Der Gärtner von Otschakow - Andrej Kurkow - E-Book

Der Gärtner von Otschakow E-Book

Andrej Kurkow

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9,99 €

Beschreibung

Jedes Mal, wenn Igor in die alte Uniform samt Stiefeln und Mütze schlüpft, reist er durch die Zeit und landet in Otschakow am Schwarzen Meer, im Jahr 1957. Dort trifft er auf Weindiebe und andere Gauner, und auf eine schöne, rothaarige Marktfrau, bei deren Anblick Igor die Gegenwart beinahe vergessen möchte …

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EPUB

Seitenzahl: 368




Andrej Kurkow

Der Gärtner

von Otschakow

Roman

Aus dem Russischen von

Sabine Grebing

Titel der 2010 im

Folio-Verlag, Charkow,

erschienenen Originalausgabe:

›Sadownik iz Očakowa‹

Die deutsche Erstausgabe erschien

2012 im Diogenes Verlag

Umschlagillustration nach

Fotos von Steve Taylor /

Getty Images (Wand mit Radio)

und Glasshouse Images /

Wildcard Images, UK (Uhr)

Alle Rechte vorbehalten

Copyright © 2013

Diogenes Verlag AG Zürich

www.diogenes.ch

ISBN Buchausgabe 978 3 257 24247 8 (1.Auflage)

ISBN E-Book 978 3 257 60152 7

Die grauen Zahlen im Text entsprechen den Seitenzahlen der im Impressum genannten Buchausgabe.

[5] 1

Mama, da hat die Nachbarin dir wieder so einen verdächtigen Kerl gebracht!«, rief Igor durch die offene Haustür hinein.

»Was schreist du so?!« Elena Andrejewna kam ihm im Flur entgegen. »Er hört es doch! Und ist gekränkt!«

Elena Andrejewna schüttelte den Kopf und betrachtete kritisch ihren dreißigjährigen Sohn, der in seinem Leben noch immer nicht gelernt hatte, leise zu reden und zu flüstern, wenn es nötig war.

Ihre Nachbarin, Olga, sorgte sich tatsächlich ein wenig zu viel um Elena Andrejewnas private Angelegenheiten. Kaum war Elena Andrejewna mit dem Sohn aus Kiew nach Irpen gezogen, hatte sie die Fürsorge Olgas gespürt, die auch fünfundfünfzig war und auch ohne Mann lebte. Elena Andrejewna hatte sich von ihrem schon vor der Pensionierung getrennt – allzu sehr hatte er sie allmählich an ein Möbelstück erinnert: reglos, schweigsam, ewig unzufrieden und untätig im Haus. Olga selbst hatte überhaupt nie geheiratet. Aber davon sprach sie leichthin, ohne Bedauern. »Einen Mann an der Leine brauche ich nicht!«, sagte sie einmal. »Du bindest ihn fest, und er wird wie ein Hund! Dann bellt und beißt er!«

Elena Andrejewna trat ans Gartentor und sah neben der Nachbarin einen sehnigen, glattrasierten, vielleicht [6] sechzigjährigen Mann mit ausdrucksvollem Gesicht, energischem Kinn und grauem Igelschnitt, einen ausgebleichten Leinenrucksack auf dem Rücken.

»Lenotschka, hier, das ist Stepan! Er hat mir den Kuhstall repariert!«

Elena Andrejewna betrachtete diesen Stepan mit freundlicher Ironie. Kuhstall hatte sie ja keinen, und zu reparieren gab es bis jetzt auch nichts. Alles war heil! Und einfach so einen unbekannten Mann ins Haus zu lassen war nicht ihre Gewohnheit.

Obwohl Stepan am Blick der Frau sah, wie wenig ernst sie ihn nahm, neigte er freundlich den Kopf.

»Vielleicht brauchen Sie einen Gärtner?«, fragte er mit Hoffnung in der heiseren Stimme.

Gekleidet war Stepan sorgfältig, schwarze Hosen, schwere Stiefel mit dicken Sohlen, geringeltes Matrosenshirt.

»Aber Gärtner stellt man doch am Ende des Winters ein?«, fragte Elena Andrejewna verwundert.

»Ich mache es umgekehrt, fange jetzt an und höre im Spätwinter auf. Ich beschneide die Bäume, bringe alles in Ordnung und ziehe weiter. Bäume brauchen das ganze Jahr Pflege! Und zahlen müssen Sie mir nicht viel. Geben Sie mir hundert Griwni im Monat, plus Nachtlager und Essen. Ich koche auch gern selbst…«

›Hundert Griwni im Monat?!‹, dachte Elena Andrejewna. ›Wie denn, so billig?! Von außen wirkt er ja nicht schlecht, und kräftig!‹

Sie sah sich nach ihrem Sohn um, hätte sich gern mit ihm beraten. Aber Igor war nicht im Hof. Und vielleicht war das auch gut so. Sonst sagte er noch, die Mutter würde im [7] Alter närrisch, wenn sie ernsthaft überlegte, für hundert Griwni im Monat einen Gärtner einzustellen!

»Unser Haus ist klein«, seufzte sie und rang sich, ohne den Sohn, zu keiner Entscheidung durch.

»Ein Haus brauche ich gar nicht. Ich kann auch in Ihrem Schuppen schlafen. Hauptsache, es gibt im Winter was zum Zudecken. Wodka trinke ich keinen, stehlen tu ich auch nicht…«

Fragend sah Elena Andrejewna zu ihrer Nachbarin. Olga nickte, als würde sie diesen Stepan seit Jahren kennen.

»Ja, bleiben Sie erst mal.« Elena Andrejewna hatte sich ergeben. »Unser Schuppen ist aus Stein und ist leer, wir halten kein Geflügel. Dort steht ein Bett, mit Matratze. Eine Steckdose gibt es auch. Ich muss noch mit meinem Sohn reden…«

Stepan hatte den gemauerten Schuppen, der hinterm Haus hervorsah, schon entdeckt, nickte und ging gleich hin.

»Kennst du ihn schon lange?«, fragte Elena Andrejewna die Nachbarin Olga.

»Er war so vor zwei Jahren schon mal da. Hat nichts gestohlen, alles repariert und im Gemüsegarten geholfen. Was soll ich sagen?! Ein nützlicher Mann…«

Elena Andrejewna zuckte die Achseln und lief ins Haus, um Igor zu suchen.

Igor reagierte gleichgültig auf den unerwartet aufgetauchten Gärtner. Er rauchte gierig eine Zigarette, als seine Mutter ihm die Neuigkeit verkündete.

»Soll er die Kartoffeln ausgraben!«, sagte Igor. »Zu zweit schaffen wir es sowieso nicht.«

Die Kartoffeln hatte Stepan schnell ausgegraben. Allein [8] grub er sie aus, allein schüttete er sie zum Trocknen hinten in den Hof. Da freute sich Elena Andrejewna das erste Mal still an seiner Hilfe. Sie gab ihm gleich hundert Griwni, als Vorschuss für einen Monat. Und am Abend kochte sie ein Essen, aus eben jenen Kartoffeln und Schmorfleisch.

Morgens weckte Igor ein frohes, munteres Prusten, das durchs offene Fenster zu ihm hereindrang. Er sah hinaus und erblickte Stepan, der sich, in nichts als schwarzen Boxershorts, am Brunnen mit kaltem Wasser übergoss.

Igor bemerkte, dass auf Stepans linkem Oberarm verwischte bläuliche Flecken waren, als hätte jemand ungeschickt eine alte Tätowierung ausgebrannt oder sonstwie zu entfernen versucht.

Da wurde Igor neugierig. Er ging in den Hof hinaus und bat Stepan, auch über ihn einen Eimer Brunnenwasser auszuleeren.

Die Kälte brannte, brannte angenehm. Er prustete selbst laut und froh. Und dann fragte er Stepan nach den bläulichen Flecken.

