehörte zu den Menschen, die nie zwei Gläser trinken können, ohne vier, dann sechs, dann die ganze Flasche zu leeren. Und eine zweite Flasche, wenn eine da ist. »Ich muss sehr vorsichtig sein, Wilf. Der schmeckt mir zu gut. Zum Glück habe ich einen starken Willen.«
An jenem Abend saßen wir auf der Veranda, beobachteten den letzten Lichtschimmer über den Feldern und horchten auf das einschläfernde Zirpen der Grillen. Henry war in seinem Zimmer. Er hatte sein Abendessen kaum angerührt, und während Arlette und ich in unseren Schaukelstühlen saßen, deren Kissen passenderweise mit MA und PA bestickt waren, glaubte ich, ein leises Geräusch zu hören, so als müsste er sich übergeben. Ich weiß noch, wie ich dachte, dass er im entscheidenden Moment wohl schlappmachen würde. Seine Mutter würde morgen früh verkatert aufwachen, ohne zu ahnen, wie nahe sie daran gewesen war, nie wieder einen Sonnenaufgang in Nebraska zu erleben. Trotzdem machte ich wie geplant weiter. Weil ich einer dieser russischen Matroschka-Puppen glich? Vielleicht. Vielleicht ist jeder Mann so. In mir steckte der Hinterhältige, aber in dem Hinterhältigen steckte wiederum der Hoffnungsvolle. Dieser Bursche starb irgendwann zwischen 1922 und 1930. Der Hinterhältige verschwand einfach, nachdem sein schändliches Werk getan war. Ohne seine ehrgeizigen, wiewohl unredlichen Pläne kam mir das Leben nur noch hohl vor.
Ich hatte die Flasche auf die Veranda mitgenommen, aber als ich Arlette nachschenken wollte, bedeckte sie ihr Glas mit der Hand. »Du brauchst mich nicht betrunken zu machen, um zu kriegen, was du willst. Ich will es ja auch.
Mich juckt es hier unten.« Sie machte die Beine breit und legte eine Hand in den Schritt, um mir zu zeigen, wo es sie juckte. In ihr steckte eine ordinäre Person – vielleicht sogar eine Hure -, die der Wein immer zum Vorschein brachte.
»Trink trotzdem noch ein Glas«, sagte ich. »Wir haben etwas zu feiern.«
Sie betrachtete mich misstrauisch. Schon von einem Glas Wein wurden ihre Augen feucht (als würde sie irgendwie um all den Wein, den sie wollte, aber nicht kriegte, Tränen vergießen), und im Widerschein des Sonnenuntergangs sahen sie so orangerot aus wie die Augen einer Kürbislaterne, in der eine brennende Kerze steht.
»Es wird keinen Prozess geben«, erklärte ich ihr, »und keine Scheidung. Wenn die Farrington Company es sich leisten kann, uns außer den 40 Hektar deines Vaters meine 30 abzukaufen, ist unser Streit beendet.«
Zum ersten und einzigen Mal in unserer unruhigen Ehe stand ihr buchstäblich der Mund offen. »Was sagst du da? Hab ich das richtig gehört? Versuch bloß nicht, mich zum Narren zu halten, Wilf!«
»Das tue ich nicht«, sagte der Hinterhältige. Er sprach mit aufrichtigem Ernst. »Henry und ich haben lange darüber gesprochen …«
»Ihr habt wie Pech und Schwefel zusammengehalten, das ist wahr«, sagte sie. Sie hatte die Hand von ihrem Glas genommen, und ich nutzte die Gelegenheit, um ihr nachzuschenken. »Habt ständig im Heuschober oder auf dem Holzstoß gehockt oder auf dem Feld die Köpfe zusammengesteckt. Ich dachte immer, es geht um die kleine Cotterie.« Ein Schnauben und ein Kopfhochwerfen. Aber ich glaubte, auch etwas Wehmut zu erkennen. Sie nahm einen kleinen Schluck von ihrem zweiten Glas Wein. Zwei weitere kleine Schlucke, dann würde sie das Glas noch abstellen und ins Bett gehen können. Vier weitere, dann konnte ich ihr genauso gut die ganze Flasche geben. Von den beiden anderen, die ich in Reserve hatte, ganz zu schweigen.
»Nein«, sagte ich. »Wir haben nicht über Shannon geredet.« Allerdings hatte auch ich gesehen, wie Henry manchmal mit der kleinen Cotterie Händchen hielt, wenn sie die zwei Meilen zur Schule in Hemingford Home gingen. »Wir haben über Omaha gesprochen. Er will dorthin, schätze ich.« Ich durfte nicht zu dick auftragen, nicht nach einem einzigen Glas Wein und zwei kleinen Schlucken aus einem weiteren. Sie war von Natur aus misstrauisch, meine gute Arlette, stets auf der Suche nach einem verborgenen Motiv. Und in diesem Fall hatte ich natürlich eines. »Wenigstens mal einen Versuch damit machen. Und Omaha ist nicht allzu weit von Hemingford entfernt …«
»Nein, das ist es nicht. Wie ich euch beiden schon tausendmal gesagt habe.« Sie trank noch einen kleinen Schluck, aber statt das Glas wie zuvor abzustellen, behielt sie es nun in der Hand. Der orangerote Lichtschein am Horizont wurde zu einem unwirklichen dunklen Purpurgrün, das in dem Weinglas zu brennen schien.
»Wäre es St. Louis, wäre die Sache anders.«
»Den Gedanken habe ich aufgegeben«, sagte sie. Was natürlich bedeutete, dass sie diese Möglichkeit erkundet, aber problematisch gefunden hatte. Natürlich hinter meinem Rücken. Alles hinter meinem Rücken bis auf die Sache mit dem Firmenanwalt. Aber auch zu dem wäre sie heimlich gegangen, wenn sie ihn nicht als Druckmittel gegen mich hätte einsetzen wollen.
»Glaubst du, dass sie das ganze Stück kaufen werden?«, fragte ich. »Alle 70 Hektar?«
»Woher soll ich das wissen?« Wieder ein kleiner Schluck. Das zweite Glas war halb leer. Hätte ich jetzt gesagt, sie habe genug, und versucht, ihr das Glas wegzunehmen, hätte sie es nicht mehr hergegeben.
