The Stand - Das letzte Gefecht - Stephen King - E-Book
Beschreibung

Über 1.500 Seiten Stephen King pur!


In einem entvölkerten Amerika versucht eine Handvoll Überlebende die Zivilisation zu retten. Ihr Gegenspieler ist eine mythische Gestalt, die man den Dunklen Mann nennt, eine Verkörperung des absolut Bösen. In der Wüste Nevada kommt es zum Entscheidungskampf um das Schicksal der Menschheit.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl:2327


Das Buch

Bei Experimenten zur biologischen Kriegführung kommt es in einem Labor des amerikanischen Verteidigungsministeriums zu einem Unfall. Ein tödliches Virus verbreitet sich in einer Kettenreaktion über das Land, und die »Supergrippe« dezimiert fast die gesamte Bevölkerung. Die Überlebenden haben unterschiedliche Ansichten, wie die Zivilisation aufrechtzuerhalten sei, und scharen sich um zwei sehr gegensätzliche Anführer: die über hundertjährige Mutter Abagail mit ihren göttlichen Visionen und den teuflischen Randall Flagg, den dunklen Mann. Es kommt zum alles entscheidenden letzten Gefecht zwischen Gut und Böse.

Der Autor

Stephen King, 1947 in Portland, Maine, geboren, ist einer der erfolgreichsten amerikanischen Schriftsteller. Bislang haben sich seine Bücher weltweit über 400 Millionen Mal in mehr als 50 Sprachen verkauft. Für sein Werk erhielt er zahlreiche Preise, darunter 2003 den Sonderpreis der National Book Foundation für sein Lebenswerk und 2015 mit dem »Edgar Allan Poe Award« den bedeutendsten kriminalliterarischen Preis für Mr. Mercedes. 2015 ehrte Präsident Barack Obama ihn zudem mit der National Medal of Arts. Seine Werke erscheinen im Heyne-Verlag.

Ein vollständiges Werkverzeichnis der lieferbaren Titel findet sich auf www.heyne.de.

The Stand

Das letzte Gefecht

Roman

Aus dem Amerikanischen vonHarro Christensen, Joachim Körber,Wolfgang Neuhaus

WILHELM HEYNE VERLAGMÜNCHEN

Die Originalausgabe erschien unter dem Titel

The Stand

bei Doubleday, New York

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Der Text wurde für diese Ausgabe anhand derOriginalausgabe letzter Hand neu durchgesehen.

Vollständige Taschenbuchausgabe 04/2016

Copyright © 1978, 1990 by Stephen King

Copyright © 1992 der deutschen Übersetzung byVerlagsgruppe Lübbe GmbH & Co. KG, Bergisch Gladbach

Copyright © 2015 der deutschsprachigen Ausgabe(neu durchgesehen) byWilhelm Heyne Verlag, München,in der Verlagsgruppe Random House GmbH,Neumarkter Straße 28, 81673 München

Covergestaltung: Hauptmann und Kompanie Werbeagentur, Zürich

Satz: Schaber Datentechnik, Austria

ISBN: 978-3-641-15343-4V003

Für Tabby

Diese dunkle Truhe voller Wunder

Vorbemerkung des Autors

The Stand – Das letzte Gefecht ist ein Produkt der Fantasie, wie das Thema an sich schon deutlich macht. Zahlreiche Geschehnisse spielen sich an tatsächlich existierenden Schauplätzen ab – zum Beispiel Ogunquit, Maine; Las Vegas, Nevada, und Boulder, Colorado –, aber ich habe mir bei diesen Schauplätzen die Freiheit genommen, sie so zu verändern, wie es mir für den Gang der Handlung richtig erschien. Ich hoffe, dass Leser, die an den genannten oder anderen im Roman geschilderten Schauplätzen wohnen, mir diese »monströse Anmaßung« (um Dorothy Sayers zu zitieren, die sich derlei Freiheiten auch stets in größerem Umfang nahm) nicht verübeln.

Andere Orte, zum Beispiel Arnette, Texas, und Shoyo, Arkansas, sind ebenso frei erfunden wie die Handlung selbst.

Besonderer Dank geht an Arztassistent Russell Dorr und Dr. Richard Herman, beide vom Bridgton Family Medical Center, die mich über die Eigenheiten der Grippe und ihre etwa zweijährlichen Mutationen aufgeklärt haben, und an Susan Artz Manning aus Castine fürs Gegenlesen des Originalmanuskripts.

Der größte Dank gilt Bill Thompson und Betty Prashker, die dieses Buch bestmöglich realisiert haben.

S. K.

Ein Vorwort in zwei Teilen

Teil 1: Vor dem Kauf lesen

Einiges müssen Sie von vornherein über diese Fassung von The Stand – Das letzte Gefecht wissen, bevor Sie die Buchhandlung verlassen. Daher hoffe ich, dass ich Sie noch rechtzeitig erwischt habe – im Idealfall, während Sie jetzt vor dem Buchstaben K der belletristischen Neuerscheinungen stehen, Ihre anderen Erwerbungen unter dem Arm, und dieses Buch aufgeschlagen vor sich haben. Mit anderen Worten: Ich hoffe, ich habe Sie erwischt, solange Sie Ihr Portemonnaie noch sicher in der Tasche haben. Bereit? Okay; danke. Ich verspreche, mich kurz zu fassen.

Erstens, das hier ist kein neuer Roman. Sollten Sie einer diesbezüglichen Fehleinschätzung unterliegen, so lassen Sie uns das hier und jetzt klarstellen, während Sie noch in sicherer Entfernung von der Registrierkasse sind, wo das Geld aus Ihrer Tasche in die meine fließt. The Stand – Das letzte Gefecht wurde ursprünglich vor mehr als zehn Jahren veröffentlicht.

Zweitens, dies ist keine brandneue, vollkommen andere Version des Romans, der als The Stand – Das letzte Gefecht erschienen ist. Sie werden feststellen, dass die alten Hauptfiguren sich im Wesentlichen genauso verhalten, und der Verlauf der Erzählung zweigt auch nicht an einer bestimmten Stelle von der alten Version ab und führt Sie, lieber treuer Leser, in eine völlig neue Richtung.

Diese Fassung von The Stand – Das letzte Gefecht ist eine Erweiterung des bereits erschienenen Romans. Wie gesagt werden Sie keine alten Bekannten treffen, die sich auf merkwürdige Weise anders verhalten, aber Sie werden feststellen, dass fast alle Figuren in dieser Originalfassung des Buches mehr gemacht haben, und wenn ich nicht der Meinung wäre, dass manches davon interessant ist – vielleicht sogar erhellend –, hätte ich diesem Projekt niemals zugestimmt.

Wenn Sie das nicht interessiert, sollten Sie dieses Buch nicht kaufen! Wenn schon geschehen, dann haben Sie hoffentlich den Kassenzettel behalten. Den will Ihre Buchhandlung sehen, andernfalls bekommen Sie weder eine Gutschrift noch Ihr Geld zurück.

Wenn diese erweiterte Fassung Sie aber interessiert, dann bitte ich Sie, mich ein Stückchen weiter zu begleiten. Ich habe Ihnen viel zu erzählen, und ich glaube, dort hinter der Ecke können wir uns besser unterhalten.

Im Dunkeln.

Teil 2: Nach dem Kauf lesen

Was jetzt kommt, ist weniger Vorwort als vielmehr eine Erklärung, warum diese neue Version von The Stand – Das letzte Gefecht überhaupt erscheint. Das Buch war in der bisherigen Form schon außerordentlich lang, und die vorliegende erweiterte Fassung wird von manchen – vielleicht von vielen – als Akt der Selbstgefälligkeit eines Autors angesehen werden, dessen Werke inzwischen so erfolgreich sind, dass er es sich leisten kann. Ich hoffe nicht, aber ich müsste schon verdammt dumm sein, wenn ich nicht wüsste, dass ich damit zu rechnen habe. Schließlich haben viele Kritiker schon die frühere Fassung als aufgebläht und überlang angesehen.

Ob das Buch von Anfang an zu lang war oder es in dieser Ausgabe geworden ist, diese Frage will ich dem einzelnen Leser überlassen. Ich möchte diese wenigen Zeilen nur nutzen und sagen, dass ich The Stand, wie es ursprünglich geschrieben wurde, nicht deshalb veröffentliche, um mir selbst oder einem bestimmten Leser einen Gefallen zu tun, sondern den vielen, die mich darum gebeten haben. Ich würde das Buch nicht in dieser Form anbieten, wenn ich nicht davon überzeugt wäre, dass die gestrichenen Passagen die Geschichte bereichern, und ich wäre ein Lügner, würde ich meine Neugier, wie das erweiterte Buch aufgenommen wird, nicht zugeben.

Ich möchte Ihnen die Entstehungsgeschichte von The Stand – Das letzte Gefecht hier ersparen – die Gedankengänge, die einen Roman hervorbringen, interessieren kaum jemand, abgesehen von angehenden Romanautoren. Sie neigen zu dem Glauben, dass es eine Geheimformel gebe, einen erfolgreichen Roman zu schreiben, aber die gibt es nicht. Man hat einen Einfall; an einer bestimmten Stelle klinkt sich ein anderer Einfall ein; man zieht eine oder mehrere Verbindungen zwischen ihnen; ein paar Figuren (anfangs normalerweise eher schattenhafte) bieten sich an; dem Schriftsteller fällt ein mögliches Ende ein (obwohl das tatsächliche Ende meistens anders ausfällt, als der Verfasser es sich vorgestellt hat); und irgendwann macht er sich mit Papier und Bleistift, einer Schreibmaschine oder einem Textcomputer an die Arbeit. Wenn ich gefragt werde: »Wie schreiben Sie?«, dann antworte ich darauf regelmäßig: »Ein Wort nach dem anderen«, und diese Antwort stößt ebenso regelmäßig auf Unglauben. Aber es ist so. Es hört sich zu einfach an, um wahr zu sein, aber denken Sie an die Chinesische Mauer, wenn Sie wollen: ein Stein nach dem anderen, Mann. Mehr nicht. Ein Stein nach dem anderen. Aber ich habe gelesen, dass man das Scheißding ohne Teleskop aus dem All sehen kann.

