Der Gautenthron - Sylvia Koppermann - E-Book

Der Gautenthron E-Book

Sylvia Koppermann

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Beschreibung

Gotland im 6. Jahrhundert. Eine unruhige Zeit der Machtkämpfe, in die Wulf hineingeboren wird. Früh die Mutter, wenige Jahre später auch den Vater verlierend, kommt er an den Hof seines Großvaters, des Königs der Gauten, wo er zum Krieger ausgebildet werden soll. Für den zurückhaltenden und stillen Jungen eine große Herausforderung und Kraftprobe. Allein im nur wenig jüngeren Weohstan findet er einen Freund, der ihm hilft, über sich hinauszuwachsen. Der Beginn einer tiefen Freundschaft, aus der im Laufe der Jahre mehr wird. Die Geschichte um die Geburt eines Heldenepos, dessen Hauptfigur nie ein Held sein wollte. Von einem unscheinbaren Jungen, der den Weg des Schicksals auch dann annahm, wenn es ihm große Opfer abverlangte. Und vom legendären König BEOWULF, über dessen Leben sich die Menschen bis heute erzählen.

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Seitenzahl: 565

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Inhaltsverzeichnis

Vita

Karte Skandinavien

Karte Ost-Anglien

Stammbaumlinie Swerting

Stammbaumlinie Froda

Hrodgar

Grendel

Ekgtheow

Hrota

Hrodgars Flucht

Hrota und Ekgtheow

Das Zusammenleben

Im Fieber

Wulf

Wealhtheow

Die Sippe

Bienenwolf

Der Eid

Weohstan

Das Wettschwimmen

Die Jagd

Hæthcyn

Hygelac

Hrefnesholt

Rynestad

Heorot

Alte Schatten

Scharfe Zungen

Kampf gegen Grendel

Freawarus Schicksal

Deofla

Orda

Hungersnot

Heatwera

Heardred

Vergangenheit

Sesshaft

Königswahl

Bauern

Auslöschung

Freawaru

Leben

Otheres Söhne

Zwiespalt

Auf dem Eis

Eanmund

Eadgils

Vakanz

Neue Aufgaben

Abschied

Einsamkeit

Vereinbarungen

Verrat

Grab der Königin

Der zweite Sohn

Ebenbild

Wiglaf

Annäherungen

Goda

Das Sax

Kriegerweihe

Wuffla

Der Drache

Augenzeugen

Täuschung

Der Beutel

Kampf dem Berserker

Der letzte König

Epilog

Über die Entstehung dieses Romans

Weitere Bücher der Autorin

Personenregister

Impressum

Vita

Sylvia Koppermann, geboren 1971, begann das Schreiben mit humorvollen Erlebnissen ihrer Familie. Schon bald bekam sie dazu eine eigene kleine Kolumne in einem online-Magazin angeboten und wurde nach einiger Zeit in eben jenem Magazin auch als Autorin für Sachartikel eingestellt.

Diese Anstellung gab sie später auf, um sich ausschließlich der Leidenschaft für das Schreiben eigener Werke, mit Schwerpunkt historische Romane, zu widmen.

Karte Skandinavien

Karte Ost-Anglien

Stammbaumlinie Swerting

Stammbaumlinie Froda

Hrodgar

Sjælland, 479

Die Halle schien sich bereits zu drehen und das Stimmengewirr all der feiernden Menschen in ihr, schwoll in Hrodgars Ohren zu einem dumpfen und unangenehmen Tosen an. Leicht vorn über gebeugt, versuchte er sich mühsam umzusehen. Dabei wippte ihm der Kopf auf und nieder, was nun auch Übelkeit mit sich brachte. Nur schemenhaft gelang es ihm, die zarte Gestalt des jungen Mädchens mit den Augen zu fixieren. Den ganzen Abend bereits, schürte ihr Anblick sein Verlangen. Nicht nur seines. Auch seine Trinkfreunde hatten es offensichtlich auf sie abgesehen. Jedes Mal, wenn sie an ihren Teil der Tafel kam, um nachzuschenken, rissen sie zotige Reden und lobten ihre Manneskraft, die sie ihr so gern unter Beweis stellen wollten. Hrodgar wusste, dass er nicht der attraktivste unter all den Männern war. Die meisten von ihnen überragten ihn an Körpergröße. Sie zeigten ihre sehnigen und muskulösen Körper, während Hrodgar unter einer langärmligen Tunika verbarg, dass ihm körperliche Arbeit fremd war. Aber er glaubte dennoch eher Erfolg zu haben. Schließlich war er ein König. Und welches Mädchen würde ihn für einen einfachen Krieger abweisen?

»Schmachtest du sie noch immer an oder überlegst du bereits, die Besinnung zu verlieren?«, der Schlag auf seine Schulter ließ ihn beinahe das Gleichgewicht verlieren und nur knapp konnte er den Kopf wieder empor reißen, bevor sein Gesicht auf den Tisch krachte. Das laute Gelächter seines Ersten Kriegers Ælfhere dröhnte in sein Ohr.

Wackelig versuchte sich Hrodgar zu Ælfhere umzudrehen und ihm direkt in die Augen zu sehen. Dieser grinste ihn belustigt an, denn er fand, dass das ständige Zusammenkneifen der Augenlider seines Königs aussah, als winke er ihm zu.

»Isch schmachte nich, isch wähle!«, lallte er undeutlich und versuchte dabei belehrend den Finger zu heben, »Ds wird die Nacht ihrs Lebns. Sie weißes nur noch nich!«

Grölend vor Lachen, hieben die Männer um ihn herum auf die Tafel. So sehr, dass die Bohlen der Tischplatte erzitterten und Hrodgar von der Bank zu rutschen drohte. Reflexartig griff er zur Seite und umfing ein paar Beine, die von einem langen Kleid mit Schürze umhüllt wurden. Genießerisch rieb er seine bärtige Wange am groben Leinenstoff des Gewands und gurrte: »Da bissu ja! Heute Nacht bissu meine Königin!«

Er bemerkte nicht mehr, wie das Lachen um ihn herum erstarb, denn fast schlagartig wurde es dunkel in seinem Kopf.

Mit pelzigem Geschmack im Mund und einem dröhnenden Schädel, erwachte Hrodgar. Schwankend versuchte er sich aufzurichten, griff sich mit einer Hand an die Schläfe, während der andere Arm ihn stützte. In seinem Hirn kreisten Fetzen an Erinnerungsbildern, die er zu ordnen versuchte. Plötzlich fiel es ihm wieder ein: Er wollte die Schankmaid erobern.

Ein unheimlich klingender Grunzlaut ließ ihn aufschrecken. Die plötzliche Bewegung verursachte ihm zusätzliche Kopfschmerzen und ohne eigentliche Absicht zuckte er zusammen. Während er nun auch die zweite Hand an seinen pochenden Schädel presste, bemerkte er die Wärme eines Körpers neben sich. Vorsichtig fuhr er mit seinem Fuß an einem Paar Beinen hinauf. Dabei verschob sich das Schlaffell und gab die Aussicht auf ein paar Füße frei. Erschreckt fuhr er mit einem Schrei aus dem Bett. Diese Füße. Noch nie hatte er so etwas gesehen! Die vier kleineren, äußeren Zehen waren zusammengewachsen, wie ein einziger Klumpen. Nur der große Zeh stach wie eine mächtige Säule empor.

Durch sein Aufspringen geweckt, bewegte sich der Körper unter dem Fell und räkelte sich. Einem herzhaft lautem Gähnen folgte ein tiefes Räuspern. Dann kam ein Arm unter dem Fell heraus und schob es bis zur Taille hinunter.

Mit weit aufgerissenen Augen starrte Hrodgar auf einen breiten und buckligen Rücken. Er war entsetzt. Doch nicht halb so, wie sein Entsetzen noch wuchs, als die Gestalt sich mit schmatzenden Geräuschen zu ihm umdrehte. Mächtige, nackte Brüste waberten hin und her. Dann sah der König das Gesicht seiner Bettgefährtin. Nicht die Schankmaid, auf die er es den ganzen Abend abgesehen hatte lag neben ihm, sondern das andere Weib undefinierbaren Alters, das größer als jeder Kerl in der Halle war, das mit verwachsener Figur und wulstiger Stirn, an eine Riesin erinnerte.

Ihren wahren Namen kannte niemand. Alle nannten sie nur Deofla, weil sie äußerlich so teuflisch und hässlich erschien.

Fieberhaft versuchte Hrodgar sich zu erinnern, wie es ihm gelungen war, ausgerechnet dieses Weib in sein Bett zu schleppen. Doch inzwischen hatte Deofla die Augen geöffnet und grinste ihn aus ihrem großen Mund mit den wulstigen Lippen breit an. Ihre klein und listig wirkenden Augen in dem überproportionalen Gesicht ruhten auf ihm. Ihr Blick schien siegessicher.

