Wahn - Stephen King - E-Book
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Beschreibung

Das Meisterwerk des Unheimlichen

Nach einem schrecklichen Unfall sucht Edgar Freemantle auf einer einsamen Insel Trost in der Malerei. Die Insel aber übt eine dämonische Macht aus, und bald schon entwickeln Edgars Bilder ein tödliches Eigenleben ... Mit „Wahn“ hat Stephen King – wie schon mit seinem Bestseller „Love“ – ein Meisterwerk des Unheimlichen geschaffen, einen Roman über die Beharrlichkeit der Liebe und die Gefahren enthemmter Kreativität.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl:1104


Inhaltsverzeichnis
 
Widmung
 
WIE MAN EIN BILD ZEICHNET (I)
Kapitel 1 – Mein anderes Leben
 
WIE MAN EIN BILD ZEICHNET (II)
Kapitel 2 – Big Pink
Kapitel 3 – Neue Ressourcen
 
WIE MAN EIN BILD ZEICHNET (III)
Kapitel 4 – Freunde mit Zuwendungen
Kapitel 5 – Wireman
Kapitel 6 – Die Dame des Hauses
 
WIE MAN EIN BILD ZEICHNET (IV)
Kapitel 7 – Kunst um der Kunst willen
Kapitel 8 – Familienporträt
 
WIE MAN EIN BILD ZEICHNET (V)
Kapitel 9 – Candy Brown
Kapitel 10 – Das Champagnerglas Ruhm
 
WIE MAN EIN BILD ZEICHNET (VI)
Kapitel 11 – Blick von Duma Key
Kapitel 12 – Ein anderes Florida
 
WIE MAN EIN BILD ZEICHNET (VII)
Kapitel 13 – Die Ausstellung
 
WIE MAN EIN BILD ZEICHNET (VIII)
Kapitel 14 – Der rote Korb
Kapitel 15 – Eindringling
 
WIE MAN EIN BILD ZEICHNET (IX)
Kapitel 16 – Das Spiel ist aus
Kapitel 17 – Das Südende der Insel
Kapitel 18 – Noveen
 
WIE MAN EIN BILD ZEICHNET (X)
Kapitel 19 – April 1927
 
WIE MAN EIN BILD ZEICHNET (XI)
Kapitel 20 – Perse
Kapitel 21 – Die Muscheln bei Mondschein
Kapitel 22 – Juni
 
WIE MAN EIN BILD ZEICHNET (XII)
Nachwort
Copyright
Für Barbara Ann und Jimmy
Erinnerung … ist ein internes Gerücht. George Santayana
 
 
 