Falls es jemand doch interessiert: Die Geschichte wird im letzten Kapitel von Danse Macabre erzählt, einem geschwätzigen, aber benutzerfreundlichen Überblick über das Horror-Genre, den ich 1981 veröffentlicht habe. Das soll jetzt keine Werbung für das Buch sein; ich sage nur, dass die Story dort steht, wenn Sie sie lesen wollen, obwohl sie nicht etwa erzählt wird, weil sie an sich interessant wäre, sondern um ein völlig anderes Anliegen zu verdeutlichen.

Wichtig für das vorliegende Buch ist es, dass alles in allem etwa vierhundert Manuskriptseiten aus der endgültigen Fassung herausgekürzt worden waren. Der Grund dafür war nicht inhaltlicher Natur; wäre das der Fall, dann wäre ich damit zufrieden, das Buch sein Leben so leben und seinen letztlichen Tod so sterben zu lassen, wie es ursprünglich veröffentlicht wurde.

Die Streichungen waren auf Verlangen der Buchhaltung vorgenommen worden. Man rechnete die Herstellungskosten zusammen, verglich diese mit den Verkaufszahlen der Hardcoverausgaben meiner vorherigen vier Bücher und kam zum Ergebnis, dass ein Ladenpreis von 12,95 Dollar für den Markt das Äußerste sei (vergleicht das mal mit dem jetzigen Preis, Freunde und Nachbarn!). Ich wurde gefragt, ob ich die Kürzungen selbst vornehmen wolle oder es mir lieber sei, wenn jemand im Lektorat es mache. Widerwillig habe ich den chirurgischen Eingriff dann selbst vorgenommen. Ich glaube, gute Arbeit abgeliefert zu haben – jedenfalls für einen Schriftsteller, dem man gern Logorrhö vorwirft. Es gibt nur eine Stelle – die Reise des Mülleimermanns quer durch das Land von Indiana nach Las Vegas –, die mir in der ersten Fassung deutlich amputiert zu sein scheint.

Wenn also die Geschichte eigentlich komplett vorhanden ist, warum dann überhaupt die Mühe? Vielleicht doch aus Selbstgefälligkeit? Hoffentlich nicht; sollte das nämlich der Fall sein, hätte ich viel Lebenszeit vergeudet. Nun bin ich aber einmal der Meinung, dass das Ganze immer größer ist als die Summe seiner Teile. Wäre dem nicht so, dann wäre die nachfolgende Version von »Hänsel und Gretel« in jeder Hinsicht akzeptabel:

Hänsel und Gretel waren zwei Kinder mit einem lieben Vater und einer lieben Mutter. Die liebe Mutter starb, und der Vater heiratete eine Schlampe. Die Schlampe wollte die Kinder loswerden, damit sie mehr Geld für sich selbst ausgeben konnte. Sie brachte ihren feigen, matschköpfigen Manne dazu, Hänsel und Gretel in den Wald zu führen und umzubringen. Im letzten Augenblick überlegte der Vater der Kinder es sich anders und ließ sie leben, damit sie langsam im Wald verhungern konnten, anstatt schnell und barmherzig durch das Messer zu sterben. Beim Herumspazieren fanden die Kinder ein Haus aus Lebkuchen. Das gehörte einer Hexe, die auf Kannibalismus abfuhr. Sie sperrte die Kinder ein und kündigte an, sie zu verspeisen, sobald sie groß und fett geworden seien. Aber die Kinder zeigten ihr, was eine Harke war. Hänsel schubste sie in den Ofen. Sie fanden den Schatz der Hexe und zudem wohl eine Landkarte, fanden sie doch schließlich auch wieder nach Hause. Als sie dort ankamen, schickte Paps die Schlampe in die Wüste, und danach lebten sie alle glücklich. Ende.

Ich weiß nicht, was Sie davon halten, aber für mich ist diese Version ein Reinfall. Die Geschichte ist da, aber sie ist nicht elegant. Sie ist wie ein Cadillac, dessen Chromteile man entfernt und dessen Farbe man bis aufs stumpfe Metall abgeschmirgelt hat. Man kann damit fahren, aber er ist irgendwie nicht, na ja, geil.

Ich habe nicht die ganzen vierhundert gekürzten Seiten wieder eingefügt; es ist ein Unterschied, ob man etwas richtig renoviert oder einfach nur flickschustert. Ein Teil dessen, was beim Kürzen auf dem Boden des Schneideraums gelandet ist, verdiente es, auch dort zu bleiben. Andere Stellen, beispielsweise Frannies Begegnung mit ihrer Mutter am Anfang des Buches, bilden eine Bereicherung und verleihen eine Tiefe, die ich, als Leser, außerordentlich schätze. Kehren wir einen Moment zu »Hänsel und Gretel« zurück; wie vielleicht erinnerlich, verlangt die böse Stiefmutter von ihrem Mann, dass er ihr die Herzen der Kinder als Beweis dafür mitbringt, dass der unglückliche Holzfäller ihren Befehl ausgeführt hat. Der Holzfäller beweist einen letzten Überrest Intelligenz, indem er ihr die Herzen von zwei Kaninchen mitbringt. Oder man nehme die berühmte Spur aus Brotkrumen, die Hänsel hinter sich ausstreut, damit er und seine Schwester den Rückweg finden. Pfiffiges Kerlchen! Aber als er der Spur zurückfolgen will, muss er feststellen, dass Vögel die Krumen gefressen haben. Beides ist für die Handlung nicht von entscheidender Bedeutung, aber in gewisser Weise bildet es die Handlung – beides sind großartige, magische Versatzstücke des Geschichtenerzählens. Sie machen aus einem potenziell langweiligen Stück eine Geschichte, die seit über hundert Jahren Leser bezaubert und einen das Gruseln lehrt.

Ich habe so eine Ahnung, dass nichts, was ich neu eingefügt habe, so gut ist wie Hänsels Brotkrumenspur, aber ich habe immer bedauert, dass niemand außer mir und ein paar Leuten bei Doubleday je den Irren kennengelernt hat, der sich The Kid nennt … oder Zeuge wird, was ihm vor einem Tunnel zustößt, der wiederum ein Kontrapunkt zu einem anderen Tunnel ist – dem Lincoln-Tunnel in New York, den zwei Personen früher im Roman durchqueren müssen.

Hier also The Stand – Das letzte Gefecht, lieber treuer Leser, wie es gemäß den Vorstellungen seines Verfassers ursprünglich aus dem Ausstellungsraum rollen sollte. Alle Chromteile sind wieder montiert, ob gut oder schlecht. Der letzte Grund, warum ich diese Version präsentiere, ist der einfachste. Es ist zwar nie mein Lieblingsroman gewesen, aber den Leuten, die meine Bücher mögen, scheint er stets am besten zu gefallen. Wenn ich irgendwo einen Vortrag halte (was ich so selten wie möglich tue), sprechen mich die Leute immer auf The Stand – Das letzte Gefecht an. Sie sprechen von den Figuren, als wären es lebende Menschen, und manchmal fragen sie: »Was ist aus Soundso geworden?« … als würde ich ab und an Briefe von meinen Romanfiguren bekommen.

Ich werde unweigerlich gefragt, ob das Buch jemals verfilmt werden wird. Die Antwort lautet übrigens ja. Wird es ein guter Film? Ich weiß es nicht. Schlecht oder gut, Filme haben immer eine seltsam abschwächende Wirkung auf Fantasy-Werke (es gibt selbstverständlich Ausnahmen; Der Zauberer von Oz fällt einem da sofort ein). Bei Diskussionen verteilen die Leute endlos Rollen für die verschiedenen Figuren. Ich war immer der Meinung, Robert Duvall würde einen großartigen Randall Flagg abgeben, aber ich habe Leute schon Schauspieler wie Clint Eastwood, Bruce Dern und Christopher Walken vorschlagen hören. Sie klingen alle nicht schlecht, ebenso wie Bruce Springsteen einen interessanten Larry Underwood abgeben würde, sollte er sich jemals an der Schauspielerei versuchen (was er, wenn ich mir seine Videos so ansehe, ziemlich gut machen würde, glaube ich … trotzdem wäre mein persönlicher Favorit Marshall Crenshaw). Aber letztlich ist es vielleicht besser, wenn Stu, Larry, Glen, Frannie, Ralph, Tom Cullen, Lloyd und der dunkle Bursche nur dem Leser gehören, der sie sich durch die Linse der Fantasie in einer lebhaften, wechselhaften Form vorstellen kann, die keine Kamera nachempfinden könnte. Schließlich vermitteln Filme nur mit Tausenden von starren Fotos die Illusion der Bewegung. Die Fantasie dagegen fließt mit ihren eigenen Gezeiten. Filme, auch die besten, lassen die Literatur erstarren – wer sich je Einer flog über das Kuckucksnest angesehen und danach Ken Keseys Roman gelesen hat, wird feststellen, dass es schwer, wenn nicht sogar unmöglich ist, nicht das Gesicht von Jack Nicholson bei Randle Patrick McMurphy zu sehen. Das ist nicht zwangsläufig schlecht … aber es schränkt doch ein. Der Vorzug einer guten Geschichte liegt darin, dass sie grenzenlos und flüssig ist; eine gute Geschichte gehört jedem Leser auf seine spezielle Weise.

