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Ein Trüffelschwein im Bummelstreik, Vogel Dave erforscht die Menschentiere und Karl wird vielleicht (vielleicht aber auch nicht) von Außerirdischen entführt. Absurd, rätselhaft und ständig stirbt jemand. Warum bilden die Blutspuren an den Wänden ein seltsames Muster? Wie kam es, dass plötzlich alle Möbel aus der Stadt verschwanden? Und wer ist eigentlich dieser Friedbert Erkling? 44 Geschichten. Grotesken, Rätsel und Paranoia. (2. überarbeitete Auflage, Erstveröffentlichung Juli 2019)
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Seitenzahl: 114
Veröffentlichungsjahr: 2026
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Verhältnisse
Der Fliegenklatschenkönig
Der dreitägige Sturm
Bitte nicht nachmachen!
Salatreste
Ronja
Der Giftmörder
Von der Erforschung des Lichts
Das Geräusch beim Treten auf Disteln
Obsession
Möbel
Dave und die Menschentiere
Der gezeichnete Mensch
Die nicht zielgerichtete Handlung des Herbert Hartke
Super-Gnu
Larry, einfach Larry
Der Schaufenstermann
Fridolin und die Pauke
Von der Erforschung der Ehrlichkeit
Irgendwo da draußen
Friedbert Erkling
Emilios guter Riecher
Bummelstreik
Dirk
Alles in Ordnung
Gespräche mit Kojoten
Lorenz und der Berglöwe
Vom Bau der Eisenbahn
Liebe in Konserven
Zeichnungen
Augustin
Das Rumpeln
Der Fotograf
Der Finanzhai
Eingeschneit
Dave II
Fiona
Wo die Bäume Pflanzen sind
Franko
Schlafen
Das merkwürdige Gebilde, ähnlich einem U-Boot mit Bullaugen, das vom Himmel herabschwebte
Inkognito
Joe der Fiesling
Die Beschaffenheit des Panzers der Schildkröte
Als ich in die Küche ging, war ich plötzlich groß.
Mein Kopf war weit über den Dingen und das Spülbecken unerreichbar tief. War ich nicht gestern noch klein gewesen? Wie konnte das sein, dass mein Blick plötzlich so weit über den Dingen lag? Ich war kein Riese, ich war nur erwachsenengroß. Wie steuert man einen so großen Körper? Nun, da ich plötzlich so viel größer war, mussten einige Entscheidungen getroffen werden. Wie hatte es nur dazu kommen können?
Den weiteren Abend verbrachte ich in freudiger Erwartung, die Gewohnheit würde sich einstellen. Doch sie hielt sich fern. Jede Bewegung musste genau durchdacht werden. Nichts war selbstverständlich.
Ich steuerte meinen Körper bei vollem Bewusstsein, versuchte, meine Wahrnehmung zu verändern. Bei dem Versuch, die Verhältnisse wiederherzustellen, schaute ich erneut ins Spülbecken. Plötzlich war es ganz nah. Ich tastete nach vorne und berührte es früher, als ich damit gerechnet hatte, stieß meine Hände leicht am Rand. Ständig krachte ich mit etwas zusammen. Manchmal war ich groß und manchmal klein. Auf der Suche nach konstanten Verhältnissen.
Als ich wieder eine Groß-Phase hatte, geriet ich ins Taumeln, war verloren im Raum, alles war unfassbar weit weg. Ich setzte mich hin und schaute zum Fenster.
Es war nur noch so groß wie ein Bilderrahmen. Da bekam ich Panik, es würde so bleiben, wie es war.
Als die Panik dann unverhofft von der Müdigkeit verdrängt wurde, schlief ich ein.
Als ich aufwachte, war alles wieder normal. Der Fernseher lief noch, war normal-groß, das Fenster auch.
Im Großen und Ganzen stimmten die Verhältnisse wieder. Der finale Test (um absolut sicher zu sein) war der Gang zum Spülbecken. Ich sah hinein und es war annehmbar weit entfernt. Alles wieder in Ordnung. Bis heute ist mir keine Erklärung für die Gegebenheiten dieses Abends eingefallen. Vermutlich bin ich einfach nicht mit den Verhältnissen zufrieden gewesen.
Als die Polizei am Morgen des 4. März zu einem Haus nahe der Akademiestraße gerufen wurde, war schnell klar, dass es sich um einen Mord handeln musste.