Life is more than love and pleasure, I came here to dig for treasure. If you want to play you gotta pay You know it’s always been that way, We all came to dig for treasure. Shark Puppy
WIE MAN EIN BILD ZEICHNET (I)
Beginnen Sie mit einer leeren Fläche. Sie braucht nicht aus Papier oder Leinwand zu sein, aber ich finde, sie sollte weiß sein. Wir nennen es Weiß, weil wir ein Wort dafür brauchen, aber sein wahrer Name ist Nichts. Schwarz ist das Fehlen von Licht, aber Weiß ist das Fehlen von Erinnerung, die Farbe von »weiß nicht mehr«.
Wie erinnern wir uns daran, uns zu erinnern? Das habe ich mich seit meiner Zeit auf Duma Key oft gefragt, oft in den frühen Morgenstunden, während ich in die Abwesenheit von Licht blickte und mich an abwesende Freunde erinnerte. Manchmal denke ich in diesen kurzen Stunden an den Horizont. Man muss den Horizont festlegen. Eine Markierungslinie ins Weiße zeichnen. Klingt einfach, könnten Sie sagen, aber jeder Akt, der die Welt neu erschafft, ist heroisch. Zu dieser Überzeugung bin ich gelangt.
Stellen Sie sich ein kleines Mädchen vor, kaum älter als ein Baby. Es ist vor fast neunzig Jahren von einer Kutsche heruntergefallen, hat sich den Kopf an einem Stein angeschlagen und alles vergessen. Nicht nur seinen Namen, alles! Und eines Tages dann hat es sich an eben genug erinnert, um nach einem Bleistift zu greifen und diesen ersten zögernden Strich ins Weiße zu ziehen. Eine Horizontlinie, gewiss. Aber auch ein Schlitz, durch den Schwärze hereindringen konnte.
Trotzdem, stellen Sie sich diese kleine Hand vor, die den Bleistift hebt … zögert … und dann ins Weiße zeichnet. Stellen Sie sich den Mut vor, den dieser erste Versuch erforderte, die Welt zeichnend neu zu erschaffen. Ich werde dieses kleine Mädchen immer lieben, trotz allem, was es mich gekostet hat. Ich muss. Ich habe keine Wahl.
Bilder sind magisch, wie Sie wissen.
1
Mein anderes Leben
I Mein Name ist Edgar Freemantle. Ich war mal eine große Nummer im Baugewerbe. Das war in Minnesota, in meinem anderen Leben. Diese Mein-anderes-Leben-Sache habe ich von Wireman gelernt. Ich möchte Ihnen von Wireman erzählen, aber erst wollen wir den Minnesota-Teil abhandeln.
Man kann es nicht anders sagen: Ich war ein echter amerikanischer Erfolgsmensch. Ich habe mich in der Firma, bei der ich angefangen hatte, hochgearbeitet, und als ich dort nicht weiter aufsteigen konnte, bin ich gegangen und habe eine eigene Firma aufgemacht. Mein ehemaliger Boss hat mich ausgelacht und mir prophezeit, in spätestens einem Jahr würde ich pleite sein. Ich denke, dass die meisten Bosse das sagen, wenn irgendein ehrgeiziger Jungspund sich selbstständig macht.
Mir ist alles geglückt. Als Minneapolis-St. Paul boomte, hat auch die Freemantle Company geboomt. War das Geld mal knapper, habe ich nie versucht, etwas zu forcieren.Aber ich habe mich auf mein Gespür verlassen und damit meist richtig gelegen. Als ich fünfzig war, waren Pam und ich fünfzig Millionen Dollar schwer. Und unsere Beziehung war noch immer intakt. Wir hatten zwei Mädchen, und am Ende unseres eigenen Goldenen Zeitalters war Ilse an der Brown University und Melinda im Rahmen eines Austauschprogramms als Lehrerin in Frankreich. Kurz bevor alles schiefging, haben meine Frau und ich Pläne geschmiedet, sie dort zu besuchen.
Ich hatte auf einer Baustelle einen Unfall. Ziemlich einfache Geschichte; wenn ein Pick-up, selbst ein Dodge Ram mit allem Drum und Dran, sich mit einem zwölfstöckigen Kran anlegt, zieht er in jedem Falle den Kürzeren. Die rechte Seite meines Schädels wurde eingedrückt. Die linke Seite knallte so heftig gegen die Türsäule des Rams, dass sie an drei Stellen eingedellt wurde. Vielleicht auch an fünf. Mein Gedächtnis ist besser geworden, aber längst nicht das, was es mal war.
Die Ärzte nennen das, was mein Kopf erlitten hat, ein Schädel-Hirn-Trauma, und oft hat so etwas schlimmere Folgen als die ursprüngliche Verletzung. Meine Rippen wurden gebrochen. Meine rechte Hüfte war zertrümmert. Und obwohl ich siebzig Prozent des Sehvermögens meines rechten Auges behielt (an guten Tagen mehr), verlor ich den rechten Arm.
Ich hätte mein Leben verlieren sollen, aber das tat ich nicht. Wegen der Hirnprellung sollte ich geistig beeinträchtigt bleiben; das war ich zunächst auch, aber es verging wieder. Gewissermaßen. Bis es so weit war, war meine Frau gegangen – und das nicht nur gewissermaßen. Wir waren fünfundzwanzig Jahre verheiratet, aber Sie wissen ja, wie es so schön heißt: Shit happens. Vermutlich spielt das keine Rolle; fort ist fort. Und vorbei ist vorbei. Das hat manchmal auch sein Gutes.
Wenn ich sage, dass ich geistig beeinträchtigt war, meine ich damit, dass ich anfangs Leute nicht erkannte – nicht mal meine Frau – oder nicht wusste, was passiert war. Ich kapierte nicht, warum ich so grässliche Schmerzen hatte. An Stärke und Beschaffenheit dieser Schmerzen kann ich mich jetzt, vier Jahre später, nicht mehr erinnern. Ich weiß, dass ich Schmerzen hatte und dass sie unerträglich waren, aber das ist alles ziemlich theoretisch. Damals waren sie nicht theoretisch. Damals kam ich mir vor, als wäre ich in die Hölle geraten, ohne zu wissen, weshalb.
Erst hattest du Angst, du stirbst, dann hattest du Angst, du stirbst nicht. Das sagt Wireman, der es gewusst haben muss; er hatte selbst eine Zeit in der Hölle verbracht.
Alles tat ständig weh. Ich hatte ununterbrochen dröhnende Kopfschmerzen; hinter meiner Stirn war es ständig Mitternacht im größten Uhrengeschäft der Welt. Weil mein rechtes Auge ziemlich kaputt war, sah ich die Welt durch einen Blutfilm – und wusste noch immer kaum, was die Welt war. Nichts hatte einen Namen. Ich erinnere mich an einen Tag, an dem Pam im Zimmer war – ich war noch im Krankenhaus – und an meinem Bett stand. Ich war stinksauer, weil sie sich nicht hinsetzte, obwohl das Ding, auf das man sich setzte, gleich drüben in der Maismiete stand.
»Hol den Freund«, sagte ich. »Setz dich auf den Freund.«
»Wie meinst du das, Edgar?«, fragte sie.
»Den Freund, den Kumpel!«, brüllte ich. »Hol den gottverdammten Kameraden her, du dumbe Kuh!« Die Kopfschmerzen brachten mich um, und sie begann zu weinen. Ich hasste sie dafür. Sie hatte nichts zu weinen, denn nicht sie steckte im Käfig und sah alles durch rote Nebel. Nicht sie war der Affe im Käfig. Und dann fiel es mir ein. »Hol den Spezi her und setz dich um Himmels willen!« Näher kam mein verwirrtes demoliertes Hirn nicht an Stuhl heran.
Ich war ständig zornig. Es gab zwei ältere Krankenschwestern, die ich Trockenfick eins und Trockenfick zwei nannte, als seien sie Figuren in einer schmutzigen Dr.-Seuss-Geschichte. Es gab eine Lernschwester, die ich Windelpastille nannte – keine Ahnung, weshalb, aber auch dieser Spitzname hatte irgendeine sexuelle Nebenbedeutung. Zumindest für mich.Als ich wieder zu Kräften kam, versuchte ich, Leute zu schlagen. Zweimal versuchte ich, Pam mit einem Messer zu verletzen, und beim ersten Mal gelang mir das auch, obwohl es nur ein Plastikmesser war. Trotzdem musste sie am Unterarm genäht werden. An manchen Tagen musste ich im Bett fixiert werden.
Woran ich mich aus diesem Teil meines anderen Lebens am deutlichsten erinnere: ein heißer Nachmittag gegen Ende meines Aufenthalts in einer teuren Rehaklinik, die Klimaanlage ausgefallen, ich im Bett fixiert, im Fernsehen eine Seifenoper, in meinem Kopf das Bimmeln von tausend Glocken, Schmerzen, die meine rechte Seite wie ein glühendes Schüreisen verbrennen, mein fehlender rechter Arm juckend, meine fehlenden rechten Finger zuckend, für eine Weile kein Oxycontin fällig (für wie lange, kann ich nicht sagen, weil ich kein Zeitgefühl habe), und aus dem Rot schwimmt eine Krankenschwester heran, ein Wesen, das sich den Affen im Käfig ansehen will, und fragt: »Sind Sie bereit für einen Besuch Ihrer Frau?« Und ich sage: »Nur wenn sie eine Pistole mitgebracht hat, damit sie mich erschießen kann.«
Man glaubt nicht, dass solche Schmerzen jemals aufhören werden, aber das tun sie. Dann wird man nach Hause verfrachtet und die Schmerzen durch die Agonie körperlicher Rehabilitation ersetzt. Das Rot begann aus meinem Gesichtsfeld zu verschwinden. Ein auf Hypnosetherapie spezialisierter Psychologe zeigte mir ein paar tolle Tricks zur Bewältigung von Juckreiz und Phantomschmerzen in meinem fehlenden Arm. Das war Kamen. Es war Kamen, der mir Reba mitbrachte: eines der wenigen Dinge, die ich mitnahm, als ich aus meinem anderen Leben in das auf Duma Key hinüberhinkte.
»Dies ist keine anerkannte psychologische Therapie für Wutmanagement«, sagte Dr. Kamen, obwohl er vielleicht auch nur log, um Reba attraktiver zu machen. Er forderte mich auf, ihr einen Namen zu geben, den ich verabscheute. Zwar sah sie wie Lucy Ricardo aus, aber ich nannte sie nach einer Tante, die mich als Kind in die Finger gezwickt hatte, wenn ich nicht alle Karotten aufaß. Ich hatte sie noch keine zwei Tage, als ich ihren Namen vergaß. Mir fielen bloß Jungennamen ein, von denen mich einer wütender machte als der andere: Randall, Russell, Rudolph, sogar River-fucking-Phoenix.
Inzwischen war ich wieder zu Hause. Pam kam mit meinem Morgenimbiss herein, und ich konnte sehen, dass sie sich auf einen Ausbruch gefasst machte. Aber obwohl ich den Namen der flauschig roten Zornpuppe vergessen hatte, erinnerte ich mich daran, wie ich sie in einer solchen Situation gebrauchen sollte.
»Pam«, sagte ich, »ich brauche fünf Minuten, um mich unter Kontrolle zu bringen. Ich schaffe das.«
»Bist du sicher...«
»Ja, sieh nur zu, dass du diese Kalbsachse rausbringst und in deinen Gesichtspuder steckst. Ich schaffe das.«
Ich wusste nicht, ob ich es wirklich konnte oder nicht, aber das sollte ich sagen: Ich schaffe das. Ich konnte mich nicht an den Namen der gottverdammten Puppe erinnern, aber Ich schaffe das konnte ich mir merken. Zu den klaren Erinnerungen aus der Genesungszeit in meinem anderen Leben gehört, dass ich immer wieder Ich schaffe das sagte, obwohl ich wusste, dass ich im Regen stand, erledigt, total im Arsch.
»Ich schaffe das«, sagte ich, und weiß der Teufel, wie ich ausgesehen habe, aber sie ging nur wortlos rückwärts hinaus. Auf dem Tablett, das sie weiter in den Händen hielt, klapperte die Tasse auf der Untertasse.
Als sie gegangen war, hielt ich die Puppe vor meinem Gesicht hoch und starrte in ihre dämlichen blauen Augen, während meine Fingerkuppen sich in ihren dämlichen nachgiebigen Leib bohrten. »Wie heißt du, du schleimgesichtige Schlampe?«, brüllte ich sie an. Ich kam nie auf die Idee, dass Pam mich über die Sprechanlage zur Teeküche belauschte, sie gemeinsam mit der Tagschwester. Aber wäre die Sprechanlage defekt gewesen, hätten sie mich durch die Tür gehört. An diesem Tag war ich gut bei Stimme.
Ich schüttelte die Puppe. Ihr Kopf schwang vor und zurück, und ihre künstlichen I love Lucy-Haare flogen. Ihre blauen Cartoon-Augen schienen zu sagen: Aua, du böser Mann! Wie Betty Boop in einem dieser alten Zeichentrickfilme, die sie im Kabelfernsehen manchmal noch zeigen.
»Wie heißt du, du Miststück? Wie heißt du, du Fotze? Wie heißt du, du billige, mit Lumpen ausgestopfte Nutte? Sag mir deinen Namen, sonst bringe ich dich um! Sag mir deinen Namen, sonst bringe ich dich um! Sag mir deinen Namen, sonst schneide ich dir die Augen heraus und hacke dir die Nase ab und reiße dir die...«
Dann stellte mein Verstand eine Überkreuzverbindung her, was noch jetzt, vier Jahre danach, hier unten in der Stadt Tamazunchale im Bundesstaat San Luis Potosí in Mexiko, Edgar Freemantles Wohnsitz in seinem dritten Leben, manchmal passiert – allerdings weit weniger häufig. Für einen Moment saß ich in meinem Pick-up, im Fußraum vor dem rechten Sitz klapperte mein Schreibbrett gegen den alten Henkelmann aus Stahl (bestimmt war ich nicht der einzige arbeitende US-Millionär, der noch einen Henkelmann mit herumschleppte, aber man hätte uns vermutlich nach Dutzenden zählen können), und mein PowerBook lag auf dem Beifahrersitz. Und aus dem Radio kam die Stimme einer Frau, die mit missionarischem Eifer »It was RED!« rief. Nur drei Wörter, aber drei waren genug. Der Song handelte von einer armen Frau, die ihre hübsche Tochter auf den Strich schickt. Ich hörte »Fancy« von Reba McEntire.
»Reba«, flüsterte ich und drückte die Puppe an mich. »Du bist Reba. Reba-Reba-Reba. Das vergesse ich nie wieder.« In der folgenden Woche tat ich es doch, aber beim nächsten Mal wurde ich nicht wütend. Nein. Ich hielt sie wie einen kleinen Schatz an mich gedrückt, schloss die Augen und stellte mir den bei dem Unfall demolierten Pick-up vor. Die Stahlklammer des Schreibbretts klapperte gegen den Henkelmann aus Stahl, und dann hörte ich wieder die Frauenstimme aus dem Radio, die mit demselben missionarischen Eifer frohlockte: »It was RED!«
Dr. Kamen nannte das einen Durchbruch. Er war ganz aufgeregt. Meine Frau wirkte weit weniger aufgeregt, und der Kuss, den sie mir auf die Wange drückte, war von der pflichtschuldigen Art. Ungefähr zwei Monate später erklärte sie mir, sie wolle sich scheiden lassen.
 
