Finderlohn - Stephen King - E-Book
Beschreibung

Besessen bis zum Mord

John Rothstein hat in den Sechzigern drei berühmte Romane veröffentlicht, seither aber nichts mehr. Morris Bellamy, ein psychopathischer Verehrer, ermordet den Autor aus Wut über dessen »Verrat«. Seine Beute besteht aus einer großen Menge Geld und einer wahren Fundgrube an Notizbüchern, die auch unveröffentlichte Romane enthalten. Bellamy vergräbt vorerst alles – und wandert dummerweise für ein völlig anderes Verbrechen in den Knast. Jahre später stößt der Junge Peter Saubers auf den »Schatz«. Nach seiner Haftentlassung kommt Bellamy dem ahnungslosen Peter auf die Spur und macht Jagd auf ihn. Kann Bill Hodges, den wir als Detective a. D. aus Mr. Mercedes kennen, den Wahnsinnigen stoppen?

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EPUB
MOBI

Seitenzahl:720

Sammlungen



Das Buch

John Rothstein hat in den Sechzigern drei berühmte Romane veröffentlicht, seither aber nichts mehr. Morris Bellamy, ein psychopathischer Verehrer, ermordet den Autor aus Wut über dessen »Verrat«. Seine Beute besteht aus einer großen Menge Geld und einer wahren Fundgrube an Notizbüchern, die auch unveröffentlichte Romane enthalten. Bellamy vergräbt vorerst alles – und wandert dummerweise für ein völlig anderes Verbrechen in den Knast. Jahre später stößt der Junge Peter Saubers auf den »Schatz«. Nach seiner Haftentlassung kommt Bellamy dem ahnungslosen Peter auf die Spur und macht Jagd auf ihn. Kann Bill Hodges, den wir als Detective a. D. aus Mr. Mercedes kennen, den Wahnsinnigen stoppen?

Der Autor

Stephen King, 1947 in Portland, Maine, geboren, ist einer der erfolgreichsten amerikanischen Schriftsteller. Schon als Student veröffentlichte er Kurzgeschichten, sein erster Romanerfolg, Carrie, erlaubte ihm, sich nur noch dem Schreiben zu widmen. Seitdem hat er weltweit 400 Millionen Bücher in mehr als 50 Sprachen verkauft. Für sein Werk erhielt er zahlreiche Preise, darunter 2003 den Sonderpreis der National Book Foundation für sein Lebenswerk und zuletzt 2015 mit dem »Edgar Allan Poe Award« die bedeutendste kriminalliterarische Auszeichnung für Mr. Mercedes. Bei Heyne erschien zuletzt sein Bestsellerroman Revival.

STEPHEN KING

FINDERLOHN

ROMAN

Aus dem Amerikanischenvon Bernhard Kleinschmidt

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FINDERS KEEPERS

bei Scribner, New York

Copyright © 2015 by Stephen King

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe byWilhelm Heyne Verlag, München,in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München.

Redaktion: Lothar Strüh

Covergestaltung: Hauptmann und Kompanie Werbeagentur, Zürich

Satz: Schaber Datentechnik, Wels

ISBN 978-3-641-16402-7V008www.heyne.de

In Erinnerung an John D. MacDonald

»Nur wenn wir in den Abgrund hinabsteigen,finden wir die Schätze des Lebens.«

Joseph Campbell

»Scheiß auf den Scheiß.«

Jimmy Gold

TEIL EINS

DER VERBORGENE SCHATZ

1978

»Aufwachen, Sie Genie.«

Rothstein wollte nicht aufwachen. Der Traum war zu schön. Er handelte von seiner ersten Frau, einige Monate bevor sie zu seiner ersten Frau geworden war, siebzehn Jahre alt und von Kopf bis Fuß vollkommen. Nackt und schimmernd. Sie waren beide nackt. Er war neunzehn und hatte Schmiermittel unter den Fingernägeln, aber das hatte ihr nichts ausgemacht, zumindest damals nicht, denn sein Kopf war voller Träume, und das war es, was für sie zählte. An Träume glaubte sie noch mehr als er, und sie hatte recht damit. In diesem Traum griff sie lachend nach dem Teil von ihm, der am leichtesten zu erreichen war. Er versuchte, tiefer zu versinken, doch da rüttelte ihn eine Hand am Arm, und der Traum zerplatzte wie eine Seifenblase.

Er war kein Neunzehnjähriger mehr, der in New Jersey in einer Zweizimmerwohnung lebte, es waren nur noch sechs Monate bis zu seinem achtzigsten Geburtstag, und er lebte auf einer Farm in New Hampshire, wo er laut seinem Letzten Willen auch begraben werden sollte. In seinem Schlafzimmer standen Männer. Sie trugen Sturmhauben, eine rot, eine blau und eine kanariengelb. Als er das sah, versuchte er sich vorzumachen, dass dies nur ein weiterer Traum war – die süße Fantasie hatte sich wohl in einen Albtraum verwandelt, wie es manchmal geschah –, doch da ließ die Hand seinen Arm los, packte ihn an der Schulter und zerrte ihn auf den Boden. Er schlug sich den Kopf an und schrie auf.

»Hör auf damit«, sagte der mit der gelben Haube. »Soll er etwa bewusstlos werden?«

»Seht mal.« Der mit der roten Haube hob deutend die Hand. »Der alte Knabe hat ’nen Ständer. Muss ein echt geiler Traum gewesen sein.«

»Der muss bloß pissen«, sagte der mit der blauen Haube, der Rothstein geschüttelt hatte. »In dem Alter macht sie sonst nichts mehr steif. Mein Großvater …«

»Klappe«, sagte der mit der gelben Haube. »Dein Großvater interessiert kein Schwein.«

Obwohl Rothstein benommen und von einem immer fadenscheiniger werdenden Schleier aus Schlaf umhüllt war, wusste er, dass er in Schwierigkeiten steckte. Ein Wort kam ihm in den Sinn: Raubüberfall. Er blickte zu dem Trio hoch, das unvermutet in seinem Schlafzimmer aufgetaucht war. Sein alter Kopf schmerzte (dank den Blutverdünnern, die er nahm, bildete sich an der rechten Seite ein riesiger blauer Fleck), und das Herz mit seinen gefährlich dünnen Wänden hämmerte an die linke Seite des Brustkorbs. Drohend standen sie über ihm, drei Männer mit Handschuhen und karierten Jacken unter den furchterregenden Sturmhauben. Räuber, und sein Haus war fünf Meilen vom nächsten Ort entfernt.

So gut er konnte, sammelte Rothstein seine Gedanken. Er verscheuchte den Schlaf und sagte sich, dass die Situation immerhin etwas Gutes hatte: Wenn die drei nicht wollten, dass er ihre Gesichter sah, dann hatten sie vor, ihn am Leben zu lassen.

Eventuell.

»Meine Herren«, sagte er.

Mr. Gelb lachte und hob anerkennend den Daumen. »Guter Anfang, Sie Genie.«

Rothstein nickte, als wollte er sich für ein Kompliment bedanken. Er warf einen Blick auf den Wecker neben seinem Bett, stellte fest, dass es Viertel nach zwei Uhr morgens war, und sah dann wieder Mr. Gelb an, bei dem es sich womöglich um den Anführer handelte. »Ich habe nicht viel Geld im Haus, aber das können Sie gerne haben. Wenn Sie nur gehen, ohne mir wehzutun.«

Eine Windbö ließ Herbstblätter an die Westseite des Hauses prasseln. Rothstein bemerkte, dass zum ersten Mal in dieser Jahreshälfte die Heizung bullerte. War es nicht gerade erst Sommer gewesen?

»Nach allem, was man uns erzählt hat, haben Sie schon ein bisschen mehr.« Das war Mr. Rot.

»Klappe.« Mr. Gelb streckte Rothstein die Hand hin. »Aufstehen, Sie Genie.«

Rothstein ergriff die dargebotene Hand, kam schwankend auf die Beine und setzte sich dann gleich aufs Bett. Er atmete schwer, war sich jedoch nur zu sehr bewusst (ein Leben lang war seine Fähigkeit zur Selbstwahrnehmung Segen wie Fluch für ihn gewesen), welches Bild er bieten musste: ein alter Mann in einem schlottrigen, blauen Schlafanzug, mit Haaren, von denen nur noch zwei weiße Bäusche über den Ohren übrig waren. Das war aus dem Schriftsteller geworden, der in dem Jahr, als JFK Präsident wurde, die Titelseite des Time-Magazins geschmückt hatte: JOHN ROTHSTEIN, AMERIKAS SCHEUES GENIE.

Aufwachen, Sie Genie.

»Kommen Sie erst mal wieder zu Atem«, sagte Mr. Gelb. Er klang besorgt, worauf Rothstein jedoch nicht vertraute. »Dann gehen wir ins Wohnzimmer, wo sich normale Leute unterhalten. Lassen Sie sich Zeit. Beruhigen Sie sich.«

Rothstein atmete langsam und tief, worauf sein Herz ein wenig ruhiger schlug. Er versuchte an Peggy zu denken, an ihre teetassengroßen Brüste (klein, aber vollkommen) und ihre langen, glatten Beine, aber der Traum war ebenso verschwunden wie Peggy, die nun als alte Schachtel in Paris lebte. Mit seinem Geld. Wenigstens war Yolande, sein zweiter Versuch, Eheglück zu finden, inzwischen tot und verlangte keine Unterhaltszahlungen mehr.

Der mit der roten Haube verließ den Raum. Rothstein hörte ihn im Arbeitszimmer herumkramen. Etwas stürzte um. Schubladen wurden aufgezogen und wieder zugeschoben.