Und zu guter Letzt: Ich schreibe nur aus zwei Gründen – um mich und um andere zu erfreuen. Indem ich zu dieser langen Geschichte dunklen Christentums zurückgekehrt bin, ist mir hoffentlich beides gelungen.

24. Oktober 1989

Outside the street’s on fire

In a real death waltz

Between what’s flesh and what’s fantasy

And the poets down here

Don’t write nothing at all

They just stand back and let it all be

And in the quick of the night

They reach for their moment

And try to make a honest stand

But they wind up wounded

Not even dead

Tonight in Jungleland

BRUCE SPRINGSTEEN

And it was clear she couldn’t go on!

The door was opened and the wind appeared,

The candles flew and then disappeared,

The curtains blew and then he appeared,

Said, »Don’t be afraid,

Come on, Mary«,

And she had no fear

And she ran to him

And they started to fly …

She had taken his hand …

»Come on, Mary;

Don’t fear the Reaper!«

BLUE ÖYSTER CULT

WHAT’S THAT SPELL?

WHAT’S THAT SPELL?

WHAT’S THAT SPELL?

COUNTRY JOE AND THE FISH

DER KREIS ÖFFNET SICH

Wir brauchen Hilfe, dachte der Dichter.

EDWARD DORN

»Sally.«

Ein Grummeln.

»Wach jetzt auf, Sally.«

Ein lautes Grummeln: Lass mich schlafen.

Er schüttelte sie heftiger.

»Wach auf. Du musst aufwachen!«

Charlie.

Die Stimme von Charlie. Der sie wecken wollte. Wie lange schon?

Sally tauchte aus dem Schlaf hoch.

Ein kurzer Blick auf die Nachttischuhr zeigte ihr, dass es Viertel nach zwei Uhr war. Charlie hatte hier zu dieser nächtlichen Stunde nichts verloren; eigentlich müsste er im Dienst sein. Dann sah sie ihn zum ersten Mal richtig an, und irgendetwas schoss in ihr hoch, eine tödliche Intuition.

Ihr Mann war leichenblass. Die Augen waren aufgerissen und quollen aus den Höhlen. In der einen Hand hielt er die Autoschlüssel. Mit der anderen schüttelte er sie, obwohl sie die Augen längst aufgeschlagen hatte. Es war, als hätte er die Tatsache, dass sie wach war, irgendwie nicht registriert.

»Was ist denn, Charlie? Ist was passiert?«

Er schien nicht zu wissen, was er sagen sollte. Sein Adamsapfel ruckte angestrengt, aber außer dem Ticken der Uhr war in dem kleinen Firmenbungalow kein Laut zu hören.

»Brennt es irgendwo?« Eine dämliche Frage, aber eine andere Erklärung für seinen merkwürdigen Zustand wollte ihr nicht einfallen. Immerhin waren seine Eltern damals bei einem Hausbrand ums Leben gekommen.

»Irgendwie«, sagte er. »Irgendwie ist es schlimmer. Du musst dich anziehen, Liebling. Hol Baby LaVon. Wir müssen hier weg.«

»Aber warum?«, sagte sie und stand auf. Schwarze Angst hatte sie gepackt. Alles war auf einmal so merkwürdig. Wie in einem Traum. »Wohin? In den Garten?« Aber ihr war klar, dass er nicht den Garten meinte. Sie hatte Charlie noch nie so ängstlich gesehen. Sie holte tief Luft, konnte aber weder Rauch noch Feuer riechen.

»Sally, Liebling, stell keine Fragen. Wir müssen weg. Weit weg. Hol Baby LaVon, und zieh sie an.«

»Aber sollte ich nicht … Haben wir Zeit zu packen?«

Das schien ihm Einhalt zu geben, ihn irgendwie aus dem Gleis zu bringen. Sie hatte gedacht, ihre Furcht könnte kaum größer werden, aber da hatte sie sich wohl geirrt. Was sie bei ihm für Angst gehalten hatte, kam eher nackter Panik gleich. Er strich sich abwesend durchs Haar und antwortete: »Ich weiß nicht. Ich muss erst die Windrichtung prüfen.«

Mit dieser seltsamen Bemerkung, die ihr überhaupt nichts sagte, ließ er sie frierend und ängstlich und verwirrt barfüßig in ihrem Babydoll-Nachthemd dastehen. Es war, als hätte er den Verstand verloren. Was hatte die Windrichtung damit zu tun, ob sie Zeit zum Packen hatte oder nicht? Und was sollte überhaupt weit weg heißen? Reno? Vegas? Salt Lake City? Und …

Sie legte die Hand an den Hals, weil eine andere Erklärung sie durchfuhr.

Fahnenflucht. Dieser überstürzte nächtliche Aufbruch bedeutete, dass Charlie unerlaubt die Truppe verlassen wollte.

Sie ging in das kleine Zimmer, das als LaVons Kinderzimmer diente, stand einen Augenblick da und sah unentschlossen auf das schlafende Baby in seinem rosa Strampelanzug hinunter. Sie klammerte sich an die schwache Hoffnung, dass alles nichts weiter als ein außergewöhnlich lebhafter Traum war. Er würde vorbeigehen, sie würde morgens um sieben aufwachen, wie gewöhnlich, LaVon und sich selbst etwas zu essen machen und dabei die erste Stunde der Today-Show ansehen, und wenn Charlie um acht Uhr von der Arbeit kam, nachdem er wieder einmal seine Nachtschicht im Nordturm des Reservats abgesessen hatte, würde sie ihm Eier kochen. In zwei Wochen würde er wieder die Tagschicht übernehmen und nicht mehr so launisch sein, und wenn er nachts bei ihr schlief, würde sie keine verrückten Träume wie diesen mehr haben und …

»Beeil dich!«, zischte er sie an und machte ihre schwache Hoffnung zunichte. »Wir haben gerade noch Zeit, ein paar Sachen zusammenzukramen … Aber bei Gott, Frau, wenn du sie lieb hast …« Er deutete auf die Wiege. »… dann zieh sie an!« Er hustete nervös in die Hand, riss Sachen aus den Kommodenschubladen und warf sie achtlos in zwei alte Koffer.

Sie weckte Baby LaVon und beruhigte sie, so gut sie konnte; die Dreijährige quengelte verwirrt, weil sie mitten in der Nacht geweckt wurde, und als Sally ihr Unterhose, Bluse und eine Latzhose anzog, weinte die Kleine. Das Weinen versetzte Sally mehr in Angst als alles andere. Es erinnerte sie an die Anlässe, wenn LaVon, die normalerweise ein wahrer Engel war, geweint hatte: von Windeln wund gescheuert, beim Zahnen, bei Pseudokrupp oder Kolik. Als sie Charlie sah, der mit einem großen Bündel ihrer Unterwäsche in den Armen an der Tür vorbeistürmte, wandelte sich ihre Angst in Wut. BH-Träger wehten hinter ihm her wie die Luftschlangen von Silvestertröten. Er warf die Wäsche in einen der Koffer und klappte ihn zu. Der Saum ihres besten Slips hing heraus, und sie hätte wetten können, dass er zerrissen war.

»Was ist denn los?«, schrie sie, und ihre wütende Stimme hatte zur Folge, dass LaVon wieder in Tränen ausbrach, nachdem sie sich gerade erst zu einem leisen Schniefen beruhigt hatte. »Bist du übergeschnappt? Die schicken uns Soldaten hinterher, Charlie! Soldaten!«

»Heute Nacht nicht«, sagte er, und seine Stimme klang so überzeugt, dass es erschreckend war. »Und jetzt hör mal zu, Schatz. Wenn wir nicht schnellstens abhauen, kommen wir nie mehr aus dem Stützpunkt raus. Ich weiß nicht mal, wie ich es überhaupt geschafft habe, vom Turm wegzukommen. Das Sicherheitssystem war wohl defekt. Warum auch nicht? Das ganze verdammte System hat einen riesengroßen Defekt.« Und dann stieß er ein schrilles, irres Lachen aus, das ihr mehr Angst machte als alles andere zuvor. »Ist das Baby angezogen? Gut. Stopf ein paar von seinen Kleidern in den anderen Koffer. Den Rest in den blauen Beutel im Schrank. Und dann nichts wie weg hier. Ich glaube, wir kommen durch. Der Wind weht von Osten nach Westen. Wenigstens das, Gott sei Dank.«

Er hustete wieder in die Hand.

»Daddy!« Baby LaVon streckte ihm die Arme entgegen. »Will zu Daddy! Ja. Huckepack, Daddy! Huckepack! Ja!«

»Jetzt nicht«, sagte Charlie und verschwand in der Küche. Einen Augenblick später hörte Sally Geschirr klappern. Er holte ihr Erspartes aus der blauen Suppenschüssel auf dem obersten Regal. Dreißig oder vierzig Dollar, die sie, einen Dollar, manchmal nur einen halben, nach dem anderen gespart hatte. Ihr Haushaltsgeld. Also war es Wirklichkeit. Was auch immer geschehen war, es war Wirklichkeit.