 
 
 
 
 
II Unterdessen waren die Schmerzen entweder erheblich abgeklungen, oder mein Gehirn hatte bestimmte entscheidende Anpassungen vorgenommen, was den Umgang mit ihnen betraf. Die Kopfschmerzen kamen noch immer, aber weniger oft und selten mit solcher Gewalt wie früher: Zwischen meinen Ohren war es nicht mehr immer Mitternacht im größten Uhrengeschäft der Welt. Ich wartete immer sehnlich auf das Vicodin um fünf und das Oxycontin um acht – ich konnte kaum an meiner leuchtend roten kanadischen Krücke humpeln, bevor ich sie eingeworfen hatte -, aber meine zusammengeflickte Hüfte begann zu heilen.
Kathi Green, die Reha-Queen, kam montags, mittwochs und freitags in die Casa Freemantle in Mendota Heights. Obwohl ich vor unseren Sitzungen ein zusätzliches Vicodin einnehmen durfte, hallten meine Schreie durchs Haus, bevor wir endlich fertig waren. Unser Hobbyraum im Keller war zu einer Therapiesuite umgebaut worden; dort gab es sogar einen behindertengerechten Whirlpool. Nach ungefähr zwei Monaten Folter war ich in der Lage, abends allein dort hinunterzuhumpeln. Kathi sagte, mehrstündiges Training vor dem Schlafengehen würde Endorphine freisetzen und mich besser schlafen lassen.
Es passierte an einem dieser Trainingsabende – Edgar auf der Suche nach jenen schwer fassbaren Endorphinen -, dass meine Frau, mit der ich seit einem Vierteljahrhundert verheiratet war, in den Keller kam und mir erklärte, sie wolle sich scheiden lassen.
Ich hörte mit meinen Sit-ups auf und sah sie an. Ich saß auf einer Turnmatte. Pam war vorsichtshalber auf der anderen Seite des Raums am Fuß der Treppe stehen geblieben. Ich hätte sie fragen können, ob das ihr Ernst war, aber das Licht dort unten war sehr gut – all diese Rasterleuchten -, und ich konnte mir das sparen. Ich glaube ohnehin nicht, dass dies ein Thema ist, über das Frauen ein halbes Jahr nach dem fast tödlichen Unfall ihres Ehemanns Scherze machen. Ich hätte sie nach dem Grund fragen können, aber den wusste ich: Ich konnte die kleine weiße Narbe an ihrem Unterarm sehen, wo ich sie mit dem Plastikmesser von meinem Esstablett verletzt hatte, und das war eigentlich nur das Geringste gewesen. Ich erinnerte mich, wie ich sie vor nicht sehr langer Zeit aufgefordert hatte, die Kalbsachse rauszubringen und in ihren Gesichtspuder zu stecken. Ich dachte daran, sie zu bitten, sich die Sache wenigstens noch einmal zu überlegen, aber dann kehrte die Wut zurück. Damals war die unangemessene Wut, wie Dr. Kamen sie nannte, mein hässlicher Freund. Und he, was ich in diesem Augenblick empfand, erschien mir ganz und gar nicht unangemessen.
Ich hatte das Hemd ausgezogen. Mein rechter Arm endete neun Zentimeter unterhalb der Schulter. Ich zuckte damit in ihre Richtung – ein Zucken war alles, was ich mit den verbliebenen Muskeln noch zustande brachte. »Das bin ich«, sagte ich, »der dir den Stinkefinger zeigt.Verschwinde, wenn das dein Ernst ist. Hau ab, du treuloses Mistbeet.«
Die ersten Tränen liefen ihr jetzt übers Gesicht, aber sie versuchte zu lächeln. Das sah ziemlich grässlich aus. »Miststück, Edgar«, sagte sie. »Das Wort heißt Miststück.«
»Das Wort heißt so, wie ich es sage«, konterte ich und machte mit den Sit-ups weiter. Die sind verdammt schwierig, wenn einem ein Arm fehlt; der Körper will sich verdrehen und nach dieser Seite abkippen. »Ich hätte dich nicht verlassen, darum geht’s. Ich hätte dich nicht verlassen. Ich wäre durch den Schlamm und das Blut und die Pisse und das verschüttete Bier weiter an deiner Seite geblieben.«
»Das ist was anderes«, sagte sie. Sie versuchte nicht, sich die Tränen abzuwischen. »Das ist was anderes, und das weißt du genau. Ich könnte dich nicht in Stücke brechen, wenn ich einen Wutanfall kriege.«
»Für mich wär’s verdammt schwierig, dich mit nur einem Ärmel in Stücke zu brechen«, sagte ich und steigerte mein Übungstempo.
»Du hast mich mit einem Messer verletzt.« Als ob das der springende Punkt wäre. Das war er nicht, das wussten wir beide.
»Es war bloß ein Plastikding, ich war nicht richtig bei mir, und das werden deine letzten Worte auf deinem beschissenen Totenbett sein: ›Eddie hat mich mit’nem Plastikding gestochen, leb wohl, du grausame Welt.‹«
»Du hast mich gewürgt«, sagte sie mit kaum verständlicher Stimme.
Ich hörte mit meiner Übung auf und starrte sie an. In meinem Kopf war wieder das Uhrengeschäft zu hören; kling-klang, halt dich ran. »Was sagst du? Ich soll dich gewürgt haben? Ich habe dich nie gewürgt!«
»Ich weiß, dass du dich nicht daran erinnerst, aber du hast es getan. Und du bist nicht mehr derselbe wie früher«
»Ach, hör auf damit. Heb dir diesen New-Age-Scheiß für den... für deinen...« Ich kannte das Wort und hatte den Mann dazu vor Augen, aber es fiel mir nicht ein. »Für den glatzköpfigen Arsch auf, zu dem du in die Praxis gehst.«
»Mein Therapeut«, sagte sie, und das brachte mich natürlich noch mehr auf: Sie hatte das Wort, das mir fehlte.Weil ihr Gehirn nicht geschüttelt worden war wie Jell-O-Pudding.
»Wenn du die Scheidung willst, kannst du sie haben.Wirf alles weg, warum nicht? Aber mach den Alligator gefälligst anderswo. Verschwinde!«
Sie ging die Treppe hinauf und schloss die Tür, ohne sich noch einmal umzusehen. Und erst als sie gegangen war, wurde mir klar, was ich hatte sagen wollen: Krokodilstränen. Vergieß deine Krokodilstränen gefälligst anderswo.
Nun ja. Dicht genug dran für Rock’n’ Roll. Das sagt Wireman.
Und am Schluss war ich derjenige, der auszog.
 