»Du weißt es bestimmt«, sagte ich. »Diese 70 Hektar sind wie St. Louis. Du hast dich sachkundig gemacht.«
Sie sah mich mit schlauem Blick von der Seite an … dann brach sie in raues Gelächter aus. »Vielleicht hab ich’s getan.«
»Ich finde, wir könnten uns ein Haus am Stadtrand suchen«, sagte ich. »Damit wir wenigstens Ausblick auf ein paar Felder haben.«
»Wo du den ganzen Tag im Schaukelstuhl auf der Veranda sitzen und zur Abwechslung deine Frau die ganze Arbeit machen lassen kannst? Hier, schenk noch mal nach. Wenn wir feiern, dann richtig.«
Ich füllte beide Gläser. In meines kam nur ein Spritzer, weil ich bislang nur einen einzigen Schluck getrunken hatte.
»Ich könnte mir vielleicht Arbeit als Mechaniker suchen. Autos und Lastwagen und natürlich Landmaschinen. Wenn ich den alten Farmall-Traktor da in Schuss halten kann …« Ich deutete mit meinem Glas auf den dunklen Koloss neben der Scheune. »… kann ich vermutlich auch alles andere am Laufen halten.«
»Und Henry hat dich dazu überredet.«
»Er hat mich davon überzeugt, dass es besser ist, die Chance zu ergreifen, in der Stadt glücklich zu werden, als hier in sicherem Elend allein zu bleiben.«
»Der Junge beweist Vernunft, und der Mann hört auf ihn! Endlich! Halleluja!« Sie leerte ihr Glas und hielt es mir hin, um sich nachschenken zu lassen. Dabei umklammerte sie meinen Arm und lehnte sich so weit herüber, dass ich in ihrem Atem vergorene Trauben riechen konnte. »Vielleicht bekommst du heute Nacht diese Sache, die du so magst, Wilf.« Sie berührte die Mitte ihrer Oberlippe mit der purpurrot gefärbten Zungenspitze. »Diese garstige Sache.«
»Darauf freue ich mich schon«, sagte ich. Wenn es nach mir ginge, würde in dieser Nacht in dem Bett, das wir uns seit 15 Jahren teilten, etwas noch Garstigeres passieren.
»Henry soll herkommen«, sagte sie. Inzwischen sprach sie mit schwerer Zunge. »Ich will ihm dazu gratulieren, dass ihm endlich ein Licht aufgegangen ist.« (Habe ich erwähnt, dass das Verb danken nicht zum Wortschatz meiner Frau gehörte? Möglicherweise nicht. Vielleicht ist das inzwischen auch nicht mehr nötig.) Ihre Augen glänzten, weil ihr offenbar etwas einfiel. »Wir geben ihm ein Glas Wein! Er ist alt genug!« Sie stieß mich mit dem Ellbogen an wie einer der alten Männer, die man auf den Bänken vor dem Gerichtsgebäude sitzen sieht, wo sie sich schmutzige Witze erzählen. »Wenn wir seine Zunge ein bisschen lockern, erfahren wir vielleicht sogar, was er mit Shannon Cotterie treibt … ein kleines Flittchen, aber sie hat schönes Haar, das muss man ihr lassen.«
»Trink erst noch ein Glas Wein«, sagte der Hinterhältige.
Sie trank sogar zwei weitere, dann war die Flasche leer. (Die erste Flasche.) Inzwischen sang sie mit ihrer besten Minstrel-Stimme »Avalon« und gab ihr bestes Minstrel-Augenrollen. Es war schmerzlich anzusehen und noch schmerzlicher anzuhören.
Ich ging in die Küche, um eine weitere Flasche Wein zu holen, und hielt den Zeitpunkt für gekommen, Henry zu rufen. Obwohl ich mir, wie schon gesagt, keine großen Hoffnungen machte. Ich konnte es nur tun, wenn er mein williger Komplize war, und war im Grunde meines Herzens davon überzeugt, dass er vor der Tat zurückschrecken würde, wenn nicht mehr geredet, sondern gehandelt werden musste. In diesem Fall würden wir sie einfach zu Bett bringen. Am Morgen würde ich ihr sagen, dass ich das Land meines Vaters nun doch nicht verkaufen wolle.
Henry kam herbei, und nichts auf seinem blassen, kummervollen Gesicht machte mir Hoffnung auf Erfolg. »Papa, ich glaub nicht, dass ich das kann«, flüsterte er. »Es geht um Mama.«
»Wenn du nicht kannst, dann eben nicht«, sagte ich, und damit hatte der Hinterhältige nichts zu schaffen. Ich musste mich damit abfinden; es kommt eben, wie’s kommt. »Jedenfalls ist sie das erste Mal seit Monaten glücklich. Betrunken, aber glücklich.«
»Nicht nur beschwipst? Sie ist betrunken?«
»Sei nicht überrascht; ihren Willen zu bekommen ist das Einzige, was sie jemals glücklich macht. Das hätten deine 14 Jahre mit ihr dir längst zeigen müssen.«
Er horchte stirnrunzelnd auf die Veranda hinaus, weil die Frau, die ihn geboren hatte, gerade zu einer dissonanten, aber wortgetreuen Wiedergabe von »Dirty McGee« ansetzte. Henry runzelte über diese Barrelhouse-Ballade vielleicht wegen des Refrains (»She was willin’ to help him stick it in/For it was Dirty McGee again«) die Stirn, eher jedoch darüber, wie undeutlich sie die Wörter aussprach. Letztes Jahr am ersten Wochenende im September hatte Henry in einem Jugendlager der Methodisten das Gelöbnis abgelegt. Ich genoss seinen Schock weidlich. Drehen Jugendliche sich nicht wie Wetterfahnen in böigem Wind, sind sie steif wie Puritaner.
»Sie will, dass du uns Gesellschaft leistest und ein Glas Wein trinkst.«
»Papa, du weißt, dass ich dem Herrn versprochen habe, nie zu trinken.«
»Das musst du mit ihr ausmachen. Sie will heute feiern. Wir verkaufen und ziehen nach Omaha.«
»Nein!«
»Na … wir werden sehen. Eigentlich hängt das von dir ab, mein Sohn. Komm mit auf die Veranda.«
Seine Mutter stand schwankend auf, als sie ihn sah, umschlang ihn an den Hüften, drückte sich viel zu fest an ihn und bedeckte sein Gesicht übertrieben mit Küssen. Mit unangenehm riechenden, wie seine Grimasse zeigte. Der Hinterhältige füllte inzwischen ihr mittlerweile leeres Weinglas.
»Endlich sind wir alle zusammen! Meine Männer haben Vernunft angenommen!« Sie hob ihr Glas zu einem Trinkspruch, kippte sich dabei aber einen guten Schuss Wein über den Busen. Sie blinzelte mir zu und lachte. »Wenn du brav bist, Wilf, darfst du ihn später aus dem Stoff saugen.«
Henry beobachtete sie mit verwirrtem Abscheu, als sie sich wieder in den Schaukelstuhl fallen ließ, den Rock etwas hochzog und ihn sich zwischen die Beine steckte. Sie sah seinen Blick und lachte.
