Verlag: Heyne Kategorie: Abenteuer, Thriller, Horror Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2008

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E-Book-Beschreibung Puls - Stephen King

Der Horror hat eine neue DimensionDas Grauen kommt nicht aus Gräbern oder aus dem Weltraum. Es ist mitten unter uns und steckt in jeder Handtasche. Das Handy ist ein moderner Heilsbringer, doch in Stephen Kings „Puls“ kommen mit dem Klingelton Wahnsinn und Tod. Der neue große Roman von Stephen King, dem »brillanten Geschichtenerzähler aus Maine« (Der Spiegel).Clayton Riddell ist geschäftlich in Boston, hat schon Geschenke für seine Familie besorgt und möchte sich vor der Heimfahrt gerade bei einem Straßenhändler ein Eis kaufen, als die Welt untergeht. Geschäftsleute, Schüler, Busfahrer, alle Menschen, die in diesem Moment ein Handy am Ohr haben, laufen wie auf einen geheimen Befehl hin Amok, fallen übereinander her, schlachten sich gegenseitig ab, stürzen sich ins Verderben. Irgendwie können Clay, ein kleiner Mann mit Schnurrbart und ein junges Mädchen, das beinahe von ihrer Mutter umgebracht worden wäre, sich in ein Hotel retten. Sie sind völlig abgeschnitten von der Außenwelt. Clay will unbedingt herausfinden, wie es um seine Frau und vor allem um seinen Sohn Johnny steht, der gerade in der Schule war, als der mörderische Irrsinn losging. Zu ihm muss Clay Kontakt aufnehmen, bevor ein anderer es per Handy tut. Die Suche nach Johnny wird zur Schreckensmission durch eine apokalyptische Welt.

Meinungen über das E-Book Puls - Stephen King

E-Book-Leseprobe Puls - Stephen King

Zum Buch

Clayton Riddell ist geschäftlich in Boston, hat schon Geschenke für seine Familie besorgt und möchte sich vor der Heimfahrt gerade bei einem Straßenhändler ein Eis kaufen, als die Welt untergeht. Geschäftsfrauen, Schüler, Busfahrer, alle Menschen, die in diesem Moment ein Handy am Ohr haben, laufen wie auf einen geheimen Befehl hin Amok, fallen übereinander her, schlachten sich gegenseitig ab, stürzen sich ins Verderben. Irgendwie können Clay, ein kleiner Mann mit Schnurrbart und ein junges Mädchen, das beinahe von ihrer Mutter umgebracht worden wäre, sich in ein Hotel retten. Sie sind völlig abgeschnitten von der Außenwelt. Clay muss herausfinden, wie es um seine Frau und vor allem um seinen Sohn Johnny steht, der gerade in der Schule gewesen sein muss, als der mörderische Irrsinn losging. Zu ihm muss Clay Kontakt aufnehmen, bevor es ein anderer per Handy tut. Die Suche nach Johnny wird zur Schreckensmission durch eine apokalyptische Welt.

Zum Autor

Stephen King, 1947 in Portland, Maine, geboren, ist einer der erfolgreichsten amerikanischen Schriftsteller. Schon als Student veröffentlichte er Kurzgeschichten, sein erster Romanerfolg,Carrie, erlaubte ihm, sich nur noch dem Schreiben zu widmen. Seitdem hat er weltweit 400 Millionen Bücher in mehr als 40 Sprachen verkauft. Im November 2003 erhielt er den Sonderpreis der National Book Foundation für sein Lebenswerk.

Im Anhang an den Roman findet sich ein ausführliches Werkverzeichnis des Autors.

Inhaltsverzeichnis

Zum BuchZum AutorWidmungInschriftDER PULSCopyright

Für Richard Matheson und George Romero

»Das Es duldet keinen Aufschub der Befriedigung. Es steht stets unter dem Druck des unerfüllten Triebes.«

Sigmund Freud

»Gerade die Einsicht, dass der Aggressionstrieb ein echter, primär arterhaltender Instinkt ist, lässt uns seine volle Gefährlichkeit erkennen.«

Konrad Lorenz

»Can you hear me now?«

Verizon

In ihr zweites dunkles Zeitalter glitt die Zivilisation wenig überraschend auf einer Bahn aus Blut, aber in einem Tempo, das nicht einmal die pessimistischsten Futurologen hätten voraussehen können. Es war, als hätte sie darauf gewartet, abgleiten zu können. Am ersten Oktober war Gott in seinem Himmel, der Dow-Jones-Index stand bei 10 140 Punkten, und die meisten Flugzeuge waren pünktlich (bis auf die, die in Chicago landeten und starteten, wie nicht anders zu erwarten). Zwei Wochen später gehörte der Himmel wieder den Vögeln, und die Börse war nur noch eine Erinnerung. An Halloween stank jede Großstadt von New York bis Moskau zum leeren Himmel, und auch die Welt von einst war nur noch eine Erinnerung.

DER PULS

1

Das Ereignis, das als der Puls bekannt werden sollte, begann am Nachmittag des 1. Oktober um 15.03 Uhr Eastern Standard Time. Die Bezeichnung war natürlich unzutreffend, aber binnen zehn Stunden nach dem Ereignis waren die meisten Wissenschaftler, die darauf hätten hinweisen können, entweder tot oder irrsinnig. Der Name war ohnehin nicht weiter wichtig. Wichtig war die Wirkung.

Um drei Uhr an diesem Nachmittag ging ein junger Mann, der für die Weltgeschichte ohne besondere Bedeutung war, die Bostoner Boylston Street entlang, hüpfte sie fast entlang. Er hieß Clayton Riddell. Auf seinem Gesicht stand ein Ausdruck unverkennbarer Zufriedenheit, der zu dem Schwung in seinem Schritt passte. Mit der linken Hand schlenkerte er eine jener Künstlermappen, die sich für unterwegs zuklappen und mit Schnappschlössern sichern ließen. Um die Finger seiner rechten Hand war die Zugschnur einer Tragetasche aus braunem Kunststoff geschlungen, auf die für jeden, der Lust hatte, sie zu lesen, die Wörter small treasures gedruckt waren.

In der hin- und herschwingenden Tragetasche befand sich ein kleiner runder Gegenstand. Ein Geschenk, hätten Sie vielleicht vermutet, und Sie hätten Recht gehabt. Sie hätten vielleicht weiter vermutet, dieser Clayton Riddell wolle irgendeinen kleinen (oder vielleicht nicht einmal so kleinen) Sieg mit einem small treasure feiern, und hätten wieder Recht gehabt. Der Gegenstand in der Tragetasche war ein ziemlich teurer Briefbeschwerer aus Glas, in dessen Mitte eine graue Pusteblume eingeschlossen war. Gekauft hatte er ihn auf dem Rückweg vom Hotel Copley Square zu dem weit bescheideneren Atlantic Avenue Inn, in dem er wohnte: verängstigt wegen des Neunzigdollarpreisschilds auf der Unterseite des Briefbeschwerers, aber irgendwie noch mehr wegen der Erkenntnis, dass er sich jetzt solche Dinge leisten konnte.

Der Verkäuferin seine Kreditkarte zu geben hatte fast physischen Mut erfordert. Er bezweifelte, dass er dazu imstande gewesen wäre, wäre der Briefbeschwerer für ihn selbst gewesen; er hätte irgendetwas gemurmelt, er habe sich die Sache anders überlegt, und wäre hinausgehastet. Aber das Ding war für Sharon. Sharon mochte solche Sachen, und sie mochte auch ihn noch immer – Ich halte zu dir, Baby, hatte sie am Tag vor seiner Abreise nach Boston gesagt. Im Bewusstsein dessen, wie viel Scheiß sie einander im vergangenen Jahr zugefügt hatten, war er gerührt gewesen. Jetzt wollte er sie anrühren, falls das noch möglich war. Der Briefbeschwerer war klein (ein small treasure), aber er war sich sicher, dass sie die zarte graue Wolke aus Löwenzahnsamen – ein Nebel im Miniformat tief in der Mitte des Glases – mögen würde.