 
 
 
 
 
III Außer Pam hatte ich in meinem anderen Leben nie eine Partnerin gehabt. Edgar Freemantles Vier Goldene Erfolgsregeln (Sie dürfen gern mitschreiben) lauteten: Leih dir nie einen höheren Geldbetrag als dein IQ mal hundert, borg dir nie etwas von einem Mann, der dich schon beim ersten Kennenlernen mit dem Vornamen anspricht, trinke niemals Alkohol vor Sonnenuntergang, und nimm dir niemals eine Partnerin, die du nicht nackt auf einem Wasserbett würdest umarmen wollen.
Aber ich hatte einen Buchhalter, dem ich vertraute, und Tom Riley war es auch, der mir half, die wenigen Dinge, die ich brauchte, von Mendota Heights in unser kleineres Haus am Lake Phalen zu transportieren. Tom, ein trauriger zweimaliger Verlierer in der Ehelotterie, setzte mir auf der gesamten Hinfahrt zu. »In einer solchen Situation gibt man das Haus nicht auf«, sagte er. »Außer der Richter schmeißt einen raus. Das ist so, als würde man bei einem Play-off-Spiel auf den Heimvorteil verzichten.«
Der Heimvorteil war mir egal; ich wollte nur, dass er beim Fahren aufpasste. Ich zuckte jedes Mal zusammen, wenn ein entgegenkommender Wagen etwas zu nahe an die Mittellinie heranzukommen schien. Manchmal versteifte ich mich und trat die unsichtbare Beifahrerbremse durch. Was den Zeitpunkt betraf, an dem ich mich selbst wieder ans Steuer setzen würde, klang in meinen Ohren niemals ziemlich richtig.
Kathi Green, die Reha-Queen, hatte erst eine Scheidung hinter sich, aber Tom und sie waren auf derselben Wellenlänge. Ich weiß noch, wie sie in ihrem Stretchanzug mit gekreuzten Beinen auf der Veranda zum See hinaus saß, meine Füße festhielt und mich grimmig empört anstarrte.
»Da bist du also frisch zurück aus dem Motel Tod und mit einem Arm weniger, und sie will Schluss machen. Weil du sie mit einem Krankenhausmesser aus Kunststoff gepikst hast, als du dich kaum an deinen eigenen Namen erinnern konntest? Verfluchte Scheiße! Kapiert sie nicht, dass Stimmungsschwankungen und kurzzeitiger Gedächtnisverlust nach einem Unfalltrauma ganz normal sind?«
»Sie kapiert, dass sie Angst vor mir hat«, sagte ich.
»Echt wahr? Nun, dann hör auf deine Mama, Sunny Jim: Wenn du einen guten Anwalt hast, kannst du sie’s büßen lassen, dass sie so ein Schwächling ist.« Aus ihrem Pferdeschwanz à la Reha-Gestapo hatte sich eine Haarsträhne gelöst, die sie sich jetzt aus der Stirn blies. »Sie sollte dafür büßen müssen. Merk dir, was ich sage: Nichts davon ist deine Schuld.«
»Sie sagt, dass ich versucht habe, sie zu erwürgen.«
»Und wenn’s so wäre, muss es sie schlimm mitgenommen haben, von einem einarmigen Invaliden gewürgt zu werden. Komm schon, Eddie, lass sie dafür büßen. Ist mir egal, ob ich mir damit mehr rausnehme, als ich dürfte. Sie sollte nicht tun, was sie tut.«
»Ich denke, dahinter steckt mehr als die Sache mit dem Würgen und dem Buttermesser.«
»Und zwar?«
»Weiß ich nicht mehr.«
»Was sagt sie dazu?«
»Nichts.« Aber Pam und ich waren seit Langem zusammen, und selbst wenn der Strom der Liebe sich zu einem Delta aus passiver Akzeptanz aufgefächert hatte, glaubte ich sie gut genug zu kennen, um zu wissen, dass es noch etwas anderes gegeben hatte – dass es weiterhin etwas anderes gab -, vor dem sie flüchten wollte.
 
 
 
 
 
