Die dicken Hunde sterben - Nikolas Huperz - E-Book

Die dicken Hunde sterben E-Book

Nikolas Huperz

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Beschreibung

Eine Splatter-Szene im Freizeitpark, der Racheakt eines frustrierten Tontechnikers und eine Terroristin, nach der schon lange niemand mehr sucht. Ironische, teilweise rätselhafte Stories über verschwindende Haushaltsgegenstände und sprechende Wombats. Ein verwahrlosender Call-Center-Mitarbeiter, ein Katzenschwein und der beste Krapfen der Welt. 34 Geschichten und 10 Skizzen. Grotesken, Rätsel, Nicht-Alltägliches.

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Seitenzahl: 153

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Stories

Bei Baldis

Vicky ist weg

Vierter Stock Links

Der Abwimmler

Ein Morgen auf dem Land

Eis und Fritten

Der Neue

Die Tüte

Sommer

Geführte Bewegung

Tschüssikowski

Es weht ein kühler Wind

Krapfen

Untergrund

Alte Kreise

Ich gehe über eine schmale Brücke

Die dicken Hunde sterben

Underdog

Der Murmler

Der Träumchen-Mann

Herr Bartuschs schurkisches Treiben

Auf der Suche

Der Coup

Ladeflächen um Mitternacht

Kasimir Lasarenko

Anarchie

Nach Dienstschluss

Weniger ist mehr

Wald und Wiesen

Die Stunde des Wahnsinns

Warten und Erwartungen

Dasselbe Bild

Wombats im Mondlicht

Waagerecht

Der Tagedieb

Politik

Vor meinem Haus

68 Boxen

Angekommen

Gerüstarbeiten

Katzenschwein

Über alle Berge

Fotos

Weiße Tischdecken

Bei Baldis

Es hatte eine Weile gedauert, bis Baldi wiederkam. Er war wortlos im Hinterzimmer verschwunden, hatte eine neue Flasche geholt und sich reichlich Zeit dabei gelassen. Es war schon spät am Abend und die sich dahinschleppenden Schlager tauchten sein Restaurant zu dieser Zeit immer in eine triefende Melancholie.

Mir war klar, dass ich den Absprung verpasst hatte.

Nun hatte Baldi Nachschub besorgt und ich würde wohl noch etwas bleiben müssen.

»Wo warst du?«, fragte ich.

»Ach, Toni hat wieder die Zeit angehalten. Lass das Toni!«

Toni grinste.

»Was soll das h. . . eißen?«, fragte ich.

»Na, er hält die Zeit an. Das macht er manchmal.«

»Ist doch Blöd. . . sinn.«

Toni grinste.

»Aber er sitzt doch neben mir. Das hätte ich doch mitbekommen«, protestierte ich.

»Na, e. . . ben nicht.«

»Wie?«

»Na eben nicht. Hat er dich berührt?«

»Ja, hat mich kurz am Arm gefasst. Hatte mich schon gefragt, was das soll.«

»Genau. Wenn er dich anfasst, betrifft es dich nicht.«

»Blöd. . . sinn.«

»Sagtest du schon. Hat die Musik nicht ausgesetzt?«

»Was? Keine Ahnung, hab nicht drauf geachtet. Das ist doch Blöd. . . sinn.«

»Zeig’s ihm, Toni!«

Toni reckte und streckte sich, dehnte sich wie ein Athlet, was vermutlich gar nicht nötig war. Er beugte sich über den Tresen und fasste uns an den Händen, als wolle er ein Tischgebet sprechen. Er schloss die Augen.

»Dreh dich mal um«, sagte Baldi.

Hinter uns saß sich ein Paar an einem Tisch gegenüber und hielt absolut inne. Eine Frau war gerade im Begriff, einen Schluck aus einem Glas zu nehmen, und ein Mann gestikulierte, als würde er etwas erklären, was ihm über alle Maße wichtig war. Auch die

Musik war weg.

»Ist klar! Ihr habt denen gesagt, die sollen so bleiben«, verlieh ich meiner Skepsis Ausdruck.