»Na, geht’s besser?«, erkundigte sich Mr. Gelb, und als Rothstein nickte, sagte er: »Dann kommen Sie jetzt mit.«

Eskortiert von Mr. Blau zu seiner Linken und Mr. Gelb zu seiner Rechten, ließ Rothstein sich in das kleine Wohnzimmer führen. Das Kramen in seinem Arbeitszimmer ging weiter. Bald würde Mr. Rot den Kleiderschrank öffnen, die beiden Jacketts und die drei Pullover beiseiteschieben und den Safe entdecken. Das war unvermeidlich.

Na gut. Hauptsache, sie lassen mir die Notizbücher, und weshalb sollten sie die schon mitnehmen? Solche Gangster sind nur an Geld interessiert. Wahrscheinlich sind sie nicht mal in der Lage, was Anspruchsvolleres zu lesen als die Briefe in Penthouse.

Was den Mann mit der gelben Haube anging, war er sich da allerdings nicht ganz sicher. Der hörte sich gebildet an.

Im Wohnzimmer waren sämtliche Lampen angeschaltet und die Jalousien nicht heruntergezogen. Wachsame Nachbarn hätten sich wohl gefragt, was im Haus des alten Schriftstellers vor sich ging … wenn er Nachbarn gehabt hätte. Das nächste Haus stand zwei Meilen entfernt an der Landstraße. Er hatte keine Freunde, keine Besucher. Die Vertreter, die gelegentlich vorbeikamen, wurden weggeschickt. Rothstein war einfach ein sonderbarer alter Knabe. Ein Schriftsteller im Ruhestand. Ein Einsiedler. Er bezahlte seine Steuern und wurde in Frieden gelassen.

Blau und Gelb führten ihn zu dem Sessel vor dem selten eingeschalteten Fernseher, und weil er sich nicht augenblicklich darauf niederließ, drückte Mr. Blau ihn hinein.

»Sachte!«, sagte Gelb scharf, und Blau trat murrend einen Schritt zurück. Also hatte Mr. Gelb tatsächlich die Fäden in der Hand. Mr. Gelb war der Leitwolf.

Die Hände auf seine Cordhose gestützt, beugte er sich über Rothstein. »Und? Wie wär’s mit einem kleinen Schluck zur Beruhigung?«

»Falls Sie Alkohol meinen, damit hab ich vor zwanzig Jahren aufgehört. Ärztliche Anweisung.«

»Gut für Sie. Gehen Sie auch zu den Meetings?«

»Ich war kein Alkoholiker«, sagte Rothstein verärgert. Verrückt, in einer solchen Situation verärgert zu sein … oder doch nicht? Wer wusste schon, wie man reagieren sollte, wenn man mitten in der Nacht von Männern mit farbigen Sturmhauben aus dem Bett gezerrt wurde. Er überlegte, wie er eine derartige Szene schildern würde, hatte jedoch keine Ahnung; über so etwas schrieb er nicht. »Die Leute denken, dass jeder männliche weiße Schriftsteller im 20. Jahrhundert Alkoholiker sein muss!«

»Schon gut, schon gut«, sagte Mr. Gelb, als müsste er ein quengeliges Kind besänftigen. »Wasser?«

»Nein danke. Ich will bloß, dass ihr drei verschwindet, deshalb werde ich ehrlich zu euch sein.« Er fragte sich, ob Mr. Gelb wohl die einfachste Regel der menschlichen Kommunikation kannte: Wenn jemand ankündigte, ehrlich zu sein, bereitete er sich in den meisten Fällen darauf vor, schneller zu lügen, als ein Pferd traben konnte. »Mein Portemonnaie liegt auf der Kommode im Schlafzimmer. Es sind etwas über achtzig Dollar drin. Auf dem Kaminsims da steht eine Teekanne …«

Er zeigte darauf. Mr. Blau drehte sich danach um, Mr. Gelb hingegen nicht. Der musterte weiter Rothstein, und die Augen hinter der Haube blickten fast amüsiert. Es klappt nicht, dachte Rothstein, gab jedoch nicht auf. Da er nun wach war, hatte er nicht nur Angst, sondern war auch stinksauer, obgleich ihm bewusst war, dass er sich das lieber nicht anmerken ließ.

»Da verwahre ich das Haushaltsgeld. Höchstens fünfzig bis sechzig Dollar. Das ist alles, was im Haus ist. Nehmt es und verschwindet.«

»Verfluchter Lügner«, sagte Mr. Blau. »Glauben Sie mir, wir wissen, dass Sie ’ne ganze Menge mehr haben.«

Als wäre dies ein Bühnenstück und der letzte Satz ein Stichwort, erscholl aus dem Arbeitszimmer die Stimme von Mr. Rot. »Bingo! Hab einen Safe entdeckt! ’nen großen!«

Rothstein war klar gewesen, dass der Mann mit der roten Haube den Safe finden würde, aber ihm wurde trotzdem schwer ums Herz. Es war bescheuert, Bargeld zu verwahren; dafür gab es keinen Grund, abgesehen von seiner Abneigung gegen Kreditkarten, Schecks, Aktien und Transfermethoden, kurz gegen all die verführerischen Ketten, mit denen die Leute sich an die überwältigende und letztlich zerstörerische Verschuldungs- und Konsummaschinerie Amerikas fesselten. Dennoch war dieses Geld womöglich seine Rettung. Cash konnte man ersetzen. Die Notizbücher, über hundertfünfzig an der Zahl, waren unersetzlich.

»Jetzt die Kombination«, sagte Mr. Blau. Er schnippte mit den behandschuhten Fingern. »Raus damit!«

Rothstein war beinahe zornig genug, sich zu weigern. Laut Yolande war Zorn sein lebenslanger Normalzustand (»höchstwahrscheinlich war das schon in der Wiege so«, hatte sie gesagt), aber außerdem war er müde und verängstigt. Wenn er sich sträubte, würde man die Information aus ihm herausprügeln. Womöglich bekam er dann einen weiteren Herzanfall, und der würde ihn höchstwahrscheinlich endgültig erledigen.

»Wenn ich euch die Kombination zum Safe verrate, nehmt ihr dann das Geld darin und verschwindet?«

»Mr. Rothstein«, sagte Mr. Gelb mit einer Liebenswürdigkeit, die echt zu sein schien (und daher grotesk war). »Ihre Lage erlaubt es nicht, mit uns zu feilschen. Freddy, hol die Taschen.«

Rothstein spürte einen eisigen Luftzug, als Mr. Blau, auch unter dem Namen Freddy bekannt, durch die Hintertür in der Küche aus dem Haus ging. Mr. Gelb lächelte inzwischen wieder. Dieses Lächeln verabscheute Rothstein bereits zutiefst. Diese roten Lippen.

»Los, Sie Genie, raus damit! Dann ist die Sache schnell erledigt.«

Rothstein seufzte und sagte die Kombination des Gardall-Safes im Schrank seines Arbeitszimmers auf. »31 links, zwei Umdrehungen, 3 rechts, zwei Umdrehungen, 18 links, eine Umdrehung, 99 rechts, eine Umdrehung, dann auf null zurück.«

Hinter der Haube zogen die roten Lippen sich weiter auseinander, bis Zähne sichtbar wurden. »Das hätte ich auch erraten können. Es ist Ihr Geburtsdatum.«

Während Gelb dem Mann im Schrank die Kombination zurief, zog Rothstein gewisse unangenehme Schlüsse. Mr. Blau und Mr. Rot waren aufgrund des Geldes gekommen, und auch Mr. Gelb steckte wahrscheinlich später seinen Anteil ein, aber Geld war wohl nicht das primäre Ziel des Mannes, der ihn ständig als Genie bezeichnete. Wie um das zu unterstreichen, erschien Mr. Blau wieder, begleitet von einem weiteren Schwall kühler Frischluft. Er hatte vier leere, jeweils paarweise über die Schultern gehängte Sporttaschen dabei.

»Hören Sie«, sagte Rothstein zu Mr. Gelb und sah ihm direkt in die Augen. »Tun Sie das nicht. Bis auf das Geld ist im Safe nichts, was für Sie von Wert wäre. Alles andere sind bloß belanglose Notizen, aber für mich sind sie wichtig.«

Aus dem Arbeitszimmer rief Mr. Rot: »Heiliger Strohsack, Morrie! Wir haben ’nen Volltreffer gelandet! Mensch, da ist ’ne ganze Tonne Bares! Noch in den Bankumschlägen! Dutzende davon!«

Mindestens sechzig, hätte Rothstein sagen können, vielleicht sogar bis zu achtzig. In jedem sind vierhundert Dollar. Von Arnold Abel, meinem Buchhalter in New York. Jeannie löst die für meine Auslagen gedachten Schecks ein, bringt die Geldumschläge mit, und die lege ich in den Safe. Allerdings habe ich kaum Auslagen, weil Arnold die größeren Rechnungen von New York aus bezahlt. Ab und zu gebe ich Jeannie ein Trinkgeld, an Weihnachten auch dem Postboten, aber sonst verbrauche ich kaum etwas. Das läuft nun schon jahrelang so, und weshalb? Arnold erkundigt sich nie, wofür ich das Geld verwende. Vielleicht meint er, ich bestelle mir regelmäßig ein Callgirl her oder auch zwei. Oder er denkt, ich wette in Rockingham auf Pferde.

Aber wissen Sie, was komisch ist, hätte er zu Mr. Gelb (nun auch als Morrie bekannt) sagen können. Ich habe mich selbst nie gefragt, wieso ich das tue. Genauso wenig, wie ich mich gefragt habe, weshalb ich ein Notizbuch nach dem anderen vollschreibe. Manches tut man einfach.