»Sei bloß nicht so zimperlich. Ich hab dich mit Shannon Cotterie gesehen. Ein kleines Flittchen, aber sie hat schönes Haar und eine nette kleine Figur.« Sie kippte den Rest ihres Weins und rülpste. »Wenn du nichts davon abkriegst, bist du ein Dummkopf. Aber sei bloß vorsichtig! Mit vierzehn ist man nicht zu jung zum Heiraten. Hier draußen in der Mitte ist man mit vierzehn noch nicht mal zu jung, um die eigene Cousine zu heiraten.« Sie lachte nochmals und hielt mir ihr Glas hin. Ich schenkte aus der zweiten Flasche nach.
»Papa, sie hat genug«, sagte Henry so missbilligend wie ein Pastor. Über uns erschienen die ersten flimmernden Sterne über der ebenen weiten Leere, die ich mein Leben lang geliebt habe.
»Ach, ich weiß nicht«, sagte ich. »In vino veritas, das sagt Plinius der Ältere … in einem dieser Bücher, über die deine Mutter immer spottet.«
»Hand den ganzen Tag am Pflug, Nase die ganze Nacht in einem Buch«, sagte Arlette. »Außer wenn er was anderes in mir hat.«
»Mama!«
»Mama!«, äffte sie ihn nach, dann hob sie ihr Glas in Richtung Harlan Cotteries Farm, die jedoch zu weit entfernt war, als dass wir ihre Lichter hätten sehen können. Weil der Mais jetzt hoch war, hätten wir sie nicht einmal sehen können, wenn sie eine Meile näher gewesen wäre. Wenn der Sommer in Nebraska Einzug hält, ist jedes Farmhaus ein Schiff auf einem weiten grünen Meer. »Ich trinke auf Shannon Cotterie und ihre unberührten Tittchen, und wenn mein Sohn nicht schon die Farbe ihrer Brustwarzen kennt, ist er ein Spätzünder.«
Mein Sohn gab keine Antwort, aber was ich im Halbdunkel von seinem Gesicht ablesen konnte, ließ den Hinterhältigen frohlocken.
Sie wandte sich Henry zu, packte ihn am Arm und verschüttete dabei etwas Wein auf sein Handgelenk. Ohne auf sein angewidertes Maunzen zu achten, starrte sie ihn mit plötzlich grimmiger Miene an und sagte: »Aber wenn du mit ihr im Mais oder hinter der Scheune liegst, pass bloß auf, dass du kein Frühzünder bist.« Sie ballte die freie Hand zur Faust, reckte den Mittelfinger vor und benutzte ihn dazu, rasch einen Kreis um ihren Schritt zu steppen: linker Oberschenkel, rechter Oberschenkel, Bauch rechts, Nabel, Bauch links, dann zum linken Oberschenkel zurück. »Du darfst alles erforschen und mit deinem Johnny Mac daran herumreiben, bis er sich gut fühlt und spuckt, aber bleib vom Mittelpunkt weg, sonst findest du dich eines Tages lebenslänglich gefangen – genau wie deine Mama und dein Daddy.«
Er stand auf und ging, weiterhin wortlos, was ich ihm nicht verübeln konnte. Selbst für Arlette war das eine höchst ordinäre Vorstellung gewesen. Er musste gesehen haben, wie sie sich vor seinen Augen von seiner Mutter – eine schwierige, aber manchmal liebevolle Frau – in eine nach Fusel riechende Puffmutter verwandelte, die einem Freier, der noch grün hinter den Ohren war, Anweisungen gab. Alles schlimm genug, aber er liebte die kleine Cotterie, und das machte die Sache noch schlimmer. Sehr junge Männer müssen ihre erste Liebe einfach auf einen Sockel stellen, und sollte jemand vorbeikommen und auf diesen Ausbund von Tugend spucken … selbst wenn’s die eigene Mutter ist …
Ich hörte, wie er seine Tür zuknallte. Und leises, aber unverkennbares Schluchzen.
»Du hast seine Gefühle verletzt«, sagte ich.
Sie äußerte die Ansicht, Gefühle seien wie Gefälligkeit ein letzter Ausweg von Feiglingen. Dann streckte sie mir ihr Glas hin. Ich schenkte ihr nach und wusste dabei, dass sie am Morgen (immer vorausgesetzt, dass sie noch da war, um den Morgen zu begrüßen) nicht mehr wissen würde, was sie gesagt hatte, und es vehement leugnen würde, wenn ich es ihr erzählte. Ich hatte sie schon früher betrunken erlebt, wenn auch seit Jahren nicht mehr so sehr.
Wir leerten die zweite Flasche (sie allein) und die Hälfte der dritten, bevor ihr das Kinn auf den weinfleckigen Busen sank und sie zu schnarchen begann. Die aus ihrer eingeengten Kehle kommenden Schnarchlaute klangen wie das Knurren eines gereizten Hundes.
Ich legte ihr einen Arm um die Schultern, hakte eine Hand unter ihre Achsel und zog sie hoch. Sie murmelte protestierend und schlug mit einer stinkenden Hand schwach nach mir. »La’ mich’n Ruh. Will jetz’ schlaf’m.«
»Das sollst du auch«, sagte ich. »Aber in deinem Bett, nicht auf der Veranda.«
Ich führte sie – wobei sie torkelte und schnaufte, ein Auge geschlossen, das andere trüb starrend aufgerissen – durchs Wohnzimmer. Henrys Tür öffnete sich. Er stand auf der Schwelle, sein Gesicht ausdruckslos und viel älter, als er in Wirklichkeit war. Er nickte mir zu. Nur ein einziges kurzes Senken des Kopfs, aber es sagte mir alles, was ich wissen musste.
Ich legte sie aufs Bett, zog ihr die Schuhe aus und ließ sie mit gespreizten Beinen und einer über den Matratzenrand baumelnden Hand weiterschnarchen. Dann ging ich ins Wohnzimmer zurück, wo ich Henry neben dem Radio stehend vorfand, zu dessen Anschaffung Arlette mich im Vorjahr gedrängt hatte.
»Sie darf nicht solche Sachen über Shannon sagen«, flüsterte er.