»Nun, mein König, habe ich dir zu viel versprochen?«, fast spöttisch klang ihr Ton.

»Versprochen? Was versprochen?«, keuchte Hrodgar noch immer fassungslos.

»Du sagtest doch, ich werde in dieser Nacht deine Königin sein. Und während du mich wie ein Tier beackert hast, versprach ich dir, dass ich dir eine Königin fürs Leben sein werde.«

»So besoffen, wie ich gestern war, bezweifle ich, dass ich noch in der Lage war, dich zu bespringen!«, verzweifelt versuchte Hrodgar die Situation zu beherrschen. Doch Deofla lachte nur kehlig und unheimlich.

»Dann lass dir doch von deinen Männern berichten, wie wild du mich geritten hast! Gebrüllt hast du, wie ein Untier und sie kamen, weil sie dachten, dich retten zu müssen. Es war schon große Ungläubigkeit in ihren Blicken, als sie uns erstarrt zusahen. Ich denke, solche Manneskraft hätten sie dir nicht zugetraut.« Bei diesen Worten schälte sie sich vollends unter dem Fell hervor, stand auf und präsentierte dem König ihren verwachsenen und mächtigen Körper. Er erschauerte. Was hatte er nur getan?

Vorn in der Halle hörte er das verhaltene Lachen seiner Männer, die auf den Bänken geschlafen hatten. Fahrig warf er sich die Tunika über und stürmte noch immer etwas schwankend durch den mit einer gewebten Decke verhangenen Torbogen, der seinen Schlafbereich vom Rest der Halle trennte.

Schlagartig verstummten die Gespräche der Männer und die Köpfe wendeten sich ihm erwartungsvoll zu. In keinem der Gesichter ließ sich ablesen, was sie dachten.

Plump ließ sich der König auf eine der Bänke fallen und starrte seinen Kriegern wütend in die Augen.

Diese konnten sich nur mühevoll das Lachen verkneifen und schließlich war es wieder Ælfhere, der sich zu sprechen traute.

»Mein Herr, das war eine Nacht, wie die Skalden sie besingen sollten!«, Ælfheres Mundwinkel zuckten verdächtig, »Erst hatten wir Angst um dich. Doch als wir dir zur Rettung kamen, befürchteten wir eher, du pflügst diese Teufelin zu Tode. Hattest du uns nicht versprochen, die andere Schankmagd auf dein Lager zu ziehen?« Krampfhaft senkten die anderen Männer die Köpfe, starrten auf die Tischplatte und schafften kaum noch, ein Prusten zu unterdrücken.

Hrodgar blickte Ælfhere zornig in die Augen. Er fühlte sich von seinem Freund und besten Kämpfer verraten. Wie konnte der es zulassen, dass sein König ausgerechnet Deofla auf den Rücken zwang? Doch wenn Ælfhere dachte, sich auf Kosten Hrodgars amüsieren zu können, sollte er sich getäuscht haben.

Trotzig reckte Hrodgar das Haupt, schob die Brust vor und schaute fast geheimnisvoll in die Runde.

»Ich werde mich hüten, eine zu wollen, auf die es jeder von euch abgesehen hat! Keiner von euch würde sich zutrauen, diese Riesin zu bearbeiten. So habe ich sie für mich allein.«

Kaum hatte er die Worte ausgesprochen, bei denen seine Männer erneut das Lachen unterdrücken mussten, hörte Hrodgar hinter sich die tiefe Stimme Deoflas: »Keine Sorge, mein König, dieser Leib gehört nun allein dir!«

Ertappt sprang Hrodgar mit hochrotem Kopf von der Bank auf. Dabei löste sich ein lauter Furz und gehetzt wirkend, stürmte er aus der Halle, um seinen Kopf in den Wassertrog für das Vieh zu halten. Doch die Kälte des Wassers klarte noch mehr seine Gedanken auf. Scheinbar hatte er dieses Untier von Frau nun am Hals. Nie wieder, so schwor er sich in diesem Augenblick, würde er trinken!

Der Vorsatz hielt bis zum Abend, als die Schankmaiden, unter ihnen auch Deofla, erneut mit den Krügen herumgingen.

Bei Hrodgar angekommen, zwinkerte sie ihm lüsternd zu. Schwer seufzend nahm er seine Hand vom Becher und streckte ihn ihr entgegen.

In den nächsten Wochen und Monaten gelang es Hrodgar einfach nicht, diesem Weib zu entkommen.

Er hätte Deofla leicht mit harten Worten davonjagen können. Doch wie würde er dann vor seinen Männern dastehen? Auch wenn er wusste, sie glaubten ihm nicht, wollte er doch weiterhin so tun, als habe er die Teufelin absichtlich ausgewählt.

Anfangs, nachdem er sich überwunden hatte, konnte er sich noch einreden, dass ein Weiberfell wie das andere wäre. Er schloss einfach die Augen und suchte sein eigenes Vergnügen. Doch mit jedem Tag fiel ihm dies schwerer. Immer seltener bestieg er Deofla und wenn, dann nie nüchtern.

Ihr schien es gleichgültig. Sie war die Favoritin und würde nicht dulden, dass eine der anderen Frauen ihrem König schöne Augen machte. Instinktiv wusste sie, dass Hrodgars Stolz ihn in eine Situation gebracht hatte, die sie zu ihrem Vorteil nutzen konnte. Und als sie ihm drei Monate später mitteilte, ein Kind von ihm zu tragen, wähnte sie sich bereits als Herrin an seiner Seite.

Hrodgar grübelte. Ihm war bewusst, dass seine Saat irgendwann aufgehen könnte. Und doch wurde ihm übel beim Gedanken, mit der Teufelin einen Nachkommen zu haben. Nein, auch wenn er für dieses Balg zu sorgen hatte, wollte er sich dessen Mutter nicht verpflichten.

So sprach er eines Nachts fast beiläufig aus, dass er sich gezwungen sah, eine Frau von hohem Stand zu heiraten, so leid ihm dies auch täte.

Grendel

Sjælland, 481

Angeekelt sah Hrodgar auf das Kleinkind, das auf dem dicken Schaffell unweit der Feuerstelle saß. Seit es vor mehr als einem Jahr geboren wurde, schaffte er kaum die Abscheu in seinem Blick zu verbergen, schaute er es auch nur an. Es war ihm schon fast wie ein Zwang, diesen deformierten und für sein Alter viel zu großen Jungen anzustarren. Dieser saß den ganzen Tag auf Fellen, auf die seine Mutter ihn packte und tat nichts anderes, als fürchterlich klingende Krächzlaute von sich zu geben und dabei in die fleischigen Hände zu klatschen. War schon Deofla in Hrodgars Augen die hässlichste Missgeburt, die er bis dahin gesehen hatte, so übertraf ihr Sohn seine Mutter um Längen. Fast kantig wirkte der viel zu große und schiefe Kopf. Stirn, Lippen und Wangen bestanden scheinbar nur aus dicken Wülsten. Er hatte den Buckel seiner Mutter geerbt, dazu noch die verwachsenen Füße. Allerdings sahen bei ihm auch die Hände den Füßen ähnlich. An diesen waren Mittel-, Ring- und kleiner Finger zusammengewachsen. Während andere Kinder seines Alters, die fast um die Hälfte kleiner als er zu sein schienen, bereits längst laufen konnten, hatte dieser Junge gerade erst vor wenigen Wochen gelernt zu sitzen.

Als er in jener Nacht zur Welt gekommen war und die Frauen Hrodgar in den hinteren Schlafbereich der Halle riefen, wo Deofla seit Stunden in den Wehen lag, hatte er für einen Moment gehofft, Mutter und Kind hätten die Geburt nicht überlebt. Keinen einzigen Laut hatte er von der Teufelin gehört. Dabei wusste er doch, dass Frauen unter der Geburt eine Lautstärke entwickeln konnten, die manchmal sogar das ganze Dorf wach hielt. Aber Deofla muckste sich mit keinem Ton. Als dann auch nicht das finale Schreien des Säuglings erklang, wuchs in dem König fast eine Art Freude beim Gedanken daran, dass die Frauen ihm nun gleich bedauernd mitteilen würden, Deofla sei mit ihrem Kind bereits auf dem Weg ins Totenreich der Hel. Er schämte sich nicht einmal für seine Vorstellung, wie er den gebrochenen Mann wenigstens ein paar Tage vortäuschen müsste. Danach aber wäre er frei und könnte sich eine andere, schönere Frau aussuchen, die ihm das Bett wärmte. All seine Hoffnung war jedoch schlagartig zunichte, als er den Frauen hinter den Vorhang folgte. Deofla lag halb aufgerichtet in seinem Bett und beobachtete ihn mit verschlagenem Blick. Kaum einen Schritt daneben, lag in ein Fell eingewickelt das Kind, das mit grunzenden Geräuschen wild an seiner Faust saugte. Nun war es an Hrodgar, über das Leben des Kindes zu entscheiden und als er sich dem Säugling näherte, dessen Deformationen im Gesicht erkannte, wich er erschrocken zurück. Er wusste, er kam nicht umhin, dieses verunstaltete Kind anfassen zu müssen. Entweder, um es seiner Mutter zu geben, die es stillte oder um es in den Wald zu bringen und dort den Tieren zu überlassen. Die Götter waren hart in ihrem Urteil, ihm allein die Entscheidung zu überlassen. Und er wusste, dass er sich die Teufelin damit zum Feind machen würde. Aber diese Missgeburt konnte und wollte er nicht am Leben lassen.