2

Clays Aufmerksamkeit wurde durch das Bimmeln eines Eiswagens geweckt. Er stand gegenüber dem Hotel Four Seasons (das sogar noch prächtiger als das Copley Square war) vor dem Boston Common, dem Stadtpark, der sich auf dieser Straßenseite zwei, drei Blocks weit die Boylston Street entlangzog. Über einem Paar tanzender Eiswaffeln standen in Regenbogenfarben die Wörter MISTER SOFTEE. Drei Jungen standen mit Büchertaschen vor den Füßen am Ausgabefenster zusammengedrängt und warteten auf die süße Nascherei. Hinter ihnen standen eine Frau in einem Hosenanzug mit einem Pudel an der Leine und zwei Mädchen im Teenageralter in Hüftjeans und mit iPods und Kopfhörern, die sie gegenwärtig um den Hals trugen, damit sie sich murmelnd unterhalten konnten – ernsthaft, ohne zu kichern.

Clay stellte sich hinter ihnen an, wodurch eine ehemalige Kleingruppe sich in eine kurze Schlange verwandelte. Er hatte seiner von ihm entfremdeten Frau ein Geschenk gekauft; er würde auf der Heimfahrt bei Comix Supreme vorbeischauen, um seinem Sohn das neue Spiderman-Heft zu kaufen; also konnte er sich selbst auch etwas gönnen. Er brannte darauf, Sharon seine Neuigkeiten zu erzählen, aber sie war unerreichbar, bis sie gegen Viertel vor vier nach Hause kam. Er stellte sich vor, dass er mindestens so lange im Inn bleiben würde, bis er mit ihr gesprochen hatte; dort würde er die meiste Zeit in seinem kleinen Zimmer auf und ab tigern und seine mit Schnappschlössern gesicherte Künstlermappe ansehen. Bis dahin bildete Mister Softee einen willkommenen Zeitvertreib.

Der Kerl im Eiswagen reichte den Jungen vor dem Fenster ihre Bestellungen hinaus: zwei Eis am Stiel und eine riesige Waffeltüte mit einem gedrehten Schokolade-und-Vanille-Softeiskegel für den großzügigen Spender in der Mitte, der anscheinend für alle zahlte. Während der einen Wust von Dollarscheinen aus seiner modischen Baggy-Jeans angelte, griff die Pudelbesitzerin im Poweranzug in ihre Umhängetasche, holte ihr Handy heraus – Frauen in Poweranzügen gingen ebenso wenig ohne ihre Handys aus dem Haus wie ohne ihre Kreditkarten – und klappte es auf. Hinter ihnen im Park kläffte ein Hund, und irgendwer stieß einen Schrei aus. In Clays Ohren war das kein fröhlicher Schrei, aber als er sich umsah, konnte er nur einige Spaziergänger, einen Hund, der mit einer Frisbeescheibe in der Schnauze dahintrottete (herrscht dort drinnen nicht Leinenzwang?, fragte er sich), und weite Flächen von sonnigem Grün und einladendem Schatten sehen. Bestimmt ein guter Ort, an dem ein Mensch, der gerade seine erste Graphic Novel verkauft hatte – und die Fortsetzung, beides zudem für erstaunlich viel Geld –, sich hinsetzen und ein Schokoladeneis essen konnte.

Als er sich wieder umsah, waren die drei Jungen in den Baggy-Jeans fort, und die Frau im Poweranzug bestellte einen Eisbecher. Eines der beiden Mädchen hinter ihr trug ein minzegrünes Handy mit Klipphalterung an der Hüfte, und Power Suit Woman hatte ihres fest ins Ohr geschraubt. Clay dachte, wie er das auf irgendeiner Bewusstseinsebene fast immer tat, wenn er Variationen dieses Benehmens sah, dass er Zeuge wurde, wie ein Benehmen, das früher als grob unhöflich gegolten hätte – ja, selbst während man ein Geschäft mit einem völlig Unbekannten abschloss –, doch allmählich zu einem Teil des allgemein akzeptierten Verhaltenskodex wurde.

Lass es in Dark Wanderer einfließen, Schatz, sagte Sharon. Die Version von ihr, die er im Kopf behielt, sprach oft und äußerte zu allem ihre Meinung. Das traf auch auf die reale Sharon zu, Trennung hin oder her. Allerdings nicht übers Handy. Clay besaß keines.

Das minzegrüne Telefon spielte den Anfang jenes Songs von Crazy Frog, den Johnny so liebte – hieß er nicht »Axel F«? Clay konnte sich nicht genau daran erinnern, vielleicht weil er ihn bewusst ausgeblendet hatte. Das Mädchen, dem das Handy gehörte, riss es von der Hüfte und sagte: »Beth?« Sie hörte zu, lächelte, dann sagte sie zu ihrer Begleiterin: »Das ist Beth.« Nun beugte sich das andere Mädchen nach vorn, und sie hörten beide zu, während beinahe identische Pixiefrisuren (Clay erschienen sie fast wie Zeichentrickfiguren aus dem Vormittagsprogramm am Samstag, vielleicht die Powerpuff Girls) von der Nachmittagsbrise aufgeplustert wurden.

»Maddy?«, sagte die Frau im Poweranzug fast genau gleichzeitig. Ihr Pudel saß jetzt sinnend am Ende der Leine (die Leine war rot und mit Glitzerzeug bestäubt) und beobachtete den Verkehr auf der Boylston Street. Auf der anderen Straßenseite, vor dem Four Seasons, winkte ein Portier in brauner Livree – diese Anzüge schienen immer braun oder blau zu sein –, vermutlich nach einem Taxi. Ein mit Touristen voll besetztes Amphibienfahrzeug von Duck Tours, das auf dem Trockenen irgendwie deplatziert wirkte, rauschte vorbei, während der Fahrer über Lautsprecher über irgendetwas Historisches schwatzte. Die beiden Mädchen, die dem minzegrünen Telefon zuhörten, wechselten einen Blick und lächelten über etwas, das sie hörten, kicherten aber noch immer nicht.

»Maddy? Kannst du mich hören? Kannst du …«

Die Frau in dem Poweranzug hob die Hand, in der sie die Hundeleine hielt, und bohrte einen Finger mit langem Nagel in ihr freies Ohr. Clay, der um ihr Trommelfell fürchtete, zuckte leicht zusammen. Er stellte sich vor, wie er sie zeichnen würde: der Hund an der Leine, der Poweranzug, die modische Kurzhaarfrisur … und ein dünner Blutfaden aus dem Ohr, in dem ihr Finger steckte. Das Duck Boat, das eben am Bildrand verschwand, und der Portier im Hintergrund, die beide die Zeichnung irgendwie realistischer erscheinen lassen würden. Das würden sie; das gehörte zu den Dingen, die man einfach wusste.

»Maddy, du kommst unterbrochen an! Ich wollte dir bloß erzählen, dass ich mir die Haare bei diesem neuen … meine Haare? … MEINE …«

Der Kerl in dem Mister-Softee-Wagen beugte sich hinunter und hielt ihr den Eisbecher hin. Daraus erhob sich ein weißer Berg, an dessen Flanken Ströme von Schokoladen- und Erdbeersoße herabliefen. Sein stoppelbärtiges Gesicht war ausdruckslos. Es sagte, er habe alles schon mal gesehen. Davon war Clay überzeugt – das meiste vermutlich zweimal. Im Park kreischte irgendjemand. Clay sah sich abermals um, redete sich wieder ein, das müsse ein Freudenschrei gewesen sein. Drei Uhr nachmittags, ein sonniger Nachmittag auf dem Boston Common, das musste eigentlich ein Freudenschrei sein. Oder?

Die Frau sagte irgendetwas Unverständliches zu Maddy und klappte ihr Handy mit einer geübten Handbewegung zu. Sie ließ es wieder in ihre Umhängetasche fallen, dann stand sie einfach da, als hätte sie vergessen, was sie hier tat, oder sogar, wo sie war.