Zuerst musterte Stepan den mageren, blassen Sohn der Hausherrin zweifelnd, als überlegte er, ob es sich lohnte, mit ihm zu reden. Aber Igors Augen, hellgrün und aufmerksam, lockten einen aus der Reserve.

»Es ist so«, begann Stepan leise, »ich wüsste ja selbst gern, was da ist! Ich war vielleicht fünf oder vier. Es hat weh getan, ich weiß noch, wie ich geweint habe. Sieht so aus, als hätte mein Vater mit dieser Tätowierung irgendeine Botschaft verschlüsselt. Ob für mich oder für sich, mein Onkel aus Odessa hat es mir nie erklärt. Mein Vater hat mich mit [9] dem Zug zu ihnen nach Odessa geschickt und ist dann selbst verschwunden. Ich sah ihn nie wieder, wuchs bei Onkel Ljowa und Tante Marussja in Odessa auf. Sie haben mir erzählt, dass meine Mutter meinem Vater weglief, als ich etwa drei war. Mehr habe ich von meinem Onkel zu Lebzeiten nicht erfahren. Von ihm weiß ich nur, dass mein Vater kein einfacher Mann war. Saß dreimal in Lagern in Sibirien. Keine Ahnung, wofür. Vielleicht hat er mit der Tätowierung etwas Wichtiges für mich codiert?! Aber ich bin ja gewachsen, die Haut hat sich ausgedehnt und das Bild so verwischt, dass man jetzt nichts mehr erkennt!«

Auch Stepan betrachtete nun die bläulichen Spuren seiner Tätowierung.

Igor trat näher und besah sich Stepans linken Oberarm, viele blaue Pünktchen, die weder Bild noch Text ergaben. Er wurde nachdenklich.

»Wo ist denn dein eigener Vater?«, fragte plötzlich Stepan.

Igor sah dem Gärtner in die Augen und schüttelte den Kopf. »Irgendwo in Kiew. Meine Mutter hat ihn längst verlassen. Und recht hatte sie.« Igor seufzte. »Er hat uns nicht gebraucht.«

»Du triffst dich nie mit ihm?«

Igor zögerte mit der Antwort, überlegte, schüttelte dann wieder den Kopf. »Wozu? Mir geht es auch so gut. Zum Andenken an ihn sind mir ein paar Narben geblieben.«

»Er hat dich geschlagen?« Kurz wurde Stepans Miene grimmig und böse.

»Nein. Meine Mutter hat ihn manchmal mit mir in den Park und zum Rummelplatz geschickt. Er hat mich allein [10] gelassen, ist mit Freunden Bier trinken gegangen. Einmal hat mich ein Radfahrer umgefahren und mir den Arm gebrochen. Beim zweiten Mal war es schlimmer…«

Der Gärtner schnitt eine Grimasse. »Na gut.« Er winkte ab. »Zum Teufel mit ihm! Vergessen wir ihn!«

Stepans Reaktion belustigte Igor. Er lächelte und vertiefte sich wieder in die von der Zeit verwischte Tätowierung.

»Man könnte ja versuchen, den Code zu lesen«, sagte er langsam.

»Wie willst du das denn lesen?«

»Man muss es fotografieren! Mit einer Digitalkamera. Und dann die Daten durch den Computer laufen lassen. Vielleicht kommt etwas dabei heraus! Ich habe einen Freund, ein Super-Computermann. Der könnte helfen!«

»Wenn du es lesen kannst, gibt es eine Flasche von mir!«, sagte Stepan, auf dessen Gesicht in diesem Augenblick außer gutmütiger und harmloser Belustigung über den Sohn der Hausherrin nichts weiter zu erkennen war.

Igor brachte seine Digitalkamera aus dem Haus und schoss ein paar Bilder von diesem Oberarm.

2

Nach einem Becher Kaffee mit Milch setzte Igor sich vor den Computer und lud die Bilder aus der Kamera darauf hinüber. Er vergrößerte und verkleinerte, drehte sie hierhin und dahin, aber die mit den Jahren verwischte Tätowierung blieb unverständlich. Die verstreuten bläulichen Punkte wurden zu keiner Zeichnung und keinem Wort.

[11] »Na gut.« Igor fand sich mit seinem Misserfolg ab. »Ich fahre zu Koljan nach Kiew. Wenn er damit nichts machen kann, dann ist die Sache hoffnungslos. Dann gibt’s keine Flasche vom Gärtner!«

Er lud die Fotos auf einen USB-Stick und schob ihn in die Tasche seiner Jacke.

»Mama, ich fahre in die Stadt!«, sagte er zu Elena Andrejewna. »Am Abend bin ich wieder da. Soll ich etwas mitbringen?«

Elena Andrejewna riss sich von ihrer Bügelarbeit los und dachte nach.

»Schwarzbrot, wenn es frisches gibt!«, sagte sie endlich.

Die Sonne war schon aufgegangen. In der Luft hing noch immer der angenehme, warme Duft des Sommers. Der Herbst machte sich nicht bemerkbar, als hätte er nicht auf den Kalender geachtet. Deshalb auch war das Gras noch grün, und Laub hing in den Bäumen.

Fünf Minuten stand Igor an der Haltestelle, dann nahm ihn der Kleinbus nach Kiew auf und schoss so los, als säße Schumacher am Steuer, nicht der unrasierte Alte mit Baseballkappe, der Ehemann der örtlichen Apothekerin.

Der Fahrer schaltete Radio Chanson ein und sah sich rasch nach hinten um, ob von den Fahrgästen auch keiner protestierte. Fahrgäste gab es ja sehr verschiedene! So, zum Beispiel, die frühere Schuldirektorin – sie war regelrecht allergisch auf Chanson. Wenn der Fahrer sie sah, machte er das Radio ganz aus. Aber heute hatte sie in Kiew anscheinend nichts zu tun, da konnte man mit Musik unterwegs sein.

Igor dachte über Stepan und seine Tätowierung nach und tastete mechanisch, ob der USB-Stick noch am Platz war.

[12] Für einen Augenblick fragte er sich, ob dieser Stepan nicht log. Vielleicht waren dort in Wahrheit irgendwelche Sträflingsrangabzeichen tätowiert, und er hatte sie einfach entfernen wollen, um die Leute nicht mit seiner Gefängnisvergangenheit zu verschrecken? Er musste ihn fragen, ob er nicht selbst gesessen hatte. Sein Vater saß nach seiner Aussage ja dreimal! Und der Apfel fällt doch nicht weit… Allerdings, was wusste er, Igor, denn von seinem eigenen »Stamm«? Nichts Gutes! Gebe Gott, dass er selbst nicht so wurde.

Passend zu seinen Gedanken erklang auf Chanson eine traurige Häftlingsballade über eine Mutter, die ihren Sohn aus dem Lager zurückerwartet, und brachte Igor ganz aus dem Konzept.

So blickte er die halbe Stunde bis Kiew einfach aus dem Kleinbusfenster und dachte an nichts mehr.

Weiter ging es mit der Metro bis zum Kontraktowa-Platz.

Igors Kindheitsfreund Koljan arbeitete als Programmierer bei einer Bank. Vielleicht nicht direkt als Programmierer, doch hatte er mit Computern zu tun, reparierte sie oder überwachte Programme. Unter Igors Bekannten und Freunden war er jedenfalls der einzige Computerspezialist und tat sich, wie viele seiner Berufskollegen, durch manche Eigenart hervor, als hätte er sich selbst eines Tages mit einem Virus infiziert. Er konnte unvermittelt das Thema wechseln oder, statt einer Antwort auf eine konkrete Frage, eine völlig unpassende Geschichte beginnen. Auch vor zehn Jahren war er schon so gewesen, und vor zwanzig. Sie hatten Glück gehabt, waren gemeinsam aufgewachsen, zur selben Schule gegangen, und nicht einmal die Armee hatte sie getrennt – sie [13] waren in derselben Truppe bei Odessa gelandet. Für Koljan war der Dienst zu einem Fest geworden. Dem Kommandeur ihrer Einheit hatte man gerade einen Computer ins Arbeitszimmer gestellt. Koljan brachte ihm schnell die Hauptsache bei: wie man auf dem Computer Spiele spielte. Und dann schickte der Oberst ihn jede Woche nach Odessa, neue Spiele holen. Koljan, nicht auf den Kopf gefallen, hatte nie mehr als ein Spiel aufs Mal mitgebracht.