Deofla schien seine Gedanken zu ahnen. Noch bevor Hrodgar sich überwand, das Kind auf den Arm zu nehmen und es hinaus in die Nacht zu tragen, knurrte sie beinahe, als sie leise sagte: »Hebe meinen Sohn auf und gib ihn mir, damit er seine erste Mahlzeit bekommt!«

Hrodgar fuhr zusammen. Alles in ihm sperrte sich dagegen, diesen Säugling zu berühren. Und erst recht konnte er ihm nicht das Leben schenken. All seinen Mut zusammenreißend, machte er einige Schritte auf das am Boden liegende Bündel zu. Er durfte sich einfach nicht davon abbringen lassen, zu handeln. Wenn er sich beeilte, könnte er bereits in zwei Stunden zurück sein. All seine Probleme wären dann gelöst. Das Kind weg und die Mutter verschwunden aus seinem Bett, weil sie mit ihm nie wieder das Lager teilen wollen würde. Diese Aussicht spornte ihn an. Und beinahe hätte er auch so gehandelt, wie er es vor seinem geistigen Auge schon vor sich sah. Doch kaum hatte er das Bündel mit dem Kind an sich gerissen, machte er einen entscheidenden Fehler: Um nicht den verunstalteten Säugling ansehen zu müssen, wanderte sein hektischer Blick im Raum umher und traf auf den Deoflas. Die fixierte ihn mit den Augen, wie ein Raubtier, das Beute machte. Dunkel, schwärzer als die finsterste Nacht wirkten ihre Pupillen in dem diffusen Licht der Talglampen und schienen wortlos eine Drohung auszusprechen. Hrodgar fühlte sich wie ein erstarrtes Kaninchen, das vor Angst nicht fliehen konnte. Steif stand er da, das Fellbündel fest an seine Brust gedrückt und schaffte es nicht, den Blick von der Teufelin abzuwenden. Diese knurrte noch einmal, diesmal etwas lauter und nachdrücklicher, um jeden Zweifel aus dem Weg zu schaffen: »Ich sagte, du sollst mir jetzt meinen Sohn geben! Oder willst du, dass ich aufstehe und ihn mir hole?«

Schweiß trat dem König auf die Stirn. In ihm wuchs Panik und nackte Furcht. Dieses Weib wirkte in dem Moment alles andere als menschlich, dafür entschlossen und wie ein zum Töten bereites Tier. Fast instinktiv warf er ihr das Fellbündel regelrecht entgegen und stürmte hinaus. Durch die Halle, in der die anderen Dorfbewohner an den Tischen sitzend warteten und weiter, in die kühle, nebelverhangene Nacht. Er rannte immer schneller und weiter. Bis ihm bewusst wurde, dass er im Begriff war, geradewegs auf das Moor zuzulaufen. Schlagartig blieb er stehen. Sein schwerer Atem klang keuchend und wurde von den Nebelschwaden verschluckt. Müde und gebrochen sank er auf die Knie. Hier, von allen unbeobachtet, begann er bitterlich zu weinen, wie er es bereits seit seiner Kindheit nicht mehr getan hatte. So bekam er auch nicht mit, wie im Schlafbereich der Halle Deofla gurrte und das Kind herzte. Für sie war der Sohn wunderschön und ein Geschenk der Götter. Sie konnte sich nicht satt an ihm sehen und säuselte mit verzückter Stimme: »Bist du so hungrig, dass du dich schon selbst aufessen willst? Mein kleiner Knirscher, warte, gleich gibt es etwas für dich!«, mit diesen Worten öffnete sie die Fibel an der linken Schulter ihres lockeren Gewandes, zog das Leinen etwas herunter und hob ihre schwere Brust heraus. Kaum zog sie den Neugeborenen näher an sich heran, sodass sein Gesicht fast ihre Haut berührte, ließ der kleine Junge von seinen Fäusten ab und schnappte gierig nach ihrer Brustwarze, an der er zu saugen begann, als wollte er nie wieder loslassen. Kehlig lachend betrachtete Deofla das Kind und strich ihm mit der freien Hand über den Kopf mit dem spärlichen Haarflaum.

»Mein kleiner Grendel, ich lasse nicht zu, dass dir jemand etwas zuleide tut. Verlass dich immer auf mich, mein kleiner Königssohn!«

Einige Menschen der Siedlung betrachteten Grendel mit Bedauern. Dieser arme kleine Junge konnte nichts dafür, von seiner Mutter als willkommener Anspruch auf ein Leben gesehen zu werden, wie sie es als Magd nie hätte führen können. Dennoch glaubten sie schon, dass Deofla ihren Sohn liebte. Im Gegensatz zu Hrodgar, dessen Abneigung in seiner wortkargen Wut, sowie seinem beständig angeekelten Gesichtsausdruck stand.

Die anderen Bewohner fürchteten sich vor dem missgebildeten Kind und mieden seine Nähe. Auch ihre eigenen Kinder ließen sie nicht zu Grendel. Und so wuchs der Junge in Einsamkeit auf. Einzig seine Mutter schenkte ihm Zeit und Nähe. Diese sog er in sich auf und lernte früh, dass nur Deofla für ihn da war.

Mehr als drei Jahre war Grendel alt, als er zu laufen begann. Gluckste er vergnügt, klang es eher wie ein Knurren. Als er so freudig auf ein anderes Kind auf dem Hof zulief, begann dieses vor Angst zu schreien und seine Mutter eilte herbei, um es an sich zu reißen und wegzutragen. Der kleine Grendel verstand nicht, warum man ihn mied und stand traurig da, während er die Blicke der Menschen auf sich spürte. Lange stand er da und traute sich nicht, sich zu rühren. Bis Deofla kam und ihn in die Halle führte, durch diese hindurch, nach hinten, in den Schlafbereich. Dort setzte sie sich mit ihm auf das Bett, zog Grendel auf ihren Schoß und wiegte ihn, während Tränen über sein Gesicht rannen. Irgendwann schlief er ein und Deofla blieb noch so lange dort sitzen, bis sie in der Halle Stimmen hörte.

Zorn blitzte in ihren Augen. Ihrer Meinung nach, war es Hrodgars Pflicht dafür zu sorgen, dass Grendel nicht wie ein Aussätziger behandelt wurde. Behutsam legte sie den schlafenden Jungen auf die Felle und stampfte wütend nach vorn, wo sie sich vor Hrodgar aufbaute. Sie stemmte die Fäuste in die Hüften und starrte den König einfach nur funkelnden Blickes böse an.Alle in der Halle schwiegen. Niemand wollte die Aufmerksamkeit der Teufelin auf sich lenken. Und so versuchte auch Hrodgar eine Weile, ihrem Blick auszuweichen. Bis er erkannte, dass sie dieses Mal nicht einfach wieder gehen würde.

»Was willst du?«, knurrte er nur abweisend und drehte den Kopf kaum in ihre Richtung.

»Er ist dein Sohn! Wie kannst du zulassen, dass man ihn behandelt, als gehöre er nicht hierher?«, sie spie ihm die Worte regelrecht entgegen, aber er schnaubte nur verächtlich.

»Mein Sohn?«, nun wurde auch Hrodgar lauter, »Wie kann eine solche Missgeburt mein Sohn sein? Niemand in unserer Linie ist so missgebildet. Nicht mein Bruder, nicht meine Halbbrüder. Mein Vater war es nicht. Und selbst mein Untier von Großvater trägt sein grausames Wesen nach innen. Wie also kann dieses Balg mein Sohn sein?«, während seine Stimme weiter anschwoll, stand er auf und sah Deofla in die Augen. Speichel triefte aus seinem Mund, während er schrie, doch die Teufelin wich nicht zurück. Erst unmerklich, dann deutlich, zuckten ihre Mundwinkel und schließlich verzogen sich ihre Lippen zu einem grausamen Lächeln.