LaVon, der von ihrem Vater – der ihr selten, wenn überhaupt je, etwas abschlug – der Huckepackritt verweigert worden war, fing wieder an zu weinen. Sally bemühte sich, ihr das leichte Jäckchen überzustreifen, dann stopfte sie den größten Teil ihrer Kleider achtlos in den Beutel. Allein der Gedanke, noch etwas anderes in den zweiten Koffer zu packen, war lächerlich. Er würde platzen. Sie musste darauf knien, damit sie die Schnallen zubekam. Sie dankte Gott, dass LaVon sauber war und dass sie keine Windeln mehr brauchten.

Charlie kam ins Schlafzimmer zurück, und jetzt rannte er tatsächlich. Er stopfte immer noch Dollarscheine in die Hosentasche. Sally hob LaVon auf. Das Baby war jetzt hellwach und hätte allein laufen können, aber Sally wollte es in den Armen halten. Sie bückte sich und hob den Beutel auf.

»Wohin dehn wir, Daddy?«, fragte LaVon. »Hab deslafn.«

»Baby kann im Auto weiterslafn«, sagte Charlie und packte die beiden Koffer. Der Saum von Sallys Slip flatterte. Seine Augen hatten immer noch diesen starren Ausdruck. Eine Ahnung, die zur Überzeugung wuchs, stieg in Sally auf.

»Ein Unfall?«, flüsterte sie. »O Jesus, Maria und Josef, es stimmt, nicht? Es war ein Unfall. Da draußen.«

»Ich habe eine Patience gelegt«, sagte er. »Ich habe aufgeblickt und festgestellt, dass die Uhr von Grün auf Rot gesprungen war. Ich habe den Monitor eingeschaltet. Sally, sie sind alle …«

Er verstummte und blickte in Baby LaVons Augen, die groß und neugierig waren, wenn auch immer noch verweint.

»Da unten sind alle T-O-T«, sagte er. »Alle bis auf einen oder zwei, und die sind inzwischen wahrscheinlich auch schon ab oder hinüber.«

»Was ist teh-oteh?«, fragte LaVon.

»Nicht wichtig, Schatz«, sagte Sally. Ihr war, als würde ihre Stimme aus einem langen Canyon ertönen.

Charlie schluckte. Etwas klickte in seinem Hals. »Wenn die Uhr auf Rot springt, müssten Magnetschlösser eigentlich alles abriegeln. Sie haben einen Chubb-Computer, der die ganze Anlage steuert, und der ist angeblich narrensicher. Ich habe gesehen, was auf dem Monitor ist, und da hab ich einen Satz zur Tür raus gemacht. Ich dachte, das verdammte Ding würde mich in zwei Teile schneiden. Die Tür hätte sie in dem Augenblick abschotten müssen, als die Uhr auf Rot umsprang, und ich weiß nicht, wie lange sie schon auf Rot stand, bevor ich aufgesehen und es bemerkt habe. Auf jeden Fall war ich schon fast beim Parkplatz, bis ich hörte, wie die Tür zuging. Wenn ich dreißig Sekunden später zur Uhr raufgeschaut hätte, dann wäre ich jetzt im Kontrollraum im Turm eingeschlossen wie ein Käfer im Glas.«

»Was ist es? Was …«

»Keine Ahnung. Ich will es auch gar nicht wissen. Ich weiß nur, dass es sie ruck, zuck um… – G-E-T-Ö-T-E-T hat. Wenn sie mich wollen, dann müssen sie mich fangen. Ich habe Gefahrenzulage bekommen, aber so viel bezahlen sie mir nicht, dass ich hierbleiben würde. Der Wind weht nach Westen. Wir fahren nach Osten. Komm jetzt.«

Immer noch im Halbschlaf, und in einem grässlichen Traum, folgte sie ihm in die Einfahrt, wo ihr zehn Jahre alter Chevy in der Wüstendunkelheit der kalifornischen Nacht langsam vor sich hin rostete.

Charlie warf die Koffer in den Kofferraum und den Beutel auf den Rücksitz. Sally stand einen Augenblick mit dem Baby auf dem Arm an der Beifahrertür und betrachtete den Bungalow, wo sie die letzten vier Jahre gelebt hatten. Als sie eingezogen waren, überlegte sie, war LaVon noch in ihrem Leib gewachsen und hatte alle Huckepackritte noch vor sich gehabt.

»Los doch!«, sagte er. »Steig ein, Frau!«

Sie gehorchte. Er stieß zurück, die Scheinwerfer des Chevys strahlten das Haus ganz kurz an. Ihre Spiegelbilder in den Fenstern sahen wie die Augen eines gejagten Tieres aus.

Er saß verkrampft über dem Lenkrad, sein Gesicht wirkte im trüben Schein des Armaturenbretts erschöpft. »Wenn die Tore des Stützpunkts geschlossen sind, versuche ich durchzubrechen.« Das war sein Ernst.

Aber zu derart verzweifelten Maßnahmen bestand kein Anlass. Die Tore des Stützpunkts standen offen. Ein Wachmann war über einer Zeitschrift eingenickt. Den anderen konnte sie nicht sehen; vielleicht war er im Wachlokal. Dies war der äußere Teil des Stützpunkts, ein ganz normales Fahrzeugdepot der Armee. Was im Zentrum des Stützpunkts vor sich ging, interessierte diese Burschen hier nicht.

Ich habe aufgesehen und festgestellt, dass die Uhr auf Rot geschaltet hatte.

Sie zitterte und legte ihm die Hand aufs Bein. Baby LaVon war wieder eingeschlafen. Charlie tätschelte ihre Hand: »Alles wird gut, Liebes.«

Bei Dämmerung fuhren sie nach Osten durch Nevada, und Charlie hustete ununterbrochen.

BUCH EINS

CAPTAIN TRIPS

16. Juni bis 4. Juli 1990

»I called the doctor on the telephone,

Said doctor, doctor, please,

I got this feeling, rocking and reeling,

Tell me, what can it be?

Is it some new disease?«

THE SYLVERS

»Baby, can you dig your man?

He’s a righteous man,

Baby, can you dig your man?«

LARRY UNDERWOOD

Kapitel 1

Hapscombs Texaco-Tankstelle lag an der US 93 ein Stück nördlich von Arnette, einem kleinen Kuhdorf mit vier Straßen, ungefähr 110 Meilen von Houston entfernt. Heute Abend saßen die Stammgäste neben der Registrierkasse, tranken Bier, redeten dummes Zeug und sahen zu, wie Nachtfalter gegen die große Leuchtreklame flogen.

Der Laden gehörte Bill Hapscomb, der aus diesem Grunde von den anderen respektiert wurde, obwohl er ein ausgemachter Trottel war. Sie hätten den gleichen Respekt erwartet, wenn man sich in ihren eigenen Läden zusammengesetzt hätte. Nur hatten sie keine. In Arnette waren schwere Zeiten ausgebrochen. 1980 hatte es in der Stadt zwei Industriebetriebe gegeben. Eine Fabrik, die Papierprodukte herstellte (hauptsächlich für Picknicks und Grillpartys), und eine Firma, die elektronische Taschenrechner herstellte. Inzwischen hatte die Papierfabrik dichtgemacht, und die Firma kränkelte vor sich hin – die Rechner ließen sich, genau wie die tragbaren Fernseher und Transistorradios, in Taiwan wesentlich billiger herstellen.

Norman Bruett und Tommy Wannamaker, die beide in der Papierfabrik gearbeitet hatten, lebten von der Sozialhilfe, weil ihre Arbeitslosenunterstützung vor einiger Zeit abgelaufen war. Henry Carmichael und Stu Redman arbeiteten beide in der Rechnerfirma, aber selten länger als dreißig Stunden die Woche. Victor Palfrey war Rentner und rauchte stinkende selbst gedrehte Zigaretten, weil er sich keine anderen leisten konnte.

»Ich will euch mal was sagen«, fing Hap an, stützte die Hände auf die Knie und beugte sich vor. »Wir Amerikaner müssen einfach sagen, scheiß auf die Inflation. Scheiß auf die Staatsverschuldung. Wir haben die Druckerpresse, und wir haben das Papier. Wir drucken einfach fünfzig Millionen Tausenddollarscheine und bringen sie in Umlauf.«

Palfrey, der bis 1984 Maschinenmeister gewesen war, hatte als einziger der Anwesenden so viel Selbstachtung, dass er Hap darauf aufmerksam machte, wenn dieser besonders dummes Zeug von sich gab. Er drehte sich gerade eine seiner stinkenden Zigaretten und sagte: »Das hilft uns überhaupt nichts. Wenn wir das tun, wird es genauso sein wie in Richmond in den letzten zwei Jahren des Bürgerkriegs. Wenn du dir damals Lebkuchen kaufen wolltest und dem Bäcker einen Dollar der Konföderierten gegeben hast, hat der den Schein auf den Lebkuchen gelegt und ein Stück von genau der Größe abgeschnitten. Geld ist nur Papier, wisst ihr.«

»Ich kenne ein paar Leute, die anderer Meinung sind«, sagte Hap giftig. Er nahm einen schmierigen roten Plastikschnellhefter vom Schreibtisch. »Diesen Leuten schulde ich Geld, und sie kriegen langsam ziemlich kalte Füße.«

Stuart Redman, vielleicht der schweigsamste Mann in Arnette, saß mit einer Dose Pabst in der Hand auf einem der gesprungenen Woolco-Plastikstühle und blickte durch das große Fenster der Tankstelle auf die 93 hinaus. Stu wusste, was es heißt, arm zu sein. Er war hier in dieser Stadt arm aufgewachsen, als Sohn eines Zahnarztes, der starb, als Stu sieben war, und neben Stu eine Frau und zwei weitere Kinder hinterließ.