»Aber sie wird’s tun«, sagte ich. »So ist sie eben, so hat der Herr sie geschaffen.«
»Und sie kann Shannon und mich schon gar nicht auseinanderbringen.«
»Doch, auch das wird sie tun«, sagte ich. »Wenn wir sie lassen.«
»Könntest du … Papa, könntest du dir nicht selbst einen Anwalt nehmen?«
»Glaubst du, dass irgendein Anwalt, den ich mir mit meinem bisschen Geld auf der Bank leisten könnte, den Anwälten gewachsen ist, die Farrington gegen uns aufbieten wird? Die schwingen hier in der Hemington County den Hammer; ich schwinge nur eine kleine Sichel, um Heu zu mähen. Die wollen diese 70 Hektar, und sie will sie denen verschaffen. Es gibt keinen anderen Ausweg, aber du musst mir helfen. Tust du’s?«
Er sagte lange nichts. Er senkte den Kopf, und ich sah Tränen aus seinen geschlossenen Augen auf den Häkelteppich tropfen. Dann flüsterte er: »Ja. Aber wenn ich zusehen muss … Ich weiß nicht, ob ich das kann …«
»Du kannst helfen, ohne zusehen zu müssen. Geh in den Schuppen und bring mir einen Rupfensack.«
Er tat, was ich verlangte. Ich ging in die Küche und holte ihr schärfstes Fleischermesser. Als er mit dem Sack zurückkam und das Messer sah, wurde er blass. »Muss es damit sein? Kannst du sie nicht … mit einem Kissen …«
»Das wäre zu langsam und zu qualvoll«, sagte ich. »Sie würde sich wehren.« Er akzeptierte das, als hätte ich vor meiner Ehefrau bereits ein Dutzend anderer Frauen umgebracht und wüsste deshalb Bescheid. Aber dem war nicht so. Ich wusste nur, dass ich in all meinen unausgegorenen Plänen für diesen Augenblick – sozusagen in meinen Tagträumen davon, sie loszuwerden – immer das Messer gesehen hatte, das ich jetzt in der Hand hielt. Also musste es das Messer sein. Das Messer oder nichts.
Wir standen im Licht der Petroleumlampen da – in Hemingford Home würde es außer durch Stromaggregate erzeugte Elektrizität erst 1928 geben – und starrten uns an, während die große Nachtstille, die dort draußen am Ende der Welt existiert, nur von ihrem hässlichen Schnarchlauten gestört wurde. Trotzdem war etwas Drittes im Raum anwesend: ihr unbarmherziger Wille, der unabhängig von der Frau selbst existierte (ich glaubte ihn damals zu spüren; heute, 8 Jahre später, bin ich mir dessen sicher). Dies ist eine Gespenstergeschichte, nur war der Geist schon da, bevor seine Besitzerin gestorben war.
»Also gut, Papa. Wir wollen … wir wollen sie in den Himmel schicken.« Henrys Miene hellte sich bei diesem Gedanken auf. Wie grässlich mir das jetzt erscheint, vor allem wenn ich bedenke, wie er später endete.
»Es geht schnell«, sagte ich. Als Junge und Mann hatte ich fünfzehn Dutzend Schweinen die Kehle durchgeschnitten und dachte deshalb, es würde schnell gehen. Aber ich irrte mich.
Ich will es kurz machen. In meinen schlaflosen Nächten – und davon gibt es viele – läuft alles immer wieder in quälender Langsamkeit vor mir ab, jedes Umsichschlagen und jedes Röcheln und jeder Tropfen Blut, deshalb will ich’s kurz machen.
Wir gingen ins Schlafzimmer, ich mit dem Fleischermesser in der Hand voraus, dann mein Sohn mit dem Rupfensack. Wir schlichen auf Zehenspitzen, aber wir hätten auch mit Pauken und Trompeten hineinmarschieren können, ohne sie zu wecken. Ich machte Henry ein Zeichen, sich rechts von mir an ihren Kopf zu stellen. Nun konnten wir außer ihrem Schnarchen auch das Ticken des Big-Ben-Weckers auf ihrem Nachttisch hören, und mir kam ein seltsamer Gedanke: Wir glichen Ärzten, die am Totenbett eines wichtigen Patienten standen. Allerdings glaube ich, dass Ärzte an Totenbetten im Allgemeinen nicht vor Angst und Schuldbewusstsein zittern.
Bitte lass sie nicht stark bluten, dachte ich. Lass den Sack das Blut aufsaugen. Noch besser: Lass Henry jetzt, in letzter Minute, einen Rückzieher machen.
Aber das tat er nicht. Vielleicht dachte er, ich würde ihn dafür hassen; vielleicht hatte er sich damit abgefunden, sie in den Himmel befördern zu müssen; vielleicht dachte er an diesen obszönen Mittelfinger, der einen Kreis um ihren Schritt steppte. Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass er »Leb wohl, Mama« flüsterte und ihr den Rupfensack über den Kopf warf.
Sie schnaubte und versuchte sich wegzudrehen. Ich hatte vorgehabt, unter den Sack zu greifen, um meine Arbeit zu tun, aber Henry musste sich darüberbeugen, um sie festzuhalten, so dass ich das nicht konnte. Ich sah, wie ihre Nase sich unter dem Rupfen wie die Rückenflosse eines Hais abzeichnete. Ich sah auch die beginnende Panik auf seinem Gesicht und wusste, dass er nicht lange durchhalten würde.
Ich stemmte ein Knie aufs Bett und legte eine Hand auf ihre Schulter. Dann zerschnitt ich den Sack und die Kehle darunter. Blut quoll durch den Schlitz in dem groben Rupfen. Ihre Hände kamen hoch und fuchtelten ins Leere. Henry torkelte mit einem hohen, dünnen Aufschrei vom Bett weg. Ich bemühte mich, sie festzuhalten. Sie zerrte mit den Händen an dem Sack, aus dem weiter das Blut strömte, und ich zerschnitt ihr drei Finger bis auf den Knochen. Sie kreischte wieder – ein Laut, so dünn und scharf wie ein Eissplitter -, und die Hand fiel zur Seite, um auf der Tagesdecke weiterzuzucken. Ich schnitt einen weiteren blutenden Schlitz in den Rupfen und noch einen und noch einen. Insgesamt fünf Schnitte, bevor sie mich mit der unverletzten Hand wegschob und sich den Sack vom Gesicht riss. Sie konnte sich nicht ganz davon befreien – er verfing sich in ihrem Haar -, so dass sie ihn wie ein Haarnetz trug.
Mit den ersten beiden Schnitten hatte ich ihr die Kehle aufgeschlitzt, beim ersten Mal tief genug, um den Knorpel der Luftröhre sichtbar werden zu lassen. Mit den letzten beiden hatte ich ihr Wange und Mund aufgeschnitten, Letzteren so tief, dass sie nun ein Clownsgrinsen trug. Es reichte von einem Ohr zum anderen und ließ die Zähne sehen. Sie stieß ein gutturales, gedämpftes Brüllen aus, wie es ein Löwe zur Fütterungszeit hören lassen könnte. Das Blut spritzte aus ihrer Kehle bis zum Fußende der Tagesdecke. Ich weiß noch, wie ich dachte, dass es wie der Wein in dem Glas aussieht, das sie im letzten Tageslicht hochgehalten hatte.