»Macht vier fünfzig«, sagte der Mister-Softee-Kerl, der ihr weiter geduldig den Eisbecher hinhielt. Clay hatte noch Zeit zu denken, wie beschissen teuer in der Stadt alles war. Vielleicht fand die Frau im Poweranzug das auch, jedenfalls tat sie – wenigstens nahm er das zuerst an – noch einen Augenblick länger nichts, sondern betrachtete nur den Becher mit dem Berg aus Eiscreme und der herablaufenden Soße, als hätte sie dergleichen noch nie gesehen.

Dann kam ein weiterer Schrei vom Stadtpark herüber, diesmal kein menschlicher Laut, sondern etwas zwischen einem überraschten Jaulen und einem schmerzlichen Heulen. Clay drehte sich danach um und sah den Hund, der mit der Frisbeescheibe vorbeigetrottet war. Es war ein ziemlich großer brauner Hund, vielleicht ein Neufundländer, er kannte sich eigentlich nicht mit Hunden aus, wenn er einen zeichnen musste, holte er sich ein Buch und zeichnete einen ab. Ein Mann in einem Geschäftsanzug kniete neben dem Hund, hatte ihn in den Schwitzkasten genommen und schien – bestimmt sehe ich nicht, was ich zu sehen glaube, dachte Clay – an seinem Ohr herumzukauen. Dann jaulte der Hund wieder auf und versuchte sich loszureißen. Der Mann im Geschäftsanzug hielt ihn eisern fest, und ja, der Mann hatte das Hundeohr im Mund, und während Clay ihn weiter beobachtete, riss der Mann es vom Kopf des Hundes ab. Diesmal stieß der Hund einen fast menschlichen Schrei aus, und einige Enten, die auf einem nahe gelegenen Teich geschwommen hatten, flogen laut quakend auf.

»Räst!«, rief jemand hinter Clay. Zumindest klang es wie Räst. Es hätte auch »Rest« oder »Rost« sein können, aber im Licht späterer Erfahrungen tendierte er zu Räst: kein richtiges Wort, sondern bloß ein unverständlicher aggressiver Laut.

Er drehte sich gerade rechtzeitig nach dem Eiswagen um, um zu sehen, wie Power Suit Woman ins Ausgabefenster hechtete, um den Mister-Softee-Kerl zu fassen zu bekommen. Sie schaffte es, die losen Falten an der Vorderseite seines weißen Kittels zu packen, aber ein einzelner erschrockener Schritt rückwärts genügte, damit er sich aus ihrem Griff losreißen konnte. Ihre hohen Absätze verließen kurz den Gehsteig, und er hörte das Rascheln von Stoff und das Klicken von Knöpfen, als die Vorderseite ihres Jacketts erst über den Rand der kleinen Theke hinauf und dann wieder nach unten ratterte. Der Eisbecher purzelte außer Sicht. Clay sah eine Schmiere aus Eiscreme und Soße auf dem linkem Handgelenk und Unterarm von Power Suit Woman, als ihre hohen Absätze wieder auf den Gehsteig klackten. Sie taumelte mit leicht gebeugten Knien. Ihr verschlossener, wohlerzogener, für die Öffentlichkeit bestimmter Gesichtsausdruck – den Clay für einen grundsätzlichen Auf-der-Straße-keine-Mieneverziehen-Look hielt – war durch ein krampfartiges Zähnefletschen ersetzt worden, das ihre Augen zu Schlitzen verkleinerte und beide Zahnreihen freilegte. Ihre Oberlippe war völlig nach außen gestülpt und ließ eine samtartige rosa Auskleidung sehen, so intim wie eine Scheide. Ihr Pudel lief auf die Straße und schleppte dabei seine rote Leine mit der Handschlaufe am Ende hinter sich her. Eine schwarze Limousine überfuhr den Pudel, bevor er halb drüben war. Eben noch Flausch; im nächsten Augenblick Brei.

Wahrscheinlich hat der arme Köter schon im Hundehimmel gekläfft, bevor er gewusst hat, dass er tot ist, dachte Clay. Er begriff auf irgendeine distanzierte Weise, dass er unter Schock stand, was aber an der Intensität seiner Verwunderung gar nichts änderte. Er stand einfach nur mit seiner Künstlermappe in der einen Hand und seiner braunen Tragetasche in der anderen mit herabhängender Kinnlade da.

Irgendwo – vielleicht um die nächste Ecke auf der Newbury Street – explodierte irgendetwas.

Die beiden Mädchen hatten zwar genau dieselbe Frisur über ihren iPod-Kopfhörern, aber die mit dem minzegrünen Handy war blond, während ihre Freundin brünett war; sie waren sozusagen Pixie Light und Pixie Dark. Jetzt ließ Pixie Light ihr Handy auf den Gehsteig fallen, wo es zerschellte, und packte Power Suit Woman um die Taille. Clay nahm an (soweit er in diesen Augenblicken überhaupt imstande war, etwas anzunehmen), dass sie Power Suit Woman daran hindern wollte, sich erneut auf den Mister-Softee-Kerl zu stürzen oder ihrem Hund auf die Straße nachzulaufen. Es gab sogar einen Teil seines Verstandes, der der Geistesgegenwart des Mädchens applaudierte. Ihre Freundin, Pixie Dark, wich mit zwischen den Brüsten gefalteten kleinen weißen Händen und angstvoll aufgerissenen Augen von der ganzen Chose zurück.

Clay ließ seine Sachen fallen, auf beiden Seiten je eine, und trat vor, um Pixie Light zu helfen. Auf der anderen Straßenseite – das nahm er nur am Rand seines Blickfelds wahr – kam ein Wagen ins Schleudern und raste über den Gehsteig vor dem Four Seasons, sodass der Portier beiseite flitzen musste. Vom Vorplatz des Hotels drangen Schreie herüber. Und bevor Clay anfangen konnte, Pixie Light in Sachen Power Suit Woman zu helfen, hatte Pixie Light mit ihrem hübschen kleinen Gesicht schlangenartig gewandt zugestoßen, ihre unzweifelhaft kräftigen jungen Zähne gefletscht und in den Hals von Power Suit Woman geschlagen. Sofort spritzte ein gewaltiger Blutstrahl hervor. Das Pixie-Girl hielt ihr Gesicht hinein, schien darin zu baden, vielleicht sogar davon zu trinken (Clay war sich fast sicher, dass sie das tat), dann schüttelte sie Power Suit Woman wie eine Puppe. Die Frau war größer, musste an die zwanzig Kilo schwerer sein als die Kleine, aber das Mädchen schüttelte sie so kräftig, dass der Kopf der Frau hin und her flog und weiteres Blut verspritzte. Gleichzeitig erhob das Mädchen sein blutverschmiertes Gesicht zu dem leuchtend blauen Oktoberhimmel und stieß ein Heulen aus, das wie Triumphgeheul klang.

Sie ist verrückt, dachte Clay. Völlig übergeschnappt.

»Wer bist du?«, rief Pixie Dark laut. »Was ist los?«

Beim Klang der Stimme ihrer Freundin warf Pixie Light ihren blutigen Kopf herum. Von den kurzen Dolchspitzen ihrer Stirnfransen tropfte Blut. Augen wie weiße Lichter glotzten aus blutgesprenkelten Höhlen.

Pixie Dark starrte Clay mit weit aufgerissenen Augen an. »Wer bist du?«, wiederholte sie … und dann: »Wer bin ich?«

Pixie Light ließ Power Suit Woman fallen, aus deren aufgebissener Halsschlagader beim Zusammenbrechen auf dem Gehsteig weiter Blut spritzte, dann stürzte sie sich auf das Mädchen, mit dem sie sich noch vor wenigen Augenblicken dick befreundet ein Handy geteilt hatte.