Das hätte er sagen können, hielt jedoch den Mund. Nicht weil Mr. Gelb ihn nicht verstanden hätte, sondern weil dieses wissende, rotlippige Lächeln verriet, dass er es sehr wohl verstünde.

Und sich nicht darum scheren würde.

»Was ist denn sonst noch drin?«, rief Mr. Gelb. Den Blick hatte er immer noch auf Rothstein gerichtet. »Schachteln? Mit Manuskripten? So groß, wie ich es beschrieben hab?«

»Keine Schachteln, Notizbücher«, berichtete Mr. Rot. »Der verfluchte Safe ist bis oben hin voll davon.«

Mr. Gelb lächelte, während er Rothstein weiterhin in die Augen sah. »Handgeschrieben? So machen Sie es also, Sie Genie?«

»Bitte«, sagte Rothstein. »Lassen Sie das einfach liegen. Dieses Material ist nicht für die Öffentlichkeit bestimmt. Nichts davon ist bereit dafür.«

»Und dabei wird es auch bleiben, denke ich. Tja, Sie hamstern einfach gerne.« Das Funkeln in diesen Augen – das Rothstein für ein irisches Funkeln hielt – war nun verschwunden. »Und schließlich ist es ja nicht so, als ob Sie noch irgendwas veröffentlichen müssten, oder? Finanzielle Zwänge sind jedenfalls nicht vorhanden. Sie bekommen Tantiemen für Der Läufer. Und für Der Läufer im Einsatz. Und für Der Läufer setzt sich zur Ruhe. Die berühmte Trilogie über Jimmy Gold. Nie vergriffen. In Collegekursen überall in diesem großen Land behandelt. Dank einer Clique von Literaturdozenten, die meinen, Sie und Saul Bellow wären das Nonplusultra, haben Sie ein unfreiwilliges Publikum aus Studenten, die Ihre Bücher kaufen müssen. Sie haben’s geschafft, nicht wahr? Wieso sollten Sie da das Risiko eingehen, etwas zu veröffentlichen, was Ihren makellosen Ruf gefährden könnte? Stattdessen können Sie sich einfach hier draußen verstecken und so tun, als gäbe es den Rest der Welt nicht.« Mr. Gelb schüttelte den Kopf. »Mein Freund, Sie verleihen dem Ausdruck analfixiert eine ganz neue Bedeutung.«

Mr. Blau stand immer noch in der Tür zur Küche. »Was soll ich tun, Morrie?«

»Geh zu Curtis ins Arbeitszimmer. Packt alles ein. Wenn in den Taschen nicht genug Platz für die ganzen Notizbücher ist, schaut euch um. Selbst ein Stubenhocker wie der da muss mindestens einen Reisekoffer besitzen. Und vergeudet keine Zeit damit, das Geld zu zählen. Ich will so schnell wie möglich von hier fort.«

»Okay.« Mr. Blau – Freddy – verschwand.

»Tun Sie das nicht«, sagte Rothstein und war erschrocken über das Zittern in seiner Stimme. Manchmal vergaß er, wie alt er war, aber heute Nacht nicht.

Der, dessen Name Morrie lautete, beugte sich zu ihm. Grünlich graue Augen spähten durch die Löcher in der gelben Haube. »Ich will etwas wissen. Wenn Sie ehrlich zu mir sind, lassen wir die Notizbücher vielleicht da. Werden Sie ehrlich zu mir sein, Sie Genie?«

»Ich werd’s versuchen«, sagte Rothstein. »Übrigens hab ich mich selbst nie so genannt, wissen Sie? Als Genie bezeichnet hat mich das Time-Magazin.«

»Aber bestimmt haben Sie auch nie einen Beschwerdebrief geschrieben.«

Rothstein erwiderte nichts. Du Arschloch, dachte er. Du verfluchter Klugscheißer. Du wirst kein einziges Notizbuch dalassen, oder? Es ist dir nämlich völlig schnuppe, was ich sage.

»Also, jetzt kommt meine Frage: Wieso in Gottes Namen konnten Sie Jimmy Gold nicht in Ruhe lassen? Wieso mussten Sie ihn derart in den Dreck ziehen?«

Die Frage war so unerwartet, dass Rothstein zuerst keine Ahnung hatte, wovon Morrie sprach, obgleich Jimmy Gold seine berühmteste literarische Figur war, diejenige, wegen der man sich an ihn erinnern würde (falls man sich überhaupt wegen irgendwas an ihn erinnerte). In der Titelgeschichte in Time, in der Rothstein als Genie bezeichnet worden war, hatte es geheißen, Jimmy Gold sei ein amerikanisches Sinnbild der Verzweiflung in einem Land des Überflusses. Ziemlicher Schwachsinn, aber es hatte den Verkauf angekurbelt.

»Wenn Sie meinen, ich hätte mit Der Läufer aufhören sollen, sind Sie nicht der Einzige.« Aber beinahe der Einzige, hätte er hinzufügen können. Der Läufer im Einsatz hatte Rothsteins Ruf als bedeutender amerikanischer Autor gefestigt, und Der Läufer setzt sich zur Ruhe hatte den Schlussstein seiner Karriere gebildet: Lobeshymnen der Literaturkritik bis zum Abwinken, zweiundsechzig Wochen auf der Bestsellerliste der New York Times. Dazu der National Book Award – wobei Rothstein natürlich nicht persönlich erschienen war, um ihn entgegenzunehmen. Von einer »Ilias des Nachkriegsamerikas« war in der Begründung der Jury die Rede gewesen, womit nicht nur der letzte Band gemeint war, sondern die gesamte Trilogie.

»Ich sage nicht, dass Sie mit Der Läufer hätten aufhören sollen«, sagte Morrie. »Der Läufer im Einsatz war genauso gut, vielleicht sogar besser. Die beiden Bücher waren wahr. Aber das letzte? Mann, was für ein Scheißdreck. Dieser Typ geht in die Werbebranche? Ausgerechnet in die Werbebranche?«

Dann tat Mr. Gelb etwas, wobei sich Rothsteins Kehle zusammenzog und sein Bauch sich in Blei verwandelte. Langsam, fast nachdenklich, streifte er seine gelbe Sturmhaube ab. Zum Vorschein kam ein junger Mann von klassischem irischem Geblüt, wie man es oft in der Gegend von Boston fand: rote Haare, grünliche Augen, bleiche Haut, die statt Sonnenbräune immer nur einen Sonnenbrand bekam. Dazu diese merkwürdigen roten Lippen.

»Ein Haus in einem langweiligen Vorort? Ein stinknormaler Ford in der Einfahrt? Eine Frau und zwei kleine Kinder? Letztlich schließt jeder faule Kompromisse, wollten Sie das ausdrücken? Jeder schluckt das Gift?«

»In den Notizbüchern …«

In den Notizbüchern stehen zwei weitere Romane mit Jimmy Gold, wollte er sagen, Bücher, in denen der Kreis sich schließt. Im ersten erkennt Jimmy, wie hohl sein bürgerliches Leben ist. Er verlässt seine Familie, seine Arbeit und sein behagliches Heim in Connecticut. Nur mit einem Rucksack und der Kleidung, die er am Leib trägt, zieht er zu Fuß los. Er wird eine ältere Version des jungen Mannes, der die Schule schmeißt, gegen sein materialistisches Elternhaus rebelliert und beschließt, zur Armee zu gehen, nachdem er ein versoffenes Wochenende lang durch New York gestreift ist.

»Was steht in den Notizbüchern?«, fragte Morrie. »Los, Sie Genie, sprechen Sie nur. Sagen Sie mir, wieso Sie Jimmy zu Boden schlagen mussten, um ihm dann noch mit dem Fuß auf den Hinterkopf zu steigen.«

In Der Läufer geht nach Westen wird er wieder zu dem, der er ist, wollte Rothstein sagen. Zu seinem essenziellen Selbst. Nur hatte Mr. Gelb ihm sein Gesicht gezeigt, und jetzt zog er eine Pistole aus der rechten Außentasche seiner karierten Jacke. Er blickte kummervoll drein.

»Sie haben eine der größten Gestalten der amerikanischen Literatur erschaffen und dann einfach darauf geschissen«, sagte Morrie. »Ein Mensch, der so etwas tut, verdient es nicht, weiterzuleben.«

Wie eine angenehme Überraschung kam mit einem Mal der Zorn zurück. »Wenn Sie das meinen, haben Sie nie auch nur ein einziges Wort begriffen, das ich geschrieben habe«, sagte John Rothstein.

Morrie hob die Pistole. Die Mündung war ein schwarzes Auge.

Rothstein deutete mit seinem von Arthritis knotigen Zeigefinger wie mit einer eigenen Pistole auf sein Gegenüber und empfand Befriedigung, als er Morrie blinzeln und ein klein wenig zusammenzucken sah. »Verschonen Sie mich mit Ihrer dämlichen Literaturkritik. Die hatte ich schon satt, lange bevor Sie geboren wurden. Wie alt sind Sie überhaupt? Zweiundzwanzig? Dreiundzwanzig? Was wissen Sie da vom Leben, geschweige denn von der Literatur?«

»Genug, um zu wissen, dass nicht jeder faule Kompromisse schließt.« Zu seinem Erstaunen sah Rothstein, dass die irischen Augen in Tränen schwammen. »Halten Sie mir bloß keine Vorträge über das Leben, nachdem Sie sich die letzten zwanzig Jahre vor der Welt versteckt haben wie eine Ratte im Loch.«

Dieser alte Vorwurf – wie konnte man es nur wagen, sich dem Ruhm zu entziehen – steigerte Rothsteins Zorn zu einer wilden Wut. Es war die Wut, mit der er Gläser durch die Gegend geschleudert und Möbel zertrümmert hatte, die Wut, die sowohl Peggy wie Yolande augenblicklich erkannt hätten, und er war froh darum. Besser, zornig zu sterben als kriechend und bettelnd.