»Weil du weißt, dass nur du mich besprungen hast. Ich warne dich! Sorgst du nicht dafür, dass unser Sohn den Respekt deiner Leute erhält, wie es ihm zusteht, werde ich wissen, was ich tun muss, um sie ihre Ablehnung bereuen zu lassen. Mein Sohn ist größer und stärker, als ihre Bälger. Und es wird mir eine Freude sein, ihn dies lernen zu lassen«, dann drehte sie sich ein wenig hin und her. Jedes einzelne Gesicht im Raum fixierte sie für einen kleinen Moment. Bevor sie wieder nach hinten ging, sprach sie drohend an alle: »Denkt an meine Worte. Ihr solltet den Sohn eures Königs achten!«

Hatte Deofla gehofft, ein wenig mehr Akzeptanz für ihren Sohn erzwingen zu können, fürchteten die Menschen ihn nun noch mehr. Zwar traute sich niemand, ihn offen zu verhöhnen, aber sie gingen ihm nur noch mehr aus dem Weg und hielten ihre Kinder fern.

Ekgtheow

Sjælland, Frühjahr 487

Besonders im Frühling, wenn die Arbeit auf den Feldern am härtesten war, gleichzeitig aber die nun geborenen Jungtiere viel Aufmerksamkeit benötigten, waren die Schiffe der Sklavenhändler besonders willkommen. Jede Hand, die zupacken konnte, wurde gebraucht. Umso erfreuter strahlte Hrodgar auch, als Ælfhere ihm an diesem Vormittag Neuigkeit brachte, das Schiff von Riglef sei eingetroffen und ankere in der Bucht. Mit seinem Ersten Krieger und drei weiteren Männern ritt er die knapp vier Meilen nach Norden, um seinen alten Freund willkommen zu heißen.

Am Ufer hatten dessen Männer bereits ein Zeltlager errichtet und Kochfeuer brannten. Etwas abseits, unter einer einfachen Überdachung aus Zeltbahnen, saßen einige Männer, Frauen und Kinder, deren Hände und Beine zusammengebunden waren. Sie alle starrten vor sich auf den Boden und zeigten keine weitere Regung.

Hrodgar stieg ab und schritt mit seinen Kriegern auf das größere Zelt im Zentrum des Lagers zu, als aus diesem ein kräftiger älterer Mann heraustrat und die Ankömmlinge mit verkniffenen Augen musterte.

Wenige Meter vor ihm stoppte der König und schaute sein Gegenüber ebenso grimmig an. Für einen Moment herrschte Totenstille um sie herum. Dann rissen beide fast gleichzeitig die Arme hoch, begannen laut zu lachen und kamen aufeinander zu, um sich in einer derben Umarmung gegenseitig die Rücken zu klopfen.

»Riglef, du alter Seebär, wir hatten schon früher mit dir gerechnet! Du wirst doch nicht deine Route geändert haben und jetzt zuerst andere Siedlungen ansteuern?«, aus Hrodgars Stimme klang leichter Vorwurf.

»Was denkst du dir von mir?«, mit gespielter Empörung schob Riglef den König ein wenig von sich, »Nie würde ich wagen, nicht zuerst zu dir zu kommen! Allerdings hat sich unsere Abfahrt in Ost-Anglien in diesem Jahr etwas verzögert«, dabei warf er grunzend einen kurzen Blick zu den Sklaven. Hrodgar sah sich zwar ebenfalls für einen Moment um, wusste aber nicht, was der Händler meinte. So zuckte er nur die Schultern und ließ sich auf einen Begrüßungstrunk ins Zelt geleiten.

Händler brachten nicht nur begehrte Waren, sondern auch Neuigkeiten. Und so tauschten sich Riglef und der König zuerst über all die Dinge aus, die im letzten halben Jahr geschehen waren. Wer gestorben war, geheiratet hatte oder wem Kinder geboren wurden. Auch, wo gerade wer gegen wen intrigierte oder sich Machtverhältnisse verändert hatten. Zu vielem hatte Riglef zudem noch ein paar Anekdoten auf Lager, über die die Männer herzlich lachten. Noch amüsiert starrten sie in Gedanken versunken auf ihre Becher, als Hrodgar den Kopf hob.

»Du sagtest vorhin, deine Abreise hätte sich verzögert.«

Riglef schnaubte.

»Das kann man wohl sagen! Wochenlang dachte ich, wir stechen in diesem Jahr erst im Sommer in See. Und alles nur wegen dieses Heißsporns! Ich habe nun einmal auch Kosten, die sich nicht von allein bezahlen. Meine Männer und die Sklaven müssen versorgt werden. Aber das alles schien nicht so wichtig. Gut, Vilm steckte mir Silber zu. Doch die verlorene Zeit muss ich erst wieder aufholen.«

Mit Unverständnis sah Hrodgar den Freund an.

»Vilm? Du meinst den Sohn von Hryp, dessen Vater sich eine gute Position in Ost-Anglien sichern konnte? Was hat er mit deiner späten Abfahrt zu tun?«

»Ganz genau der Vilm!«, Riglef nickte bedächtig und starrte auf seine ausgestreckten Füße, während er weitersprach, »Da draußen, bei den Sklaven, habe ich seinen Bruder Ekgtheow.«

Hrodgar stand staunend der Mund offen. Als könne er durch die Zeltbahn schauen, wandte er sich kurz in Richtung der Sklaven um. Dann sah er fassungslos zum Händler. Dieser lachte leise in sich hinein und seufzte: »Deine Gedanken höre ich bis hierher! Wie kommt ein Nachfahre der berühmten Brüder Hengest, Horsa und Hrodmund auf ein Sklavenschiff? Nun, das ist eigentlich schnell erzählt ...«

Und dann berichtete Riglef vom temperamentvollen Ekgtheow, der so viel unbedachter handelte als sein älterer Bruder Vilm. Kein Trinkgelage ließ er aus, keinen Streit und niemand konnte mehr sagen, wann der junge Mann einmal nicht mit lädiertem Gesicht, dennoch fröhlich und triumphierend, umherstolziert war. Wohl wissend, sein Gegner der letzten Nacht trug deutlich mehr Spuren ihrer Auseinandersetzung. Bis er dann jedoch zu weit ging. Aus einer Rauferei mit Headolaf, einem Clansmann der verbündeten Wylfinger, entbrannte eine regelrechte Fehde. Beide schienen sich über Monate immer feindseliger begegnet zu sein. Und schließlich tötete Ekgtheow Headolaf, von dessen Worten er sich bei einem Trinkgelage beleidigt fühlte.

»Hätte er den Wylfinger zum Zweikampf herausgefordert und dabei getötet, wäre sicher alles anders gekommen. Aber dieser Bengel ist einfach zu unbeherrscht. Er ließ seinem Bruder keine andere Wahl, als ihn als Sklaven an mich zu übergeben. Sein Preis geht als Wergeld an die Wylfinger, damit Vilm den Frieden sichern kann«, Riglef seufzte noch einmal kopfschüttelnd, als er seinen Bericht beendete.

»Konnte Vilm die Schuld nicht einfach begleichen?«, fragte Hrodgar noch immer fassungslos. Doch Riglef sah ihn nur skeptisch an.

»Er hätte es sicher tun können. Doch wäre das einer Brüskierung gleichgekommen. Ein paar der Wylfinger schärften bereits die Schwerter und lechzten nach blutiger Rache in Vilms Reihen. Den Bruder von der Schuld freizukaufen, wäre von den Wylfingern als gutheißen aufgenommen worden und hätte die Beziehungen der Clans dauerhaft zerstört. Vilm hatte nur diese Möglichkeit, wollte er Ekgtheows Leben retten, ohne einen Krieg zu provozieren.«

Grinsend fragte Hrodgar nach dem Preis für Ekgtheow, doch das Lachen blieb ihm im Hals stecken, als Riglef ihm trocken antwortete.

»Bei den Göttern, für eine solche Summe könnte man ja ein ganzes Dorf voll Sklaven kaufen!«

Riglef schmunzelte. »Headolaf war ein exzellenter und bedeutender Krieger!«

Eine Weile saßen sie noch zusammen. In der Zeit beauftragte Hrodgar Ælfhere, einige der britannischen Sklaven auszusuchen. Aber Ekgtheow ging ihm nicht aus dem Sinn. Einen guten Krieger zu haben, war für jeden König reizvoll. Doch eigentlich war Hrodgar mit diesen bestens ausgestattet. Noch keinem konkreten Plan folgend, bat er Riglef noch einige Tage zu bleiben und an einem Festmahl teilzunehmen, das er für ihn ausrichten wollte. Dann ritten er und seine Krieger zurück.

An diesem Abend saßen Hrodgar und Ælfhere lange in der Halle zusammen. Der oberste Kämpfer hatte Ekgtheow ein wenig beobachtet, als er die anderen Sklaven auswählte.