Baldi und Toni spielten nicht gerade selten ihre Spielchen und es war durchaus denkbar, dass sie inzwischen auch den Aufwand nicht mehr scheuten, Andere miteinzubeziehen.

»Nein, guck doch. Der Wein in ihrem Glas«, beteuerte

Baldi.

Ich ging ein wenig näher heran. Das konnte doch nicht sein! Der Wein schwappte eindeutig in die Richtung ihres Mundes, sodass man bei genauerem Hinsehen eine kleine Welle erkennen konnte, die sich keinen

Zentimeter bewegte.

»Wie habt ihr das gemacht?«

Baldi zuckte mit den Schultern.

»Keine Ahnung, wie er es macht, aber er macht es.«

Ich ging auf die Straße. Auch dort bewegte sich niemand, Autos standen still, jemand stand mit seinem

Fahrrad dort, ohne umzukippen.

»Was ist hier los?«

»Hab ich dir doch gesagt. Toni hält die Zeit an. Das kann er seit kurzem.«

»Wie seit kurzem?«

»Na, er ist doch neulich komisch gestolpert und seitdem kann er das. Er konzentriert sich irgendwie darauf und dann passiert es.«

»Und warum macht er das?«

»Nur so, er probiert damit rum.«

»Toni, was ist los mit dir? Was du alles machen könntest! Und du schlawinerst hier mit uns rum«, sagte ich.

»Juwelendiebstahl«, sagte Baldi.

»Juwelendiebstahl?«, fragte ich.

»Ja, Juwelendiebstahl. Bankraub lohnt sich nicht, zu wenig Geld. Hab ich ihm schon vorgeschlagen. Aber er will nicht.«

»Er will nicht?«

»Ne, er sitzt nur bei mir rum, bestellt nicht mal Pizza.

Nur sitzen und trinken. Sonst nichts.«

»Sonst nichts?«

»Sonst nichts.«

»Ist langweilig«, sagte Toni.

»Langweilig?«, fragte ich.

»Ja, langweilig. Komm, ich zeig’s dir.«

Wir wandelten zwischen Menschen, die dastanden wie Spielfiguren.

»Du darfst sie nicht umkippen«, warnte Toni. »Die werden dann sauer, wenn sie wieder auftauen.«

Wir gingen immer tiefer in die Stadt. Manche waren gerade in Telefonaten oder standen sich in Streitgesprächen gegenüber. Andere hatten es eilig, was irgendwie albern aussah, nun, wo alles stillstand. Jemand warf lässig in hohem Bogen eine zusammengeknüllte Papiertüte in den Müll, die in der Luft verweilte. Eine Taube stand am Himmel. Es gab keine Geräusche: keinen Lärm von den Hauptstraßen her, keinen Wind, kein Brabbeln, kein Rauschen. Alles war angenehm friedlich, sodass ich verstand, warum Toni es dabei belassen wollte.

»Hast du noch nie ins Geschehen eingegriffen?«, fragte ich.

»Ne, noch nie. Man darf die Dinge nicht beeinflussen.«

»Wie meinst du das?«

»Na, das darf man nicht. So ist das bei solchen Sachen.«

»Verstehe.«

Wir schwiegen und schlurften zurück zum Restaurant.

Toni ließ die Zeit weiterlaufen und die Wein-Welle im Glas der Frau schwappte auf ihren Mund zu, als wäre nichts gewesen. Ihr Begleiter quatschte weiter auf sie ein und die Musik lief wieder. Draußen fuhren Autos, Leute stritten, führten Telefonate, erledigten Sachen.

Als die letzten Gäste gegangen waren, machte Baldi klar Schiff und wir gingen vor die Tür. Er schloss hinter uns ab und als wir gerade die Straße überqueren wollten, breitete Toni unverhofft die Arme aus, als wolle er uns davor bewahren, eine Klippe hinabzustürzen. Doch da war keine Klippe, auch kein Auto, das um diese Zeit noch unseren Weg gekreuzt hätte.