»Wie wollen Sie mein Werk eigentlich zu Geld machen? Haben Sie darüber überhaupt nachgedacht? Wahrscheinlich schon. Wahrscheinlich wissen Sie, dass Sie genauso gut versuchen könnten, ein gestohlenes Notizbuch von Hemingway oder ein Gemälde von Picasso zu verkaufen. Aber Ihre Kumpane sind nicht so gebildet wie Sie, stimmt’s? Das merke ich daran, wie die sich ausdrücken. Wissen die eigentlich, was Sie wissen? Bestimmt nicht, da bin ich mir sicher. Trotzdem haben Sie denen den Mund wässrig gemacht. Sie haben ihnen ein riesiges Wolkenkuckucksheim an die Wand gemalt und gesagt, davon könnten sie jeder ein Stück abhaben. Fähig dazu sind Sie bestimmt. Wahrscheinlich haben Sie einen ganzen See aus Worten zur Verfügung. Aber dabei dürfte es sich um ein ziemlich seichtes Gewässer handeln.«

»Halten Sie die Klappe. Sie hören sich an wie meine Mutter.«

»Sie sind ein ganz gewöhnlicher Dieb, mein Freund. Und wie dämlich, etwas zu stehlen, was man nie im Leben verkaufen kann!«

»Klappe, Sie Genie, ich warne Sie!«

Und wenn er abdrückt, dachte Rothstein. Dann muss ich keine Pillen mehr schlucken. Muss die Vergangenheit nicht mehr bereuen und die zerbrochenen Beziehungen, die meinen Weg säumen wie zu Schrott gefahrene Autos. Muss nicht mehr wie besessen schreiben und Notizbuch um Notizbuch füllen wie ein Kaninchen, das im Wald ein Häuflein nach dem anderen hinterlässt. Eine Kugel im Kopf wäre vielleicht gar nicht so schlecht. Besser als Krebs oder Alzheimer, dieser größte Schrecken für jeden, der seinen Lebensunterhalt mit seinem Verstand verdient. Natürlich wird es Schlagzeilen machen, und von denen hatte ich schon vor diesem verfluchten Artikel im Time-Magazin die Schnauze voll … aber wenn der Kerl da abdrückt, muss ich sie ja gar nicht lesen.

»Du bist ein Trottel«, sagte Rothstein. Urplötzlich verspürte er eine Art Ekstase. »Du hältst dich für klüger als deine Kumpane, aber das bist du nicht. Wenigstens wissen die, dass man mit Bargeld wirklich etwas anfangen kann.« Er beugte sich vor und starrte in das bleiche, von Sommersprossen übersäte Gesicht. »Weißt du was, du Jüngelchen? Wegen Typen wie dir hat das Lesepublikum so einen schlechten Ruf.«

»Letzte Warnung«, sagte Morrie.

»Scheiß auf deine Warnung. Und scheiß auf deine Mutter. Erschieß mich, oder verschwinde aus meinem Haus.«

Morris Bellamy erschoss ihn.

2009

Der erste Streit um Geld im Haus der Saubers – zumindest der erste, den die Kinder mitbekamen – ereignete sich an einem Abend im April. Es war kein großer Streit, aber selbst die heftigsten Stürme begannen als sanfte Brise. Pete und Tina Saubers waren im Wohnzimmer; Pete machte seine Hausaufgaben, und Tina sah sich eine SpongeBob-DVD an. Die hatte sie zwar schon oft gesehen, wurde ihrer jedoch anscheinend nie überdrüssig. Das war günstig, denn zu dieser Zeit hatte man bei den Saubers keinen Zugang zum Cartoon Network. Tom Saubers hatte den Kabelanschluss zwei Monate zuvor gekündigt.

Tom und Linda Saubers waren in der Küche, wo Tom gerade den Reißverschluss seines schäbigen Rucksacks zuzog, nachdem er diesen mit Energieriegeln, einer Tupperdose mit Rohkost, zwei Plastikflaschen Wasser und einer Dose Cola gefüllt hatte.

»Du spinnst«, sagte Linda. »Ich hab zwar schon immer gewusst, dass du zwanghafte Züge hast, aber jetzt treibst du es auf die Spitze. Wenn du den Wecker auf fünf stellen willst, gut. Dann kannst du Todd abholen, um sechs seid ihr am City Center, und dann steht ihr bestimmt trotzdem ganz vorn in der Schlange.«

»Schön wär’s«, sagte Tom. »Todd hat erzählt, letzten Monat war in Brook Park auch so eine Jobbörse, und da haben sich die Leute schon am Vortag angestellt. Am Vortag, Lin!«

»Todd schwafelt viel, wenn der Tag lang ist. Und du hörst ihm zu. Erinnerst du dich, wie er gemeint hat, Pete und Tina werden total auf diese Monstertruck-Show abfahren, und dann …«

»Hier geht’s nicht um Monstertrucks, ein Konzert im Park oder ein Feuerwerk. Es geht um unser Leben.«

Pete blickte von seinen Hausaufgaben auf und sah seiner kleinen Schwester kurz in die Augen. Tinas Achselzucken sprach Bände: So sind sie eben, die Eltern. Er machte sich wieder an seine Algebra. Noch vier Aufgaben, dann konnte er zu Howie rübergehen. Schauen, ob der irgendwelche neuen Comics hatte. Zum Tausch hatte Pete allerdings keine anzubieten, denn sein Taschengeld war ebenso gestrichen worden wie der Kabelanschluss.

In der Küche schritt Tom inzwischen rastlos auf und ab. Linda trat zu ihm und berührte ihn behutsam am Arm. »Ich weiß, dass es um unser Leben geht«, sagte sie.

Das sagte sie leise, teils, damit die Kinder nichts hörten und nervös wurden (Pete war es schon, das wusste sie), hauptsächlich aber, um Tom zu besänftigen. Sie wusste, wie er sich fühlte, und fühlte mit ihm. Angst zu haben war schlimm; sich gedemütigt zu fühlen, weil er seine Familie nicht mehr ernähren konnte, was er als seine wichtigste Verantwortung sah, war noch schlimmer. Außerdem war Demütigung eigentlich nicht das richtige Wort. Was er wirklich empfand, war Beschämung. Zehn Jahre lang hatte er als Immobilienmakler bei Lakefront Realty gearbeitet und war immer einer der besten Verkäufer gewesen. Oft hatte ein Foto mit seinem lächelnden Gesicht vorn im Laden gehangen. Das Geld, das Linda als Grundschullehrerin nach Hause brachte, war nur das Tüpfelchen auf dem i gewesen. Dann war die Wirtschaft im Herbst 2008 abgestürzt, und seither gab es in der Familie nur noch einen Alleinverdiener, besser gesagt eine Alleinverdienerin.

Es war nicht so, dass Tom freigestellt worden war und eventuell wieder eingestellt werden würde, wenn die Lage sich besserte. Lakefront Realty war inzwischen ein leeres Gebäude mit Graffiti an der Fassade und einem Schild mit der Aufschrift ZU VERKAUFEN ODER ZU VERMIETEN davor. Die Brüder Reardon, die das Unternehmen von ihrem Vater geerbt hatten (und der hatte es von seinem Vater übernommen), hatten viel in Aktien investiert und fast alles verloren, als die Kurse in den Keller fielen. Dass Todd Paine, Toms bester Freund, im selben Boot saß, war für Linda kein großer Trost. Sie hielt Todd für einen Trottel.

»Hast du die Wettervorhersage gesehen? Ich schon. Es wird kalt. Am Morgen zieht vom See Nebel heran, vielleicht sogar eisiger Nieselregen. Eisiger Nieselregen, Tom.«

»Gut. Hoffentlich bleibt es dabei. Dann kommen weniger Leute, und meine Aussichten verbessern sich.« Er ergriff ihre Unterarme, aber sanft, ohne sie zu schütteln oder laut zu werden. Das würde später kommen. »Ich muss einfach was an Land ziehen, Lin, und die Jobbörse ist in diesem Frühjahr meine beste Chance. Ich bin die ganze Zeit am Klinkenputzen …«

»Das weiß ich doch …«

»Und es hat nichts gebracht. Absolut null. Klar, unten an den Docks gibt’s ein paar Jobs, und im Einkaufszentrum draußen am Flughafen wird gebaut, aber kannst du dir vorstellen, dass ich so was mache? Ich hab fünfzehn Kilo Übergewicht und bin seit zwanzig Jahren außer Form. Eventuell finde ich im Sommer was im Stadtzentrum – als Aushilfe im Verkauf zum Beispiel –, falls die Wirtschaft tatsächlich wieder etwas in Schwung kommt, aber so eine Stelle wäre schlecht bezahlt und wahrscheinlich bloß vorübergehend. Deshalb fahren Todd und ich schon um Mitternacht hin und stehen Schlange, bis sich morgen früh die Tore öffnen, und ich verspreche dir, dass ich mit einer Arbeit wiederkomme, mit der ich wirklich Geld verdiene.«

»Und außerdem wahrscheinlich mit einer Grippe, an der wir uns alle anstecken. Dann müssen wir bei den Lebensmitteln sparen, um die Arztrechnungen zu bezahlen.«

Daraufhin wurde er wirklich zornig auf sie. »Es wäre nett, wenn ich ein wenig Unterstützung bekäme«, sagte er.