Sie wollte vom Bett aufstehen. Ich war erst überrascht, dann aufgebracht. Sie hatte mir während unserer Ehe immer nur Ärger gemacht und machte auch jetzt, bei unserer blutigen Scheidung, nichts als Ärger. Aber was hatte ich anderes erwartet?
»O Papa, mach, dass sie aufhört!«, kreischte Henry. »Mach, dass sie aufhört, o Papa, mach um Himmels willen, dass sie aufhört!«
Ich stürzte mich wie ein feuriger Liebhaber auf sie und drückte sie in ihr blutgetränktes Kopfkissen zurück. Tief aus ihrer zerfleischten Kehle kamen weitere dumpfe Knurrlaute. Ihre in den Höhlen rollenden Augen vergossen Ströme von Tränen. Ich schlang ihr Haar um meine Hand, riss ihr den Kopf zurück und durchschnitt ihr nochmals die Kehle.
Dann machte ich die Tagesdecke auf meiner Seite des Betts frei und wickelte sie ihr um den Kopf – jedoch zu spät, um den ersten aus ihrer Halsschlagader spritzenden Blutstrahl auffangen zu können. Dieser Strahl war mir ins Gesicht gegangen, so dass mir jetzt heißes Blut von Kinn, Nase und Augenbrauen tropfte.
Hinter mir verstummten Henrys Schreie. Ich drehte mich um und sah, dass Gott Erbarmen mit ihm gehabt hatte (vorausgesetzt, dass Er sich nicht von uns abgewandt hatte, als Er sah, was wir vorhatten): Er war ohnmächtig geworden. Ihr Umsichschlagen wurde schwächer. Schließlich lag sie still da … aber ich blieb ausgestreckt auf ihr und drückte sie auf die Tagesdecke, die nun mit ihrem Blut getränkt war. Ich erinnerte mich daran, dass sie nie etwas bereitwillig getan hatte. Und ich behielt recht. Nach dreißig Sekunden (die blecherne Uhr aus dem Versandhandel zählte sie ab) bäumte sie sich noch einmal auf und wölbte das Rückgrat diesmal so kräftig, dass sie mich fast abwarf. Ride’em, Cowboy, dachte ich. Vielleicht sagte ich es auch laut. Daran kann ich mich nicht mehr erinnern, so wahr mir Gott helfe. An alles andere, aber nicht daran.
Sie sank erschöpft zusammen. Ich zählte weitere dreißig blecherne Ticklaute, dann noch einmal dreißig, um ganz sicherzugehen. Auf dem Fußboden bewegte Henry sich und stöhnte. Erst schien er sich aufsetzen zu wollen, überlegte sich die Sache dann aber wohl anders. Er kroch in die entfernteste Ecke des Zimmers und rollte sich dort zu einer Kugel zusammen.
»Henry?«, sagte ich.
Nichts von der zusammengerollten Gestalt in der Ecke.
»Henry, sie ist tot. Sie ist tot, und ich brauche Hilfe.«
Wieder nichts.
»Henry, für eine Umkehr ist es jetzt zu spät. Die Tat ist geschehen. Wenn du nicht ins Gefängnis willst – und dein Vater nicht auf den elektrischen Stuhl soll -, musst du aufstehen und mir helfen.«
Er kam auf die Beine und torkelte in Richtung Bett. Die Haare waren ihm über die Brauen in die Augen gefallen; hinter den von Schweiß verklebten Locken glitzerten seine Augen wie die eines im Gebüsch lauernden Tieres. Er leckte sich immer wieder die Lippen.
»Tritt nicht in das Blut. Hier drinnen gibt’s viel mehr sauberzumachen, als ich wollte, aber das schaffen wir. Das heißt, wenn wir’s nicht im ganzen Haus verteilen.«
»Muss ich sie mir ansehen? Papa, muss ich sie mir ansehen?«
»Nein. Das muss keiner von uns.«
Wir wickelten sie ein und machten dadurch die Tagesdecke zu ihrem Leichentuch. Als wir damit fertig waren, wurde mir klar, dass wir sie so nicht aus dem Haus tragen konnten: In meinen unausgegorenen Plänen und Tagträumen hatte ich nicht mehr als einen dezenten Blutfaden an der Stelle der Tagesdecke gesehen, unter der ihre durchtrennte Kehle (ihre glatt durchtrennte Kehle) war. Die Wirklichkeit hatte ich nicht vorausgesehen, nicht einmal in Erwägung gezogen: In dem düsteren Raum war die weiße Tagesdecke schwärzlich purpurrot und leckte Blut, wie ein tropfnasser Schwamm Wasser abgibt.
Im Kleiderschrank lag ein Quilt. Ich musste unwillkürlich daran denken, was meine Mutter sagen würde, wenn sie sähe, wofür ihr liebevoll besticktes Hochzeitsgeschenk zweckentfremdet wurde. Ich breitete ihn auf dem Boden aus. Wir legten Arlette darauf. Dann wickelten wir sie ein.
»Schnell«, sagte ich. »Bevor auch der zu tropfen anfängt. Nein … warte … hol eine Lampe.«
Er blieb so lange fort, dass ich schon befürchtete, er wäre weggelaufen. Dann sah ich einen Lichtschein den kurzen Flur entlanghuschen, der an Henrys Zimmer vorbei in das Schlafzimmer führte, das Arlette und ich uns teilten. Uns geteilt hatten. Ich konnte die Tränen sehen, die ihm über das wachsbleiche Gesicht liefen.
»Stell sie auf die Kommode.«
Er stellte die Lampe neben das Buch, das ich gerade las: Hauptstraße von Sinclair Lewis. Ich habe es nie zu Ende gelesen; ich konnte es nicht ertragen, das zu tun. Im Lampenlicht zeigte ich ihm die Blutflecken auf dem Boden und die große Lache unmittelbar neben dem Bett.