Am Tatort fand man ein seltsames Muster vor, das sich über die Wände des Zimmers zog. Merkwürdige Blutspuren, manchmal dünn und manchmal dick. Gelegentlich war ein Tropfen die Wand herabgelaufen.
Aber es waren nicht die gewöhnlichen Spritzer, wie man sie beispielsweise bei Erstechen vorfindet. Solch ein Muster hatten sie noch nie gesehen. Da hörten sie über Funk von einem seltsamen Übergriff, der sich am Vortag ereignet hatte. Die Ärzte im Hospital informierten die Polizei über einen sonderbaren Mann, der am 3. März gegen Nachmittag in die Notaufnahme eingeliefert worden war.
Um die Ereignisse vom 3. März zu verstehen, braucht man Kenntnis über einen stadtbekannten Mann, der sich stolz und voller Eitelkeit der Fliegenklatschen-könig nannte. Seine Sachen waren leicht zerfetzt und schmutzig, auf dem Kopf trug er eine Krone aus Papier. Da er wirklich stets eine Fliegenklatsche mit sich trug (und zwar immer), ließe sich schon in gewisser Weise sagen, dass er tatsächlich der Fliegenklatschen-könig war. Man konnte ihn oft in der Akademiestraße beobachten, wie er tänzelnd durch die Gegend hopste. Er selbst sprach niemanden an. Wenn er aber von jemandem gefragt wurde, was genau er dort trieb, ging er nur oberflächlich darauf ein, erklärte es nicht zufriedenstellend, doch demonstrierte durch wohl gewählte Worte, dass er kein Verrückter war. Nur ab und an, wenn jemand Unsinn redete, haute er ihm mit seiner Fliegenklatsche auf den Kopf.
»Dummkopf!«, sagte er wie ein albernes Kind und stand mit zutraulichen Augen da. Niemand wusste, was er sich davon versprach, doch er hielt den Blick konstant, sah seine kleinen Dummköpfe erwartungsvoll an und schwieg. Die Leute wandten sich irritiert von ihm ab. Dann stand er für gewöhnlich noch eine Weile dort und schaute ihnen nach. Das war der Beweis für ihn: Er konnte tatsächlich zaubern.
Einmal fragte ihn jemand, ob er denn nun der König der Fliegenklatschen sei oder der König mit der Fliegenklatsche.
»Dummkopf!«, sagte er wieder und tätschelte wie gewohnt den Kopf des Fragenden.
Doch dieser wollte das so nicht akzeptieren.
»Antworte! Für wen hältst du dich?«, stieß er aus, packte ihn am Kragen und drückte ihn gegen die Wand.
»Ich bin der Fliegenklatschenkönig, der König mit der Fliegenklatsche!«
Der Fremde schien mit dieser Antwort zufrieden.
Da ließ er locker, drehte sich um, doch der Fliegenklatschenkönig haute ihm erneut (dieses Mal von hinten) auf den Kopf und rief:
»Dummkopf!«
Der Mann wollte sich das nicht gefallen lassen, verlor die Fassung und schlug ihn zusammen. Was für ein leichtfertiger Fehler!
Spät am Abend klingelte es plötzlich an der Tür des Schlägers. Er erwartete keinen Besuch mehr, öffnete dennoch und eine Horde Irrer mit Fliegenklatschen stürmte herein.
»Wir sind die Fliegenklatschengarde des Fliegenklatschenkönigs! Ich bin der Fliegenklatschengeneral!«, sprach einer von ihnen.
Der Schläger wusste nicht, wie ihm geschah.
»Exekutiert ihn!«, fügte der General hinzu und schon klatschten sie den Mann zu Tode.
Am Morgen des 4. März fand man ihn dann in seiner Wohnung. Die Tür stand weit offen, ein Nachbar hatte hineingelinst. Die Fliegenklatschengarde hatte ihre blutigen Fliegenklatschen gegen die Wände geklatscht. Das Muster, das sich dadurch ergeben hatte, war furchteinflößend, ein schreckliches Markenzeichen, nur für besondere Fälle vorgesehen. Dies war einer davon. Der Mann hatte den König attackiert. – Man hatte ein Zeichen setzen müssen.
Am 4. März gegen Mittag: Bei jeder Frage, die die Beamten dem Verdächtigen stellten, haute er ihnen mit seiner Fliegenklatsche (die er sich seit seiner Einlieferung in die Notaufnahme weigerte, abzugeben) auf den Kopf.
»Dummkopf!«, rief er in einem pubertären, unverschämten Ton, der die Beamten an die Grenze ihrer Geduld brachte.