»Tom, um Himmels willen, ich versuche doch nur …«

»Vielleicht sogar ein kleines Lob. ›Toll, wie du die Initiative ergreifst, Tom. Wir freuen uns, dass du dich für die Familie so ins Zeug legst.‹ So was in der Richtung. Falls das nicht zu viel verlangt ist.«

»Ich sag doch nur …«

Aber die Tür zum Garten ging auf und zu, bevor sie den Satz beenden konnte. Er war hinausgegangen, um eine Zigarette zu rauchen. Als Pete diesmal den Blick hob, sah er Kummer und Sorge in Tinas Gesicht. Dabei war sie erst acht Jahre alt. Pete grinste und zwinkerte ihr zu. Das erwiderte Tina mit einem zweifelnden Lächeln, dann wandte sie sich wieder dem Geschehen in dem Unterwasserreich namens Bikini Bottom zu, wo Väter weder ihre Arbeit verloren noch laut wurden und wo Kindern nicht das Taschengeld gestrichen wurde. Falls sie nicht ungezogen waren jedenfalls.

Bevor Tom an jenem Abend das Haus verließ, trug er seine Tochter ins Bett und gab ihr einen Gutenachtkuss. Mrs. Beasley, Tinas Lieblingspuppe, bekam auch einen – um ihm Glück zu bringen, wie er sagte.

»Papa? Wird alles wieder gut?«

»Na klar, Schatz«, sagte er. Daran erinnerte sie sich später. An die Zuversicht in seiner Stimme. »Alles wird prima. Schlaf jetzt.« Er ging aus dem Zimmer, mit ganz normalen Schritten. Auch daran erinnerte sie sich später, denn so sah sie ihn nie wieder gehen.

Am Ende der steilen Rampe, die von der Marlborough Street zum Parkplatz des City Centers führte, sagte Tom: »He, Moment mal, halt an!«

»Mann, da sind Autos hinter mir«, sagte Todd.

»Es dauert bloß eine Sekunde.« Tom hob sein Handy und schoss ein Foto von den Leuten, die Schlange standen. Es waren bestimmt schon hundert. Mindestens. Über den Türen des Saales hing ein Banner mit der Aufschrift GARANTIRT 1000 JOBS! Und darunter: »Wir halten zu den Bürgern unserer Stadt!«BÜRGERMEISTER RALPH KINSLER.

Hinter Todd Paines rostigem Subaru, Baujahr 04, drückte jemand auf die Hupe.

»Tommy, ich störe dich zwar nicht gern dabei, dieses wunderbare Ereignis zu dokumentieren, aber …«

»Fahr weiter. Schon erledigt.« Und während Todd auf den Parkplatz fuhr, wo die Stellplätze in der Nähe des Gebäudes bereits belegt waren: »Ich kann’s kaum erwarten, Linda das Bild zu zeigen. Weißt du, was die gesagt hat? Wenn wir um sechs hier sind, wären wir die ersten in der Schlange.«

»Ich hab’s dir ja gesagt, Alter. Der Toddster lügt nicht.« Der Toddster parkte. Der Motor des Subarus erstarb mit einem Furz und einem Keuchen. »Bei Tagesanbruch sind sicher ein paar Tausend Leute hier. Das Fernsehen auch. Alle Sender. Die Teams von den Sechsuhrnachrichten, dem Morgenmagazin, dem Lokalbericht. Vielleicht werden wir sogar interviewt.«

»Ich wäre schon mit einem Job zufrieden.«

Mit einem hatte Linda recht gehabt: Es war feucht. Man roch den See in der Luft, seinen leicht kloakenartigen Geruch. Und es war fast so kalt, dass er seinen Atem sehen konnte. Man hatte Pfosten mit gelbem Absperrband aufgestellt, um die Arbeitssuchenden im Zickzack aufzureihen wie die Falten eines menschlichen Akkordeons. Tom und Todd nahmen ihren Platz zwischen den letzten beiden Pfosten ein. Schon im nächsten Augenblick stellten sich andere hinter ihnen an, hauptsächlich Männer, manche in dicken Arbeiterjacken aus Fleece, manche in schicken Angestelltenmänteln und Angestelltenfrisuren, deren sauber geschnittener Rand bereits ausfranste. Zur Morgendämmerung würde die Schlange wohl bis zum Parkplatz reichen, und dann waren es immer noch mindestens vier Stunden, bis die Türen aufgingen.

Toms Blick fiel auf eine Frau mit einem Baby vor der Brust. Sie stand einige Reihen vor ihm. Er überlegte, wie verzweifelt man wohl sein musste, um mitten in einer derart kalten, feuchten Nacht mit einem kleinen Kind hierherzukommen. Das Kind steckte in einer von diesen Bauchtragen. Die Frau unterhielt sich mit einem stämmigen Mann, der einen Schlafsack über die Schulter geschlungen hatte, und das Baby lugte vom einen zum anderen wie der kleinste Tennisfan der Welt. Irgendwie drollig.

»Willst du ’nen Schluck zum Aufwärmen, Tommy?« Todd hatte eine Halbliterflasche Bell’s aus seinem Rucksack gezogen und streckte sie ihm hin.

Fast hätte Tom abgelehnt, weil er sich an Lindas Abschiedsgruß erinnerte – komm bloß nicht mit einer Fahne heim, Mister –, doch dann ergriff er die Flasche. Es war kalt hier, und ein kleiner Schluck würde nicht schaden. Er spürte, wie der Whisky durch seinen Körper strömte und ihm dabei Kehle und Bauch wärmte.

Ich muss den Mund ausspülen, bevor ich an einen der Stände gehe, prägte er sich ein. Kerle, die nach Schnaps rochen, wurden für überhaupt nichts eingestellt.

Als Todd ihm einen weiteren Schluck anbot – inzwischen war es gegen zwei Uhr –, lehnte er ab. Aber beim nächsten Angebot um drei griff Tom nach der Flasche. Der Flüssigkeitsspiegel darin wies darauf hin, dass der Toddster sich inzwischen ausgesprochen reichlich gegen die Kälte gewappnet hatte.

Ach, was soll’s, dachte Tom und nahm definitiv mehr als einen kleinen Schluck; es war eher ein anständiger Mundvoll.

»Nur zu«, sagte Todd, der dabei ein winziges bisschen verwaschen klang. »Darfst ruhig mal ein bisschen über die Stränge schlagen.«

Immer noch trafen Arbeitssuchende ein; ihre Autos schoben sich von der Marlborough Street her durch den dichter werdenden Nebel. Die Schlange hatte sich inzwischen ein gutes Stück über die letzten Pfosten hinaus fortgesetzt und schlug keine Haken mehr. Tom hatte gedacht, er würde begreifen, mit welchen wirtschaftlichen Schwierigkeiten das Land zu kämpfen hatte – hatte er nicht selbst eine Stelle verloren, eine sehr gute Stelle? –, aber als immer mehr Autos ankamen und die Schlange so lange wurde, dass er ihr Ende nicht mehr erkennen konnte, sah er die Situation aus einer neuen, erschreckenden Perspektive. Vielleicht war Schwierigkeiten nicht der richtige Ausdruck. Vielleicht war Katastrophe treffender.

Rechts von ihm, in dem Labyrinth aus Pfosten und Absperrband, das zu den Türen des dunklen Saals führte, begann das Baby zu weinen. Tom blickte sich um und sah, dass der Mann mit dem Schlafsack die Bauchtrage an den Seiten festhielt, damit die Frau (mein Gott, dachte Tom, die sieht aus, als wäre sie noch ein Teenager) das Kind herausziehen konnte.

»Was ’n da los?«, fragte Todd. Seine Stimme klang noch verwaschener als vorher.

»Ein Kind«, sagte Tom. »Eine Frau mit Kind. Genauer gesagt ein Mädchen mit Kind.«

Todd spähte hinüber. »Ach, du grüne Neune«, sagte er. »Das finde ich ziemlich irra… unra… Du weißt schon, nich verantwortungsvoll.«

»Bist du etwa besoffen?« Linda mochte Todd nicht, weil sie seine guten Seiten nicht sah, und momentan war Tom sich ebenfalls nicht sicher, ob er die erkennen konnte.

»’n bisschen. Wenn die Türen aufgehn, bin ich aber wieder nüchtern. Außerdem hab ich Feffaminz dabei.«

Fast hätte Tom den Toddster gefragt, ob er auch Augentropfen mitgebracht habe, denn seine Augen waren ziemlich rot. Er entschied sich jedoch, auf eine Diskussion über dieses Thema vorläufig zu verzichten, und wandte seine Aufmerksamkeit wieder der Stelle zu, wo die Frau mit dem weinenden Baby gestanden hatte. Zuerst dachte er, die beiden wären verschwunden. Dann blickte er etwas tiefer und sah, wie die Frau in den Schlafsack des stämmigen Mannes kroch, das Baby an der Brust. Der Mann hielt die Öffnung des Schlafsacks für sie auf. Das Baby weinte inzwischen ziemlich laut.

»Könnt ihr dem Balg nicht das Maul stopfen?«, rief ein Mann.

»Eigentlich sollte man das Jugendamt informieren«, fügte eine Frau hinzu.

Tom dachte an die Zeit, in der Tina so alt gewesen war. Er stellte sich vor, dass sie in dieser kalten, nebligen Nacht hier im Freien gewesen wäre, und musste sich zwingen, dem Mann und der Frau nicht zu sagen, sie sollten gefälligst die Klappe halten … oder, besser noch, der jungen Mutter Hilfe anbieten. Schließlich saßen sie alle im selben Boot, oder etwa nicht? Dieser ganze verkorkste, vom Pech verfolgte Haufen.