Clay dachte nicht nach. Hätte er nachgedacht, wäre Pixie Dark vielleicht ebenso der Hals aufgebissen worden wie der Frau im Hosenanzug. Er sah nicht einmal hin. Er griff einfach nach rechts unten, bekam die Tragetasche von small treasures am oberen Rand zu fassen und schwang sie gegen Pixie Lights Hinterkopf, als diese sich auf ihre ehemalige Freundin stürzte, wobei sich ihre ausgestreckten Hände vor dem blauen Himmel wie Seesterne abzeichneten. Wenn er sie verfehlte …

Er verfehlte sie nicht, streifte das Mädchen auch nicht etwa nur. Der gläserne Briefbeschwerer in der Tragetasche traf Pixie Light mit gedämpftem dumpfem Aufprall genau am Hinterkopf. Pixie Light ließ die Hände sinken, eine blutbefleckt, die andere noch sauber, und plumpste zu Füßen ihrer Freundin wie ein Kartoffelsack auf den Gehsteig.

»Was zum Teufel?«, rief Mister-Softee-Kerl. Seine Stimme klang unwahrscheinlich hoch. Vielleicht hatte der Schock einen Kontratenor aus ihm gemacht.

»Keine Ahnung«, sagte Clay. Sein Herz jagte. »Schnell, helfen Sie mir. Die andere hier verblutet.«

Von der Newbury Street hinter ihnen kam das unverkennbare dumpfe Krachen und Klirren eines Zusammenstoßes, dem sofort Schreie folgten. Den Schreien wiederum folgte eine weitere Explosion, diesmal lauter, scheppernder, in den Tag hinaushämmernd. Hinter dem Mister-Softee-Wagen schleuderte ein weiteres Auto über drei Fahrspuren der Boylston Street auf den Vorplatz des Four Seasons, wo es ein paar Fußgänger niedermähte und dann das Heck des vorigen Wagens rammte, der mit eingedrückter Motorhaube an der Drehtür zum Stehen gekommen war. Durch diesen zweiten Zusammenstoß bohrte der erste Wagen sich noch weiter in die Drehtür und verbog sie völlig. Ob dort drinnen jemand gefangen war, konnte Clay nicht sehen – aus dem geplatzten Kühler des ersten Fahrzeugs stiegen Dampfschwaden auf –, aber die herzzerreißenden Schreie aus den Schatten dort drüben ließen Schlimmes ahnen. Sehr Schlimmes.

Der Mister-Softee-Kerl, nach hinten blind, beugte sich aus seinem Ausgabefenster und starrte Clay an. »Was geht dort drüben vor?«

»Keine Ahnung. Ein paar Unfälle. Leute verletzt. Helfen Sie mir, Mann.« Er kniete sich neben Power Suit Woman in das Blut und die zersplitterten Überreste von Pixie Lights minzegrünem Handy. Das Zucken der Frau im Poweranzug war jetzt allerdings sehr schwach geworden.

»Von der Newbury kommt Rauch«, stellte der Mister-Softee-Kerl fest, der die relative Sicherheit seines Eiswagens noch immer nicht verließ. »Dort drüben ist was explodiert. Was echt Großes, mein ich. Vielleicht sind’s Terroristen.«

Sobald er das Wort ausgesprochen hatte, war Clay sich sicher, dass er Recht hatte. »Helfen Sie mir.«

»WER BIN ICH?«, kreischte Pixie Dark plötzlich.

Clay hatte sie völlig vergessen. Er blickte rechtzeitig auf, um zu sehen, wie das Mädchen sich mit der flachen Hand an die Stirn klatschte und sich dann schnell dreimal um die eigene Achse drehte, wobei sie fast auf den Spitzen ihrer Tennisschuhe stand. Dieser Anblick erinnerte ihn an ein Gedicht, das er auf dem College in Literaturwissenschaft gelesen hatte: Schlingt dreifach einen Kreis um dies! Coleridge, oder? Sie taumelte, dann rannte sie den Gehsteig entlang, direkt gegen einen Laternenmast. Sie machte keinen Versuch, ihm auszuweichen oder auch nur schützend die Hände zu heben. Sie klatschte mit dem Gesicht dagegen, prallte zurück, torkelte, rannte wieder dagegen an.

»Aufhören!«, brüllte Clay. Er schoss hoch, wollte zu ihr rennen, rutschte im Blut von Power Suit Woman aus, wäre beinahe gestürzt, rappelte sich wieder auf, stolperte über Pixie Light und wäre wieder fast hingeknallt.

Pixie Dark sah sich nach ihm um. Aus ihrer gebrochenen Nase strömte ein Blutschwall über die untere Gesichtshälfte. Eine senkrechte Prellung auf ihrer Stirn begann anzuschwellen, stieg wie eine Gewitterwolke an einem Sommertag hoch. Eines ihrer Augen saß schief in der Höhle. Sie öffnete den Mund, ließ die Ruinen von vermutlich sehr teurer kieferorthopädischer Arbeit sehen und lachte ihn an. Er würde den Anblick nie vergessen.

Dann rannte sie kreischend den Gehsteig entlang davon.

Hinter ihm sprang ein Motor an, dann begannen elektronisch verstärkte Glöckchen die frühere Erkennungsmelodie von Sesamstraße zu klimpern. Clay warf sich herum und sah den Mister-Softee-Wagen rasch vom Bordstein wegfahren, als im obersten Stock des Hotels gegenüber eine Fensterscheibe in einer Kaskade aus glitzerndem Glas zersprang. Ein Körper schnellte in den hellen Oktobertag hinaus. Er schlug auf dem Gehsteig auf, wo er mehr oder weniger explodierte. Weitere Schreie vom Vorplatz. Angstschreie; Schmerzensschreie.

»Nein!«, brüllte Clay, der neben dem Eiswagen einherrannte. »Nein, kommen Sie zurück und helfen Sie mir! Ich brauche hier Hilfe, Sie Scheißkerl!«

Keine Antwort vom Mister-Softee-Kerl, der ihn vielleicht wegen der verstärkten Musik nicht hören konnte. Clay erinnerte sich an den Text aus den Tagen, als er noch keinen Grund zur Annahme gehabt hatte, seine Ehe werde nicht ewig halten. Damals hatte Johnny sich jeden Tag die Sesamstraße angesehen, hatte auf seinem kleinen blauen Stuhl gehockt und mit beiden Händen seinen Trinkbecher umklammert. Irgendwas von einem sonnigen Tag, der die Wolken vertreibt.

Ein Mann in einem Geschäftsanzug kam aus dem Park gerannt und röhrte mit voller Lungenkraft wortlose Schreie, während seine Jackenschöße hinter ihm herwehten. Clay erkannte ihn an seinem Kinnbärtchen aus Hundefell. Der Mann stürmte auf die Boylston Street hinaus. Die Autos wichen ihm aus, verfehlten ihn nur knapp. Er rannte auf die andere Seite hinüber und brüllte dabei weiter und fuchtelte mit erhobenen Händen. Als er in den Schatten der Markise über dem Vorplatz des Four Seasons verschwand, kam er außer Sicht, aber er musste sofort wieder etwas angestellt haben, jedenfalls brach dort drüben sofort eine neue Kreischsalve los.

Clay gab die Verfolgung des Mister-Softee-Wagens auf und blieb mit einem Fuß auf dem Gehsteig und dem anderen im Rinnstein stehen, während er beobachtete, wie das Gefährt weiter bimmelnd einen Schlenker auf die Mittelspur der Boylston Street machte. Er wollte eben zu dem bewusstlosen Mädchen und der sterbenden Frau zurückgehen, als ein weiteres Duck Boat erschien; dieses rollte jedoch nicht gemächlich dahin, sondern donnerte mit Höchstgeschwindigkeit heran und schlingerte dabei wie verrückt von Backbord nach Steuerbord. Einige der Fahrgäste purzelten durcheinander und brüllten den Fahrer an – flehten ihn an –, er solle anhalten. Andere klammerten sich einfach an die senkrechten Metallstreben an den offenen Seiten des Ungetüms, als es entgegen der allgemeinen Fahrtrichtung die Boylston Street hinaufraste.