Igor schaute oft bei Koljan vorbei, wenn er in Kiew war. Einfach so, ohne Anlass, ein wenig Reden und Biertrinken. Koljans Arbeitszeiten waren nicht sehr streng. Nur ein einziges Mal hatte man ihn übers Handy zurückgeholt, irgendein Programm war abgestürzt.

›Er ist dort so eine Art Bereitschaftsarzt‹, hatte Igor damals gedacht.

Aus den Tiefen der Bank tauchte Koljan mit einem Regenschirm in der Hand auf.

»Es regnet doch gar nicht!«, sagte Igor mit verwundertem Blick auf den Schirm.

»Jetzt nicht«, stimmte Koljan ihm zu, als wäre nichts. »Aber in einer halben Stunde kann alles sich ändern! Unser Wetter ist doch jetzt wie der Dollarkurs. Wechselt mehrmals am Tag!«

Sie gingen zur Chorewaja und setzten sich in ein kleines gemütliches Café.

»Was nimmst du?«, fragte Koljan. »Heute gebe ich aus.«

»Du bist Banker, da gehört sich das Ausgeben auch. Na, ein Bier.«

»Kein Banker, nur ›bei der Bank‹, also rechne nicht mit Kaviarhäppchen zum Bier!«

[14] Nach einem Schluck frischem Zapfbier aus einem vorrevolutionären Halbliterglas zog Igor den USB-Stick aus der Tasche, legte ihn auf die Tischplatte und erzählte Koljan von der Tätowierung und von Stepan.

»Kriegst du das hin?«

»Ich werd es versuchen.« Koljan nickte. »Spaziere du ein Stündchen hier durch Podol. Ich hab heute einen ruhigen Tag, alle Maschinen laufen. Wenn was dabei rauskommt, rufe ich dich gleich an. Wenn nicht, dann auch!«

Als sie aus dem Café traten, begann es vom Himmel zu tröpfeln. Koljan warf dem Freund einen Siegerblick zu, spannte den Schirm über seinem Kopf auf, winkte zum Abschied und schritt los, in Richtung Bank.

Ohne Schirm im – wenn auch nicht starken – Regen herumzulaufen, hatte Igor keine Lust. Er ging zum »Oktober«-Kino und kam gerade richtig, um sich Shrek III anzusehen. Da saß er und lachte von Herzen. Und merkte irgendwann, dass kein einziges Kind im Saal war. Nur Rentner und Rentnerinnen. Einen Augenblick lang wunderte er sich, jedoch nur einen Augenblick, weil der Esel in dem Zeichentrickfilm wieder etwas Lustiges anstellte.

Als er nach dem Film ins Foyer hinaustrat, erfuhr Igor den Grund der seltsamen und spezifischen Zusammensetzung der Kinobesucher. An der Wand hing eine Bekanntmachung: »Rentner und Ivalide aller drei Gruppen sind zum kostenlosen Besuch unseres Kinotheaters für die Dienstagsvorstellung um 12:00 berechtigt.«

Draußen hatte der Regen aufgehört. Nur die dicken Wolken am Himmel waren geblieben. Ohne Hast steuerte Igor die Bank an, in der sein Freund arbeitete, und hoffte, dass ihn [15] Koljan in den nächsten zehn, fünfzehn Minuten anrufen würde. Gerade, als er das vertraute Logo der Bank erblickte, klingelte sein Handy in der Jacke.

»Na, also, komm her!«, sagte Koljan fröhlich.

»Ich bin schon da!«

»Soll heißen…?«

»Gegenüber vom Eingang.«

Kurz darauf kam Koljan heraus. In seiner Hand entdeckte Igor ein zusammengerolltes Blatt Papier.

»Na, zeig schon«, bat er den Freund, vor Neugier brennend.

»Aha! Du meinst, ich zeige dir alles sofort!«, antwortete Koljan hinterlistig. »Nein! Geduld! Du schuldest mir jetzt was. Zufällig bin ich gerade hungrig. Und wenn ich Hunger habe, bin ich böse. Oder wenigstens nicht besonders nett…«

Koljan zog Igor mit sich zu einem Café, und unterwegs kamen sie am Club ›Petrowitsch‹ vorbei.

»Oh, guck mal!« Koljan war stehengeblieben und wies auf einen Aushang links vom Club-Eingang.

»Jeden dritten Freitag RETRO-PARTY. Unter allen Besuchern in Retro-Kostümen verlosen wir eine Fahrt nach Nordkorea, eine Reise nach Kuba und einen Ausflug nach Moskau mit nächtlichem Besuch des Mausoleums.«

»Cool!« Koljan wandte den glänzenden Blick zu Igor. »Stell dir vor: Nacht im Mausoleum, Dunkelheit, du und… Lenin! Hm?«

Igor zuckte die Achseln. Er dachte an etwas ganz anderes.

»Zeigst du es mir jetzt vielleicht?«

»Nein, auf hungrigen Magen zeige ich dir gar nichts!«, [16] seufzte Koljan und warf einen letzten Blick auf den Aushang, ehe er weiterging.

Fünf Minuten später betraten sie das Café ›Borschtschik‹.

»Was soll ich dir bestellen?«, fragte Igor, der begriff, dass Koljan ihn jetzt genüsslich hinhalten und dabei seine freundlich-gereizte Miene beobachten würde, auf der die nach sofortiger Befriedigung verlangende, heiße Neugier zu lesen sein musste.

»Also! Hauptstadt-Salat, Okroschka-Suppe und Kompott!«, listete Koljan all seine Wünsche auf.

Igor gab das gleich an die Bedienung weiter. Für sich bestellte er nichts. Er setzte sich Koljan gegenüber.

»Was ist mit dir, isst du nichts?«, fragte Koljan verwundert.

»Ich bin schon von deinem Hunger und meiner Neugier satt!« Igor lächelte angespannt. »Na? Zeigst du es mir?«

»Gut, nimm.« Koljan reichte ihm das papierne Röhrchen.

Igor entrollte es. Der Ausdruck war schwarz-weiß, genauer: grau-weiß, aber ganz deutlich. Stepans Schulter war darauf nicht zu sehen, dafür Worte und eine Zeichnung. Die Buchstaben waren unregelmäßig, zittrig, bereit, jeden Moment wieder in unverständliche Anhäufungen von Punkten zu zerfallen.

»OTSCHAKOW 1957. JEFIM TSCHAGINS HAUS«, las Igor. Unter den Wörtern war ein Anker abgebildet. »Wo ist denn Otschakow?«

»Was, das weißt du nicht?«, sagte Koljan verwundert. »Am Schwarzen Meer, zwischen Odessa und der Krim. Dort in der Nähe liegt auch die Insel Beresan, auf der sie Leutnant [17] Schmidt erschossen haben! Hast du etwa auch nie von Panzerkreuzer Potemkin gehört?«

Igor nickte, als er sich die ungefähre Lage des Städtchens auf der Karte der Ukraine vorstellte.

»Wusste er wirklich nicht, was für eine Tätowierung man ihm da gemacht hat?«, fragte Koljan.

Igor lächelte. Jetzt hatte die Neugier eindeutig auch seinen Computerfreund ergriffen.

»Nein, er wusste es nicht.«

Eine halbe Stunde später verabschiedeten sie sich.

