DER GEHIRNERSCHÜTTERTE HERR CAMENBERT - Erhard Schümmelfeder - E-Book

DER GEHIRNERSCHÜTTERTE HERR CAMENBERT E-Book

Erhard Schümmelfeder

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Beschreibung

Herr Camenbert lebt friedlich-vergnügt mit der Stubenfliege Melanie Kafka auf seinem Grundstück am Rande des Bibertals, bis sein Vetter und Nachbar ihm den Krieg erklärt. Ein Schuss aus der Flinte des Schweinebarons Vierbeiner verändert das Leben des tierliebenden Protagonisten. Plötzlich ist nichts mehr wie es einmal war ... Herr Camenbert, von einer kurzzeitigen Gehirnerschütterung betroffen, ist entschlossen, nach dem Mordanschlag Vergeltung zu üben ... Aber wie? - In dieser turbulenten Aussteiger-Groteske werden Mystery-, Krimi, Thriller-, Horror- und Fantasy-Elemente kunstvoll verbunden mit zivilisationskritischem Gedankengut für eine bessere und gerechtere Welt. Das Buch enthält ALLES, was Leser von einem gelungenen Debüt-Romänchen erwarten: Eine interessante und mitreißende Story, sympathische menschliche und tierische Figuren, Spannung, eine poetische Erzählmelodie, einen ganzen Sack voller Ideen sowie unerwartete Wendungen in der Handlung, die einen nachhaltigen Lesegenuss garantieren.

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Seitenzahl: 96

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Erhard Schümmelfeder

DER GEHIRNERSCHÜTTERTE HERR CAMENBERT

oder Das Weiße im Auge des fauchenden Löwen

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

DER GEHIRNERSCHÜTTERTE HERR CAMENBERT

AUS DEM CAMENBERTSCHEN JOHANNESEVANGELIUM

WEITERE BÜCHER DES AUTORS

Impressum neobooks

DER GEHIRNERSCHÜTTERTE HERR CAMENBERT

oder

Das Weiße im Auge des fauchenden Löwen

- Ein Romänchen -

Herr Camenbert lebte friedlich-vergnügt mit der Stubenfliege Melanie Kafka auf seinem Grundstück am Rande des Bibertals, bis ihm eines Tages sein Vetter und Nachbar erneut den Krieg erklärte.

Von der schattigen Hängematte aus, die zwischen zwei Apfelbäumen festgeknotet war, betrachtete Herr Camenbert die umherflatternden Zitronenfalter in seinem sommerlich blühenden Garten, während er gleichzeitig das eigene Leben überdachte: Er besaß ein Stückchen Land, das ihn ernährte, ein Haus, in welchem es sich gut leben ließ, und er genoss die Liebe einer schönen Frau, die seinem Dasein einen angenehmen Sinn gab. Mit einem Gefühl freudiger Erwartung blickte er der Rückkehr seiner Frau Mariebell entgegen, die in wenigen Tagen ihre Kur in Borkum beenden würde. War er ein glücklicher Mensch? Oh ja, das war er!

Ein Schuss, den sein Vetter, Markus Vierbeiner, aus der doppelläufigen Flinte vom Nachbargrundstück abfeuerte, weckte Herrn Camenbert jäh aus seiner tagträumenden Versunkenheit. Augenblicklich begriff er den Ernst der Lage, als der Schütze, dem er tags zuvor noch zum Geburtstag gratuliert hatte, mit Zornesröte im Gesicht das Gewehr wieder auf ihn anlegte und den Zeigefinger der rechten Hand krümmte. Plachchhh((((o))))!!!!, machte es, wobei der luftzerfetzende Knall durch das Bibertal nachhallte.

Aus der schwindelnden Höhe von einhundertvierzig Metern stürzte Herr Camenbert in die Tiefe. Der Aufprall auf dem Baumstamm im Gras löste durchdringende Schmerzen in Brust und Kopf aus. Bin ich tot?, dachte er auf dem Rücken liegend, vergeblich bemüht, sich aufzurichten. Er hörte das Summen der umherfliegenden Bienen, das Zirpen der Grillen und den jubilierenden Gesang der Vögel auf den Bäumen ringsum. Er sah das Blau des Himmels, an dem weiße Schäfchenwolken im Sommerwind dahinzogen. - Stille. War dies sein Ende?