Ein Mann in einem Sweatshirt packte den Fahrer von hinten, und Clay hörte aus dem primitiven Lautsprechersystem des Duck Boats einen weiteren dieser unartikulierten Laute kommen, als der Fahrer den Kerl mit einem gewaltigen Schulterzucken nach hinten abschüttelte. Dieses Mal jedoch nicht »Räst!«, sondern ein kehligerer Laut, der irgendwie nach »Gluh!« klang. Dann sah der Fahrer des Duck Boats den Mister-Softee-Wagen – dessen war Clay sich sicher – und änderte seinen Kurs, um darauf zuzuhalten.

»O Gott, bitte nicht!«, rief eine Frau, die in dem Touristenfahrzeug fast ganz vorn saß, und als es auf den bimmelnden Mister-Softee-Wagen zuraste, der ungefähr ein Sechstel seiner Größe hatte, erinnerte Clay sich deutlich daran, wie er sich in jenem Jahr, in dem die Red Sox die World Series gewannen, die Siegesparade im Fernsehen angesehen hatte. Das Team war mit einer langsamen Prozession genau solcher Duck Boats gefahren und hatte der frenetisch jubelnden Menge zugewinkt, während kalter herbstlicher Nieselregen gefallen war.

»Gott, bitte nicht!«, kreischte die Frau wieder, und irgendwo neben Clay sagte ein Mann fast sanft: »Jesus Christus.«

Das Duck Boat rammte den Eiswagen mittschiffs und kippte ihn wie ein Kinderspielzeug um. Während sein Lautsprechersystem weiter die Erkennungsmelodie von Sesamstraße bimmelte, landete er auf der Seite und rutschte in Richtung Stadtpark zurück, wobei er einen Schauer von Reibungsfunken erzeugte. Zwei Frauen, die zugesehen hatten, huschten, sich an den Händen haltend, beiseite und schafften es gerade noch auszuweichen. Der Mister-Softee-Wagen prallte gegen den Randstein, flog ein kurzes Stück durch die Luft, knallte dann an den gusseisernen Zaun, der den Park umgab, und blieb liegen. Die Musik hickste zweimal, dann verstummte sie.

Der Verrückte, der das Duck Boat fuhr, hatte inzwischen auch den letzten Rest von Kontrolle, die er möglicherweise über sein Fahrzeug besessen hatte, eingebüßt. Es schlingerte mit seiner Fracht aus verängstigten, kreischenden Fahrgästen, die sich an die offenen Seiten klammerten, über die Boylston Street zurück, holperte auf der anderen Straßenseite etwa fünfzig Meter unterhalb der Stelle, wo der Mister-Softee-Wagen sein letztes Bimmeln von sich gegeben hatte, über den Gehsteig und rammte die niedrige Böschungsmauer unter dem Schaufenster eines todschicken Möbelgeschäfts namens Citylights. Mit einem gewaltigen unmusikalischen Klirren zersplitterte die Scheibe. Das breite Heck des Duck Boats (auf dem in rosa Schrift Harbor Mistress stand) stieg ungefähr eineinhalb Meter hoch. Die Bewegungsenergie wollte, dass das große watschelnde Ding sich überschlug; seine Masse ließ es jedoch nicht zu. Während die Schnauze zwischen den durcheinander geworfenen Sofas und teuren Sesseln stecken blieb, plumpste es wieder auf den Gehsteig zurück, aber nicht bevor mindestens ein Dutzend Menschen nach vorn geschossen waren – aus dem Duck Boat und außer Sicht.

Im Citylights schrillte eine Alarmanlage.

»Jesus Christus«, sagte die sanfte Stimme zu Clays Rechter zum zweiten Mal. Er wandte sich in diese Richtung und sah einen kleinen Mann mit schütterem schwarzem Haar, einem winzigen dunklen Schnurrbart und goldgeränderter Brille. »Was geht hier vor?«

»Keine Ahnung«, sagte Clay. Das Reden fiel ihm schwer. Sehr. Er stellte fest, dass er die Worte fast hervorstoßen musste. Vermutlich stand er unter Schock. Auf der anderen Straßenseite rannten Leute weg, manche aus dem Four Seasons, manche aus dem verunglückten Duck Boat. Während Clay zusah, prallte ein Duck-Boat-Flüchtling mit einem Four-Seasons-Entflohenen zusammen, und beide schlugen auf dem Gehsteig lang hin. Er hatte noch Zeit, sich zu fragen, ob er übergeschnappt war, ob das alles nur Halluzinationen waren, die er in irgendeinem Irrenhaus hatte. Vielleicht zwischen Chlorpromazin-Injektionen im Juniper Hill in Augusta. »Der Kerl im Eiswagen hat auf Terroristen getippt.«

»Ich sehe niemanden mit Schusswaffen«, sagte der kleine Mann mit dem Schnurrbart. »Auch keine Typen, die sich Bomben umgeschnallt haben.«

Das tat auch Clay nicht, aber er sah die kleine Tragetasche aus dem small treasures und seine Künstlermappe auf dem Gehsteig liegen, und er sah, dass das Blut aus der Halsschlagader von Power Suit Woman – ihr Götter, dachte er, all dieses Blut – die Mappe schon fast erreicht hatte. Bis auf ungefähr ein Dutzend enthielt sie alle seine Zeichnungen für Dark Wanderer , und es waren die Zeichnungen, auf die sein Verstand sich nun konzentrierte. Er machte sich in beschleunigtem Tempo auf den Rückweg dorthin, und der kleine Mann hielt mit ihm Schritt. Als im Hotel ein weiterer Einbruchmelder losging (jedenfalls irgendeine Art Alarmanlage), dessen heiseres Plärren sich in das Schrillen der Alarmanlage des Citylights mischte, fuhr der kleine Kerl zusammen.

»Das kommt aus dem Hotel«, sagte Clay.

»Ich weiß, es ist nur…O mein Gott!« Er hatte Power Suit Woman gesehen, die jetzt in einer Lache aus dem magischen Zeug lag, das alle ihre Lebensfunktionen betrieben hatte … bis wann? Vor vier Minuten? Nur zwei?

»Sie ist tot«, erklärte Clay ihm. »Da bin ich mir jedenfalls ziemlich sicher. Das Mädchen da …« Er deutete auf Pixie Light. »Die hat’s getan. Mit den Zähnen.«

»Sie scherzen.«

»Ich wollte, das wär so.«

Von irgendwo entlang der Boylston Street war eine weitere Explosion zu hören. Beide Männer fuhren zusammen. Clay merkte, dass er jetzt Rauch riechen konnte. Er hob die Tragetasche von small treasures und seine Künstlermappe auf und brachte beides vor dem sich ausbreitenden Blut in Si-und brachte beides vor dem sich ausbreitenden Blut in Sicherheit. »Das sind meine Sachen«, sagte er und fragte sich dabei, wieso er sich bemüßigt fühlte, das zu erklären.

Der kleine Kerl, der einen Tweedanzug trug – ziemlich adrett, fand Clay – starrte noch immer entsetzt den zusammengebrochenen Körper der Frau an, die stehen geblieben war, um sich einen Eisbecher zu kaufen, und erst ihren Hund und dann ihr Leben verloren hatte. Hinter ihnen trabten drei junge Männer lachend und mit Hurrageschrei den Gehsteig entlang. Zwei trugen verkehrt herum aufgesetzte Red-Sox-Mützen. Einer trug an seine Brust gedrückt einen Karton, auf dessen Seite in blauer Schrift das Wort panasonic stand. Dieser eine trat mit dem rechten Turnschuh in das sich ausbreitende Blut von Power Suit Woman und hinterließ einen Einfußabdruck, der schon blasser wurde, als seine Kumpel und er zum Nordende des Stadtparks mit Chinatown dahinter weiterrannten.