»Aus dem Quilt tropft auch welches«, sagte er. »Hätte ich gewusst, wie viel Blut sie in sich hat …«
Ich zog meinen Kopfkissenbezug ab und streifte ihn über das untere Ende des Quilts wie einen Strumpf über ein blutendes Schienbein. »Nimm ihre Füße«, sagte ich. »Was jetzt kommt, müssen wir gleich erledigen. Und werd nicht wieder ohnmächtig, Henry, allein schaff ich’s nämlich nicht.«
»Ich wollte, das alles wäre nur ein Traum«, sagte er, aber er bückte sich und umschlang das Ende des Quilts mit den Armen. »Glaubst du, es könnte ein Traum sein, Papa?«
»Heute in einem Jahr, wenn alles hinter uns liegt, werden wir’s für einen halten.« Irgendwie glaubte ich das sogar. »Schnell jetzt. Bevor der Kissenbezug zu tropfen anfängt. Oder der restliche Quilt.«
Wie Möbelpacker, die ein in einen Teppich gewickeltes Möbelstück schleppten, trugen wir sie den Flur entlang, durchs Wohnzimmer und dann zur Haustür hinaus. Ich atmete auf, sobald wir die Verandatreppe hinunter waren; Blutspuren auf dem Hof ließen sich leichter beseitigen.
Henry hielt sich gut, bis wir um die Ecke des Kuhstalls bogen und der alte Brunnen in Sicht kam. Er war von eingerammten Zaunlatten umgeben, damit niemand versehentlich auf den Holzdeckel trat, mit dem er verschlossen war. Im Sternenschein wirkten diese Stecken trostlos grausig, und Henry ließ bei ihrem Anblick einen erstickten kleinen Schrei hören.
»Das ist kein Grab für eine Mam… ma…« Mehr brachte er nicht heraus, bevor er ohnmächtig in das hinter dem Stall wuchernde Gestrüpp sank. Plötzlich musste ich das ganze Gewicht meiner ermordeten Frau allein tragen. Ich überlegte kurz, ob ich das groteske Bündel so lange ablegen sollte – die Stofflagen waren verrutscht, und die zerschnittene Hand schaute heraus -, bis ich Henry wiederbelebt hatte. Wahrscheinlich war es barmherziger, ihn liegen zu lassen. Also schleifte ich sie allein an den Brunnenrand, legte sie ab und stemmte den Holzdeckel hoch. Als ich ihn an zwei Zaunlatten lehnte, atmete der Brunnen mir ins Gesicht: ein Pesthauch aus stehendem Wasser und verfaulendem Unkraut. Ich kämpfte gegen einen Brechreiz an und verlor. An zwei weitere Latten geklammert, um das Gleichgewicht zu halten, knickte ich den Oberkörper ab und gab mein Abendessen von mir und den wenigen Wein, den ich getrunken hatte. Vom schlammigen Wasser der Brunnensohle echote ein Platschen herauf. Wie der Gedanke Ride’em, Cowboy ist dieses Platschen in den vergangenen acht Jahren stets in Reichweite meiner Erinnerung geblieben. Ich wache mitten in der Nacht mit dem Echo im Kopf auf und spüre, wie sich mir die Splitter der Holzlatten in die Handflächen bohren, während ich sie umklammere, als ginge es um mein Leben.
Ich wich vom Brunnenrand zurück, fiel über das Bündel, das Arlette enthielt, und landete neben ihr. Die zerschnittene Hand hatte ich dicht vor Augen. Ich schob sie in den Quilt zurück und tätschelte sie dann, als wollte ich Arlette trösten. Henry lag weiterhin mit dem Kopf auf einem Arm gebettet im Gestrüpp. Er sah wie ein Kind aus, das nach einem anstrengenden Erntetag schläft. Über uns glitzerten die Sterne zu Tausenden und Abertausenden. Ich konnte die Sternbilder sehen – Orion, Kassiopeia, Großer und Kleiner Wagen -, die mein Vater mir erklärt hatte. In der Ferne ließ Rex, der Hund der Cotteries, ein kurzes Bellen hören, verstummte dann aber wieder. Ich weiß noch, wie ich dachte: Diese Nacht wird niemals enden. Und das stimmte. In gewisser Hinsicht hat sie das niemals getan.
Als ich das Bündel mit den Armen hochhob, zuckte es.
Ich erstarrte und hielt trotz meines hämmernden Herzens den Atem an. Das hast du gar nicht gespürt, dachte ich. Ich wartete, ob es sich wiederholte. Oder ob ihre Hand sich vielleicht aus dem Quilt stahl, um mit den zerschnittenen Fingern mein Handgelenk zu umklammern.
Es passierte jedoch nichts mehr. Ich hatte mir alles nur eingebildet. Bestimmt hatte ich das. Also kippte ich sie in den Brunnen. Ich sah, wie der Quilt an dem nicht vom Kissenbezug zusammengehaltenen Ende aufging, und dann kam das Platschen. Ein viel lauteres Platschen, als es mein Erbrochenes gemacht hatte, aber zugleich auch ein quatschender Aufprall. Ich hatte gewusst, dass das Wasser dort unten nicht tief war, aber gehofft, es würde tief genug sein, um sie zu bedecken. Dieser Aufprall sagte mir, dass das nicht der Fall war.
Hinter mir setzte ein hohes, sirenenartig schrilles Lachen ein: dem Wahnsinn so nahe, dass mir ein eisiger Schauder eine Gänsehaut über den Rücken laufen ließ. Henry war zu sich gekommen und hatte sich aufgerappelt. Nein, viel mehr als nur das. Er hüpfte hinter dem Kuhstall umher, schwenkte die Arme unter dem Sternenhimmel und lachte dabei.
»Mama drunten im Brunnen, und mir ist’s egal!«, lautete sein Singsang. »Mama drunten im Brunnen, und mir ist’s egal, denn mein Meister ist fo-oort!«
Ich war mit drei Schritten bei ihm, schlug ihm mit voller Wucht ins Gesicht und hinterließ blutige Fingerabdrücke auf einer glatten Wange, die noch kein Rasiermesser kannte. »Halt den Mund! Deine Stimme trägt weit! Unsere … Hörst du, Dummkopf? Jetzt kläfft der verdammte Köter wieder.«
Rex bellte einmal, zweimal, dreimal. Danach Stille. Wir standen da, wobei ich Henrys Schultern umklammerte und den Kopf leicht geneigt hielt. Der Schweiß lief mir ins Genick. Rex blaffte noch einmal, dann ließ er es bleiben. Falls einer der Cotteries davon aufgeschreckt worden war, würde er glauben, dass es einem Waschbären gegolten hatte. Das hoffte ich zumindest.
»Geh ins Haus«, sagte ich. »Das Schlimmste ist überstanden.«
»Wirklich, Papa?« Er sah mich ernst an. »Ist es das?«
»Ja. Alles in Ordnung mit dir? Wirst du noch mal ohnmächtig?«
»War ich das?«
»Ja.«
»Mir fehlt nichts. Ich bin nur … Ich weiß nicht, warum ich so gelacht habe. Ich war durcheinander. Wahrscheinlich aus Erleichterung. Es ist vorbei!« Ein Kichern entkam ihm, und er schlug sich wie ein kleiner Junge, der vor seiner Großmutter versehentlich ein schlimmes Wort gebraucht hat, beide Hände vor den Mund.