 
IV Nicht lange nach meinem Umzug an den Lake Phalen kamen die Mädchen – die jungen Frauen – mich besuchen. Sie brachten einen Picknickkorb mit, und wir saßen im Tannenduft auf der Seeveranda und blickten übers Wasser hinaus und knabberten an den Sandwichs. Inzwischen war es Mitte September, und die meisten der schwimmenden Spielsachen waren bis zum Frühjahr eingemottet. In dem Korb war auch eine Flasche Wein, aber ich trank nur wenig davon. Zusammen mit meinen Schmerzmitteln wirkte Alkohol bei mir sehr stark; ein einziges Bier konnte mich zum Lallen bringen. Die beiden Mädchen – die jungen Frauen – teilten sich den Rest Wein, und das ließ sie auftauen. Melinda, seit meiner bedauerlichen Auseinandersetzung mit dem Kran zum zweiten Mal aus Frankreich zurück und darüber nicht glücklich, fragte mich, ob alle Erwachsenen in den Fünfzigern diese unangenehmen regressiven Phasen hätten und auch sie sich darauf gefasst machen müsse. Ilse, die Jüngere, fing an zu weinen, lehnte sich an mich und fragte, warum nicht wieder alles so sein könne wie früher, warum wir – sie meinte ihre Mutter und mich – nicht wieder sein könnten, wie wir waren.
Lin erklärte ihr, dass jetzt nicht der richtige Zeitpunkt für Illys patentiertes Kleinkindverhalten sei, und Illy zeigte ihr den Stinkefinger. Ich musste lachen. Ich konnte nicht anders. Dann lachten wir alle. Lins Gereiztheit und Ilses Tränen waren nicht gerade angenehm, aber sie waren wenigstens ehrlich, und ich erkannte beide Reaktionen aus all den Jahren, die wir zusammen unter einem Dach verbracht hatten; sie waren mir so vertraut wie das Muttermal an Ilses Kinn oder die schwache senkrechte Sorgenlinie zwischen Lins Augen, die sich im Lauf der Zeit wie bei ihrer Mutter zu einer Falte vertiefen würde.
Linnie wollte wissen, was ich vorhatte. Ich erklärte ihr, dass ich das noch nicht wusste, und in gewisser Weise stimmte das auch. Ich war auf dem Weg zu der Entscheidung, mir das Leben zu nehmen, schon weit fortgeschritten, aber mir war klar, dass mein Freitod unbedingt wie ein Unfall aussehen musste. Ich durfte diesen beiden, die ihr Leben gerade erst begannen, keine Restschuld am Selbstmord ihres Vaters aufhalsen. Und ich wollte auch der Frau, mit der ich mir einmal ein Milchmixgetränk im Bett geteilt hatte – beide nackt und lachend, während aus der Stereoanlage die Plastic Ono Band schallte -, keine Ladung Schuldgefühle hinterlassen.
Nachdem sie Gelegenheit gehabt hatten, sich auszusprechen – in Kamen-Jargon nach einem gründlichen und vollständigen Austausch von Gefühlen -, kehrte etwas Ruhe ein, und meiner Erinnerung nach verbrachten wir tatsächlich einen netten Nachmittag, blätterten alte Fotoalben durch, die Ilse in einer Schublade entdeckt hatte, und tauschten Erinnerungen an die Vergangenheit aus. Ich glaube, wir lachten sogar einige Male, aber nicht alle Erinnerungen an mein anderes Leben sind zuverlässig. Wireman sagt, dass wir alle beim Mischen mogeln, wenn es um die Vergangenheit geht.
Ilse wollte, dass wir zu dritt zum Abendessen ausgingen, aber Lin wollte sich noch mit jemandem in der Bibliothek treffen, bevor die zumachte, und ich sagte, dass ich keine große Lust hatte, irgendwohin zu humpeln; ich würde ein paar Kapitel des neuen John Sandford lesen und dann ins Bett gehen. Sie küssten mich – wir waren wieder dicke Freunde -, dann gingen sie.
Zwei Minuten später kam Ilse zurück. »Ich habe Lin erzählt, ich hätte meine Schlüssel vergessen«, sagte sie.
»Was nicht der Fall ist, wie ich vermute.«
»Nein. Daddy, würdest du Mama jemals etwas antun? Jetzt, meine ich. Absichtlich?«
Ich schüttelte den Kopf, aber das genügte ihr nicht. Das merkte ich an der Art, wie sie einfach dastand und mir ins Gesicht sah. »Nein«, sagte ich. »Niemals. Ich würde...«
»Was würdest du, Daddy?«
»Ich wollte sagen, ich würde mir eher den eigenen Arm abschneiden, aber das scheint mir doch eine sehr schlechte Idee zu sein. Ich täte es nie, Illy. Belassen wir’s dabei.«
»Warum hat sie dann noch immer Angst vor dir?«
»Ich denke... weil ich verkrüppelt bin.«
Sie warf sich mir mit solcher Gewalt an die Brust, dass wir fast auf die Couch geplumpst wären. »Oh, Daddy, das tut mir so leid! Alles ist einfach so beschissen!«
Ich fuhr ihr sanft übers Haar. »Ich weiß, aber du musst immer an eines denken – schlimmer kann’s nicht mehr werden.« Das entsprach vielleicht nicht ganz der Wahrheit, aber wenn ich achtgab, würde Ilse vielleicht niemals erfahren, dass das eine glatte Lüge war.
In der Einfahrt wurde gehupt.
»Geh jetzt«, sagte ich und küsste ihre feuchte Wange. »Deine Schwester wartet auf dich.«
Sie rümpfte die Nase. »Was gibt’s sonst Neues? Du übertreibst es nicht mit den Schmerzmitteln, nicht wahr, Dad?«
»Nein.«
»Ruf mich an, wenn du mich brauchst, Daddy. Ich nehme sofort das nächste Flugzeug.«
Das täte sie wirklich. Deshalb würde ich es niemals tun.
»Klar doch.« Ich drückte einen Kuss auf ihre andere Wange. »Den gibst du deiner Schwester.«
Sie nickte und ging hinaus. Ich setzte mich auf die Couch und schloss die Augen. Hinter ihnen schlugen die Uhren und schlugen und schlugen.
 
 
 
 
 