»He, vergiss nicht, dass ich in zwei Wochen Geburtstag habe! Ich erwarte dich mit einem Geschenk!«, rief Koljan seinem Freund hinterher.

»Erinner mich daran, dann komme ich!«, versprach der und drehte sich ein letztes Mal zu ihm um.

Bevor er in den Kleinbus stieg, kaufte Igor noch ein Darnitza-Brot.

Im Kleinbus sah er immer wieder auf den Ausdruck der im Computer restaurierten Tätowierung. Die Phantasie wühlte seine Gedanken auf, und nicht einmal Radio Chanson konnte ihn jetzt von diesen Wörtern und dem Anker ablenken. Nach Kiew war er mit einem Rätsel gefahren, nach Irpen kehrte er mit einem anderen zurück. Genauer, mit demselben Rätsel, das aber jetzt konkreter und deshalb interessanter und spannender geworden war.

Vom Gartentor ging Igor sofort hinters Haus, zum Schuppen. Stepan saß auf einem Hocker an der Wand, saß da und las ein Buch.

»Was lesen wir denn?«, erkundigte sich Igor.

[18] »Nur so, über den Krieg«, antwortete Stepan und stand auf.

Das Buch klappte er zu und legte es mit dem Umschlag nach unten auf den Hocker, als wollte er nicht, dass Igor Titel und Autor erfuhr.

»Ich habe Ihre Tätowierung entziffert!«, platzte Igor kindlich stolz heraus.

»Na sowas!«, sagte der Gärtner erstaunt. »Und was steht da?«

Igor reichte ihm das Blatt Papier.

»Otschakow 1957, Jefim Tschagins Haus«, las Stepan langsam vor und erstarrte. Sein Blick blieb an dem Ausdruck hängen.

Igor stand da und wartete auf irgendeine Reaktion des Gärtners.

»Geh du mal lieber«, sagte Stepan unerwartet kühl zu ihm. »Ich muss ein wenig allein sein! Nachdenken!«

»Ein Denker!«, brummte Igor kaum hörbar und machte kehrt. Er ging ins Haus, legte das Paket mit dem Brot in die Küche und warf einen Blick auf die alte Waage mit den zwei Messingschalen, die auf dem Fensterbrett stand. Die eine Waagschale war gefüllt mit kleinen Gewichten, vom leichten Zwanzig-Gramm-Stück bis zum 2-Kilo-Klotz. Auf der oben schwebenden zweiten Waagschale lag das Abrechnungsbüchlein für die Stromzahlungen, ebenfalls von einem Gewicht beschwert, als könnte das Büchlein sonst fortfliegen. Diese Waage war eine Art privater Arbeitstisch der Mutter. Auf die Waage legte sie alle Papiere und Dokumente, die sie gerade brauchte, zudem, wenn sie kochte, die Lebensmittel, obwohl sie bestimmt auch ohne Abwiegen exakt hundert [19] Gramm von der Butter abschneiden oder zweihundert Gramm Mehl in die Schüssel schütten konnte.

Igor goss sich ein Glas Milch ein und setzte sich ins Wohnzimmer vor den Fernseher. Im »Neuen Kanal« wurde gerade ein Krimi gezeigt. Gewöhnlich hätte Igor den Film bis zu Ende angesehen, aber heute schien alles ihm uninteressant zu sein. Außer der geheimnisvollen Tätowierung. Nachdem er sich eine Viertelstunde vor dem Fernseher herumgedrückt hatte, zog Igor die Schuhe wieder an und ging nach draußen. Er lief zum Schuppen und spähte hinein. Doch Stepan war nicht da. Stepan war auch nicht im Garten und nicht beim Gemüse.

Igor trat ein, um nachzusehen, ob etwa die Sachen des Gärtners verschwunden waren. Aber sein Rucksack hing am Haken über dem Bett, und seine Kleider lagen, gefaltet wie aus der Wäscherei, auf dem alten Holzregal neben dem Hobel und sonstigem Tischlerwerkzeug.

3

Abends, vor dem Schlafengehen, sah Igor nochmals im Schuppen nach, in der Hoffnung, Stepan wäre zurückgekehrt. Der Gärtner war jedoch noch immer nicht da.

Beunruhigt über sein Verschwinden legte Igor sich ins Bett und konnte lange nicht einschlafen. Er wälzte sich von einer Seite auf die andere und schloss die Augen, aber die Aufregung der Fahrt nach Kiew oder eine andere dunkle Unruhe hielt seinen Körper in Spannung. Ein paarmal hörte er von draußen Geräusche wie Schritte. Dann stand er auf [20] und trat vor die Haustür, aber Stille erwartete ihn dort. Eine Stille, die angefüllt war mit den gewöhnlichen nächtlichen Klängen und Geräuschen. Irgendwo oben am dunklen Himmel flog ein Flugzeug. Irgendwo schrie ein betrunkener Obdachloser von seiner Einsamkeit. Irgendwo schoss mit wahnsinniger Geschwindigkeit ein dicker Wagen durch Irpen.

Um nicht mehr abgelenkt zu werden, schloss Igor fest die Lüftungsklappe im Fenster, und schließlich überfiel ihn der Schlaf.

Am Morgen gesellte sich zu seinem nach der kurzen Nacht keineswegs munteren Zustand noch Kopfweh. Nicht stark, aber aufdringlich. Den Schmerz kannte er seit seiner Kindheit. Er hatte sich beinahe an ihn gewöhnt, und manchmal beachtete er ihn auch überhaupt nicht.

»Du bist schon auf?«, rief seine Mutter aus der Küche. »Komm frühstücken!«

Igor aß ein Rührei, trank einen Becher Milch, und dann kochte er sich einen starken Tee. Beim Trinken bemerkte er, dass in der schwebenden Waagschale die Quittung für die bezahlte Telefonrechnung lag, von einem Gewicht beschwert. Er lächelte, nahm noch ein Gewicht aus der zweiten Schale und setzte es auf die Quittung dazu.

»Mach für Stepan auch einen Tee, und ein Wurstbrot!«, bat ihn Elena Andrejewna.

Igor nickte mechanisch. Der gestrige Abend fiel ihm ein.

›Vielleicht ist er schon zurück?‹, dachte er. ›Und wenn, dann werden Tee und Wurstbrot ihn sicher nur freuen. Dann ist er, nebenbei, wohl auch gesprächiger…«

Das Darnitza-Brot, das er am Abend zuvor mit heimgebracht hatte, war über Nacht nicht hart geworden. Brot packte [21] Elena Andrejewna stets in einen Plastikbeutel. Igor schnitt zwei dicke Scheiben ab, strich nach Bauernart großzügig Butter darauf und legte ein Stück Kochwurst auf jede. Die Wurstbrote legte er auf einen Teller, und in die andere Hand nahm er den Becher mit Tee.

Die Tür zum Schuppen war zu. Igor wusste nicht mehr, ob er sie am Vorabend geschlossen hatte, und klopfte für alle Fälle. Es kam keine Antwort.

Igor stellte den Teebecher neben die Tür und trat ein. Alles war wie gestern. Stepan war nicht zurückgekehrt.

Igor nahm den Tee von der Schwelle, schloss die Tür des Schuppens von innen und starrte jetzt auf den Rucksack des Gärtners. Das eigenartige Halbdunkel im Raum – Licht kam hier nur durch das Fensterchen rechts von der Tür herein – schuf eine etwas geheimnisvolle Stimmung. Er konnte natürlich den Schalter drücken und sich an dem munteren Schein der Hundertwattbirne freuen, die von der Decke hing. Er konnte auch eine Tischlampe herbringen, wo doch drei Steckdosen freien Zugang zu Strom boten. Alles war hier eingerichtet für bequemes Heimwerken unter Einsatz von elektrischem Werkzeug. Und auch das Werkzeug selbst lag da, auf einem Regal und in zwei hölzernen Kisten.