»Ja«, sagte ich. »Es ist vorbei. Wir bleiben hier. Deine Mutter ist nach St. Louis weggelaufen … vielleicht war es auch Chicago … aber wir bleiben hier.«
»Sie …?« Sein Blick irrlichterte zum Brunnen mit dem Holzdeckel hinüber, der von zwei Latten gestützt wurde, die im Sternenschein irgendwie trostlos grausig wirkten.
»Ja, Hank, das ist sie.« Seine Mutter hasste es, wenn ich ihn Hank nannte, weil es ihrer Meinung nach ordinär war, aber jetzt konnte sie nichts mehr dagegen machen. »Hat uns einfach sitzenlassen. Das tut uns natürlich leid, aber inzwischen kann die Arbeit nicht warten. Auch die Schule nicht.«
»Und ich kann weiter … mit Shannon befreundet bleiben?«
»Natürlich«, sagte ich. Vor meinem inneren Auge sah ich wieder, wie Arlettes Mittelfinger seinen lüsternen Kreis um ihren Schritt steppte. »Natürlich kannst du das. Aber solltest du jemals den Drang verspüren, Shannon alles zu gestehen…«
Auf seinem Gesicht erschien ein entsetzter Ausdruck. »Niemals!«
»Das glaubst du jetzt, und ich bin froh darüber. Aber solltest du ihn eines Tages doch verspüren, musst du eines wissen: Sie würde davonlaufen.«
»Klar würde sie das«, murmelte er.
»Geh jetzt ins Haus, und hol die beiden Wascheimer aus der Speisekammer. Am besten auch ein paar Milcheimer aus dem Stall. Füll sie an der Küchenpumpe, und schäum das Wasser mit dem Zeug auf, das sie in der Küche unter dem Ausguss hat.«
»Soll ich das Wasser heiß machen?«
Ich hörte meine Mutter sagen: Für Blut immer kaltes Wasser, Wilf. Denk daran.
»Nicht nötig«, sagte ich. »Ich komme nach, sobald ich den Deckel wieder geschlossen habe.«
Er wollte sich schon abwenden, packte mich aber stattdessen am Arm. Seine Hände waren erschreckend kalt. »Das darf nie jemand erfahren!«, flüsterte er mir heiser ins Gesicht. »Was wir getan haben, darf nie jemand erfahren!«
»Das erfährt auch niemand«, sagte ich, was weit kühner klang, als mir zumute war. Einiges war schon fehlgeschlagen, und ich erkannte allmählich, dass eine Tat etwas ganz anderes war, als sie nur zu erträumen.
»Sie kommt nicht zurück, stimmt’s?«
»Was?«
»Sie wird uns doch in Ruhe lassen, oder?« Nur sprach er lassen auf jene ländliche Weise aus, bei der Arlette den Kopf geschüttelt und die Augen verdreht hätte. Erst jetzt, acht Jahre später, fällt mir auf, wie sehr lassen wie hassen klingt.
»Ja«, sagte ich.
Aber ich irrte mich.
Ich sah in den Brunnen, und obwohl er nur 7 Meter tief war, konnte ich in jener Neumondnacht nur den blassen Fleck des Quilts ausmachen. Vielleicht war es auch der Kissenbezug. Ich schloss den Deckel wieder, rückte ihn etwas zurecht und ging dann ins Haus zurück. Ich versuchte, den gleichen Weg zu gehen, den wir mit unserem schrecklichen Bündel zurückgelegt hatten, und schlurfte absichtlich, um etwaige Blutspuren zu verwischen. Morgen früh würde ich bessere Arbeit leisten.
In jener Nacht fand ich etwas heraus, was die meisten Leute nie erfahren werden: Mord ist Sünde, Mord ist Verdammnis (ganz bestimmt für Geist und Verstand des Täters, selbst wenn die Atheisten recht haben und es kein Leben nach dem Tod gibt), aber Mord ist auch Arbeit. Wir schrubbten das Schlafzimmer, bis uns der Rücken wehtat, dann machten wir mit dem Flur, dem Wohnzimmer und zuletzt der Veranda weiter. Immer wenn wir glaubten, fertig zu sein, fand einer von uns einen weiteren Blutfleck. Als im Osten der Tag heraufdämmerte, war Henry im Schlafzimmer auf allen vieren, um die Ritzen zwischen den Fußbodenbrettern zu säubern, und ich war im Wohnzimmer auf den Knien dabei, Arlettes Häkelteppich Quadrat für Quadrat nach dem einen Tropfen Blut abzusuchen, der uns verraten konnte. Der Teppich war sauber – in diesem Punkt hatten wir Glück gehabt -, aber neben ihm entdeckte ich einen fingernagelgroßen Blutfleck. Ich wischte ihn weg und ging dann ins Schlafzimmer zurück, um zu sehen, wie Henry zurechtkam. Er fühlte sich inzwischen offenbar besser, und auch ich fühlte mich besser. Das mochte an dem einsetzenden Tageslicht liegen, das unsere schlimmsten Ängste stets zu zerstreuen scheint. Als unser Hahn George erstmals an diesem Tag herzhaft krähte, fuhr Henry jedoch zusammen. Dann lachte er. Es war ein kurzes Lachen, mit dem noch immer etwas nicht in Ordnung war, aber es jagte mir nicht solche Angst ein wie sein Lachen, als er draußen zwischen Stall und Brunnenrand wieder zu Bewusstsein gekommen war.
»Ich kann heute nicht in die Schule gehen, Papa. Ich bin zu müde. Und … ich glaube, dass die Leute es auf meinem Gesicht sehen würden. Vor allem Shannon.«
Die Schule hatte ich völlig vergessen, was ein weiterer Beweis für halbgare Planung war. Für bescheuerte Planung. Ich hätte die Tat bis zu den Sommerferien der County School verschieben sollen. Das hätte lediglich bedeutet, eine Woche länger zu warten. »Du kannst bis Montag zu Hause bleiben; dann erzählst du der Lehrerin, dass du die Grippe hattest und nicht die ganze Klasse anstecken wolltest.«
»Ich hab zwar keine Grippe, aber ich bin wirklich krank.«
Das war ich auch.
Wir hatten ein sauberes Laken aus ihrem Wäscheschrank (so viele Dinge in diesem Haus gehörten ihr … aber das war einmal) ausgebreitet und das blutige Bettzeug darauf gestapelt. Auch die Matratze war natürlich blutig und musste weg. Im Schuppen gab es noch eine andere, nicht so gute. Ich machte ein Bündel aus der Bettwäsche, und Henry trug die Matratze. Wir gingen wieder zum Brunnen hinaus, kurz bevor die Sonne über dem Horizont erschien. Der Himmel über uns war wolkenlos. Für den Mais würde es ein guter Tag werden.