Keine Gefahr. Niemand musste gerettet werden, nicht an diesem Tag. Wir folgten seinem Blick nach oben und sahen eine Sternschnuppe vorbeizischen und weil man bei sowas für gewöhnlich keinen vernünftigen Wunsch parat hat, legte Toni seine Hände auf unsere Schultern und stoppte die Zeit. Der Lichtschweif stand am Himmel wie eingefroren und wieder setzte eine Stille ein, die sogar das Grundrauschen der Stadt unterbrach.

»Habt ihr alle was?«, fragte Toni.

Wir nickten und die Zeit lief weiter. Die Stadt rauschte wieder, irgendwo fuhren Autos. Wir hörten ein Hämmern vom Hafen her. Hinter den Fenstern flimmerten die Fernseher und etwas weiter surrten die Rolltreppen einer Haltestelle. Wir gingen noch ein paar Meter zusammen und teilten uns auf, als wäre nichts passiert. Und das war es ja auch nicht.

Ich bin lange nicht mehr bei Baldis gewesen. Die drögen Schlager und die Melancholie halten mich fern. Doch von Zeit zu Zeit überkommt mich ein seltsames Gefühl, als sei gerade irgendetwas passiert, doch man weiß nicht, was. Es ist wie ein Ruckeln.

Man merkt es kaum, doch wenn man darauf achtet, rücken jene Momente in den Fokus, in denen man gerade noch wusste, was man tun wollte, doch nun nicht mehr. Dann bin ich mir sicher, dass es Toni ist, der durch die Stadt bummelt oder sich einen Wunsch für eine Sternschnuppe überlegt. Nach jedem Ruckeln weiß ich, dass es auch für ihn weitergeht und auch er seinen Moment der Ruhe hinter sich gelassen hat, zugunsten des immer fortlaufenden Geschehens, das kein Mensch in seiner Gänze verstehen kann.

Vicky ist weg

Vicky ist weg, seit ein paar Tagen schon. Seitdem verschwinden Dinge aus der Wohnung und er kann sich nicht erklären, wie es dazu kommt. Zuerst hatte nur das Modellauto auf der Kommode gefehlt, später dann das Sparschwein auf der Anrichte. Es konnte nicht sein, dass Vicky die Sachen mitgenommen hatte, denn in das Schwein hatte er erst kürzlich was hineingeworfen.

Den Schlüssel hatte sie ihm zurückgegeben. Er wühlt in einer Schublade, um sich Gewissheit zu verschaffen. Es sind alle da: zwei in der Schublade, einer an seinem Bund. Er blättert in einem Ordner bis zum Protokoll: Es waren immer schon drei gewesen. Genau drei. Trotzdem verschwinden Dinge.

Er greift zu einer List und stellt vor dem Schlafengehen ein paar leere Glasflaschen vor die Tür. Es würde ein ordentliches Scheppern geben, das ihn aus dem Schlaf reißt. Doch am nächsten Morgen muss er feststellen, dass er hervorragend geschlafen hat und die Flaschen noch an Ort und Stelle stehen. Trotzdem fehlt eine Vase. Wie kann das nur sein?

Bevor er zur Arbeit geht, versiegelt er die Tür von außen unauffällig mit einem Klebestreifen – unten, wo man ihn nicht bemerkt. So würde er bei seiner Rückkehr erkennen, ob sich jemand Zutritt verschafft hat. Doch am Nachmittag klebt der Streifen noch fest an Tür und Rahmen. Drinnen fehlt ein Bild auf der Fensterbank.

Die Abstände werden immer kürzer. Einmal wollte er nur die Wäsche in den Keller bringen, seitdem fehlen die Kochbücher. Wer stiehlt ihm all diese Dinge vor der Nase weg?