Drehschwindel. Dumpfes Nichts im Schädel. Motorengeräusche. Bald näherten sich Schritte. Stimmen. Man berührte ihn am Arm. Man fragte ihn etwas. Er antwortete unklar. Schließlich legte man ihn behutsam auf eine Tagbahre und brachte ihn zu einem orange-weißen Auto. Tür auf. Tür zu! Die Fahrt zum Krankenhaus mit heulendem Martinshorn nahm Herr Camenbert nur verschwommen wahr.

Einen Tag später ging es ihm bereits besser. Die beiden gebrochenen Brustwirbel würden rasch verheilen. Auch der Bluterguss an der linken Schulter und die oberflächliche Kopfverletzung stellten keine lebensbedrohlichen Gefährdungen dar. Schluckbeschwerden und Halluzinationen aber waren Folgeerscheinungen, die Herr Camenbert dem Sturz aus einhundertvierzig Metern Höhe zuschrieb. Die Versicherung des Stationsarztes Dr. Björn, es handele sich allenfalls um eine Fallhöhe von einhundertvierzig Zentimetern, nahm er zwar zur Kenntnis, blieb aber dennoch skeptisch, denn er ließ sich nicht gern ein X für ein U vormachen. Seine berechtigte Frage, ob sich unter dem Kopfverband eine Schusswunde befinde, verneinte Dr. Björn nachsichtig-amüsiert und erklärte ihm die Besonderheiten seiner Erkrankung nach dem Fall:

»Herr Camenbert, die Kopfverletzung, zu der auch die Gehirnerschütterung gehört, ist der Kern Ihres Problems. Wir Mediziner sprechen vom Psychosyndrom. Früher nannte man dieses Krankheitserscheinung Durchgangssyndrom. Zumeist treten die Auffälligkeiten des Durchgangssyndroms nur wenige Tage nach einem überlebten Unfall oder einer Operation in Erscheinung. Was ist zu erwarten? Gelegentliche Verwirrtheitszustände, eingeschränkte Gedächtnisleistungen, Visionen, Irrbilder. Aber das geht bald vorüber. Glauben Sie mir.«

Es fiel Herrn Camenbert schwer, sich den medizinischen Fachbegriff zu merken, den Dr. Björn ihm auf einen Zettel gekritzelt hatte. Das Wort Psychosyndrom war mit zwei blauen Kugelschreiberlinien unterstrichen. Immer wieder vergaß er die pathologische Definition des Wortes, was ihn letztlich veranlasste, den Zettel herunterzuschlucken, um den Erkenntnisgehalt auf diese Weise zu verinnerlichen. Vergebens, wie er bald feststellte. Um dem Geheimnis auf die Spur zu kommen, hätte er sich zu einer unangenehmen Magen-Darm-Spiegelung entschließen müssen, doch so wichtig war ihm der Zettel nun auch wieder nicht. Noch einmal wollte er den Arzt nicht bitten, seinen Zustand zu erklären. Bei den täglichen Visiten verhielt sich Herr Camenbert, als sei er umfassend informiert, obwohl er sich in Wahrheit noch immer im sinnbildlichen Wachkoma befand.

Es missfiel ihm, als gewöhnlicher Unfallpatient behandelt zu werden. Seine wiederholt vorgetragene Frage, ob man seinen Vetter, den Schweinebaron Vierbeiner, bereits festgenommen habe, um ihn vor Gericht zu stellen, beantworteten die Schwestern mit übertrieben bedauerndem Kopfschütteln, wobei sie ihre Lippen jedesmal aufeinander pressten.

Auf wen hatte sein Vetter geschossen? Auf ihn oder seine Katzen? Wie auch immer die richtige Antwort lautete - er würde dafür bezahlen müssen!

Er brachte in Erfahrung, dass Frau Wahrstein, seine Nachbarin, den Krankenwagen gerufen und ein paar Sachen aus seinem Haus für den Klinikaufenthalt zusammengesucht hatte. Indessen weigerte sich Herr Camenbert, den Aufenthaltsort seiner Frau preiszugeben, denn er wollte Mariebell keinesfalls beunruhigen. Vor ihrer Rückkehr nach Hause gedachte er, unbehelligt von Vorwürfen oder moralischen Appellen, seinen Racheplan in die Tat umsetzen und den Nachbarn wie einen tollwütigen Hund zu erschießen.