Man drohte ihm mit der Ausnüchterungszelle, mit Haft und Einweisung, doch es schien, als mache er sich keine Gedanken um die Konsequenzen – fast so, als ginge er nicht davon aus, allzu viel Zeit in Gewahrsam zu verbringen. Der Fliegenklatschenkönig schien über den Dingen zu stehen.
»Für Sie immer noch: Eure Majestät!«, fügte er gelegentlich hinzu, wenn die Beamten ihn erneut angingen und die Wahrheit von ihm verlangten.
Am Morgen des 5. März ging ein weiterer Notruf bei der Polizei ein, der Verdächtige habe es geschafft, sich zu entfernen. Trotz der Bewachung durch zwei Beamte vor seinem Zimmer war ein Ausbruch des Monarchen nicht zu verhindern gewesen. Nach Aussagen des Pflegepersonals seien früh am Morgenmerkwürdig gekleidete Männer mit Fliegenklatschen aufgetaucht, die sich vor den Beamten postiert hatten. Bevor diese wussten, wie sie reagieren sollten, wurden sie von der Armee entwaffnet und kampfunfähig geklatscht. Im Hospitalsei Panik ausgebrochen. Da sei der Verdächtige vor die Tür getreten und habe die Hand gehoben. Die Garde habe augenblicklich aufgehört, die Beamten zu klatschen. Er begnadigte sie und schenkte ihnen das Leben. Daraufhin sei der Fliegenklatschenkönig mit seinem Gefolge verschwunden, als wäre es sein gutes Recht, einfach so in der Welt zu verschwinden.
Bis heute wurde er nicht gefasst. Man weiß nicht viel über ihn, doch man weiß (und das ist die einzige Botschaft, die er dem Volk jemals geschickt hat), dass man sich mit dem Fliegenklatschenkönig besser nicht anlegt.
Der Sturm, der bereits seit drei Tagen wütet, hat den Sperrmüll der Nachbarn verwüstet. Die Fenster einer Vitrine wurden so lange hin- und hergeschlagen, bis das Glas gesplittert ist. Eine kleine, kaum bedrohliche Scherbe bohrt sich in die Sohle seines rechten Schuhs, dringt aber nicht bis zum Körper durch. Obwohl er es bemerkt, geht er weiter. Sein Schuh füllt sich bei jedem weiteren Schritt mit Wasser. Nach wenigen Schritten ist seine rechte Socke bereits durchnässt. Einen Block weiter um die Ecke spürt er bereits eine Pfütze in seinem Schuh. Er geht komisch, weil er befürchtet, die Scherbe könnte doch noch bis zum Fleisch vordringen. Das Wasser im Schuh könnte sich mit seinem Blut vermischen und eine seltsame Spur hinterlassen. Jemand könnte bereits wenige Minuten später die Straße entlanggehen, die Blutspur bemerken und verfolgen. Dann würde er ganz schön dumm aussehen, als jemand, der mit einer Scherbe im Schuh einfach weitergeht. Vielleicht würde auch jemand die Polizei rufen. Er möchte nicht in Erklärungsnot kommen und rollt den Fuß auf der rechten Außen-kante ab. Ein paar Mal knickt er fast um, kann sich aber wieder fangen. Die Leute gucken schon. Was die wohl denken? Hoffentlich ist kein Nachbar dabei! Ab und an schaut er sich um. – Noch keine Blutspur zu sehen.
Erst auf der Arbeit (und auch erst in der Pause) zieht er seinen Schuh aus und hängt die Socke zum Trocknen über die Heizung. Wegen der Symmetrie zieht er auch die andere aus und hängt sie dazu. Er wird den Rest des Tages ohne Socken rumlaufen. Immer noch besser als dieses Gefühl von feuchtem Stoff an den Füßen! Die Scherbe ist tatsächlich (wenn auch nur oberflächlich) ins Fleisch eingedrungen. Obwohl er sie problemlos entfernen, die Wunde reinigen und ein Pflaster draufkleben kann, hat sich das wenige Blut (wie erwartet) mit dem Wasservermischt. Auf dem weißen Linoleumboden hat sich eine beängstigende Pfütze gebildet. Als unverhofft Kollege Kemper den Raum betritt, das Blut sieht und so auch ihn, wie er sein rechtes Bein über das linke schlägt und seinen Fuß verarztet, fällt er in Ohnmacht. Er stürzt unglücklich und schlägt sich den Kopf an einem Werkzeugkasten an.