Er schaut auf die Sachen, die noch übrig sind, fragt sich, was wohl als nächstes abhanden kommt. Er unternimmt Tests, verlässt für einen Moment die Wohnung, geht einmal um den Block, entfernt sich nie allzu weit, doch wenn er zurückkommt, fehlt wieder etwas: Tische, Kommoden, Regale, das Bett. Er rechnet sich aus, wie lange es noch dauert, bis es vorüber ist. Vielleicht sollte er es zu Ende bringen.

In einem ruhigen Moment fasst er sich ein Herz. Er verlässt das Haus, kommt zurück, dann nochmal und nochmal und nochmal. Jedes Mal, wenn er wieder durch die Tür kommt, fehlt etwas und die Wohnung wird leerer und leerer – bis nichts mehr übrig ist. Als er das Haus dann ein letztes Mal verlässt und zurückkommt, stellt er fest, dass die ganze Etage fehlt.

Er hält inne, resümiert. Vielleicht sollte er es gut sein lassen, bevor noch die halbe Stadt verschwindet. Er schaut sich das geschrumpfte Haus an. Was für ein Desaster! Doch wenn er ehrlich zu sich ist, hätte ihm von Anfang an klar sein müssen, dass sich seine Welt ohne Vicky allmählich auflösen würde.

Vierter Stock Links

Hagen hat eine lange Nacht hinter sich. Er ist Audiotechniker, hat Material schneiden müssen – eine mühselige Arbeit, kleinschrittig und unromantisch. Bis in die frühen Morgenstunden war er auf Details fokussiert gewesen: kleine Verspieler, schiefe Töne, Geräusche von Kabeln, die brummen, surren und rauschen. Nun ist er duselig, schleppt sich durch die Stadt, läuft beinahe gegen eine Laterne.

Er muss an der Haustür ziehen und rütteln, damit der Schlüssel sich drehen lässt. Die über den Tag ein- und ausgehenden Schuhe haben den letzten Schneematsch des Jahres im Hausflur verteilt. Es haben sich regelrechte Pfützen gebildet, es pitscht und patscht unter den Füßen. Man muss achtsam einen Schritt vor den anderen setzen.

Er zieht ein paar Prospekte aus seinem Briefkasten, an dem ein aufdringlich großer Kratzer zu sehen ist, als hätte jemand mit einem Schlüssel oder einem Nagel daran gewütet. Da es schon beim Einzug so gewesen war, kann es nichts mit ihm zu tun haben. Jemand hat wohl vor langer Zeit ein Exempel statuiert. Eines Tages wird Hagen wieder ausziehen. Dann wird der Briefkasten noch immer nicht ausgetauscht worden sein, denkt er sich. – Sein Ärger verliert sich in Komplexität.

Da ist auch ein kleiner Fleck im Treppenhaus, der ihm erst vor ein paar Tagen aufgefallen ist. Man muss ganz genau hinschauen – es ist nur ein kleiner Spritzer. Erst bei näherer Betrachtung kann man erkennen, dass es sich um Blut handeln muss. Es sieht aus, als habe sich jemand gestoßen, vielleicht bei einem Umzug oder bei einem Kampf. Jedes Mal, wenn Hagen daran vorbeigeht, inspiziert er die Stelle: Beschaffenheit, Form und Ausrichtung. Gestern ist ihm ein zweiter Fleck aufgefallen, weiter oben auf seiner eigenen Etage. Irgendeinen Makel findet man immer, denkt er sich und geht daran vorbei.

Er nimmt die letzten Stufen nach oben, schiebt seine Fußmatte zurecht und bringt die Wohnungstür hinter sich. Die ersten Sonnenstrahlen kämpfen sich gerade ihren Weg durch die Fenster und fallen vor ihm auf den Boden. Er erklärt den Tag für beendet, noch bevor er richtig begonnen hat, lässt sich aufs Sofa fallen und schließt die Augen.

Um ihn herum erhebt sich eine Symphonie aus Streit, Gelächter und Kochgeräuschen, die sich langsam doch beständig in sein Bewusstsein schleicht und seine Aufmerksamkeit vereinnahmt. Es kommt durch die Wände, auch von unten: Türen quietschen, Geräte brummen. Seine Versuche, Muster darin zu erkennen, schlagen fehl. Immer, wenn er glaubt, einen Sinn in all der Willkür erkannt zu haben, kommt ein störendes Element dazwischen.