3

Clay sank auf ein Knie und benutzte die freie Hand, mit der er also nicht seine Künstlermappe umklammerte (seit er den vorbeispurtenden jungen Mann mit dem panasonic-Karton gesehen hatte, hatte er noch mehr Angst, er könnte sie einbüßen), um Pixie Lights Handgelenk hochzuheben. Er fand sofort den Puls, der langsam, aber kräftig und gleichmäßig war. Er empfand große Erleichterung. Unabhängig davon, was sie getan hatte, war sie fast noch ein Kind. Er wollte nicht glauben müssen, sie mit dem Briefbeschwerer, der ein Geschenk für seine Frau sein sollte, erschlagen zu haben.

»Vorsicht! Passen Sie auf!« Der kleine Kerl mit dem Schnurrbart sang das beinahe. Clay hatte keine Zeit, sich vorzusehen. Zum Glück kam die Gefahr ihnen nicht einmal nahe. Der Wagen – einer dieser großen OPEC-freundlichen Geländewagen – kam mindestens zwanzig Meter von der Stelle entfernt, wo er kniete, von der Boylston Street ab und raste in den Park, wobei er ein Gewirr aus schmiedeeisernen Zaunteilen vor sich herschob, um dann stoßstangentief im Ententeich zu versinken.

Die Tür wurde aufgestoßen, und ein junger Mann, der Unverständliches zum Himmel schrie, torkelte heraus. Er fiel im Wasser auf die Knie und schaufelte sich etwas davon mit beiden Händen in den Mund (Clay dachte flüchtig an all die Enten, die im Lauf der Jahre unbekümmert in diesen Teich geschissen hatten), dann rappelte er sich wieder auf und watete zur anderen Seite hinüber. Als er in dem Wäldchen dort verschwand, wedelte er noch immer mit den Händen und brüllte seinen Unsinnssermon.

»Wir brauchen Hilfe für dieses Mädchen«, sagte Clay zu dem Mann mit dem Schnurrbart. »Sie ist bewusstlos, aber noch längst nicht tot.«

»Wissen Sie, was wir tun müssen? Wir müssen runter von der Straße, bevor wir überfahren werden«, sagte der Mann mit dem Schnurrbart, und wie um sein Argument zu unterstreichen, stieß nicht weit von dem demolierten Duck Boat ein Taxi mit einer Großraumlimousine zusammen. Die Limousine war entgegen der Fahrtrichtung unterwegs, aber das Taxi zog den Kürzeren; während Clay noch immer auf dem Gehsteig kniend zusah, flog der Taxifahrer durch den plötzlich glaslosen vorderen Scheibenrahmen und landete auf der Fahrbahn, wo er einen blutenden Arm hochreckte und laut schrie.

Der Mann mit dem Schnurrbart hatte natürlich Recht. Der Rest Vernunft, den Clay noch aufbringen konnte – nur wenig davon schaffte es, den Nebel des Schockes zu durchdringen, der sein Denken beeinträchtigte –, sagte ihm, dass es bei weitem das Klügste sei, schleunigst von der Boylston Street zu verschwinden und in Deckung zu gehen. Falls es sich hier gerade um einen Terrorakt handelte, hatte dieser keinerlei Ähnlichkeit mit irgendeinem, den er je gesehen oder von dem er je gehört hatte. Was er … sie tun sollten, war, sich zu verkriechen und in Deckung zu bleiben, bis die Lage sich klärte. Das würde es wahrscheinlich nötig machen, einen Fernseher zu finden. Aber er wollte das bewusstlose Mädchen nicht auf einer Straße liegen lassen, die sich plötzlich in ein Tollhaus verwandelt hatte. Dagegen rebellierte jeder Instinkt seines größtenteils gütigen – und gewiss zivilisierten – Herzens.

»Gehen Sie nur weiter«, forderte er den kleinen Mann mit dem Schnurrbart auf. Er sagte das mit ungeheurem Widerstreben. Er kannte den kleinen Mann überhaupt nicht, aber er brabbelte wenigstens keinen Unsinn und wedelte nicht mit den Händen in der Luft. Oder stürzte sich mit gefletschten Zähnen auf Clays Kehle. »Sehen Sie zu, dass Sie irgendwo Unterschlupf finden. Ich werde …« Er wusste nicht, wie erden Satz zu Ende bringen sollte.

»Was werden Sie?«, fragte der Mann mit dem Schnurrbart, dann fuhr er zusammen und zog die Schultern hoch, weil wieder etwas explodierte. Die Explosion hatte sich direkt hinter dem Hotel ereignet, so klang es jedenfalls, und sofort begann dort drüben schwarzer Rauch aufzusteigen, der den blauen Himmel verschmutzte, bis er hoch genug stieg, dass der Wind ihn verteilen konnte.

»Ich rufe die Polizei«, sagte Clay wie in einer plötzlichen Eingebung. »Sie hat ein Handy.« Er deutete mit dem Daumen auf Power Suit Woman, die jetzt tot in einer Lache des eigenen Bluts lag. »Sie hat’s gerade noch benutzt, bevor … Sie wissen schon, bevor dieser Scheiß …«

Er verstummte, während er sich intensiv daran erinnerte, was sich genau ereignet hatte, kurz bevor dieser Scheiß angefangen hatte. Er merkte, dass sein Blick von der Toten zu dem bewusstlosen Mädchen und dann zu den Bruchstücken des minzegrünen Handys der Bewusstlosen wanderte.

Sirenengeheul in zwei deutlich unterschiedlichen Tonlagen erfüllte die Luft. Clay nahm an, dass eine Tonlage zu Streifenwagen, die andere zu Feuerwehrfahrzeugen gehörte. Vermutlich konnte man sie voneinander unterscheiden, wenn man in dieser Stadt lebte, aber das tat er nicht, er lebte in Kent Pond, Maine, und wünschte sich von ganzem Herzen, er wäre in diesem Augenblick dort.

Was sich ereignet hatte, kurz bevor dieser Scheiß angefangen hatte, war, dass Power Suit Woman ihre Freundin Maddy angerufen hatte, um ihr zu erzählen, sie sei beim Friseur gewesen, und dass eine von Pixie Lights Freundinnen sie angerufen hatte. Bei letzterem Gespräch hatte Pixie Dark mitgehört. Danach waren sie alle drei übergeschnappt.

Du glaubst doch wohl nicht …

Hinter ihnen, nach Norden zu, ereignete sich die bisher größte Explosion: ein gewaltiger Knall wie von einer gigantischen Schrotflinte. Clay war mit einem Satz auf den Beinen. Der kleine Mann in dem Tweedanzug und er starrten einander wild an und dann in Richtung Chinatown und Bostons North End. Was explodiert war, konnten sie nicht sehen, aber über den Gebäuden am Horizont stieg jetzt eine viel größere, dunklere Rauchsäule auf.

Während die beiden sich anstarrten, fuhren drüben vor dem Four Seasons ein Streifenwagen und ein Gerätewagen der Bostoner Feuerwehr vor. Clay blickte gerade rechtzeitig hinüber, um sehen zu können, wie ein zweiter Springer aus einem der oberen Stockwerke des Hotels jumpte; dann folgte ein weiteres Paar von der Dachterrasse. Clay hatte den Eindruck, die beiden vom Dach Kommenden prügelten sich tatsächlich noch auf dem Weg nach unten.

»Jesus Maria und Josef NEIN!«, schrie eine Frau mit sich überschlagender Stimme. »O NEIN, nicht NOCH MEHR, nicht NOCH MEHR!«

Der erste des Selbstmördertrios schlug auf dem Kofferraum des Streifenwagens auf, bespritzte ihn mit Haar und Blut und zertrümmerte die Heckscheibe. Die beiden anderen schlugen auf dem hinteren Teil des Gerätewagens auf, während Feuerwehrleute in leuchtend gelben Jacken wie eine seltsame Vogelschar auseinander liefen.