Das war auch schon alles, was sich während des dreitägigen Sturms ereignet hat. Eine genaue Auswertung der Lage liegt noch nicht vor. Allerdings verweisen die ersten Berichte der Kommunen auf einen sehr glimpflichen Ausgang der Geschehnisse. Leichte Verletzungen und Sachschäden waren zu erwarten gewesen. Kollege Kemper ist das einzige Todesopfer, das auf den Sturm zurückzuführen ist.
So richtig überzeugt ist er von der Sache nie gewesen. So richtig überzeugt ist er generell NIE von Sachen gewesen. Sein sehr skeptisches Wesen ließ ihn zweifeln an der Richtigkeit seines Vorhabens. Dabei beschäftigte ihn seit geraumer Zeit das Maß der Dinge.
Konnte es sein, dass er es mit seiner Vorsicht zu weit trieb? Vorsicht sei ja generell eine gute Sache, aber ginge es dabei doch vorrangig darum, Maß zu halten.
Jedenfalls wurde ihm schon oft gesagt, dass er es mit der Vorsicht übertreibe, und langsam fing er an, es mehr und mehr zu glauben. Was für ein seltsames Gefühl! Da hat er sein ganzes Leben daran geglaubt, dass seine Vorsicht der Vernunft gleichkäme, und nun stellte er es infrage. Inzwischen stellte er generell ALLES infrage. Wie dem auch sei: Er packte den Alligator beim Maul und küsste ihn auf den Mund.
»Zimmer Eins Bindestrich Drei.«
Warum immer die hinteren Zimmer?
»Zimmer Eins Bindestrich Vier.«
Er versucht, sich das Mitzählen abzugewöhnen. Doch es gelingt nicht. Die Gänge sind lang und unterwegs überkommt ihn die Langeweile. Er hat dabei schon oft die Zimmernummer vergessen oder was genau er dort zu tun hatte. Bei mehreren Fußmärschen am Tag kommt man da schon mal durcheinander: Glühbirne wechseln, eine Tür klemmt, Bettwäsche nicht nach Belieben. Die meisten Beschwerden kann er nachvollziehen. Er weiß schließlich, wie alles gemacht wird, und auch im Allgemeinen sind Hotels nicht wirklich seine Sache. Also zählt er weiter.
»Zimmer Eins Bindestrich Fünf.«
Wieso hat er eigentlich hier angefangen?
»Zimmer Eins Bindestrich Sechs.«
Früher hat er einfach aus dem Fenster gesehen, wenn er die Gänge entlang gegangen war – nach unten, wo die Hasen sich im Dickichtdes Hofes herumtreiben.
Doch einmal ist er dabei gegen eine Wand gelaufen, ein anderes Mal gegen einen Wäschewagen. Ein Gast hat es gesehen und seitdem lässt er es. Und zählt:
»Zimmer Eins Bindestrich Sieben.«
Er könnte trödeln, der Chef ist unten.
»Zimmer Eins Bindestrich Acht.«
Geschafft. Ein kurzer Blick aus dem Fenster, etwas Aussicht tanken. Er klopft an der Tür, doch niemand öffnet. Jetzt hat er die ganze Strecke hinter sich gebracht und da ist keiner. Wer ruft denn an der Rezeption an und geht dann weg? Er klopft nochmal. Keine Reaktion.
»Ich komme rein!«, ruft er und schließt die Tür auf.
Das ist eigentlich nicht erlaubt, doch wieder nach unten laufen, um den Chef zu fragen, ob er sich vielleicht im Zimmer geirrt habe? Das hat er schon mal gemacht und ihm wurde nur gesagt, dass Fehler generell ausgeschlossen seien. Dann hat er wieder nach oben gehen müssen. Und dann hieß es wieder: Zimmer Eins Bindestrich Eins und so weiter. Dieses Mal spart er sich den Klamauk. Soll der Chef doch endlich diese Funkgeräte besorgen, die er ihm schon so oft vorgeschlagen hat. Zu hektisch für ein Hotel, hat der nur gesagt. Dieses Mal bricht er die Regeln und betritt das Zimmer. Es ist niemand da, der ihn verpfeifen könnte. Wo kein Kläger, da kein Richter, denkt er sich und schaut sich um. Er wurde bestellt, um eine Glühbirne auszutauschen. Wenn er sie jetzt wechselt, wird der Gast wissen, dass er dort gewesen ist. Das könnte richtig Ärger geben und sein Chef ist Choleriker aus Überzeugung. Kein übler Kerl, nur eben cholerisch.