Er muss es in Ordnung bringen, nimmt ein Mikrofon und hält es an die Wände, zeichnet alles auf. Am Computer verstärkt er die Signale, bringt sie in ein angemessenes Verhältnis, zerschneidet alles, arrangiert Stimmen und Geräusche so, dass es zusammenpasst. Knallende Türen und klirrende Töpfe fügt er zu einem Rhythmus zusammen, legt Sätze aus Streitgesprächen darüber. Für die Übergänge nimmt er das Poltern im Treppenhaus, die pumpende Kaffeemaschine von nebenan nutzt er für die tiefen Frequenzen.

Das Gelächter der Wohngemeinschaft, mit der er sich eine Wand teilt, vervielfacht er, bis es nach der halben Menschheit klingt. Er formt eine Schleife, die sich stundenlang wiederholt, nennt es Die-In-Musik-Setzung-Des-Modernen-Menschen. Ein Arbeitstitel, denkt er sich. Er schließt den Computer an die Anlage an, dreht auf und setzt sich im Schneidersitz auf den Boden. Die besten Werke entstehen spontan, denkt er sich und schließt genüsslich die Augen. Vielleicht ist es das Beste, was er je zustande gebracht hat.

Nach wenigen Minuten hämmert jemand an seine Tür, ein Nachbar ruft und schimpft. Hagen beschließt, ihn zu ignorieren, dreht weiter auf, setzt sich wieder hin. Doch vor seiner Tür versammelt sich ein wütender Mobb. Sie hämmern mit den Fäusten und rufen nach ihm. Vermutlich werden sie bald die Wohnung stürmen, denkt er sich. Es wird auf jeden Fall Konsequenzen haben: wütende Gespräche, die man ihm aufzwingen wird, kleine Rachefeldzüge, soziale Ausgrenzung. Bis es soweit ist, lauscht er den Klängen, die endlich einen Sinn ergeben.

Am nächsten Tag: Natürlich hat man ihm die Sache nicht durchgehen lassen. Man hat die Polizei gerufen, ihn verwarnt, als sei er ein Störenfried, ein regelrechter Provokateur. Ihm wehten Fragen um die Ohren, die er nicht zu beantworten wusste: was er sich denn gedacht habe und ob er denn völlig von Sinnen sei.

Nun ist es Samstagmorgen und er rüttelt wieder an der Haustür, damit der Schlüssel sich drehen lässt. An seinem Briefkasten ist nun ein zweiter Kratzer, ein ganz neuer, nur für ihn.

Er geht die Treppe nach oben, zügig und geräuschlos. Es ist wohl besser, an diesem Tag niemandem mehrzu begegnen. Eine stille Flucht wäre denkbar, ein leiser Umzug über Nacht. Die Umstände zwingen ihn dazu. Vielleicht befindet sich Hagen in einem seriellen Prozess und es hat gar nichts mit ihm zu tun. Es ist einfach nur die Wohnung oben im vierten Stock links.

Der Abwimmler

Er hat eine sonderbare Karriere hinter sich, nun, nach all den Jahren der Bemühungen, des Zorns und der Wortgefechte. Doch wenn man recht darüber nachdenkt, scheinen wohl die meisten Karrieren sonderbar, wenn man auf sie zurückblickt, was vermutlich daran liegt, dass dem Konzept Arbeit generell schon ein gewisser Wahnsinn zugrunde liegt. Obwohl er es letztendlich nicht bis zur Rente geschafft hat, betrachtet er seinen verfrühten Ruhestand nicht als Versagen, vielmehr als Teil einer langen, zermürbenden Reise. Er hat alles gegeben, hat sich so lange und intensiv verausgabt, bis nichts mehr übrig gewesen war, was er noch hätte geben können. Jetzt sitzt er zu Hause, wartet, dass das Bedauern einsetzt, eines Tages unangemeldet vor seiner Tür steht. – Irgendwann, wenn seine Art, die Dinge zu sehen, nicht mehr standhält. Bis es so weit ist, wartet er ab, sitzt bei schwachem Licht hinter den Vorhängen, schaut gelegentlich mal raus, wie die Lage ist, resümiert.