Verdruss regte sich in Herrn Camenberts Brust, denn er fühlte sich von den Krankenhausdienern unverstanden. Lediglich Melanie Kafka nahm ihn ernst, wenn sie ihm auf seiner Nasenspitze hockend zuhörte, während er in langen Monologen das komplizierte Verhältnis zu Markus Vierbeiner darlegte:

»Glaub mir, Melanie: Manche Leute sind keinen Schuss Pulver wert. Wie mein Vetter. Man verschwende weder Pulver noch Tinte für solche Zeitgenossen, die ihre EINFACHE Herkunft verleugnen, sich über andere Leute erhaben dünken und mit dem Gewehr auf sie schießen.

Wenden wir uns lieber einem erfreulicheren Thema zu. Nehmen wir zum Beispiel die bescheidenen und EINFACHEN Leute. Zu Unrecht gelten sie oft als doof. Natürlich gab und gibt es auch immer EINFACHE Leute auf der Welt, die EINFACH nur doof waren und blieben beziehungsweise nur doof sind und es – aller Wahrscheinlichkeit nach – noch lange bleiben werden. Aber, Melanie, das sind Ausnahmen. Über jene Doofen ist insgesamt nicht viel zu berichten, außer dass es nicht viel zu berichten gibt, weil sie halt doof, manchmal sogar sehr doof erscheinen – wie mein Vetter, der es aber nicht verdient, an dieser Stelle überhaupt erwähnt zu werden. Das Totschweigen ist noch immer die beste Waffe gegen Hochmut. Mein Vetter interessiert mich nicht.

Wo war ich stehen geblieben, Melanie? – Bei den EINFACHEN Leuten, richtig. – Man verachte nicht die EINFACHEN Leute. Ihre geistigen Entfaltungsmöglichkeiten werden von Ignoranten häufig verkannt. Es warenvornehmlich EINFACHE Leute, die durch ihre freigesetzten Energien - kraft ihres Geistes - den Lauf der Welt bestimmten, im positiven wie im negativen Sinne. Eine vollständige Liste anzulegen über EINFACHE Leute, die auf rühmliche oder unrühmliche Weise durch ihr Wirken Einfluss und Macht erlangten oder – vulgärphilosophisch ausgedrückt – die EINFACH nur reich wurden, wäre die Aufgabe für einen emsigen Chronisten der Menschheitsgeschichte:

Melanie, auch dir ist bekannt: Sokrates war ein EINFACHER Mann. James Watt war ein EINFACHER Mann. Van Gogh war ein EINFACHER Mann. Mahatma Gandhi war ein EINFACHER Mann. Thomas Mann war ein EINFACHER Mann. Bill Gates war ein EINFACHER Mann. Mutter Theresa war ein EINFACHER Mann. Die Beatles waren EINFACHE Männer. Selbst der hüftwackelnde Knallkopp Elvis Presley war ein EINFACHER Mann. Unendlich viele EINFACHE Leute strebten aus der Dunkelheit der Anonymität zum Licht und wurden selber zum strahlenden, manchmal auch blendenden Feuerwerk der Weltgeschichte. Das wirst auch du bestätigen können, Melanie. Angeführt wird die Liste EINFACHER Leute von einem Berufs- und Erwerbslosen, der von keiner Arbeitslosenstatistik je erfasst wurde: Dschieseskreist Superstar von Nazareth, Sohneines EINFACHEN Zimmermanns. Seine Biografie ist in jeder gutenBahnhofsbuchhandlung erhältlich.

In keiner guten Bahnhofsbuchhandlung erhältlich ist die Lebensgeschichte meines Vetters. Das freut mich natürlich. Noch mehr freut mich: Mein Vetter weiß, dass seine Biografie in keiner guten Bahnhofsbuchhandlung käuflich zu erwerben ist. Man kann sich schon vorstellen, um was für einen Menschen es sich handelt, wenn seine Biografie in keiner guten Bahnhofsbuchhandlung vorrätig ist.

