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Der prominente Filmemacher Merlin initiiert eine Demonstration für die Freiheit der Kunst. Als dabei seine geliebte Kamera zerstört wird, verliert er die Kontrolle. Wutentbrannt rammt er ein spitzes Stück Glas in den nackten Hals eines Polizisten. Blut fließt. Merlin wird verhaftet – der Beginn eines Albtraums. Gefängnis. Einzelhaft. Angst. Einsamkeit. Alte Wunden reißen auf, längst vergessene Traumata brechen sich Bahn. Eine Flut an Visionen und Albträumen überwältigen den Filmemacher. Szenen aus seiner Kindheit, als er noch Jan hieß und von seinem Vater gedemütigt und geschlagen wurde. Der Moment, als seine geliebte Frau ihn verließ. Die Bilder seiner Vergangenheit entwickeln ein beklemmendes Eigenleben, dem er nicht entfliehen kann. Der einst gefeierte Merlin verweigert das Essen, wird immer schwächer. Wird er an seinen Erinnerungen zerbrechen oder sie für seine Kunst zu nutzen wissen?
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Veröffentlichungsjahr: 2024
Titel
Impressum
Widmung
Der Filmemacher
Danksagung
Die Autorin
Mirjam Wiesemann
Phantastische Novelle
Ashera Verlag
Impressum
Die Handlung und alle handelnden Personen sind frei erfunden. Jegliche Ähnlichkeit mit lebenden oder realen Personen wäre rein zufällig.
Erste Auflage im Dezember 2024
Copyright © 2024 dieser Ausgabe by
Ashera Verlag
Hochwaldstr. 38
51580 Reichshof
www.ashera-verlag.net
Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck oder andere Verwertungen – auch auszugsweise – nur mit Genehmigung des Verlags.
Covergrafik: pixabay
Innengrafik: pixabay
Szenentrenner: pixabay
Coverlayout: Atelier Bonzai
Redaktion: Alisha Bionda
Lektorat & Satz: TTT
Vermittelt über die Agentur Ashera
(www.agentur-ashera.net)
Für Tara
Kunst hat etwas Kannibalisches. Kunst zerstört Menschen. Kunst ist nicht unbedingt etwas Gutes oder Humanes.
(Heiner Müller, Dramatiker)
Auf einer Demonstration für die Kunstfreiheit wird die geliebte Kamera des prominenten Filmemachers Merlin im Zuge heftiger Auseinandersetzungen mit der Polizei zerstört.
Circa 200 weitere Demonstranten. Sie halten Banner und Flaggen mit verschiedenen Aufschriften.
Der plötzlich aufkommende Sturm reißt das Banner entzwei, Merlin hält noch den zerbrochenen Stab, die Aufschrift zerrinnt im Regen: Poesie ist Dynamit.
Kunst braucht Freiheit, Freiheit braucht Kunst flattert noch als Fähnchen im Wind, vollführt einen koketten Schleiertanz über den Köpfen der Demonstrierenden, um dann auf sie niederzuwehen, sie zu umhüllen und ihre Sicht zu vernebeln. Der Pulk, der für die Kunst aufbegehrt, versucht zu retten, was zu retten ist, dann erzwungener Rückzug. Gestählte Hüter des Gesetzes rücken näher, eine schwarze Wand im gleichförmigen Rhythmus der Angst, gewappnet gegen das Dynamit der Poesie, Tränen und Tränengas, Wasser und Wasserwerfer.
Die Waffen der Kunst und die des Staates verschmelzen für einen Augenblick im Kampf. Der große Filmemacher Merlin lässt das Banner fallen, umklammert mit beiden Armen seine Kamera, den heiligen Ort seiner Bilderwelten, den Schutzraum seines eigentlichen Lebens, die einzigen vier Wände, in denen er sich zuhause fühlt. Tentakel des Gesetzes entreißen ihm den ausgelagerten Speicherplatz seines Fühlens und Denkens.
Die Kamera fällt auf Pflasterstein und zerbricht.
Der Aufprall geht ihm durch Mark und Bein, sein Kopf schmerzt, als hätte er selbst den Sturz erlebt, seine Schläfen pochen, sein Herzschlag rast, als wolle es ausbrechen, um das am Boden Liegende zu retten. Splitter dringen schmerzhaft unter seine Haut, reißen alte Wunden auf.
Der kleine Jan im Schlafanzug. Ein Hinterhof. Fenster wie dunkle Augen, die ihn beobachten. Der kleine Jan wird noch kleiner, er schrumpft, bis er nicht mehr da ist, und verschwindet in sich selbst wie eine Schnecke in ihrem Schneckenhaus.