Aber Igor gefiel die geheimnisvolle Stimmung besser. Vielleicht, weil Stepan selbst so geheimnisvoll verschwunden war, nachdem er gelesen hatte, was man einst in seinen Oberarm gestochen hatte. Vielleicht, weil auch ohne den Gärtner ein Teil des Geheimnisses hier immer noch irgendwo anwesend war und er versuchen konnte, es zu finden. Nur wo? Im Rucksack?

Nein, Igor hatte nicht vor, jetzt den Rucksack auf dem [22] Betonboden oder dem alten Läufer auszuschütten. Die gute Erziehung ließ ihn Eigentum achten, bewegliches ebenso wie Immobilien, und selbst solches, das einfach herumrannte und bellte, wie zum Beispiel Nachbarsköter Barsik. Aber die Neugier, drängend und unerbittlich, hielt Igors Blick an diesem halbleeren Rucksack fest. Außerdem war der Rucksack nicht zugeschnallt, obwohl er dafür zwei Riemen besaß.

Schließlich spähte Igor vorsichtig hinein, konnte aber nichts erkennen. Er knipste das Licht an. Da lag, auf dem Grund des Rucksacks, eine Schachtel mit einem aufgemalten Elektrorasierer, daneben Kleidungsstücke, Socken, Stoffschuhe.

Nachdem er kurz auf die Außenwelt gelauscht hatte, zog Igor die Pappschachtel aus dem Rucksack und klappte sie vorsichtig auf. Es war tatsächlich ein altmodischer Elektrorasierer mit Gebrauchsanweisung und einer Sammlung von runden Ersatzrotierklingen. Igor drehte ihn hin und her. Ihm kam es seltsam vor, dass Stepan so eine Antiquität benutzte. Andererseits war auch Stepan selbst, verglichen mit Igor, eine Antiquität, ein nicht besonders auffälliger, aber auf seine Art typischer Vertreter des vorigen, zwanzigsten Jahrhunderts. Solche Leute sind konservativ und bewahren gern, woran sie sich in der Jugend gewöhnt haben.

Als er den Rasierer zurück in die Schachtel legte, entdeckte Igor noch ein Papier, das unter dem dünnen Gebrauchsanweisungsheftchen hervorsah. Er schob einen Finger unter das Heftchen und zog einen Briefumschlag heraus, auch er aus dem letzten Jahrhundert. Auf dem fetten Stempel, der die Briefmarke knapp verfehlt hatte, war das Datum leicht zu lesen: »19.12.99«.

[23] Plötzlich drang Lärm von draußen herein. Vor Schreck, der Gärtner könnte ihn bei seiner unfeinen Betätigung antreffen, packte Igor die Schachtel mit dem Rasierer zurück auf den Grund des Rucksacks und begriff erst dann, dass er den Brief noch in der Hand hielt.

Schnell schob er den Brief in die Hosentasche, knipste das Licht aus und ging hinaus.

Am meisten fürchtete er jetzt, mit dem Gärtner zusammenzustoßen. Aber Stepan war nicht im Hof. Der Lärm, der Igor erschreckt hatte, kehrte wieder. Es war der Nachbar, der mit der Motorsäge einen alten Kirschbaum zerlegte, sich mit Holz für den Winter versorgte. Das Brennholz brauchte er für die Sauna, nicht zum Heizen, sein Haus hatte, wie auch das Igors und seiner Mutter, einen Gaskessel.

»Wie geht’s, wie steht’s?«, rief der Nachbar Igor zu und hob seine Säge von dem Stamm der schon gefällten Kirsche.

»Alles klar«, antwortete Igor laut. »Alles in Ordnung!«

»Ja, bis jetzt ist alles in Ordnung. Aber ab nächster Woche wird es kälter«, verkündete der Nachbar und nahm seine Arbeit wieder auf. Die Säge kreischte wieder los.

Igor nickte und ging eilig ins Haus.

»Wie geht es Stepan, friert er nicht?«, fragte die Mutter, als sie den Sohn kommen sah.

»Er ist gar nicht da, er ist weggegangen. Schon gestern, wie es scheint!«

Zu Igors Erstaunen reagierte Elena Andrejewna überhaupt nicht auf das Verschwinden des Gärtners. Wobei, überlegte Igor, was war das auch für ein Verschwinden, wenn seine Sachen dageblieben waren?

Und er beruhigte sich. Zu seiner Freude merkte er, dass [24] das Kopfweh verflogen war, und er goss sich noch einen Becher Tee ein.

Elena Andrejewna kam drei Minuten später wieder in die Küche, jetzt fein zurechtgemacht.

»Wenn er wiederkommt, sag ihm, dass er die Kartoffeln noch mal ausliest. Und er kann sie schon langsam in den Keller runterschaffen.«

»Wohin gehst du?«, erkundigte sich Igor.

»Auf die Post, für die Rente, und danach zum Schuster, es wird Zeit, dass er die Winterstiefel flickt.«

Igor folgte seiner Mutter mit dem Blick, das Küchenfenster ging direkt aufs Gartentörchen hinaus. Dann zog er den Umschlag aus der Hosentasche. Eine Glückwunschkarte zum Neuen Jahr steckte darin: »Lieber Papa! Möge das neue Jahrtausend Glück und Freude in Dein Leben bringen! Bleib gesund! Deine Aljonka.«

Igor senkte den erstaunten Blick von der Karte auf den Umschlag. Absender: Sadownikowa Aljona, Lwow, Grüne Straße 271.

Empfänger: Sadownikow Stepan Josipowitsch, Kiewer Gebiet, Browary, Matrosow-Straße 14.

›Sadownikow arbeitet als Gärtner?!‹ Igor lächelte. ›Sadownik‹ war das russische Wort für Gärtner.

Er trank seinen Tee, sah wieder aus dem Fenster und bemerkte, wohl zum ersten Mal, die gelb gewordenen Blätter der jungen Apfelbäumchen, die sie vor drei Jahren vors Haus gepflanzt hatten. In den Zweigen der Bäumchen hingen rote Äpfel, eine Wintersorte. Solche lagert man ein, die halten sich auch bis April unversehrt und frisch.

Am Himmel flogen halbdurchsichtige Wolkenfetzen. Hin [25] und wieder drangen weder sehr helle noch warme Sonnenstrahlen hindurch und fielen auf die herbstliche Erde.

Igor war es nach einem Spaziergang. Aber zuerst schrieb er sich beide Adressen auf einen Notizblock und legte den Umschlag mit der Postkarte wieder an seinen Platz, in die Schachtel mit dem Elektrorasierer.

Ein kühler Wind wehte ihm ins Gesicht. Igor ging bis zum Busbahnhof, nahm am Kiosk für eine Griwna einen Kaffee ›Drei-In-Eins‹ und blieb dort gleich stehen. Der dünne Wegwerfbecher brannte angenehm an den Fingern. Jetzt hieß es drei, vier Minuten warten und erst dann trinken. Gleichmütig folgte Igor den vorüberfahrenden Autos mit dem Blick.

Am Busbahnhof hielt der Kleinbus aus Kiew. Igor betrachtete die aussteigenden Passagiere, und plötzlich erblickte er unter ihnen Stepan. Stepan stieg vom Trittbrett des Busses, blieb stehen, holte eine Zigarette heraus und steckte sie an. Er sah nachdenklich aus, sogar bedrückt. Ein paarmal schüttelte er betrübt den Kopf, seine Mundwinkel hingen herunter. Als er zu Ende geraucht hatte, warf er die Kippe auf den Boden, trat sie mit der Stiefelspitze aus und machte sich auf den Weg zu ihrem Haus.