Seine Mutter hatte beim Fernfahrerlokal Red Ball außerhalb von Arnette Arbeit gefunden – Stu hätte den Laden von seinem Platz aus sehen können, wenn dieser nicht 1979 abgebrannt wäre. Die vier hatten immer genug zu essen gehabt, mehr aber auch nicht. Mit neun Jahren hatte Stu angefangen zu arbeiten, zuerst für Rog Tucker, den Inhaber vom Red Ball, hatte nach der Schule für fünfunddreißig Cents die Stunde geholfen, Lastwagen zu entladen, später dann in der Nachbarstadt Braintree auf dem Schlachthof, wo er ein falsches Alter angab, damit er zwanzig Stunden pro Woche zum Mindestlohn Knochenarbeit leisten durfte.

Als er jetzt Hap und Vic Palfrey über Geld und dessen Eigenschaft, auf geheimnisvolle Weise zusammenzuschrumpfen, reden hörte, dachte er daran, wie seine Hände anfangs geblutet hatten, als er die Handwagen mit Häuten und Innereien ziehen musste. Er hatte versucht, es vor seiner Mutter zu verbergen, aber sie hatte es schon in der ersten Woche gemerkt. Sie hatte geweint, und seine Mutter war keine Frau, die so schnell weinte. Aber sie hatte ihn nicht gebeten, den Job aufzugeben. Sie war ein realistischer Mensch.

Seine Schweigsamkeit rührte zum Teil daher, dass er nie Freunde, geschweige denn Zeit für sie gehabt hatte. Da war die Schule, und da war die Arbeit. Dev, sein jüngerer Bruder, war in dem Jahr, als Stu im Schlachthof angefangen hatte, an Lungenentzündung gestorben, und darüber war Stu nie ganz hinweggekommen. Schuldgefühle, vermutete er. Er hatte Dev von allen am liebsten gemocht … aber sein Tod hatte auch bedeutet, dass ein Maul weniger zu füttern war.

Auf der Highschool hatte er angefangen, Football zu spielen, und darin hatte seine Mutter ihn bestärkt, obwohl er nicht mehr so viele Stunden arbeiten konnte. »Du spielst«, sagte sie. »Wenn es eine Fahrkarte hier heraus gibt, dann ist es Football, Stuart. Du spielst. Denk an Eddie Warfield.« Eddie Warfield war eine hiesige Berühmtheit. Er stammte aus einer noch ärmeren Familie als Stu, hatte sich als Quarterback der Mannschaft der Highschool mit Ruhm bekleckert, war mit einem Sportstipendium an die Texas A & M gegangen und hatte dann zehn Jahre für die Green Bay Packers gespielt, meistens als Ersatzquarterback, aber bei manch merkwürdigem Spiel auch als Starter. Heute besaß Eddie eine Imbisskette im Westen und Südwesten und war in Arnette ein bleibender Mythos geworden. Wenn man in Arnette »Erfolg« sagte, meinte man Eddie Warfield.

Stu war kein Quarterback, und er war kein Eddie Warfield. Aber in seinem ersten Jahr an der Highschool hoffte auch er auf ein kleines Sportstipendium … und dann gab es Studienprogramme, und der pädagogische Berater der Schule hatte ihn auf Darlehen der Nationalen Schulbehörde hingewiesen.

Dann war seine Mutter krank geworden und konnte nicht mehr arbeiten. Krebs. Zwei Monate bevor er die Highschool abschloss, starb sie, und Stu musste für seinen Bruder Bryce sorgen. Er verzichtete auf das Sportstipendium und arbeitete in der Taschenrechnerfirma. Bryce lebte jetzt in Minnesota und arbeitete als Systemanalytiker bei IBM. Er schrieb nicht oft, und das letzte Mal hatte Stu ihn gesehen, als seine, Stus, Frau gestorben war – an derselben Krankheit wie seine Mutter. Er dachte, Bryce mochte seine Schuld zu tragen haben … und Bryce mochte sich sehr wohl der Tatsache schämen, dass sein Bruder jetzt als erfolgloser Mann in einer sterbenden Stadt in Texas lebte, wo er tagsüber seine Stunden in der Taschenrechnerfirma absaß und abends bei Hap oder im Indian Head sein Lone-Star-Bier trank.

Seine Ehe war noch die beste Zeit gewesen, aber die hatte nur achtzehn Monate gedauert. Der Schoß seiner jungen Frau hatte nur eine einzige dunkle und bösartige Frucht getragen. Das war vor drei Jahren gewesen. Seitdem hatte er daran gedacht, aus Arnette wegzuziehen und sich etwas Besseres zu suchen, aber die Kleinstadtträgheit hielt ihn hier fest – der leise Sirenengesang vertrauter Örtlichkeit und vertrauter Gesichter. Er war in Arnette beliebt, und Vic Palfrey hatte ihm einmal das größte Kompliment gemacht, indem er ihn eine »gute alte Haut« nannte.

Während Vic und Hap weiterdiskutierten, war der Horizont noch hell, aber das Land lag schon im Schatten. Auf der 93 fuhren heutzutage nicht mehr viele Autos, und das war einer der Gründe, warum Hap so viele unbezahlte Rechnungen hatte. Aber jetzt sah Stu ein Auto kommen.

Es war noch eine Viertelmeile entfernt, und das letzte Tageslicht warf einen matten Glanz auf das bisschen Chrom, das der Wagen noch hatte. Stu hatte gute Augen und identifizierte ihn als alten Chevrolet, wahrscheinlich Baujahr 75. Ein Chevy ohne Licht, der höchstens fünfzehn Meilen fuhr und über die ganze Breite der Straße schlingerte. Bisher hatte ihn außer Stu keiner gesehen.

»Nehmen wir mal an, du musst eine Hypothek auf deine Tankstelle abzahlen«, sagte Vic. »Sagen wir, fünfzig Dollar im Monat.«

»Ist aber ’ne Stange mehr.«

»Ja, aber nehmen wir mal an, es sind fünfzig. Und nehmen wir an, die Bundesbehörde druckt dir eine ganze Wagenladung Geld. Dann würden die Leute von der Bank daherkommen und hundertfünfzig verlangen. Du wärst genauso arm dran wie vorher.«

»Stimmt«, fügte Henry Carmichael hinzu. Hap sah ihn erbost an. Er wusste zufällig, dass Hank es sich zur Angewohnheit gemacht hatte, sich aus dem Automaten Colaflaschen zu holen, ohne zu bezahlen; zudem wusste Hank, dass Hap das wusste, und wenn Hank schon für eine Seite Partei ergreifen wollte, dann gefälligst für ihn.

»Nicht unbedingt«, sagte Hap gewichtig aus den Tiefen seiner Schulbildung, die immerhin bis zur neunten Klasse gediehen war. Dann fuhr er mit der Erklärung fort.

Stu, der nur wusste, dass sie in einer verflixten Klemme steckten, drehte Haps Stimme zu einem sinnlosen Murmeln herunter und beobachtete, wie der Chevy schlingernd und bockend die Straße heraufkam. So, wie er fuhr, glaubte Stu nicht, dass er noch weit kommen würde. Er schlingerte über den weißen Mittelstreifen, und die Reifen wirbelten am linken Straßenrand Staub auf. Jetzt schwenkte er wieder nach rechts, blieb kurz auf der richtigen Spur und wäre danach fast in den Straßengraben gekippt. Als hätte der Fahrer das hell erleuchtete Schild der Texaco-Tankstelle plötzlich wie ein Richtfeuer erblickt, kam der Wagen dann wie ein Geschoss, dessen Schub fast verbraucht ist, auf die asphaltierte Fläche zu. Jetzt konnte Stu das unregelmäßige Tuckern des Motors, das konstante Gurgeln und Heulen eines defekten Vergasers und das Klappern loser Ventile hören. Der Wagen verfehlte die Einfahrt und holperte über den Bordstein. Das Licht der Neonröhren über den Zapfsäulen spiegelte sich in der verdreckten Windschutzscheibe, sodass schwer zu erkennen war, was drinnen vor sich ging, aber Stu sah undeutlich die Gestalt des Fahrers, der mit jeder Unebenheit herumgeschleudert wurde. Es sah aus, als würde das Auto seine fünfzehn Meilen pro Stunde gnadenlos beibehalten.

»Ich sage, mit mehr Geld im Umlauf wäre man …«

»Schalt lieber deine Zapfsäulen ab, Hap«, sagte Stu leise.

»Die Zapfsäulen? Warum?«

Norm Bruett hatte sich umgedreht und sah zum Fenster hinaus. »Allmächtiger«, sagte er.

Stu sprang von seinem Stuhl auf, beugte sich über Tommy Wannamaker und Hank Carmichael hinweg und drückte alle acht Schalter auf einmal aus, vier mit jeder Hand. Deshalb war er der Einzige, der nicht sah, wie der Chevy die Zapfsäulen auf der oberen Insel rammte und wegrasierte.

Er pflügte so langsam in sie hinein, dass es unerbittlich und irgendwie grandios wirkte. Tommy Wannamaker schwor am nächsten Tag im Indian Head, dass die Bremslichter nicht ein einziges Mal aufgeleuchtet hatten. Der Chevy fuhr die ganze Zeit sein 15-Meilen-Tempo. Der Unterboden rutschte kreischend über die Betoninsel, und als die Reifen hochprallten, sahen alle außer Stu, wie der Kopf des Fahrers schlaff nach vorn gegen die Windschutzscheibe kippte, die sternförmig zersplitterte.