Das Weinen wurde leiser und hörte auf.

»Wahrscheinlich stillt sie es«, sagte Todd. Er griff sich an die Brust, um es zu demonstrieren.

»Kann sein.«

»Tommy?«

»Was denn?«

»Du weißt, dass Ellen ihren Job verloren hat, oder?«

»Du lieber Himmel, nein. Das wusste ich nicht.« Er tat so, als würde er die Angst in Todds Gesicht nicht sehen. Und die in dessen Augen schimmernde Feuchtigkeit. Möglicherweise kam die vom Alkohol oder von der Kälte, vielleicht aber auch nicht.

»Sie haben gesagt, wenn es besser läuft, stellen sie sie wieder ein, aber das haben sie mir auch weisgemacht, und jetzt bin ich schon bald ein halbes Jahr arbeitslos. Hab meine Lebensversicherung zu Geld gemacht. Die ist also hinüber. Und weißt du, was wir noch auf der Bank haben? Fünfhundert Dollar. Weißt du, wie lange fünfhundert Dollar reichen, wenn ein Laib Brot bei Kroger’s einen Dollar kostet?«

»Nicht lange.«

»Da hast du verflucht recht. Ich muss hier was an Land ziehen. Das muss ich einfach.«

»Das klappt schon. Bei uns beiden.«

Todd deutete mit dem Kinn auf den stämmigen Mann, der nun offenbar über dem Schlafsack Wache stand, damit niemand versehentlich auf die Frau und das Baby darin trat. »Meinst du, die sind verheiratet?«

Darüber hatte Tom nicht nachgedacht. Nun tat er es. »Wahrscheinlich.«

»Dann sind sie bestimmt beide arbeitslos. Sonst wäre einer von ihnen mit dem Kind zu Hause geblieben.«

»Vielleicht denken sie, dass es ihre Chancen verbessert, wenn sie mit dem Baby aufkreuzen«, sagte Tom.

Todds Gesicht hellte sich auf. »Die Mitleidsmasche! Keine schlechte Idee!« Er streckte Tom die Flasche hin. »Willst du noch was?«

Tom nahm einen kleinen Schluck und dachte dabei: Wenn ich das Zeug nicht trinke, tut Todd es.

Vom Whisky schläfrig geworden, wurde Tom durch einen begeisterten Ausruf wieder wach: »Leben auf fernen Planeten entdeckt!« Es folgten Gelächter und Applaus.

Er blickte sich um und sah Tageslicht. Schwach und vom Nebel verhüllt, aber immerhin Tageslicht. Hinter der Reihe verglaster Türen schob ein Typ in einer grauen Arbeitsuniform – ein Mann mit einem Job, der Glückliche – einen Eimer mit Mopp durch die Eingangshalle.

»Was ’n los?«, fragte Todd.

»Nichts«, sagte Tom. »Bloß ein Hausmeister.«

Todd spähte in Richtung Marlborough Street. »Menschenskind, da kommen immer noch welche.«

»Tja«, sagte Tom und dachte: Wenn ich auf Linda gehört hätte, dann wären wir ganz am Ende einer Schlange, die fast bis nach Cleveland reicht. Das war ein angenehmer Gedanke, ein wenig Genugtuung war immer schön, aber auf Todds Whisky hätte er lieber verzichten sollen. Sein Mund schmeckte nach Katzendreck. Nicht dass er schon mal welchen gegessen hätte, aber …

Einige Zickzackreihen weit entfernt – ganz in der Nähe des Schlafsacks – fragte jemand: »Ist das ein Benz? Sieht ganz wie einer aus.«

Am oberen Ende der Rampe, die von der Marlborough Street heraufführte, sah Tom einen langen Schatten, dessen gelbe Nebelscheinwerfer loderten. Der Wagen bewegte sich nicht, er stand einfach da.

»Was denkt der sich eigentlich?«, sagte Todd.

Offenbar hatte sich der Fahrer des Wagens direkt dahinter dasselbe gefragt, jedenfalls drückte er auf die Hupe – ein langes, genervtes Tröten, bei dem die Leute zusammenfuhren, schnaubten und sich umsahen. Einen Moment lang blieb der Wagen mit den gelben Nebelscheinwerfern, wo er war. Dann schoss er vorwärts. Nicht nach links zu dem inzwischen übervollen Parkplatz, sondern direkt auf die Menschen zu, die in das Labyrinth aus Pfosten und Absperrbändern eingepfercht waren.

»He!«, rief jemand.

Die Menge wogte rückwärts wie eine Flutwelle. Tom wurde gegen Todd geschubst, der auf den Hintern fiel. Tom versuchte krampfhaft, im Gleichgewicht zu bleiben, und hatte das beinahe geschafft, als ihm der Mann vor ihm – brüllend, nein, kreischend – den Allerwertesten in den Schritt und einen zappelnden Ellbogen in die Brust rammte. Tom fiel auf seinen Kumpel, hörte die Schnapsflasche zerbersten und roch den scharfen Duft des restlichen Whiskys, der über den Asphalt rann.

Toll, jetzt stinke ich wie eine Kneipe am Samstagabend, dachte er.

Er kam gerade rechtzeitig auf die Beine, dass er sehen konnte, wie sich der Wagen – es war tatsächlich ein Mercedes, eine schwere Limousine, so grau wie dieser neblige Morgen – in die Menge bohrte. Leiber wurden durch die Luft geschleudert, während der Wagen eine unregelmäßige Kurve fuhr. Vom Kühlergrill tropfte Blut. Eine Frau, die ihre Schuhe verloren hatte, rutschte mit ausgestreckten Armen über die Kühlerhaube. Sie hämmerte auf die Windschutzscheibe ein, griff nach einem der Scheibenwischer, verfehlte ihn und kullerte seitlich herunter. Gelbes Absperrband zerplatzte. Ein Pfosten schlug scheppernd an die Seite der schweren Limousine, die ihr Tempo nicht einmal minimal reduzierte. Tom sah die Vorderräder über den Schlafsack und den stämmigen Mann rollen, der sich schützend hingeworfen und eine Hand gehoben hatte.

Jetzt kam der Wagen direkt auf ihn zu.

»Todd!«, brüllte er. »Todd, steh auf!«

Er griff nach Todds Händen, erwischte eine und zog. Jemand prallte gegen ihn, wodurch er wieder auf die Knie gestoßen wurde. Er hörte den mit voller Kraft laufenden Motor des brutalen grauen Wagens dröhnen. Ganz nahe nun. Als er wegkriechen wollte, traf ihn ein Fuß an der Schläfe. Er sah Sterne.

»Tom?« Todd war jetzt hinter ihm. Wie konnte das sein? »Scheiße, Tom, was ist da los?«

Ein Körper landete auf ihm, und dann kam etwas anderes, ein gewaltiges Gewicht, das ihn zu Boden presste und ihn zu zermalmen drohte. Seine Hüftknochen zerbrachen. Sie hörten sich an wie ausgetrocknete Truthahnknochen. Dann war das Gewicht verschwunden. An seiner Stelle flammte ein Schmerz auf, der sein eigenes Gewicht hatte.

Tom versuchte, den Kopf vom Asphalt zu heben, und schaffte es gerade lange genug, dass er sehen konnte, wie Rücklichter im Nebel verblassten. Er sah die glitzernden Scherben der zersplitterten Whiskyflasche. Er sah Todd ausgestreckt auf dem Rücken liegen; aus seinem Kopf strömte Blut, das sich auf dem Pflaster zu einer Pfütze sammelte. Purpurrote Reifenspuren liefen ins neblige Halblicht.

Linda hat recht gehabt, dachte er. Ich hätte zu Hause bleiben sollen.

Ich werde sterben, dachte er, und vielleicht ist das am besten so. Weil ich es im Gegensatz zu Todd Paine nicht geschafft habe, meine Lebensversicherung zu Geld zu machen.

Obwohl ich das wahrscheinlich irgendwann nachgeholt hätte.

Dann Finsternis.

Als Tom Saubers achtundvierzig Stunden später im Krankenhaus aufwachte, saß Linda neben ihm. Sie hielt seine Hand. Er fragte sie, ob er überleben werde. Sie lächelte, drückte ihm die Hand und sagte, da könne er drauf wetten.

»Bin ich gelähmt? Sag mir die Wahrheit.«

»Nein, Schatz, aber du hast viele Knochenbrüche.«

»Was ist mit Todd?«

Sie wandte den Blick ab und biss sich auf die Lippen. »Der liegt im Koma, aber sie denken, irgendwann wird er schon wieder aufwachen. Das kann man angeblich an seinen Gehirnwellen oder so sehen.«

»Da war ein Auto. Bin einfach nicht weggekommen.«

»Ich weiß. Du warst nicht der Einzige. Es war irgendein Wahnsinniger. Man hat ihn nicht erwischt, jedenfalls noch nicht.«

Der Mann, der den Mercedes gesteuert hatte, war Tom momentan völlig egal. Nicht gelähmt zu sein war gut, aber …

»Wie schlimm steht es mit mir? Keine Ausflüchte – sei ehrlich.«

Sie sah ihm in die Augen, aber nur einen Moment. Dann blickte sie wieder auf die Genesungskarten, die auf dem Nachttisch standen, und sagte: »Du … na ja. Es wird eine Weile dauern, bis du wieder gehen kannst.«

»Wie lange?«

Sie hob seine Hand, die schlimme Kratzer hatte, und küsste sie. »Das wissen sie nicht.«

Tom Saubers schloss die Augen und heulte los. Linda hörte sich das eine Weile an, und als sie es nicht mehr aushalten konnte, beugte sie sich vor und drückte auf den Knopf der Morphinpumpe. Das tat sie so lange, bis das Gerät nichts mehr abgab. Bis dahin war Tom eingeschlafen.