Igor trank ohne Hast seinen ›Drei-In-Eins‹ und ging dann ebenfalls nach Hause. Unterwegs fiel ihm ein, dass er die Wurstbrote und den Teebecher im Schuppen hatte stehenlassen. Der Tee war natürlich längst kalt. Er würde Stepan gleich frischen kochen und ihm bringen. Und die Wurstbrote, was sollte aus denen schon in ein, zwei Stunden werden? Hauptsache, die Mäuse hatten sie nicht gefressen!

[26] Zwanzig Minuten später klopfte Igor mit einem Becher heißem Tee in der Hand an die Tür des Schuppens.

»Wieso klopfst du?«, fragte Stepan verwundert, als er öffnete. »Du bist hier doch der Hausherr, nicht ich!«

Aber über den Tee freute er sich. Und auch die Wurstbrote aß er, genüsslich schmatzend.

»Ich war bei einem alten Bekannten«, erzählte Stepan. »Wollte ihn um Geld für die Reise bitten, er schuldete mir was. Ich habe ihm mal das Leben gerettet. Tja, er hat es mir nicht mehr vergelten können, er ist gestorben. Hatte sich vor zehn Jahren bei einer guten Frau in Bojarko niedergelassen. Sie hat aufgepasst, dass er nicht trinkt, er hatte da so eine Schwäche früher. Und trotzdem ist er gestorben. Das Herz! Aber ich brauche Geld, ich muss doch dort hinfahren…«

»Wohin?«, fragte Igor.

»Na, nach Otschakow! Das Haus ansehen. Mein Vater war auf jeden Fall dort. Vielleicht gibt es auch noch Verwandte… Kannst du mit Geld vielleicht aushelfen?«

Igor dachte nach. Geld hatte er, er sparte behutsam für ein Motorrad. Aber ein Motorrad zu kaufen hat nur im Frühjahr Sinn. Was macht man damit im Winter?

»Nehmen Sie mich mit?«, fragte er.

»Wenn du willst, dann los! Zu zweit ist es lustiger. Und vielleicht finden wir dort einen Schatz?!«, antwortete Stepan lächelnd. »Dann teilen wir Hälfte Hälfte! Nein, das wäre nicht anständig! Wir sind ja nicht gleich alt! Du bist zwei Drittel jünger. Ich gebe dir ein Drittel!«

Auf Stepans unrasiertem, hagerem Gesicht lag ein listiges Lächeln.

[27] »Viel Geld brauchen wir ja nicht!«, fuhr er fort. »Für die Fahrkarten bis Otschakow, und dort dann für Obdach und Brot.«

»Gut.« Igor nickte. »Wann fahren wir?«

»Wir könnten gleich morgen…«

Igor schüttelte den Kopf. »Mutter hat gebeten, dass wir die Kartoffeln verlesen und in den Keller schaffen. Und überhaupt müssen wir Garten und Beete in Ordnung bringen, damit sie keine Sorgen hat.«

»Das ist in ein, zwei Tagen gemacht«, versprach Stepan. »Und ich komme ja auch zurück zu euch. Solange ihr mich nicht fortjagt! Wenigstens bis zum Frühling bleibe ich.«

»Gut.« Igor sah Stepan aufmerksam in die Augen. »Ich rufe an und bestelle die Zugfahrkarten. Man muss ihnen nur die Namen der Fahrgäste nennen…«

»Sadownikow ist mein Name«, sagte Stepan.

Igor konnte ein Lächeln nicht unterdrücken. Ein kindliches Gefühl stieg in ihm auf, als hätte er jemanden überlistet. Ja, er hatte Stepans Namen schon gewusst! Na, und?

»Warum lachst du?!«, fragte Stepan gutmütig. »Jeder Mensch sollte in Harmonie mit seinem Namen leben. Heißt du Tschebotar, dann sei Schuhmacher, heißt du Sadownikow, dann wirst du am besten Gärtner. Das ist alles. Wie ist denn dein Nachname?«

»Wosnyj.«

»Na, Fuhrmann, und du hast weder einen Wagen mit Taxischild auf dem Dach noch ein Pferd!« Jetzt lächelte Stepan.

»Ich kaufe mir im Frühling ein Motorrad«, erklärte Igor ganz ernst. »Oder früher, wenn wir in Otschakow einen [28] Schatz finden!« Bei den letzten Worten unterdrückte er mit Mühe ein Lächeln.

»Ein Motorrad ist eine gute Sache«, bestätigte Stepan, der auf einmal ebenfalls ernst geworden war, nur, im Unterschied zu Igor, wirklich ernst.

4

Von der Reise nach Otschakow erzählte Igor der Mutter drei Tage später, am Freitag.

Elena Andrejewna war – ob einfach so oder weil alles in Haus und Hof aussah, wie es sich gehörte – guter Laune. Als sie von den Plänen ihres Sohnes und Stepans erfuhr, wunderte sie sich nur ein ganz klein wenig.

»Was wollt ihr denn dort machen, im Herbst?«, fragte sie. »Das Meer ist schon kalt!«

»Stepan hatte in Otschakow früher Verwandte«, antwortete Igor. »Er will ihr Haus finden. Vielleicht lebt noch jemand!«

»Und wann geht der Zug?«, fragte die Mutter.

»Morgen Abend um sieben.«

»Na, dann sag Stepan, dass wir heute hier im Haus zu Abend essen! Ich habe ein Hühnchen gekauft.«

Zum Abendessen kam Stepan frisch rasiert und in blankgeputzten Stiefeln. Seine Erscheinung war, trotz der zerknitterten Hosen und des sackartigen schwarzen Pullovers, fast feierlich.

Elena Andrejewna breitete ein gelbes Tuch auf dem runden Tisch aus, verteilte Teller und Gläser, holte aus dem Schrank [29] eine angebrochene Flasche Wodka und ein Fläschchen hausgemachten Wein, den die Nachbarin ihnen geschenkt hatte. Dann brachte sie aus der Küche eine tiefe Tonschüssel, in der das im Ofen gebackene, mit kleinen Dampfkartoffeln garnierte Hühnchen lag.

Sie zerlegte das Hühnchen selbst und verteilte es auch selbst auf die Teller.

»Bedienen Sie sich«, sagte sie zu Stepan und deutete mit dem Kinn auf den Wodka.

»Danke, ich trinke nicht«, sagte er leise.

»Vielleicht Wein?« Sie sah ihn freundlich an.

»Für mich überhaupt lieber ohne Alkohol«, sagte Stepan ein wenig lauter. »Ich habe, wie man so sagt, mein Fass längst ausgetrunken! Das Gleichgewicht von Körper und Geist ist mir jetzt wichtiger…«

Igor wiegte erstaunt den Kopf: Eine schöne Ausdrucksweise war das! Genau wie ihr Bekannter, der Baptist, der drei Häuser weiter wohnte.

Elena Andrejewna brachte ein Literglas mit Kirschenkompott vom letzten Jahr.

»Gießen Sie sich nur selber ein«, bat sie Stepan.

Ruhig goss Stepan sich ein und wandte sich dann zu Igor. Igor hielt sein Glas hin. Elena Andrejewna hingegen beschloss, sich trotzdem ein bisschen hausgemachten Wein zu gönnen.

Nachdem sie allen einen guten Appetit gewünscht hatte, widmete sie sich ihrem Teller und sah nur manchmal aus dem Augenwinkel nach, ob die Männer auch mit Genuss aßen.

»Also fahrt ihr für lange?«, fragte sie nach einer Pause.

[30] »Na, ein paar Tage bleiben wir schon«, Igor zuckte die Achseln. »Wir rufen dich an!«

Ihr Blick heftete sich auf Stepan, der plötzlich nervös wurde, sich mit der Hand über die frischrasierten Wangen strich.