Der Chevy sprang wie ein alter, getretener Hund und pflügte die Zapfsäule für Super weg. Sie knickte um, rollte einmal um die Achse und vergoss ein paar Tropfen Benzin. Das Ventil, das sich ausgehakt hatte, blitzte unter den Neonröhren.

Sie sahen alle die Funken, die der über den Beton scheppernde Auspuff schlug, und Hap, der in Mexiko einmal eine Tankstellenexplosion gesehen hatte, schützte instinktiv die Augen vor dem Feuerball, den er erwartete. Stattdessen drehte sich das Heck des Chevys und rutschte von der Insel in Richtung Tankstellengebäude. Der Bug traf die Bleifrei-Säule, die mit einem hohen Knall umkippte.

Wie absichtlich beendete der Chevrolet seine Drehung um 360 Grad und prallte wieder gegen die Insel, diesmal volle Breitseite. Das Heck rutschte auf die Insel und schmetterte die Zapfsäule für Normalbenzin um. So kam der Chevy zum Stillstand, sein rostiger Auspuff schleifte hinter ihm her. Er hatte alle drei Zapfsäulen auf der am Highway gelegenen Insel zerstört. Der Motor spuckte noch ein paar Sekunden, dann erstarb er. Die Stille war geradezu beängstigend laut.

»Himmel, Arsch und …«, sagte Tommy Wannamaker atemlos. »Ob sie hochgeht, Hap?«

»Wenn, dann war sie schon weg«, sagte Hap und stand auf. Mit der Schulter stieß er gegen den Kartenständer und verstreute Texas, New Mexico und Arizona in alle Himmelsrichtungen. Hap empfand verhaltene Freude. Seine Zapfsäulen waren versichert, die Versicherung bezahlt. Mary hatte immer ganz besonders auf die Versicherung geachtet.

»Der Kerl muss sternhagelvoll sein«, sagte Norm.

»Ich hab seine Bremslichter gesehen«, sagte Tommy mit vor Aufregung schriller Stimme. »Die haben kein einziges Mal aufgeleuchtet. Himmel, Arsch und Zwirn! Wenn er sechzig gefahren wäre, wären wir jetzt alle tot!«

Sie liefen aus dem Büro, Hap zuerst, Stu bildete die Nachhut. Hap, Tommy und Norm waren gleichzeitig am Wagen. Sie rochen Benzin und hörten das langsame, uhrwerkähnliche Ticken des abkühlenden Chevymotors. Hap machte die Fahrertür auf, und der Mann hinter dem Steuer quoll heraus wie ein alter Wäschesack.

»Gottverdammt!«, rief Norm Bruett, fast schon kreischend. Er wandte sich ab, hielt sich den stattlichen Bauch und übergab sich. Es lag weniger an dem Mann, der herausgefallen war (den hatte Hap geschickt aufgefangen, bevor er den Boden erreichte), als an dem Geruch, der aus dem Wagen drang, ein widerlicher Gestank aus Blut, Exkrementen, Erbrochenem und menschlicher Verwesung. Ein gespenstischer, durchdringender Geruch nach Krankheit und Tod.

Einen Augenblick später drehte sich Hap um und zerrte den Fahrer an den Achselhöhlen heraus. Tommy packte hastig die baumelnden Füße, dann trug er ihn zusammen mit Hap ins Büro. Ihre Gesichter waren im Schein der Neonröhren käsig und von Ekel erfüllt. Hap hatte das Geld von der Versicherung vergessen.

Die anderen blickten ins Wageninnere, dann wandte Hank sich ab und hielt eine Hand vor den Mund, den kleinen Finger abgespreizt wie jemand, der ein Weinglas hielt und einen Trinkspruch ausbrachte. Er stapfte zur Nordseite des Tankstellengrundstücks und ließ sein Abendessen hochkommen.

Vic und Stu sahen eine Weile in den Wagen, blickten einander an und wieder hinein. Auf der Beifahrerseite saß eine junge Frau, das Kleid über die Schenkel hochgeschoben. An ihr lehnte ein Junge oder Mädchen von etwa drei Jahren. Sie waren beide tot. Ihre Hälse waren schlauchartig angeschwollen, die Haut dort purpurschwarz, wie bei einem Bluterguss. Auch unter ihren Augen war die Haut aufgedunsen. Vic sagte später, sie hätten ausgesehen wie Baseballspieler, die sich Ruß unter die Augen schmieren, damit sie nicht so stark geblendet werden. Ihre Augen quollen blind aus den Höhlen. Die Frau hielt die Hand des Kindes. Dicker Schleim war aus ihren Nasen geflossen und angetrocknet. Fliegen summten um sie herum, ließen sich auf dem Schleim nieder und krochen ihnen in die offenen Münder und wieder heraus. Stu war im Krieg gewesen, aber er hatte noch nie etwas so schrecklich Erbarmenswertes gesehen. Er musste sich immer wieder die verschränkten Hände ansehen.

Er und Vic wandten sich ab und sahen einander ausdruckslos an. Dann gingen sie zur Tankstelle. Sie konnten Hap sehen, der aufgeregt in den Münzapparat sprach. Norm folgte ihnen dabei zur Tankstelle und sah sich hin und wieder über die Schulter nach dem Wrack um. Die Fahrertür des Chevys stand zu Tränen rührend offen. Am Rückspiegel baumelte ein Paar Babyschuhe.

Hank stand an der Tür und wischte sich mit einem schmutzigen Taschentuch den Mund ab. »Mein Gott, Stu«, sagte er unglücklich, und Stu nickte.

Hap legte den Hörer auf. Der Fahrer des Chevys lag auf dem Fußboden. »Der Krankenwagen ist in zehn Minuten da. Glaubt ihr, dass sie …« Er deutete mit dem Daumen auf den Chevy.

»Ja, sie sind tot.« Vic nickte. Sein runzliges Gesicht war gelblichweiß, und er verstreute beim Versuch, sich eine seiner stinkenden Zigaretten zu drehen, Tabak über den ganzen Fußboden. »Das sind die totesten Leute, die ich je gesehen habe.« Er sah Stu an, und Stu nickte und steckte die Hände in die Taschen. Er hatte Schmetterlinge im Bauch.

Der Mann auf dem Fußboden stöhnte dumpf durch die Kehle, und sie sahen alle zu ihm hinunter. Nach einem Augenblick, als deutlich wurde, dass der Mann sprach oder sich zumindest angestrengt bemühte zu sprechen, kniete sich Hap neben ihn. Immerhin war es seine Tankstelle.

Der Mann hatte dieselben Symptome wie die Frau und das Kind im Auto. Aus seiner Nase lief Schleim, und sein Atem hatte einen eigentümlich unterseeischen Klang, ein Gurgeln irgendwo aus der Brust. Die Haut unter den Augen war aufgedunsen, zwar noch nicht schwarz, aber purpurn. Sein Hals war unnatürlich dick, die Haut wurde wie eine Säule hochgedrückt, sodass er ein Dreifachkinn bekommen hatte. Er hatte hohes Fieber; neben ihm zu kauern war, als würde man neben einem offenen Grill stehen, in dem gute Holzkohle glühte.

»Der Hund«, murmelte er. »Haben Sie ihn rausgelassen?«

»Mister«, sagte Hap und schüttelte ihn sanft. »Ich hab den Krankenwagen gerufen. Bald wird es Ihnen besser gehen.«

»Alarmstufe Rot«, ächzte der Mann auf dem Fußboden und fing an zu husten, eine Kette rasselnder Explosionen, die ihm in langen, zähen Fäden aus dickem Schleim aus dem Mund spritzten. Hap lehnte sich zurück und verzog verzweifelt das Gesicht.

»Dreht ihn lieber auf die Seite«, sagte Vic. »Sonst erstickt er noch daran.«

Aber bevor sie das tun konnten, verflachte der Husten schon wieder zu keuchendem, unregelmäßigem Atmen. Der Fremde blinzelte angestrengt und sah die um ihn versammelten Männer an.

»Wo … sind wir hier?«

»Arnette«, sagte Hap. »Bill Hapscombs Texaco-Tankstelle. Sie haben ein paar von meinen Zapfsäulen umgemäht.« Dann fügte er hastig hinzu: »Macht aber nichts. Die sind versichert.«

Der Mann auf dem Fußboden versuchte, sich aufzurichten, schaffte es aber nicht. Er musste sich damit begnügen, Hap die Hand auf den Arm zu legen.

»Meine Frau … meine kleine Tochter …«

»Denen geht es gut«, sagte Hap mit einem albernen Hundegrinsen.

»Sieht aus, als wäre ich ziemlich krank«, sagte der Mann. Sein Atem hörte sich an wie ein belegtes, leises Brüllen. »Die beiden sind auch krank. Seit wir vor zwei Tagen aufgebrochen sind. Salt Lake City …« Er machte langsam blinzelnd die Augen zu. »Krank … sind wohl doch nicht schnell genug weggekommen …«

Aus der Ferne hörten sie die Sirene der Freiwilligen Ambulanz von Arnette, die langsam lauter wurde.

»Mann«, sagte Tommy Wannamaker. »O Mann.«

Der Kranke schlug blinzelnd die Augen wieder auf, und jetzt lag ein Ausdruck größter Besorgnis darin. Er versuchte noch einmal, sich aufzurichten. Schweiß lief ihm übers Gesicht. Er packte Hap.