1978

Aus dem obersten Fach des Schlafzimmerschranks zog Morris eine Decke und breitete sie über Rothstein, der nun ausgestreckt in seinem Sessel lag. Seine Schädeldecke war nicht mehr vorhanden. Der Inhalt des Gehirns, das Jimmy Gold, Jimmys Schwester Emma und seine egozentrischen, halb alkoholsüchtigen Eltern ersonnen hatte – die so sehr denen von Morris ähnelten –, trocknete an der Tapete. Geschockt war Morris eigentlich nicht, aber erstaunt durchaus. Er hatte etwas Blut und ein Loch zwischen den Augen erwartet, keine derart extravagante Explosion von Knorpel und Knochen. Das lag wohl an seiner mangelnden Fantasie, wegen der er die Großen der modernen amerikanischen Literatur zwar lesen – und schätzen – konnte, aber nie zu ihnen gehören würde.

Freddy Dow kam aus dem Arbeitszimmer, über jeder Schulter eine vollgepackte Sporttasche. Curtis folgte ihm, mit gesenktem Kopf und ohne jedes Gepäck. Dann rannte er urplötzlich los, umkurvte Freddy und schoss in die Küche. Vom Wind ergriffen, schlug die Tür zum Garten an die Hauswand. Man hörte es würgen.

»Dem ist ein bisschen übel«, sagte Freddy. Er besaß die Gabe auszusprechen, was offenkundig war.

»Und wie geht’s dir?«, fragte Morris.

»Ganz okay.« Ohne sich umzublicken, ging Freddy durch die Haustür und blieb draußen kurz stehen, um das Brecheisen mitzunehmen, das an der Schaukelbank auf der Veranda lehnte. Sie hatten alles für einen Einbruch dabeigehabt, doch die Haustür war nicht verschlossen gewesen. Die Hintertür zur Küche ebenso wenig. Offenbar hatte Rothstein voll und ganz dem Gardall-Safe vertraut. So viel zum Thema mangelnde Fantasie.

Morris betrat das Arbeitszimmer, um Rothsteins sauber aufgeräumten Schreibtisch und seine abgedeckte Schreibmaschine zu betrachten. Sein Blick fiel auf die Fotos an der Wand. Da hingen beide Exfrauen, lachend, jung und schön mit ihren Kleidern und Frisuren aus den Fünfzigern. Es war irgendwie interessant, dass Rothstein seine abgelegten Frauen dort hängen hatte, wo sie ihm beim Schreiben zusehen konnten, aber Morris hatte keine Zeit, länger darüber zu sinnieren oder den Inhalt des Schreibtischs zu untersuchen, was er liebend gern getan hätte. War eine solche Untersuchung überhaupt notwendig? Die Notizbücher hatte er schließlich schon und damit das, was der Autor im Kopf gehabt hatte. Alles, was entstanden war, seit Rothstein vor achtzehn Jahren aufgehört hatte, etwas zu veröffentlichen.

Freddy hatte die Umschläge mit dem Bargeld zuerst eingepackt (natürlich, mit Geld konnten Freddy und Curtis etwas anfangen), doch in den Fächern des Safes lagen immer noch massenhaft Notizbücher. So welche, wie Hemingway sie verwendet hatte. Von solchen Büchlein hatte auch Morris in der Jugendstrafanstalt geträumt, als er sich vorgestellt hatte, selbst Schriftsteller zu werden. Damals war sein Papierverbrauch jedoch auf fünf Blatt mieses Papier pro Woche rationiert gewesen, was kaum ausreichte, einen großen amerikanischen Roman zu beginnen. Um mehr zu betteln hätte nichts gebracht. Als er Elkins, dem stellvertretenden Direktor, einmal für ein Dutzend zusätzlicher Blätter einen Blowjob angeboten hatte, hatte der ihm einen Faustschlag ins Gesicht verpasst. Irgendwie lustig, wenn man den ganzen keineswegs einvernehmlichen Sex in Betracht zog, zu dem man ihn während seines neunmonatigen Aufenthalts gezwungen hatte, normalerweise auf den Knien, wobei man ihm mehr als einmal die eigenen schmutzigen Unterhosen in den Mund gestopft hatte.

Für diese Vergewaltigungen machte er seine Mutter zwar nicht vollständig verantwortlich, doch einen Teil der Schuld trug sie durchaus. Anita Bellamy, die berühmte Geschichtsprofessorin, deren Buch über den Industriellen Henry Clay Frick für den Pulitzerpreis nominiert worden war. So berühmt war sie, dass sie meinte, auch bestens über moderne amerikanische Literatur Bescheid zu wissen. Ein Streit über die Jimmy-Gold-Trilogie war der Grund, weshalb er eines Abends wütend aus dem Haus gestürmt war, und zwar mit dem festen Vorsatz, sich zu besaufen. Was er dann auch tat, obwohl er damals noch minderjährig war und auch so aussah.

Alkohol vertrug Morris nicht besonders gut. Wenn er besoffen war, tat er Dinge, an die er sich später nicht erinnern konnte, und es waren keine guten Dinge. An dem Abend waren es Einbruch, Vandalismus und eine tätliche Auseinandersetzung mit den privaten Sicherheitskräften, die ihn nur mühevoll festhalten konnten, bis die richtige Polizei eintraf.

Das war nun bald sechs Jahre her, aber die Erinnerung war immer noch taufrisch. Es war alles derart bescheuert gewesen. Einen Wagen zu klauen, damit zum Spaß durch die Stadt zu gondeln und ihn einfach stehen zu lassen (nachdem man vielleicht noch aufs Armaturenbrett gepisst hatte) war zwar nicht besonders clever, doch mit ein wenig Glück kam man mit so etwas davon. Aber in ein Haus einzubrechen, und das auch noch in Sugar Heights? Das war doppelt bescheuert, in diesem Haus hatte er nämlich überhaupt nichts gewollt (zumindest nichts, woran er sich später erinnert hätte). Und wenn er doch mal etwas wollte? Wenn er seinen Mund im Austausch für ein paar Blatt mieses Schreibpapier darbot? Dann schlug man ihm ins Gesicht. Deshalb hatte er gelacht, denn das hätte auch Jimmy Gold getan (zumindest bevor Jimmy erwachsen geworden war und seine Seele an das verkauft hatte, was er die goldene Kröte nannte). Und was war als Nächstes geschehen? Ein weiterer Faustschlag in die Visage, noch härter. Das dumpfe Knacken, mit dem seine Nase brach, hatte ihn tatsächlich zum Weinen gebracht.

Jimmy hätte nie geweint.

Er stierte immer noch gierig auf die Notizbücher, als Freddy Dow mit den anderen beiden Sporttaschen wiederkam. Außerdem hatte er eine abgestoßene Herrentasche aus Leder dabei. »Die war in der Speisekammer. Neben ’ner Unmenge Dosen mit Bohnen und Thunfisch. Kaum zu glauben, was? Komischer Typ. Vielleicht hat er auf die Akropolipse gewartet. Los, Morrie, mach mal ein bisschen Dampf. Nicht dass jemand den Schuss gehört hat.«

»Hier gibt’s keinerlei Nachbarn. Die nächste Farm ist zwei Meilen weit entfernt. Entspann dich.«

»Der Knast ist voll von Typen, die entspannt waren. Wir müssen hier abhauen.«

Morris fing an, die Notizbücher einzusammeln, konnte es sich jedoch nicht verkneifen, in eines hineinzuschauen, nur um auf Nummer sicher zu gehen. Rothstein war tatsächlich ein komischer Typ gewesen, weshalb es durchaus im Bereich des Möglichen lag, dass er seinen Safe mit leeren Notizbüchern vollgepackt hatte, um eventuell erst später etwas hineinzuschreiben.

Doch nein.

Dieses zumindest war mit Rothsteins kleiner, säuberlicher Handschrift vollgekritzelt; jede einzelne Seite war beschrieben, von oben nach unten und von links nach rechts. Die Ränder waren dünn wie Fäden.

– war sich nicht sicher, wieso ihn das beschäftigte und wieso er nicht einschlafen konnte, während der leere Wagen dieses späten Güterzugs ihn durch ländliche Ödnis nach Kansas City und ins schlafende Hinterland trug, durch den vollen Bauch Amerikas, der unter der vertrauten Daunendecke der Nacht ruhte, doch Jimmys Gedanken wandten sich beständig wieder dem –

Freddy schlug ihm auf die Schulter, und zwar nicht gerade sanft. »Nimm die Nase aus dem Ding da, und pack ein. Draußen steht schon einer, der sich die Seele aus dem Leib kotzt und zu nichts mehr nütze ist.«

Morris warf das Notizbuch in eine der Sporttaschen und grapschte wortlos eine weitere doppelte Handvoll, während seine Gedanken um die vor Jimmy liegenden Möglichkeiten kreisten. Er vergaß das im Wohnzimmer unter einer Decke liegende Schlamassel, vergaß, dass Curtis Rogers die Rosen, Zinnien, Petunien, oder was sonst im Garten wuchs, vollkotzte. Jimmy Gold! Er fuhr nach Westen, in einem Güterwagen! Rothstein war doch nicht fertig mit ihm gewesen!