»Ich arbeite es anschließend ab, nicht dass Sie denken…«, sagte er. »Also, falls wir länger bleiben müssen…«

»Ach, nicht doch.« Elena Andrejewna winkte ab. »Das meine ich ja nicht. Es ist nur traurig, allein im Haus…«

Am nächsten Tag nach dem Mittagessen fuhren Stepan und Igor im Kleinbus Richtung Kiew. Zu Füßen des Gärtners stand sein halbleerer Rucksack. Auf Igors Knien lag seine Tasche, dazu sein Pullover und ein Esspaket, das Elena Andrejewna ihnen für die Reise gepackt hatte. Im Kleinbus sang laut Radio Chanson.

Igor sah kurz hinüber zu Stepan, der am Fenster saß. »Und wo übernachten wir dort?«, fragte er ihn.

Der Gärtner zuckte mit den Schultern. »Wir finden etwas! Übernachten ist kein Problem. Die Hauptsache ist Hinkommen.«

Nachdem sie in dem Glaskasten auf dem Bahnhofsvorplatz jeder ein Glas Tee getrunken hatten, saßen sie noch zwei Stunden auf einer harten Bank des Wartesaals.

Endlich rief man ihren Zug aus. Stepan schwang den Rucksack über die Schulter und sah sich nach Igor um.

Ihr Abteil war noch leer, als sie eintraten.

›Wenn man nur so zu zweit reisen könnte‹, dachte Igor, während er seine Tasche unter das Tischchen schob.

Leider erfüllten Igors Hoffnungen sich nicht. Schon drei Minuten später fielen in ihr Abteil zwei Dienstreisende ein, [31] beide um die vierzig. Sie baten Igor aufzustehen und zwängten zwei identische Koffer in den leeren Raum unter der unteren Pritsche. Eine voluminöse Tasche mit klirrenden Flaschen stellten sie auf den Boden.

»Also, Leute, ihr fahrt bis Nikolajewo?«, fragte der eine.

Stepan nickte.

»Na, dann wird uns nicht langweilig!«, versprach der Dienstreisende. »Unser Bier reicht für alle, und reicht es nicht, kann man bei den Schaffnern auch Stärkeres beschaffen! Ich kenne hier alle beim Vornamen.«

Igor entging nicht, wie Stepan finster geworden war und sich zum Fenster gewandt hatte.

Die Dienstreisenden zogen flink aus ihrer Tasche vier, fünf Flaschen Bier, eine Halbliterflasche ›Nemirow‹-Wodka, eine Stangenwurst, ein Brot und einen Beutel mit Salzgurken. Im Abteil roch es sofort nach Volkskantine.

»Hör mal, hol uns doch Gläser beim Schaffner!«, bat der zweite Dienstreisende Igor.

»Aber wir müssen doch sitzen bleiben, bis er die Fahrkarten kontrolliert.«

Der Mann kniff listig die Augen zusammen. »Keine Angst, er ist noch draußen, und die Fahrkarten kontrolliert er, wenn der Zug losfährt!«

Widerstrebend machte Igor sich auf zu dem Dienstabteil. Die Tür war offen, drinnen war niemand, und Igor nahm vier Gläser vom Regal.

»Na siehst du, und du sagst, er kontrolliert Fahrkarten!«, sagte der zweite Dienstreisende erfreut.

Plötzlich schien es Igor, die beiden müssten Brüder sein, so sehr glichen sie sich in ihrer Unauffälligkeit und dem [32] Fehlen jeglicher Merkmale in den Gesichtern. Beide waren schnurrbärtig, beide hatten je ein Paar Augen und Ohren, Nase und Mund. Das war’s! Und ihre Gesichtszüge wirkten so eigenschaftslos, als hätte man sie operiert und alles aus ihnen entfernt, woran der Blick hätte haften bleiben können. Oder war es das Resultat ständiger Dienstreisen mit chronisch kurzen, betrunkenen Nächten?

Einer der Männer hatte schon ein Bier geöffnet und füllte die Gläser. Die Bewegungen seiner Hände waren geübt und exakt, auf seinem Gesicht lag erstarrter Eifer.

»Ich nicht«, sagte Stepan knapp und hob den Kopf.

»Was, bist du krank?«

»Schlimmer.«

»Na, Saufen lässt sich nicht erzwingen!« Der Dienstreisende winkte ab und wandte sich an Igor. »Und du?«

»Für mich ein kleines bisschen«, sagte Igor. »Wir müssen morgen früh arbeiten…«

»Und wir gehen tanzen, oder was!« Der Mann lachte. »Wir fahren auch nicht gerade in Urlaub. Zwei Tage Untersee-Schweißen, dann ein Fläschchen pro Kopf zum Aufwärmen, und zurück!«

Das »Untersee-Schweißen« imponierte Igor.

Der Dienstreisende reichte Igor die Hand. »Wanja«, stellte er sich vor. »Und das ist Schenja.« Er wies mit dem Blick auf seinen Kollegen.

»Ich geh raus, eine rauchen.« Stepan erhob sich und verließ das Abteil.

Der Zug fuhr an. Schenja goss sich und seinem Kollegen Wodka ins Bier. Mit dem Blick bot er Igor denselben Cocktail an, aber Igor lehnte ab.

[33] Kurz sah der Schaffner ins Abteil herein und sammelte die Fahrkarten ein. Die Dienstreisenden begrüßte er wie alte Bekannte.

»Nur singt heute Nacht keine Lieder«, bat er sie beim Hinausgehen freundschaftlich.

Als er sein Bierglas geleert hatte, beschloss Igor, Stepan suchen zu gehen.

Der stand auf der Plattform am Ende des Waggons.

»Hätten Sie doch aus Höflichkeit einen Tropfen getrunken«, sagte Igor zu ihm.

»Wenn ich trinke, dann macht der ganze Waggon kein Auge mehr zu.« Stepan lächelte. »Und zum Frohsein reicht mir auch Tee!«

»Und wenn wir dort, in Otschakow, Ihre Verwandten finden? Ziehen Sie dann um, zu ihnen? Oder bleiben Sie bei uns?«, fragte Igor und wurde verlegen, so plump hatte seine Frage geklungen.

»Wer weiß?!« Stepan zuckte mit den Schultern. »Wenn ich welche finde… Aber was wollen die schon mit mir? Ich bin ja ein Mensch ohne Geld und Meldeschein. Ich bitte um nichts, weder Hilfe noch Freundschaft. Habe gelernt, von meinen Händen zu leben. Ich mache ihre Bekanntschaft, und das war’s… Dann weiß ich, dass meine Tochter und ich nicht allein auf der Welt sind. Aber ich glaube nicht, dass da jemand von der Familie ist… Seine Verwandten findet man auch ohne Tätowierung. Nein, dort gibt es etwas anderes.«

Zu ihrer Verwunderung standen, als sie von der Plattform ins Abteil zurückkehrten, alle Flaschen leer auf dem Tisch, die Dienstreisenden selbst lagen schon auf den oberen Pritschen.

[34] »Da sind noch Gurken übrig, bedient euch«, sagte einer von ihnen von oben.

Auf dem Bahnhofsvorplatz von Nikolajewo wartete eine Reihe Kleinbusse. Schilder hinter den Windschutzscheiben gaben ihre Endstationen an. Und Igor entdeckte sofort bei einem von ihnen: »Otschakow – Nehrung«.

»Wann fahren Sie?«, fragte er den Fahrer.

»Wenn wir voll sind, dann fahren wir«, antwortete der und kaute geräuschvoll seine Sonnenblumenkerne.

Über ganz Otschakow schien die Sonne. Sie beleuchtete die grauen Fünfzigerjahre-Wohnblocks rings um den gesichtslosen, zweistöckigen Glaskasten des Busbahnhofs, drei Kioske und ein paar alte Frauen, die direkt auf dem Asphalt Äpfel verkauften.

Stepan hatte sich umgesehen und steuerte sofort auf diese Großmütter zu. Igor eilte ihm hinterher.

»Was kosten die ›Semirenko‹?«, fragte Stepan eine von ihnen.