»Ist mit Sally und Baby LaVon alles in Ordnung?«, wollte er wissen. Der Speichel flog ihm von den Lippen, und Hap konnte die brennende Hitze spüren, die von dem Mann ausging. Der Mann war krank, halb verrückt und stank. Hap fühlte sich an den Geruch erinnert, den alte Hundedecken manchmal annahmen.

»Denen geht es gut«, beharrte Hap ein wenig panisch. »Legen Sie … legen Sie sich wieder hin, und beruhigen Sie sich, okay?«

Der Mann legte sich wieder zurück. Sein Atem klang jetzt rauer. Hap und Hank rollten ihn auf die Seite, worauf sich seine Atmung ein wenig zu normalisieren schien. »Bis gestern Abend fühlte ich mich ganz gut«, sagte er. »Husten, aber sonst nichts. Die Nacht bin ich dann damit aufgewacht. Ich bin nicht schnell genug weggekommen. Was ist mit Baby LaVon …?«

Der Rest war so undeutlich, dass es keiner verstehen konnte. Die Sirene des Krankenwagens kam immer näher. Stu trat ans Fenster, um Ausschau zu halten. Die anderen blieben im Kreis um den Mann auf dem Fußboden stehen.

»Kannst du dir vorstellen, was ihm fehlt, Vic?«, fragte Hap.

Vic schüttelte den Kopf. »Keine Ahnung.«

»Vielleicht haben sie irgendwas gegessen«, sagte Norm Bruett. »Der Wagen hat ein kalifornisches Kennzeichen. Sie haben unterwegs wahrscheinlich immer nur in Autobahnraststätten gegessen. Vielleicht einen vergifteten Hamburger. So was kommt vor.«

Der Krankenwagen fuhr aufs Gelände, wich dem schrottreifen Chevy aus und blieb zwischen ihm und der Tür stehen. Das rote Warnlicht warf irre tanzende Kreise. Inzwischen war es völlig dunkel.

»Gib mir die Hand, ich zieh dich da unten raus«, rief der Mann auf dem Fußboden plötzlich und verstummte.

»Lebensmittelvergiftung«, sagte Vic. »Ja, das könnte sein. Ich hoffe es, denn sonst …«

»Sonst was?«, fragte Hank.

»Sonst könnte es was Ansteckendes sein.« Vic sah die anderen besorgt an. »1958 habe ich in der Nähe von Nogales Cholerafälle gesehen, und das sah so ähnlich aus.«

Drei Männer rollten eine Trage herein. »Hap«, sagte einer von ihnen. »Du hast Glück gehabt, dass du mit deinem runzligen Arsch nicht ins Jenseits geflogen bist. Der da, hm?«

Sie traten zur Seite, um die Männer durchzulassen – Billy Verecker, Monty Sullivan, Carlos Ortega, alles Männer, die sie kannten.

»Im Auto sind noch zwei«, sagte Hap und zog Monty beiseite. »Eine Frau und ein kleines Mädchen. Beide tot.«

»Ach du Scheiße! Ganz bestimmt?«

»Ja. Der Mann weiß es noch nicht. Bringt ihr ihn nach Braintree?«

»Wahrscheinlich.« Monty sah ihn bestürzt an. »Was soll ich mit den beiden im Auto anfangen? Ich weiß nicht, was ich machen soll, Hap.«

»Stu kann die State Patrol anrufen. Macht es dir was aus, wenn ich mit euch fahre?«

»Nicht die Bohne.«

Sie legten den Mann auf die Trage, und als sie ihn hinausrollten, ging Hap zu Stu hinüber. »Ich fahr mit dem Burschen nach Braintree. Rufst du die State Patrol an?«

»Klar.«

»Und Mary auch. Ruf an, und sag ihr, was passiert ist.«

»Okay.«

Hap ging nach draußen und stieg in den Krankenwagen. Billy Verecker schlug hinter ihm die Tür zu und rief die beiden anderen. Sie hatten entsetzt und fasziniert zugleich in das Wrack des Chevys gestarrt.

Augenblicke später fuhr der Krankenwagen mit heulender Sirene davon, und das Rotlicht warf pulsierende blutige Schatten auf den Asphalt der Tankstelle. Stu ging zum Telefon und warf eine Münze in den Schlitz.

*   *   *

Der Mann aus dem Chevy starb zwanzig Meilen vom Krankenhaus entfernt. Er holte erst gurgelnd Luft, atmete aus, atmete noch einmal ein und war dann still.

Hap nahm dem Mann die Brieftasche aus der Hosentasche und sah hinein. Der Mann hatte siebzehn Dollar in bar. Ein kalifornischer Führerschein wies ihn als Charles D. Campion aus. Außerdem fand Hap einen Armeeausweis und ein in Plastik eingeschweißtes Foto von der Frau des Mannes und seiner kleinen Tochter. Hap wollte das Bild nicht ansehen.

Er stopfte die Börse wieder in die Taschen des Toten und sagte Carlos, dass er die Sirene abschalten könne. Es war zehn nach neun.

Kapitel 2

In Ogunquit, Maine, führte vom Strand aus eine lange, aus Steinen errichtete Mole in den Atlantischen Ozean. Heute erinnerte sie Frannie Goldsmith an einen vorwurfsvollen grauen Finger, und als sie das Auto auf dem öffentlichen Parkplatz abgestellt hatte, sah sie Jess am Ende der Mole sitzen, eine Silhouette im Nachmittagssonnenschein. Möwen kreisten und kreischten über ihm, ein lebensecht gezeichnetes Porträt Neuenglands, und sie glaubte nicht, dass eine Möwe es wagen würde, dieses Bild zu verschandeln, indem sie einen Platscher weißer Kacke auf Jess Riders makelloses blau kariertes Baumwollhemd fallen ließ. Immerhin war er praktizierender Dichter.

Sie wusste, dass es Jess war, weil sie sein Zehngangrennrad sah, das er ans Metallgeländer hinter der Bude des Parkwächters angekettet hatte. Gus, eine kahlköpfige und schmerbäuchige städtische Institution, kam heraus, um sie zu begrüßen. Für Besucher betrug die Gebühr einen Dollar pro Auto, aber er wusste, dass Frannie in der Stadt lebte, auch ohne den Aufkleber ORTSANSÄSSIG an der Windschutzscheibe des Volvos anzusehen. Frannie kam oft hierher.

Ja, oft, dachte Frannie. Ich bin sogar hier unten am Strand schwanger geworden, ungefähr vier Meter über der Hochwassermarke. Liebes Kleines: Du bist an der malerischen Küste des Staates Maine gezeugt worden, vier Meter über der Hochwassermarke und zwanzig Meter östlich der Strandbegrenzung. Die Stelle ist mit einem X markiert.

Gus hob die Hand und machte das Peace-Zeichen.

»Ihr Freund sitzt draußen auf der Mole, Miss Goldsmith.«

»Danke, Gus. Wie läuft das Geschäft?«

Er zeigte lächelnd zum Parkplatz hinüber. Dort standen alles in allem vielleicht zwei Dutzend Wagen, an den meisten konnte sie den blau-weißen Aufkleber ORTSANSÄSSIG sehen.

»Ist noch zu früh«, sagte er. Es war der 17. Juni. »Warten Sie zwei Wochen, dann verdienen wir schon noch ein paar Dollar für die Stadt.«

»Jede Wette. Wenn Sie nicht alles unterschlagen.«

Gus lachte und ging wieder in seine Bude.

Frannie lehnte sich mit einem Arm gegen das warme Autometall, zog die Turnschuhe aus und schlüpfte in ein Paar Gummisandalen. Sie war groß und hatte kastanienbraunes Haar, das ihr lang über den Rücken ihres braun-gelben Kleides fiel. Gute Figur. Lange Beine, die ihr bewundernde Blicke einbrachten. Erste Sahne war, glaubte sie, unter Studenten wohl der korrekte Ausdruck. Auf die Plätzchen, hier kommt Schätzchen. Miss College Girl 1990.

Dann musste sie über sich lachen, und das Lachen war ein wenig bitter. Du tust gerade so, als wäre dies eine Weltsensation. Kapitel sechs: Hester Prynne überbringt Reverend Dimmesdale die Nachricht von Pearls bevorstehender Geburt. Dimmesdale war er nicht. Er war Jess Rider, zwanzig, ein Jahr jünger als unsere Heldin, die kleine Frau. Er war praktizierender Vorsemester-Collegestudent-Dichter. Das erkannte man an seinem makellosen blauen Baumwollhemd.

Sie blieb am Rand des Sandstrandes stehen und spürte durch die Gummisandalen die Wärme an den Fußsohlen. Die Silhouette am anderen Ende der Mole warf immer noch flache Steine ins Wasser. Frans Gedanken waren teils amüsant, hauptsächlich aber bestürzend. Er weiß, wie er da draußen aussieht, dachte sie. Lord Byron, einsam, aber unerschrocken. In tiefer Einsamkeit sitzt er dort und blickt über das Meer, das dorthin zurückführt, wo England liegt. Aber ich, ein Verbannter, werde nie mehr …

Ach, Scheiße!

Nicht so sehr der Gedanke selbst beunruhigte sie, sondern was er über ihren Seelenzustand aussagte. Dort draußen saß der junge Mann, den sie zu lieben glaubte, und sie stand hier und karikierte ihn hinter seinem Rücken.

Sie ging die Mole entlang und schritt anmutig über spitze Steine und aufgerissene Stellen. Die Mole war alt und ursprünglich Teil eines Wellenbrechers gewesen. Heute machten die meisten Boote am südlichen Ende der Stadt fest, wo es drei Jachtbecken und sieben Absteigen gab, die den ganzen Sommer über Hochbetrieb hatten.