»In seinem Blick liegt Trotz und Wut. Sein Körper ist sehnig und gut trainiert. Ist er auch nur halb so gut mit dem Schwert, wie Riglef sagt, sollte man ihn sich nicht als Gegner wünschen.«

»Wie lange wird es wohl dauern, bis ihn jemand kauft?«, Hrodgar stellte die Frage, ohne eine Antwort zu erwarten, »Und wie kann dies schnell für uns zum Nachteil werden, kommt er zu einem Herrn, der schon lange versucht, uns oder unsere Verbündeten zu bezwingen? Wäre es da nicht klug, ihn auf unserer Seite zu wissen?«

Ælfhere nickte. Dann grinste er plötzlich.

»Mein König, ich durchschaue deinen Plan! Du willst Ekgtheow nicht für uns. Und sicher soll ich morgen zu König Hredel reiten und ihn zum Festmahl einladen, habe ich recht?«

Verschmitzt lächelnd nickte Hrodgar.

Wenige Tage später traf Gautenkönig Hredel mit zwei Dutzend seiner besten Krieger ein. Er fürchtete nicht am Hof des Sohnes seines Halbbruders in Gefahr zu sein. Dafür verband beide eine zu enge Freundschaft. Zudem war es Hredels Vater Swerting im Wesentlichen zu verdanken gewesen, dass Hrodgar und seine Geschwister am Leben blieben, nachdem Ingeld, der jüngere Sohn von König Froda, seinen Halbbruder Halfdan, Hrodgars Vater, ermordete.

Halfdans Mutter Lifgun, Tochter des schwedischen König Jorund, war als junges Mädchen von Froda entführt und in Gefangenschaft gehalten worden. In dieser Zeit der Misshandlungen und Vergewaltigungen, entstand Halfdan.

Irgendwann wurde Froda Lifgun überdrüssig und er schickte sie fort. Mit ihr auch den kaum zehnjährigen Halfdan. Drei Jahre später wurde Ingeld geboren. Und anders als Halfdan, sah Froda den Jüngeren als seinen einzig wahren Sohn an.

Lifgun heiratete den gautischen Häuptling Swerting und wähnte sich und ihren Sohn in Sicherheit. Einige Jahre schienen sie auch Froda und die Zeit mit ihm hinter sich gelassen zu haben. Inzwischen hatte Halfdan Sigrith geheiratet und sie waren stolze Eltern von zwei Söhnen, Hrodgar und Halgas, sowie drei Töchtern, Orda, Signy und Jorunn.

Eines Tages legte der erst siebzehnjährige Ingeld Halfdan einen Hinterhalt und ermordete ihn hinterrücks. Dann ritt er fast gelassen und in aller Ruhe zu dessen Hof, um sich Sigrith zur Frau zu nehmen, Halfdans Kinder zu töten und sich so den alleinigen Thronanspruch nach Froda zu sichern. Gerade noch rechtzeitig gelang es Sigrith, ihre Kinder fortbringen zu lassen. Mit ihren engsten Vertrauten schickte sie die Kinder zu ihrer Schwiegermutter und Swerting, um bei ihnen Schutz zu erbitten. Diese zögerten nicht und versteckten Halfdans Kinder bei Swertings einstigem und nun schon betagten Ersten Krieger, Vivil, der sich auf der Insel Hveen zur Ruhe gesetzt hatte. Dort konnten sie sicher aufwachsen. Mithilfe seiner gautischen Verbündeten gelang es Hrodgar schließlich, sogar Froda einen Teil seines Landes abzunehmen. So herrschte Hrodgar nun zwar nicht als König über das gesamte Land, das seinem Vater zugestanden hätte, aber zumindest über Sjælland. Natürlich tobten Froda und Ingeld darüber. Sie wussten aber auch, dass es zu riskant war Hrodgar anzugreifen, solange er ein solch enges Bündnis mit seinem Halbonkel Hredel hatte.

Mit fester und freudiger Umarmung begrüßten sich die beiden Könige. Schon länger hatten sie einander nicht gesehen und so gab es vieles, was sie sich zu erzählen hatten. Darum lud Hrodgar Hredel auch ohne Umschweife in seine Halle ein.

Zur Feier des Wiedersehens ließen sie sich Met einschenken und prosteten einander zu. Bis Hredel bemerkte, dass Ælfhere nicht mit ihnen trank.

»So ernst heute? Komm und setz dich zu uns. Lass mich hören, wie es deiner Frau und den Kindern ergeht!« Seit wenigen Jahren war Ælfhere mit Hrodgars Schwester Orda verheiratet und sie hatten bereits drei Kinder, die lebhaft die Siedlung aufzuwirbeln verstanden. Doch Hrodgars oberster Kämpfer winkte höflich ab. Er habe noch eine Aufgabe vor sich, für die er einen klaren Kopf benötige. Zwar stutzte Hredel für einen Augenblick, ließ sich aber gleich wieder von einer Anekdote Hrodgars in den Bann ziehen, über die sie am Ende laut und herzhaft lachten.

Am Nachmittag kündigte einer der Krieger die Ankunft von Riglef an. Hrodgar hatte den Händler gebeten, zum Festmahl mit seinem kostbaren Sklaven zu erscheinen und so führten Riglef und vier seiner Männer den gefesselten Ekgtheow auf den Platz vor der Halle.

Mit einem kurzen Nicken zu Ælfhere, der sich abwendete und hinausging, beugte Hrodgar sich sodann zu Hredel und flüsterte verschwörerisch: »Ich bin gespannt, ob wir gleich einen guten Kampf sehen. Wenn Riglef die Wahrheit sprach, sollten wir bestens unterhalten werden!« Hredel zog die Augenbrauen hoch und lächelte. Dann stießen sie nochmals an, leerten die Becher und gingen hinaus.

Dort hatten die Bewohner der Siedlung bereits einen großen Kreis gebildet, in dessen Mitte Ekgtheow stand. Vor ihm, am Boden, Schwert und Schild. Noch waren seine Hände zusammengebunden. Ælfhere umrundete ihn in nächster Nähe und man konnte sehen, wie er den jungen Mann abschätzte, der mit starr nach vorn gerichtetem Blick einfach nur dastand.

Dicht das Gesicht vor Ekgtheows, blieb Ælfhere vor ihm stehen, zwang ihn, in seine Augen zu sehen und zischte: »Ich bin aus dem Clan der Waegmundis, wie du. Willst du ein gutes Leben führen, dann beweise jetzt, wie du kämpfen kannst. Hier, mit mir. Vielleicht haben wir dann eine Verwendung für dich.«

Nichts in Ekgtheows Blick verriet, dass er Ælfhere zugehört hatte. Und nachdem seine Fesseln von diesem durchschnitten wurden, stand er weiterhin einfach da und starrte in die Ferne. Ælfhere ließ sich aus der vorderen Reihe von einem seiner Krieger Schwert und Schild geben, dann baute er sich wenige Meter vor seinem jungen Clansmann auf und rief: »Mögen die Götter Freude an unserem Kampf haben!«

Auch Hredel und Hrodgar hatten sich nun eingefunden und standen in vorderster Reihe. Während der gautische König noch zu enträtseln versuchte, wer der Junge war, den Ælfhere herausforderte, flüsterte Hrodgar ihm bereits zu, was er über Ekgtheow wusste. Diesmal erstaunt, zog Hredel wieder die Augenbrauen hoch und war nun seinerseits gespannt auf den Kampf. Noch immer machte Ekgtheow keine Anstalten, nach den Waffen zu greifen. Ælfhere hatte es satt, weiter zu warten und stürmte auf den jungen Mann zu. Kurz bevor er sein ausholendes Schwert gegen ihn führen konnte, warf Ekgtheow sich in einer einzigen fließenden Bewegung zu Boden, griff nach dem Schwert und war bereits wieder auf den Füßen, bevor Ælfhere sich zu ihm umdrehen konnte. Das Schild ließ der junge Waegmundi unbeachtet liegen. Der Kampf konnte beginnen.

Und wie er begann! Beide Männer parierten mit großem Geschick die Schläge des Gegners. Nach außen zornig wirkend, strahlte Ælfhere innerlich fast, so sehr freute es ihn, dass Riglef nicht zu viel versprochen hatte. Ekgtheow war wirklich ein sehr guter Kämpfer, der es Hrodgars erfahrenstem Kämpfer nicht leicht machte. Es schien, als ahnte Ekgtheow jede von Ælfheres Bewegungen im Voraus. Keuchend umrundeten sie sich immer wieder, um gleichzeitig anzugreifen. Fast wirkte es wie ein fein einstudierter Tanz zweier mächtiger Krieger und die Menschen um sie herum hielten immer wieder erwartungsvoll die Luft an. Minutenlang klirrte das Eisen aufeinander. Immer und immer wieder. Und während Hrodgar sich bereits fragte, ob dieser Kampf bis zum Abend und die ganze Nacht hindurch dauern würde, strauchelte in vorderster Reihe der Zuschauer ein Mann. Ælfhere musste ausweichen, kam ins Stolpern und fiel auf den Rücken. Blitzschnell wollte er wieder auf die Füße springen, als er bereits die kalte Schwertklinge Ekgtheows an seiner Kehle spürte. Für einige Herzschläge lang herrschte atemlose Stille auf dem Platz. Dann begann Ælfhere zu lachen. Erst kehlig, dann lauter und immer lauter. Er ließ sein Schwert los, nickte Ekgtheow anerkennend zu und reichte ihm seinen Arm empor, damit dieser ihm aufhelfen konnte. Der junge Mann griff sofort zu und zog den Älteren in die Höhe. Lobend und immer noch lachend schlug Ælfhere Ekgtheow auf die Schulter. Dann nickte er Hrodgar zu und zog den jungen Mann mit sich, damit sie sich an der Viehtränke waschen konnten. Die Menge löste sich auf und Hredel wandte sich an Hrodgar.