 
V Mein nächster Besucher war Dr. Kamen, der Psychologe, der mir Reba mitgebracht hatte. Eingeladen hatte ich ihn nicht; seinen Besuch verdankte ich meiner Reha-Domina.
Obwohl er bestimmt nicht älter als vierzig war, hatte Xander Kamen den Gang eines viel älteren Menschen, schnaufte sogar im Sitzen und betrachtete die Welt durch eine riesige Hornbrille und über einen gewaltigen birnenförmigen Bauch hinweg. Er war ein sehr großer, sehr schwarzer Mann mit holzschnittartigen Gesichtszügen, die etwas Unwirkliches hatten. Diese großen starrenden Augäpfel, diese Galionsfigur von einer Nase und diese totemartigen Lippen waren Ehrfurcht gebietend. Kamen sah wie irgendeine unbedeutende Gottheit in einem Anzug vom Men’s Wearhouse aus. Und er sah aus wie ein sicherer Kandidat für einen Herzschlag oder einen Schlaganfall vor dem fünfzigsten Geburtstag.
Er lehnte die angebotene Erfrischung ab, weil er nicht bleiben könne, und legte dann seinen Aktenkoffer neben sich auf das Sofa, wie um dieser Behauptung zu widersprechen. Er hockte mit seinen eins fünfundneunzig neben der Armlehne meiner Couch (und sank immer tiefer, sodass ich um die Sprungfedern fürchtete), sah zu mir auf und schnaufte wohlwollend.
»Was führt Sie hierher?«, fragte ich ihn.
»Oh, Kathi erzählt mir, dass Sie sich umbringen wollen«, antwortete er. In diesem Tonfall hätte er auch sagen können: Kathi erzählt mir, dass Sie ein Gartenfest geben, auf dem es frische Krispy Kremes gibt. »Irgendwas Wahres daran?«
Ich öffnete den Mund, dann machte ich ihn wieder zu. Als Zehnjähriger in Eau Claire hatte ich einmal ein Comicheft aus dem Drehständer im Drugstore geklaut, es vorn in meine Jeans gesteckt und mein T-Shirt darübergezogen. Als ich zur Tür hinausging und mir sehr clever vorkam, hielt eine Verkäuferin mich am Arm fest. Mit der anderen Hand hob sie mein T-Shirt hoch, sodass mein unrechtmäßig erworbener Schatz sichtbar wurde. »Wie ist das da reingekommen?«, fragte sie mich. In den vierzig Jahren seit damals war ich nie wieder so restlos verlegen um eine Antwort auf eine einfache Frage gewesen.
Endlich – lange nachdem diese Antwort irgendein Gewicht haben konnte – sagte ich: »Das ist lächerlich. Ich weiß echt nicht, wie sie auf diese Idee kommt.«
»Nein?«
»Nein. Wollen Sie wirklich kein Cola?«
»Danke, ich passe lieber.«
Ich stand auf und holte mir ein Cola aus dem Kühlschrank in der Küche. Ich klemmte die Flasche zwischen Armstumpf und Brustkorb ein – möglich, aber schmerzhaft, ich weiß nicht, was Sie vielleicht im Kino gesehen haben, aber gebrochene Rippen tun verdammt lange weh – und drehte den Verschluss mit der linken Hand auf. Ich bin Linkshänder.Wenigstens einmal Glück gehabt, muchacho, wie Wireman sagt.
»Es überrascht mich, dass Sie sie überhaupt ernst nehmen«, sagte ich, als ich zurückkam. »Kathi ist eine verdammt gute Physiotherapeutin, aber ein Seelenklempner ist sie nicht.« Ich machte eine Pause, bevor ich mich hinsetzte. »Sie genau genommen auch nicht. Nicht auf dem Papier.«
Kamen legte eine Hand hinter sein Ohr, das ungefähr die Größe einer Schreibtischschublade zu haben schien. »Höre ich da... ein verräterisches Knarzen? Ich glaube, das tue ich!«
»Wovon reden Sie überhaupt?«
»Von dem bezaubernd mittelalterlichen Geräusch, wenn jemand seine Abwehr hochfährt.« Er versuchte ironisch zu blinzeln, aber die Gesichtsgröße dieses Mannes machte Ironie unmöglich; ihm stand nur Burleske zu Gebot. Trotzdem verstand ich, was er meinte. »Was Kathi Green betrifft, haben Sie recht, was weiß sie schon? Sie arbeitet nur mit Querschnittsgelähmten, Quadriplegikern, nach Unfällen Amputierten wie Ihnen und Leuten, die sich von traumatischen Kopfverletzungen erholen – wieder wie Sie. Seit fünfzehn Jahren macht Kathi Green diese Arbeit, sie hat Gelegenheit gehabt, tausend verkrüppelte Patienten dabei zu beobachten, wie sie darüber nachdenken, dass sich keine einzige Sekunde Zeit zurückholen lässt, wie sollte sie also imstande sein, die Anzeichen für eine zum Selbstmord führende Depression zu erkennen?«
Ich setzte mich in den klumpigen Sessel gegenüber der Couch – wie immer linkslastig, um meine Hüfte zu schonen – und starrte ihn mürrisch an. Er bedeutete Ärger. Und Kathi Green erst recht.
Er beugte sich nach vorn... aber bei seinem Körperumfang schaffte er nur eine Handbreit. »Sie müssen noch warten«, sagte er.
Ich starrte ihn mit offenem Mund an. Das hatte ich zuallerletzt erwartet.
Er nickte. »Sie sind überrascht. Ja. Aber ich bin kein Christ, erst recht kein Katholik, und in Bezug auf Selbstmord denke ich sehr offen. Trotzdem glaube ich an Verantwortung, und ich sage Ihnen eines: Wenn Sie sich jetzt umbringen – oder auch erst in einem halben Jahr-, wissen Ihre Frau und Ihre Töchter Bescheid. Auch wenn Sie es noch so clever vertuschen, wissen sie, dass es Selbstmord war.«
»Ich habe nicht...«
Er hob eine Hand. »Und die Gesellschaft, bei der Ihr Leben versichert ist – bestimmt auf eine sehr hohe Summe -, die weiß auch Bescheid. Sie kann es vielleicht nicht beweisen... aber sie wird es sehr, sehr intensiv versuchen. Die Gerüchte, die sie dabei in die Welt setzt, werden Ihre Kinder verletzen, auch wenn Sie sich vielleicht einbilden, dass sie gegen solche Dinge gut gepanzert wären.«
Melinda war gut gepanzert. Bei Ilse sah die Sache jedoch anders aus. Wenn Melinda wütend auf Illy war, bezeichnete sie sie als stehen geblieben, aber das stimmte nicht. Für mich war Illy immer nur zart besaitet.
»Und zuletzt gelingt es ihr vielleicht sogar.« Er zuckte mit seinen gewaltigen Schultern. »Ich möchte nicht darüber spekulieren, wie viel solche Ermittlungen kosten würden, aber ich weiß, dass der Schadenersatz einen großen Teil Ihres angesammelten Vermögens aufzehren könnte.«
Ich dachte nicht einmal an das Geld. Ich dachte an ein Team aus Versicherungsdetektiven, das unter die Lupe nahm, was immer ich arrangiert hatte. Und plötzlich fing ich an zu lachen.
Kamen saß mit seinen gewaltigen dunkelbraunen Pranken auf den Türstopperknien da und beobachtete mich mit seinem kleinen Ich kenne das alles-Lächeln. Nur war auf seinem Gesicht überhaupt nichts klein. Er ließ mich fertig lachen und fragte mich dann, was so komisch war.
»Sie erzählen mir, dass ich zu reich bin, um mich umzubringen«, sagte ich.
»Ich erzähle Ihnen, dass Sie sich Zeit lassen müssen, Edgar, das ist alles. Außerdem werde ich Ihnen einen Vorschlag machen, der einem Großteil meiner praktischen Erfahrung widerspricht. Aber in Ihrem Fall habe ich eine sehr starke Intuition – dieselbe Intuition, aus der heraus ich Ihnen die Puppe mitgebracht habe. Ich schlage vor, dass Sie es mit einer Ortsveränderung versuchen.«
»Wie bitte?«
»Alkoholiker in fortgeschrittenem Stadium versuchen es oft mit dieser Therapie. Sie hoffen, dass ein Ortswechsel ihnen einen Neuanfang ermöglichen wird. Eine Wende einleiten.«
Ich fühlte einen Hauch von irgendwas. Ich will nicht sagen, dass es Hoffnung war, aber es war etwas.
»Das funktioniert selten«, sagte Kamen. »Die Veteranen bei den Anonymen Alkoholikern, die eine Antwort auf alles haben – das ist ebenso ihr Fluch wie ihr Segen, obwohl nur sehr wenige das erkennen -, sagen gern: ›Wenn man in Boston ein Arschloch ins Flugzeug setzt, steigt in Seattle ein Arschloch aus.‹«
»Was bedeutet das für mich?«, fragte ich.
»Ich schlage vor, dass Sie einen möglichst weit entfernten Ort wählen und von Ihrer Vorortresidenz hier in St. Paul dorthin übersiedeln. Wegen Ihrer finanziellen Situation und Ihres Familienstands sind Sie dazu ohne Weiteres in der Lage.«
»Wie lange?«
»Mindestens ein Jahr.« Er betrachtete mich mit undurchdringlicher Miene. Sein großes Gesicht war für diesen Ausdruck wie geschaffen; hätte es auf Tutanchamuns Grab geprangt, hätte vielleicht sogar Howard Carter gezaudert. »Und wenn Sie nach diesem Jahr etwas unternehmen, Edgar, dann lassen Sie es um Himmels willen – nein, um ihrer Töchter willen – gut aussehen.«
Er war tief in das alte Sofa gesunken; jetzt kämpfte er darum, wieder hochzukommen. Ich trat vor, um ihm zu helfen, aber er hob abwehrend die Hand. Endlich schaffte er es, noch lauter schnaufend als sonst auf die Beine zu kommen, und griff nach seinem Aktenkoffer. Diese starrenden Augäpfel mit ihren gelblichen Hornhäuten wurden durch seine sehr dicken Brillengläser noch vergrößert, als er aus seiner Höhe von eins fünfundneunzig auf mich herabsah.
»Edgar, gibt es irgendetwas, das Sie glücklich macht?«
Ich beschränkte mich auf die Oberfläche dieser Frage (den einzigen Teil, der ungefährlich zu sein schien) und sagte: »Früher habe ich gezeichnet.«Tatsächlich hatte ich etwas mehr getan als nur zu zeichnen, aber das lag lange zurück. Seit damals waren andere Dinge dazwischengekommen. Heirat, eine Karriere. Die jetzt beide futsch gingen oder futsch waren.
»Wann?«
»Als Junge.«
Ich überlegte, ob ich ihm erzählen sollte, dass ich früher von der Kunstakademie geträumt hatte – sogar gelegentlich ein Buch über Reproduktion erstanden hatte, wenn ich es mir leisten konnte -, ließ es dann aber bleiben. In den letzten dreißig Jahren hatte mein Beitrag zur Weltkunst aus kaum mehr als beim Telefonieren gekritzelten Strichmännchen bestanden, und es war bestimmt mindestens zehn Jahre her, dass ich eins von diesen illustrierten Kunstbüchern gekauft hatte, die man auf dem Kaffeetisch platziert, um Besucher zu beeindrucken.
»Seither?«
Ich überlegte, ob ich lügen sollte – ich wollte nicht als unkreatives Arbeitstier erscheinen -, blieb aber bei der Wahrheit. Einarmige sollten möglichst immer die Wahrheit sagen. Das sagt nicht Wireman; das sage ich. »Nein.«
»Fangen Sie wieder damit an«, riet Kamen mir. »Sie benötigen einen Schutzwall.«
»Schutzwall«, echote ich verständnislos.
»Ja, Edgar.« Er wirkte überrascht und leicht enttäuscht, als hätte ich einen sehr einfachen Sachverhalt nicht verstanden. »Einen Schutzwall gegen die Nacht.«
 