»NEIN!«, kreischte die Frau. »Nicht NOCH MEHR! Nicht NOCH MEHR! Lieber GOTT, nicht NOCH MEHR!«

Aber schon kam eine Frau aus dem fünften oder sechsten Stock, die sich wie eine verrückte Artistin in der Luft überschlug, einen nach oben spähenden Polizeibeamten traf und ihn höchstwahrscheinlich mit in den Tod riss.

Aus Norden kam eine weitere dieser gewaltigen dröhnenden Explosionen – ein Knall, als feuerte der Teufel in der Hölle eine Schrotflinte ab –, und Clay sah wieder zu dem kleinen Mann hinüber, der seinerseits ängstlich zu ihm aufblickte. Wieder stieg Rauch zum Himmel, und trotz des lebhaften Windes war das Blau dort drüben fast verdunkelt.

»Sie setzen wieder Flugzeuge ein«, sagte der kleine Mann. »Die Dreckskerle setzen wieder Flugzeuge ein.«

Wie um seinen Verdacht zu bestätigen, rollte eine dritte monströse Explosion aus dem Norden der Stadt kommend über sie hinweg.

»Aber … dort drüben liegt nur der Logan Airport.« Clay hatte wieder Mühe, zu sprechen, und noch mehr, zu denken. Tatsächlich schien er nichts als einen dämlichen Witz im Kopf zu haben: Kennen Sie den von den [hier Ihre liebste ethnische Gruppe einsetzen] Terroristen, die Amerika in die Knie zwingen wollen, indem sie den Flughafen in die Luft jagen?

»Und?«, fragte der kleine Mann fast aufsässig.

»Warum greifen sie nicht den Hancock Tower an? Oder den Prudential Tower?«

Der kleine Mann ließ die Schultern hängen. »Mir egal. Ich weiß nur, dass ich von dieser Straße wegwill.«

Wie um seinen Wunsch zu unterstreichen, spurteten wieder ein halbes Dutzend junger Leute an ihnen vorbei. Boston war eine Stadt junger Leute, das war Clay aufgefallen – wegen der vielen Colleges wohl. Wenigstens rannten diese sechs, drei Männer und drei Frauen, ohne Beute mitzuschleppen, und sie lachten ganz gewiss nicht. Während sie rannten, zog einer der jungen Männer ein Handy heraus und drückte es sich ans Ohr.

Ein Blick über die Straße zeigte Clay, dass jetzt ein zweiter Streifenwagen hinter dem ersten stand. Also brauchte er das Handy von Power Suit Woman doch nicht zu benutzen (was gut war, weil er sich ja überlegt hatte, dass er das eigentlich nicht wollte). Er konnte einfach hinübergehen und mit ihnen reden … nur wusste er nicht, ob er sich trauen würde, die Boylston Street jetzt zu überqueren. Selbst wenn er es tat – würden sie dann hierher kommen, um nach einem bewusstlosen Mädchen zu sehen, wenn sie dort drüben weiß Gott wie viele Tote und Verletzte hatten? Und während er zusah, begannen die Feuerwehrmänner wieder eilig in ihren Gerätewagen zu klettern; anscheinend wollten sie woanders hin. Bestimmt zum Logan Airport hinaus oder …

»O mein Gott-Jesus, nehmen Sie sich vor dem in Acht«, sagte der kleine Mann mit dem Schnurrbart, dessen leise Stimme nun nervös klang. Er sah die Boylston Street entlang nach Süden, in Richtung Stadtmitte zurück, aus der Clay gekommen war, als der Hauptzweck seines Lebens noch gewesen war, Sharon am Telefon zu erreichen. Er hatte sogar gewusst, wie er anfangen würde: Gute Nachrichten, Schatz – ganz gleich, wie’s zwischen uns ausgeht, für den Jungen wird’s immer Schuhe geben. In seinem Kopf hatte das locker und komisch geklungen – wie in alten Zeiten.

Jetzt war nichts mehr komisch. Auf sie zu kam ein Mann – nicht rennend, aber mit langen, energischen Schritten – um die fünfzig, der eine Anzughose und die Reste eines Oberhemds mit Krawatte trug. Die Hose war grau. Welche Farbe Hemd und Krawatte gehabt hatten, ließ sich unmöglich sagen, weil beide jetzt zerfetzt und blutbefleckt waren. In der rechten Hand trug der Mann etwas, was wie ein Schlachtmesser mit mindestens dreißig Zentimeter langer Klinge aussah. Clay glaubte sogar, dieses Messer auf dem Rückweg von seiner Besprechung im Hotel Copley Square im Schaufenster eines Geschäfts gesehen zu haben, das sich Soul Kitchen nannte. Die im Schaufenster aufgereihten Messer (SCHWEDENSTAHL! hatte ein gedrucktes Kärtchen vor ihnen verkündet) hatten in wirkungsvoller Beleuchtung durch verdeckte Strahler geglänzt, allerdings hatte die bewusste Klinge seit ihrer Befreiung ganz schön viel – oder ganz schlecht viel – Arbeit getan und war jetzt vor lauter Blut glanzlos.

Der Mann in dem zerrissenen Hemd schwang das Messer, während er sich ihnen mit seinen energischen Schritten näherte, sodass die Klinge kurze Aufwärts- und Abwärtsbogen durch die Luft beschrieb. Von diesem Schema wich er nur einmal ab, um sich selbst eine Schnittwunde beizubringen. Ein frisches Rinnsal Blut floss aus einem neuen Riss in seinem zerfetzten Hemd. Die Überreste seiner Krawatte flatterten. Und während er die Entfernung verringerte, donnerte er mit Stentorstimme auf sie ein wie ein hinterwäldlerischer Prediger, der im Augenblick irgendeiner göttlichen Eingebung in Zungen sprach.

»Eyelah!«, brüllte er. »Eeelah-eyelah-a-babbalah naz! A-babbalah why? A-bunnaloo coy? Kazzalah! Kazzalah-CAN! Fie! SHY-fie!« Und nun führte er das Messer an die rechte Hüfte und darüber hinaus zurück, und Clay, dessen visuelle Begabung vielleicht überentwickelt war, sah sofort den weit ausholenden Stoß, der folgen würde. Den aufschlitzenden Messerstoß, den er führte, noch während er an diesem Oktobernachmittag mit diesen energischen, deklamatorischen Schritten seinen verrückten Marsch ins Nichts fortsetzte.

»Vorsicht!«, kreischte der kleine Kerl mit dem Schnurrbart, aber er sah sich nicht vor; der kleine Kerl mit dem Schnurrbart, der erste normale Mensch, mit dem Clayton Riddell gesprochen hatte, seit dieser Wahnsinn losbrach – der sogar ihn angesprochen hatte, was unter den Umständen wahrscheinlich etwas Mut erfordert hatte –, war wie gelähmt, und seine Augen hinter den goldgeränderten Brillengläsern waren größer als je zuvor. Und hatte der Verrückte es auf ihn abgesehen, weil der Schnurrbärtige der kleinere der beiden Männer war und wie die leichtere Beute aussah? Dann war Mr. Spricht-in-Zungen vielleicht nicht vollständig verrückt, und Clay war plötzlich nicht nur ängstlich, sondern auch wütend, wie er vielleicht wütend gewesen wäre, wenn er beim Blick durch einen Schulzaun einen Rowdy gesehen hätte, der gerade über einen kleineren, jüngeren Mitschüler herfallen wollte.

»VORSICHT!«, jaulte der kleine Mann mit dem Schnurrbart beinahe, aber er rührte sich noch immer nicht, als sein Tod heranfegte, der Tod, der aus einem Geschäft namens Soul Kitchen befreit worden war, in dem MasterCard und Visa zweifellos ebenso akzeptiert wurden wie »Ihr persönlicher Scheck unter Vorlage der Bankkarte«.