»Beeindruckend! Willst du ihn kaufen?«

Hrodgar lächelte.

»Ja, das will ich. Doch ich dachte, dass ich ihn dann dir überlasse und du ihn für dich sicherst. So haben wir beide etwas davon, denn dann habe ich diesen Jungen nie als Gegner zu fürchten. Und ich kann mich endlich erkenntlich zeigen, für deine Unterstützung, als ich damals meinen Thron eroberte.«

Beide Könige lachten und Hredel versicherte, dass dies nach einem guten Plan klang.

An diesem Abend gab es unter den Männern wohl keinen, der unzufrieden war. Selbst Ekgtheow begann langsam aus sich heraus zu kommen. Mit Ælfhere und den anderen Kriegern saß er vor den vollen Bechern und sie feierten lachend Ekgtheows neue Dienste am gautischen Hof. Hredel hatte den jungen Mann kurz zuvor zur Seite genommen und ihm als weiteren Anreiz einen Hof und eine Frau aus angesehener Familie versprochen.

Hrota

Rynestad, Frühjahr 487

Ekgtheow schaute missmutig auf die vor ihm stehende Schale. Auch wenn um ihn herum all die Menschen in der Halle Hredels aßen und lebhaft schwatzten, hatte er selbst keinen Appetit. Er war wütend und konnte nicht einmal sagen, auf wen. Seinen Bruder, der ihn in die Sklaverei geschickt hatte? Riglef, der ihn in Ketten legte? Hrodgar, der ihn gekauft und verschenkt hatte? Oder auf Hredel, der ihn mit in seine Siedlung am Ufer des Kattegat nahm? Ekgtheow war auf sie alle wütend. Nur nicht auf sich selbst. Dieser aufgeblasene Headolaf hatte bekommen, was er verdiente. Was machte es da für einen Unterschied, ob er ihn nun in der Halle beim Trinken tötete oder im Zweikampf auf dem Platz davor?

Noch in Sjælland hatte man ihm die Fesseln abgenommen. Hredel behandelte Ekgtheow, als wären sie alte Freunde, die sich lange nicht gesehen hatten. Dabei kannten sie sich nicht und der junge Heißsporn hatte auch keine Lust, den Gautenkönig näher kennenzulernen. Aber was hätte er schon tun können? Seine Heimat lag viele Tage Seereise entfernt und dort gab es für ihn keinen Platz mehr. Selbst wenn Riglef das Wergeld überbracht hätte. Ob er wollte oder nicht, er musste sich damit abfinden, nun diesem Gauten verpflichtet zu sein. Und das verstimmte ihn.

Alle Menschen hier begegneten Ekgtheow freundlich und neugierig. Er war für sie einfach ein nicht unwillkommener Neuer in ihrer Mitte, der zudem berühmt-berüchtigt für seine Kampfkünste war.

Das Mahl war beendet, Frauen räumten Schüsseln und Schalen ab, um sie draußen zu säubern und die Männer ließen sich die Trinkbecher neu füllen.

Hredel stand auf und wies auf Ekgtheow. Die eben noch geführten Gespräche in der Halle verstummten und alle Augen richteten sich auf den König.

»Begrüßen wir einen neuen Krieger in unserer Mitte: Ekgtheow, Nachfahre aus einer uns allen bekannten und verehrten Linie. In seinen Adern fließt das Blut von Hrodmund, Hengest und Horsa, den Neffen von Hnaef und Hildeburh!«, bei der Nennung all der berühmten und von den Menschen so geachteten Namen ging ein ehrfürchtiges Raunen durch die Halle und sämtliche Blicke ruhten anerkennend auf Ekgtheow, »Die Götter entschieden, seinen Weg zu uns zu weisen und es ist mir eine Freude, ihn bei den Gauten aufzunehmen. So er es denn selbst will! Also frage ich dich, Ekgtheow«, dabei fixierte er den jungen Mann, der noch immer missmutig vor sich hinstarrte, »willst du mir den Treueeid schwören und mich als deinen König anerkennen?«

Nur das Knacken brennender Holzscheite im Feuer, das in der Mitte der Halle prasselte, war zu hören. Langsam hob Ekgtheow den Blick, starrte erst Hredel mit finsterem Gesicht an, dann die anderen Gauten, die ihn beobachteten. Man konnte erkennen, wie es in Ekgtheows Kopf arbeitete. Dann erhob er sich langsam, atmete tief durch, richtete sich gerade auf und schritt auf König Hredel zu, um direkt vor ihm Knie und Haupt zu beugen.

»Mein König, ich erkenne dich an und gelobe, dir ein treuer Krieger zu sein!« Es fiel ihm schwer, diese Worte zu sprechen. Doch er wusste, eine Gelegenheit wie diese würde er nicht wieder bekommen. Hredel lachte leise, reichte dem jungen Mann die Hand und bedeutete ihm so aufzustehen. Dann umarmte er ihn fest und sprach mit lauter Stimme: »Dann ist es besiegelt! Und um unser Band zu festigen, werde ich dir einen Hof überlassen, der dich und dein Geschlecht nähren soll. Auch eine Braut verspreche ich dir hier und jetzt. Meine eigene Tochter, Hrota, soll dein Weib werden. Es ist mir eine Ehre, mit einem Nachkommen deiner berühmten und starken Linie verbunden zu sein. Möget Ihr einst kräftige Söhne zeugen!«

Zur Bekräftigung ihres Einverständnisses hieben die Männer in der Halle mit den Fäusten auf die Tische. Es war ein gleichmäßiges Trommeln, das sie zu Zeugen des eben geschlossenen Bündnisses machte.

Freundschaftlich schlug Hredel Ekgtheow auf die Schultern, wies dann auf den leeren Platz neben sich und bedeutete dem jungen Mann, sich zu setzen. Dann begann eine ausgelassene Feier, in deren Verlauf Ekgtheow auch seine üble Laune abzulegen vermochte. Mit jedem weiteren geleerten Becher hob sich seine Stimmung und schließlich lagen sich der König und sein zukünftiger Schwiegersohn lachend und lallend in den Armen.

Am nächsten Morgen wachte Ekgtheow auf einer der Bänke in der Halle auf. Um ihn herum schnarchten noch einige Krieger. Langsam, sich den Kopf reibend, erhob er sich und wankte noch leicht, als er hinaus ins Freie ging. Das Sonnenlicht blendete ihn und fuhr ihm wie ein Blitz in den dröhnenden Schädel. Zum Glück war es nicht weit bis zum Brunnen, an dessen Rand ein bereits gefüllter Ledereimer mit Wasser hing. Zuerst schöpfte er sich mit beiden Händen das kalte Nass ins Gesicht, dann übergoss er sein Haupt gänzlich. Sich schüttelnd und prustend, japste er nach Luft. Sein Körper stand für einen kurzen Moment wie unter Schock. Doch genau diesen benötigte Ekgtheow, um munter zu werden. Triefend nass sah er sich um. Die Frauen schienen sehr geschäftig zu sein, gingen Arbeiten nach und kümmerten sich nicht um den nüchtern werdenden Krieger am Brunnen. Nur ein etwa siebenjähriges Mädchen, das neben zwei Kleinkindern am Boden stand, starrte ihn an. Ekgtheow starrte zurück. Und so fixierten sie einander eine kleine Weile, bis der junge Mann das Mädchen anbellte: »Was glotzt du so?«

Die Augen der Kleinen verdüsterten sich. »Du bist alt!«, stellte sie unverblümt fest und fast musste Ekgtheow lachen.

»Im Vergleich zu dir mag ich alt sein. Aber hier gibt es dutzende ältere Männer. Begrüßt du diese ebenso freundlich?«

»Die sind mir egal. Aber du bist alt!«

Jetzt musste Ekgtheow tatsächlich lachen. »Und warum stört dich ausgerechnet an mir mein Alter?«

»Weil ich so einen alten Mann nicht heiraten will!«

Erst lachte der Krieger noch ein wenig lauter, weil ihn das Mädchen amüsierte. Doch schlagartig durchzuckte ihn eine Ahnung und er wurde still. »Wie heißt du, Kind?«

Trotzig schob sie das Kinn vor, schnaubte, doch dann stieß sie aus: »Ich bin Hrota, deine Braut. Und ich will einen so alten Mann nicht heiraten!« Mit diesen Worten beugte sie sich hinunter, nahm das jüngere Kind auf den Arm, fasste das wenig ältere an der Hand und zog es eilig mit sich fort.