Er ist für ein Call-Center tätig gewesen, hat Reklamationen für einen Telefonanbieter entgegengenommen und sich nicht schlecht geschlagen. Schon bald war er der Abwimmler, die letzte Instanz, auf ein Nein konditioniert, die letzte Mauer einer mehrschichtigen Trutzburg. Zu ihm stellte man nur jene Anrufer durch, denen bereits bewusst war, dass sie einer Gaunerei auf den Leim gegangen waren: zu hohe Abbuchungen, ignorierte Kündigungen, nicht nachvollziehbare Zusatzgebühren. Der Abwimmler schmetterte ihre Anliegen ab, quatschte die Leute mürbe, bis sie müde und erschöpft kapitulierten.

Einmal rief ein Kunde an und beklagte sich über doppelte Abbuchungen auf seinem Konto, man habe einfach einen alten Vertrag wieder aktiviert. Auch diesen Monat sei wieder zu viel Geld von seinem Konto abgegangen.

»Nein«, sagte der Abwimmler.

»Was soll das bedeuten? Sie haben diesen Monat wieder abgebucht.«

»Nein, es finden keine Abbuchungen mehr statt.«

»Aber ich sehe den Vorgang doch hier vor mir auf meinem Kontoauszug. In diesem Augenblick.«

Es war ein besonders sachlicher Kerl, ein schwieriger Kandidat.

»Es wurde etwas abgebucht. Sie haben immerhin die letzte Lastschrift zurückgegeben«, sagte der Abwimmler.

»Aber die Beträge passen gar nicht zusammen.«

»Es handelt sich um einen Restbetrag Ihres Vertrages.«

Das Eis wurde dünner. Er würde dem Sachlichen wohl noch einiges entgegensetzen müssen. Nun hatte er schon vier Mal gelogen, hatte zwei Mal behauptet, es sei nichts abgebucht worden, dann dass es sich um eine Rückbuchung handle und schließlich sei es ein Restbetrag gewesen. Doch dieser Kerl blieb ruhig, stellte die richtigen Fragen, sprach zu keiner Zeit von Betrug, obwohl das Wort unübersehbar im Raum stand, in riesigen Lettern, klar und deutlich. Der Abwimmler würde wohl härtere Geschütze auffahren müssen:

»Sie können doch nicht einfach behaupten, der Vertrag sei gekündigt.«

Sie können doch nicht einfach behaupten... Das zog für gewöhnlich. – Das kleine Einmaleins eines guten Abwimmlers.

»Natürlich«, empörte sich der Sachliche.

»Natürlich können Sie das machen. Aber da habe ich doch meine Zweifel.«

Nun schwiegen beide und für ein paar Sekunden war es vollkommen still.

»Also gut, so macht das Gespräch ja keinen Sinn«, sagte der Sachliche.

»Das stimmt wohl«, antwortete der Abwimmler feist, als habe er nur darauf gewartet, dass dem Kerl endlich ein Licht aufging wie einem uneinsichtigen Kind, bei dem man bisher enorme Geduld hat aufbringen müssen.

Allzu schwer fielen ihm solche Manöver nicht, denn für einen kurzen Moment glaubte er tatsächlich daran, wähnte sich in moralischer Überlegenheit, hatte bereits all seine Überlegungen so weit angepasst, dass die Dinge für ihn günstig lagen: Er hatte schroff sein müssen, denn der Kunde hätte es sonst nicht verstanden, hatte lügen müssen, um die Dinge für das schlichte Gemüt des Anrufers zu vereinfachen. Manchmal muss man den Leuten eben vor den Kopf stoßen, um ihnen klarzumachen, was auf der Hand liegt.