Clay dachte nicht nach. Er hob einfach seine Künstlermappe an ihrem Doppelgriff auf und schob sie zwischen das zustechende Messer und seinen neuen Bekannten in dem Tweedanzug. Die Klinge durchbohrte sie zwar mit einem hohlen Tock völlig, aber ihre Spitze blieb ungefähr zehn Zentimeter vor dem Bauch des kleinen Mannes stehen. Der kleine Mann kam endlich zur Besinnung, wich in Richtung Stadtpark zur Seite aus und schrie dabei um Hilfe, so laut er nur konnte.

Der Mann in dem zerfetzten Hemd mit Krawatte – er hatte leichte Hängebacken und einen feisten Nacken, als ginge seine persönliche Gleichung zwischen gutem Essen und guter Gymnastik seit ungefähr zwei Jahren nicht mehr auf – hörte abrupt mit seinem Nonsensgerede auf. Sein Gesicht nahm einen Ausdruck leerer Verwirrung an, die sich jedoch nicht zu Überraschung auswuchs, von Verblüffung ganz zu schweigen.

Was Clay empfand, war ein irgendwie trübseliger Zorn. Die Klinge hatte sich durch alle seine Dark Wanderer-Bilder gebohrt (für ihn waren sie immer Bilder, nie bloß Zeichnungen oder Illustrationen), und er hatte das Gefühl, dieses Tock hätte ebenso gut die Klinge sein können, die in eine besondere Kammer seines Herzens stieß. Das war zwar dämlich, weil er von allem – auch von den vier Farbseiten – Repros hatte, aber das änderte nichts daran, wie ihm zumute war. Die Klinge des Verrückten hatte Hexer John (natürlich nach seinem eigenen Sohn benannt), den Zauberer Flak, Frank und die Posse Boys, Sleepy Gene, Poison Sally, Lily Astolet, die Blaue Hexe und natürlich Ray Damon, den Dark Wanderer selbst, aufgespießt. Seine ureigenen fantastischen Gestalten, die in der Höhle seiner Einbildungskraft lebten und im Begriff waren, ihn von der Fron zu erlösen, in einem Dutzend ländlicher Schulen in Maine Kunstunterricht erteilen, jeden Monat tausende von Meilen fahren und praktisch aus seinem Auto leben zu müssen.

Er hätte schwören können, sie aufschreien gehört zu haben, als die Schwedenklinge des Verrückten sie durchbohrt hatte, wo sie in ihrer Unschuld schliefen.

Wütend, nicht auf das Messer achtend (zumindest im Augenblick nicht), drängte er den Mann in dem zerfetzten Hemd energisch rückwärts, benutzte die Mappe als eine Art Schild und wurde noch zorniger, als sie sich um den Einstich herum zu einem weiten V verformte.

»Blet!«, schrie der Verrückte und versuchte die Klinge herauszureißen. Sie war zu fest eingeklemmt. »Blet ky-yam doeram kazzalah a-babbalah!«

»Ich a-babbalah dir gleich dein a-kazzalah, du Scheißkerl!«, brüllte Clay und stellte den linken Fuß hinter die Beine des zurückweichenden Verrückten. Später fiel ihm dazu ein, dass der Körper wohl allein zu kämpfen verstand, wenn er musste. Das gehörte zu den Geheimnissen, die der Körper für sich behielt – genau wie die Geheimnisse, wie man rennt oder über einen Bach springt oder einen Quickie genießt oder – ziemlich wahrscheinlich – stirbt, wenn’s nicht anders geht. Dass er unter extremem Stress einfach die Führung übernimmt und tut, was getan werden muss, während das Gehirn abseits steht und zu nicht mehr imstande ist, als zu pfeifen und mit dem Fuß zu klopfen und zum Himmel aufzusehen. Oder über das Geräusch nachzudenken, das ein Messer macht, wenn es durch die Künstlermappe geht, die man übrigens von seiner Frau zum achtundzwanzigsten Geburtstag geschenkt bekommen hat.

Der Verrückte stolperte über Clays Fuß, genau wie Clays kluger Körper es beabsichtigte, und schlug rücklings auf dem Gehsteig hin. Clay stand keuchend über ihm und hielt die Mappe weiter in beiden Händen wie einen in der Schlacht zerbeulten Schild. Das Schlachtmesser ragte noch immer aus ihr heraus, der Griff auf der einen Seite, die Klinge auf der anderen.

Der Verrückte wollte aufstehen. Clays neuer Freund flitzte vor und trat ihn gegen den Hals, und zwar ziemlich fest. Der kleine Bursche weinte laut; die Tränen strömten ihm übers Gesicht und ließen seine Brillengläser anlaufen. Der Verrückte fiel mit aus dem Mund baumelnder Zunge auf den Gehsteig zurück. Um die Zunge herum gab er Würgelaute von sich, die in Clays Ohren wie sein früheres In-Zungen-sprechen-Gebrabbel klangen.

»Er wollte uns umbringen!«, schluchzte der kleine Mann. »Er wollte uns umbringen!«

»Ja, ja«, sagte Clay. Ihm war bewusst, dass er einmal auf genau gleiche Weise ja, ja zu Johnny gesagt hatte, als sie ihn noch Johnny-Gee gerufen hatten und er mit seinem aufgeschürften Schienbein oder Ellbogen die Einfahrt entlang auf sie zugekommen war und Ich BLUTE! gejammert hatte.

Der Mann auf dem Gehsteig (der reichlich blutete) stemmte sich auf den Ellbogen hoch und versuchte weiter, sich aufzurappeln. Diesmal machte Clay die Honneurs, trat dem Kerl einen Ellbogen weg und ließ ihn auf den Gehsteig zurückplumpsen. Diese Treterei schien bestenfalls eine Notlösung zu sein – und eine unsaubere dazu. Clay packte den Messergriff, fuhr wegen des halb geronnenen Bluts am Griff zusammen, weil es sich schleimig anfühlte – als riebe man mit der Handfläche durch kaltes Bratenfett –, und zog daran. Die Klinge kam ein Stück weit heraus, dann blieb sie wieder stecken, oder seine Hand rutschte ab. Er glaubte zu hören, wie seine Figuren im Dunkel der Mappe unglücklich murmelten, und stieß selbst einen schmerzlichen Laut aus. Er konnte nicht anders. Und er musste sich fragen, was er mit dem Messer tun wollte, wenn er es herausbekam. Den Verrückten damit erstechen? Dazu wäre er in der Hitze des Gefechts imstande gewesen, glaubte er, aber jetzt vermutlich nicht mehr.

»Was ist passiert?«, fragte der kleine Mann mit wässriger Stimme. Selbst in seiner Verzweiflung konnte Clay nicht anders, als von der Besorgnis, die er darin hörte, gerührt zu sein. »Hat er Sie verletzt? Sie haben ihn sekundenlang so verdeckt, dass ich ihn nicht sehen konnte. Hat er Sie verletzt? Haben Sie eine Schnittwunde?«

»Nein«, sagte Clay. »Mir fehlt n…«

Aus Norden, höchstwahrscheinlich vom Logan Airport jenseits des Bostoner Hafens, hallte eine weitere gigantische Explosion herüber. Beide zogen die Schultern hoch und fuhren zusammen.

Der Verrückte nutzte die Gelegenheit, sich aufzusetzen, und war schon dabei, auf die Beine zu kommen, als der kleine Mann in dem Tweedanzug ihm einen unbeholfenen, aber wirkungsvollen Seitwärtstritt verpasste, bei dem er mit dem Fuß genau die Mitte der zerfetzten Krawatte des Irren traf, was diesen wieder zu Boden warf. Der Verrückte brüllte auf und bekam den Fuß des kleinen Mannes zu fassen. Er hätte den kleinen Kerl nach vorn und dann vielleicht in eine erdrückende Umarmung gerissen, hätte Clay seinen neuen

Titel der Originalausgabe

CELL erschien bei Scribner, New York

2. Auflage

Vollständige deutsche Taschenbuchausgabe 10/2007

Copyright © 2006 by Stephen King Copyright © 2006 der deutschsprachigen Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Satz: C. Schaber Datentechnik, Wels

eISBN 978-3-89480-397-1

www.heyne.de

www.randomhouse.de

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