»Zwei Griwni das Kilo«, antwortete sie. »Wenn Sie ein ganzes nehmen, geb ich es für anderthalb…«

»Wissen Sie vielleicht, wo wir billig für ein paar Tage ein Zimmer mieten können?«, wechselte Stepan das Thema, womit er die Alte jedoch gar nicht erstaunte.

»Wieso kommen Sie denn so spät im Jahr?« Sie breitete mitfühlend die Arme aus. »Im Meer baden bloß noch Betrunkene und Kinder…«

»Wir lieben Eisbaden«, sagte der Gärtner lächelnd. »Wir wollen nicht baden, wir wollen uns die Stadt ansehen.«

[35] »Was gibt es denn bei uns zu sehen?!«, fragte sich die alte Frau. »Doch, es gibt schon was! Wir haben eine Kirche, und ein Museum mit Bildern, im Zentrum… Es soll anscheinend interessant sein…«

»Da gehen wir hin, ins Museum gehen wir auf jeden Fall.« Stepan nickte. »Nur bräuchten wir erst ein Dach über dem Kopf!«

Die Alte musterte die beiden von Kopf bis Fuß. »Ich habe ein Zimmerchen… Aber für weniger als zehn Griwni pro Tag geb ich es nicht her. Essen ist natürlich extra…«

»Gut, feilschen wollen wir nicht«, sagte der Gärtner, als willigte er nur zögernd ein.

»Mascha, verkaufst du meine eine Weile?«, wandte sie sich an ihre Nachbarin auf dem kleinen Straßenmarkt. »Ich komm gleich wieder!«

Die andere nickte.

Sie ließen den Busbahnhof und die Wohnblocks hinter sich. Die Alte führte die Neuankömmlinge zwischen frei stehenden Häusern hindurch.

»Und Sie, woher kommen Sie?«, fragte sie unterwegs.

»Aus der Hauptstadt«, antwortete Stepan.

Bald betraten sie den Hof eines alten Backsteinhauses. Igor ging gleich auf die Haustür zu.

»He, Junge, nicht dorthin!«, rief die Hausherrin, die sich noch am Gartentörchen zu schaffen machte. Und sie führte die Gäste hinters Haus, wo sich zwei Backsteinanbauten befanden.

In einen davon ließ sie die Männer hinein, nachdem sie das Vorhängeschloss von der Tür genommen und es zusammen mit dem Schlüssel Stepan übergeben hatte. Drinnen [36] standen zwei Eisenbetten, sorgfältig bezogen. Am kleinen Fenster gab es einen Tisch und zwei Stühle, und an der Wand genauso ein altes Holzregal wie in Igors Schuppen.

»So, richtet euch ein«, sagte sie. »Und ich gehe weiter verkaufen.« Im Gehen drehte sie sich noch einmal um. »Vielleicht bezahlt ihr im Voraus?«

Igor reichte ihr zwanzig Griwni. »Wenn wir länger bleiben, zahlen wir nach!«

Nachdem Stepan eine Zigarette geraucht hatte, begaben er und Igor sich auf einen Spaziergang durch das Städtchen. Die Straße, die sie entlanggingen, erschien Igor endlos.

»Ich dachte, Otschakow wäre nicht größer als Irpen«, seufzte er.

»So oder so, in diesen Städtchen kennen sich alle, das ist das Wichtigste!«, sagte Stepan überzeugt. »Und nicht das Angenehmste. Sie sehen sofort, wer fremd ist!«

Die alte Frau, ihre Wirtin, hieß Anastassija Iwanowna. Am Abend klopfte sie an ihr Fenster und rief sie zu sich zum Essen.

In Anastassija Iwanownas Haus hing der Geruch alter Kleider. Igor war dieser Geruch aus der Kindheit vertraut, seine Großmutter auf dem Dorf hatte eine Kiste mit Kleidern, Mänteln und Kopftüchern gehabt. Manchmal hatte Igor hineingeschaut, und sofort war ihm dieser eigenartige, muffige Geruch in die Nase gestiegen, den man dennoch nicht unerträglich, nicht einmal unangenehm nennen konnte. Er hatte etwas Süßes und etwas von fauligem Herbstlaub.

Die Alte bewirtete sie mit gedünstetem Kohl und Pilzen. Alkoholisches stellte sie nicht auf den Tisch, dafür schenkte sie den Gästen sofort Tee aus einer großen Porzellankanne ein.

[37] »Leben Sie hier schon lange?«, fragte Stepan sie.

»Ja, ich bin Otschakowerin, hier geboren«, sagte ihre Gastgeberin.

Stepans Augen begannen zu glänzen. »Haben Sie vielleicht mal von Jefim Tschagin gehört?«, fragte er langsam und deutlich.

»Von Fima? Wie denn nicht! Jeder Zweite kannte hier früher Fima!«

Auf ihrem Gesicht erschien ein versonnenes Lächeln. »Fima war ein schöner Mann, und geschickt. Er hat dem Frauenvolk sehr gefallen. Schade, dass man ihn umgebracht hat…«

»Wie, umgebracht? Wann?«, entfuhr es Igor.

Die Wirtin dachte nach.

»Das muss noch zu Chruschtschows Zeiten gewesen sein… Genau! Gleich nachdem Chruschtschow Gagarin ins Weltall geschickt hatte. Oder früher? Nach dem Sputnik, den auch Chruschtschow ins Weltall…? Ich weiß noch, beim Begräbnis flüsterten alle bloß vom Weltall.«

»Und das Haus, in dem er gelebt hat?«, fragte Stepan vorsichtig. »Steht das Haus noch?«

»Ja, sicher«, bestätigte die Alte. »Wo soll es denn hin sein?«

Stepan betrachtete Igor vielsagend, und seine Lippen verzogen sich zu einem kaum merklichen Lächeln.

5

Igor schlief in dieser Nacht nicht besonders gut. Das Drahtgeflecht unter seiner Matratze knarzte, sooft er sich umdrehte, [38] und weckte ihn jedes Mal. Wenigstens weckte das Knarzen nicht Stepan, der auf dem Nachbarbett schnarchte.

Schließlich lag Igor auf dem Rücken, lag so mit offenen Augen und blickte zur niedrigen Decke, die in der Finsternis kaum zu sehen war. Er dachte an den vergangenen Abend und das Essen bei ihrer Wirtin. An ihr fast kindliches Lächeln, als sie an Fima Tschagin gedacht hatte, und dieses Lächeln nahm sich auf ihrem verwelkten Gesicht so merkwürdig aus! Gegen Ende des Gesprächs hatte sie sogar ausgeplaudert, dass auch sie selbst in diesen Fima verliebt gewesen war, genau wie noch viele andere Mädchen in Otschakow. Fima Tschagin war eine auffallende Erscheinung gewesen, dünn, lang und mit spitzem Adamsapfel. Und auch einer spitzen Nase. In Otschakow war er ganz plötzlich aufgetaucht, seine Großmutter, die in einem großen Haus lebte, war auf einmal krank geworden. Das war nach dem Krieg. Da schickten die Eltern ihn aus Kachowka zu ihr, damit das Haus nach ihrem Tod niemand anderem zufiel. Die Großmutter wurde gesund und lebte, in den Worten der Wirtin, noch an die zehn Jahre einträchtig und munter mit ihrem Enkel zusammen. Der hatte sich, kaum war er angekommen, gleich mit allen Otschakower Raufbolden geprügelt und seine Gewandtheit gezeigt. Danach achteten sie diesen Fima, und er galt als einer von ihnen, als Otschakower. Er ging fischen, schlich mit den anderen Jungs in den Hafen, um zu stehlen, nahm auswärtigen Fischerbooten die Anker ab und verkaufte sie auf dem Markt weiter. Manchmal wurde er geschnappt. Aber er entkam wieder und rannte davon. So rannte er durchs Leben, bis ihn für irgendeine Kleinigkeit der Bezirkspolizist zwei Jahre ins Gefängnis schickte. Und [39]