 
 
 
 
 
VI Ungefähr eine Woche später kreuzte Tom Riley wieder bei mir auf. Inzwischen hatte das Laub angefangen, sich bunt zu verfärben, und ich weiß noch, wie das Personal im Wal-Mart Halloween-Plakate aufhängte, als ich dort meine ersten Skizzenblöcke seit dem College kaufte … Teufel, vielleicht seit der Highschool.
Am deutlichsten erinnere ich mich daran, wie befangen und verlegen Tom bei diesem Besuch wirkte.
Ich bot ihm ein Bier an, das er dankend annahm. Als ich aus der Küche zurückkam, begutachtete er eine Federzeichnung von mir – drei Palmen als Silhouetten vor einer Wasserfläche; am linken Rand eine ins Bild hineinragende Veranda mit Fliegenfenstern. »Das ist ziemlich gut«, sagte er. »Hast du das gezeichnet?«
»Nee, die Elfen«, sagte ich. »Die kommen nachts. Flicken meine Schuhe und lassen gelegentlich ein Bild da.«
Er lachte zu laut und legte die Skizze auf den Schreibtisch zurück. »Sieht abba nick sähr nach Minnesödda aus«, imitierte er mal wieder einen schwedischen Akzent.
»Ich hab es aus einem Buch abgezeichnet«, sagte ich. Tatsächlich hatte ich ein Foto aus einem Immobilienprospekt als Vorlage benutzt. Es war aus dem sogenannten »Florida-Raum« des Hauses aufgenommen, das ich gerade für ein Jahr gemietet hatte. Ich war noch nie in Florida gewesen, nicht einmal im Urlaub, aber dieses Bild hatte etwas tief in meinem Inneren angesprochen, und ich empfand zum ersten Mal seit meinem Unfall etwas wie Vorfreude. Sie war schwach, aber immerhin vorhanden. »Was kann ich für dich tun, Tom? Wenn’s ums Geschäft geht...«
»Tatsächlich hat Pam mich gebeten, zu dir rauszufahren.« Er zog den Kopf leicht ein. »Ich hatte keine große Lust dazu, aber ich dachte, ich kann nicht ablehnen. Aus alter Freundschaft, weißt du.«
»Klar.« Tom stammte noch aus der Zeit, als die Freemantle Company aus nichts anderem als drei Pick-ups, einem Caterpillar D9 und jeder Menge hochfliegenden Träumen bestanden hatte. »Also spuck’s aus. Du weißt, ich beiße nicht.«
»Sie hat sich einen Anwalt genommen. Sie macht mit dieser Scheidungssache weiter.«
»Ich dachte nie, dass sie damit aufhört.« Das war die Wahrheit. Ich konnte mich noch immer nicht daran erinnern, sie gewürgt zu haben, aber ich erinnerte mich an den Blick, mit dem sie mir vorgeworfen hatte, ich hätte sie gewürgt. Und unabhängig davon kehrte Pam selten um, wenn sie einmal angefangen hatte, einer Straße zu folgen.
»Sie möchte wissen, ob du dich von Bozie vertreten lassen willst.«
Darüber musste ich lächeln. William Bozeman III. war ein adretter, manikürter, Fliege tragender Mittsechziger, und wenn er gewusst hätte, dass Tom und ich ihn seit über zwanzig Jahren Bozie nannten, hätte das vermutlich eine Embolie verursacht.
»Darüber habe ich noch nicht nachgedacht. Worauf läuft das denn hinaus, Tom? Was will sie genau?«
Er trank sein halbes Bier in einem Zug aus, dann stellte er das Glas neben meiner bescheuerten Zeichnung ab. Sein Gesicht war matt ziegelrot angelaufen. »Sie hat gesagt, dass sie hofft, dass es nicht gemein werden muss. Sie hat gesagt: ›Ich will nicht reich werden, und ich will keinen Streit. Ich will nur, dass er die Mädchen und mich fair behandelt, wie er es immer getan hat, richtest du ihm das aus?‹ Und das tue ich hiermit.« Er zuckte mit den Schultern.
Ich stand auf, trat an das große Fenster zwischen Wohnzimmer und Veranda und sah auf den See hinaus. Bald würde ich in meinen »Florida-Raum« gehen, was immer das war, und über den Golf von Mexiko hinausblicken können. Ich fragte mich, ob das anders, ob das besser sein würde, als auf den Lake Phalen hinauszusehen. Ich befand, ich würde mich mit anders begnügen, zumindest vorläufig. Anders wäre schon ein Anfang. Als ich mich wieder umdrehte, hatte Tom Riley sich fast bis zur Unkenntlichkeit verändert. Erst dachte ich, ihm sei schlecht. Dann merkte ich, dass er verzweifelt gegen Tränen ankämpfte.
»Tom, was ist los?«, fragte ich.
Er versuchte zu sprechen, brachte aber nur ein wässriges Krächzen heraus. Er räusperte sich und nahm einen neuen Anlauf. »Boss, ich kann mich einfach nicht daran gewöhnen, dich mit nur einem Arm zu sehen. Tut mir so leid!«
Das war ungekünstelt, spontan und rührend: ein glatter Herzschuss. Ich glaube, wir waren einen Augenblick kurz davor, zu flennen wie zwei sensible Kerle in der Oprah Winfrey Show.
Diese Vorstellung half mir, mich wieder unter Kontrolle zu bekommen. »Mir tut’s auch leid«, sagte ich, »aber ich komme zurecht. Wirklich. Jetzt trink dein verdammtes Bier, bevor es schal wird.«
Er lachte und kippte sich das restliche Grain Belt ins Glas.
»Ich gebe dir ein Angebot mit, das du ihr überbringen kannst«, sagte ich. »Wenn sie einverstanden ist, können wir die Einzelheiten festklopfen. Ein Do-it-yourself-Deal. Keine Anwälte nötig.«
»Ist das dein Ernst, Eddie?«
»Klar doch. Du erstellst einen Gesamtabschluss, damit wir eine Zahl haben, mit der wir arbeiten können. Dann teilen wir die Beute in vier gleich große Teile. Sie bekommt drei – fünfundsiebzig Prozent – für sich und die Mädchen. Ich nehme den Rest. Die Scheidung selbst... he, in Minnesota kann man sich einvernehmlich scheiden lassen, sie und ich können nach dem Lunch zu Borders gehen und zwei Exemplare von Scheidung für Dummies kaufen.«
Er wirkte verblüfft. »Gibt’s so ein Buch wirklich?«
»Habe ich mich bisher noch nicht nach erkundigt, aber wenn nicht, fresse ich ein Wesen.«
»Ich glaube, es heißt: ›Ich fresse einen Besen.‹«
»Habe ich das nicht gesagt?«
»Schon gut, Eddie, aber nach einer solchen Teilung ist der Nachlass futsch.«
»Das geht mir am Arsch vorbei. Mir liegt weiterhin an der Firma, und der Firma geht’s gut, sie ist intakt und wird von Leuten geführt, die ihr Geschäft verstehen. Was den Nachlass betrifft, schlage ich nur vor, auf den Egotrip zu verzichten, der meistens nur dafür sorgt, dass die Anwälte kräftig absahnen. Für alle ist reichlich da, wenn wir vernünftig sind.«
Er trank sein Bier aus, ohne mich dabei aus den Augen zu lassen. »Manchmal frage ich mich, ob du noch derselbe Mann bist, für den ich früher gearbeitet habe«, sagte er.
»Dieser Mann ist in seinem Pick-up gestorben«, erwiderte ich.
 