»Ich kann da nicht reinsehen, Papa.«
»Das brauchst du auch nicht«, sagte ich und stemmte den Holzdeckel wieder hoch. Ich überlegte mir, dass ich ihn gleich hätte offen lassen sollen – Vorausdenken spart Arbeit, hatte mein Papa immer gesagt -, und wusste gleichzeitig, dass ich das nie gekonnt hätte. Nicht nach dem letzten schwachen Zucken, das ich gespürt (oder mir eingebildet) hatte.
Jetzt konnte ich den Boden sehen, und was ich sah, war furchtbar. Sie war mit zerschmetterten Beinen unten aufgekommen und saß aufrecht kauernd da. Der Kissenbezug war aufgeplatzt und lag auf ihrem Schoß. Der Quilt und die Tagesdecke waren aufgegangen und nun wie ein raffinierter Überwurf um ihre Schultern drapiert. Der weiterhin an ihrem Kopf hängende Rupfensack, der ihr Haar wie ein Netz zusammenhielt, vervollständigte das Bild: Sie sah beinahe so aus, als hätte sie sich zum abendlichen Ausgehen in die Stadt feingemacht.
Ja! Ein Abend in der Stadt! Deshalb bin ich so glücklich! Deshalb grinse ich von einem Ohr zum anderen! Und fällt dir auf, wie rot mein Lippenstift ist, Wilf? Dieses Rot würde ich niemals in der Kirche tragen, nicht wahr? Nein, das ist die Art Lippenstift, die eine Frau trägt, die mit ihrem Mann diese garstige Sache machen will. Komm runter, Wilf, lass dich nicht lange bitten. Halt dich nicht mit der Leiter auf, spring einfach! Zeig mir, wie scharf du auf mich bist! Du hast mir eine garstige Sache angetan, jetzt lass mich dir eine antun!
»Papa?« Henry stand mit dem Gesicht zum Stall und hochgezogenen Schultern wie ein Junge da, der Prügel erwartete. »Ist alles in Ordnung?«
»Ja.« Ich warf das Bündel Bettzeug hinunter und hoffte, dass es auf sie fallen und dieses schreckliche nach oben gerichtete Grinsen verdecken würde, aber ein zufälliger Luftzug ließ es stattdessen auf ihrem Schoß landen. Jetzt schien es, als säße sie in einer seltsamen blutgetränkten Wolke.
»Ist sie zugedeckt? Ist sie zugedeckt, Papa?«
Ich packte die Matratze und kippte sie hinein. Sie landete stehend in dem schlammigen Wasser, fiel dann gegen die rund gemauerte Brunnenwand und bildete ein kleines schräges Schutzdach über ihr, das wenigstens den zurückgeworfenen Kopf und das blutige Grinsen verbarg.
»Jetzt ist sie’s.« Ich legte den alten Holzdeckel an seinen Platz zurück und wusste, dass hier weitere Arbeit wartete: Der Brunnen musste aufgefüllt werden. Ach, aber das war ohnehin längst überfällig. Der baufällige alte Brunnen stellte eine Gefahr dar, weshalb ich ja auch ringsum die Holzlatten eingerammt hatte. »Komm, wir gehen ins Haus und frühstücken.«
»Ich kann keinen einzigen Bissen runterkriegen!«
Aber er konnte. Wir konnten es beide. Ich briet Eier, Speck und Kartoffeln, und wir aßen alles auf. Schwere Arbeit macht hungrig, wie jedermann weiß.
Henry schlief bis spätnachmittags. Ich blieb wach. Einige dieser Stunden verbrachte ich am Küchentisch, wo ich eine Tasse schwarzen Kaffee nach der anderen trank. Ein paar Stunden verbrachte ich auch damit, durch den Mais zu gehen, eine Reihe hinauf, die nächste hinunter, und den schwertförmigen Blätter zu lauschen, wie sie in der leichten Brise raschelten. Wenn es Juni ist und der Mais herauskommt, scheint er fast zu reden. Das beunruhigt manche Leute (und es gibt Dummköpfe, die behaupten, es sei das Geräusch, mit dem der Mais wachse), aber ich habe dieses sanfte Rascheln immer als tröstlich empfunden. Es half mir, klar zu denken. Jetzt, wo ich in diesem Hotelzimmer in der Stadt sitze, fehlt es mir. Das Stadtleben ist kein Leben für einen Farmer; für solch einen Mann ist dieses Leben eine Art Verdammnis an sich.
Beichten, finde ich, ist auch harte Arbeit.
Ich schritt die Reihen ab, ich lauschte dem Mais, ich versuchte, einen Plan auszuhecken, und schließlich hatte ich einen. Das war auch nötig, nicht nur für mich selbst.
Es hatte eine Zeit gegeben, die noch keine 20 Jahre zurücklag, in der ein Mann in meiner Position sich keine Sorgen hätte zu machen brauchen; in jenen Tagen gingen die Angelegenheiten eines Mannes nur ihn selbst etwas an, vor allem wenn er ein geachteter Farmer war: ein Mann, der seine Steuern zahlte, sonntags in die Kirche ging, das Baseballteam Hemingford Stars unterstützte und zuverlässig die Republikaner wählte. Ich glaube, dass in jenen Tagen auf Farmen in unserem Gebiet, das wir »die Mitte« nannten, alle möglichen Dinge passierten. Dinge, die unkommentiert blieben und erst recht nicht angezeigt wurden. Damals galt die Ehefrau eines Mannes als dessen Angelegenheit, und wenn sie verschwand, war der Fall damit erledigt.
Aber diese Zeiten waren vorbei, und auch wenn sie es nicht gewesen wären, blieb die Sache mit dem Land. Mit den 70 Hektar. Die Farrington Company wollte das Land für ihren gottverdammten Schweineschlachthof. Arlette hatte sie in diesem Vorhaben bestärkt. Das bedeutete Gefahr, und Gefahr bedeutete, dass Tagträume und unausgegorene Pläne nicht länger genügen würden.
Als ich am frühen Nachmittag ins Haus zurückkehrte, war ich müde, aber endlich wieder ruhig und besonnen. Unsere wenigen Kühe muhten laut, weil ihre morgendliche Melkzeit weit überschritten war. Ich erledigte diese Arbeit und trieb sie dann auf ihre Weide hinaus, auf der ich sie bis Sonnenuntergang lassen würde, statt sie gleich nach dem Abendessen zum zweiten Melken wieder in den Stall zu holen. Ihnen war das egal; Kühe akzeptieren das, was ist