Dabei benimmt mein Vetter sich, als wäre seine Biografie in jeder guten Bahnhofsbuchhandlung erhältlich. Aber du kannst mir glauben, Melanie, er ist ganz gewiss in keiner guten Bahnhofsbuchhandlung mit seiner Biografie vertreten. Ich habe es nachgeprüft. Zumindest injeder guten Bahnhofsbuchhandlung.

Richtigerweise sollte ich auch einmal prüfen, ob er vielleicht in weniger guten Bahnhofsbuchhandlungen mit seiner Biografie vertreten ist. Aber so weit wird es nicht kommen. Mein Vetter interessiert mich nicht im Geringsten.

Zurück zum Thema, meine liebe Melanie: Viele Emporkömmlinge denken mit Wehmut an ihre EINFACHE Herkunft zurück. Fast jeder Erfolgreiche möchte einmal arm, erfolglos und unbekannt gewesen sein, um die erbrachte Lebensleistung in ihrer Größe und Bedeutsamkeit zu steigern. Bei den zu Ruhm und Geld gelangten EINFACHEN Leuten gibt es solche, die sich ihrer EINFACHEN Herkunft bekennen und es gibt solche, die aus Kalkül ihre EINFACHE Herkunft verleugnen, um sich besser über andere Zeitgenossen erhaben dünken zu können – wie mein Vetter. Er benimmt sich, als besäße er Geld wie Heu. Ich habe mich erkundigt. Er hat gar kein Heu. Hätte er Geld wie Heu, wäre er arm wie eine Kirchenmaus. Das ist sogar folgerichtig. Etwas Geld mag er besitzen, ja – gut, aber nicht so viel wie Heu. Das kann überhaupt nicht sein. Selbst wenn er soviel Geld hätte, wie er uns glauben machen will, ginge es nicht mit rechten Dingen zu. Das sollte man mal genauer überprüfen. Aber ich habe nichts gesagt. Ich halte mich da heraus. Mein Vetter interessiert mich nicht im Geringsten.

Leute, die ihre EINFACHE Herkunft verleugnen und sich über andere erhaben dünken, sollte man auch EINFACH verleugnen. Auf jeden Fall werde ich meinen Vetter standesrechtlich liquidieren.

Das hat er nun davon!

Melanie? Wo bist du? Langweile ich dich? - Sei lieb. Komm zurück zu mir ...«

Herr Camenbert erwachte im Morgengrauen, als ein bedrohlich rumorendes Beben das Bett, in welchem er lag, zu erschüttern begann. Das Bild eines einstürzenden Hauses kam ihm plötzlich in den Sinn. Angstvoll umfasste er die bis zum Hals reichende Decke, hob lauschend den Kopf und ließ seine weit aufgerissenen Augen über die Wände des Krankenzimmers gleiten: Er entdeckte gezackte Risse im weiß tapezierten Mauerwerk, auch rieselte trockener Mörtel von der Decke auf ihn nieder. Der Raum drehte sich langsam im Dämmerlicht. Was hatte das zu bedeuten? Eine Erderschütterung? Irritierte eine wahnhafte Vorstellung seinen Geist? Verlor er gar den Verstand?

Sein Herz verkrampfte sich, Schwindel erfasste ihn, während das Metallbett auf Rädern wankend karussellte. Das Vorübergleiten der Wände mit den Landschaftsbildern des englischen Malers Constable erinnerte ihn an Theaterkulissen, die, von Geisterhänden bewegt, einen Ortswechsel suggerierten. Eine machtvoll heranwalzende Meereswoge, in der für den Bruchteil einer Sekunde eine Haifischflosse sichtbar wurde, schob sich durch das Zimmer. Schäumende Gischt bespritzte das Bett. Im Halbdunkel bemerkte er die Spur der Gummiräder auf dem Boden. Ein gellender Hilfeschrei kam über Herrn Camenberts Lippen, als das Bett, gleich dem rotierenden Sekundenzeiger einer überdimensionalen Uhr, in rasendem Tempo, von fauchenden Blitzen umzuckt, seine Fahrt fortsetzte. Das ist mein Ende, dachte er nur. Er war auf das Schlimmste gefasst.

Doch schneller als er erwartet hatte, endete die unfreiwillige Reise plötzlich, denn das Bett rammte, holterdipolter, während es sich ein Stück rückwärts bewegte, gegen die Westwand des Zimmers.