 
 
 
 
 
VII Pam nahm das Angebot an, und ich glaube, sie hätte stattdessen auch wieder mich genommen, wenn ich es ihr angeboten hätte – das schloss ich aus dem Ausdruck, der wie ein durch Wolken fallender Sonnenstrahl auf ihrem Gesicht erschien und wieder verschwand, als wir beim Lunch saßen, um die Einzelheiten zu besprechen -, aber ich bot es nicht an. Ich war in Gedanken in Florida, diesem Zufluchtsort der frisch Verheirateten und fast schon Toten. Und ich denke, im Innersten wusste auch Pam, dass dies die beste Lösung war – sie wusste, dass der Mann, der aus seinem demolierten Dodge Ram gezogen worden war, mit seinem stählernen Schutzhelm um die Ohren, zerdrückt wie eine Katzenfutterdose, nicht mehr der Kerl war, der ihn zuvor bestiegen hatte. Mein Leben mit Pam und den Mädchen und dem Bauunternehmen war vorüber; es gab keine weiteren Räume mehr zu erforschen. Es gab jedoch Türen. Die mit der Aufschrift SELBSTMORD war im Augenblick eine schlechte Option, wie Dr. Kamen mir auseinandergesetzt hatte. Also blieb noch die andere, auf der DUMA KEY stand.
Aber bevor ich durch diese Tür schlüpfte, passierte noch etwas in meinem anderen Leben. Nämlich die Sache mit Monica Goldsteins Jack-Russell-Terrier Gandalf.
 
 
 
 
 
 
VIII Falls Sie sich mein Genesungsheim als ein Landhaus mit Seezugang vorgestellt haben, das in den nördlichen Wäldern am Ende einer selten befahrenen unbefestigten Straße herrlich einsam steht, sollten Sie noch mal darüber nachdenken – es geht hier um eine simple Vorortgegend. Unser Haus am See stand am Ende der Aster Lane, einer befestigten Straße, die von der East Hoyt Avenue ans Wasser hinunterführt. Unsere nächsten Nachbarn waren die Goldsteins.
Mitte Oktober befolgte ich endlich Kathi Greens Rat und begann Spaziergänge zu machen. Das waren nicht die Großen Strandwanderungen, die ich später machte, und ich kam selbst von diesen kurzen Trips nie zurück, ohne dass meine kranke Hüfte um Gnade flehte (und mehr als einmal mit Tränen in den Augen), aber das waren Schritte in die richtige Richtung. Ich war auf dem Rückweg von einem dieser Spaziergänge, als Mrs. Fevereau Monicas Hund anfuhr.
Ich hatte drei Viertel meines Heimwegs zurückgelegt, als die Fevereau in ihrem lächerlichen senfgelben Hummer an mir vorbeifuhr. Sie hatte wie immer ihr Mobiltelefon in einer Hand und eine Zigarette in der anderen; wie immer fuhr sie zu schnell. Ich achtete kaum auf sie und sah erst recht nicht, wie Gandalf vor ihr über die Fahrbahn schoss und nur Augen für Monica hatte, die auf der gegenüberliegenden Seite in voller Pfadfinderuniform die Straße entlangkam. Ich konzentrierte mich auf meine wieder zusammengeflickte Hüfte. Wie immer gegen Ende meiner kurzen Spaziergänge fühlte dieses sogenannte medizinische Wunder sich an, als wäre es mit ungefähr zehntausend winzigen Glassplittern gespickt.
Dann kreischten die Reifen, und in dieses Geräusch mischte sich der Aufschrei eines kleinen Mädchens: »GANDALF, NEIN!«
Einen Augenblick lang hatte ich ein unirdisch klares Bild davon, wie der Kran, der mich beinahe umgebracht hatte, das rechte Fenster meines Pick-ups ausfüllte, sodass die Welt in der ich immer gelebt hatte, plötzlich von einem Gelb verschluckt wurde, das viel kräftiger war als das von Mrs. Fevereaus Hummer, und schwarze Buchstaben herantrieben, anschwollen, immer größer wurden: LINK-BELT.
Dann begann auch Gandalf zu kreischen, und die Rückblende – die Dr. Kamen vermutlich als zurückgewonnene Erinnerung bezeichnet hätte – verschwand. Bis zu diesem Oktobernachmittag vor vier Jahren hatte ich nicht gewusst, dass Hunde überhaupt kreischen können.
Ich verfiel in schwerfälligen Trab, bewegte mich seitwärts wie eine Krabbe und stampfte mit meiner roten Krücke den Gehsteig entlang. Das sah garantiert albern aus, aber niemand achtete im Geringsten auf mich. Monica Goldstein kniete mitten auf der Straße neben ihrem Hund, der vor dem hohen, kastenförmigen Kühlergrill des Hummers lag. Ihr Gesicht über der forstgrünen Uniform, zu der sie eine Schärpe mit Abzeichen und Medaillen trug, war kreidebleich. Das Ende ihrer Schärpe sog sich in der größer werdenden Lache aus Gandalfs Blut voll.
Mrs. Fevereau verließ den absurd hohen Fahrersitz des Hummers halb springend, halb fallend. Ava Goldstein kam aus der Tür des Goldstein-Hauses gestürzt und rief laut den Namen ihrer Tochter. Mrs. Goldsteins Bluse war nur halb zugeknöpft, und sie war barfuß.
»Fass ihn nicht an, Schätzchen, fass ihn nicht an«, sagte Mrs. Fevereau. Sie hielt weiter ihre Zigarette in der Hand und paffte nervös daran. »Er könnte beißen.«
Monica beachtete sie nicht. Sie streichelte Gandalfs Flanke. Der Hund kreischte bei der Berührung erneut auf – es war ein Kreischen -, und Monica bedeckte ihre Augen mit beiden Handballen. Sie begann den Kopf zu schütteln. Das konnte ich nur zu gut verstehen.
Mrs. Fevereau streckte eine Hand nach dem Mädchen aus, dann überlegte sie es sich anders. Sie machte zwei Schritte rückwärts, lehnte sich an die hohe Seite ihres lächerlich gelben Fahrzeugs und sah zum Himmel auf.
Mrs. Goldstein kniete sich neben ihre Tochter. »Schätzchen, o Schätzchen, bitte nicht...«
Gandalf heulte. Und nun konnte ich mich auch wieder an das Geräusch erinnern, das der Kran beim Zurücksetzen gemacht hatte. Nicht das Miep-miep-miep, das er hätte machen sollen (sein akustisches Warnsignal war defekt), sondern das vibrierende Stottern seines Dieselmotors und das Mahlen seiner Raupen, die die Erde fraßen.

ENDE DER LESEPROBE

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Die Originalausgabe erscheint unter dem Titel Duma Keybei Scribner, New York
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»Animals«, from The Collected Poems of Frank O’Hara by Frank O’Hara, edited by Donald Allen, copyright © 1971 by Maureen Granville-Smith, Administratrix of the Estate of Frank O’Hara. Used by permission of Alfred A. Knopf, a division of Random House, Inc.
 
Permission to use lyrics from »Dig« by Shark Puppy (R. Tozier, W. Denbrough), granted by Bad Nineteen Music, copyright © 1986.
 
 
Redaktion: Lothar StrühUmschlaggestaltung: Hauptmann & Kompanie Werbeagentur, Zürich unter Verwendung einer Illustration von (c) Anja Filler
 
 
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