Sie ging langsam und versuchte mit dem Gedanken fertigzuwerden, dass sie ihn seit elf Tagen nicht mehr liebte, seit sie wusste, dass sie – wie Amy Lauder es ausgedrückt hatte – ein kleines bisschen schwanger war. Schließlich hatte er sie ja in diesen Zustand gebracht, oder?

Aber nicht allein, so viel stand fest. Und sie hatte die Pille genommen. Das war die einfachste Sache der Welt gewesen. Sie war auf dem Campus in die Krankenstation gegangen und hatte dem Arzt erklärt, sie habe Menstruationsbeschwerden und alle möglichen peinlichen Pusteln auf der Haut, und der Arzt hatte ihr ein Rezept ausgeschrieben. Er hatte ihr sogar einen ganzen Monatsbedarf umsonst mitgegeben.

Weiter draußen, schon über dem Wasser, blieb sie noch einmal stehen. Rechts und links von ihr schlugen die Wellen ans Ufer. Ihr fiel ein, dass die Ärzte auf dem Campus wahrscheinlich genauso oft von Menstruationsschmerzen und zu vielen Pickeln hörten, wie den Drogisten erzählt wird, dass die Kondome für den Bruder sind – heutzutage sogar noch öfter. Sie hätte genauso gut sagen können: »Geben Sie mir die Pille. Ich will vögeln.« Sie war volljährig. Warum so schüchtern? Sie betrachtete Jesses Rücken und seufzte. Weil Schüchternheit zur Gewohnheit werden kann. Sie ging weiter.

Jedenfalls hatte die Pille nichts genützt. Jemand von der Qualitätskontrolle in der guten alten Ovril-Fabrik musste geschlafen haben. Oder sie hatte eine Pille vergessen und dann vergessen, dass sie sie vergessen hatte.

Sie trat leise hinter ihn und legte ihm beide Hände auf die Schultern.

Jess, der Kieselsteine in der linken Hand hielt und sie mit der rechten in Mutter Atlantik warf, tat einen Schrei und sprang auf. Kieselsteine flogen in alle Richtungen, und er hätte Frannie fast von der Mole gestoßen. Beinahe wäre er selbst kopfüber ins Wasser gestürzt.

Sie musste unwillkürlich kichern, drückte beide Hände auf den Mund und wich langsam zurück, während er sich wütend umdrehte, ein stattlicher junger Mann mit schwarzem Haar, Nickelbrille und ebenmäßigen Gesichtszügen, die nie die ganze Empfindsamkeit in ihm zum Ausdruck brachten – sehr zu seinem Missfallen.

»Du hast mir eine Scheißangst eingejagt«, brüllte er.

»O Jess«, kicherte sie. »O Jess, tut mir leid, aber das war echt komisch.«

»Wir wären fast ins Wasser gefallen«, sagte er und ging aufgebracht einen Schritt auf sie zu.

Sie machte einen gleich langen Schritt zurück, stolperte über einen Stein und setzte sich hart auf den Boden. Ihre Kiefer klackten aufeinander, mit der Zunge dazwischen – erlesene Schmerzen! –, und ihr Kichern verstummte wie mit dem Messer abgeschnitten. Allein die Tatsache, dass sie so plötzlich verstummte – schalt mich ab, ich bin ein Radio –, war so komisch, dass sie wieder anfing zu kichern, obwohl ihre Zunge blutete und ihr vor Schmerzen die Tränen aus den Augen liefen.

»Alles klar, Frannie?« Er kniete sich besorgt neben sie.

Ich liebe ihn doch, dachte sie erleichtert. Gut für mich.

»Hast du dich verletzt, Fran?«

»Nur meinen Stolz«, sagte sie und ließ sich aufhelfen. »Und ich habe mir auf die Zunge gebissen. Siehst du?« Sie streckte ihm die Zunge heraus und erwartete ein Lächeln zur Belohnung, aber er runzelte die Stirn.

»Mein Gott, Fran, du blutest ja.« Er zog sein Taschentuch aus der Gesäßtasche und betrachtete es zweifelnd. Dann steckte er es wieder weg.

Sie stellte sich vor, wie sie beide Hand in Hand zum Parkplatz zurückgingen, zwei junge Liebende unter der Sommersonne, sie mit seinem Taschentuch im Mund. Sie winkt dem lächelnden, freundlichen Parkwächter mit der Hand und sagt: Tchüch, bich bald.

Sie musste wieder kichern, obwohl ihr die Zunge schmerzte und sie einen Übelkeit erregenden Blutgeschmack im Mund hatte.

»Dreh dich um«, sagte sie altjüngferlich. »Ich werde mich jetzt sehr undamenhaft benehmen.«

Er lächelte verhalten und hielt sich theatralisch die Augen zu. Sie stützte sich auf einen Arm, hielt den Kopf über den Rand der Mole und spuckte – hellrot. Bäh. Noch einmal. Und noch einmal. Allmählich schien ihr Mund wieder frei zu sein. Sie drehte sich um und sah, dass er zwischen den Fingern hindurchspähte.

»Tut mir leid«, sagte sie. »Ich bin so eine dumme Gans.«

»Nein«, sagte Jessie, meinte aber eindeutig ja.

»Gehen wir ein Eis essen?«, fragte sie. »Du fährst, und ich bezahle.«

»Abgemacht.« Er stand auf und half ihr hoch. Sie spuckte noch einmal auf die Seite. Hellrot.

Sie fragte ängstlich: »Ich hab mir doch kein Stück davon abgebissen, oder?«

»Ich weiß nicht«, antwortete Jess freundlich. »Hattest du das Gefühl, einen Klumpen verschluckt zu haben?«

Sie hielt angewidert die Hand vor den Mund. »Das ist nicht komisch.«

»Nein. Sorry. Du hast nur draufgebissen, Frannie.«

»Hat man in der Zunge Arterien?«

Sie gingen jetzt Hand in Hand die Mole entlang zurück. Frannie blieb ab und zu stehen und spie über die Seite. Hellrot. Sie wollte nichts von dem Zeug schlucken, äh-äh, auf keinen Fall.

»Nee.«

»Gut.« Sie drückte seine Hand und lächelte ihn zuversichtlich an. »Ich bin schwanger.«

»Wirklich? Toll. Weißt du, wenn ich in Port…«

Er blieb stehen und sah sie an, sein Gesicht war plötzlich starr und sehr verschlossen. Es brach ihr ein wenig das Herz, dieses Misstrauen zu sehen.

»Was hast du gesagt?«

»Ich bin schwanger.« Sie lächelte ihn strahlend an und spie über die Seite der Mole. Hellrot.

»Guter Witz, Frannie«, sagte er unsicher.

»Kein Witz.«

Er sah sie immer noch an. Nach einer Weile gingen sie weiter. Als sie über den Parkplatz gingen, kam Gus aus seiner Bude und winkte ihnen zu. Frannie winkte zurück. Jess auch.

*   *   *

Sie hielten vor der Dairy-Queen-Milchbar an der US 1. Jess holte sich eine Cola, die er nachdenklich hinter dem Steuer des Volvos schlürfte. Fran hatte sich von ihm ein Banana Boat Supreme mitbringen lassen, lehnte an der Tür, fünfzig Zentimeter Sitz zwischen ihnen, und löffelte Nüsse und Ananassirup und das Kunsteis von Dairy Queen.

»Wusstest du, dass das Eis von D. Q. hauptsächlich aus Luftblasen besteht?«, sagte sie. »Den meisten ist das nicht bekannt.«

Jess sah sie an und erwiderte nichts darauf.

»Doch«, sagte sie. »Diese Eismaschinen sind eigentlich nichts anderes als riesige Luftblasenmaschinen. Darum kann Dairy Queen das Eis auch so billig verkaufen. In Betriebswirtschaftslehre hatten wir neulich einen Aufsatz darüber. Es gibt viele Möglichkeiten, einem das Fell über die Ohren zu ziehen.«

Jess sah sie an und erwiderte nichts darauf.

»Wenn man richtiges Eis essen will, muss man in eine Deering-Eisdiele gehen, und das ist …«

Sie brach in Tränen aus.

Er rutschte über den Sitz zu ihr hinüber und legte ihr die Arme um den Hals. »Frannie, nicht. Bitte.«

»Mein Banana Boat tropft auf mich«, sagte sie, immer noch weinend.

Er zog wieder das Taschentuch heraus und wischte sie ab. Inzwischen waren die Tränen einem leisen Schniefen gewichen.

»Banana Boat Supreme mit Blutsoße«, sagte sie und sah ihn mit roten Augen an. »Ich glaube, ich kann nichts mehr essen. Wirfst du es bitte weg?«

»Klar«, sagte er steif.

Er nahm ihr das Eis ab, stieg aus und warf es in den Mülleimer. Er geht komisch, dachte Fran, als hätte man ihn da unten reingetreten, da wo es Jungs besonders wehtut. Und irgendwie war er ja auch dort reingetreten worden. Aber wenn man es anders betrachten wollte, nun, so ähnlich war sie auch gegangen, nachdem er sie am Strand entjungfert hatte. Ein Gefühl, als hätte sie sich wund gescheuert, aber davon wird man nicht schwanger.

Er kam zurück und stieg ein.

»Bist du wirklich schwanger, Fran?«, fragte er abrupt.

»Bin ich.«

»Wie konnte das passieren? Ich dachte, du nimmst die Pille.«