Der Tritt eines schwarzen Stiefels zerdrückt das Gehäuse, ein Haufen Schrott geht unter in Wasserlachen. Eine der Scherben fliegt hoch und zieht einen Riss durch den Himmel. Merlin kniet nieder, seine Hände ertasten die Bruchstücke in den schlammigen Pfützen und zwischen Füßen in groben Schuhen, die zertreten, was im Weg ist, tot oder lebendig. Der Kampf wird in blinder Wut geführt, Gegner und Freunde sind nicht mehr zu unterscheiden. Merlin rammt ein spitzes Stück Glas in einen näherkommenden, nackten Hals, Blut fließt, ein Ölfilm schimmert in rötlich durchtränkten Regenbogenfarben. Merlins Hände ergreifen das zerborstene Gehäuse seiner Kamera. Möge ihr Innenleben nicht zerstört sein. Ein fremder Stiefel drückt ihn, den großen Merlin, tiefer zu Boden, er taucht unter, wird grob ans Tageslicht gezerrt, unter den Armen ergriffen und in ein Fahrzeug gestoßen.
Der kleine Jan wird ins Zimmer geschubst, fällt hintenüber, der Schlüssel dreht sich im Türschloss, von außen. Jan ist allein. Er zieht die Vorhänge zu.
Lautes Stimmengewirr. Kalt, metallisch schneiden die Fesseln in Merlins Pulsadern, bringen die Schläge aus dem Takt. Merlin schreit sich die Seele aus dem Leib, für die Kunst, für die Freiheit, und um zu wissen, ob er noch da ist. Der Magier der Bilder legt seinen Kopf zärtlich auf die Reste des Gehäuses, das eben noch sein Haus war. Das Objektiv, sein Fenster zur Welt, beschmiert, lädiert, er, blind vor Wut. Blut an seinen Händen, Öl, Wasser und Dreck. Wohin geht die Reise? Um ihn aufgelöste, fragende Gesichter. Der große Merlin breitet seine schwarzen Flügel aus und nimmt seine Gefolgschaft unter seine Fittiche. Wir haben das gut gemacht. Bleibt mutig. Bleibt wach. Gebt nicht auf. Erhebt eure Stimme. Kunst braucht keine Freiheit, Kunst ist Freiheit. Unsinn, Kunst ist einfach da. Wie Gestirne, Bäume, Worte, Menschen, wie Zellen, Elektronen, Atome.
Merlin muss alles abgeben, was ihn von den Anderen unterscheidet. Sein Hemd aus Seide, das unter dem Dreck ein warmes Sonnengelb vermuten lässt, streicht noch einmal über seine Haut, bevor weiße, konturlose Hände es in einem Plastiksack verschwinden lassen. Dieselben Hände, die seinen nackten Körper abtasten. Auf wie viele Arten Hände berühren können.
Vielgetragene, steife Baumwollkleidung wird ihm zugewiesen. In jeder Faser steckt das Leben der Anderen. Das ist nicht herauszuwaschen. Merlin spürt, was in den Stoffen steckt. Er hat ein Händchen, ein Näschen dafür. Auch seine Haut reagiert auf alles, mit dem sie in Berührung kommt. Sie ist ein Seismograf für gute und schlechte Stoffe. Die Anstaltsstoffe sind eine Zumutung für Merlins Sinne. Die Schicksale seiner Vorgänger dringen durch jede einzelne seiner weit geöffneten Poren in sein Innerstes und produzieren Bilder, die er nicht sehen möchte, Stimmen, die er nicht hören will.
Er pflückt die gehärteten Blutkrusten von seiner Haut wie Rinde von einem Baum. Zu früh, darunter geht die Wunde wieder auf.
Der kleine Jan wird gebeten, seinen Rücken freizumachen. Nur den Rücken. Langsam zieht er sein geglättetes Hemd über den Kopf, sehr langsam, um jede Millisekunde auszukosten, in der es seine Haut noch schützend bedeckt, bevor ihn der Schlag trifft. Ein Sonnenstrahl dringt durch den schweren Vorhang. Eine Amsel begleitet seine Rufe mit ihrem melancholischen Lied, ihr Schatten huscht flüchtig vorüber. So viel Schönes. Da draußen.
Die Reste seiner Kamera verschwinden zwischen den Kleidern, alles Spitze und Scharfe, mit dem er sich selbst verletzen könnte, muss unter Verschluss.
Merlin provoziert eine Revolte unter den Gefangenen und wird wegen Missachtung der Anstaltsregeln in Einzelhaft verbannt.