Ekgtheow blieb erstarrt am Brunnen stehen und blickte ihr fassungslos nach.

Wütend trat Ekgtheow gegen einen kleinen Holzstoß, der neben dem großen Herdfeuer in der Halle lag. Wild gestikulierend marschierte er hin und her. Fluchend, sich dabei die Haare raufend, stieß er schließlich an Hredel gewandt aus: »War das dein Plan? Ein Kind? Ist das ein übler Scherz, mit dem du mich bloßzustellen versuchst?«

Hredel blieb gelassen und antwortete ruhig, wenn auch mit drohendem Unterton: »Du weißt, es ist nicht unüblich, Kinder früh zu verheiraten. Ich gebe dir meine einzige Tochter zur Frau. Eine Ehre, für die sich alle Stammesfürsten, einschließlich der Svear, in Schlachten stürzen würden. Und du lehnst sie ab, als sei sie eine Schande? Wenn dies also ist, was du willst, werden wir die gegenseitigen Versprechen zurücknehmen. Ich bin mir sicher, wir werden Dienste finden, die du auch als Sklave erfüllen kannst.«

Abrupt blieb Ekgtheow stehen und starrte den König finster an. Natürlich war ihm bewusst, dass Hredel ihm eine große Ehre zuteil werden ließ, indem er ihm die Tochter zur Frau gab. Er hatte nur nicht erwartet, dass diese noch so jung war. Diese Erkenntnis kam zu plötzlich für ihn. Was sollte er mit einem Kind anfangen? Am wenigsten jedoch, gefiel ihm die Aussicht, wieder versklavt zu werden. Fast resigniert kam er ein paar Schritte auf Hredel zu und keifte zornig: »Wie stellst du dir vor, soll diese Verbindung vonstattengehen? Ich lege mich doch nicht zu einem Kind aufs Lager!«, dabei spie Ekgtheow zu Boden.

Hredel lächelte.

»Nein, du wirst dich erst zu ihr legen, wenn sie alt genug ist. Sieben Winter hast du dich noch zu gedulden und dich ihrer und damit auch meiner Sippe würdig zu zeigen. Das Land, das ich dir gebe, ist nicht weit von hier entfernt. Lass es gedeihen und sorge dafür, dass du davon eine eigene Sippe ernähren kannst. Meiner Tochter soll es an nichts fehlen, wenn sie als deine Braut die Schwelle deiner Tür überschreitet. Ich werde ein Auge auf dich haben. Zeigst du dich unwürdig für Hrota, geht es für dich zurück ins Sklaveneisen.« Damit war für den König alles gesagt und er verließ die Halle, in der Ekgtheow noch eine Weile zeterte und tobte. Er wusste aber auch, dass er es hätte schlechter treffen können als mit König Hredel als Schwiegervater. So befahl er einige Tage später die von Hredel bestimmten Sklaven zu sich und hieß sie, mit ihm den weiter im Landesinneren gelegenen Hof zu beziehen. Kaum mehr als eine Stunde brauchten sie, um dort anzukommen. Es gab nur ein kleines Langhaus, dafür aber zwei weitere Hütten, die als Lager und Unterkunft für das Gesinde dienen konnten. Umgeben war der Hof von sanften Hügeln und Kiefernwäldern.

Hrodgars Flucht

Sjælland, Spätsommer 487

»Es wird eine große Verantwortung, die wir zu tragen haben«, Ælfhere blickte seinem Weib tief in die Augen. Orda seufzte.

»Mein Bruder mag einen Weg gehen, den wir alle nicht gutheißen können, aber ich verstehe ihn.« Sie nickte bedächtig vor sich hin. Dann stand sie auf und ging zum Topf, der über der Feuerstelle hing, schöpfte mit einem Holzlöffel etwas vom Getreidebrei in eine Schale und stellte diese vor ihren Mann.

Am Nachmittag hatte Hrodgar Ælfhere gebeten, ihn auf einen Ausritt zur Bucht zu begleiten. Dort setzten sie sich ans Ufer und nach einer Zeit des Schweigens eröffnete Hrodgar seinem Freund, dass er Sjælland für eine Weile verlassen wollte, um nach Ost-Anglien zu gehen.

»Wirst du zurückkehren?« Ælfheres Stimme klang skeptisch. Er wusste, dass sein König und Schwager vor Deofla und Grendel zu fliehen versuchte.

Hrodgar starrte lange schweigend in die Ferne, auf die Wellen der an diesem Tag etwas aufgebrachten See.

»Ein Teil von mir will nicht gehen«, der König kniff die Augen zusammen und vermied den Blickkontakt zu Ælfhere, »Ich habe lange darüber nachgedacht, ob es eine Flucht ist. Und feige will ich nicht wirken. Aber ich muss die Dinge auch sehen, wie sie sind. Vielleicht habe ich den längsten Teil meines Lebens bereits hinter mir gelassen. Wann die Nornen meinen Lebensfaden durchtrennen, werde ich erst in dem Augenblick wissen, da es geschieht. Doch sollte dies bald sein, wird Grendel mir auf den Thron folgen, da ich keinen legitimen Erben habe. Der Junge ist unbeherrscht und niemand will mit ihm zu tun haben. Außer seiner Mutter, die selbst dafür sorgt, dass sie und er mit Furcht gemieden werden. Kann ich also verantworten, mein Volk diesen Kreaturen zu überlassen? Ich muss eine Frau nehmen, die mir gesunde und fähige Erben schenkt. Doch das würde Deofla nicht zulassen. Ich traue ihr alles zu, wenn sie so ihre eingebildete Macht bewahren kann. Mag es also wie eine Flucht wirken, ist es doch meine einzige Aussicht, unserem Volk einen Nachfolger zu geben, der geeignet ist, die Verantwortung zu tragen. Dabei hoffe ich darauf, schnell ein geeignetes Weib zu finden, um zurückkehren zu können.«

Ælfhere hatte einen knurrenden Laut von sich gegeben, als Hrodgar über die Gefahr sprach, dass Grendel einst den Thron besteigen könnte. Diese Aussicht ließ selbst den erfahrenen Krieger erschauern. Nicht, weil der Junge so verwachsen und ungestaltet war. Vielmehr lag es an seinem Wesen. Sein Verstand wirkte, als fehle er gänzlich. Wie ein Tier, das rein vom Instinkt des Überlebens gesteuert wurde, nahm er sich was er wollte und beantwortete Gegenwehr mit Gewalt. Gedanklich versuchte Ælfhere sich auszumalen, wie das Schicksal der Menschen wohl aussähe, würde Grendel zu ihrem Anführer werden. Unwillkürlich kroch ihm ein Schauer über den Rücken. Kaum etwas fürchtete dieser gestandene Krieger. Schon gar nicht den Tod, der ihn nach Walhalla, an Odins Tafel bringen würde. Aber in Treue zu Hrodgar diesem Monster verpflichtet zu werden, das in seiner Vision unbeherrscht in der Lage wäre, die Menschen, die es doch schützen sollte auszurotten, machte ihm eine Angst, wie er sie nicht einmal als Junge vor seiner ersten Schlacht verspürte. Sein König, Weggefährte und Schwager hatte recht. Er musste für einen Erben sorgen, der seinem Vater ein würdiger Nachfolger wäre. Und das konnte er nur außerhalb von Sjælland.

Seufzend drehte er sich zu Hrodgar, klopfte ihm die Schulter und versicherte, alles in seiner Macht Stehende zu tun, um ihn bis zur Rückkehr zu vertreten. Mochte das auch ein Kampf für sich mit Deofla werden.