»Die Taschen da sind voll«, sagte er zu Freddy. »Schaff sie raus. Den Rest bringe ich in der Herrentasche unter.«

»Ach, so nennt man so ein Ding?«

»Ich glaube schon, ja.« Er wusste es. »Los jetzt. Wir sind gleich fertig.«

Freddy schlang sich die Riemen der Sporttaschen um die Schultern, zögerte jedoch einen Augenblick. »Sicher, dass wir diese Dinger mitnehmen sollten? Rothstein hat doch gesagt …«

»Der war ein typischer Hamsterer, der seinen Hort retten wollte. Dafür hätte er alles getan. Und jetzt ab mit dir.«

Freddy verschwand. Morris packte die letzte Ladung Notizbücher in die Herrentasche und trat rückwärts aus dem Kleiderschrank. Curtis stand neben Rothsteins Schreibtisch. Wie die beiden anderen hatte er seine Sturmhaube abgenommen. Sein Gesicht war kreideweiß, um die Augen hatten sich vor Entsetzen dunkle Ringe gebildet.

»Du musstest ihn nicht umbringen«, sagte Curtis. »Das war nicht vorgesehen. Wir hatten es nicht geplant. Wieso hast du das getan?«

Weil er dafür gesorgt hat, dass ich mir dumm vorkomme. Weil er meine Mutter beschimpft hat und das mein Job ist. Weil er mich als Jüngelchen bezeichnet hat. Weil er dafür bestraft werden musste, dass er aus Jimmy Gold einen von denen gemacht hat. Und vor allem, weil niemand mit einem solchen Talent das Recht hat, es vor der Welt zu verbergen. Das hätte Curtis allerdings nicht verstanden.

»Weil die Notizbücher dann mehr wert sind, wenn wir sie verkaufen.« Was erst geschehen würde, wenn er jedes einzelne Wort darin gelesen hatte. Curtis würde nicht verstehen, dass das nötig war, und er musste es auch nicht erfahren. Freddy ebenso wenig. Morris versuchte, einen geduldigen, vernünftigen Ton in seine Stimme zu legen. »Wir haben jetzt alles, was John Rothstein geschrieben hat. Mehr kommt nicht dazu. Dadurch wird das unveröffentlichte Zeug noch wertvoller. Das kapierst du doch, oder?«

Curtis kratzte sich an der bleichen Wange. »Tja … ich glaub schon … klar.«

»Außerdem kann er nicht mehr behaupten, es würde sich um Fälschungen handeln, wenn die Sachen auftauchen. Was er bestimmt getan hätte, aus reiner Gehässigkeit. Ich hab viel über ihn gelesen, Curtis, praktisch alles, und er war ein echt gehässiger Scheißkerl.«

»Tja …«

Morris verkniff sich die Bemerkung, dass ein derart tiefgründiges Thema nichts für einen so seichten Verstand wie den von Curtis sei Stattdessen hielt er ihm die Herrentasche hin. »Nimm das mit. Und lass die Handschuhe an, bis wir im Wagen sitzen.«

»Du hättest es mit uns besprechen müssen, Morrie. Schließlich sind wir deine Partner.« Curtis ging los, dann wandte er sich noch einmal um. »Ich habe eine Frage.«

»Nur zu.«

»Weißt du vielleicht, ob hier in New Hampshire die Todesstrafe gilt?«

Sie fuhren auf Nebenstraßen durch den schmalen Schornstein von New Hampshire und kamen nach Vermont. Am Steuer des Chevy Biscaynes, der alt und unauffällig war, saß Freddy. Morris saß neben ihm, einen Straßenatlas auf dem Schoß, und knipste von Zeit zu Zeit die Innenbeleuchtung an, damit sie nicht von der vorab geplanten Route abkamen. Er musste Freddy nicht daran erinnern, sich an das Tempolimit zu halten. Freddy Dow nahm nicht zum ersten Mal an einer solchen Unternehmung teil.

Curtis lag auf dem Rücksitz, und bald hörten sie ihn schnarchen. Er hat Glück, dachte Morris, offenbar hat er sich das Grauen erfolgreich aus dem Leib gekotzt. Bei Morris hingegen würde es wohl eine Weile dauern, bis er nachts wieder gut schlafen konnte. Noch immer sah er die Hirnmasse an der Tapete herabrinnen. Dabei dachte er nicht an den Mord an sich, sondern an das vergeudete Talent. Ein ganzes Leben, in dem dieses Gehirn Texte geformt und geschliffen hatte, war in weniger als einer Sekunde zerfetzt worden. So viele Geschichten, so viele Bilder, und was aus dem Schädel gekommen war, sah nun aus wie Haferschleim. Wo lag da der Sinn?

»Du meinst also wirklich, wir können diese kleinen Hefte verkaufen?«, fragte Freddy. Das ließ ihn offenbar nicht los. »Für ’ne anständige Summe, meine ich.«

»Ja.«

»Ohne dass wir dabei geschnappt werden?«

»Ja, Freddy, da bin ich mir sicher.«

Freddy Dow schwieg so lange, dass Morris schon dachte, das Thema wäre erledigt. Dann äußerte Freddy doch wieder etwas dazu. Drei Wörter. Trocken und tonlos. »Das bezweifle ich.«

Später, als Morris wieder im Bau saß – und diesmal nicht in der Jugendstrafanstalt –, dachte er manchmal: In dem Augenblick habe ich beschlossen, die beiden umzubringen.

Aber nachts, wenn er nicht einschlafen konnte, weil sein mit Seife schlüpfrig gemachtes Arschloch von einem Dutzend Ficks im Duschraum brannte, gestand er sich ein, dass dies nicht der Wahrheit entsprach. Er hatte es schon immer vorgehabt. Die beiden Typen waren dämlich und dazu Berufsverbrecher. Früher oder später (wahrscheinlich früher) wäre einer von ihnen wegen irgendeiner anderen Sache geschnappt worden und dann mit der Aussicht auf eine geringere oder gar keine Strafe in Versuchung geraten, Einzelheiten über diese Nacht preiszugeben.

Die beiden mussten weg, das wusste ich einfach, dachte er in diesen Nächten im Zellentrakt, wenn der volle Bauch Amerikas unter der vertrauten Daunendecke der Nacht ruhte. Es war unvermeidlich.

Im Norden des Staates New York bogen sie, als sich hinter ihnen in der nahen Dämmerung die dunkle Linie des Horizonts abzeichnete, in westlicher Richtung auf die Route 92 ein, eine Landstraße, die mehr oder weniger parallel zur I-90 bis nach Illinois führte, wo sie sich nach Süden wandte, um in der Industriestadt Rockford zu enden. Zu dieser Tageszeit herrschte hier noch kaum Verkehr, obwohl auf der Interstate zu ihrer Linken bereits schwere Lastwagen zu hören waren (und manchmal zu sehen).

Als sie an einem Schild vorbeikamen, das einen zwei Meilen entfernten Rastplatz ankündigte, dachte Morris an Macbeth. Muss man es tun, so wär es gut, ’s wär schnell getan. Wahrscheinlich kein wortwörtliches Zitat, aber für den Hausgebrauch ausreichend.

»Halt da mal an«, sagte er zu Freddy. »Ich muss den Hamster melken.«

»Wahrscheinlich gibt es da auch Automaten«, sagte Curtis der Kotzer auf dem Rücksitz. Er hatte sich aufgesetzt; das Haar stand ihm wirr vom Kopf ab. »Ich könnte jetzt ein paar von diesen Crackern mit Erdnussbutter gebrauchen.«

Falls andere Wagen auf dem Rastplatz standen, musste Morris die Sache verschieben, das war ihm klar. Der Fernverkehr, der früher hier durchgekommen war, benutzte jetzt zwar größtenteils die Interstate, aber nach Tagesanbruch würden viele Einheimische hier auf dem Weg von einem Kaff zum nächsten entlangtuckern.

Momentan lag der Rastplatz verlassen da, wohl auch aufgrund des Schildes mit der Aufschrift ÜBERNACHTEN IM WOHNMOBIL VERBOTEN. Sie parkten und stiegen aus. In den Bäumen unterhielten sich die Vögel zwitschernd über die vergangene Nacht und über ihre Pläne für den Tag. Ein paar trockene Blätter – in diesem Teil der Welt hatte der Herbst gerade erst begonnen – taumelten herab und huschten über den Asphalt.

Curtis steuerte die Automaten an, während Morris und Freddy Seite an Seite zur Männertoilette marschierten. Morris fühlte sich nicht besonders nervös. Vielleicht stimmte der Spruch, dass es nach dem ersten Mal leichter wurde.

Mit einer Hand hielt er Freddy die Tür auf, während er mit der anderen die Pistole aus der Jackentasche zog. Freddy bedankte sich, ohne sich umzublicken. Morris ließ die Tür zuschwingen, bevor er die Waffe hob. Er richtete die Mündung auf Freddy Dows Hinterkopf, kaum zwei Zentimeter davon entfernt, und drückte ab. In dem gefliesten Raum verursachte der Schuss einen trockenen, lauten Knall, aber falls jemand ihn aus der Entfernung gehört hatte, würde er denken, auf der Interstate habe ein Motorrad eine Fehlzündung gehabt. Sorgen machte Morris sich allerdings wegen Curtis.

Unnötigerweise, denn Curtis stand immer noch in der Automatenecke unter dem Holzdach, auf dessen rustikalem Schild REISE-OASE stand. In der Hand hielt er eine Packung mit Erdnussbuttercrackern.

»Hast du das gehört?«, fragte er Morris. Und als er die Waffe sah, erkundigte er sich in aufrichtig verwirrtem Ton: »Wofür soll die denn sein?«

»Für dich«, sagte Morris und schoss ihm in die Brust.