Grendels Mutter nahm Hrodgars Mitteilung, eine Weile nach Ost-Anglien zu gehen, mit gemischten Reaktionen auf. War sie eben noch äußerlich gelassen und freute sich schon fast, den Mann, der ihr und ihrem Sohn nicht den Stand zusprach, den sie für sich beanspruchten loszuwerden, gelang es ihr nun kaum mehr die Wut zu unterdrücken, als Hrodgar verkündete, dass Ælfhere ihn vertreten würde und sein Wort Gesetz wäre. Natürlich war ihr bewusst, dass ein Mann zum Vertreter erklärt werden musste. Aber ausgerechnet Ælfhere war ihr immer schon ein Dorn im Auge, weil er ihr furchtlos die Stirn bot und sie behandelte, als sei sie nicht mehr als die Schankmaid von einst statt die Mutter des Königssohnes. Ihr waren die Gründe, die Hrodgar nannte, um nach Ost-Anglien zu gehen, egal. Angeblich wollte er Ekgtheows Vater Hryp und dessen älteren Sohn Vilm unterstützen, um im noch recht jungen Reich die Machtposition zu stärken. Was interessierten sie die Hahnenkämpfe der Kleinkönige, die nach der Vereinigung von Norfolk und Suffolk zu Ost-Anglien die Sporen schärften, um den vereinigten Thron für sich zu beanspruchen? Noch weniger konnte sie sich vorstellen, was Hrodgar dabei für einen Einfluss nehmen sollte. Doch sie hoffte sogar darauf, dass er in den Streitigkeiten zu Schaden kommen und nicht mehr zurückkehren würde. Dann wäre der Thron frei für ihren Sohn und auch Ælfhere könnte dies nicht verhindern. Allerdings wäre der Schwager von Grendels Vater auch der Erste, der zu verschwinden hätte. Und Deofla sorgte sich bereits ein wenig, wen sie für sich gewinnen könnte, um den Krieger aus dem Weg schaffen zu lassen, sollte die ersehnte Nachricht in Sjælland ankommen, dass Hrodgar tot sei. Ælfhere genoss ein hohes Ansehen und er war im Kampf gefürchtet. Wohl oder übel müsste sie selbst das Schicksal leiten und mit der Todesbotschaft dafür sorgen, dass Ælfhere und seine Sippe ihrem Herrn schnell nachfolgten. Was würde es für ein Entsetzen sein, stürben sie alle so plötzlich, weil Orda nicht erkannte, Mutterkorn im Roggenmehl verarbeitet zu haben? Mit diabolischem Grinsen ließ sich Deofla auf ihr Lager fallen. Sollte Hrodgar doch mit dem Schiff an Ost-Anglien vorbei und bis an den Rand der Welt fahren, um dort in die Unendlichkeit zu stürzen. Es war ihr gleich. Sie musste nun lediglich Geduld haben und alles vorbereiten. Darauf, über Hrodgars Ableben Bestürzung vorzutäuschen, bei Orda, Hrodgars Schwester, tiefe Trauer zu mimen und ihr Getreide heimlich mit genug Mutterkorn zu versetzen. Und dann würde sie dafür sorgen, dass Grendel den Thron bestieg. Ihr war selbst bewusst, wie wenig geeignet er zum Herrschen war. Aber dafür hatte er ja seine Mutter.

Noch bevor die Herbststürme dauerhaft die Meere aufwühlen würden, stach Hrodgar mit fünf Dutzend Kriegern auf seinem Langboot in See.

Die letzten Wochen galten den Vorbereitungen und der König hatte viele Nächte mit Ælfhere zusammen gesessen, um zu besprechen, wer Hrodgar begleiten würde.

Die Erfahrungen des erfahrenen Kämpfers, sein geschultes Auge und der gute Instinkt, hatten ihn Krieger auswählen lassen, die weder zu wenig Kampferfahrung hatten, noch unverzichtbar in Sjælland waren. Tatsächlich rechneten sie auch kaum damit, an ernsten Kämpfen teilnehmen zu müssen. Hryp und Vilm hatten bereits einen gut gefestigten Stand in ihrem Reich. Das wusste Hrodgar von Hredel, der sein Wissen wiederum von Ekgtheow bekam. Aber es galt eine Tarnung für die Reise aufrechtzuerhalten, damit niemand Hrodgars wahren Gründe erahnte. Und so standen schließlich die Menschen am Ufer und sahen dem langsam gen Kattegat entschwindenden Schiff nach, während Ælfhere und eine Reihe Krieger rhythmisch, in einem Donner ähnlichen Takt, die Schwerte gegen die Schilde schlugen. Sollte das Trommeln die Ohren der Götter erreichen, um Hrodgar und seine Mannen sicher über die Meere zu geleiten.

Hrota und Ekgtheow

Rynestad, Frühjahr 494

Der siebte Winter war ins Land gegangen und hatte es wieder verlassen. Ekgtheow spürte die letzten Monate eine wachsende Unruhe, denn mit dem einziehenden Frühling würde nun auch seine Frau auf seinen Hof kommen und bleiben. Bisher war sie noch nicht einmal hier gewesen.

In den letzten beiden Jahren hatten Hredel und seine Frau, Syn, dafür gesorgt, dass Hrota und Ekgtheow sich öfter sahen. Mal gab es ein Festgelage, bei dem Hredel seinen Schwiegersohn an seiner Seite sitzen ließ und der Tochter auftrug, für volle Becher von Vater und Gatten zu sorgen. Mal wurde Hrota von Syn mit zusätzlicher Verpflegung zum Platz vor dem Holzwall der Stadt geschickt, um ihrem Mann eine Stärkung zu bringen, nachdem er wieder einmal den Jungen Kniffe für den Kampf gezeigt hatte. Stoisch schweigend, spielte das Paar mit. Sie erfüllten die Erwartungen von Hrotas Eltern, indem sie den Anweisungen folgten. Aber darüber hinaus waren sie zu stolz, ihren einstigen Schwur, nie miteinander so etwas wie ein Ehepaar zu sein, zu brechen. Fast schien es, als sei die Einhaltung ihrer persönlichen Eide wichtiger als die Schwüre selbst, denn beide ertappten sich zunehmend, wie sie einander heimlich beobachteten und dabei keinen Hass mehr aufeinander empfanden. Dabei blieb es bei Gleichgültigkeit dem anderen gegenüber. Vielleicht sogar vermischt mit etwas Neugier. Doch das war eben etwas, was sie für sich im Inneren hüteten. Auf keinen Fall sollte der andere bemerken, dass die Abneigung mit jedem Jahr mehr schwand. Und das untermauerten sie in einem regelrechten Wettstreit, einander spitze Bemerkungen an den Kopf zu werfen, wann immer es unausweichlich war, miteinander Kontakt zu haben.

Im letzten Sommer erstarb das anfängliche Lachen der jungen Krieger, als Hrota dem barbrüstigen und verschwitzten Ekgtheow einen Krug Wasser überreichte und dabei angewidert zischte, dass er stinke. Die Jungen hatten großen Respekt vor dem Schwiegersohn ihres Häuptlings und lachten aus Bewunderung über die Unerschrockenheit des Mädchens. Als Ekgtheow jedoch den Krug nahm und das Wasser über sich ergoss, statt es zu trinken, danach Hrota mit regungsloser Miene den leeren Krug zurückgab und knurrte, warum sie dann nicht die Luft anhielte, bis ihr der Atem ausginge, standen sie stumm und mit offenen Mündern starrend da.

»Ich habe es schon versucht«, erwiderte das Mädchen trocken, »aber selbst die Besinnungslosigkeit flieht vor deinem Gestank!«

Als sie sich langsam umdrehte und mit hocherhobenem Haupt davon schritt, rief Ekgtheow ihr nach, sie könne sich doch beim nächsten Mal Mund und Nase mit Wachs versiegeln. Nur er selbst nahm das kaum einen Wimpernschlag andauernde Stocken Hrotas wahr, bevor sie weiterging, ohne sich noch einmal umzudrehen und etwas zu erwidern.

Als er abends auf seinem Lager lag, schlich sich die Szene wieder in seinen Kopf. Erst triumphierte er innerlich, weil er an ihrem kurzen Zögern erkannte, diesmal den Treffer auf seiner Seite verbucht zu haben. Doch dann wurde ihm bewusst, wie sein geistiges Auge sie gedanklich verfolgte und von oben bis unten betrachtete. Angefangen beim dicken rothaarigen Zopf, der unter dem Kopftuch lang über ihren Rücken fiel, bis hin zu den Hüften, die begannen, sich wohlig zu runden und bereits jetzt eine sehr begehrenswerte Figur zeigten.

Abend für Abend schlich sich ihr Anblick in seine Gedanken, ohne dass er etwas dagegen hätte tun können. Und das machte ihn wütend, denn er spürte ein keimendes Verlangen nach diesem Biest, das schon bald auf den Hof ziehen würde. Zornig schritt er am Ende der Woche zum Hafen, packte eine der Fischertöchter, die ihm in den letzten Jahren die eine oder andere Nacht versüßte, am Handgelenk und zog sie hinter einen der Lagerschuppen abseits des Trubels. Dort drückte er sie bäuchlings gegen die Hinterwand, nestelte ihr Kleid empor und nahm sie sowohl kurz als auch heftig. Als er sich danach die Bruoch und Tunika ordnete, drehte sie sich grinsend zu ihm um.

»Sagtest du nicht, dir liegt nichts an ihr?«

Die körperliche Erleichterung hatte nicht vermocht, ihm auch die Wut zu nehmen. So blitzte er das dralle Mädchen nur mit eng zusammen gekniffenen Augen an und bellte, dass er nicht wüsste, was es meine. Sie aber lachte nun laut auf.